Zufall

In dieser großen, weiten, unübersichtlichen Welt gibt es manchmal so etwas wie schöne Zufälle.

Manchmal nennen wir es Schicksal, wenn uns etwas passiert, dessen Wahrscheinlichkeit wir für sehr gering halten, während das Ereignis so bedeutend und weltumkrempelnd für uns ist, dass wir nicht glauben können, dass es genauso gut auch nicht hätte eintreten können.

„Als Zufall bezeichnet man das Zusammentreffen bzw. die Überlagerung von zwei notwendigen Kausalketten, an deren Schnittstelle jemand sich absichtslos befindet.“
– Raphael Enthoven, Arte Philosophie

Ein Ereignis, eine Begegnung, ein Mensch, der in unser Leben tritt oder es verlässt – manchmal macht es so sehr Sinn für uns, dass etwas passiert, dass das Nicht-Eintreten  absurd und unwirklich anmuten mag. Diese eine unmögliche Möglichkeit, an die Wirklichkeit getreten mit einer statistisch verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit, ist nun Wirklichkeit, und man hatte sie nicht für möglich gehalten, ja nicht einmal gesehen!

Die Kette der Zufälle, die für das Eintreten einer Situation verantwortlich sind, sind so unüberschaubar lang, die Zusammenhänge viel zu komplex, als dass man damit hätte rechnen können, ja als dass man das Ereignis etwa selbst hätte herbeiführen können! Die Überraschung, mit der man reagiert, diese Fassungslosigkeit, versetzt uns in einen Zustand der Demut.

Gott, Schicksal, Karma, Zufall – wenn man begreift, dass es Kausalitäten gibt, die sich dem eigenen Wirkungsbereich entziehen, postuliert man eine dieser Übermächte. Demütig „fügt man sich dem Schicksal“ oder „vertraut auf Gottes Plan“, denn was will man anderes tun angesichts solcher Autoritäten, mit denen es sich auch noch relativ schwer kommunizieren lässt? Akzeptanz, Fügung. Eine beängstigende Vorstellung – äußere Instanzen, die unser Leben und das Milliarden anderer steuern. Sie sind Spieler und sie spielen uns. Wir werden gespielt. Sie sorgen dafür, dass wir Leuten begegnen, dass wir Glück und Pech haben – in der Hoffnung, dass wir wie Sims oder Laborratten in einem Labyrinth dorthin gehen, wo sie uns gern haben wollen – an den Platz, der für uns vorgesehen ist.

Glücklicherweise gibt es diesen Platz nicht – oder zumindest bestimmen wir ihn selbst.

„Wenn ihr wisst, dass es keine Zwecke gibt, so wisst ihr auch, dass es keinen Zufall gibt, denn nur neben einer Welt von Zwecken hat der Zufall einen Sinn.“
(F.Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft)

Zufälle werden nur retrospektiv bedeutend. Man gibt Ereignissen rückblickend diese oder jene Bedeutung, weil man erst, wenn sie vorüber sind, ihre Tragweite begreifen kann. Man verleiht ihnen einen Sinn. Der Sinn, das sind die Lehren, die man zieht. Oder das Geschehene veranlasst einen dazu, einen neuen Weg einzuschlagen, mit alten Mustern zu brechen.

Man hält das Ereignis, das durch außen auf einen gewirkt hat, für die eigene innere Veränderung für verantwortlich. Einem ist geschehen, man wurde bewegt – das heißt, eigentlich angestoßen, die anschließende Bewegung vollzog man von ganz allein. Man „bekam einen Anstoß“, oder auch einen „Aufschwung“ oder „Auftrieb“, den man aus eigener Kraft nicht bekommen hätte. Das Ereignis ist die äußere Instanz, die einen beeinflussen kann.

