Das alte und das neue Amerika

Begeben wir uns in das Marvel-Universum.

Die Geschichte ist komischerweise nicht neu und ganz und gar marvellous: der exzentrische, coole Egomane und Philanthrop Tony Stark alias Iron Man und der tugendhafte Teamplayer Steve Rogers, bekannt unter „Captain America“, kurz „Cap“, liegen sich in Comics und Filmen regelmäßig ordentlich in den Haaren.

Civil War – Bürgerkrieg? Es sind zwar Bürger, die sich hier bekämpfen, aber zumindest keine Zivilisten: Beide, Tony Stark und Cap gehören dem Zusammenschluss von Superhelden, den „Avengers“ an, die sich dem Schutz der Welt vor übernatürlichen Bedrohungen verschrieben haben.

Captain America ist ein erfolgreiches Laborexperiment aus dem Jahre 1943 und wird oft als „the greatest soldier in history“ bezeichnet. Steve Rogers wird zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wegen seiner mickrigen Gestalt ausgemustert, lässt aber nicht locker und qualifiziert sich schließlich als erstes Testsubjekt für ein „Supersoldatenserum“. Er bleibt der Einzige, da der zuständige Wissenschaftler ermordet wird – jedenfalls wird Rogers nach dem erfolgreichen Beenden des zweiten Weltkriegs, der in diesem Universum auch ganz anders verlief, aus Versehen eingefroren und erst im nächsten Millenium wieder aufgetaut, um an der Seite von Hulk, Thor und so gegen das Böse zu kämpfen. Als der Soldat schlechthin befolgt Cap aber nicht einfach blind Befehle, sondern denkt strategisch und kameradschaftlich – keiner seiner Kameraden wird je zurückgelassen.  In seinem ersten Film „The first Avenger“ an der Front missachtet er sogar direkte Befehle, um gefangen genommene amerikanische Soldaten zu befreien.  Außerdem ist seine oberste Priorität der Schutz der zivilen Bevölkerung – um jeden Preis. Sein Handeln zeichnet sich durch patriotisches Pflichtgefühl gegen der gesamten Bevölkerung, nicht nur Amerika, aus. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob er die Amerikaner in letzter Instanz nicht doch bevorzugen würde, käme es zu einer Evakuierung der gesamten Weltbevölkerung zum Beispiel. Naja. Einigen wir uns darauf zu sagen, er fühlt sich der Menschen als solcher bedingungslos moralisch verpflichtet. Mit dem Tesserakt versinkt er im arktischen Eis und bleibt verschollen, bis er nach 70 Jahren lebendig geborgen wird.

Aber nach 70 Jahren schaut die Welt ein wenig anders aus. Die Ideale des alten Amerikas, in dem jeder eine Chance hat, sind zu Ammenmärchen verkommen. Oder wurden sie nur als solche entlarvt? Mit Kapital wird Geld und noch mehr Kapital gemacht, und ohne Kapital geht gar nichts. Das neue Amerika schert sich gar nicht mal mehr, die Illusion des Tellerwäschers, der zum Millionär wird, aufrechtzuerhalten. Der deregulierte Markt enthebelt nationale Grenzen und eint alle Völker zur Wirtschaftseinheit. Verlierer sind Millionen, Gewinner sind wenige, die nicht gerne abgeben und nach immer mehr gieren. Der Solidaritätsradius hat sich nicht etwa über die neue globalisierte Welt ausgedehnt, sondern ist, im Gegenteil, eingeschrumpft zu einem kümmerlichen Kreis der nur nächsten Verwandten und Freunde.

Tony Stark ist Erbe des Technologiekonzerns „Stark Industries“, das hauptsächlich mit Waffen Geschäfte gemacht hat, bis Tony erfährt, dass seine Firma illegale Waffendeals mit afghanischen Rebellen gemacht hat. Daraufhin zieht er seine Firma „Stark Industries“ aus der Rüstungsindustrie zurück.

Tony Stark repräsentiert das Amerika des grenzenlosen Kapitalismus, des Neoliberalismus. Er ist klar der Stereotyp eines Individualisten und hat ein ständiges Konkurrenzdenken verinnerlicht. Um den Iron Man-Anzug dem amerikanischen Militär und somit dem demokratischen Rechtstaat zu übergeben, hinterfrägt Tony die Sicherheitsstrukturen des Militärs. Da sein ehemaliger Geschäftspartner Obadiah Stane in Iron Man 1 Stark-Waffen an afghanische Terroristen verkauft hatte, misstraut Tony den Strukturen eines bürokratisch komplexen Gebildes wie eines Unternehmens oder eben denen eines Rechtstaates. Es ist die gleiche Kritik wie jeher: die zahlreichen Gremien, durch die eine Entscheidung laufen muss, verlangsamt die Reaktionszeit einer Demokratie, während sie dadurch natürlich auch mehr Sicherheit garantiert. Desweiteren steigt mit der Zahl der zu durchlaufenden Stellen die Wahrscheinlichkeit der Korruption. Deshalb betreibt Tony Selbstjustiz und unterwirft die Rettung von Menschenleben nur noch seinem Urteil, seiner Willkür. In Iron Man 2 verkündet er nun mehr unverhohlen, er habe „Frieden erfolgreich privatisiert“. In der Tat privatisiert er einen Teil der Justiz und ist dabei gleichzeitig gesetzgebende und ausführende Gewalt.

Die Geschichten und Temperamente der beiden Marvel-Helden könnten gegensätzlicher nicht sein.

Worum es in ihren Meinungsverschiedenheiten eigentlich geht, ist meistens egal. Tony nennt Cap einen „alten Mann“ und „unzeitgemäß“. Mag sein, dass das Amerika der Träume tatsächlich unzeitgemäß und naiv illusorisch wirkt neben der kalt kalkulierenden Nüchternheit des Kapitals. Rogers hinkt 70 Jahren technischer Entwicklung hinterher, Tony ist ein Technikvisionär. Unschwer, dass Steve neben seiner schlagfertigen und gewitzten Art eher antiquiert wirkt. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, in der es noch andere Werte gab oder Werte überhaupt?

Steve Rogers: Big man in a suit of armour. Take that off, what are you?

Tony Stark: Genius, billionaire, playboy, philanthropist.

Steve Rogers: I know guys with none of that worth ten of you. I’ve seen the footage. The only thing you really fight for is yourself. You’re not the guy to make the sacrifice play, to lay down on a wire and let the other guy crawl over you.

Tony Stark: I think I would just cut the wire.

Steve Rogers: Always a way out… You know, you may not be a threat, but you better stop pretending to be a hero.

Tony Stark: A hero? Like you? You’re a lab rat, Rogers. Everything special about you came out of a bottle!

Steve Rogers: Put on the suit. Let’s go a few rounds.

Man kann sich nicht der Tatsache entwehren, dass Steve Rogers eine Menge Ehre besitzt, sei es in Punkto Selbstachtung oder Respekt gegenüber anderen. Etwas, worauf Tony Stark scheinbar nicht so viel gibt. Ihm geht es darum, die effizienteste Lösung für ein Problem zu finden, koste es, was es wolle – er ist schließlich Milliardär. Dabei verinnerlicht er nicht nur die Ideale des Neoliberalismus, nämlich Unabhängigkeit bis hin zur völligen (emotionalen) Isolation (die einzige ihm wirklich nahestehende Person ist Pepper Potts, und die war oder ist, nun ja, seine Sekräterin), Egoismus und Innovation, sondern von seinem verschwenderischen Lifestyle bis zu seiner Coolness verkörpert geradezu völlig den Markt an sich. Außerdem ist er Erbe des Technologiekonzerns seines Vaters, was in seinem Fall bedeutet, ein Vermögen und auch Talent geerbt zu haben. Biologie und Markt verschmelzen in ihm – so wie in seinem Iron Man – Anzug …

Rogers hingegen stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Nur durch seinen Ehrgeiz, seine aufopferungsvolle Hingabe für sein Vaterland schafft es Steve, der erste Superheld überhaupt zu werden.

