Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört – Episode II

Nun soll es weiter gehen mit unserer allzu nachsichtigen Kritik. Außerdem möchte ich ankündigen, dass ich glaube, noch nicht alles zu dem Thema gesagt zu haben und deshalb noch einen dritten Teil vorbereite. In Anbetracht von so viel Negativität ist es wohl auch in Ordnung anzukündigen, dass Episode III sehr viel positiver wird!
So, aber jetzt noch mal ganz im Ernst:

Während storytechnisch die verhassten Prequels tatsächlich mehr zu bieten hatten als die kontrastreiche Originaltrilogie mit ihren stereotypischen Charakteren, simpel strukturierten Handlungssträngen sowie klaren Oppositionen, verlassen sich die Macher der neuen Trilogie auf diese vermeintlich konstruktive Kritik der Fans: statt politischer Intrigen besteht wieder die altbewährte Konstellation: offener Krieg. Gut und Böse.

Das neue Imperium, die sogenannte „erste Ordnung“ ist böse, weil (und jetzt wage ich mich mal großzügigerweise an eine Definition heran, die ich aus den dürftigen Erklärungen von Episode VII zu erschließen versuche) es autoritäre Strukturen hat – die augenscheinlich nur aus einem riesigen Militärapparat bestehende Institution folgt unhinterfragt den Anweisungen ihres sogenannten „Anführers Snoke“, der im Besitz der Macht ist und sich, seinem unschmeichelhaften Äußeren und bedrohlichen Stimme nach zu urteilen, auf deren dunklen Seite befindet; sie zerstören die Republik, eine vermutlich demokratische Institution, mit ihrer Superwaffe, die mit Sonnenenergie gespeist wird und auf einem Planeten situiert ist, den die Rebellen in ihrer Mission anfliegen und mittels Feuerkraft letztendlich auch zerstören. Es wird kein Hehl daraus gemacht, dass die Bedrohung proportional zur Größe zunimmt: in einer Lagebesprechung der Rebellen zu dieser Mission wird ein Hologramm der „Starkiller-Basis“ auf einem Planeten gezeigt. Er ist natürlich viel größer als der Todesstern, also auch viel gefährlicher und die neue Superwaffe kann nicht nur einen Planeten auf einmal zerstören, sondern gleich mehrere.
Genau nach dem Motto verfährt auch der ganze Film. Anstatt dramaturgisch was zu reißen, interessante Charaktere oder uns irgendwas Neues über die Macht beizubringen, bauen die Filmemacher auf die altbewährten Pfeiler der erste Trilogie und blasen Gewesenes einfach größer auf, denn das macht man so im Kapitalismus (jaja, verdreht die Augen). Statt Innovation Wiederholung und „Scheinverbesserung“.

Gleichzeitig beflügelt dieser Innovationsmangel und die heutige „Informationsinflation“ eine Ästhetik des Seriellen, wie die Welle der zahlreichen Serienformate in den letzten Jahren zeigt.

Die Saga bildet eine eigene Form der Serie. „Die Saga ist eine Abfolge scheinbar immer neuer Ereignisse, die im Gegensatz zur Serie den „historischen“ Werdegang einer Person oder besser noch einer Personenfamilie betreffen“, schreibt Umberto Eco in seinem Aufsatz „Die Innovation des Seriellen“ von 1983*.
Sehen wir uns an, was für Gedanken er in diesem Aufsatz noch entwickelt und ob wir daraus Parallelen zu Star Wars ziehen können.

Eco beschreibt in seiner sogenannten „Ästhetik des Seriellen“ zwei Arten von Empfängern:
Einmal den naiven Empfänger, der die erste Ebene der Erzählung wahrnimmt, die Geschichte ohne Vorkenntnisse. Dieser „wird zum Opfer der Strategien des Autors“(S.168); einen beliebigen Star Wars würde dieser nicht anders ansehen als einen normalen Action-Film. Nur sind die meisten Star Wars-Gucker keine naiven Empfänger, sondern solche der von Eco also zweiten definierten Art, kritische Empfänger. Dieser Empfänger beurteilt die serialisierenden Strategien, die „Art und Weise der Variation [auf dem Grundschema], die Bewertung der Innovationsstrategien oder das Fehlen davon“ und „wie das Immergleiche behandelt wird, um es jeweils verschieden scheinen zu lassen“. Er „bewertet das Werk als ästhetisches Produkt und beurteilt diese Strategien.“(S.168)
Auch wenn sie keine Fans sind, haben aufgrund des Kultstatus der Saga die allermeisten bereits einen oder mehrere Star Wars-Filme gesehen und werden somit schon zu Empfängern der zweiten Art. Um die sich über mehrere Episoden ziehende Saga in Gänze verstehen zu können, muss man sich auf die dem Universum interne Logik einlassen und zieht automatisch Parallelen zu anderen Episoden.

