Das alte und das neue Amerika

Begeben wir uns in das Marvel-Universum.

Die Geschichte ist komischerweise nicht neu und ganz und gar marvellous: der exzentrische, coole Egomane und Philanthrop Tony Stark alias Iron Man und der tugendhafte Teamplayer Steve Rogers, bekannt unter „Captain America“, kurz „Cap“, liegen sich in Comics und Filmen regelmäßig ordentlich in den Haaren.

Civil War – Bürgerkrieg? Es sind zwar Bürger, die sich hier bekämpfen, aber zumindest keine Zivilisten: Beide, Tony Stark und Cap gehören dem Zusammenschluss von Superhelden, den „Avengers“ an, die sich dem Schutz der Welt vor übernatürlichen Bedrohungen verschrieben haben.

Captain America ist ein erfolgreiches Laborexperiment aus dem Jahre 1943 und wird oft als „the greatest soldier in history“ bezeichnet. Steve Rogers wird zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wegen seiner mickrigen Gestalt ausgemustert, lässt aber nicht locker und qualifiziert sich schließlich als erstes Testsubjekt für ein „Supersoldatenserum“. Er bleibt der Einzige, da der zuständige Wissenschaftler ermordet wird – jedenfalls wird Rogers nach dem erfolgreichen Beenden des zweiten Weltkriegs, der in diesem Universum auch ganz anders verlief, aus Versehen eingefroren und erst im nächsten Millenium wieder aufgetaut, um an der Seite von Hulk, Thor und so gegen das Böse zu kämpfen. Als der Soldat schlechthin befolgt Cap aber nicht einfach blind Befehle, sondern denkt strategisch und kameradschaftlich – keiner seiner Kameraden wird je zurückgelassen.  In seinem ersten Film „The first Avenger“ an der Front missachtet er sogar direkte Befehle, um gefangen genommene amerikanische Soldaten zu befreien.  Außerdem ist seine oberste Priorität der Schutz der zivilen Bevölkerung – um jeden Preis. Sein Handeln zeichnet sich durch patriotisches Pflichtgefühl gegen der gesamten Bevölkerung, nicht nur Amerika, aus. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob er die Amerikaner in letzter Instanz nicht doch bevorzugen würde, käme es zu einer Evakuierung der gesamten Weltbevölkerung zum Beispiel. Naja. Einigen wir uns darauf zu sagen, er fühlt sich der Menschen als solcher bedingungslos moralisch verpflichtet. Mit dem Tesserakt versinkt er im arktischen Eis und bleibt verschollen, bis er nach 70 Jahren lebendig geborgen wird.

Aber nach 70 Jahren schaut die Welt ein wenig anders aus. Die Ideale des alten Amerikas, in dem jeder eine Chance hat, sind zu Ammenmärchen verkommen. Oder wurden sie nur als solche entlarvt? Mit Kapital wird Geld und noch mehr Kapital gemacht, und ohne Kapital geht gar nichts. Das neue Amerika schert sich gar nicht mal mehr, die Illusion des Tellerwäschers, der zum Millionär wird, aufrechtzuerhalten. Der deregulierte Markt enthebelt nationale Grenzen und eint alle Völker zur Wirtschaftseinheit. Verlierer sind Millionen, Gewinner sind wenige, die nicht gerne abgeben und nach immer mehr gieren. Der Solidaritätsradius hat sich nicht etwa über die neue globalisierte Welt ausgedehnt, sondern ist, im Gegenteil, eingeschrumpft zu einem kümmerlichen Kreis der nur nächsten Verwandten und Freunde.

Tony Stark ist Erbe des Technologiekonzerns „Stark Industries“, das hauptsächlich mit Waffen Geschäfte gemacht hat, bis Tony erfährt, dass seine Firma illegale Waffendeals mit afghanischen Rebellen gemacht hat. Daraufhin zieht er seine Firma „Stark Industries“ aus der Rüstungsindustrie zurück.

Tony Stark repräsentiert das Amerika des grenzenlosen Kapitalismus, des Neoliberalismus. Er ist klar der Stereotyp eines Individualisten und hat ein ständiges Konkurrenzdenken verinnerlicht. Um den Iron Man-Anzug dem amerikanischen Militär und somit dem demokratischen Rechtstaat zu übergeben, hinterfrägt Tony die Sicherheitsstrukturen des Militärs. Da sein ehemaliger Geschäftspartner Obadiah Stane in Iron Man 1 Stark-Waffen an afghanische Terroristen verkauft hatte, misstraut Tony den Strukturen eines bürokratisch komplexen Gebildes wie eines Unternehmens oder eben denen eines Rechtstaates. Es ist die gleiche Kritik wie jeher: die zahlreichen Gremien, durch die eine Entscheidung laufen muss, verlangsamt die Reaktionszeit einer Demokratie, während sie dadurch natürlich auch mehr Sicherheit garantiert. Desweiteren steigt mit der Zahl der zu durchlaufenden Stellen die Wahrscheinlichkeit der Korruption. Deshalb betreibt Tony Selbstjustiz und unterwirft die Rettung von Menschenleben nur noch seinem Urteil, seiner Willkür. In Iron Man 2 verkündet er nun mehr unverhohlen, er habe „Frieden erfolgreich privatisiert“. In der Tat privatisiert er einen Teil der Justiz und ist dabei gleichzeitig gesetzgebende und ausführende Gewalt.

