Breaking Bad

Die vielfach preisgekrönte Serie Breaking Bad zeigt mit dem genialen Brian Cranston in der Hauptrolle den moralischen Verfall des Walter White, einem an Lungenkrebs erkrankten High-School-Lehrer und verkannten Chemiker-Genie.

Da er sich wegen seiner Krebserkrankung mit seinem eigenen Tod auseinandersetzen muss, realisiert Walter, dass ohne ihn seine Familie finanziell auf sich alleine gestellt wäre. Um schnell an viel Geld zu kommen, beschließt er, mit seinem ehemaligen Schüler Jesse Pinkman, Crystal Meth herzustellen. Anfangs kochen sie noch amateurhaft in einem Wohnmobil in der Wüste rund um Albuquerque, später stellen sie im professionellen Labor Unmengen der Droge her – im Auftrag ihres Arbeitgebers Gustavo Fring, dem größten Methamphetamin-Verteiler des Südwestens der Vereinigten Staaten. Walter begibt sich im Laufe seiner Karriere als Krimineller in immer gefährlichere und skrupellosere Gangster-Kreise und wird selbst zum gefährlichsten, skrupellosesten von ihnen – er wird zu seinem Alter-Ego Heisenberg. Seine Frau Skyler, seinen Sohn Walter Jr und seine neugeborene Tochter Holly hält er aus seinen kriminellen Machenschaften heraus, zumal sein Schwager Hank ein DEA-Agent ist (DEA = Drug Enforcement Agency). Am Ende der zweiten Staffel findet Skyler heraus, was Walter wirklich treibt, nach langem Ringen erklärt sie sich aber dazu bereit, ihm dabei zu helfen, dass Drogengeld zu waschen.

Es gibt viele Meinungen darüber, ab welchem Punkt von Walters Reise sich der Zuschauer nicht mehr mit ihm identifizieren kann, ab welchem Punkt er unwiderruflich „bad breaked“.
Die Liste von Walts besonders unehrenhaften Faux-Pas ist lang, selbst wenn man mit dem Gangster-Maßstab misst. Er erpresst Jesse, der ihn als Freund ansieht, sogar mehrfach. Er sieht dessen Freundin tatenlos beim Sterben zu. Er vergiftet ein Kind. Er tötet seine Gegner und löst sie in Säure auf. Er tötet Mike, den Prinzipientreuesten unter den Kriminellen und Publikumsliebling, aus einer Laune heraus. Er lässt elf Gefängnisinsassen töten, weil sie eine möglich undichte Stelle darstellen.
Und immer findet er eine legitime Rechtfertigung für seine Taten. Am Anfang der Serie kann man sich noch zu 100% mit Walter identifizieren, wie er aus Angst und Schuld heraus das Gesetz missachtet, um ein durchaus ehrenhaftes und selbstloses Ziel zu erreichen, seiner Familie einen großzügigen Nachlass zu hinterlassen. Aber im weiteren Verlauf und mit steigendem Grad der Reinheit des Meths sinkt der seiner Moralität – um wie viel und wie schnell, das hängt von der Toleranz des Zuschauers ab. Die Frage, ob Walt tatsächlich das ist, was wir als böse gelernt haben, zu bezeichnen, steht immer im Raum. Und obwohl sein Motiv immer seine Familie bleibt, obwohl der Zweck seines Handelns in seinen Augen immer ein guter ist,  kann man dennoch den Gedanken nicht abschütteln, dass dieser Zweck all seine furchtbaren Mittel nicht heiligt. Und am Ende kann man sich nicht entwehren zu denken: War es das wirklich wert? Und das war es, wahrhaftig, nicht.

Wegen des Kraters, der die krasse Diskrepanz zwischen seinen zwei Rollen in seine Persönlichkeit reißt – auf der einen Seite der besorgten Familienvater, der für seine Familie alles tun würde und auf der anderen der skrupellosen Gangster, der niemanden emotional an sich heranlässt und seine engsten Freunde und Verwandten schamlos manipuliert – erfindet Walter den Namen „Heisenberg“. Mit diesem Namen schafft er es, seine kriminelle Existenz klar von seine familiär-gutbürgerlichen klar voneinander abzugrenzen und sich in beiden glaubwürdig zu verhalten. Anfangs sind seine Lügen noch zaghaft und einstudiert, später gehen sie ihm wie nichts von den Lippen, als sagte er die Wahrheit; aber was die Wahrheit ist, das hat er vielleicht sogar selbst vergessen. Es gelingt ihm sogar ziemlich lang, diese Fassade aufrechtzuerhalten. Psychologisch gesehen ist das eine ziemlich verstörende Meisterleistung, denn dieses Doppelleben würde schwerlich jemand anderes ertragen, wie man an Skyler sieht, als sie ein Teil davon wird.

Bei der ganzen Entwicklung vergisst man aber zu berücksichtigen, dass Walter White am Anfang nicht etwa nur ein hingebungsvoller Familienvater ist, sondern ein wahrlich gescheiterter Mann. Seine ehemaligen Freunde und Geschäftspartner führen ein milliardenschweres Unternehmen, das auf Walters Forschungsergebnissen aufbaut, während dieser sich seinen Anteil an der Firma damals für 5000$ hat auszahlen lassen und nun sein Talent als High-School-Lehrer vergeudet, während die Famliie akribisch auf ihre Ausgaben achten muss.
Bei seinen kriminellen Unternehmungen jedoch macht Walter keine halben Sachen: sein Meth ist zu 99% rein und diese Qualität ist er auch bestrebt, zu halten. Seinen Gegnern, wie auch Partnern, ist er geistig immer einen Schritt voraus und lernt, sie einzuschüchtern, zu manipulieren. Die Jahre seiner mediokren Existenz im Schatten seiner ehemaligen, nun reichen Geschäftspartner und seines testosterongeladenen Vetters, kompensiert Walt in seiner kriminellen Doppelexistenz. Er entwickelt einen starken Drang, sich zu beweisen, einen nicht zu stillenden Machthunger, und den Wunsch, niemandem Rechenschaft schuldig und untergeben zu sein. Am Ende der Serie weicht Walter endlich von seiner üblichen Rechtfertigung ab, er habe alles nur für seine Familie getan und gibt zu oder erkennt erst dann selbst: „I did it for me. I liked it. I was good at it.“*

Der entscheidende Grund für die Entwicklung Walters ist, glaube ich, sein drohender eigener Tod. Seine Ärzte fällen zwar noch kein Todesurteil, dennoch sieht es für ihn nie besonders gut aus, auch nach dem Erfolg seiner ersten Chemotherapie. Der frühzeitige Tod ist für Walter also immer nur eine Frage der Zeit.

Die Möglichkeit seines eigenen Todes verschiebt Walts Parameter von gut und böse, von richtig und falsch. Denn im Grunde hat für gesunde Personen der eigene Tod im eigenen Leben nichts zu suchen.  Man hat nichts mit seinem eigenen Tod zu tun, denn wenn er eintritt, ist man selbst nicht mehr und ist man, ist der Tod nicht, wie Sokrates sagte. Das Leben und der Tod sind Antagonisten, denn existiert das eine, tut es das andere nicht – sie können nicht beide gleichzeitig anwesend sein. Deswegen ist es für Walt fatal, weil ihm sein eigener Tod ständig präsent ist – anfangs nur durch seinen Krebs, später jedoch immer stärker, wenn er seine kriminellen Machenschaften ausweitet und sich und seine Familie großen Bedrohungen aussetzt.

Alle anderen Charaktere der Serie, vom austickenden Tuco bis zum genialen Gus Fring, vom diabolisch-debilen Don Eladio bis zur letal-larmoyanten Lydia, ist keiner in der Lage, seinen eigenen Tod in Betracht zu ziehen – sie alle fürchten sich vorm Tod. Nicht so Walter, der sich schon lange mit seiner Möglichkeit abgefunden hat. Ihm geht es erst nur um sein Vermächtnis, und schließlich nur noch um den Kick, der nicht groß genug sein kann im Angesicht seines ohnehin nahenden Todes durch den Krebs. Erst geht es um einen Sinn, der außerhalb seiner selbst liegt, später wird das Mittel, wie er diesen Sinn erschafft, selbst zum Zweck, zum Sinn.