Rogers ist das Gegenteil eines Individualisten: er ist Soldat. Er denkt nicht nur kameradschaftlich gemeinschaftlich, sondern ist darüber hinaus bereit, für sein Land und für seine Ideale zu sterben. Seine Prinzipien treiben ihn an, nicht persönliche Verwirklichungswünsche. Was seinen Patriotismus angeht, so glaube ich persönlich, dass er sich nicht scheuen würde, Befehle zu missachten, die seinen Moralvorstellungen zuwider liefen und sich damit auch gegen sein Land zu stellen, würde es nicht mehr die Ideale vertreten, die er mit ihm verbindet. So ist sein Patriotismus nicht blind und der Begriff seines Amerikas setzt sich aus den Idealen zusammen, für das, für ihn persönlich, das Land mit seiner Verfassung steht.

Rogers dient, Stark macht sein eigenes Ding. Rogers hat Ideale und würde für sie sterben, Stark würde, müsste er sterben, den Maßstab seiner Ideale verschieben, je nachdem, was nützt. Für Rogers stehen die richtigen Mittel im Vordergrund, für Stark eher der Zweck. Wer in der Moralität seiner Mittel flexibel ist, der hat häufiger Erfolg und insofern der Erfolg ein Indikator für Glaubwürdigkeit oder Autorität ist, so traut man Stark mehr zu. Den Willen eines Cap zu brechen ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Allerdings ist es am Ende des Films Tony, der sich opfert, damit andere leben können. Aber er überlebts.

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https://www.film.tv/starportraits/captain-america-biografie-24583.html

Marvel (2012): The Avengers

Der Verlust der Freiheit nach Charles Taylor

Hallo zusammen! Normalerweise achte ich darauf, dass diese Blogeinträge eine erträgliche Länge haben. Diesmal nicht. Es ist ein philosophisch-soziologischer Versuch über den in einem seiner wissenschaftlichen Essays entwickelten Freiheitsbegriff von Charles Taylor. Ich wende ihn auf unsere heutige Zeit an und schaue, ob ich die Einschränkung dieser Freiheit im Neoliberalismus ein bisschen untermauern kann. Viel Spaß beim Lesen!

Der Politologe und Philosoph Charles Taylor (*1931) etabliert im Laufe seines Aufsatzes über distributive Gerechtigkeit (Verteilungsgerechtigkeit) einen Freiheitsbegriff, der das mündige, selbstbestimmte, demokratische Individuum im Sinne der Aufklärung, auszeichnet. Im Nachfolgenden möchte ich erörtern, ob diese nach Taylor definierte Freiheit in der heutigen Zeit, in dem vorherrschenden wirtschaftlichen System des Neoliberalismus, noch in dieser Weise vorhanden ist.¹

Der Neoliberalismus bezeichnet eine Sozial- und Wirtschaftspolitik, die Arbeitswelt und Privatleben, Politik und Persönlichkeit miteinander vermischt.²

»[Er] beruht im Kern auf dem Glauben, dass der Markt die beste Einrichtung sei, um nicht nur die Wirtschaft, sondern auch weite Teile des übrigen menschlichen Zusammenlebens zu organisieren. Zu den ersten politischen Maßnahmen neoliberaler Regierungen gehört daher regelmäßig die Privatisierung öffentlicher Unternehmen und staatlicher Aufgaben. […]

Die solidarische Absicherung durch den Sozialstaat lehnen Neoliberale als Eingriff in den Markt ab. Dementsprechend setzen neoliberale Regierungen auf Sozialstaatsabbau.«³

Taylor spricht einerseits von positiver Freiheit: der Staat muss dem Individuum gewisse Rechte zusprechen, etwas zu tun; man muss also bestimmte Möglichkeiten ergreifen können, sich innerhalb der Gesellschaft selbst zu verwirklichen (Verwirklichungsbegriff). Diese wäre in einem autoritären, faschistischen Regime sehr eingeschränkt, da Grundrechte (in Deutschland GG, §1-19), wie freie Meinungsäußerung, das Recht auf Privatsphäre, Versammlungsfreiheit, Rechtsschutzgleichheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Handlungsfreiheit, Recht auf ein Existenzminimum und viele weitere, nicht mehr garantiert wären4. Die Aufgabe des Rechtsstaats besteht darin, die Mittel zur Ausübung dieser Freiheiten bereitzustellen, das heißt zum Beispiel, ein breites Spektrum an unabhängigen Informationsmedien zu garantieren.

Andererseits meint Taylor negative Freiheit, nämlich die Freiheit von äußeren Hindernissen, »ein[] Zustand, in dem die eigene persönliche Entfaltung nicht von anderen Menschen, Institutionen oder Ideologien und den von ihnen ausgehenden Zwängen begrenzt oder verhindert wird.«⁸ (Möglichkeitsbegriff)

Man kann also innerlich durchaus frei sein, aber in Gefangenschaft leben. Und man kann zwar frei von äußerlichen Hindernissen sein und dennoch innerlich unfrei sein.5

Drei Merkmale charakterisieren Taylors Freiheitsbegriff.6

  1. Verwirklichung

  2. Authentizität

    „Wir sind nicht frei, wenn wir durch Furcht, durch zwanghaft verinnerlichte Normen oder falsches Bewusstsein motiviert werden, unsere Selbstverwirklichung zu vereiteln.“

  3. Rahmengebundenheit

»Damit ist gemeint, dass die Anforderungen positiver Freiheit auf atomistische Weise, also unabhängig von einem gemeinschaftlichen Werterahmen, weder erlangt noch verwirklicht werden können. Die gemeinsamen Wertvorstellungen sieht Taylor dabei in den kulturellen Praktiken sowie in den politischen Institutionen einer Gesellschaft verfestigt.«7

Das moderne, freie Individuum ist die Folge einer bestimmten Art von Zivilisation, nämlich innerhalb der »es einer langen Entwicklung bestimmter Institutionen und Praktiken, der Herrschaft des Gesetzes, der Regeln wechselseitiger Achtung, der Gewohnheiten gemeinsamer Beratung, gemeinsamen Umgangs, gemeinsamer kultureller Selbstentwicklung und so weiter bedurfte […] und dass ohne diese das gesamte Selbstverständnis als Individuum in der modernen Bedeutung des Begriffs verschwinden würde«.8

Ausgehend davon, dass unser Selbstverständnis als modernes Individuum auf vorhergehenden geschichtlichen, gesellschaftlichen Entwicklungen basiert, kann es nichts Statisches sein, dass, einmal ans Licht gebracht, nicht mehr untergraben oder verändert werden könnte.

»Ich habe nun die Identität eines Individuums ausgebildet, und ein faschistischer Umsturz morgen würde sie mir nicht rauben, sondern lediglich die Freiheit, sie voll zu leben. Sobald diese Identität sich einmal entwickelt hat, ist es, wie moderne Systeme der Tyrannei erfahren haben, schwer, sie zu ersticken.«9

Weiter Taylor: »Mit der Zeit jedoch ginge diese Identität allmählich verloren, wenn die Bedingungen, die sich aufrechterhalten, unterdrückt würden.«10

Anschließend stellt er drei Punkte auf, nach denen diese Freiheit vom totalitären Staat eingeschränkt wird. In Anlehnung an unsere heutige Gesellschaft will ich zur Ziehung von Parallelen auffordern. Die Argumentation dieses Aufsatzes soll anhand dieser drei Punkte der Beschneidung der Freiheit erfolgen und nicht anhand der vorangehenden 3 Punkte, die Taylor als das Ziel der Ausübung positiver Freiheit festlegt, da die negative Argumentation hier sinnvoller ist.