Außerdem kommen wir bei Star Wars mit einer Sonderform des intertextuellen Dialogismus in Berührung: Intertextualität wird so definiert, dass „kein Text […] innerhalb einer kulturellen Struktur ohne Bezug zur Gesamtheit der anderen Texte denkbar ist“**.  Das Erzählte kann also je nach „Kontext eine unterschiedliche Bedeutung [annehmen], im Extremfall umfassende kulturgeschichtliche bzw. kultursoziologische Bedeutungen[].“**
Im letzten Beitrag haben wir gesehen, wie Star Wars verschiedene Elemente klassischer Epen nachahmt  und in sich vereint und somit zu einem ganz eigenen modernen Mythos wird. Es spielt also auf kulturhistorische Texte an, zitiert sie aber nicht direkt. Es erfordert eine Interpretationsleitung unsererseits, um dies zu erkennen, ob sie von George Lucas nun beabsichtigt waren oder nicht.
Eco: „Typisch für die Literatur und Kunst in der sogenannten Postmoderne ist […] das Zitieren in Anführungszeichen, sodass der Leser nicht so sehr auf den Inhalt des Zitates achtet, als vielmehr auf die Art und Weise, wie das Zitat in das Geflecht eines anderen Textes eingefügt wird, um einen neuen Text zu erzeugen.“(S.170)

Das Kino ist voller populärkultureller Anspielungen. Da Star Wars in einer weit weit entfernten Galaxis spielt und wir zumindest für die Dauer des Films in diesem abgeschlossenen Universum verbleiben wollen, gibt es zwar keine solchen (direkten) Referenzen in Bezug auf unsere Realität. Star Wars zitiert nur sich selbst. Und das nicht wenig – die Saga strotzt nur so vor Selbstreferenzen und intertextueller Logik. Und das nicht ohne Grund – wie sehr man sich freut, wiederkehrende Witze und Anspielungen zu erkennen: „Ich hab da ein ganz mieses Gefühl“. Wenn der Millenium Falke als „Schrottmühle“ bezeichnet wird. Wenn sich Stormtrooper über die neue BT-16 unterhalten oder sich an Luken den Kopf anhauen.
„Diese unmerklichen Anführungszeichen sind, mehr noch als ein ästhetischer Kunstgriff, ein sozialer: sie selektionieren die happy few (von denen man hofft, dass sie Millionen sind). Dem naiven Zuschauer hat der Film schon genug gegeben, dieses eine geheime Vergnügen bleibt für diesmal dem kritischen Zuschauer vorbehalten.“(S.171)

Die happy few und somit kritischen Empfänger sind im Fall von Star Wars hunderte Millionen: Die StarWars-Fanbase ist die wohl größte der Welt, einfach aufgrund des beispiellosen Merchandisings und natürlich auch der Präsenz über mehr als 40 Jahre! Die Filmproduzenten wissen das und sparen deshalb auch nicht mit Insider-Jokes.

Diese ewige Selbstreferenzialität bildet einen hermetischen Käfig und schließt alles äußere ab. Star Wars ist ein Paralleluniversum, angereichert durch zahllose Nebengeschichten, Spin-Offs, Videospiele, Serien, Bücher und belebt durch die Fans, die dieses Universum anerkennen. Wenn wir Star Wars schauen, wissen wir, dass das, was uns gezeigt wird, nur ein kleiner Teil von etwas sehr viel Größerem ist. Und gleichzeitig fühlen wir uns als Zuschauer ebenso als kleiner Teil dieses großen Gebildes, indem wir in unserem Kopf vervollständigen, was auf der Leinwand alleine unvollständig bleibt. Selbst als Neuling wird man sich freuen, Wiederkehrendes zu identifizieren, weil einem das das Gefühl einer Art Eigenleistung gibt und auch das Gefühl, zu partizipieren – man gehört nun auf zweierlei Weise zum Club: man trägt zum Gelingen der Gags durch die eigene Interpretationsleistung als kritischer Empfänger bei, weil sie ohne Vorwissen nicht funktionieren (mit anderen Worten: man partizipiert am Gelingen des Films) und wird im gleichen Zug zum StarWars-Insider!
Die Produzenten setzen insbesondere in den neuen Filmen unverhohlen auf die zweite Art des Rezipienten – ohne ihn und seine Kenntnis der anderen Filme funktionieren die aktuellen Filme nicht. Das ist möglicherweise ein Phänomen, das sich mit jeder Episode verstärkt hat und einfach an der Natur der Serialität an sich liegt. Der erste Star Wars („Eine neue Hoffnung“, 1976) kann für sich alleine stehen: er hat ein Anfang und ein Ende. Mit wachsender Episodenzahl allerdings nimmt diese Autonomie ab.
Die neue Trilogie baut nur noch auf dem soliden Fundament früherer Episoden – und das nicht gerade hoch; sie ist durchsetzt von zahllosen Referenzen, greift noch offene Fragen, nicht zu Ende gesponnene Ideen und Handlungsstränge auf und macht – nichts damit.
Wer sind Reys Eltern? In Episode 7 fragten wir uns noch – könnte es Luke sein? In Episode 8 hieß es, sie seien „niemand“ gewesen, aber ist sie auch in dieser Frage noch uneindeutig. Auch das gespannte Warten auf das Jeditraining Reys blieb unbefriedigt, schließlich ist sie ja ein Naturtalent und auch schienen die wirklich interessanten Lektionen immer in den Momenten zwischen den Szenen zu passieren.
Da gibt es wieder einen klugen kleinen Droiden, der optisch noch viel knuddliger ist als R2 (und sich deshalb auch besser als Kuscheltier verkaufen lässt). Selbiges gilt für die großäugigen kleinen Viecher auf Lukes Insel.
Wieder gibt es drei Hauptfiguren, von denen eine ein Jedi und technikaffin ist, einer der treue und gutherzige Freund, und der andere der sogar bei den Rebellen rebellische Pilot.
Wieder gibt es eine Cantina-Szene, die die Helden mit der rauen realen Welt konfrontieren soll.
Und Kylo Ren ist ja noch jähzorniger als Darth Vader und kultiviert seine dunkle Seite genüsslich mit dem Würgen von Menschen und wahllosem Eindreschen auf Gerätschaften (bestimmt zum Abreagieren empfohlen von seinem Psychotherapeuten). Nur dass es bei ihm eher an einen besonders frustrierten Teenager erinnert, dem man einfach nur die Emofresse polieren möchte.
Und zu guter Letzt gibt es genau eine Schwachstelle bei dem Todesplaneten, die man anfliegen und beschießen muss.
Gähn!