Kann. Und jetzt verleihen wir dem Subjekt mal wieder ein bisschen mehr Mündigkeit. Ein bloßer Gegenstand, ein Objekt, ist auf äußere Einflüsse angewiesen, sonst bewegt es sich nicht. Und sein Aufschwung oder die Richtung, die es nimmt, ist determiniert durch die äußere Kraft, absolut berechenbar. Wir als Subjekte, definiert durch Introspektion und Bewusstsein, sind relativ frei. Wir können uns auch durch innere Kraft bewegen und sind nicht unmittelbar auf das Äußere angewiesen – primitivere Organismen funktionieren nur nach dem Reiz-Reaktionsschema, das durch Komplexität Abstufung findet. Aber wenn wir angestoßen werden, dürfen wir entscheiden, wie wir uns verhalten. Natürlich könnte man dem entgegenhalten, dass dieses Reiz-Reaktionsschema bei solch komplexen Organismen wie uns nur so unberechenbar scheint, weil man noch (!) nicht alle Faktoren erfassen und berücksichtigen kann, die einen dazu treiben, so zu handeln, wie man handelt. Das wäre dann wieder die Frage nach dem freien Willen.

Egal, bleiben wir poetisch.

Kann auch sein, dass man äußeren Instanzen wie Gott oder dem Schicksal deshalb so eine Autorität zumisst, weil einen der Gedanke, wirklich völlig frei zu sein, beängstigt. Und wenn man selbst realisiert, dass man der einzige ist, der nicht etwa einzelnen Ereignissen, sondern auch seinem ganzen Leben wirklich Sinn verleihen kann, mag das überfordern. Was heißt mag, ja – es ist überfordernd, jeden Tag. Aus großer Macht folgt ja auch große Verantwortung…

Aber es nicht schwarz-weiß. Äußere und innere Umstände bewegen uns. Wir sind weder die Sklaven unserer Erfahrungen, noch Götter auf der Erde. Die Freiheit liegt vielleicht darin, es zu erkennen und abstimmen zu können. Außenwelt bedeutet nicht immer Unberechenbarkeit und Innenwelt nicht zugleich Sicherheit und Zuflucht. Oft genug sind die Bedingungen außen günstig und dennoch schwanken unsere inneren Säulen. Und umgekehrt, manchmal ist man im Chaos völlig ruhig und selig.

Die Lehre, die wir jetzt daraus ziehen?

Akzeptieren, was man nicht ändern kann und die Schranken des eigenen Wirkens erkennen. Und dennoch die Verantwortung, frei zu sein, nicht zu verkennen: nicht innerhalb seiner Schranken bleiben, höher streben, bis sie sich biegen und möglicherweise sogar zurückweichen.

Denn wir sind so groß und so klein zugleich.

Ein Loblied aufs Rauchen

Rauchen ist schön.

Rauchen ist toll.

Rauchen ist – tödlich?

Rauchen macht das Leben kürzer.

Aber Rauchen macht das Leben auch schöner.

Rauchen …

Klar weiß man als Raucher, dass Rauchen ungesund ist. Mitunter tödlich sein kann. Einer von Zweien stirbt an den Folgen! Trotzdem hat man mehr Angst, bei einem Unfall zu sterben. Psychologisch gesehen gibt es dafür auch Erklärungen, zum Beispiel, dass man beim Rauchen das Gefühl hat, man hätte eine Art Kontrolle darüber: man wird vor eine Wahl gestellt und entscheidet bewusst – wohingegen man bei einem Unfall völlig äußeren Kausalitäten ausgeliefert ist. Beim Rauchen verabreicht man sich das Gift in geringen Mengen selbst – eine schleichende Selbstvergiftung, mit der man zwar nicht unbedingt einverstanden ist, die man aber in Kauf nimmt. Eigentlich irrational.

Ein Ja zu einer Zigarette fühlt sich an, als würde man sich etwas gönnen.

Ja, weil sie so gut zum Kaffee schmeckt und der Kaffee besser mit Zigarette.

Ja, weil sie so gut zum Rotwein schmeckt und der Rotwein besser mit Zigarette.

Ja, nach dem Essen, denn dann verdaut’s sich besser.

Ja, komm wir rauchen jetzt noch eine, bevor wir uns verabschieden.

Die Zigarette vervollständigt Rituale und ist selbst eines.

Sie besiegelt keine Verträge, sondern Momente.

Der Tag wird somit übersichtlich, lässt sich an Zigarettenpausen und -längen messen. Die Zigaretten sind ein viel besserer Maßstab als Stunden und Minuten, weil sie subjektiv sind. Wenn viel passiert, wird auch mehr geraucht. Manche Tage scheinen länger als andere, und Zigaretten sind eine flexible Maßeinheit.