  1. Der Austausch mit anderen ist nicht mehr möglich (das Verständnis der eigenen Ziele wird aber dadurch genährt)

  2. Verlust der Verantwortlichkeit des Einzelnen für öffentliche Aufgaben

  3. individueller Geschmack eingeschränkt durch kulturelle Verbote11

Deshalb, so Taylor weiter, müsse die Gesellschaft und nicht zuletzt der Staat, genau »diejenigen Praktiken und Institutionen verteidigen, die das Verständnis der Freiheit aufrechterhalten. Dies bedeutet nämlich, die (soziale) Perspektive zu akzeptieren, derzufolge die eigentliche Fähigkeit zum Guten (hier zur Freiheit) mit einer bestimmten Form der Gesellschaft verknüpft ist.« Es reicht also nicht, die Freiheiten, zum Beispiel in Form von Rechten oder der Abwesenheit von Verboten, zu erhalten, sondern Taylor sieht die Aufgabe des Staates auch darin, solche Institutionen zu fördern, die ein gewisses Verständnis der Freiheit kultivieren.12 Anderenfalls, so könnte man schlussfolgern, würden diese Freiheiten gar nicht wahrgenommen werden, obwohl sie theoretisch möglich wären.

Solche öffentlichen Institutionen müssen also staatlich geschützt, gefördert und bewahrt werden. Es sind solche, wenn wir einen obig benutzten Begriff zu verwenden, die dazu befähigen, freie Meinungsbildung und -äußerung, sowie, nicht zuletzt, Selbstverwirklichung ermöglichen, also positive Freiheit fördern – das heißt, einerseits gewisse Rechte, aber andererseits auch den Willen, von diesen Rechten auch Gebrauch machen zu wollen.

»Historisch besonders bedeutsam, weil Grundvoraussetzung für die Ausübung verschiedenster Freiheitsrechte, war und ist freier Zugang zu Wissen und Bildung. Die herausragende Bedeutung von Bildung für die Entfaltung individueller Freiheit lässt sich alleine schon an der allgemeinen Schulpflicht erkennen, dem wohl größten Eingriff in negative Abwehrrechte, der im Namen der Mehrung der positiven Freiheit, durch Steigerung der Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen, seit der Aufklärung allgemein befürwortet wird.«13

Ohne die Nutzung der positiven Rechte werden die Verbote (negative Freiheit) obsolet. Wer innerlich unfrei ist, muss nicht mehr durch äußere Beschneidungen von irgendetwas abgehalten werden, und ein Staat, der unser Verständnis von Freiheit fahrlässig der Willkür privater Großkonzerne aussetzt, kann sich getrost unter der Legitimität des Deckmantels eines Rechtsstaats verstecken. Konsumenten sind leichter zu kontrollieren als mündige Bürger. Womit wir die Brücke zum Neoliberalimus schlagen.

Zu Punkt 1: Austausch mit anderen ist nicht mehr möglich (das Verständnis der eigenen Ziele wird aber dadurch genährt)

Das freiheitliche Verständnis unserer Ziele, und somit nicht zuletzt der Freiheit, wird Taylor zufolge durch den Austausch mit anderen genährt. Ohne Du kein Ich – das Ich definiert sich im Verhältnis zu anderen, zu denen man entweder Unterschiede oder Gemeinsamkeiten feststellen kann.

Der »freie Austausch mit anderen« wäre demnach das Kriterium, das dazu beiträgt, das Verständnis von Freiheit aufrecht zu erhalten, mit anderen Worten – eine reiche Diskurskultur. Frei zugängliche Räume für Meinungsbildung und -vielfalt und Pressefreiheit.

Die heutigen Printmedien, Fernsehen und Radio bieten allerdings eher Einfalt statt Vielfalt und von Unabhängigkeit kann auch nicht wirklich gesprochen werden: In Deutschland herrscht eine hohe Konzentration von (ehemaligen) Politikerinnen und Politikern in den Kontrollgremien der öffentlich rechtlichen Sender ARD und ZDF; ebenso ihre Verflechtungen mit unzähligen Tochterfirmen, sowie höchst intransparente Finanzstrukturen lassen an der journalistischen Unabhängigkeit der öffentlich rechtlichen zweifeln.14 Bei den Privatsendern dominieren ProSiebenSat1 und die RTL Media Group.15 Bei den Printmedien sieht es kaum besser aus. »Fünf Verlage kontrollieren annähernd die Hälfte des Zeitungsmarktes. Weit mehr als die Hälfte der Menschen hat nur noch eine Lokalzeitung vor Ort. Der Trend zum Einzeitungskreis ist schon seit Jahren ungebrochen.«16

Deutschland schafft es im internationalen Ranking der ROG (Reporter ohne Grenzen) gerade mal auf Platz 15.17 Das Verhindern von Monopolen und Privatisierung wäre eine Aufgabe des Staates.

Zwar liegen die traditionellen Medien Radio und Fernsehen zahlenmäßig noch unter den „neueren“, die Entwicklung tendiert aber klar in Richtung der neuen Medienlandschaft. Diese kennzeichnet heutzutage vor allem polarisierende Internetforen, Facebook, Twitter, Instagram, Google, sowie »Nachrichtenplattformen« wie TheHuffingtonpost. Das Format der Nachrichten auf diesen Seiten zeichnet sich durch Kürze und die damit unvermeidliche Überspitzung und nicht zuletzt Sensationslust durch sensationsheischende Überschriften, die zum Klicken animieren sollen und die auch die Printmedien, allen voran die BILD-Zeitung, längst verinnerlicht haben.

Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft, äußert sich zu der heutigen Debattenkultur auf der phil.cologne: Er beschreibt unser heute als »Zeitalter« der »Hasskommunikation, Propaganda, Desinformation und Fake News[, die] in kaum gekannten Ausmaß global zirkulieren und [in der sich] aggressive Selbstbestätigungsmilieus herausbilden.« Er beschreibt das Phänomen als »Deregulierung des Diskursmarktes. Der Journalismus als einst »sortierende Kraft« könne seine Rolle als »Gatekeeper« in Zeiten von Facebook, Twitter, Google nicht mehr aufrechterhalten. Dasselbe gilt für die politische Dimension. Populistische Figuren wie Donald Trump seien Gewinner dieser Entwicklungen.18

Was die Rolle der neuen Medien bei dieser neuen Diskurskultur spielt, darüber scheiden sich die gelehrten Geister.19 Eli Pariser erschuf 2011 in seinem gleichnamigen Buch den Begriff Filterblase (englisch: filter bubble), demzufolge die Algorithmisierung und Regulierung unserer Informationsströme von den großen Medienplattformen zu einer verstärkten Polarisierung der Meinungen und einem Einschrumpfen des Horizonts führt.

»Durch die Anwendung dieser Algorithmen neigen Internetseiten dazu, dem Benutzer nur Informationen anzuzeigen, die mit den bisherigen Ansichten des Benutzers übereinstimmen. So wird der Benutzer sehr effektiv in einer „Blase“ isoliert, die dazu tendiert, Informationen auszuschließen, die den bisherigen Ansichten des Benutzers widersprechen.«20

Eine empirische Bestätigung dieser Filterblase gibt es allerdings nicht. Noch scheinen Suchmaschinenergebnisse gleich für uns zu sein, eine Verbesserung der Suchergebnisse erfolgt lediglich ortsabhängig, wenn man diesen überhaupt angibt. Allerdings geht der Trend klar hin zur Personalisierung. Der News Feed von Facebook oder Instagram, die Kaufvorschläge von Amazon, die Playlisten auf Spotify oder Netflix richten sich nach dem Geschmack des Users – Personalisierung und damit Partikularität statt Totalität; Man umgibt sich mit nur seinem Teil der Wirklichkeit und und lebt in Ignoranz und Unverständnis des Ganzen, des Anderen, des Neuen.