Walt tappt in die YOLO-Falle (Portejoie:2017): die Präsenz seines eigenen Todes lässt ihn nicht besonnen, dankbar und demütig, sondern abgestumpft, kalt und berechnend werden. Da er „jeden Tag so lebt als wäre es sein letzter“, bricht er mit jeglichen moralischen Prinzipien und nicht zuletzt auch mit seiner Menschlichkeit. Es ist nämlich etwas zutiefst Menschliches, nicht jeden Tag so zu leben, als könne man morgen tatsächlich tot sein. Im Gegenteil, es ist eher die Fähigkeit und das Privileg, langfristige Pläne zu entwickeln, zwar vielleicht nicht „alles auf morgen zu verschieben“, aber doch eine Entwicklung anzustreben, und eine Vision zu entwickeln von dem Menschen, der man sich wünscht, zu sein und als Ziel vor Augen zu haben, während man progressiert.

Nicht so Walt. Er hat keine Pläne und Visionen, keine Hoffnungen mehr, er hat nur das Heute und das ist sein Verderben.
So schafft er sich seine eigene Hölle auf Erden, seinen eigenen Tod im Leben.

 

  • Für den ganzen Text: Breaking Bad, Staffel 1-5
  • * Zitat: Breaking Bad, Staffel 5, Folge 16

Nostalgie und Fetisch

Es müssen wohl erst ein paar Jahrzehnte vergehen, bis Alltagsgegenstände vintage sind und als kultig gelten.
Wahrscheinlich aufgrund der ständig wechselnden Trends dauert es in der Mode nicht ganz so lange – inzwischen hatten Plateausohlen, Leggings und das Bauchfrei der 90er Jahre schon ein Comeback, und dieses Jahr sind die 80er im Vormarsch mit Schulterpolstern, Puffärmeln und Neonfarben, aber auch andere Jahrzehnte kehren regelmäßig wieder.

Anders verhält es sich bei Autos. Die werden nach 30 Jahren zum Oldtimer.

Bei allen anderen Sachen gilt all das als vintage, was zwischen 1920 und 1980 hergestellt wurde, also zum Beispiel die berühmte Bankerlampe, der erhabene Eames Chair, der chillige Chesterfield Sessel, der eigentümliche Egg Chair von Arne Jacobson oder auch sämtliche Grammophone, Plattenspieler und Schreibmaschinen. Alles davor wird als Antiquität bezeichnet, zum Beispiel barocke Kommoden im Louis XVI-Stil, Biedermeierschränke, neogotische Eckschränke oder Kolonialzeitsekretäre.

Retro sind den Klassikern nachempfundene oder kopierte Stücke, die aber in der Tat neue Produkte sind.

Omas Schreibmaschine, das Zigarettenetui von Opa, die alte Öllampe, eine alte Schreibmaschine erfüllen ihren Zweck nicht mehr nur aufgrund ihres Verschleißes, sondern weil die Technik mittlerweile einfach  ausgereifter ist und es zweckdienlichere Alternativen gäbe. Die Kinder und Enkelkinder behalten deren Alltagsgegenstände  also nicht aufgrund ihres eigentlichen Zwecks, sondern aus Nostalgie.

Um Nostalgie zu empfinden muss allerdings kein halbes Jahrhundert vergangen sein. Man kann Nostalgie auch gegenüber einem viel näher zurückliegenden Zeitraum empfinden, zum Beispiel gegenüber der Popkultur der Neunziger, die die Kindheit vieler geprägt hat – Sailor Moon, Pokémon auf RTL II und die Sammelkarten dazu, Harry Potter, Bibi Blocksberg-Hörspielkasetten…

Nostalgie ist für mich ein Gefühl, das ein Gegenstand, ein Foto, ein Film, ein Musikstück, ein Geruch, ein Geschmack – kurz: ein Gefühl, das eine Sinnesempfindung hervorruft und über ein bestimmtes Medium ausgelöst wird. Für eine kurze Dauer werde ich mir einer längst vergangenen Zeit oder einer mir unbekannten Epoche bewusst.

Und es ist mehr als ein Erinnern. Es ist ein Bewusstwerden.

Erinnerungen laufen über den Verstand. Sie sind Inhalte von Gedanken und handeln von bloßen Fakten. Das Bewusstwerden aber läuft über Sinnesempfindungen und erzeugt einen Gefühlsinhalt, nämlich Nostalgie. Wie Prousts Erzähler bei dem Geschmack einer in Tee getränkten Madeleine Erinnerungen vom Umfang von mehr als zehntausend Seiten überkommen, befällt einen die Nostalgie ganz unvermittelt. Sie ist eine tiefere, emotionalere Form des Erinnerns, denn sie ruft Erfahrungen wach, die unsere Sinne einmal gemacht haben. Wie es ein Muskelgedächtnis gibt, so gibt es gewiss auch eine Art Sinneserinnerung. Die Erinnerungen sind unmittelbarer und intensiver, sie sind viel mehr ein plötzliches Gewahrwerden. Die Erinnerungen werden körperlich sinnlich gefühlt und erlebt, sie sind die Nachempfindungen des bereits Erlebten. Ein Erinnern des Körpers, so unmittelbar, dass man sich regelrecht wundert, warum man sich nicht just in der Situation befindet. Die Gefühle sind echt, sie sind erinnert, sie sind dieselben, wenn auch die Situation nicht die gleiche ist.

Daher kommt die Fixierung auf Gegenstände, die diese Empfindungen wieder hervorrufen. Es ist wie ein Versuch, die Zeit zu konservieren.

Dinge kann man aufheben, pflegen und dadurch auch die Erinnerung pflegen. Das Erlebte kehrt dadurch aber nicht zurück, nur seine Spuren in unserer Erinnerung. Man kann diese Fixierung also als Fetisch bezeichnen. Von Fetisch spricht man, wenn die Wertschätzung eines Dings seinen bloßen Zweck übersteigt.
Die Dinge besitzen nunmehr einen erhöhten, ihren bloßen Tauschwert übersteigenden Wert, der unproportional ist zu ihrem eigentlichen vorgesehenen Zweck, denn darüber hinaus erhalten sie einen emotionalen, ideellen Wert.

Sartre trifft die Unterschiedung zwischen Dingen, die an-sich sind, die durch ihr Wesen auf ihre Existenz festgelegt sind und Menschen, die für-sich sind, die nicht durch ihr Wesen auf eine Seinsweise festgelegt und daher frei sind – frei im Handeln, frei zu entscheiden. Das An-sich-sein eines Gegenstands bedeutet, dass es in Form und Funktion festgeschrieben ist, das Für-sich-sein des Menschen ist seine Kontingenz, seine Freiheit, seine Möglichkeit der Veränderung. Ein Ding ist, der Mensch existiert. Mit dem Modell des ideellen Werts, den wir Gegenständen zuschreiben können, ändert sich auch ihre Seinsweise, die nun nicht mehr nur durch ihre Funktion festgelegt ist. Um ihre Seinsweise zu verändern, sind Dinge aber immer noch auf eine äußere Instanz angewiesen, auf uns – von sich aus könnten sie also nicht für-sich sein.

Fetischisierung ist eine für Gegenstände unübliche Art des Wertschätzens. Anders als Dinge, die nur einem Zweck dienen, nicht aber als Zweck an sich gesehen werden, außer, sie werden fetischisiert. Dann nämlich gesteht man ihnen einen Sinn außerhalb ihres Zwecks zu, sie gewinnen eine Bedeutung außerhalb ihres vorherbestimmten Verwendungszwecks, man verhilft ihnen zur Emanzipation von ihrer Determination durch ihre Funktion. Welche Bedeutung ihnen zukommt ist individuell und hängt nun mehr nicht von dem Ding an sich ab, der Vorherbestimmung durch seine Funktion.