Viele kleine Rebellionen am Tag. Rebellion gegen das eigene Fleisch? Seinen Verfall verhöhnen, trotzig an der Kippe ziehen und demonstrieren: Ich bin mehr als mein Fleisch…! Oder ist es eine Rebellion gegen die Gesellschaft?

Mittlerweile ist Rauchen gesellschaftlich nur noch geduldet, aber unleugbar geächtet. Beinahe alle Gesellschaftsschichten haben die Raucher schon durch – Pfeife, Zigarre, Zigarette als Statussymbol, Zeichen des Wohlstands, des Mannes von Welt, der Frau von Welt, Zeichen des verwegenen Mannes, der rebellischen Frau. Damals Rauchen im Fernsehen, in Talkshows, in Cafes und Restaurants, im Klassenzimmer, in der Bahn, im Flugzeug – heute abgetrennte Raucherbereiche, kaltherzig eingerichtete Kabinen, deren denunzierende Verglasung schamlos preisgibt, wie man schuldbewusst seinem Laster frönt. Oh ja, als Raucher muss man heutzutage eine dicke Haut haben, neben außerdem kräftigen Lungen.

Aber Rauchen ist nicht nur Trotz. Die Trotzhaltung ist vielschichtiger. In gewisser Hinsicht hat es etwas mit Trotz zu tun, denn man trotzt gesellschaftlichen Erwartungen, sowie gesundheitlichen Tatsachen – und keiner kann diese Tatsachen noch ernsthaft leugnen oder ignorieren, in Zeiten der zerfetzten Lungenflügeln, abgestorbenen Zehen und traurigen Männern mit Potenzproblemen auf Tabakprodukten. Nein, es ist ein bewusster Verstoß. Es ist etwas, das man sich bewusst gönnt. Es ist zwar nicht verboten, aber irgendwie schon.

Stieß man früher noch bei der Frage nach „schnell mal Feuer“ auf eine nahezu hundertprozentig positive Antwort, ist das heute seltener – herablassend wird einem geantwortet: „Nein, ich bin Nichtraucher.“ Nie war Missbilligung so einfach! Beim herzerwärmenden Moment jedoch, wenn man dann mal Feuer bekommt, wenn einem zärtlich der durch die erwartungsvoll bebenden Lippen zitternde, sich zu glimmen wünschende Stängel angezündet wird, ist das ein sowohl feierlicher, als auch sexueller Moment. Ja, du, Fremder, hast meine Leidenschaft wirklich entfacht! Die Gesellschaft hasst Promiskuität, deshalb hasst sie Raucher. Aber wir Raucher, wir schlafen alle miteinander, denn was sind die Raucherrunden anderes als Orgien, eine gemeinsame leidenschaftliche Hingabe an das Schönste aller Laster …?

Rauchen ist wie ein Club, wie eine geheime Bruderschaft. Der Zusammenhalt unter Rauchern ist stark. Und selbst ehemalige Raucher sind in Vielem verständnisvoller als Nichtraucher. Mit einem rührseligen Blick, als würden sie sich an andere, bessere Zeiten erinnern, zücken sie das Feuerzeug, das sie nur noch aus Gewohnheit – oder als Andenken? – bei sich tragen, und reichen es dir, soviel Abstand muss sein. Die Nichtraucherfraktion indes ist dermaßen intolerant und missgünstig, schimpft auf „die Raucher“, und tritt diese unsere mittlerweile defavorisierte Spezies nur allzu freudig mit Füßen, weil man offiziell über Raucher schimpfen darf, seit man sie, wie Hunde, aus Restaurants und Kneipen verbannt hat. Andererseits bleibt die Raucherfront hartnäckig. Die jüngere Generation ist es schon gar nicht anders gewohnt, zum Rauchen raus zu gehen, man kann sich eine verrauchte Kneipe gar nicht mehr vorstellen. Andererseits hat diese Maßnahme genau den gegenteiligen Effekt gehabt, wie vermutlich ursprünglich intendiert – sollte das Rauchen nämlich durch den Ausschluss aus den behütenden Gastgeberwänden ungesellschaftlich gemacht werden, haben sich die Raucherrunden draußen mittlerweile stolz etabliert, sind aus der Kultur des Nachtlebens gar nicht mehr wegzudenken. Bei Wind und Wetter steht man im Kreise, wie Pinguine am Südpol, und hat niemals Eile, an den Tisch zurückzukehren, an denen sich die langweiligen Nichtraucher über Stunden hinweg die Ärsche plattwälzen (weswegen Nichtraucherpos auch generell unattraktiver oder zumindest kümmerlicher sind) wenn sie nicht sogar selbst mit hinaus kommen, da sonst niemand mehr am Tisch sitzt oder aber sie feststellen, dass Runden von gesellschaftlich Ausgestoßenen immer lustiger sind.