Bleiben wir kurz bei dem Beispiel Spotify und Netflix. Die immer weniger beliebten Formate Radio und Fernsehen lebten von der Popkultur. Es tat den Flexiblen unter uns nicht allzu sehr weh, dort hineinzuhören oder zu -schauen, denn Popkultur ist für die breite Masse und je einheitlicher die Masse ist, desto besser. Das macht sowohl die Popkultur als letztendlich auch die Masse so konservativ und uninnovativ, getreu dem Motto: lieber nichts riskieren, in sicherem und bekannten Terrain verweilen und das Altbewährte lieber so lange weilen lassen, bis es vollends ausgelutscht ist.

Aber auch die Polarisierung politischer Meinungen in den sozialen Medien findet statt: »Selbstbestätitgungsmileus [bilden sich heraus]. Es ist leicht geworden, ideologisch verwandte Stämme zu entdecken, ganz gleich, ob es Impfgegner sind oder politische Extremisten, die sich gleichsam von Giftzwerg zu Giftzwerg die Hand reichen und dann sagen: >Wir sind doch so viele! Warum bitte werden unsere Ideen in den Leitmedien nicht gespiegelt?« Die neue Medienlandschaft trägt insofern wenn nicht zu einer Entstehung, so aber mindestens zu einer Radikalisierung extremistischer Meinungen bei – Pörksen verortet den Grund dafür in der Anonymität im Netz, der Unmittelbarkeit, der Kürze der Äußerungen und der Belohnung durch Likes und Shares, was möglicherweise zur radikaleren Äußerungen ermutigt.21

Ein weiterer Punkt – oder sogar eine Folge der vorangehenden – ist die Entsolidarisierung der Gesellschaft. Die Politik adressiert sich zunehmend an die Gesellschaft als Interessensgruppen. Als Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Homosexuelle, Christen, Muslime, Reiche, Arme, Frauen, Männer, Bayernfans, Löwenfans… »Entsolidarisierung im Allgemeinen resultiert [] aus einer übertriebenen Solidarisierung im Partikularen.« Was dabei verloren geht, ist die gesamtgesellschaftliche Perspektive, nicht im patriotischen Sinne des Nationalstaats, sondern eher als gleiche Bürger eines Rechtsstaats. Diese Solidarität trägt nicht zuletzt auch dazu bei, dass wir in einem Sozialstaat bereit sind, füreinander aufzukommen.22

Was für ein Interesse könnte nun der Neoliberalismus daran haben, diese Solidarität zu zerstören?

Zum einen der Abbau des Sozialstaats zu rechtfertigen. Denn je abgekapselter ein Individuum von einer Gemeinschaft ist, desto mehr ist man gerichtet auf sich, auf seine eigenen Bedürfnisse und auf die seiner kleinen sozialen Gruppe, also Familie und Freunde. Egoismus waltet.

»Der einzelne Mensch rückt dabei in einer sehr eigenartigen Weise in den Mittelpunkt: Er soll an Märkten und in der Gesellschaft eigenständig zurechtkommen – anstatt sich auf den Staat oder auf Mechanismen solidarischer Absicherung zu verlassen. […]23 Eine häufig gebrauchte Floskel in diesem Zusammenhang ist die »Selbstverantwortung«: »Verlass‘ dich nicht auf andere!«, »Komm‘ selber klar!«, »Mach was aus Dir!«, »Nutz‘ deine Chancen!«, […] »Streng Dich an!«[…] Die hier durchscheinenden Normen und Ansprüche sind die Kehrseite von Sozialabbau und wegbrechender gesellschaftlicher Solidarität. Man kann durchaus von einer »neoliberalen Moral« sprechen.[…]Um Erfolg und Anerkennung zu erlangen, sollen sich die Menschen als aktiv und selbstdiszipliniert erweisen und dabei unternehmerisch und egoistisch denken und handeln. Um gegenüber seinen Konkur entInnen die Nase vorn zu haben, gilt es, wettbewerbsfähig und innovativ zu sein und zu werden.

Je schwächer soziale Bindungen werden und je geringer die soziale Sicherheit, desto wichtiger wird es für Menschen, der neoliberalen Moral zu folgen. Einerseits treibt sie dabei die Angst vor sozialem Abstieg, vor Missbilligung durch andere, bisweilen auch vor staatlichen Sanktionen und Strafen.[…]24 Gründe für Erfolg und Elend, für Teilhabe und Ausgrenzung liegen aus dieser Sicht stets beim einzelnen Menschen.«25

Das befördert den Hass für Sozialleistungsempfänger, die für ihre Lage stets selbst verantwortlich gemacht werden und Intoleranz gegenüber bestimmten Gruppen. Angst vor sozialem Abstieg befeuert die Konkurrenzmentalität und Entsolidarisierung innerhalb der Gesellschaft.

Die Ausrichtung am Markt führt auch zu einer Verkümmerung des Bildungssystems, »das zunehmend auf Kompetenzen ausgerichtet wird, die sich bezahlt machen sollen, und das immer weniger Wissen vermittelt, mit dem wir uns die Welt erschließen.«26

Zu Punkt 2 : Verlust der Verantwortlichkeit des Einzelnen für öffentliche Aufgaben

»Eine der zentralen Thesen in den aktuellen Diskussionen über „Postdemokratie“ besagt, dass moderne Demokratien hinter einer Fassade formeller demokratischer Prinzipien zunehmend von privilegierten Eliten kontrolliert werden. Die Umsetzung neoliberaler Politik habe zu einer „Kolonisierung“ des Staates durch die Interessen von Unternehmen und Verbänden geführt, so dass wichtige politische Entscheidungen heute außerhalb der traditionellen demokratischen Kanäle gefällt werden. Der Legitimitätsverlust demokratischer Institutionen zeige sich in einer zunehmenden Entpolitisierung.«27

Warum die meisten Bürger all das ohne Weiteres einfach so hinnehmen, erklärt Patrick Schreiner in seinem 2017 erschienenen Buch »Warum Menschen sowas mitmachen«. Er beschreibt, wie die Marktstrukturen nach und nach unbemerkt in unser Demokratieverständnis eingesickert ist und wir uns dem neoliberalen Diktat hörig unterordnen.

Er fasst die Kernaussagen des Aufsatzes »Die schleichende Revolution« der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Wendy Brown zusammen:

»Neoliberale Ökonomisierung […] könne [die Demokratie] töten. Gemeint ist damit: wenn Politik zunehmend den Charakter von Märkten gewinnt und politische Akteure zu Marktakteuren werden, dann ist Demokratie nicht geschwächt, sondern am Ende. Der Neoliberalismus sei aktuell dabei, den politischen Charakter der Demokratie in etwas Ökonomisches umzuwandeln.28

Als Beispiele der Veränderung politischer Prozesse nennt Brown die strikte Orientierung an Kosten-Nutzen-Abwägungen und die Durchsetzung von allgemeinen Maßstäben für angeblich alternativlos richtige Politik (Bench-Markings). Der Staat wird zunehmend wie ein Unternehmen geführt und beurteilt; aus Regierung wird Management. So hat heute zum Beispiel der öffentliche Dienst in ökonomischem Sinne effizient zu sein. Einst war es hingegen auch öffentliche Ausgabe durch die Schaffung von guten Arbeitsplätzen Wirtschaft und Arbeitsmarkt zu beeinflussen.