Eco sagt: „Das wahre Problem liegt nicht darin, das heute das, was interessiert nicht zu sehr die Variabilität des Schemas ist als vielmehr die Tatsache, dass man endlos auf ihm variieren kann und eine endlose Variabilität hat alle Merkmale der Wiederholung, aber nur sehr wenige der Innovation. Was hier gefeiert wird, ist eine Art Sieg des Lebens über die Kunst mit dem paradoxen Ergebnis, dass die moderne Ära der Elektronik […] eine Rückkehr der Kontinuität des Zyklischen, Periodischen, Regulären“, eine „Moderne Dialektik der Innovation und Wiederholung produziert“(S.174***).

Wie also könnte ein Star Wars-Film aussehen, der einerseits einen autonomem ästhetischen Wert besitzt und sich andererseits nahtlos in die Reigen der bereits existierenden einfügt, ohne an Innovation einzubüßen? Welche Kriterien müsste er erfüllen?

Eco formuliert zwei Kriterien einer modernen Lösung über die Ästhetik des Seriellen:

„1. Es muss sich eine Dialektik zwischen Ordnung und Neuheit oder Schema und Innovation bilden.
2. Diese Dialektik muss vom Empfänger realisiert werden: er darf nicht nur die Inhalte der Botschaft wahrnehmen, er muß auch erfassen, in welcher Weise die Botschaft ihre Inhalte übermittelt“(S.167).

Es geht also darum, „wie die Komponenten eines [Films] segmentiert und kodifiziert werden, um ein System von Invarianten zu etablieren, wobei dann alles, was sich in diesem System nicht einfügt, als unabhängige Variable definiert wird.“(S.175, O.Calabrese)

Eco nennt diese neue Ästhetik neobarock. Sie soll sich durch „organisierte Differenzierung, Polyzentrismus [und] regulierte Irregularität“ (S.175) auszeichnen.

Was das bedeutet ? Keine Ahnung! Sag nicht immer >du wirrköpfiger Philosoph< zu mir!

 

  1. Eco: Über Spiegel und andere Phänomene, dtv-Verlag, ISBN: 9783423129244
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Intertextualität
  3. Vgl. den zitierten Aufsatz von Costa und Quaresima in Cinema & Cinema, 35-36

Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört, Episode I

Es war einmal vor langer Zeit, da mein Bruder mich darauf hinwies, dass Blogeinträge möglichst kurz sein sollten, weil sie potentielle Leser sonst abschrecken. Darum poste ich die verschiedenen Teile dieses Artikels in Abständen. Außerdem ist es strategisch auch besonders schlau, da ihr dann vielleicht öfter hier vorbeischaut, um zu sehen, ob Teil 2 (3, 100, wer weiß?) schon draußen ist. Und ich habe somit vielleicht die Möglichkeit, euch durch das Abwarten so sehr auf die Folter zu spannen, dass ihr die literarischen Mängel vor lauter Freude eher überseht. Natürlich müsste Teil 1 dafür aber erst mal gut sein. Ohje, na gut, fangen wir an.