Rauchen ist Luxus. Lambert Wiesing definiert Luxus in seinem gleichnamigen Buch als Emanzipation aus der Zweckrationalität des Alltags. Das gleiche geschieht beim Rauchen:

Der Mensch macht durch die Erfahrung des Rauchens (weniger aktiv beim Rauchen, als eher in der Erfahrung, ein Raucher zu sein) eine Freiheitserfahrung. Er wird sich seiner Ausnahmestellung als homo humanis im Universum unmittelbar bewusst: er ist zwar ein vernünftiges Wesen, aber nicht determiniert durch diese Vernunft. Der Mensch ist frei, denn er hat die Wahl, sich für oder gegen diese Rationalität zu entscheiden. Für Wiesing Luxus, als eine Art des Besitzens, eine Weise der ästhetischen Selbsterfahrung, in der der Mensch sich als Mensch begreift. Rauchen ist ebenso eine ästhetische Erfahrung und damit Selbstzweck. Rauchen um des Rauchens willen. Rauchen als Transgression des Zweckdiktats. Eine Emanzipation gegen eine vollständige Einordnung in eine funktionale Gesellschaft. Und wenn man an der Zigarette zieht, ist das keineswegs wegen des Kreislaufs, dass einem schwindelt, sondern vor Freiheit!

Lambert Wiesing – Luxus, ISBN: 978-3-518-58627-3

Primum vivere, deinde philosophari

lat. für: Zuerst leben, danach philosophieren –

Ist die Philosophie nicht eine Art, wenn nicht sogar die höchste, des Reflektierens? Viele widersprechen jetzt empört, und das ist wohl verständlich, denn die individuellen Weisen des Reflektierens sind so vielfältig und individuell wie die Menschen selbst.

Aber um überhaupt über etwas zu reflektieren, muss dieses Etwas in erster Instanz durch Erfahrung zustande gekommen sein. Man braucht Ausgangsmaterial, mit dem man arbeiten kann. Eine Stoffsammlung, sozusagen. Die Erlebnisse und Erfahrungen sind das Material und die Philosophie ist das Werkzeug zur Verarbeitung.

Sicherlich wollen wir nicht allzu philosophil sein und zugeben, dass es noch viele andere, vermutlich nicht minder wirkungsvolle Verarbeitungs-, Bearbeitungsmechanismen gibt, um zu verdauen. Da wären zum Beispiel – ganz allgemein – Kunst, Musik, Literatur, Sport, – körperliche Arbeit, geistige Arbeit. Die Weltverarbeitungsmechanismen sind ebenso vielfältig wie individuell. Aber eines haben sie gemeinsam – es ist beinahe wie der Energieerhaltungssatz in der Physik: Die Saat von Erlebnissen – was meistens wohl Emotionen sind – schlägt, trifft sie auf fruchtbaren Boden, Wurzeln, um sodann, gen Licht, von einer anfänglich bloßen Idee, die von Außen herangetragen wird, heranzuwachsen und Früchte zu tragen. Etwas wird umgemünzt in etwas anderes, ein Werk – was das Ganze zu einem regelrecht schöpferischen Akt macht. Der gute Gärtner kultiviert bewusst. Er kennt sich mit der verschiedenen Beschaffenheit der Saat aus und weiß ideale Bedingungen für jeden einzelnen Samen zu schaffen. Ja, und viele Samen streut man gar nicht selbst, sondern werden von fremden Gärten herangetragen.

