Zufall

In dieser großen, weiten, unübersichtlichen Welt gibt es manchmal so etwas wie schöne Zufälle.

Manchmal nennen wir es Schicksal, wenn uns etwas passiert, dessen Wahrscheinlichkeit wir für sehr gering halten, während das Ereignis so bedeutend und weltumkrempelnd für uns ist, dass wir nicht glauben können, dass es genauso gut auch nicht hätte eintreten können.

„Als Zufall bezeichnet man das Zusammentreffen bzw. die Überlagerung von zwei notwendigen Kausalketten, an deren Schnittstelle jemand sich absichtslos befindet.“
– Raphael Enthoven, Arte Philosophie

Ein Ereignis, eine Begegnung, ein Mensch, der in unser Leben tritt oder es verlässt – manchmal macht es so sehr Sinn für uns, dass etwas passiert, dass das Nicht-Eintreten  absurd und unwirklich anmuten mag. Diese eine unmögliche Möglichkeit, an die Wirklichkeit getreten mit einer statistisch verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit, ist nun Wirklichkeit, und man hatte sie nicht für möglich gehalten, ja nicht einmal gesehen!

Die Kette der Zufälle, die für das Eintreten einer Situation verantwortlich sind, sind so unüberschaubar lang, die Zusammenhänge viel zu komplex, als dass man damit hätte rechnen können, ja als dass man das Ereignis etwa selbst hätte herbeiführen können! Die Überraschung, mit der man reagiert, diese Fassungslosigkeit, versetzt uns in einen Zustand der Demut.

Gott, Schicksal, Karma, Zufall – wenn man begreift, dass es Kausalitäten gibt, die sich dem eigenen Wirkungsbereich entziehen, postuliert man eine dieser Übermächte. Demütig „fügt man sich dem Schicksal“ oder „vertraut auf Gottes Plan“, denn was will man anderes tun angesichts solcher Autoritäten, mit denen es sich auch noch relativ schwer kommunizieren lässt? Akzeptanz, Fügung. Eine beängstigende Vorstellung – äußere Instanzen, die unser Leben und das Milliarden anderer steuern. Sie sind Spieler und sie spielen uns. Wir werden gespielt. Sie sorgen dafür, dass wir Leuten begegnen, dass wir Glück und Pech haben – in der Hoffnung, dass wir wie Sims oder Laborratten in einem Labyrinth dorthin gehen, wo sie uns gern haben wollen – an den Platz, der für uns vorgesehen ist.

Glücklicherweise gibt es diesen Platz nicht – oder zumindest bestimmen wir ihn selbst.

„Wenn ihr wisst, dass es keine Zwecke gibt, so wisst ihr auch, dass es keinen Zufall gibt, denn nur neben einer Welt von Zwecken hat der Zufall einen Sinn.“
(F.Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft)

Zufälle werden nur retrospektiv bedeutend. Man gibt Ereignissen rückblickend diese oder jene Bedeutung, weil man erst, wenn sie vorüber sind, ihre Tragweite begreifen kann. Man verleiht ihnen einen Sinn. Der Sinn, das sind die Lehren, die man zieht. Oder das Geschehene veranlasst einen dazu, einen neuen Weg einzuschlagen, mit alten Mustern zu brechen.

Man hält das Ereignis, das durch außen auf einen gewirkt hat, für die eigene innere Veränderung für verantwortlich. Einem ist geschehen, man wurde bewegt – das heißt, eigentlich angestoßen, die anschließende Bewegung vollzog man von ganz allein. Man „bekam einen Anstoß“, oder auch einen „Aufschwung“ oder „Auftrieb“, den man aus eigener Kraft nicht bekommen hätte. Das Ereignis ist die äußere Instanz, die einen beeinflussen kann.

Kann. Und jetzt verleihen wir dem Subjekt mal wieder ein bisschen mehr Mündigkeit. Ein bloßer Gegenstand, ein Objekt, ist auf äußere Einflüsse angewiesen, sonst bewegt es sich nicht. Und sein Aufschwung oder die Richtung, die es nimmt, ist determiniert durch die äußere Kraft, absolut berechenbar. Wir als Subjekte, definiert durch Introspektion und Bewusstsein, sind relativ frei. Wir können uns auch durch innere Kraft bewegen und sind nicht unmittelbar auf das Äußere angewiesen – primitivere Organismen funktionieren nur nach dem Reiz-Reaktionsschema, das durch Komplexität Abstufung findet. Aber wenn wir angestoßen werden, dürfen wir entscheiden, wie wir uns verhalten. Natürlich könnte man dem entgegenhalten, dass dieses Reiz-Reaktionsschema bei solch komplexen Organismen wie uns nur so unberechenbar scheint, weil man noch (!) nicht alle Faktoren erfassen und berücksichtigen kann, die einen dazu treiben, so zu handeln, wie man handelt. Das wäre dann wieder die Frage nach dem freien Willen.

Egal, bleiben wir poetisch.