Star Wars IV ist ein Märchen, das im Weltraum spielt und der Genredefinition nach nicht Sciene-Fiction ist. Das Wort „science“ bedeutet übersetzt Naturwissenschaft und folglich muss die Science-Fiction zumindest teilweise einen realistischen Blick in Richtung technologischer Entwicklung auf Grundlage gegenwärtiger wissenschaftlicher Erkenntnisse geben, ebenso mit Berücksichtigung der tatsächlichen physikalischen Welt.*
Star Wars scheißt deutlich auf die Physik. Und um das zu unterstreichen, kündigt es schon vor dem Titel an, „in einer weit weit entfernten Galaxis“* zu spielen. Es wird nicht erklärt, warum die Figuren auf den Raumschiffen nicht durch die Gegend schweben, übergangen oder zumindest verschleiert wird die tatsächliche Beschaffenheit des Lichtschwerts/Laserschwerts (oder ist es Plasma? (Hubert:2006)), auch kann Masse einfach auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden, es gibt Überlichtgeschwindigkeit, es gibt offenbar keine Zeitdilatation und so weiter. Wenn euch die Begriffe nichts sagen, gebt’s bei Google ein, es soll in diesem Artikel nicht meine Aufgabe sein, euch das zu erklären und ich verschwende lieber Zeilen damit, euch zu erklären, dass ich es euch nicht erklären will, anstatt es euch zu erklären.
Diese „science“ ist übrigens auch der große Unterschied zwischen Star Wars und Star Trek. Wer hat es nicht schon immer wissen wollen, warum diese verfeindeten Lager sich gegenseitig zerfleischen? Aber es ist doch wohl eher eine Gefühlssache, was man lieber mag. Ich zumindest fühle mich nicht allzu mies, mich auf der Seite der der Realität galaxieentfernten Träumer und Utopisten wiederzufinden. Sie sind vielleicht nicht unbedingt die Vordenker, aber die Andersdenker, aber wer sagt, dass das eine besser als das andere ist?

Der „Kieg der Sterne“ ist wie eine klassische Märchenerzählung oder wie ein Heldenepos aufgebaut.* Der anfangs noch naive und unschlüssige Luke Skywalker muss wie Odysseus, Herakles oder Achilles, verschiedene Aufgaben bewältigen und unterschiedlichen Gegnern entgegentreten, was unmittelbar zu seinem Reifeprozess beiträgt. Der klassisch männliche Held befreit die Prinzessin (nicht ganz so in Nöten: Leia) aus der schwarzen Festung oder Burg (dem Todesstern); auf seiner Reise begegnet er allerlei kuriosen Geschöpfen, neuen Freundschaften und Mentoren, was einerseits dazu beiträgt, seinen Welthorizont zu erweitern und ihn andererseits auch auf seine Endaufgabe vorbereitet, die darin besteht, sich schließlich seinem Endgegner zu stellen, was faktisch aber erst in Episode V geschieht.

Während die älteste Trilogie (Episode IV, V und VI) noch die positiv verlaufende Entwicklung des Protagonisten Luke Skywalkers verfolgt, sieht man in den sogenannten und von Fans sehr kritisierten Prequels (1999-2005) den negativen Ausgang einer Entwicklung, den Verfall, des Anakin Skywalkers, Lukes Vater und Darth Vader.
Nun wirken diese so umstrittenen Prequels natürlich wie unermesslich originelle und wertvolle, aus dem Star Wars-Universum nicht mehr wegzudenkende Schätze, im Vergleich zu dem Schund, den uns Disney seit 2015 unterzujubeln versucht.

Endlich die Kritik!

Getarnt unter dem Titel „Star Wars“, angeheizt durch ein Merchandising, das Vorangegangenes weit in den Schatten stellt, verstecken sich die Filmproduzenten hinter geheuchelter Nostalgie, die vor allem darin zum Vorschein kommt, dass sie uns bekannte Artefakte aus dem Universum selbstgefällig und breittretend einleitet. Zum Beispiel mit betonter Beiläufigkeit, die niemanden täuscht, wenn Rey und Finn zum Millenium Falken rennen und wir – die Zuschauer – die „Schrottmühle“ zum ersten Mal seit 1983 (“ Die Rückkehr der Jedi-Ritter“) wieder sehen – heißt, sie orientieren sich (entlarvend!) nicht etwa an der von George Lucas‘ vorgesehenen Chronologie der Episoden, sondern an der empirischen Realität der „Erscheinungsdaten“. Das heißt auch, dass sie dem Zuschauer mehr Respekt zollen, als der Saga (obwohl sie hier zwei Fliegen mit einer Klappe hätten schlagen können, da man Fans ja meistens dann glücklich macht, indem man die Saga respektiert). Aber hätten sie dasselbe mit, sagen wir, einem Podrenner oder irgendeinem anderen Artefakt der Prequels gemacht, die uns zeitlich ja näher sind, hätte das einfach nur lächerlich gewirkt. Nach vierzig Jahren und nach dem Feedback: „Die Originaltrilogie war die beste“ lebt sichs sicher und gut, die Zuschauer mit ihrer Nostalgie zu überführen, um die lahme Story zu verstecken. Selbes gilt für den melodramatischen ersten Auftritt von Han und Chewie: „Chewie, wir sind zu Hause“ (und alles so: aawww!) – Ew! Ein echter Star Wars hätte so eine Gesäusel nicht nötig gehabt. Umso mehr hat es Episode VII sehr wohl nötig, sich hinter den „alten“ (also bewährten) Dingen zu verstecken und heimst lieber ein bisschen vom Ruhm anderer ein, anstatt sich etwas Neues cooles einfallen zu lassen. Wer sagt denn, dass alles, was nicht George Lucas geschaffen hat, nicht auch Star Wars sein kann? Ich habe Fan Fictions gelesen (ja, und?!) die mehr Star Wars waren als diese neuen Filme!