Deswegen sagte ich, der Fetischismus verleihe Dingen einen unproportionalen Wert und gerade nicht etwa einen ungerechtfertigten, denn was rechtfertigt den Wert einer Sache mehr, wenn nicht die Bedeutung und der Sinn, den ihr der Mensch verleiht, ganz unabhängig von jedem Zweck. Denn was könnte mehr von einem Zweck entfernt sein als Sinn und Bedeutung, und was mehr zweckdienlich als diese.

  • ideeller Wert: https://de.wikipedia.org/wiki/Ideeller_Wert

Das alte und das neue Amerika

Begeben wir uns in das Marvel-Universum.

Die Geschichte ist komischerweise nicht neu und ganz und gar marvellous: der exzentrische, coole Egomane und Philanthrop Tony Stark alias Iron Man und der tugendhafte Teamplayer Steve Rogers, bekannt unter „Captain America“, kurz „Cap“, liegen sich in Comics und Filmen regelmäßig ordentlich in den Haaren.

Civil War – Bürgerkrieg? Es sind zwar Bürger, die sich hier bekämpfen, aber zumindest keine Zivilisten: Beide, Tony Stark und Cap gehören dem Zusammenschluss von Superhelden, den „Avengers“ an, die sich dem Schutz der Welt vor übernatürlichen Bedrohungen verschrieben haben.

Captain America ist ein erfolgreiches Laborexperiment aus dem Jahre 1943 und wird oft als „the greatest soldier in history“ bezeichnet. Steve Rogers wird zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wegen seiner mickrigen Gestalt ausgemustert, lässt aber nicht locker und qualifiziert sich schließlich als erstes Testsubjekt für ein „Supersoldatenserum“. Er bleibt der Einzige, da der zuständige Wissenschaftler ermordet wird – jedenfalls wird Rogers nach dem erfolgreichen Beenden des zweiten Weltkriegs, der in diesem Universum auch ganz anders verlief, aus Versehen eingefroren und erst im nächsten Millenium wieder aufgetaut, um an der Seite von Hulk, Thor und so gegen das Böse zu kämpfen. Als der Soldat schlechthin befolgt Cap aber nicht einfach blind Befehle, sondern denkt strategisch und kameradschaftlich – keiner seiner Kameraden wird je zurückgelassen.  In seinem ersten Film „The first Avenger“ an der Front missachtet er sogar direkte Befehle, um gefangen genommene amerikanische Soldaten zu befreien.  Außerdem ist seine oberste Priorität der Schutz der zivilen Bevölkerung – um jeden Preis. Sein Handeln zeichnet sich durch patriotisches Pflichtgefühl gegen der gesamten Bevölkerung, nicht nur Amerika, aus. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob er die Amerikaner in letzter Instanz nicht doch bevorzugen würde, käme es zu einer Evakuierung der gesamten Weltbevölkerung zum Beispiel. Naja. Einigen wir uns darauf zu sagen, er fühlt sich der Menschen als solcher bedingungslos moralisch verpflichtet. Mit dem Tesserakt versinkt er im arktischen Eis und bleibt verschollen, bis er nach 70 Jahren lebendig geborgen wird.

Aber nach 70 Jahren schaut die Welt ein wenig anders aus. Die Ideale des alten Amerikas, in dem jeder eine Chance hat, sind zu Ammenmärchen verkommen. Oder wurden sie nur als solche entlarvt? Mit Kapital wird Geld und noch mehr Kapital gemacht, und ohne Kapital geht gar nichts. Das neue Amerika schert sich gar nicht mal mehr, die Illusion des Tellerwäschers, der zum Millionär wird, aufrechtzuerhalten. Der deregulierte Markt enthebelt nationale Grenzen und eint alle Völker zur Wirtschaftseinheit. Verlierer sind Millionen, Gewinner sind wenige, die nicht gerne abgeben und nach immer mehr gieren. Der Solidaritätsradius hat sich nicht etwa über die neue globalisierte Welt ausgedehnt, sondern ist, im Gegenteil, eingeschrumpft zu einem kümmerlichen Kreis der nur nächsten Verwandten und Freunde.

Tony Stark ist Erbe des Technologiekonzerns „Stark Industries“, das hauptsächlich mit Waffen Geschäfte gemacht hat, bis Tony erfährt, dass seine Firma illegale Waffendeals mit afghanischen Rebellen gemacht hat. Daraufhin zieht er seine Firma „Stark Industries“ aus der Rüstungsindustrie zurück.

Tony Stark repräsentiert das Amerika des grenzenlosen Kapitalismus, des Neoliberalismus. Er ist klar der Stereotyp eines Individualisten und hat ein ständiges Konkurrenzdenken verinnerlicht. Um den Iron Man-Anzug dem amerikanischen Militär und somit dem demokratischen Rechtstaat zu übergeben, hinterfrägt Tony die Sicherheitsstrukturen des Militärs. Da sein ehemaliger Geschäftspartner Obadiah Stane in Iron Man 1 Stark-Waffen an afghanische Terroristen verkauft hatte, misstraut Tony den Strukturen eines bürokratisch komplexen Gebildes wie eines Unternehmens oder eben denen eines Rechtstaates. Es ist die gleiche Kritik wie jeher: die zahlreichen Gremien, durch die eine Entscheidung laufen muss, verlangsamt die Reaktionszeit einer Demokratie, während sie dadurch natürlich auch mehr Sicherheit garantiert. Desweiteren steigt mit der Zahl der zu durchlaufenden Stellen die Wahrscheinlichkeit der Korruption. Deshalb betreibt Tony Selbstjustiz und unterwirft die Rettung von Menschenleben nur noch seinem Urteil, seiner Willkür. In Iron Man 2 verkündet er nun mehr unverhohlen, er habe „Frieden erfolgreich privatisiert“. In der Tat privatisiert er einen Teil der Justiz und ist dabei gleichzeitig gesetzgebende und ausführende Gewalt.

Die Geschichten und Temperamente der beiden Marvel-Helden könnten gegensätzlicher nicht sein.

Worum es in ihren Meinungsverschiedenheiten eigentlich geht, ist meistens egal. Tony nennt Cap einen „alten Mann“ und „unzeitgemäß“. Mag sein, dass das Amerika der Träume tatsächlich unzeitgemäß und naiv illusorisch wirkt neben der kalt kalkulierenden Nüchternheit des Kapitals. Rogers hinkt 70 Jahren technischer Entwicklung hinterher, Tony ist ein Technikvisionär. Unschwer, dass Steve neben seiner schlagfertigen und gewitzten Art eher antiquiert wirkt. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, in der es noch andere Werte gab oder Werte überhaupt?

Steve Rogers: Big man in a suit of armour. Take that off, what are you?

Tony Stark: Genius, billionaire, playboy, philanthropist.

Steve Rogers: I know guys with none of that worth ten of you. I’ve seen the footage. The only thing you really fight for is yourself. You’re not the guy to make the sacrifice play, to lay down on a wire and let the other guy crawl over you.

Tony Stark: I think I would just cut the wire.

Steve Rogers: Always a way out… You know, you may not be a threat, but you better stop pretending to be a hero.

Tony Stark: A hero? Like you? You’re a lab rat, Rogers. Everything special about you came out of a bottle!

Steve Rogers: Put on the suit. Let’s go a few rounds.