Kann auch sein, dass man äußeren Instanzen wie Gott oder dem Schicksal deshalb so eine Autorität zumisst, weil einen der Gedanke, wirklich völlig frei zu sein, beängstigt. Und wenn man selbst realisiert, dass man der einzige ist, der nicht etwa einzelnen Ereignissen, sondern auch seinem ganzen Leben wirklich Sinn verleihen kann, mag das überfordern. Was heißt mag, ja – es ist überfordernd, jeden Tag. Aus großer Macht folgt ja auch große Verantwortung…

Aber es nicht schwarz-weiß. Äußere und innere Umstände bewegen uns. Wir sind weder die Sklaven unserer Erfahrungen, noch Götter auf der Erde. Die Freiheit liegt vielleicht darin, es zu erkennen und abstimmen zu können. Außenwelt bedeutet nicht immer Unberechenbarkeit und Innenwelt nicht zugleich Sicherheit und Zuflucht. Oft genug sind die Bedingungen außen günstig und dennoch schwanken unsere inneren Säulen. Und umgekehrt, manchmal ist man im Chaos völlig ruhig und selig.

Die Lehre, die wir jetzt daraus ziehen?

Akzeptieren, was man nicht ändern kann und die Schranken des eigenen Wirkens erkennen. Und dennoch die Verantwortung, frei zu sein, nicht zu verkennen: nicht innerhalb seiner Schranken bleiben, höher streben, bis sie sich biegen und möglicherweise sogar zurückweichen.

Denn wir sind so groß und so klein zugleich.

Wer bin ich?

Ich war, ich werde sein, ich werde gewesen sein –

Oft denkt man zu viel an Vergangenheit und Zukunft, selten ist man wirklich gegenwärtig in der Gegenwart. Aber wann bin ich tatsächlich? Und was ist dieses Ich?

Was ist dieses Ich, das wir zwar alle haben, uns aber gleichzeitig voneinander unterscheidet? Und scheint es doch so, dass nur durch die Abgrenzung  von anderen überhaupt ein Ich entstehen kann!

Ist das Ich die Schnittstelle zwischen der eigenen Vergangenheit und Zukunft, ist es gewissermaßen die eigene Gegenwart? Das Ich ist ein gegenwärtiger Bewusstseinszustand und vereint alle subjektiven individuellen Erfahrungen und auch wenn man sich nicht genau an alles erinnern kann, gewiss ist, dass man an gewissen Situationen raum-zeitlich anwesend war. Kein Ich ist also aus einer detailliertesten Geschichte der Welt wegzudenken. Das Ich muss aber mehr sein als die Summe meiner bisherigen Erfahrungen. Das Ich ist ja auch noch Zukunft – also noch nicht. Aber Erwartungen und Pläne für die Zukunft ist man wohl auch in der Gegenwart. Außerdem bildet einen wichtigen Bestandteil des Ichs noch die Haltung, die man gegenüber Dingen einnimmt – Anschauungen, Meinungen, Wünsche. Philosophisch-begrifflich nennt man das Intentionalität – die Fähigkeit, sich auf Dinge zu beziehen, ein Zustand des Gerichtet-Seins des Bewusstseins.

Das Vergangenheits-Ich ist ein schon beschriebenes Blatt, von dem sich keine Zeile löschen lässt. Dieses Ich ist Geschichte und vielleicht lässt sich behaupten, dass man nur aufgrund diesem überhaupt so etwas wie ein Identitätsgefühl besitzt – eine ungefähre Vorstellung, was einen als Person ausmacht. All die getroffenen Entscheidungen, gute und schlechte, die gesammelten Erfahrungen, die Menschen, die unseren Lebensweg gekreuzt haben – gleich Fäden laufen sie in uns zusammen, geben unserem Ich eine Form.

Das bedeutet nicht, dass ein Charakter determiniert ist. Angenommen, es gäbe den Menschen mit exakt denselben Erfahrungen noch einmal – in einem anderen Universum vielleicht – müsste dieser dann genau so sein wie man selbst? Oder liegt unsere Freiheit genau darin, anhand unserer Erfahrungen eigene, unabhängige Wertvorstellungen, Eigenschaften, Vorlieben zu entwickeln? Also quasi unvorhersehbar zu sein?

Denn gleiche Erfahrungen determinieren nicht automatisch auch die gleichen Lehren. Eine objektiv schlechte Erfahrung kann sich auch durchaus positiv auf den eigenen Charakter entwickeln, während ein Leben, das nur aus guten Erfahrungen besteht, auch eine miese Persönlichkeit hervorbringen kann: wenn man gewohnt ist, dass alles glatt läuft und man nie ernstliche Hindernisse zu bewältigen hat, kann man wichtige Eigenschaften wie Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen oder Entschlossenheit gar nicht entwickeln.

Des Weiteren legt zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht nicht unbedingt ein bestimmtes Wahlverhalten fest. Es kommt auf die Motive an, aufgrund derer man wählt und diese können egoistischer Natur oder auch altruistischer sein, aber auch rationaler, emotionaler Art und müssen gar nicht mit sozio-ökonomischen Faktoren zusammenhängen, es können auch pragmatische oder ideologische sein!

Erwähnenswert ist hier die Habitus-Theorie des Soziologen Pierre Bourdieu, die die Denk- und Verhaltensstrukturen, einer Person anhand ihres sozialen Status und Rang in der Gesellschaft relativ zum Kollektiv untersucht. „Die Art der sozialen Erfahrungen, die ein Mensch macht, werden in hohem Maße durch die Kategorien (Klasse, Geschlecht, Ethnizität, etc.), in die ein Mensch von der Gesellschaft eingeordnet wird, mitbestimmt“¹. Die Bestimmung der Klasse erfolgt über die Verteilung von folgenden Kapitalformen, über die jemand verfügt: ökonomisches Kapital (materielle Ressourcen), kulturelles Kapital (Bildung), symbolisches Kapital (Prestige und Anerkennung in der Gesellschaft) und soziales Kapital (Beziehungen). Wenn innerhalb einer sozialen Klasse Ähnlichkeiten bezüglich Vorlieben und Gewohnheiten festzustellen sind, spricht man vom „Klassenhabitus“.