Augenzwinkernd wurde uns auch eine neue Version der Kantina-Szene aus Episode IV angeboten. Nur halt – scheiße. Wirklich neu war der Todestern-Planet auch nicht. Naja, machen wir mit den tollen Charakteren weiter.

Ich weiß nicht, woran’s liegt aber irgendwie kommen diese lieblos entwickelten Figuren einfach nicht aus ihren Stereotypen raus – Rey. Finn. Poe. Kontrastlos stehen sie da, eine Prise Han Solo hier, einen Hauch Padme (die Frisur!) dort. Aber: Diversity! Hier gilt das Rezept des heutigen Populärkinos: wenn man aus kommerziellen Gründen auf den Feminismus- und ethnic-diversity-Trend aufspringt, lässt sich das als so vorbildliches ideologisches Statement auslegen, dass man sich interessante Charaktere sparen kann! Und außerdem: so modern sind sie doch gar nicht, oder? Rey ist die weibliche Version des ebenso machtbegabten und technisch versierten Luke und Poe Dameron ist durch seine Schlagfertigkeit mit dem Niveau eines Klassenclowns der Unterstufe („So who talks first? I talk first? You talk first?“) einfach ein weiterer guter böser Bub! Das einzig interessante und neue hinsichtlich seines Charakters kam von Seiten der Fans, ein Hype um eine mögliche romantische Beziehung zwischen ihm und Finn, die durch zweideutige Kamerawinkel und einen eindeutigen Blick Poes befeuert wurde. Hier hätte Disney Stärke zeigen können, um zum ersten Mal ein homosexuelles Paar in dem größten Film-Franchise der Welt zu integrieren, wenn sie schon so viel wert auf Fan-Feedback legen. Aber wahrscheinlich fürchtete man Einspielverluste in China und Russland. Schwach, Disney. Fortschritt ist anscheinend nur dann erstrebenswert, wenn es sich finanziell lohnt. Dahingehend will man kein Risiko eingehen. Obwohl man doch gerade als großer Konzern mit einer Reichweite, die Millionen von Menschen umfasst, diese Macht und somit auch Verantwortung. Aber im Kapitalismus sind alle Konsumenten gleich – und es gilt nach dem Mantra der Populärkultur: den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden und sich ja nicht anmaßen, moralische Werte zu verkünden. Mit Konservativismus ist man hier also auf der sicheren Seite…

Finn, der Charakter mit dem wir uns wohl identifizieren sollen, weil er irgendwie von nichts einen blassen Schimmer hat, schafft es irgendwie, die geistigen Fesseln seiner autoritären Militärausbildung zum Sturmtruppler abzuwerfen und zu erkennen, dass er bei „den Bösen“ mitspielt, um sich dann ohne großartige moralische Hinterfragungen auf die Seite der Rebellen zu werfen. Ja, denn bei der Klärung der Fronten wird auf das traditionelle schwarz-weiß-System der Originaltrilogie  gesetzt – das Imperium ist böse und die Rebellen sind gut. Aber hätte euch nicht auch dieses „irgendwie“ interessiert? Wie emanzipiert sich Finn? Ist das nicht die interessanteste Frage, die seine Figur aufwirft? Wie schafft er es, obwohl er offenbar in totalitären Strukturen aufgewachsen ist, einen eigenen Willen zu entwickeln und – wie Kant sagen würde – sich „seines eigenen Verstandes zu bedienen“? Als Erklärung bekommen wir nur den negativen Ansatz von seiner Ausbilderin angeboten, die seinen moralischen Konflikt als Fehler im System deklariert. Moralethische Fragen sind in einer totalitären Ordnung, die nur auf Gehorsam ausgelegt ist, ein Fehler im System, sofern sie dieses System infrage stellen, was die Definition „totalitär“, das heißt, keine Alternativen duldend, per se ausschließt. Auf ethischer Ebene: folgt daraus dann, dass, wenn das System (moralisch) schlecht ist, der Fehler im System automatisch (moralisch) gut ist?

  • „Viel zu lernen du noch hast“ – Star Wars und die Philosophie, Hg.: Catherine Newmark, S. 220
  • Star Wars I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII
  • Joseph Campbell (Monomythos) schaut euch hierzu unbedingt diese arte-Doku an: https://www.youtube.com/watch?v=BOFELVit38I

Das gute Leben

Warum sollte ein hedonistischer Lebensstil weniger erfüllend sein, als einer, der der Sinnfindung und -gebung gewidmet ist?