Eine unmittelbare Folge dieser neoliberalen Ökonomisierung von Politik ist politische Alternativlosigkeit.

Einige Beispiele: den öffentlichen Dienst zu verkleinern, gilt heute weiterhin als Ausweis erfolgreicher Politik. Die Frage nach den gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen folgen dessen wird hingegen nicht mehr gestellt. Hochschulen werden in immer gleichen Rankings an den immer gleichen Kriterien Arbeitsmarktchancen und Veröffentlichungen des Lehrpersonals gemessen. Die Frage nach den Lehrinhalten wird dann zweitrangig. Aus Vielfalt der Lehre wird Einfalt. Und als Wirtschaftskompetenz der Parteien gilt einzig, möglichst Marktfreundlich und Unternehmensnah zu sein. Die Frage nach anderen marktkritscherischen Politikkonzepten hat sich erledigt. Wenn Alternativen aber auf diese weise undenkbar werden, dann ist von Politik im Grunde nicht mehr zu sprechen. Von Demokratie aber schon gar nicht, beruht diese doch notwendig auf dem Streit um bessere politische Alternativen.«29

Als »Humankapital« hat der Mensch sich um seine eigenen Probleme, für die er nun mehr ganz verantwortlich ist, zu kümmern, stellt keine politischen, demokratischen Forderungen, instrumentalisiert sich für sich selbst und den Staat – und all das ganz freiwillig.

Die neoliberale Politik verändere von uns unbemerkt unsere Wertmaßstäbe, die sich nur noch am Markt bemessen.

»Neoliberale Ökonomisierung und ein Selbstverständnis als Humankapital führen auf diese Weise zur Entpolitisierung von Menschen und Gesellschaften, so Brown.«30

Hier kommt auch wieder die oben erwähnte Abschottungsmentalität zu tragen: Die Menschen wollen die Konsequenzen der jahrzehntelangen rücksichtslosen Außen- und Wirtschaftspolitik des Westens nicht tragen und legen deshalb ihr Vertrauen in die Hände von reaktionären Vollpfosten, die schnelle Lösungen versprechen, zum Beispiel Mauern bauen und Grenzen sichern, um sich ihr Idyll so lange wie möglich vorgaukeln zu können. »In den Zeiten der Globalisierung repräsentieren [sie] die Sehnsucht, Ängste und Verunsicherungen bestimmter Bevölkerungsteile auf ein imaginäres Außen zu lenken: Auf Migranten, Terroristen und Drogenschmuggler. Mauern liefern somit das, was Heidegger ein »beruhigendes Weltbild« nannte, ein sichtbares Emblem der Einkapselung.«31 Statt Hart-IV-Empfänger als Feindbild dient heute der Flüchtling. Der erschreckende Zustand des deutschen Sozialstaats wird überschattet von einem greifbareren Sündenbock.

Zu Punkt 3: individueller Geschmack eingeschränkt durch kulturelle Verbote

»Kultur ist Kapital. […] Das moderne Unternehmen ist ein Kulturunternehmen, der zeitgenössische Kapitalismus, nach einem Wort von Jeremy Rifkin, ein „Kulturkapitalismus“. Es würde schon zu kurz greifen, zu formulieren: Das Image ist so bedeutend wie der Gebrauchswert einer Ware. Denn oft ist das Image der eigentliche Gebrauchswert. Design ist nicht nur Reklame, die den Verkauf befördern soll, das Design ist das eigentliche Produkt. „Was wir auf dem Markt kaufen“, schreibt Slavoj Žižek, „sind immer weniger Produkte und immer mehr Lebenserfahrungen wie Essen, Kommunikation, Kulturkonsum, Teilhabe an einem bestimmten Lebensstil.“32

Von Verboten kann man zwar nicht sprechen, wohl aber von Manipulation, oder, euphemistisch, Werbung. Werbung kreiert und kontrolliert somit Bedürfnisse.

Das heutige Individualitätsdiktat ist aber ein geheucheltes, denn im Neoliberalismus ist nur die Individualität toleriert, die sich auch verkaufen lässt: was den Geschmack von Filmen, Musik, Kunst, Freizeitaktivitäten und Essen angeht – Lifestyleprodukte eben. »Lifestyle« ist ein kapitalistisches Konzept, das dazu ermutigt, bzw. zwingt, bestimmte Produkte zu kaufen, die dann als Eintrittskarte für ein bestimmtes soziales oder Arbeitsumfeld fungieren. Die neuen Werbeträger »Influencer« dienen dazu, die Schwächen der Werbung zu kompensieren und schließen die Lücke zwischen Kühle, Unnahbarkeit und Einheitsbrei. Indem sie sich als besonders individuell, authentisch, aber zielstrebig darstellen, verkörpern sie in Perfektion das Diktat des Neoliberalismus, das Schreiber entwickelt hat (s.o.): Die alternativlos erscheinenden Arbeitsumstände nicht nur akzeptieren, sondern verinnerlichen, statt den Fehler im System zu suchen, Selbstoptimierung und Selbstdarstellung (also Vermarktung ihres Humankapitals) betreiben und möglichst viel Freunde dabei haben – natürlich indem sie bestimmte Produkte konsumieren.

Die Etablierung dieser Dynamik führt zur Exklusion derjenigen, die sich dieser Konsummentalität entziehen. Sie erfahren Ausgrenzung und Benachteiligung in sozialen und geschäftlichen Bereichen. Wenn man nicht die neuesten Adidas hat, nicht exotische oder abenteuerliche Reiseorte wählt, wenn man kein iPhone besitzt, wenn man Whatsapp und Facebook boykottiert, dann gilt man als »alternativ«, technik- und fortschrittsfeindlich und insgesamt als weltfremd.

»Eine Gesellschaft, die von einer solchen atomistischen und instrumentalistischen Mentalität geprägt ist, trägt wesentlich zu einer „seichten Erscheinungsform der Authentizität“33.1 bei. Die Folge ist, „(…) dass die Praktiken, die die moderne Identität angeblich verkörpern, in Wirklichkeit zu einem gewissen Verlust dieser Identität führen (…).“ 33.2 Eine angemessene Vorstellung von Authentizität würde dementgegen eine intersubjektive Basis voraussetzen.

So kommt es dazu, „(…) dass wir aufgrund der Verrücktheit dieser Gesellschaft Dinge tun, für die wir uns nie entscheiden würden, wenn wir daran gingen, bewusst zu handeln.33.3“«33

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Quellen:

1 Taylor, Charles: Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus, Erste Auflage, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1992, S.175

2 Schreiber, Patrick, Warum Menschen sowas mitmachen – Achtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neoliberalismus, PapyRossa Verlag, Köln 2017, S.11

3 ebd. S.11/12 Zur Geschichte des Neoliberalismus: »Die Sozial-, Wirtschafts- und Finanzpolitik nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 war der heutigen durchaus ähnlich: Sie war in vielen Ländern marktextremistisch. Die Regierungen sagen es lediglich als ihre Aufgaben an, Löhne und Staatsausgaben zu bremsen oder zu sendken. Ansonsten ließen sie den Märkten weitgehend freien Lauf. Der Markt wisse es besser, er werde es schon richten. Es herrschte ein übersteigerter, gedankenloser Kapitalismus. Diese Politik führte in den 1920er und 1930er Jahren weltweit zu gravierenden wirtschaftlichen Krisen, zu sozialen Verwerfungen, Verelendung, Arbeitslosigkeit und Armut.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schienen die Regierungen in den westlichen Industriestaaten zunächst daraus gelernt zu haben: Sie setzten den Märkten striktere Grenzen, bauten die soziale Sicherung aus, machten den Staat zu einem wichtigen wirtschaftspolitischen Akteur und stärkten die Rechte von ArbeitsnehmerInnen.