Vorhersehbarkeit … Google versucht, unser Online-Verhalten vorauszubestimmen und zu manipulieren – indem es Daten sammelt, um so ein möglichst akkurates Profil von uns zu erstellen. Empirisches Sammeln von Informationen, die ein Verhalten in der Vergangenheit markieren, lassen also Prognosen über die Zukunft zu und gleichzeitig die Aussicht, diese positiv in – scheinbar – unserem Interesse zu manipulieren.

Kurz, aber könnte man all diese Motive erfassen und daraus eine Handlungstendenz bestimmen, in welche Richtung eine Entscheidung fallen wird – es gibt immer noch die Willkür! Eine Handlung resultiert ja nicht nur auf einer rationalen Abwägung von sinnvollen Argumenten – wir Menschen können durchaus auch „aus dem Bauch heraus“ handeln, oder uns einfach die Augen zuhalten und dem Zufall das Geschick überlassen.

Vorhersehbarkeit, Determination … viele Philosophen, von Platon über Leibnitz, nahmen an, Gott habe jeden Menschen nach einem bestimmten Plan und Zweck geschaffen. Die Handlungsfreiheit sei also nur eine nützliche Illusion.

Der Existenzialismus, eine in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstandene philosophische Denkrichtung, vertreten durch Albert Camus und Jean-Paul Sartre, nahm aber im Gegenteil an, wir als Menschen, seien zur Freiheit geradezu verurteilt: wir haben keine andere Wahl, als die Wahl zu haben! Die Formel des Existentialismus lautet: Die Existenz geht der Essenz voraus. Das bedeutet: Der Mensch bestimmt den Zweck seines Daseins selbst. Er existiert erst, begegnet sich selbst in seinem Dasein und formt dadurch aktiv seine Identität. Es gibt keinen vorgegebenes und schon gar kein allgemeines Wesen des Menschen oder den Sinn des Lebens – man ist frei und dazu verdammt, diesen selbst zu bestimmen.

Das Modell der völligen Unmündigkeit – also dem Absprechen jeglicher Verantwortung für sämtliche Handlungen aufgrund des unausweichlichen Schicksals oder anderer Determinanten wie sozialer Herkunft, emotionaler Prägungen, Veranlagung, Ethnizität, sexueller Orientierung – gegen das Modell der absoluten Mündigkeit.

Wir wollen annehmen, das Ich ist nicht einfach nur die Summe oder gar das Opfer unser Biographie und äußerer Einflüsse – es gibt doch immer eine letzte Instanz des freien Willens: das wäre dann das Ich. Denn wir sind frei zu entscheiden, wie wir uns entscheiden und aus welchen Gründen – nach eigenen Interessen, zum Wohle anderer, willkürlich, aus dem Bauch heraus …

Sind es dann unsere Eigenschaften, die bestimmen, wer wir sind, die voraussagen können, wie wir handeln werden? Wenn ich nett bin, handle ich auch nett. Dann mache ich nette Sachen, ob sie von anderen als solche erkannt oder interpretiert werden, ist wohl nicht wichtig – denn letztlich zählt nur die Intention, wenn die Tragweite an Folgen nicht in Gänze abgeschätzt werden kann. Also trägt man im Endeffekt nur die Verantwortung für seine Intentionen. Aber handelt man nett, weil man nett ist, oder ist man deshalb nett, weil man nett handelt? Andererseits kann eine aus einer ursprünglich netten Intention erfolgte Handlung böse Folgen haben oder von anderen falsch interpretiert werden – dann gilt man als Mensch, der eine böse Handlung vollzogen hat. Wenn weitere böse Handlungen folgen, gilt das als Muster und man selbst als böse Person. Die Intention hinter den Handlungen interessiert niemanden mehr. Und andersherum kann jemand, der aus bösen Motiven heraus handelt, zum Beispiel rücksichtslosem Egoismus, eine Handlung als gute Tat hinstellen.

Charaktereigenschaften sind im Endeffekt also … eine Konklusion aus den Motivationen, die die Handlungen einer Person antreiben. Mit einem ethischen Maßstab mit den Kategorien „gut“ und „böse“, der natürlich variabel ist, gewinnt man eine tendenzielle Essenz eines Charakters. Könnte aber nur jemand anfertigen, der alle Intentionen erfassen kann, also nur man selbst, da man aber nur die eigene, subjektive Sicht darauf hat und man sowieso niemanden besser anlügen kann, als sich selbst, kann diese Statistik nie objektive Gültigkeit haben. Und andere Personen sehen sowieso nur den „outcome“ einer Handlung und nicht die Intentionen. Also ist unser Versuch einer objektiven Bestimmung von Charaktereigenschaften, hinter denen wir die Essenz des Ich vermuteten, gescheitert und kann  auch nur scheitern. Naja, und das, meine Freunde, nennt man eine Aporie.

