Ohrwurm

Die Analyse mit dem Geist ist eine Entzauberung.

Was zuvor mystisch umwoben und verschwommen-flüchtig war, wird strukturiert, in Kategorien eingeteilt, Etiketten aufgeklebt (Jankélévitch).

Alles, was man gerne mag, lässt sich entzaubern. Zum Beispiel Lieder. Wenn man ein Lied mag, dann verliebt man sich sofort. Wie ein Blitz durchzuckt es einen, man weiß, es ist das eine.

Weil man immer die Wahrheit sucht. Und die Wahrheit vermutet man vielleicht hinter dieser neuen, unfassbar guten Melodie. Warum ist diese so neu, diese Kombination von Tönen so überraschend, so unerwartet? Warum scheint dieses Lied die verborgenen Töne der tiefsten Sehnsüchte so gut zu treffen, wie keines zuvor?

In dem Bestreben, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, hört man es wieder und wieder an. Wieder und wieder, in der Hoffnung, der Funke des Zaubers möge auf einen überspringen und einen sehen lassen, erleuchten. Was ist also das Geheimnis, welches das Lied kennt und nicht hergibt?

Verbirgt es sich vielleicht hinter der Bridge mit dem geilen Gitarrensolo, das Gänsehaut macht und selig erfüllt die Augen schließen lässt? Und dabei funktioniert die Bridge ja nur deshalb, weil sie nur eine Brücke ist, eine Verbindungsstelle zwischen zwei Teilen, und nur von diesen Teilen wird sie, als kleineres Teil, getragen, denn ohne die Strophen und den Refrain würde sie nicht funktionieren, sie existiert nur bedingt. Ihre Existenz ist also untergeordnet, sie wäre allein nicht überlebensfähig, die größeren Teile des Liedes erhöhen ihre Daseinsberechtigung. Und gleichzeitig fungiert sie als Wendepunkt, Überraschungsmoment – klingt ganz anders als der Rest vom Lied, und ist dennoch ein Spiegel dessen, was bisher tonmäßig passiert ist, nur aus einer anderen Perspektive. Es ist der Moment, in dem das Lied zum Revue passieren auffordert, um den Rest, der meistens nur noch aus der zweimaligen Wiederholung des Refrains besteht, noch einmal richtig genießen zu können. Es ist, als würde das Lied sagen: Pass auf, das Ende ist nah, ich gebe dir eine Chance, dir dessen bewusst zu werden, aber zum Schluss habe ich noch eine kleine Überraschung für dich – nimm mit, was geht! Und dann wird einem nochmal der Refrain serviert, der, nun als Bruch mit der unregelmäßigen Bridge wieder Ordnung ins Chaos bringt – die drei, vier Akkorde sind einem bekannt, man kennt sie aus Zeiten vor der Überquerung der Bridge, und durch ihre bitter-süße Würze, im Bewusstsein, dass es dem Ende zugeht, schließt man die Augen und grölt mit. Um dann, wenn der letzte Ton langsam ausklingt, und die Ohren von der darauffolgenden drückenden Stille dröhnen, die Augen wieder zu öffnen und erschöpft den Replay-Button zu drücken.

Was für eine schöne Endlosschleife! Aber selbst die ist irgendwann nicht mehr das, was sie beim ersten Mal war. Das Lied erfüllt plötzlich nicht mehr so, wie es das beim ersten Mal tat. Es ist, in unseren Ohren, verbraucht. Jeden Ton kann man schon vorausahnen, jede Note ist schon mit den Gedanken versetzt, die man beim zahlreichen Anhören hatte. Der Geist hat das Lied durchwirkt, er hat das getan, was er immer tut – er hat das verzauberte Lied vermessen mit seinen akkuraten, präzisen Werkzeugen der Analyse. Er hat das Lied wie ein Rechen durchkämmt nach seinen Geheimnissen, und sie, als der Imperialist, der er ist, sich angeeignet, aus dem Rasen des Liedes gerissen, um sie zu ergründen. Aber die Geheimnisse sind gewieft! Sobald man sie aus ihrer angestammten Umgebung herauslöst, um sie unter die Lupe zu nehmen, verschwinden sie. Sie wirken entfremdet, beinahe banal, da sie, wie die Bridge, nur integriert in das größere Ganze funktionieren. Der gierige Geist lässt beleidigt ab. Menno!, er schmollt. Es ist etwas, was er nicht verstehen kann. Wozu er nicht gemacht ist, es zu verstehen.

Was ist also die Lösung?