Seit den späten 1970er und 1980er Jahren aber dominierte wieder ein marktextremistischer Kapitalismus. Radikale wirtschaftsliberale Vorstellungen fanden erneut weite Verbreitung, nun unter der Bezeichnung »Neoliberalismus«. Zunächst waren es Militärdiktaturen in Asien und Lateinamerika, die eine solche neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik betrieben. In den 1980er Jahren folgten konservative Parteien und Regierungen in westlichen Demokratien. Internationale Organisationen, allen voran der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank begannen, Entwicklungsländer auf neoliberalen Kurs zu zwingen. In den 1990er Jahren schließlich wurde auch die Sozialdemokratie neoliberal.[…]Die Märkte sollen aus neoliberaler Sicht möglichst frei von Regulierung sein. Regeln und Begrenzungen sollen auf ein Minimum zurpckgeführt werden. Internationale Freihandelsverträge haben sich zu einem wesentlichen Instrument entwickelt, um eine entsprechende Deregulierungen voranzutreiben. Den Finanzmärkten kommt dabei eine besondere Bedeutung zu; insbesondere der grenzüberschreitend freie Kapitalverkehr steht ganz oben auf der neoliberalen Agenda. Wer üblicherweise als »Globalisierung« bezeichnet wird, beruht im Kern auf dieser Politik des internationalen Abbaus von staatlichen Regulierungen und Standards.«

4 Berlin, Isaiah, Freiheit. Vier Versuche, Frankfurt/Main, 2006, S. 197-256.

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Grundrechte_(Deutschland)

6 http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/27534, S. 14

7 vgl. Taylor 1992: S.175

8 ebd.

9 ebd,

10 ebd.

11 ebd, S.176

12 ebd.

13 https://d-64.org/prinzip-freiheit-in-der-digitalen-gesellschaft/

14 Verflechtungen deutscher Fernsehsender Harald Rau, Chris Hennecke: Geordnete Verhältnisse?! – Verflechtungsstrukturen deutscher TV-Sender, Baden-Baden 2016 (siehe auch den ergänzenden Faktencheck „Verflechtungen“)

https://www.zdf.de/assets/faktencheck-22-mai-100~original?cb=1529304803993

15 http://www.bpb.de/143259/senderfamilien-und-medienkonzentration

16 https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwi51ueE67zcAhUEEVAKHWgHDm0QFjAAegQIABAB&url=https%3A%2F%2Fwww.zdf.de%2Fcomedy%2Fdie-anstalt%2Ffakten-im-check-der-anstalt-118.html&usg=AOvVaw1r8UdJ4j2hWwxf859OnOId

Der Medienforscher Röper geht davon aus, dass inzwischen 70 Prozent der Bevölkerung nur auf eine Lokalzeitung zurückgreifen kann bzw., wo es vielleicht mehrere Zeitungen gibt aber mit identischen Lokalteilen Schon in der konservativeren Zählweise des Zeitungsforschers Schütz von 2012, der schon eine Pressevielfalt veranschlagte wenn es mehrere Zeitungen auch mit identischen Lokalteilen gab, waren die Zahlen sehr hoch: 236 Kreisfreien Städten oder Kreisen (58,7 Prozent) mit einer Monopolzeitung stehen 166 Städte/Kreise (= 41,3 % aller Kreise) mit einer Zeitungsdichte von 2 und mehr gegenüber. Bezogen auf die Einwohner ist der Anteil eher umgekehrt: 56 Prozent der Bevölkerung können zumindest zwischen zwei lokal berichtenden Zeitungen wählen. 44 Prozent aller Einwohner im Bundesgebiet haben keinerlei Auswahl und sind auf eine einzelne lokal orientierte Zeitung angewiesen.

http://www.das-parlament.de/2009/31/Themenausgabe/25272149/301864

http://www.taz.de/!774432/

17 https://www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste/2018/

18 Pörksen, Bernhard, Interview: »Die gereizte Gesellschaft«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Horizonte: Dialog

19 https://www.zeit.de/2017/34/algorithmen-filterblase-meinungen-selbstbetrug

20 https://de.wikipedia.org/wiki/Filterblase

21 Pörksen, Bernhard, Interview: »Die gereizte Gesellschaft«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Horizonte: Dialog

22 Bleisch, Barbara, Ihre Frage, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018

23 vgl. Schreiber 2017: S.14

24 ebd. S.15

25 ebd. S.18

26 ebd. S.19

27 https://www.bpb.de/apuz/33565/postdemokratie-und-die-zunehmende-entpolitisierung-essay?p=all

28 vgl. Schreiber 2917: (S.76)

29 ebd. S.78

30 ebd. S.79

31 Brown, Wendy, »Souveränität ist eine Fiktion«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Zeitgeist: Analyse

32 http://www.bpb.de/apuz/198387/lifestyle-kapitalismus?p=all

33 http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/27534, S.

→ 33.1 Taylor, Unbehagen, S.134

→ 33.2 Taylor, Legitimationskrise?, S. 292, kursive Hervorhebung von F.S.

→ 33.3 Taylor, Legitimationskrise?, S. 239, kursive Hervorhebung von F.S

Ein Loblied aufs Rauchen

Rauchen ist schön.

Rauchen ist toll.

Rauchen ist – tödlich?

Rauchen macht das Leben kürzer.

Aber Rauchen macht das Leben auch schöner.

Rauchen …

Klar weiß man als Raucher, dass Rauchen ungesund ist. Mitunter tödlich sein kann. Einer von Zweien stirbt an den Folgen! Trotzdem hat man mehr Angst, bei einem Unfall zu sterben. Psychologisch gesehen gibt es dafür auch Erklärungen, zum Beispiel, dass man beim Rauchen das Gefühl hat, man hätte eine Art Kontrolle darüber: man wird vor eine Wahl gestellt und entscheidet bewusst – wohingegen man bei einem Unfall völlig äußeren Kausalitäten ausgeliefert ist. Beim Rauchen verabreicht man sich das Gift in geringen Mengen selbst – eine schleichende Selbstvergiftung, mit der man zwar nicht unbedingt einverstanden ist, die man aber in Kauf nimmt. Eigentlich irrational.

Ein Ja zu einer Zigarette fühlt sich an, als würde man sich etwas gönnen.

Ja, weil sie so gut zum Kaffee schmeckt und der Kaffee besser mit Zigarette.

Ja, weil sie so gut zum Rotwein schmeckt und der Rotwein besser mit Zigarette.

Ja, nach dem Essen, denn dann verdaut’s sich besser.

Ja, komm wir rauchen jetzt noch eine, bevor wir uns verabschieden.

Die Zigarette vervollständigt Rituale und ist selbst eines.

Sie besiegelt keine Verträge, sondern Momente.

Der Tag wird somit übersichtlich, lässt sich an Zigarettenpausen und -längen messen. Die Zigaretten sind ein viel besserer Maßstab als Stunden und Minuten, weil sie subjektiv sind. Wenn viel passiert, wird auch mehr geraucht. Manche Tage scheinen länger als andere, und Zigaretten sind eine flexible Maßeinheit.

Viele kleine Rebellionen am Tag. Rebellion gegen das eigene Fleisch? Seinen Verfall verhöhnen, trotzig an der Kippe ziehen und demonstrieren: Ich bin mehr als mein Fleisch…! Oder ist es eine Rebellion gegen die Gesellschaft?