Da das, was unser Ich vorhersehbar machen könnte gleichzeitig die Bedingung dieses Ichs ist, sind wir zu einem sowohl unbefriedigenden, als auch endgültigen Ergebnis gekommen! Wir haben die Unbestimmbarkeit bestimmt und das ist doch schon mal etwas! Die Unbestimmbarkeit des Ichs ist seine Bedingung.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal die Worte des großen Philosophen Albus Dumbledore in Erinnerung rufen: „Nicht unsere Eigenschaften entscheiden wer wir wirklich sind, sondern unsere Entscheidungen.“

  1. http://vonunsfueralle.blogsport.de/images/DasHabitusKonzeptvonPierreBourdieuVersion5.pdf
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Habitus_(Soziologie)
  3. Pierre Bourdieu – Habitus
  4. Harry Potter und die Kammer des Schreckens – Chris Columbus
  5. Intentionalität: Husserl, Bretano
  6. Existentialismus: Jean-Paul Sartre, Albert Camus

Ohrwurm

Die Analyse mit dem Geist ist eine Entzauberung.

Was zuvor mystisch umwoben und verschwommen-flüchtig war, wird strukturiert, in Kategorien eingeteilt, Etiketten aufgeklebt (Jankélévitch).

Alles, was man gerne mag, lässt sich entzaubern. Zum Beispiel Lieder. Wenn man ein Lied mag, dann verliebt man sich sofort. Wie ein Blitz durchzuckt es einen, man weiß, es ist das eine.

Weil man immer die Wahrheit sucht. Und die Wahrheit vermutet man vielleicht hinter dieser neuen, unfassbar guten Melodie. Warum ist diese so neu, diese Kombination von Tönen so überraschend, so unerwartet? Warum scheint dieses Lied die verborgenen Töne der tiefsten Sehnsüchte so gut zu treffen, wie keines zuvor?

In dem Bestreben, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, hört man es wieder und wieder an. Wieder und wieder, in der Hoffnung, der Funke des Zaubers möge auf einen überspringen und einen sehen lassen, erleuchten. Was ist also das Geheimnis, welches das Lied kennt und nicht hergibt?

Verbirgt es sich vielleicht hinter der Bridge mit dem geilen Gitarrensolo, das Gänsehaut macht und selig erfüllt die Augen schließen lässt? Und dabei funktioniert die Bridge ja nur deshalb, weil sie nur eine Brücke ist, eine Verbindungsstelle zwischen zwei Teilen, und nur von diesen Teilen wird sie, als kleineres Teil, getragen, denn ohne die Strophen und den Refrain würde sie nicht funktionieren, sie existiert nur bedingt. Ihre Existenz ist also untergeordnet, sie wäre allein nicht überlebensfähig, die größeren Teile des Liedes erhöhen ihre Daseinsberechtigung. Und gleichzeitig fungiert sie als Wendepunkt, Überraschungsmoment – klingt ganz anders als der Rest vom Lied, und ist dennoch ein Spiegel dessen, was bisher tonmäßig passiert ist, nur aus einer anderen Perspektive. Es ist der Moment, in dem das Lied zum Revue passieren auffordert, um den Rest, der meistens nur noch aus der zweimaligen Wiederholung des Refrains besteht, noch einmal richtig genießen zu können. Es ist, als würde das Lied sagen: Pass auf, das Ende ist nah, ich gebe dir eine Chance, dir dessen bewusst zu werden, aber zum Schluss habe ich noch eine kleine Überraschung für dich – nimm mit, was geht! Und dann wird einem nochmal der Refrain serviert, der, nun als Bruch mit der unregelmäßigen Bridge wieder Ordnung ins Chaos bringt – die drei, vier Akkorde sind einem bekannt, man kennt sie aus Zeiten vor der Überquerung der Bridge, und durch ihre bitter-süße Würze, im Bewusstsein, dass es dem Ende zugeht, schließt man die Augen und grölt mit. Um dann, wenn der letzte Ton langsam ausklingt, und die Ohren von der darauffolgenden drückenden Stille dröhnen, die Augen wieder zu öffnen und erschöpft den Replay-Button zu drücken.

Was für eine schöne Endlosschleife! Aber selbst die ist irgendwann nicht mehr das, was sie beim ersten Mal war. Das Lied erfüllt plötzlich nicht mehr so, wie es das beim ersten Mal tat. Es ist, in unseren Ohren, verbraucht. Jeden Ton kann man schon vorausahnen, jede Note ist schon mit den Gedanken versetzt, die man beim zahlreichen Anhören hatte. Der Geist hat das Lied durchwirkt, er hat das getan, was er immer tut – er hat das verzauberte Lied vermessen mit seinen akkuraten, präzisen Werkzeugen der Analyse. Er hat das Lied wie ein Rechen durchkämmt nach seinen Geheimnissen, und sie, als der Imperialist, der er ist, sich angeeignet, aus dem Rasen des Liedes gerissen, um sie zu ergründen. Aber die Geheimnisse sind gewieft! Sobald man sie aus ihrer angestammten Umgebung herauslöst, um sie unter die Lupe zu nehmen, verschwinden sie. Sie wirken entfremdet, beinahe banal, da sie, wie die Bridge, nur integriert in das größere Ganze funktionieren. Der gierige Geist lässt beleidigt ab. Menno!, er schmollt. Es ist etwas, was er nicht verstehen kann. Wozu er nicht gemacht ist, es zu verstehen.

Was ist also die Lösung?

Keine Ahnung, vermutlich das Lied nicht tothören, akzeptieren, dass man es aus der Ferne betrachtet, um ihm seine Schönheit zu lassen. Nicht gierig und imperialistisch, wie der messerscharfe Verstand des Menschen ist, versuchen, es zu ergründen. Ihm seinen Platz in der wilden, freien Natur lassen. Und so seine Geheimnisse schätzen und genießen können. Und den Geist ruhen lassen und ruhig eine kleine Genugtuung ihm gegenüber verspüren, wenn man ihn zurück an seinen Platz verweist – nämlich neben, und nicht vor oder hinter das andere Erkenntnisinstrument, das man als Mensch hat – das Gefühl.