Es scheint aber tatsächlich nicht wichtig zu sein, auf welche Weise man sich mit dieser Saat auseinandersetzt – auch kann man alle der oben genannten Verarbeitungsmechanismen sowohl aktiv ausüben, als auch passiv genießen.

Pinselstriche, grob und breit, sanft oder kraftvoll, abrupt, elegant, beschwingt, schwermütig. Ein Gemälde des abstrakten Expressionismus spricht möglicherweise jemanden an, der in den scheinbar wahllos sich verirrenden und ineinander laufenden Linien, der beliebig anmutenden Farbwahl etwas sieht, was er nachvollziehen kann. Ob die Linien die versteckte Regung einer tiefen Leidenschaft der Seele nachzeichnen, oder eine Farbe den Ton einer spontanen Gemütswallung trifft – was ins Auge fällt, entscheidet letztendlich der Betrachter am einen Ende, der Maler am anderen.

Emotionen zu inkarnieren und zugänglich zu machen, das ist vielleicht die Aufgabe des Schauspielers. Wo wir uns vor einer Zurschaustellung von Gefühlen schämen, ist das Theater der Tempel ihrer Verehrung. Und wenn ein Hamlet sich wieder verzweifelt stammelnd fragt, was nobler ist – Selbstmord oder den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen – so ist es immer die gleiche Emotion in immer anderer Verkleidung, oder ist es immer eine andere Emotion, in immer der gleichen Verkleidung? Und ist es nicht letztendlich egal, wer da oben steht, in Wahrheit stehen wir selbst dort als Hamlet und erlauben unseren Emotionen einfach – zu sein.

Und wer ist mehr bewegt in der Musik – der Musikant, der dem Instrument mit Fingerfertigkeit Klänge entlockt, oder das Instrument, das erbebt unter der Gewalt, die auf es einwirkt, und dessen rhythmischer Schall sich einem Erdbeben gleich ausbreitet auch den Zuhörer erfasst und – bewegt. Sanfte Klänge werden hervorgelockt oder mit harten Schlägen herausgejagt, die Gedanken des Zuhörers harmonieren in ihren Nuancen synchron zu den dazu auftauchenden Tönen, oder umgekehrt – und gleich einem Notenblatt bekommen wir die Partitur unserer emotionalen Noten vor uns ausgebreitet.

Bei allen Beispielen verschwimmen die Rollen von Beweger und Bewegtem, es findet ein Kräfteaustausch statt, von dem jede Partie profitiert. Ursache und Wirkung sind nicht mehr getrennt, sondern ein und dasselbe. Kunst als Selbstzweck. L’art pour l’art.

Miles Davis soll gesagt haben, es gebe keinen falschen Ton. Nur die darauf folgenden Töne würden darüber entscheiden, ob ein Ton falsch ist, oder nicht. Als Allegorie könnte das bedeuten, die Qualität einer Erfahrung entscheidet nicht über ihren Wert, sondern ihre anschließende Einordnung ins Gesamtbild. Jedem geschehen blöde und schreckliche Sachen, darüber hat man keine Kontrolle. Nur, wie das Geschehene das weitere, kontrollierte Handeln bestimmt, entscheidet darüber, ob die Erfahrung einen besser oder schlechter macht – ob man das Erlebnis als Gelegenheit nutzt, etwas besser oder anders zu machen. Die Kraft der Verformung wirkt sowieso – würde Newton sagen, in die eine oder andere Richtung. Auf welche Art sie wirkt, wie sie umgemünzt wird – nur darüber haben wir Macht, zu bestimmen.

Man kann also auf vielerlei Arten darüber entscheiden, wie sich die Welt auf einen abdrückt. Sicher ist nur, dass sie sich abdrückt, eine Spur hinterlässt. Natürlich könnte man sich auch dazu entschließen, die Welt einfach auszuschließen. Wegschauen. Leugnen, dass sie einen affiziert. Wenn das Verarbeiten zu schwer fällt, ist es möglich, dass der Rückzug von allem als das Einfachste erscheint. Aber vielleicht ist es dann an der Zeit, einfach den Sieb neu zu justieren oder mal ein neues Rezept auszuprobieren. Die Suppe des Lebens kocht sich eben nicht von selbst, sicher ist nur, dass wir essen müssen.