Man kann sich nicht der Tatsache entwehren, dass Steve Rogers eine Menge Ehre besitzt, sei es in Punkto Selbstachtung oder Respekt gegenüber anderen. Etwas, worauf Tony Stark scheinbar nicht so viel gibt. Ihm geht es darum, die effizienteste Lösung für ein Problem zu finden, koste es, was es wolle – er ist schließlich Milliardär. Dabei verinnerlicht er nicht nur die Ideale des Neoliberalismus, nämlich Unabhängigkeit bis hin zur völligen (emotionalen) Isolation (die einzige ihm wirklich nahestehende Person ist Pepper Potts, und die war oder ist, nun ja, seine Sekräterin), Egoismus und Innovation, sondern von seinem verschwenderischen Lifestyle bis zu seiner Coolness verkörpert geradezu völlig den Markt an sich. Außerdem ist er Erbe des Technologiekonzerns seines Vaters, was in seinem Fall bedeutet, ein Vermögen und auch Talent geerbt zu haben. Biologie und Markt verschmelzen in ihm – so wie in seinem Iron Man – Anzug …

Rogers hingegen stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Nur durch seinen Ehrgeiz, seine aufopferungsvolle Hingabe für sein Vaterland schafft es Steve, der erste Superheld überhaupt zu werden.

Rogers ist das Gegenteil eines Individualisten: er ist Soldat. Er denkt nicht nur kameradschaftlich gemeinschaftlich, sondern ist darüber hinaus bereit, für sein Land und für seine Ideale zu sterben. Seine Prinzipien treiben ihn an, nicht persönliche Verwirklichungswünsche. Was seinen Patriotismus angeht, so glaube ich persönlich, dass er sich nicht scheuen würde, Befehle zu missachten, die seinen Moralvorstellungen zuwider liefen und sich damit auch gegen sein Land zu stellen, würde es nicht mehr die Ideale vertreten, die er mit ihm verbindet. So ist sein Patriotismus nicht blind und der Begriff seines Amerikas setzt sich aus den Idealen zusammen, für das, für ihn persönlich, das Land mit seiner Verfassung steht.

Rogers dient, Stark macht sein eigenes Ding. Rogers hat Ideale und würde für sie sterben, Stark würde, müsste er sterben, den Maßstab seiner Ideale verschieben, je nachdem, was nützt. Für Rogers stehen die richtigen Mittel im Vordergrund, für Stark eher der Zweck. Wer in der Moralität seiner Mittel flexibel ist, der hat häufiger Erfolg und insofern der Erfolg ein Indikator für Glaubwürdigkeit oder Autorität ist, so traut man Stark mehr zu. Den Willen eines Cap zu brechen ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Allerdings ist es am Ende des Films Tony, der sich opfert, damit andere leben können. Aber er überlebts.

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https://www.film.tv/starportraits/captain-america-biografie-24583.html

Marvel (2012): The Avengers

Ein Plädoyer für die Unvernunft oder die YOLO-Falle

Eigentlich will man es ja anders machen, aber nicht heute, sondern vielleicht morgen, oder doch lieber übermorgen!

Im Grunde weiß man ungefähr, was gut und schlecht, richtig und falsch ist. Aber scheiß drauf, heute gönne ich mir diese Scheibe Schinken, auch wenn ich weiß, dass Fleischkonsum für die Umwelt und die betroffenen Tiere schlecht ist. Und Zigaretten – eine ist wie keine! Ein Glas Wein am Abend macht mich noch nicht zur Alkoholikerin und hin und wieder einen über den Durst auch nicht! Und dieser Flug war echt billiger als eine Zugfahrt! Und heute belohne ich mich mit dieser Tasche, bei deren Kauf ich weiß, dass ich ein Unternehmen unterstütze, das auf die Rechte seiner Angestellten scheißt. Und ohne Amazon hätte ich an Weihnachten schon so oft die Sympathien meiner Familie verspielt … Das Credo: Man gönnt sich ja sonst nichts!

Konsumieren, als gäbe es kein morgen !

Es ist insgesamt sehr schwierig, unseren westlichen Lifestyle mit einer nachhaltigen, bewussten Existenz zu vereinbaren – das Mantra YOLO verhindert es (für Leute, die vor 1999 geboren sind: You Only Live Once). So rechtfertigen Jugendliche und junge Erwachsene ihren verschwenderischen Lebensstil. Aber am Morgen kommt immer der Kater, immer das böse Erwachen, und immer der Tag der Abrechnung! Und nicht nur man selbst hat einen Kater, auch die Umwelt, mein Konto, die dritte Welt und meine Kinder und Enkelkinder.

Aber der Mensch ist so gut darin, Ausreden zu finden, um diese kognitiven Dissonanzen (=wenn innere Einstellung und tatsächliche Handlung sich widersprechen) aus dem Weg zu räumen. Wir betreiben kognitiven Dissonanzausgleich, mit anderen Worten: wir reden uns die Welt schön! Oder machen sie uns, wiesie wiesie wiesie uns gefällt. Studien zufolge ist das sogar unabdingbar für unsere körperliche und geistige Gesundheit, da wir so oft widersprüchlich handeln, dass wir eingehen würden, könnten wir uns nicht immer wieder neue  Ausreden und Rechtfertigungen dafür zusammenbasteln.

Ich weiß, dass Rauchen schlecht für meine Gesundheit ist und tue es trotzdem.
Ich weiß, dass Fleischkonsum aus mehreren Gründen Scheiße ist und tue es trotzdem.
Ich weiß, dass ich mehr Dinge kaufe, als ich brauche und somit das Kapital von Unternehmen fördere, die ihre Mitarbeiter aufs Übelste ausbeuten und somit ein System fördere, dass ich nicht gut finde.
Ich weiß, dass Fliegen schlecht für die Umwelt ist und wähle trotzdem aus Bequemlichkeit diesen Transportweg.
Ich weiß, dass dieses Dessert meine Diät zunichte macht, trotzdem esse ich es mit Genuss.
Ich weiß, dass die Gala Schund ist, aber liebe es, sie heimlich im Wartezimmer zu lesen.
Ich weiß, dass ich besser daran täte, an meiner Hausarbeit zu schreiben, als die fünfte Folge ‚Stranger Things‘ an diesem Tag anzuschauen, und tue es trotzdem.

Die Gewichtung dieser Beispiele ist sehr unterschiedlich. Dennoch illustriert es ziemlich geil das, was ich aufzeigen möchte: unseren Trotz gegenüber der Rationalität. Ja, es ist Trotz!

Negativ formuliert könnte man auch sagen, man scheiße auf die Fakten. Man trotze der Wirklichkeit, was einer Ablehnung von Verantwortung gleichkommt. Oder man könnte weiter gehen und sagen, man boykottiere die menschlichste menschliche Eigenheit, nämlich die Vernunft, und verleugne somit das Wesen des Menschen selbst! Man bekenne sich als Tier, das blind nach Affekten handelt, das nur reagiert statt reflektiert bewusst zu agieren! Als Sklaven momentaner Launen, Triebe, Gelüste!

Positiv könnte man sagen, man befreie sich aus den Zwängen der Rationalität, die nicht die einzige Komponente unserer Realität sein kann! Es sei eine Rebellion, eine Emanzipation aus dem Diktat der Zwecke*. Man entscheide zwar nicht, aber man erlaube sich bewusst, spontan und impulsiv handeln zu dürfen! Undiszipliniert, emotional sein zu dürfen! Man weiß zwar, dass es nicht richtig ist, aber man macht es trotzdem, weil es schön ist und man ein Mensch ist, für den die Rationalität nur eines neben anderen Kriterien für eine Handlungsweise ist.

Und ich glaube ferner, dass es diese zwei Moods in uns gibt: es gibt einerseits den Vernunft-Mood und andererseits den Unvernunft-Mood. Diese sind sowohl Modus als auch mood (Laune, Stimmung). Wenn wir demnach in dem Unvernunft-Mood sind, sind alle unsere guten Vorsätze dahin, wenn wir diese eine wunderschöne Tasche sehen oder der Duft von Omas Apfelstrudel in unsere Nase dringt. Wenn man in diesem Mood ist, kann man einfach nicht vernünftig denken, das ist per definitionem bereits von vorneherein ausgeschlossen! Ein Eingreifen in diesem Stadium ist also nicht von Erfolg gekrönt. Denn offenbar ist es ja egal, was man sich vornimmt oder nicht, wenn man ohnehin nicht anders handeln kann, denn anscheinend kommt es eher darauf an, ob man in einer Situation überhaupt vernünftig sein und denken wird oder nicht. Mit anderen Worten: Eine unvernünftige Situation schließt vernünftiges Handeln aus. Klingt logisch.