Ein Loblied aufs Rauchen

Rauchen ist schön.

Rauchen ist toll.

Rauchen ist – tödlich?

Rauchen macht das Leben kürzer.

Aber Rauchen macht das Leben auch schöner.

Rauchen …

Klar weiß man als Raucher, dass Rauchen ungesund ist. Mitunter tödlich sein kann. Einer von Zweien stirbt an den Folgen! Trotzdem hat man mehr Angst, bei einem Unfall zu sterben. Psychologisch gesehen gibt es dafür auch Erklärungen, zum Beispiel, dass man beim Rauchen das Gefühl hat, man hätte eine Art Kontrolle darüber: man wird vor eine Wahl gestellt und entscheidet bewusst – wohingegen man bei einem Unfall völlig äußeren Kausalitäten ausgeliefert ist. Beim Rauchen verabreicht man sich das Gift in geringen Mengen selbst – eine schleichende Selbstvergiftung, mit der man zwar nicht unbedingt einverstanden ist, die man aber in Kauf nimmt. Eigentlich irrational.

Ein Ja zu einer Zigarette fühlt sich an, als würde man sich etwas gönnen.

Ja, weil sie so gut zum Kaffee schmeckt und der Kaffee besser mit Zigarette.

Ja, weil sie so gut zum Rotwein schmeckt und der Rotwein besser mit Zigarette.

Ja, nach dem Essen, denn dann verdaut’s sich besser.

Ja, komm wir rauchen jetzt noch eine, bevor wir uns verabschieden.

Die Zigarette vervollständigt Rituale und ist selbst eines.

Sie besiegelt keine Verträge, sondern Momente.

Der Tag wird somit übersichtlich, lässt sich an Zigarettenpausen und -längen messen. Die Zigaretten sind ein viel besserer Maßstab als Stunden und Minuten, weil sie subjektiv sind. Wenn viel passiert, wird auch mehr geraucht. Manche Tage scheinen länger als andere, und Zigaretten sind eine flexible Maßeinheit.

Viele kleine Rebellionen am Tag. Rebellion gegen das eigene Fleisch? Seinen Verfall verhöhnen, trotzig an der Kippe ziehen und demonstrieren: Ich bin mehr als mein Fleisch…! Oder ist es eine Rebellion gegen die Gesellschaft?

Mittlerweile ist Rauchen gesellschaftlich nur noch geduldet, aber unleugbar geächtet. Beinahe alle Gesellschaftsschichten haben die Raucher schon durch – Pfeife, Zigarre, Zigarette als Statussymbol, Zeichen des Wohlstands, des Mannes von Welt, der Frau von Welt, Zeichen des verwegenen Mannes, der rebellischen Frau. Damals Rauchen im Fernsehen, in Talkshows, in Cafes und Restaurants, im Klassenzimmer, in der Bahn, im Flugzeug – heute abgetrennte Raucherbereiche, kaltherzig eingerichtete Kabinen, deren denunzierende Verglasung schamlos preisgibt, wie man schuldbewusst seinem Laster frönt. Oh ja, als Raucher muss man heutzutage eine dicke Haut haben, neben außerdem kräftigen Lungen.

Aber Rauchen ist nicht nur Trotz. Die Trotzhaltung ist vielschichtiger. In gewisser Hinsicht hat es etwas mit Trotz zu tun, denn man trotzt gesellschaftlichen Erwartungen, sowie gesundheitlichen Tatsachen – und keiner kann diese Tatsachen noch ernsthaft leugnen oder ignorieren, in Zeiten der zerfetzten Lungenflügeln, abgestorbenen Zehen und traurigen Männern mit Potenzproblemen auf Tabakprodukten. Nein, es ist ein bewusster Verstoß. Es ist etwas, das man sich bewusst gönnt. Es ist zwar nicht verboten, aber irgendwie schon.

Stieß man früher noch bei der Frage nach „schnell mal Feuer“ auf eine nahezu hundertprozentig positive Antwort, ist das heute seltener – herablassend wird einem geantwortet: „Nein, ich bin Nichtraucher.“ Nie war Missbilligung so einfach! Beim herzerwärmenden Moment jedoch, wenn man dann mal Feuer bekommt, wenn einem zärtlich der durch die erwartungsvoll bebenden Lippen zitternde, sich zu glimmen wünschende Stängel angezündet wird, ist das ein sowohl feierlicher, als auch sexueller Moment. Ja, du, Fremder, hast meine Leidenschaft wirklich entfacht! Die Gesellschaft hasst Promiskuität, deshalb hasst sie Raucher. Aber wir Raucher, wir schlafen alle miteinander, denn was sind die Raucherrunden anderes als Orgien, eine gemeinsame leidenschaftliche Hingabe an das Schönste aller Laster …?