Lust zu befriedigen und Leid zu vermindern, könnte das wirklich das Wahre sein?

Warum nach Tieferem suchen, warum nach vermeintlich Höherem streben? Denn ist der Sinn nicht schlicht und ergreifend eine Illusion, die wir uns geben, weil wir uns nicht vorstellen mögen, dass es so einfach ist? Den Erscheinungen misstrauen und versuchen, unter den Boden der Tatsachen nach so etwas metaphysischem wie Sinn suchen. Ist es die Hybris des Menschen, eine bloße Anmaßung, zu denken, dass es mehr gäbe, als die Welt uns zeigt?

Warum kann das Leben nicht einfach so einfach sein – eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, wie wir, möglicherweise individuell, aber nicht zu sehr, auf die Umwelt reagieren und mit ihr interagieren? Reiz-Reaktion, nicht mehr.

Ein Leben richtet sich viel nach biologischen Bedürfnissen, wie Essen und Trinken, Sex, Schlaf. Zu den etwas komplexeren Bedürfnissen gehören Geltungs- und Statusbedürfnisse, diese könnte man außederdem unter die kulturellen und sozialen zählen. Sie setzen sich aus dem zusammen, was die Gesellschaft – Staat, Familie, Freunde – von einem erwartet und stillt Bedürfnisse auf beiden Seiten – wobei die eigene Seite, aus rein subjektiven Gründen ohnehin näher an einem selbst, meistens überwiegt und man die Kontakte so dosieren kann, wie es einem passt. Verspürt man das Bedürfnis nach Gesellschaft, begibt man sich in sie, andererseits macht man auch Kompromisse oder man lässt sich hinreißen, um den Bedürfnissen der Anderen Genüge zu tun und zahlt Steuern, geht arbeiten und beteiligt sich am gesellschaftlichen Leben.

Außerdem wären da noch psychische Bedürfnisse, auf die zu achten keine Selbstverständlichkeit ist und deren Erfüllung nicht so unmittelbar folgt, wie die der biologischen. Psychische Bedürfnisse sind aber, anders als die unmittelbaren biologischen, langfristiger und weitreichender Pflege bedürftig. Wie man vom Essen sagen kann, dass es auf einen unmittelbaren Drang, den Hunger, folgt, gibt es durchaus auch unmittelbare psychische Bedürfnisse – wie das nach Nähe, einen Anflug von Wut oder Zärtlichkeit loszuwerden, kurz ängstlich oder besorgt zu sein und so fort. Aber wie die körperliche Gesundheit nicht immer dadurch zu erhalten ist, plötzlichen Gelüsten nachzugeben, im Vertrauen darauf, dass der Körper immer nach dem verlangt, was ihm auch guttut, ist die Pflege der psychischen Gesundheit durchaus auch längerfristiger Pflege bedürftig. Wie man den Körper auf lange Sicht erhält, indem man sich gut ernährt, Sport treibt, nicht raucht, wenig Alkohol trinkt – so kann man auch der Psyche entgegenkommen, indem man sie umsichtig pflegt. Denn wie auch der Körper Infektionen wie Erkältungen, Grippe kennt oder Verletzungen, wie kleine Schnittwunden,blaue Flecke oder gar gebrochene Gliedmaßen, so ist es bei der Psyche nicht viel anders – Panikattacken könnten möglicherweise sublimierte Gefühle an die Oberfläche spülen, wie eine Erkältung Bakterien mittels Schleim aus dem Körper schleust – beides unangenehme, aber nötige Vorgänge, für die man dem Immunsystem und dem Unterbewusstsein, das vielleicht das Immunsystem der Psyche ist, dankbar sein kann. Ernsthaften Erkrankungen kann man aber keinesfalls die Selbstverschuldung unterstellen.