Wie also könnte man doch irgendwie die Rationalität zu Wort und Tat kommen lassen, wenn man schon die jeweiligen Moods nicht beeinflussen kann?

Na ja, einmal könnte man versuchen, Umwege um genau solche Situationen zu bauen, um zu verhindern, überhaupt in sie zu gelangen. Also zum Beispiel absichtlich nicht in Kleidungsgeschäfte oder Kneipen gehen, Freunden und Eltern sagen, dass sie einem nichts Süßes einstecken sollen, selbst nichts Süßes kaufen, keine Kippen kaufen, die Verkäufer in der Umgebung überreden, einem nichts mehr zu verkaufen, keine Werbung mehr schauen, dem Partner die Vollmacht über die Kreditkarte geben, zu Hause bleiben, den Strom abschalten, das Smartphone das Klo runterspülen.
Nun, dann hat man die Verantwortung aber lediglich abgegeben. Man hat es anderen Menschen und Umständen überlassen und sich somit jegliche Mündigkeit völlig abgesprochen. Aber das ist eine Möglichkeit. Allerdings wäre man dann nicht mehr als ein Kind. Oder ein Hund.

Man könnte sich, als erwachsener Mensch, die Leine auch selbst anlegen. Das ist keineswegs kinky, sondern der Inbegriff von vernünftig und die Alternative zur Einbußung von Mündigkeit, Selbstrespekt und Lebensqualität. Und da man die Unvernunft keineswegs zähmen kann, da sie sonst ungestüm und unberechenbar würde, muss man es auf einem ganz anderen Weg versuchen, nämlich einem Kompromiss.

Man muss es sich leisten können, unvernünftig zu sein.

Damit ist gemeint: Man sollte der Unvernunft einen gewissen Spielraum zugestehen, und zwar insoweit, als dass sie einerseits ein nachhaltiges Leben nicht maßgeblich beeinträchtigt und andererseits nichts an ihrem ihr innewohnenden Zauber des Trotzes einbüßt. Was man als Mensch also tun kann, ist, dafür zu sorgen, dass man immer nur dann unvernünftig ist, wenn man es sich leisten kann.

Damit die Zahlen unter dem Nachhaltigkeitskonto nicht ins Minus gehen, muss man dafür sorgen, dass man zuvor ordentlich im Plus liegt, oder es sich zumindest die Waage hält. Also dafür sorgen, dass es nicht der Tropfen auf dem vor Lastern überlaufenden Fass ist, wenn man ein Stück Kuchen, eine Zigarette, ein teures Paar Schuhe oder eine Reise nach Neuseeland genießt.

Wir müssen erreichen, dass die Voraussetzungen stimmen, damit wir uns eine Abweichung von der Norm erlauben können. Und diese ist individuell und je nach Standpunkt verschieden – ökonomisch, ökologisch, moralisch, sozial – je nach eigenem ermessenen Maßstab; aber das Ziel ist ja, diesen Maßstab zu halten und nicht ständig, je nach Lust und Laune zu verschieben. Denn weicht man ständig ab, ist die Norm keine Norm mehr, sondern die Abweichung die Norm wäre die Abweichung.

Aber diese Formel hört sich echt nicht übel an: Je öfter man vernünftig ist, desto öfter kann man auch unvernünftig sein.

Und ein durch und durch vernünftiges Leben wäre doch furchtbar langweilig. Ein gewisser Grad an Unvernunft macht das Leben nicht nur besser, sondern lustiger und freier. Man wirft die Zwänge der Vernunft für einen Moment ab und handelt emotional. Auch das ist Menschsein – nicht nur ratio und nicht nur emotio, sondern beides.

Also, investiert in eure Vernunft, damit eure Unvernunft wachsen kann!

Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört – Episode II

Nun soll es weiter gehen mit unserer allzu nachsichtigen Kritik. Außerdem möchte ich ankündigen, dass ich glaube, noch nicht alles zu dem Thema gesagt zu haben und deshalb noch einen dritten Teil vorbereite. In Anbetracht von so viel Negativität ist es wohl auch in Ordnung anzukündigen, dass Episode III sehr viel positiver wird!
So, aber jetzt noch mal ganz im Ernst:

Während storytechnisch die verhassten Prequels tatsächlich mehr zu bieten hatten als die kontrastreiche Originaltrilogie mit ihren stereotypischen Charakteren, simpel strukturierten Handlungssträngen sowie klaren Oppositionen, verlassen sich die Macher der neuen Trilogie auf diese vermeintlich konstruktive Kritik der Fans: statt politischer Intrigen besteht wieder die altbewährte Konstellation: offener Krieg. Gut und Böse.

Das neue Imperium, die sogenannte „erste Ordnung“ ist böse, weil (und jetzt wage ich mich mal großzügigerweise an eine Definition heran, die ich aus den dürftigen Erklärungen von Episode VII zu erschließen versuche) es autoritäre Strukturen hat – die augenscheinlich nur aus einem riesigen Militärapparat bestehende Institution folgt unhinterfragt den Anweisungen ihres sogenannten „Anführers Snoke“, der im Besitz der Macht ist und sich, seinem unschmeichelhaften Äußeren und bedrohlichen Stimme nach zu urteilen, auf deren dunklen Seite befindet; sie zerstören die Republik, eine vermutlich demokratische Institution, mit ihrer Superwaffe, die mit Sonnenenergie gespeist wird und auf einem Planeten situiert ist, den die Rebellen in ihrer Mission anfliegen und mittels Feuerkraft letztendlich auch zerstören. Es wird kein Hehl daraus gemacht, dass die Bedrohung proportional zur Größe zunimmt: in einer Lagebesprechung der Rebellen zu dieser Mission wird ein Hologramm der „Starkiller-Basis“ auf einem Planeten gezeigt. Er ist natürlich viel größer als der Todesstern, also auch viel gefährlicher und die neue Superwaffe kann nicht nur einen Planeten auf einmal zerstören, sondern gleich mehrere.
Genau nach dem Motto verfährt auch der ganze Film. Anstatt dramaturgisch was zu reißen, interessante Charaktere oder uns irgendwas Neues über die Macht beizubringen, bauen die Filmemacher auf die altbewährten Pfeiler der erste Trilogie und blasen Gewesenes einfach größer auf, denn das macht man so im Kapitalismus (jaja, verdreht die Augen). Statt Innovation Wiederholung und „Scheinverbesserung“.

Gleichzeitig beflügelt dieser Innovationsmangel und die heutige „Informationsinflation“ eine Ästhetik des Seriellen, wie die Welle der zahlreichen Serienformate in den letzten Jahren zeigt.

Die Saga bildet eine eigene Form der Serie. „Die Saga ist eine Abfolge scheinbar immer neuer Ereignisse, die im Gegensatz zur Serie den „historischen“ Werdegang einer Person oder besser noch einer Personenfamilie betreffen“, schreibt Umberto Eco in seinem Aufsatz „Die Innovation des Seriellen“ von 1983*.
Sehen wir uns an, was für Gedanken er in diesem Aufsatz noch entwickelt und ob wir daraus Parallelen zu Star Wars ziehen können.