Rauchen ist wie ein Club, wie eine geheime Bruderschaft. Der Zusammenhalt unter Rauchern ist stark. Und selbst ehemalige Raucher sind in Vielem verständnisvoller als Nichtraucher. Mit einem rührseligen Blick, als würden sie sich an andere, bessere Zeiten erinnern, zücken sie das Feuerzeug, das sie nur noch aus Gewohnheit – oder als Andenken? – bei sich tragen, und reichen es dir, soviel Abstand muss sein. Die Nichtraucherfraktion indes ist dermaßen intolerant und missgünstig, schimpft auf „die Raucher“, und tritt diese unsere mittlerweile defavorisierte Spezies nur allzu freudig mit Füßen, weil man offiziell über Raucher schimpfen darf, seit man sie, wie Hunde, aus Restaurants und Kneipen verbannt hat. Andererseits bleibt die Raucherfront hartnäckig. Die jüngere Generation ist es schon gar nicht anders gewohnt, zum Rauchen raus zu gehen, man kann sich eine verrauchte Kneipe gar nicht mehr vorstellen. Andererseits hat diese Maßnahme genau den gegenteiligen Effekt gehabt, wie vermutlich ursprünglich intendiert – sollte das Rauchen nämlich durch den Ausschluss aus den behütenden Gastgeberwänden ungesellschaftlich gemacht werden, haben sich die Raucherrunden draußen mittlerweile stolz etabliert, sind aus der Kultur des Nachtlebens gar nicht mehr wegzudenken. Bei Wind und Wetter steht man im Kreise, wie Pinguine am Südpol, und hat niemals Eile, an den Tisch zurückzukehren, an denen sich die langweiligen Nichtraucher über Stunden hinweg die Ärsche plattwälzen (weswegen Nichtraucherpos auch generell unattraktiver oder zumindest kümmerlicher sind) wenn sie nicht sogar selbst mit hinaus kommen, da sonst niemand mehr am Tisch sitzt oder aber sie feststellen, dass Runden von gesellschaftlich Ausgestoßenen immer lustiger sind.

Rauchen ist Luxus. Lambert Wiesing definiert Luxus in seinem gleichnamigen Buch als Emanzipation aus der Zweckrationalität des Alltags. Das gleiche geschieht beim Rauchen:

Der Mensch macht durch die Erfahrung des Rauchens (weniger aktiv beim Rauchen, als eher in der Erfahrung, ein Raucher zu sein) eine Freiheitserfahrung. Er wird sich seiner Ausnahmestellung als homo humanis im Universum unmittelbar bewusst: er ist zwar ein vernünftiges Wesen, aber nicht determiniert durch diese Vernunft. Der Mensch ist frei, denn er hat die Wahl, sich für oder gegen diese Rationalität zu entscheiden. Für Wiesing Luxus, als eine Art des Besitzens, eine Weise der ästhetischen Selbsterfahrung, in der der Mensch sich als Mensch begreift. Rauchen ist ebenso eine ästhetische Erfahrung und damit Selbstzweck. Rauchen um des Rauchens willen. Rauchen als Transgression des Zweckdiktats. Eine Emanzipation gegen eine vollständige Einordnung in eine funktionale Gesellschaft. Und wenn man an der Zigarette zieht, ist das keineswegs wegen des Kreislaufs, dass einem schwindelt, sondern vor Freiheit!

Lambert Wiesing – Luxus, ISBN: 978-3-518-58627-3

Primum vivere, deinde philosophari

lat. für: Zuerst leben, danach philosophieren –

Ist die Philosophie nicht eine Art, wenn nicht sogar die höchste, des Reflektierens? Viele widersprechen jetzt empört, und das ist wohl verständlich, denn die individuellen Weisen des Reflektierens sind so vielfältig und individuell wie die Menschen selbst.

Aber um überhaupt über etwas zu reflektieren, muss dieses Etwas in erster Instanz durch Erfahrung zustande gekommen sein. Man braucht Ausgangsmaterial, mit dem man arbeiten kann. Eine Stoffsammlung, sozusagen. Die Erlebnisse und Erfahrungen sind das Material und die Philosophie ist das Werkzeug zur Verarbeitung.

Sicherlich wollen wir nicht allzu philosophil sein und zugeben, dass es noch viele andere, vermutlich nicht minder wirkungsvolle Verarbeitungs-, Bearbeitungsmechanismen gibt, um zu verdauen. Da wären zum Beispiel – ganz allgemein – Kunst, Musik, Literatur, Sport, – körperliche Arbeit, geistige Arbeit. Die Weltverarbeitungsmechanismen sind ebenso vielfältig wie individuell. Aber eines haben sie gemeinsam – es ist beinahe wie der Energieerhaltungssatz in der Physik: Die Saat von Erlebnissen – was meistens wohl Emotionen sind – schlägt, trifft sie auf fruchtbaren Boden, Wurzeln, um sodann, gen Licht, von einer anfänglich bloßen Idee, die von Außen herangetragen wird, heranzuwachsen und Früchte zu tragen. Etwas wird umgemünzt in etwas anderes, ein Werk – was das Ganze zu einem regelrecht schöpferischen Akt macht. Der gute Gärtner kultiviert bewusst. Er kennt sich mit der verschiedenen Beschaffenheit der Saat aus und weiß ideale Bedingungen für jeden einzelnen Samen zu schaffen. Ja, und viele Samen streut man gar nicht selbst, sondern werden von fremden Gärten herangetragen.

Es scheint aber tatsächlich nicht wichtig zu sein, auf welche Weise man sich mit dieser Saat auseinandersetzt – auch kann man alle der oben genannten Verarbeitungsmechanismen sowohl aktiv ausüben, als auch passiv genießen.