Wahnsinn ist die Abwesenheit eines Werks – Michel Foucault

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

La Musique et l’Ineffable, éd. du Seuil, pp. 1O1-1O2

Vermessen

Manchmal schaue ich so ins Leere hinein.

Löcher in die Luft starren, sagt man. Aber das ist irgendwie ganz und gar nicht wahr, eher völlig das Gegenteil von dem, was man dabei tut, oder?

Mir kommt es eher so vor, als würde man die Welt strukturieren, indem man Gedanken auf sie strahlt. Man gliedert sie in Gedanken. Es ist ja nicht so, als wäre die Auflösung unserer Sehstärke in Pixeln definiert, wie in digitalen Bildern. Dennoch funktioniert die Metapher, dass es mir so vorkommt, als würde man den Spalt zwischen zwei Pixeln teilen und einen Gedanken in ihn hineinstecken. Und das in jedem Augenblick, dem man Löcher in die Luft starrt. Loch ist also ein irreführender Ausdruck, insofern Loch Leere suggeriert, dabei ist ja eher das Gegenteil der Fall, dass man etwas gehaltvolles hineingibt in die Luft, die Welt mit Gedanken füllt. Unsere Welt, das sind Raum und Zeit. Und diese versehen wir mit Gedanken.

Schwer, sich das in diesen zwei Dimensionen vorzustellen, aber mit Beispielen funktioniert das ganz gut: Erinnerungen sind oft ortsgebunden, wie in Prousts „verlorener Zeit“. Erinnerungen sind auch Gedanken. Demnach könnte man sagen, dass wir Orte mit Erinnerungen und Gedanken füllen.

Je öfter man diese Orte besucht, desto gehaltvoller sind diese mit Gedanken versehen. Der Arbeitsweg zum Beispiel, also die muffigen blauen Sitzpolster der Sbahn, die Szenerie, die wie ein Film Tag für Tag über die Fenster läuft, diese scheinen immer gleich, gewohnt. Hier verdichten sich die Gedanken zu einem großen Haufen undefinierbarer Masse. Zäh, gehäuft, und in diese begrenzten Räume und die Zeitspanne gepresst, die man Tag für Tag durchläuft. Viele Gedanken schon gedacht hier, die Karos des blauen Sitzes gegenüber betrachtet, ohne sie je richtig gesehen zu haben. An allen Plätzen hat man schon gesessen, vorne, hinten, und doch scheint es immer derselbe Platz zu sein.

Denn nicht nur schlaftrunkene dreißig Minuten in der früh auf dem Weg zur Arbeit und ausgelaugte dreißig Minuten Feierabend haften diesen Wänden an, sondern auch die Wege zu Partys, Museumsbesuchen, Kino-, Theaterbesuchen, aber auch Zahnarztterminen, Gerichtsterminen, Familienfeiern,, Rendez-vous … Kein bestimmtes Gefühl verbindet man mit diesem Ort, dem Inbegriff allen Transports und Unterwegsseins. Denn der Ort und die vorbeifliegende Landschaft ist immer gleich, die Stimme der Ansage ist auch immer gleich und auch die Gesichter der Leute schrumpfen auf einen einzigen undefinierbaren Gesichtsbrei zusammen. Hier ist man wie eingeschlossen in sein eigenes Gehirn, kaum Überraschendes und Neuartiges passiert hier, weil hier ja nichts von außen kommt, und man seelenruhig in Warteposition ist und nur wünscht, endlich da zu sein.

Anders ist das bei Orten, die man weniger häufig frequentiert. Wie zum Beispiel im Urlaub oder alles, was mit Ferne zu tun hat, mit Ungewohntem, Unentdecktem, noch nicht mit den Gedanken Vermessenem, Strukturiertem, und schließlich Zergliedertem. So scheint auch die Zeit an neuen Orten ungewöhnlich langsam zu vergehen, da es schlicht zu viele neue Dinge mit den Gedanken zu vermessen gilt.

Neue Orte mit den eigenen Gedanken zu versehen, jede neue Ecke und jeden Pflasterstein in sein Bewusstsein aufzusaugen, schauen was darin passiert und im selben Moment und in der gleichen Bewegung etwas von seinen Gedanken hineinstecken –

Das ist schön.