Wenn man in stetem Austausch mit der Außenwelt lebt, ist es unvermeidbar, dass Körper und Psyche und Geist von dieser geformt werden. Die geistigen Bedürfnisse sind, grob umrissen, das Bedürfnis nach der Verarbeitung von Informationen. Ja, jeglicher Informationen. Bekanntlich leben wir ja in einem Informationsflutzeitalter, indem es schwierig ist, die herauszufiltern, die für uns wichtig sind. Allerdings ist der Zugang zu Informationen weniger schwierig, wie in vergangenen Zeitaltern. War es die Aufgabe früherer Generationen, sich die nötigen Informationen überhaupt erst zugänglich zu machen, so besteht unsere heute eher darin, sie zu filtern, sie in einer schier unübersichtlichen Masse ausfindig zu machen und unser Gehirn von Abfall reinzuhalten, den Müll zu trennen und auch zu entsorgen. Wissen, die Frucht und Befriedigung geistiger Bedürfnisse, ist ein weit gefasster Begriff. Er kann von der Kenntnis, wer mit wem gerade was am Laufen hat – Tratsch –, über das Entdecken und die Umsetzung eines neuen Kochrezeptes, bis zu der Verinnerlichung von Quantenmechanik reichen. Wieder gilt es, das kurzfristige Informationsbedürfnis mit dem längerfristigen in Einklang zu bringen. So kann eine willkürliche Anhäufung von Detailwissen nicht zur Bildung eines einheitlichen Verständnisses beitragen, wie etwa die Kenntnis aller Expartnerinnen von James Franco. Quantität bedeutet nicht auch Qualität. Andererseits ist kurzweiliges „Futter“, wie das Lesen von Kurznachrichten oder Whatsapp-Messages auch etwas, was man dem Gehirn nicht bedingungslos vorenthalten sollte – das Gehirn verlangt danach, weil es dadurch schnell befriedigt ist – wie es nach Zucker verlangt, weil der schneller ins Blut geht. Auf Süßigkeiten gänzlich zu verzichten macht nicht nur keinen Spaß, sondern soll sogar ungesund sein – Selbstkasteiung ist eben auch nicht immer zielführend, aber das Maß macht die Melodie.

Körper, Psyche und Geist mögen je nach individueller Konstitution unterschiedliche kurzfristige und langfristige Bedürfnisse hervorbringen – sie ernsthaft kennenzulernen bemühen sich jedoch die wenigsten. Einem mag das Leben in Extremen gut bekommen und Exzesse gut wegstecken, einem anderen ist ein geregelter Tagesablauf jedoch unerlässlich.

Süßigkeiten – das sind für den Körper ist das Schokolade, für die Psyche ist das ein One-Night-Stand, und für den Geist ist das die Netflix-Serie. Sie erfüllen alle drei das kurzfristige Ziel, sich schnell befriedigt zu fühlen. Das bedeutet nicht, dass die Aneinanderreihung dieser Tätigkeiten ein erfülltes Leben bedeutet.

Aber was sind dann diese längerfristige Bedürfnisse, die so sinnstiftend sein sollen?

Da wären zum Beispiel, sich gesteckte Ziele zu erfüllen. Ernsthafte und tiefe Verbindungen zu Menschen aufbauen und zu unterhalten. Ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln …

Ein bloßes Leben-als-wäre-jeder-Tag-dein-Letzter, YOLO und zukunftsverleugnende Scheiß-drauf-Einstellungen können, wenn sie auf Dauer gelebt werden, verheerend sein – da sie nur als kurze Ausflüchte und Einlagen zum Leben wohltuend funktionieren, dienen sie unserer wahren Natur weniger, die auf eine Mischung, eine Abstimmung aus beidem angelegt ist. Andererseits ist diese kurzlebige Einstellung nur die logische Folge aus unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Nicht nur Waren und Dienstleistungen werden ohne einen Gedanken an morgen konsumiert, sondern auch Menschen. Was nicht gefällt, mit dem muss man sich auch nicht unnötig länger beschäftigen – das Angebot auf dem Markt ist scheinbar unendlich! Die Marktmoral greift zunehmend auch auf unser Privatleben über und macht uns zu blinden, ferngesteuerten Konsummaschinen, die den Reichtum einiger Weniger speisen, nach deren abartigem Vorbild zu streben uns antreibt.*

Was können wir nun aus dieser nicht sehr ermutigenden Bilanz ziehen?

Summe aus Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse ǂ gutes Leben
aber
optimal Abstimmung und Erfüllung langfristiger und kurzfristiger Bedürfnisse = gute Leben

Wir erweisen der Zukunft Respekt, wenn wir die Gegenwart erfüllend leben und nicht dauernd aufschieben, zu leben. Die langfristigen Bedürfnisse zeigen sich zwar nicht so unmittelbar wie die kurzfristigen, aber haben nur einen Grad an Schwierigkeit mehr als diese, ausfindig gemacht zu werden. Die Synthese aus beiden herzustellen, ist eine schwierige Aufgabe, führt aber womöglich zu höherem Glück.

  • Patrick Schreiner – Warum Menschen sowas mitmachen: Achtzehn SIchtweisen auf das Leben im Neoliberalismus

Gut sein

Schlechtsein ist wie fauliges Gift, das durch die Adern kriecht und eine schwarze Spur hinter sich herzieht. Es befällt den Kopf und nistet sich dort ein. Das Schlechte braucht immer einen Wirt, es ist ein Parasit. Es zehrt von dem Organismus, den es befällt und schließlich zerstört. Es ist Egoismus und Habgier, Rache und Missgunst.

Gut ist man nicht aus Erwägungen heraus, die vernünftig sind oder dem eigenen Vorteil dienen. Diese Motive machen eine Handlung nicht gut. Wenn man utilitaristische Kosten-Nutzen-Bilanzen im Hinblick auf seine Handlungen anstellt, führt man kein redliches Leben.

