Möglichkeitssinn

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten! Und nur eine einzige Wirklichkeit.

Robert Musil schreibt in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ von Wirklichkeits- und Möglichkeitsmenschen. Und wir kennen sie alle: die Wirklichkeitsmenschen sind bodenständig, gefestigt, stehen im Leben, haben Plan, sind realistisch und an dem interessiert, was ist … die Möglichkeitsmenschen hingegen sind idealistisch, haben den Kopf in den Wolken, sind kreativ, sehen in der Welt eher das, was sein könnte.

Kinder sind wir möglicherweise alle Möglichkeitsmenschen, weil Eltern – idealerweise – verhindern, dass wir allzu früh und in vollem Umfang mit der Realität konfrontiert werden: sie regeln unseren Alltag, machen unsere Termine aus, versorgen uns mit Mahlzeiten, schicken uns zur Schule, sorgen finanziell für uns, (also alles, was wir erwachsenen Möglichkeitsmenschen alleine nicht mehr hinbekommen) damit wir in aller Seelenruhe weiter träumen können. Kinder wollen die Welt verändern, weil sie glauben, dass es möglich ist.

„Kinder beginnen die Schule mit lauter Fragen. In der Schule lernen sie dann Antworten auf Fragen, die sie gar nicht gestellt haben. Irgendwann hören sie dann auf, zu fragen“¹ – Michel Onfray, frz. Philosoph

Aber irgendwann werden auch Kinder realistisch und niemand ist als Realist unausstehlicher als ein Kind: Sie bringen die Träume ihrer Spielkameraden zum Platzen, indem sie besserwisserisch sagen: „Das geht gar nicht in echt!“ Beachtliche Entwicklung deines präfrontalen Cortex, Kind, wunderbar. Du hast nun unübersehbar klargemacht, in der Lage zu sein, Realität von Fiktion zu unterscheiden. Nur ist dein Spielkamerad trotzdem schlauer als du, denn er weiß, dass euer Spiel nur ein Spiel ist und ihr die Regeln selber festlegt und ihr in der Hinsicht nicht von der Realität eingeschränkt seid und ihr das gefälligst genießen solltet, Kind, denn irgendwann müsst ihr drei Flaschen Wein trinken, um dieses schwindelerregend geile Fick-Dich-Realität-Gefühl wieder zu bekommen oder vier Gramm Gras rauchen. Du bist ein blödes Spielverderberkind, Kind!

„Alle sagten: Es geht nicht. Da kam einer, der das nicht wusste und tat es einfach.“² – Goran Kikic, deutscher Autor

Wer kennt nicht so ein blödes Spielverderberkind? – Ja, immer noch. Ja, auch als Erwachsene. Ja, genau, das sind diejenigen, die jetzt sagen: „Wenn deine Realität nicht so scheiße wäre, müsstest du ihr auch nicht entfliehen wollen.“ Ja – die Leute. Ja, neoliberale pseudoindividuelle Systemprofiteure.

Aber das soll ja keine Hassrede auf Wirklichkeitsmenschen werden. Nein, wer kennt nicht auch jenes Kind, das glaubte, es könne fliegen und dann plötzlich wirklich … Ohnezahn hieß?

Wirklichkeitsmenschen haben einen klaren Blick, für das was tatsächlich der Fall ist, wohingegen Möglichkeitsmenschen eher das sehen, was möglich wäre:

[…]So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken, und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Man sieht, daß die Folgen solcher schöpferischen Anlage bemerkenswert sein können, und bedauerlicherweise lassen sie nicht selten das, was die Menschen bewundern, falsch erscheinen und das, was sie verbieten, als erlaubt oder wohl auch beides als gleichgültig. Solche Möglichkeitsmenschen leben, wie man sagt, in einem feineren Gespinst, in einem Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven;[…]³

Heißt das, Möglichkeitsmenschen sind realitätsfremde Nervenbündel, Leute, die ganz einfach noch nicht aufgewacht sind, die man belächelt oder aber denen man sagt: „Reiß dich mal zusammen!“ – kindische Erwachsene?

Aber was ist denn überhaupt der Möglichkeitsbereich von Möglichkeitsmenschen? Halten wir alles für möglich, solange nicht sein Gegenteil bewiesen werden kann? Oder bewegt sich unser Möglichkeitssinn nur im Rahmen dessen, was uns die irdischen Gesetzesmäßigkeiten auch tatsächlich erlauben? Sind wir Visionäre, die die Welt verändern?

Wenn jemand die Schwerkraft verleugnet oder bezweifelt, muss nur ein Apfel vom Baum fallen und man wird sagen können: Newtons erstes Gesetz erklärts am Besten! Und außer das Kind ist zufällig Einstein wird er Newtons Mechanik auch nicht ins Wanken bringen können. Er könnte andere Erklärungen erfinden oder fundiert entwickeln.