Die Geschichten und Temperamente der beiden Marvel-Helden könnten gegensätzlicher nicht sein.

Worum es in ihren Meinungsverschiedenheiten eigentlich geht, ist meistens egal. Tony nennt Cap einen „alten Mann“ und „unzeitgemäß“. Mag sein, dass das Amerika der Träume tatsächlich unzeitgemäß und naiv illusorisch wirkt neben der kalt kalkulierenden Nüchternheit des Kapitals. Rogers hinkt 70 Jahren technischer Entwicklung hinterher, Tony ist ein Technikvisionär. Unschwer, dass Steve neben seiner schlagfertigen und gewitzten Art eher antiquiert wirkt. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, in der es noch andere Werte gab oder Werte überhaupt?

Steve Rogers: Big man in a suit of armour. Take that off, what are you?

Tony Stark: Genius, billionaire, playboy, philanthropist.

Steve Rogers: I know guys with none of that worth ten of you. I’ve seen the footage. The only thing you really fight for is yourself. You’re not the guy to make the sacrifice play, to lay down on a wire and let the other guy crawl over you.

Tony Stark: I think I would just cut the wire.

Steve Rogers: Always a way out… You know, you may not be a threat, but you better stop pretending to be a hero.

Tony Stark: A hero? Like you? You’re a lab rat, Rogers. Everything special about you came out of a bottle!

Steve Rogers: Put on the suit. Let’s go a few rounds.

Man kann sich nicht der Tatsache entwehren, dass Steve Rogers eine Menge Ehre besitzt, sei es in Punkto Selbstachtung oder Respekt gegenüber anderen. Etwas, worauf Tony Stark scheinbar nicht so viel gibt. Ihm geht es darum, die effizienteste Lösung für ein Problem zu finden, koste es, was es wolle – er ist schließlich Milliardär. Dabei verinnerlicht er nicht nur die Ideale des Neoliberalismus, nämlich Unabhängigkeit bis hin zur völligen (emotionalen) Isolation (die einzige ihm wirklich nahestehende Person ist Pepper Potts, und die war oder ist, nun ja, seine Sekräterin), Egoismus und Innovation, sondern von seinem verschwenderischen Lifestyle bis zu seiner Coolness verkörpert geradezu völlig den Markt an sich. Außerdem ist er Erbe des Technologiekonzerns seines Vaters, was in seinem Fall bedeutet, ein Vermögen und auch Talent geerbt zu haben. Biologie und Markt verschmelzen in ihm – so wie in seinem Iron Man – Anzug …

Rogers hingegen stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Nur durch seinen Ehrgeiz, seine aufopferungsvolle Hingabe für sein Vaterland schafft es Steve, der erste Superheld überhaupt zu werden.

Rogers ist das Gegenteil eines Individualisten: er ist Soldat. Er denkt nicht nur kameradschaftlich gemeinschaftlich, sondern ist darüber hinaus bereit, für sein Land und für seine Ideale zu sterben. Seine Prinzipien treiben ihn an, nicht persönliche Verwirklichungswünsche. Was seinen Patriotismus angeht, so glaube ich persönlich, dass er sich nicht scheuen würde, Befehle zu missachten, die seinen Moralvorstellungen zuwider liefen und sich damit auch gegen sein Land zu stellen, würde es nicht mehr die Ideale vertreten, die er mit ihm verbindet. So ist sein Patriotismus nicht blind und der Begriff seines Amerikas setzt sich aus den Idealen zusammen, für das, für ihn persönlich, das Land mit seiner Verfassung steht.

Rogers dient, Stark macht sein eigenes Ding. Rogers hat Ideale und würde für sie sterben, Stark würde, müsste er sterben, den Maßstab seiner Ideale verschieben, je nachdem, was nützt. Für Rogers stehen die richtigen Mittel im Vordergrund, für Stark eher der Zweck. Wer in der Moralität seiner Mittel flexibel ist, der hat häufiger Erfolg und insofern der Erfolg ein Indikator für Glaubwürdigkeit oder Autorität ist, so traut man Stark mehr zu. Den Willen eines Cap zu brechen ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Allerdings ist es am Ende des Films Tony, der sich opfert, damit andere leben können. Aber er überlebts.

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https://www.film.tv/starportraits/captain-america-biografie-24583.html

Marvel (2012): The Avengers