Das Gute ist immer sein eigener Zweck, nie Mittel. Wenn eine gute Handlung zu einem anderen Zweck als um ihrer selbst willen vollzogen wird, kann sie nicht mehr gut sein. Fangen wir damit an, den Begriff des Guten mit der Definition zu umreißen, dass gut ist, was anderen nicht nur nicht schadet, sondern nützt. Es kann eine gute Handlung sein, andere Menschen zu erfreuen, zufriedenzustellen, ihnen zu helfen – so zu handeln, dass nicht (nur) man selbst, sondern auch andere einen Nutzen davon haben. Es kann aber auch schlicht sinnvoll sein und aus rationalen Erwägungen motiviert sein, die nichts mit Altruismus oder Nächstenliebe zu tun haben und andere Zwecke verfolgen, von denen die gute Tat nur ein nettes Nebenprodukt ist, mit dem man sich nur allzu gerne schmückt oder es dafür benutzt, sich ein makelloses Selbstbild vom Tugendhaften vorzuspiegeln, um dem Egoisten, der man wirklich ist, nicht ins Auge sehen zu müssen.

Das Gute verfolgt nie einen Zweck, es ist sein eigener Zweck. Vielleicht gehört es zur Eigenheit des Guten, nie Mittel auch nur sein zu können, da man in jeder denkbaren Situation, in der eine gute Handlung dafür verwendet wird, einen Zweck zu erfüllen, nicht mehr von einer rein guten Tat sprechen kann.

Eine gute Tat ist dann gut, wenn die Motive gut sind.

Man handelt für das Gute. Das gute ist der Zweck des Handelns. Man handelt gut, weil man Gutes bewirken will. Ob das Resultat auch wirklich gut ist, ist nicht wesentlich. Die gute Tat ist also solche als Handlung gut und bemisst sich nicht an ihrem Ergebnis – entgegen der utilitaristischen Maxime: „Handle so, dass für eine maximale Anzahl von Menschen maximaler Nutzen erzielt wird.“ Danach wäre eine gute Handlung nur dann eine, wenn sie auch tatsächlich Guted bewirkt hätte und außerdem auch nur retrospektiv als solche zu erkennen. Die Motive des Handelnden sind dabei unwesentlich. Das halte ich für blöd. Aber gut, wer fragt mich schon.

Das Gute als Begriff ist kein intrinsisch bestimmbarer Begriff – man kann also keinen Inventar an Gegenständen, Taten, Menschen, erstellen, die an sich gut wären, also das Gute als manchen Dingen inhärente Eigenschaft. Etwas, was für den einen gut ist, mag für den anderen schlecht sein.

Wenn ich einem alten Mann über die Straße helfen will, weil ich seine Situation als hilfsbedürftig interpretiere, bedeutet das zwar in der Hinsicht eine Hilfe, dass er die Straße vermutlich sicherer überqueren wird als ohne meine Unterstützung, also kurzfristig, aber nicht unbedingt langfristig, da es vielleicht klüger wäre, er würde das selbstständige Gehen nicht verlernen. Dabei ist der Prozess des Alterns regressiv und die Koordinationsfähigkeit nimmt ohnehin eher ab als zu. Und außerdem – was mir das gute Gefühl geben würde, eine selbstlose Tat vollbracht zu haben, muss sich nicht auch automatisch für den alten Mann gut anfühlen. Er könnte angesichts der Tatsache, dass man ihn als hilfsbedürftig empfindet, Einbuße in seiner Selbstachtung erfahren. Schon bei so simpel scheinenden Ausgangssituationen wie dieser geraten die Säulen der Definition des Guten ins Wanken.

Die Situation ist eventuell so komplex, dass der simple Impuls der Hilfsbereitschaft – also unsere Intuition – nicht reicht, um eine gute Tat zu vollbringen. Man müsste, viel aufwändiger, alle relevanten Faktoren berücksichtigen, um eine Einschätzung treffen zu können und sich, sofern sich nicht genug ergeben, jegliche Handlung unterlassen, da alles andere fahrlässig und willkürlich wäre. Anders und einfacher gesagt – die Absicht zu haben, eine gute Tat zu vollbringen, bedeutet nicht, dass sie auch tatsächlich Gutes in der Welt bewirkt. Es ist eine Deduktion, die nicht aufgehen kann: wenn die Prämissen gut sind, ist es die Konklusion nicht zwangsläufig.  Gut zu sein, seiner Intuition folgend, die einem etwas diktiert, wäre ohne Reflexion aber ebenso egoistisch wie eine gute Tat zu tun, um einen anderen Zweck als das Gute zu erreichen, da man so lediglich dem eigenen Bedürfnis nach Hilfsbereitschaft nachkommen würde – und wenn das intuitiv als gut Empfundene nur die Befriedigung eines eigenen Bedürfnisses wäre, so würde man wieder nur sich selbst genüge tun und  – egoistisch handeln.