Zum Beispiel David Hume, der die verrückte Idee hatte, das Ursache-Wirkungsprinzip, also Kausalität anzuzweifeln, ein Prinzip, von dem wir zumindest im Alltag praktischerweise ausgehen. Nein, → B muss nicht ausnahmslos stimmen, denn woher weiß man, dass das verbindende Element wirklich die Kausalität ist? Man kann Kausalität ja nicht sehen, nur beobachten, dass in ausnahmslos allen der Stein, wenn man ihn in die Luft wirft, wieder gen Erde fällt, wenn er auf keine Hindernisse stößt. Aber warum sich anmaßen, das zu einem Gesetz zu machen, wenn man nicht hundertprozentig ausschließen kann, dass es beim nächsten Experiment auch so ist? Man kann ja nur endlich viele Beobachtungen machen, wohingegen ein Gesetz für sich beansprucht, allgemein gültig sein zu wollen, also in ausnahmslos allen Fällen. Da man aber nie alle Fälle beobachten können wird, haben wir ein Problem. Das nennt man übrigens Humes Induktionsproblem. Allenfalls könnte man behaupten, dass etwas sehr wahrscheinlich der Fall sein wird. Die Regularitätstheorien nach Hume, Mill und Mackie behaupten, wie der Name schon verrät, dass man lediglich Regularitäten in der Welt beobachten kann – und man somit auch nur statistische Vorhersagen über ein Ereignis machen kann, auf die logische Notwendigkeit aber verzichten muss. Ziemlich unbefriedigend, was? Führende Wissenschaften, zum Beispiel die Physik, kommen nämlich auch ohne das Postulat der Kausalität aus, was für das philosophischen Lager ganz schön frustrierend ist!⁴

Ein Möglichkeitsmensch akzeptiert die Schranken der Realität, auf die wir uns geeinigt haben, nicht bedingungslos. Er denkt sich: Es könnte auch anders sein. Oft verliert er aber vor lauter Durchblick den Durchblick weil er durch die Dinge nur durchblickt und sie dadurch nicht mehr sieht. Sein Bild geht von einem einzelnem Gegenstand ins Abstrakte über, in die Innenwelt seines Geistes, er sieht ähnliche Gegenstände, andere Gegenstände, Vergangenes, assoziiert, verknüpft, sieht Zusammenhänge, Möglichkeiten. Leicht, hier den Blick fürs Wesentliche zu verlieren bei so vielen sich überlappenden möglichen Realitäten!

Eine Möglichkeit ist etwas nicht-Seiendes, oder noch-nicht-Seiendes. Sobald die Möglichkeit realisiert ist, in den Rang des Realen „gehoben“ wird, ist sie Wirklichkeit. Es gibt also keine Möglichkeiten in der Welt – per definitionem! – nur Wirklichkeiten, die wiederum nichts anderes sind als realisierte oder ver-wirklichte Möglichkeiten. Die Möglichkeiten gehören einer anderen Sphäre an, der Sphäre des Geistes desjenigen, der sie denkt. Als kreative Schöpfer, die wir sind, sind einzig wir dazu in der Lage, sie wirklich werden zu lassen. Aber gibt es auch Möglichkeiten, wenn sie von keinem gedacht werden?

Bei Aristoteles ist das Wirklichkeitsprizip (energeia) als Tätigkeit, Verwirklichung einer Möglichkeit definiert und das Möglichkeitsprinzip (dynamis) als die Fähigkeit, in einen neuen Zustand übergehen oder das Vermögen, etwas zu werden. Aristoteles interpretiert jedes Werden als eine Bewegung von dem der Möglichkeit nach Seienden zu dem der Wirklichkeit nach Seienden. Bei Aristoteles‘ Metaphysik hat die Möglichkeit einen niedrigeren „Seinsrang“ als die Wirklichkeit, weil sie eben nicht oder noch nicht ist. Wenn ein „Sein“ aber nur zustande kommen kann, wenn es durch ein anderes Sein zum „werden“ gezwungen wird, wer steht dann am Anfang aller Prozesse überhaupt? Mit anderen Worten: eine Bewegung kommt nur zustande, wenn es etwas gibt, das die Bewegung anstößt. Die einzige „Selbstbewegung“ steht am Anfang, also kommen wir hier zum Postulat des „unbewegten Bewegers“, dem Demiurg bei Platon und Aristoteles, quasi Gott.

Bei Heidegger bekommt die Möglichkeit wiederum den Vorrang vor der Wirklichkeit, denn für ihn ist das „Dasein je seine eigene Möglichkeit“ und die Wirklichkeit also nichts anderes als realisierte Möglichkeit. Das Dasein „hat keine Möglichkeiten als Eigenschaften, sondern ist seine Möglichkeiten. [Es] entwirft beständig sein Sein auf Möglichkeiten. […] In den Möglichkeiten ist es immer schon „sich selbst vorweg“ – und das gehört zum Geworfensein; sein Vor-weg-sein wird mit dem Namen Sorge genannt und ist Grundlage für alles Besorgen und Fürsorgen, alles Wünschen und Wollen, allen Hang und Drang.“⁶

Ja, Möglichkeitsmenschen haben die Fähigkeit, mögliche Wirklichkeiten zu sehen und aus ihnen zu schöpfen – aber sind wir selbst dann nicht so eine Art Zwischending zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit – und nie wirklich wirklich, also in unmittelbarem Kontakt mit der Realität? Wenn wir zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit nur Vermittler sind, gehören wir dann keiner Sphäre von beiden an und stehen gewissermaßen zwischen den Welten? Vielleicht fühlen wir uns deshalb manchmal so, als wären wir nirgendwo wirklich zu Hause.

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  1. Michel Onfray, citée par Guillaume Champeau: https://nota-bene.org/Michel-Onfray-et-l-ecole
  2. Goran Kikic
  3. Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften: http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-mann-ohne-eigenschaften-erstes-buch-7588/5
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Kausalität
  5. http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=569&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=23580d3d4a49549ff86a0fa097744448
  6. https://de.wikisource.org/wiki/Martin_Heideggers_Existentialphilosophie#cite_ref-19, Sein und Zeit,  S. 209.