19987503_1457458487655908_734885088_n

Die Autobahn

„Ich verwandle mich zu schnell: mein Heute widerlegt mein Gestern. Ich überspringe oft die Stufen, welche ich steige – das verzeiht mir keine Stufe.“ – Also sprach Zarathustra, F.Nietzsche

*

Die Autobahn an sich ist ja so eine Art Nicht-Ort. Wie auch Flughäfen oder Bahnhöfe. Diese Nicht-Orte sind nicht für den Aufenthalt bestimmt. Nur Übergangsorte, Verbindungen zweier Punkte in Raum und Zeit durch Raum und Zeit.

Lustig, wenn auf Schildern auf manchen Autobahnen zur Information steht: Bis zu diesem Ort – 25 Minuten. Den Raum mit dem Maßband der Zeit gemessen – schön!

Wie wäre es mit einer Analogie: Die Autobahn ist das bewusste Erleben und das Fühlen.

Manches will einfach nur gefühlt werden und es braucht keinen Grund.

Wenn man die Abfahrt verpasst, muss man irgendwann zurückfahren, wofür man natürlich mehr Zeit und Energie aufwenden muss. Hätte man in erster Instanz daran gedacht, die Gefühle schlicht und einfach nur zu FÜHLEN, hätten sie sich selbst aufgebraucht, konsumiert, wie Gefühle eben so sind – flüchtig, und süchtig nach Beachtung.

Wenn sie nicht beachtet werden, dann sammeln sie sich an, stapeln sie sich wie unbearbeitete Akten im Fach, hämmern mit Fäusten gegen ihr Gefängnis und schreien um Geltung – und irgendwann platzt das Fach, wird von der Fülle schier gesprengt. Und dann steht man da – und muss tage- und nächtelang Überstunden schieben!

Und auf der Autobahn?

Wenn man von der Fernstraße, also der Welt, abfährt, intendiert man anzukommen, oder zurückzukehren – wohin? Zu sich, an einen Ort, völlig egal. An einen Ort, um die Eindrücke sacken zu lassen, an sich heranzulassen, zu beobachten, zu reflektieren. Und erst wenn man instand gesetzt ist, kann man wieder losfahren. Wenn man allzu unbesorgt und unbeeindruckt von der Strecke ist, kann es leicht passieren, dass man eine Panne hat, oder das Benzin plötzlich aus ist.

Für Unaufmerksamkeit zahlt man einen hohen Preis.

So ist es mit der eigenen Subjektivität.

Es ist wichtig, hin und wieder abzufahren, denn sonst wäre man die ganze Zeit ja nur unterwegs.

Und ohne Ziel. Ohne Start- und Endpunkt.

Im Nirgendwo.

Das Fahren wäre ein sinnloses Einerlei.

Das Ziel ist die Summe aller bis dahin gefahrenen Strecken. Dort laufen alle Wege ineinander. Man realisiert und rekapituliert.

Training

Schreiben ist nicht alles.

Es ist ein naiver Versuch, Gedanken in eine Form zu pressen, ihnen eine Schablone überzulegen und zu beobachten, was herauskommt. Dabei bleibt auch ganz viel von der Schablone verdeckt oder an der Form, die den Gedanken in die Wirklichkeit ausgestochen hat, hängen.

Vollständig kann man Gedanken also nicht fassen, es geht immer etwas bei der Übersetzung verloren. Man muss die richtige Methode gut wählen. Die richtige Methode erweist sich oft aber nur im Nachhinein als solche, am Ergebnis quasi. Anhand der Gedanken ist es schwierig, zu entscheiden, welche Methode, welche Form, Schablone sich für ihn eignet.

Man kann nicht alles zerdenken. Zergliedern. Analysieren.

Vieles am Menschen ist nicht rational. Der Geist ist nicht einmal nur rational! Und es wäre zu einfach, zu denken, der Mensch würde sich in Verstand und Gefühl, Geist und Körper gliedern. Als wären beides Antagonisten, würden Krieg gegeneinander führen. Nein, sie ergänzen einander vielmehr, wollen gleichberechtigt sein und sind auch gleichermaßen geltungsbedürftig! Das intuitive Bauchgefühl ist oft richtiger als das tausendfache Drehen und Wenden eines Sachverhalts.