Eco beschreibt in seiner sogenannten „Ästhetik des Seriellen“ zwei Arten von Empfängern:
Einmal den naiven Empfänger, der die erste Ebene der Erzählung wahrnimmt, die Geschichte ohne Vorkenntnisse. Dieser „wird zum Opfer der Strategien des Autors“(S.168); einen beliebigen Star Wars würde dieser nicht anders ansehen als einen normalen Action-Film. Nur sind die meisten Star Wars-Gucker keine naiven Empfänger, sondern solche der von Eco also zweiten definierten Art, kritische Empfänger. Dieser Empfänger beurteilt die serialisierenden Strategien, die „Art und Weise der Variation [auf dem Grundschema], die Bewertung der Innovationsstrategien oder das Fehlen davon“ und „wie das Immergleiche behandelt wird, um es jeweils verschieden scheinen zu lassen“. Er „bewertet das Werk als ästhetisches Produkt und beurteilt diese Strategien.“(S.168)
Auch wenn sie keine Fans sind, haben aufgrund des Kultstatus der Saga die allermeisten bereits einen oder mehrere Star Wars-Filme gesehen und werden somit schon zu Empfängern der zweiten Art. Um die sich über mehrere Episoden ziehende Saga in Gänze verstehen zu können, muss man sich auf die dem Universum interne Logik einlassen und zieht automatisch Parallelen zu anderen Episoden.

Außerdem kommen wir bei Star Wars mit einer Sonderform des intertextuellen Dialogismus in Berührung: Intertextualität wird so definiert, dass „kein Text […] innerhalb einer kulturellen Struktur ohne Bezug zur Gesamtheit der anderen Texte denkbar ist“**.  Das Erzählte kann also je nach „Kontext eine unterschiedliche Bedeutung [annehmen], im Extremfall umfassende kulturgeschichtliche bzw. kultursoziologische Bedeutungen[].“**
Im letzten Beitrag haben wir gesehen, wie Star Wars verschiedene Elemente klassischer Epen nachahmt  und in sich vereint und somit zu einem ganz eigenen modernen Mythos wird. Es spielt also auf kulturhistorische Texte an, zitiert sie aber nicht direkt. Es erfordert eine Interpretationsleitung unsererseits, um dies zu erkennen, ob sie von George Lucas nun beabsichtigt waren oder nicht.
Eco: „Typisch für die Literatur und Kunst in der sogenannten Postmoderne ist […] das Zitieren in Anführungszeichen, sodass der Leser nicht so sehr auf den Inhalt des Zitates achtet, als vielmehr auf die Art und Weise, wie das Zitat in das Geflecht eines anderen Textes eingefügt wird, um einen neuen Text zu erzeugen.“(S.170)

Das Kino ist voller populärkultureller Anspielungen. Da Star Wars in einer weit weit entfernten Galaxis spielt und wir zumindest für die Dauer des Films in diesem abgeschlossenen Universum verbleiben wollen, gibt es zwar keine solchen (direkten) Referenzen in Bezug auf unsere Realität. Star Wars zitiert nur sich selbst. Und das nicht wenig – die Saga strotzt nur so vor Selbstreferenzen und intertextueller Logik. Und das nicht ohne Grund – wie sehr man sich freut, wiederkehrende Witze und Anspielungen zu erkennen: „Ich hab da ein ganz mieses Gefühl“. Wenn der Millenium Falke als „Schrottmühle“ bezeichnet wird. Wenn sich Stormtrooper über die neue BT-16 unterhalten oder sich an Luken den Kopf anhauen.
„Diese unmerklichen Anführungszeichen sind, mehr noch als ein ästhetischer Kunstgriff, ein sozialer: sie selektionieren die happy few (von denen man hofft, dass sie Millionen sind). Dem naiven Zuschauer hat der Film schon genug gegeben, dieses eine geheime Vergnügen bleibt für diesmal dem kritischen Zuschauer vorbehalten.“(S.171)

Die happy few und somit kritischen Empfänger sind im Fall von Star Wars hunderte Millionen: Die StarWars-Fanbase ist die wohl größte der Welt, einfach aufgrund des beispiellosen Merchandisings und natürlich auch der Präsenz über mehr als 40 Jahre! Die Filmproduzenten wissen das und sparen deshalb auch nicht mit Insider-Jokes.

Diese ewige Selbstreferenzialität bildet einen hermetischen Käfig und schließt alles äußere ab. Star Wars ist ein Paralleluniversum, angereichert durch zahllose Nebengeschichten, Spin-Offs, Videospiele, Serien, Bücher und belebt durch die Fans, die dieses Universum anerkennen. Wenn wir Star Wars schauen, wissen wir, dass das, was uns gezeigt wird, nur ein kleiner Teil von etwas sehr viel Größerem ist. Und gleichzeitig fühlen wir uns als Zuschauer ebenso als kleiner Teil dieses großen Gebildes, indem wir in unserem Kopf vervollständigen, was auf der Leinwand alleine unvollständig bleibt. Selbst als Neuling wird man sich freuen, Wiederkehrendes zu identifizieren, weil einem das das Gefühl einer Art Eigenleistung gibt und auch das Gefühl, zu partizipieren – man gehört nun auf zweierlei Weise zum Club: man trägt zum Gelingen der Gags durch die eigene Interpretationsleistung als kritischer Empfänger bei, weil sie ohne Vorwissen nicht funktionieren (mit anderen Worten: man partizipiert am Gelingen des Films) und wird im gleichen Zug zum StarWars-Insider!
Die Produzenten setzen insbesondere in den neuen Filmen unverhohlen auf die zweite Art des Rezipienten – ohne ihn und seine Kenntnis der anderen Filme funktionieren die aktuellen Filme nicht. Das ist möglicherweise ein Phänomen, das sich mit jeder Episode verstärkt hat und einfach an der Natur der Serialität an sich liegt. Der erste Star Wars („Eine neue Hoffnung“, 1976) kann für sich alleine stehen: er hat ein Anfang und ein Ende. Mit wachsender Episodenzahl allerdings nimmt diese Autonomie ab.
Die neue Trilogie baut nur noch auf dem soliden Fundament früherer Episoden – und das nicht gerade hoch; sie ist durchsetzt von zahllosen Referenzen, greift noch offene Fragen, nicht zu Ende gesponnene Ideen und Handlungsstränge auf und macht – nichts damit.
Wer sind Reys Eltern? In Episode 7 fragten wir uns noch – könnte es Luke sein? In Episode 8 hieß es, sie seien „niemand“ gewesen, aber ist sie auch in dieser Frage noch uneindeutig. Auch das gespannte Warten auf das Jeditraining Reys blieb unbefriedigt, schließlich ist sie ja ein Naturtalent und auch schienen die wirklich interessanten Lektionen immer in den Momenten zwischen den Szenen zu passieren.
Da gibt es wieder einen klugen kleinen Droiden, der optisch noch viel knuddliger ist als R2 (und sich deshalb auch besser als Kuscheltier verkaufen lässt). Selbiges gilt für die großäugigen kleinen Viecher auf Lukes Insel.
Wieder gibt es drei Hauptfiguren, von denen eine ein Jedi und technikaffin ist, einer der treue und gutherzige Freund, und der andere der sogar bei den Rebellen rebellische Pilot.
Wieder gibt es eine Cantina-Szene, die die Helden mit der rauen realen Welt konfrontieren soll.
Und Kylo Ren ist ja noch jähzorniger als Darth Vader und kultiviert seine dunkle Seite genüsslich mit dem Würgen von Menschen und wahllosem Eindreschen auf Gerätschaften (bestimmt zum Abreagieren empfohlen von seinem Psychotherapeuten). Nur dass es bei ihm eher an einen besonders frustrierten Teenager erinnert, dem man einfach nur die Emofresse polieren möchte.
Und zu guter Letzt gibt es genau eine Schwachstelle bei dem Todesplaneten, die man anfliegen und beschießen muss.
Gähn!

Eco sagt: „Das wahre Problem liegt nicht darin, das heute das, was interessiert nicht zu sehr die Variabilität des Schemas ist als vielmehr die Tatsache, dass man endlos auf ihm variieren kann und eine endlose Variabilität hat alle Merkmale der Wiederholung, aber nur sehr wenige der Innovation. Was hier gefeiert wird, ist eine Art Sieg des Lebens über die Kunst mit dem paradoxen Ergebnis, dass die moderne Ära der Elektronik […] eine Rückkehr der Kontinuität des Zyklischen, Periodischen, Regulären“, eine „Moderne Dialektik der Innovation und Wiederholung produziert“(S.174***).