Mittlerweile ist Rauchen gesellschaftlich nur noch geduldet, aber unleugbar geächtet. Beinahe alle Gesellschaftsschichten haben die Raucher schon durch – Pfeife, Zigarre, Zigarette als Statussymbol, Zeichen des Wohlstands, des Mannes von Welt, der Frau von Welt, Zeichen des verwegenen Mannes, der rebellischen Frau. Damals Rauchen im Fernsehen, in Talkshows, in Cafes und Restaurants, im Klassenzimmer, in der Bahn, im Flugzeug – heute abgetrennte Raucherbereiche, kaltherzig eingerichtete Kabinen, deren denunzierende Verglasung schamlos preisgibt, wie man schuldbewusst seinem Laster frönt. Oh ja, als Raucher muss man heutzutage eine dicke Haut haben, neben außerdem kräftigen Lungen.

Aber Rauchen ist nicht nur Trotz. Die Trotzhaltung ist vielschichtiger. In gewisser Hinsicht hat es etwas mit Trotz zu tun, denn man trotzt gesellschaftlichen Erwartungen, sowie gesundheitlichen Tatsachen – und keiner kann diese Tatsachen noch ernsthaft leugnen oder ignorieren, in Zeiten der zerfetzten Lungenflügeln, abgestorbenen Zehen und traurigen Männern mit Potenzproblemen auf Tabakprodukten. Nein, es ist ein bewusster Verstoß. Es ist etwas, das man sich bewusst gönnt. Es ist zwar nicht verboten, aber irgendwie schon.

Stieß man früher noch bei der Frage nach „schnell mal Feuer“ auf eine nahezu hundertprozentig positive Antwort, ist das heute seltener – herablassend wird einem geantwortet: „Nein, ich bin Nichtraucher.“ Nie war Missbilligung so einfach! Beim herzerwärmenden Moment jedoch, wenn man dann mal Feuer bekommt, wenn einem zärtlich der durch die erwartungsvoll bebenden Lippen zitternde, sich zu glimmen wünschende Stängel angezündet wird, ist das ein sowohl feierlicher, als auch sexueller Moment. Ja, du, Fremder, hast meine Leidenschaft wirklich entfacht! Die Gesellschaft hasst Promiskuität, deshalb hasst sie Raucher. Aber wir Raucher, wir schlafen alle miteinander, denn was sind die Raucherrunden anderes als Orgien, eine gemeinsame leidenschaftliche Hingabe an das Schönste aller Laster …?

Rauchen ist wie ein Club, wie eine geheime Bruderschaft. Der Zusammenhalt unter Rauchern ist stark. Und selbst ehemalige Raucher sind in Vielem verständnisvoller als Nichtraucher. Mit einem rührseligen Blick, als würden sie sich an andere, bessere Zeiten erinnern, zücken sie das Feuerzeug, das sie nur noch aus Gewohnheit – oder als Andenken? – bei sich tragen, und reichen es dir, soviel Abstand muss sein. Die Nichtraucherfraktion indes ist dermaßen intolerant und missgünstig, schimpft auf „die Raucher“, und tritt diese unsere mittlerweile defavorisierte Spezies nur allzu freudig mit Füßen, weil man offiziell über Raucher schimpfen darf, seit man sie, wie Hunde, aus Restaurants und Kneipen verbannt hat. Andererseits bleibt die Raucherfront hartnäckig. Die jüngere Generation ist es schon gar nicht anders gewohnt, zum Rauchen raus zu gehen, man kann sich eine verrauchte Kneipe gar nicht mehr vorstellen. Andererseits hat diese Maßnahme genau den gegenteiligen Effekt gehabt, wie vermutlich ursprünglich intendiert – sollte das Rauchen nämlich durch den Ausschluss aus den behütenden Gastgeberwänden ungesellschaftlich gemacht werden, haben sich die Raucherrunden draußen mittlerweile stolz etabliert, sind aus der Kultur des Nachtlebens gar nicht mehr wegzudenken. Bei Wind und Wetter steht man im Kreise, wie Pinguine am Südpol, und hat niemals Eile, an den Tisch zurückzukehren, an denen sich die langweiligen Nichtraucher über Stunden hinweg die Ärsche plattwälzen (weswegen Nichtraucherpos auch generell unattraktiver oder zumindest kümmerlicher sind) wenn sie nicht sogar selbst mit hinaus kommen, da sonst niemand mehr am Tisch sitzt oder aber sie feststellen, dass Runden von gesellschaftlich Ausgestoßenen immer lustiger sind.

Rauchen ist Luxus. Lambert Wiesing definiert Luxus in seinem gleichnamigen Buch als Emanzipation aus der Zweckrationalität des Alltags. Das gleiche geschieht beim Rauchen:

Der Mensch macht durch die Erfahrung des Rauchens (weniger aktiv beim Rauchen, als eher in der Erfahrung, ein Raucher zu sein) eine Freiheitserfahrung. Er wird sich seiner Ausnahmestellung als homo humanis im Universum unmittelbar bewusst: er ist zwar ein vernünftiges Wesen, aber nicht determiniert durch diese Vernunft. Der Mensch ist frei, denn er hat die Wahl, sich für oder gegen diese Rationalität zu entscheiden. Für Wiesing Luxus, als eine Art des Besitzens, eine Weise der ästhetischen Selbsterfahrung, in der der Mensch sich als Mensch begreift. Rauchen ist ebenso eine ästhetische Erfahrung und damit Selbstzweck. Rauchen um des Rauchens willen. Rauchen als Transgression des Zweckdiktats. Eine Emanzipation gegen eine vollständige Einordnung in eine funktionale Gesellschaft. Und wenn man an der Zigarette zieht, ist das keineswegs wegen des Kreislaufs, dass einem schwindelt, sondern vor Freiheit!

Lambert Wiesing – Luxus, ISBN: 978-3-518-58627-3

Primum vivere, deinde philosophari

lat. für: Zuerst leben, danach philosophieren –

Ist die Philosophie nicht eine Art, wenn nicht sogar die höchste, des Reflektierens? Viele widersprechen jetzt empört, und das ist wohl verständlich, denn die individuellen Weisen des Reflektierens sind so vielfältig und individuell wie die Menschen selbst.

Aber um überhaupt über etwas zu reflektieren, muss dieses Etwas in erster Instanz durch Erfahrung zustande gekommen sein. Man braucht Ausgangsmaterial, mit dem man arbeiten kann. Eine Stoffsammlung, sozusagen. Die Erlebnisse und Erfahrungen sind das Material und die Philosophie ist das Werkzeug zur Verarbeitung.

Sicherlich wollen wir nicht allzu philosophil sein und zugeben, dass es noch viele andere, vermutlich nicht minder wirkungsvolle Verarbeitungs-, Bearbeitungsmechanismen gibt, um zu verdauen. Da wären zum Beispiel – ganz allgemein – Kunst, Musik, Literatur, Sport, – körperliche Arbeit, geistige Arbeit. Die Weltverarbeitungsmechanismen sind ebenso vielfältig wie individuell. Aber eines haben sie gemeinsam – es ist beinahe wie der Energieerhaltungssatz in der Physik: Die Saat von Erlebnissen – was meistens wohl Emotionen sind – schlägt, trifft sie auf fruchtbaren Boden, Wurzeln, um sodann, gen Licht, von einer anfänglich bloßen Idee, die von Außen herangetragen wird, heranzuwachsen und Früchte zu tragen. Etwas wird umgemünzt in etwas anderes, ein Werk – was das Ganze zu einem regelrecht schöpferischen Akt macht. Der gute Gärtner kultiviert bewusst. Er kennt sich mit der verschiedenen Beschaffenheit der Saat aus und weiß ideale Bedingungen für jeden einzelnen Samen zu schaffen. Ja, und viele Samen streut man gar nicht selbst, sondern werden von fremden Gärten herangetragen.