Keine Ahnung, vermutlich das Lied nicht tothören, akzeptieren, dass man es aus der Ferne betrachtet, um ihm seine Schönheit zu lassen. Nicht gierig und imperialistisch, wie der messerscharfe Verstand des Menschen ist, versuchen, es zu ergründen. Ihm seinen Platz in der wilden, freien Natur lassen. Und so seine Geheimnisse schätzen und genießen können. Und den Geist ruhen lassen und ruhig eine kleine Genugtuung ihm gegenüber verspüren, wenn man ihn zurück an seinen Platz verweist – nämlich neben, und nicht vor oder hinter das andere Erkenntnisinstrument, das man als Mensch hat – das Gefühl.

Vermessen

Manchmal schaue ich so ins Leere hinein.

Löcher in die Luft starren, sagt man. Aber das ist irgendwie ganz und gar nicht wahr, eher völlig das Gegenteil von dem, was man dabei tut, oder?

Mir kommt es eher so vor, als würde man die Welt strukturieren, indem man Gedanken auf sie strahlt. Man gliedert sie in Gedanken. Es ist ja nicht so, als wäre die Auflösung unserer Sehstärke in Pixeln definiert, wie in digitalen Bildern. Dennoch funktioniert die Metapher, dass es mir so vorkommt, als würde man den Spalt zwischen zwei Pixeln teilen und einen Gedanken in ihn hineinstecken. Und das in jedem Augenblick, dem man Löcher in die Luft starrt. Loch ist also ein irreführender Ausdruck, insofern Loch Leere suggeriert, dabei ist ja eher das Gegenteil der Fall, dass man etwas gehaltvolles hineingibt in die Luft, die Welt mit Gedanken füllt. Unsere Welt, das sind Raum und Zeit. Und diese versehen wir mit Gedanken.

Schwer, sich das in diesen zwei Dimensionen vorzustellen, aber mit Beispielen funktioniert das ganz gut: Erinnerungen sind oft ortsgebunden, wie in Prousts „verlorener Zeit“. Erinnerungen sind auch Gedanken. Demnach könnte man sagen, dass wir Orte mit Erinnerungen und Gedanken füllen.

Je öfter man diese Orte besucht, desto gehaltvoller sind diese mit Gedanken versehen. Der Arbeitsweg zum Beispiel, also die muffigen blauen Sitzpolster der Sbahn, die Szenerie, die wie ein Film Tag für Tag über die Fenster läuft, diese scheinen immer gleich, gewohnt. Hier verdichten sich die Gedanken zu einem großen Haufen undefinierbarer Masse. Zäh, gehäuft, und in diese begrenzten Räume und die Zeitspanne gepresst, die man Tag für Tag durchläuft. Viele Gedanken schon gedacht hier, die Karos des blauen Sitzes gegenüber betrachtet, ohne sie je richtig gesehen zu haben. An allen Plätzen hat man schon gesessen, vorne, hinten, und doch scheint es immer derselbe Platz zu sein.

Denn nicht nur schlaftrunkene dreißig Minuten in der früh auf dem Weg zur Arbeit und ausgelaugte dreißig Minuten Feierabend haften diesen Wänden an, sondern auch die Wege zu Partys, Museumsbesuchen, Kino-, Theaterbesuchen, aber auch Zahnarztterminen, Gerichtsterminen, Familienfeiern,, Rendez-vous … Kein bestimmtes Gefühl verbindet man mit diesem Ort, dem Inbegriff allen Transports und Unterwegsseins. Denn der Ort und die vorbeifliegende Landschaft ist immer gleich, die Stimme der Ansage ist auch immer gleich und auch die Gesichter der Leute schrumpfen auf einen einzigen undefinierbaren Gesichtsbrei zusammen. Hier ist man wie eingeschlossen in sein eigenes Gehirn, kaum Überraschendes und Neuartiges passiert hier, weil hier ja nichts von außen kommt, und man seelenruhig in Warteposition ist und nur wünscht, endlich da zu sein.

Anders ist das bei Orten, die man weniger häufig frequentiert. Wie zum Beispiel im Urlaub oder alles, was mit Ferne zu tun hat, mit Ungewohntem, Unentdecktem, noch nicht mit den Gedanken Vermessenem, Strukturiertem, und schließlich Zergliedertem. So scheint auch die Zeit an neuen Orten ungewöhnlich langsam zu vergehen, da es schlicht zu viele neue Dinge mit den Gedanken zu vermessen gilt.

Neue Orte mit den eigenen Gedanken zu versehen, jede neue Ecke und jeden Pflasterstein in sein Bewusstsein aufzusaugen, schauen was darin passiert und im selben Moment und in der gleichen Bewegung etwas von seinen Gedanken hineinstecken –

Das ist schön.

19987503_1457458487655908_734885088_n