Wie also könnte ein Star Wars-Film aussehen, der einerseits einen autonomem ästhetischen Wert besitzt und sich andererseits nahtlos in die Reigen der bereits existierenden einfügt, ohne an Innovation einzubüßen? Welche Kriterien müsste er erfüllen?

Eco formuliert zwei Kriterien einer modernen Lösung über die Ästhetik des Seriellen:

„1. Es muss sich eine Dialektik zwischen Ordnung und Neuheit oder Schema und Innovation bilden.
2. Diese Dialektik muss vom Empfänger realisiert werden: er darf nicht nur die Inhalte der Botschaft wahrnehmen, er muß auch erfassen, in welcher Weise die Botschaft ihre Inhalte übermittelt“(S.167).

Es geht also darum, „wie die Komponenten eines [Films] segmentiert und kodifiziert werden, um ein System von Invarianten zu etablieren, wobei dann alles, was sich in diesem System nicht einfügt, als unabhängige Variable definiert wird.“(S.175, O.Calabrese)

Eco nennt diese neue Ästhetik neobarock. Sie soll sich durch „organisierte Differenzierung, Polyzentrismus [und] regulierte Irregularität“ (S.175) auszeichnen.

Was das bedeutet ? Keine Ahnung! Sag nicht immer >du wirrköpfiger Philosoph< zu mir!

 

  1. Eco: Über Spiegel und andere Phänomene, dtv-Verlag, ISBN: 9783423129244
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Intertextualität
  3. Vgl. den zitierten Aufsatz von Costa und Quaresima in Cinema & Cinema, 35-36

Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört, Episode I

Es war einmal vor langer Zeit, da mein Bruder mich darauf hinwies, dass Blogeinträge möglichst kurz sein sollten, weil sie potentielle Leser sonst abschrecken. Darum poste ich die verschiedenen Teile dieses Artikels in Abständen. Außerdem ist es strategisch auch besonders schlau, da ihr dann vielleicht öfter hier vorbeischaut, um zu sehen, ob Teil 2 (3, 100, wer weiß?) schon draußen ist. Und ich habe somit vielleicht die Möglichkeit, euch durch das Abwarten so sehr auf die Folter zu spannen, dass ihr die literarischen Mängel vor lauter Freude eher überseht. Natürlich müsste Teil 1 dafür aber erst mal gut sein. Ohje, na gut, fangen wir an.

Star Wars IV ist ein Märchen, das im Weltraum spielt und der Genredefinition nach nicht Sciene-Fiction ist. Das Wort „science“ bedeutet übersetzt Naturwissenschaft und folglich muss die Science-Fiction zumindest teilweise einen realistischen Blick in Richtung technologischer Entwicklung auf Grundlage gegenwärtiger wissenschaftlicher Erkenntnisse geben, ebenso mit Berücksichtigung der tatsächlichen physikalischen Welt.*
Star Wars scheißt deutlich auf die Physik. Und um das zu unterstreichen, kündigt es schon vor dem Titel an, „in einer weit weit entfernten Galaxis“* zu spielen. Es wird nicht erklärt, warum die Figuren auf den Raumschiffen nicht durch die Gegend schweben, übergangen oder zumindest verschleiert wird die tatsächliche Beschaffenheit des Lichtschwerts/Laserschwerts (oder ist es Plasma? (Hubert:2006)), auch kann Masse einfach auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden, es gibt Überlichtgeschwindigkeit, es gibt offenbar keine Zeitdilatation und so weiter. Wenn euch die Begriffe nichts sagen, gebt’s bei Google ein, es soll in diesem Artikel nicht meine Aufgabe sein, euch das zu erklären und ich verschwende lieber Zeilen damit, euch zu erklären, dass ich es euch nicht erklären will, anstatt es euch zu erklären.
Diese „science“ ist übrigens auch der große Unterschied zwischen Star Wars und Star Trek. Wer hat es nicht schon immer wissen wollen, warum diese verfeindeten Lager sich gegenseitig zerfleischen? Aber es ist doch wohl eher eine Gefühlssache, was man lieber mag. Ich zumindest fühle mich nicht allzu mies, mich auf der Seite der der Realität galaxieentfernten Träumer und Utopisten wiederzufinden. Sie sind vielleicht nicht unbedingt die Vordenker, aber die Andersdenker, aber wer sagt, dass das eine besser als das andere ist?

Der „Kieg der Sterne“ ist wie eine klassische Märchenerzählung oder wie ein Heldenepos aufgebaut.* Der anfangs noch naive und unschlüssige Luke Skywalker muss wie Odysseus, Herakles oder Achilles, verschiedene Aufgaben bewältigen und unterschiedlichen Gegnern entgegentreten, was unmittelbar zu seinem Reifeprozess beiträgt. Der klassisch männliche Held befreit die Prinzessin (nicht ganz so in Nöten: Leia) aus der schwarzen Festung oder Burg (dem Todesstern); auf seiner Reise begegnet er allerlei kuriosen Geschöpfen, neuen Freundschaften und Mentoren, was einerseits dazu beiträgt, seinen Welthorizont zu erweitern und ihn andererseits auch auf seine Endaufgabe vorbereitet, die darin besteht, sich schließlich seinem Endgegner zu stellen, was faktisch aber erst in Episode V geschieht.

Während die älteste Trilogie (Episode IV, V und VI) noch die positiv verlaufende Entwicklung des Protagonisten Luke Skywalkers verfolgt, sieht man in den sogenannten und von Fans sehr kritisierten Prequels (1999-2005) den negativen Ausgang einer Entwicklung, den Verfall, des Anakin Skywalkers, Lukes Vater und Darth Vader.
Nun wirken diese so umstrittenen Prequels natürlich wie unermesslich originelle und wertvolle, aus dem Star Wars-Universum nicht mehr wegzudenkende Schätze, im Vergleich zu dem Schund, den uns Disney seit 2015 unterzujubeln versucht.

Endlich die Kritik!

Getarnt unter dem Titel „Star Wars“, angeheizt durch ein Merchandising, das Vorangegangenes weit in den Schatten stellt, verstecken sich die Filmproduzenten hinter geheuchelter Nostalgie, die vor allem darin zum Vorschein kommt, dass sie uns bekannte Artefakte aus dem Universum selbstgefällig und breittretend einleitet. Zum Beispiel mit betonter Beiläufigkeit, die niemanden täuscht, wenn Rey und Finn zum Millenium Falken rennen und wir – die Zuschauer – die „Schrottmühle“ zum ersten Mal seit 1983 (“ Die Rückkehr der Jedi-Ritter“) wieder sehen – heißt, sie orientieren sich (entlarvend!) nicht etwa an der von George Lucas‘ vorgesehenen Chronologie der Episoden, sondern an der empirischen Realität der „Erscheinungsdaten“. Das heißt auch, dass sie dem Zuschauer mehr Respekt zollen, als der Saga (obwohl sie hier zwei Fliegen mit einer Klappe hätten schlagen können, da man Fans ja meistens dann glücklich macht, indem man die Saga respektiert). Aber hätten sie dasselbe mit, sagen wir, einem Podrenner oder irgendeinem anderen Artefakt der Prequels gemacht, die uns zeitlich ja näher sind, hätte das einfach nur lächerlich gewirkt. Nach vierzig Jahren und nach dem Feedback: „Die Originaltrilogie war die beste“ lebt sichs sicher und gut, die Zuschauer mit ihrer Nostalgie zu überführen, um die lahme Story zu verstecken. Selbes gilt für den melodramatischen ersten Auftritt von Han und Chewie: „Chewie, wir sind zu Hause“ (und alles so: aawww!) – Ew! Ein echter Star Wars hätte so eine Gesäusel nicht nötig gehabt. Umso mehr hat es Episode VII sehr wohl nötig, sich hinter den „alten“ (also bewährten) Dingen zu verstecken und heimst lieber ein bisschen vom Ruhm anderer ein, anstatt sich etwas Neues cooles einfallen zu lassen. Wer sagt denn, dass alles, was nicht George Lucas geschaffen hat, nicht auch Star Wars sein kann? Ich habe Fan Fictions gelesen (ja, und?!) die mehr Star Wars waren als diese neuen Filme!