Pinselstriche, grob und breit, sanft oder kraftvoll, abrupt, elegant, beschwingt, schwermütig. Ein Gemälde des abstrakten Expressionismus spricht möglicherweise jemanden an, der in den scheinbar wahllos sich verirrenden und ineinander laufenden Linien, der beliebig anmutenden Farbwahl etwas sieht, was er nachvollziehen kann. Ob die Linien die versteckte Regung einer tiefen Leidenschaft der Seele nachzeichnen, oder eine Farbe den Ton einer spontanen Gemütswallung trifft – was ins Auge fällt, entscheidet letztendlich der Betrachter am einen Ende, der Maler am anderen.

Emotionen zu inkarnieren und zugänglich zu machen, das ist vielleicht die Aufgabe des Schauspielers. Wo wir uns vor einer Zurschaustellung von Gefühlen schämen, ist das Theater der Tempel ihrer Verehrung. Und wenn ein Hamlet sich wieder verzweifelt stammelnd fragt, was nobler ist – Selbstmord oder den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen – so ist es immer die gleiche Emotion in immer anderer Verkleidung, oder ist es immer eine andere Emotion, in immer der gleichen Verkleidung? Und ist es nicht letztendlich egal, wer da oben steht, in Wahrheit stehen wir selbst dort als Hamlet und erlauben unseren Emotionen einfach – zu sein.

Und wer ist mehr bewegt in der Musik – der Musikant, der dem Instrument mit Fingerfertigkeit Klänge entlockt, oder das Instrument, das erbebt unter der Gewalt, die auf es einwirkt, und dessen rhythmischer Schall sich einem Erdbeben gleich ausbreitet auch den Zuhörer erfasst und – bewegt. Sanfte Klänge werden hervorgelockt oder mit harten Schlägen herausgejagt, die Gedanken des Zuhörers harmonieren in ihren Nuancen synchron zu den dazu auftauchenden Tönen, oder umgekehrt – und gleich einem Notenblatt bekommen wir die Partitur unserer emotionalen Noten vor uns ausgebreitet.

Bei allen Beispielen verschwimmen die Rollen von Beweger und Bewegtem, es findet ein Kräfteaustausch statt, von dem jede Partie profitiert. Ursache und Wirkung sind nicht mehr getrennt, sondern ein und dasselbe. Kunst als Selbstzweck. L’art pour l’art.

Miles Davis soll gesagt haben, es gebe keinen falschen Ton. Nur die darauf folgenden Töne würden darüber entscheiden, ob ein Ton falsch ist, oder nicht. Als Allegorie könnte das bedeuten, die Qualität einer Erfahrung entscheidet nicht über ihren Wert, sondern ihre anschließende Einordnung ins Gesamtbild. Jedem geschehen blöde und schreckliche Sachen, darüber hat man keine Kontrolle. Nur, wie das Geschehene das weitere, kontrollierte Handeln bestimmt, entscheidet darüber, ob die Erfahrung einen besser oder schlechter macht – ob man das Erlebnis als Gelegenheit nutzt, etwas besser oder anders zu machen. Die Kraft der Verformung wirkt sowieso – würde Newton sagen, in die eine oder andere Richtung. Auf welche Art sie wirkt, wie sie umgemünzt wird – nur darüber haben wir Macht, zu bestimmen.

Man kann also auf vielerlei Arten darüber entscheiden, wie sich die Welt auf einen abdrückt. Sicher ist nur, dass sie sich abdrückt, eine Spur hinterlässt. Natürlich könnte man sich auch dazu entschließen, die Welt einfach auszuschließen. Wegschauen. Leugnen, dass sie einen affiziert. Wenn das Verarbeiten zu schwer fällt, ist es möglich, dass der Rückzug von allem als das Einfachste erscheint. Aber vielleicht ist es dann an der Zeit, einfach den Sieb neu zu justieren oder mal ein neues Rezept auszuprobieren. Die Suppe des Lebens kocht sich eben nicht von selbst, sicher ist nur, dass wir essen müssen.

Wahnsinn ist die Abwesenheit eines Werks – Michel Foucault

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

La Musique et l’Ineffable, éd. du Seuil, pp. 1O1-1O2

Vermessen

Manchmal schaue ich so ins Leere hinein.

Löcher in die Luft starren, sagt man. Aber das ist irgendwie ganz und gar nicht wahr, eher völlig das Gegenteil von dem, was man dabei tut, oder?

Mir kommt es eher so vor, als würde man die Welt strukturieren, indem man Gedanken auf sie strahlt. Man gliedert sie in Gedanken. Es ist ja nicht so, als wäre die Auflösung unserer Sehstärke in Pixeln definiert, wie in digitalen Bildern. Dennoch funktioniert die Metapher, dass es mir so vorkommt, als würde man den Spalt zwischen zwei Pixeln teilen und einen Gedanken in ihn hineinstecken. Und das in jedem Augenblick, dem man Löcher in die Luft starrt. Loch ist also ein irreführender Ausdruck, insofern Loch Leere suggeriert, dabei ist ja eher das Gegenteil der Fall, dass man etwas gehaltvolles hineingibt in die Luft, die Welt mit Gedanken füllt. Unsere Welt, das sind Raum und Zeit. Und diese versehen wir mit Gedanken.

Schwer, sich das in diesen zwei Dimensionen vorzustellen, aber mit Beispielen funktioniert das ganz gut: Erinnerungen sind oft ortsgebunden, wie in Prousts „verlorener Zeit“. Erinnerungen sind auch Gedanken. Demnach könnte man sagen, dass wir Orte mit Erinnerungen und Gedanken füllen.