Erfahren, am Leibe, am eigenen Leib erfahren. Das ist es. Der arme Kopf, ihn würde die Flut an Erfahrungen schier ertränken! Und der Körper würde sich beschweren, warum er nichts abbekommt, würde fragen, warum er denn überhaupt noch da ist, nur, um den Geist instand zu halten? Sehr gemein! Auch der Körper will mit wohltuenden Erlebnissen verwöhnt werden und will auch mal Schmerzen fühlen.

Schmerzen für den Körper sind wie Schranken für den Geist.

Beide machen Erfahrung ihrer eigenen Grenzen.

Und erweitern sie.

Sport. Gehirntraining. Training.

Was tun!

Das, was das Leben Jahr um Jahr, Tag um Tag und Minute um Minute erneuert, ist das Bewusstsein um die Vergänglichkeit. Immer drängender jedes Mal, immer intensiver und präsenter wird einem der eigene Verfall, die eigene bloße Fleischlichkeit, während der Geist der einzige scheint, der sich im Alter noch behaupten kann. Haltlos scheint das Ganze, geworfen ist man ins Leben und taumelnd versucht man, sich an irgendetwas festzuhalten.

Aber wo soll man sich festhalten im ewigen Vergehen? Im ständigen Fortschreiten der Zeit. Wobei es natürlich auch fraglich scheint, wo die Zeit hinschreitet, ja bezweifelbar, ob sie wirklich fortschreitet. Wo kann man sich festbeißen, wo sich im Wandel eine Zuflucht suchen, eine Illusion von Beständigkeit? Eine Konstante in Raum und Zeit, ach welch schöne Vorstellung für uns kurvige Menschen, wie schön es wäre, eine Gerade zu sein!

Vielleicht aber kann nur aus der eigenen Vergänglichkeit Vertrauen in sich gewonnen werden, denn immerhin sicher ist es ja, das eigene Vergehen. Man kann sich keine Konstante in Charakter, Körper und Geist sein, und trotzdem trägt man das gleiche Ich in sich, nein, man ist dieses Ich vielmehr, verkörpert und vergeistigt dieses Ich, und während alles vor einem vorüberzieht bleibt man stets dieses Ich, man selbst, man ist Beobachter und Erleber zugleich. Diese Position könnte wohl die gesuchte Konstante sein. Auch wenn die Blickwinkel nie dieselben sein mögen, die Bilder nie dieselben.

Diese Einsicht kann einen schwindeln machen, die Arme fallen kraft-, haltlos herunter und das Herz rutscht einem in den Magen. Angst, zu sterben, verrückt zu werden, die Kontrolle zu verlieren. Man scheint sich plötzlich leiblich bewusst zu werden, wie ohnmächtig, klein und allein man im Universum ist und es scheint keinen rationalen Trost zu geben, keine Gewissheit mehr, an die man sich verzweifelt klammern kann, denn alles schwindet und löst sich auf. Keine Zuflucht mehr, kein Verstecken.

Wer oder was ist es aber denn nun, von dem sich Hoffnung schöpfen lässt? Andere Instanzen, Personen, oder gar Routine, Gewöhnung? An was lässt sich klammern? Oder ist man dazu verurteilt, haltlos den Raum zu zeitigen, die Zeit verräumen, einfach nur sinnlos zu vergehen im Unsinn?

Möglicherweise ist es ja das eigene Schöpfertum. Indem man erschafft, Werken Leben gibt. Gleich einem Gott? Sich selbst eine Götterposition anmaßen? Nein, denn erschaffen und vergehen, das ist das Urprinzip auf dieser Welt und das Menschlichste, das es gibt. Leben geben, gebären, einen kleinen Teil seiner selbst extrahieren und einem neuen Kunstwerk geben.

Mein Geist, mein Körper, mein Ich, das ist kein Gefängnis, kein abgeschlossener Raum von dem Rest der Welt, sondern Teil von ihr. So wie mich der Lauf der Erde geschöpft hat, so schöpfe ich weiter. Das ist der einzige Weg, tatsächlich Unsterblichkeit zu erlangen.