Es scheint aber tatsächlich nicht wichtig zu sein, auf welche Weise man sich mit dieser Saat auseinandersetzt – auch kann man alle der oben genannten Verarbeitungsmechanismen sowohl aktiv ausüben, als auch passiv genießen.

Pinselstriche, grob und breit, sanft oder kraftvoll, abrupt, elegant, beschwingt, schwermütig. Ein Gemälde des abstrakten Expressionismus spricht möglicherweise jemanden an, der in den scheinbar wahllos sich verirrenden und ineinander laufenden Linien, der beliebig anmutenden Farbwahl etwas sieht, was er nachvollziehen kann. Ob die Linien die versteckte Regung einer tiefen Leidenschaft der Seele nachzeichnen, oder eine Farbe den Ton einer spontanen Gemütswallung trifft – was ins Auge fällt, entscheidet letztendlich der Betrachter am einen Ende, der Maler am anderen.

Emotionen zu inkarnieren und zugänglich zu machen, das ist vielleicht die Aufgabe des Schauspielers. Wo wir uns vor einer Zurschaustellung von Gefühlen schämen, ist das Theater der Tempel ihrer Verehrung. Und wenn ein Hamlet sich wieder verzweifelt stammelnd fragt, was nobler ist – Selbstmord oder den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen – so ist es immer die gleiche Emotion in immer anderer Verkleidung, oder ist es immer eine andere Emotion, in immer der gleichen Verkleidung? Und ist es nicht letztendlich egal, wer da oben steht, in Wahrheit stehen wir selbst dort als Hamlet und erlauben unseren Emotionen einfach – zu sein.

Und wer ist mehr bewegt in der Musik – der Musikant, der dem Instrument mit Fingerfertigkeit Klänge entlockt, oder das Instrument, das erbebt unter der Gewalt, die auf es einwirkt, und dessen rhythmischer Schall sich einem Erdbeben gleich ausbreitet auch den Zuhörer erfasst und – bewegt. Sanfte Klänge werden hervorgelockt oder mit harten Schlägen herausgejagt, die Gedanken des Zuhörers harmonieren in ihren Nuancen synchron zu den dazu auftauchenden Tönen, oder umgekehrt – und gleich einem Notenblatt bekommen wir die Partitur unserer emotionalen Noten vor uns ausgebreitet.

Bei allen Beispielen verschwimmen die Rollen von Beweger und Bewegtem, es findet ein Kräfteaustausch statt, von dem jede Partie profitiert. Ursache und Wirkung sind nicht mehr getrennt, sondern ein und dasselbe. Kunst als Selbstzweck. L’art pour l’art.

Miles Davis soll gesagt haben, es gebe keinen falschen Ton. Nur die darauf folgenden Töne würden darüber entscheiden, ob ein Ton falsch ist, oder nicht. Als Allegorie könnte das bedeuten, die Qualität einer Erfahrung entscheidet nicht über ihren Wert, sondern ihre anschließende Einordnung ins Gesamtbild. Jedem geschehen blöde und schreckliche Sachen, darüber hat man keine Kontrolle. Nur, wie das Geschehene das weitere, kontrollierte Handeln bestimmt, entscheidet darüber, ob die Erfahrung einen besser oder schlechter macht – ob man das Erlebnis als Gelegenheit nutzt, etwas besser oder anders zu machen. Die Kraft der Verformung wirkt sowieso – würde Newton sagen, in die eine oder andere Richtung. Auf welche Art sie wirkt, wie sie umgemünzt wird – nur darüber haben wir Macht, zu bestimmen.

Man kann also auf vielerlei Arten darüber entscheiden, wie sich die Welt auf einen abdrückt. Sicher ist nur, dass sie sich abdrückt, eine Spur hinterlässt. Natürlich könnte man sich auch dazu entschließen, die Welt einfach auszuschließen. Wegschauen. Leugnen, dass sie einen affiziert. Wenn das Verarbeiten zu schwer fällt, ist es möglich, dass der Rückzug von allem als das Einfachste erscheint. Aber vielleicht ist es dann an der Zeit, einfach den Sieb neu zu justieren oder mal ein neues Rezept auszuprobieren. Die Suppe des Lebens kocht sich eben nicht von selbst, sicher ist nur, dass wir essen müssen.

Wahnsinn ist die Abwesenheit eines Werks – Michel Foucault

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

La Musique et l’Ineffable, éd. du Seuil, pp. 1O1-1O2

Was tun!

Das, was das Leben Jahr um Jahr, Tag um Tag und Minute um Minute erneuert, ist das Bewusstsein um die Vergänglichkeit. Immer drängender jedes Mal, immer intensiver und präsenter wird einem der eigene Verfall, die eigene bloße Fleischlichkeit, während der Geist der einzige scheint, der sich im Alter noch behaupten kann. Haltlos scheint das Ganze, geworfen ist man ins Leben und taumelnd versucht man, sich an irgendetwas festzuhalten.

Aber wo soll man sich festhalten im ewigen Vergehen? Im ständigen Fortschreiten der Zeit. Wobei es natürlich auch fraglich scheint, wo die Zeit hinschreitet, ja bezweifelbar, ob sie wirklich fortschreitet. Wo kann man sich festbeißen, wo sich im Wandel eine Zuflucht suchen, eine Illusion von Beständigkeit? Eine Konstante in Raum und Zeit, ach welch schöne Vorstellung für uns kurvige Menschen, wie schön es wäre, eine Gerade zu sein!

Vielleicht aber kann nur aus der eigenen Vergänglichkeit Vertrauen in sich gewonnen werden, denn immerhin sicher ist es ja, das eigene Vergehen. Man kann sich keine Konstante in Charakter, Körper und Geist sein, und trotzdem trägt man das gleiche Ich in sich, nein, man ist dieses Ich vielmehr, verkörpert und vergeistigt dieses Ich, und während alles vor einem vorüberzieht bleibt man stets dieses Ich, man selbst, man ist Beobachter und Erleber zugleich. Diese Position könnte wohl die gesuchte Konstante sein. Auch wenn die Blickwinkel nie dieselben sein mögen, die Bilder nie dieselben.

Diese Einsicht kann einen schwindeln machen, die Arme fallen kraft-, haltlos herunter und das Herz rutscht einem in den Magen. Angst, zu sterben, verrückt zu werden, die Kontrolle zu verlieren. Man scheint sich plötzlich leiblich bewusst zu werden, wie ohnmächtig, klein und allein man im Universum ist und es scheint keinen rationalen Trost zu geben, keine Gewissheit mehr, an die man sich verzweifelt klammern kann, denn alles schwindet und löst sich auf. Keine Zuflucht mehr, kein Verstecken.

Wer oder was ist es aber denn nun, von dem sich Hoffnung schöpfen lässt? Andere Instanzen, Personen, oder gar Routine, Gewöhnung? An was lässt sich klammern? Oder ist man dazu verurteilt, haltlos den Raum zu zeitigen, die Zeit verräumen, einfach nur sinnlos zu vergehen im Unsinn?

Möglicherweise ist es ja das eigene Schöpfertum. Indem man erschafft, Werken Leben gibt. Gleich einem Gott? Sich selbst eine Götterposition anmaßen? Nein, denn erschaffen und vergehen, das ist das Urprinzip auf dieser Welt und das Menschlichste, das es gibt. Leben geben, gebären, einen kleinen Teil seiner selbst extrahieren und einem neuen Kunstwerk geben.

Mein Geist, mein Körper, mein Ich, das ist kein Gefängnis, kein abgeschlossener Raum von dem Rest der Welt, sondern Teil von ihr. So wie mich der Lauf der Erde geschöpft hat, so schöpfe ich weiter. Das ist der einzige Weg, tatsächlich Unsterblichkeit zu erlangen.