Je öfter man diese Orte besucht, desto gehaltvoller sind diese mit Gedanken versehen. Der Arbeitsweg zum Beispiel, also die muffigen blauen Sitzpolster der Sbahn, die Szenerie, die wie ein Film Tag für Tag über die Fenster läuft, diese scheinen immer gleich, gewohnt. Hier verdichten sich die Gedanken zu einem großen Haufen undefinierbarer Masse. Zäh, gehäuft, und in diese begrenzten Räume und die Zeitspanne gepresst, die man Tag für Tag durchläuft. Viele Gedanken schon gedacht hier, die Karos des blauen Sitzes gegenüber betrachtet, ohne sie je richtig gesehen zu haben. An allen Plätzen hat man schon gesessen, vorne, hinten, und doch scheint es immer derselbe Platz zu sein.

Denn nicht nur schlaftrunkene dreißig Minuten in der früh auf dem Weg zur Arbeit und ausgelaugte dreißig Minuten Feierabend haften diesen Wänden an, sondern auch die Wege zu Partys, Museumsbesuchen, Kino-, Theaterbesuchen, aber auch Zahnarztterminen, Gerichtsterminen, Familienfeiern,, Rendez-vous … Kein bestimmtes Gefühl verbindet man mit diesem Ort, dem Inbegriff allen Transports und Unterwegsseins. Denn der Ort und die vorbeifliegende Landschaft ist immer gleich, die Stimme der Ansage ist auch immer gleich und auch die Gesichter der Leute schrumpfen auf einen einzigen undefinierbaren Gesichtsbrei zusammen. Hier ist man wie eingeschlossen in sein eigenes Gehirn, kaum Überraschendes und Neuartiges passiert hier, weil hier ja nichts von außen kommt, und man seelenruhig in Warteposition ist und nur wünscht, endlich da zu sein.

Anders ist das bei Orten, die man weniger häufig frequentiert. Wie zum Beispiel im Urlaub oder alles, was mit Ferne zu tun hat, mit Ungewohntem, Unentdecktem, noch nicht mit den Gedanken Vermessenem, Strukturiertem, und schließlich Zergliedertem. So scheint auch die Zeit an neuen Orten ungewöhnlich langsam zu vergehen, da es schlicht zu viele neue Dinge mit den Gedanken zu vermessen gilt.

Neue Orte mit den eigenen Gedanken zu versehen, jede neue Ecke und jeden Pflasterstein in sein Bewusstsein aufzusaugen, schauen was darin passiert und im selben Moment und in der gleichen Bewegung etwas von seinen Gedanken hineinstecken –

Das ist schön.

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Die Autobahn

„Ich verwandle mich zu schnell: mein Heute widerlegt mein Gestern. Ich überspringe oft die Stufen, welche ich steige – das verzeiht mir keine Stufe.“ – Also sprach Zarathustra, F.Nietzsche

*

Die Autobahn an sich ist ja so eine Art Nicht-Ort. Wie auch Flughäfen oder Bahnhöfe. Diese Nicht-Orte sind nicht für den Aufenthalt bestimmt. Nur Übergangsorte, Verbindungen zweier Punkte in Raum und Zeit durch Raum und Zeit.

Lustig, wenn auf Schildern auf manchen Autobahnen zur Information steht: Bis zu diesem Ort – 25 Minuten. Den Raum mit dem Maßband der Zeit gemessen – schön!

Wie wäre es mit einer Analogie: Die Autobahn ist das bewusste Erleben und das Fühlen.

Manches will einfach nur gefühlt werden und es braucht keinen Grund.

Wenn man die Abfahrt verpasst, muss man irgendwann zurückfahren, wofür man natürlich mehr Zeit und Energie aufwenden muss. Hätte man in erster Instanz daran gedacht, die Gefühle schlicht und einfach nur zu FÜHLEN, hätten sie sich selbst aufgebraucht, konsumiert, wie Gefühle eben so sind – flüchtig, und süchtig nach Beachtung.

Wenn sie nicht beachtet werden, dann sammeln sie sich an, stapeln sie sich wie unbearbeitete Akten im Fach, hämmern mit Fäusten gegen ihr Gefängnis und schreien um Geltung – und irgendwann platzt das Fach, wird von der Fülle schier gesprengt. Und dann steht man da – und muss tage- und nächtelang Überstunden schieben!

Und auf der Autobahn?

Wenn man von der Fernstraße, also der Welt, abfährt, intendiert man anzukommen, oder zurückzukehren – wohin? Zu sich, an einen Ort, völlig egal. An einen Ort, um die Eindrücke sacken zu lassen, an sich heranzulassen, zu beobachten, zu reflektieren. Und erst wenn man instand gesetzt ist, kann man wieder losfahren. Wenn man allzu unbesorgt und unbeeindruckt von der Strecke ist, kann es leicht passieren, dass man eine Panne hat, oder das Benzin plötzlich aus ist.

Für Unaufmerksamkeit zahlt man einen hohen Preis.

So ist es mit der eigenen Subjektivität.

Es ist wichtig, hin und wieder abzufahren, denn sonst wäre man die ganze Zeit ja nur unterwegs.

Und ohne Ziel. Ohne Start- und Endpunkt.

Im Nirgendwo.

Das Fahren wäre ein sinnloses Einerlei.

Das Ziel ist die Summe aller bis dahin gefahrenen Strecken. Dort laufen alle Wege ineinander. Man realisiert und rekapituliert.