Augenzwinkernd wurde uns auch eine neue Version der Kantina-Szene aus Episode IV angeboten. Nur halt – scheiße. Wirklich neu war der Todestern-Planet auch nicht. Naja, machen wir mit den tollen Charakteren weiter.

Ich weiß nicht, woran’s liegt aber irgendwie kommen diese lieblos entwickelten Figuren einfach nicht aus ihren Stereotypen raus – Rey. Finn. Poe. Kontrastlos stehen sie da, eine Prise Han Solo hier, einen Hauch Padme (die Frisur!) dort. Aber: Diversity! Hier gilt das Rezept des heutigen Populärkinos: wenn man aus kommerziellen Gründen auf den Feminismus- und ethnic-diversity-Trend aufspringt, lässt sich das als so vorbildliches ideologisches Statement auslegen, dass man sich interessante Charaktere sparen kann! Und außerdem: so modern sind sie doch gar nicht, oder? Rey ist die weibliche Version des ebenso machtbegabten und technisch versierten Luke und Poe Dameron ist durch seine Schlagfertigkeit mit dem Niveau eines Klassenclowns der Unterstufe („So who talks first? I talk first? You talk first?“) einfach ein weiterer guter böser Bub! Das einzig interessante und neue hinsichtlich seines Charakters kam von Seiten der Fans, ein Hype um eine mögliche romantische Beziehung zwischen ihm und Finn, die durch zweideutige Kamerawinkel und einen eindeutigen Blick Poes befeuert wurde. Hier hätte Disney Stärke zeigen können, um zum ersten Mal ein homosexuelles Paar in dem größten Film-Franchise der Welt zu integrieren, wenn sie schon so viel wert auf Fan-Feedback legen. Aber wahrscheinlich fürchtete man Einspielverluste in China und Russland. Schwach, Disney. Fortschritt ist anscheinend nur dann erstrebenswert, wenn es sich finanziell lohnt. Dahingehend will man kein Risiko eingehen. Obwohl man doch gerade als großer Konzern mit einer Reichweite, die Millionen von Menschen umfasst, diese Macht und somit auch Verantwortung. Aber im Kapitalismus sind alle Konsumenten gleich – und es gilt nach dem Mantra der Populärkultur: den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden und sich ja nicht anmaßen, moralische Werte zu verkünden. Mit Konservativismus ist man hier also auf der sicheren Seite…

Finn, der Charakter mit dem wir uns wohl identifizieren sollen, weil er irgendwie von nichts einen blassen Schimmer hat, schafft es irgendwie, die geistigen Fesseln seiner autoritären Militärausbildung zum Sturmtruppler abzuwerfen und zu erkennen, dass er bei „den Bösen“ mitspielt, um sich dann ohne großartige moralische Hinterfragungen auf die Seite der Rebellen zu werfen. Ja, denn bei der Klärung der Fronten wird auf das traditionelle schwarz-weiß-System der Originaltrilogie  gesetzt – das Imperium ist böse und die Rebellen sind gut. Aber hätte euch nicht auch dieses „irgendwie“ interessiert? Wie emanzipiert sich Finn? Ist das nicht die interessanteste Frage, die seine Figur aufwirft? Wie schafft er es, obwohl er offenbar in totalitären Strukturen aufgewachsen ist, einen eigenen Willen zu entwickeln und – wie Kant sagen würde – sich „seines eigenen Verstandes zu bedienen“? Als Erklärung bekommen wir nur den negativen Ansatz von seiner Ausbilderin angeboten, die seinen moralischen Konflikt als Fehler im System deklariert. Moralethische Fragen sind in einer totalitären Ordnung, die nur auf Gehorsam ausgelegt ist, ein Fehler im System, sofern sie dieses System infrage stellen, was die Definition „totalitär“, das heißt, keine Alternativen duldend, per se ausschließt. Auf ethischer Ebene: folgt daraus dann, dass, wenn das System (moralisch) schlecht ist, der Fehler im System automatisch (moralisch) gut ist?

  • „Viel zu lernen du noch hast“ – Star Wars und die Philosophie, Hg.: Catherine Newmark, S. 220
  • Star Wars I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII
  • Joseph Campbell (Monomythos) schaut euch hierzu unbedingt diese arte-Doku an: https://www.youtube.com/watch?v=BOFELVit38I

Das gute Leben

Warum sollte ein hedonistischer Lebensstil weniger erfüllend sein, als einer, der der Sinnfindung und -gebung gewidmet ist?

Lust zu befriedigen und Leid zu vermindern, könnte das wirklich das Wahre sein?

Warum nach Tieferem suchen, warum nach vermeintlich Höherem streben? Denn ist der Sinn nicht schlicht und ergreifend eine Illusion, die wir uns geben, weil wir uns nicht vorstellen mögen, dass es so einfach ist? Den Erscheinungen misstrauen und versuchen, unter den Boden der Tatsachen nach so etwas metaphysischem wie Sinn suchen. Ist es die Hybris des Menschen, eine bloße Anmaßung, zu denken, dass es mehr gäbe, als die Welt uns zeigt?

Warum kann das Leben nicht einfach so einfach sein – eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, wie wir, möglicherweise individuell, aber nicht zu sehr, auf die Umwelt reagieren und mit ihr interagieren? Reiz-Reaktion, nicht mehr.

Ein Leben richtet sich viel nach biologischen Bedürfnissen, wie Essen und Trinken, Sex, Schlaf. Zu den etwas komplexeren Bedürfnissen gehören Geltungs- und Statusbedürfnisse, diese könnte man außederdem unter die kulturellen und sozialen zählen. Sie setzen sich aus dem zusammen, was die Gesellschaft – Staat, Familie, Freunde – von einem erwartet und stillt Bedürfnisse auf beiden Seiten – wobei die eigene Seite, aus rein subjektiven Gründen ohnehin näher an einem selbst, meistens überwiegt und man die Kontakte so dosieren kann, wie es einem passt. Verspürt man das Bedürfnis nach Gesellschaft, begibt man sich in sie, andererseits macht man auch Kompromisse oder man lässt sich hinreißen, um den Bedürfnissen der Anderen Genüge zu tun und zahlt Steuern, geht arbeiten und beteiligt sich am gesellschaftlichen Leben.

Außerdem wären da noch psychische Bedürfnisse, auf die zu achten keine Selbstverständlichkeit ist und deren Erfüllung nicht so unmittelbar folgt, wie die der biologischen. Psychische Bedürfnisse sind aber, anders als die unmittelbaren biologischen, langfristiger und weitreichender Pflege bedürftig. Wie man vom Essen sagen kann, dass es auf einen unmittelbaren Drang, den Hunger, folgt, gibt es durchaus auch unmittelbare psychische Bedürfnisse – wie das nach Nähe, einen Anflug von Wut oder Zärtlichkeit loszuwerden, kurz ängstlich oder besorgt zu sein und so fort. Aber wie die körperliche Gesundheit nicht immer dadurch zu erhalten ist, plötzlichen Gelüsten nachzugeben, im Vertrauen darauf, dass der Körper immer nach dem verlangt, was ihm auch guttut, ist die Pflege der psychischen Gesundheit durchaus auch längerfristiger Pflege bedürftig. Wie man den Körper auf lange Sicht erhält, indem man sich gut ernährt, Sport treibt, nicht raucht, wenig Alkohol trinkt – so kann man auch der Psyche entgegenkommen, indem man sie umsichtig pflegt. Denn wie auch der Körper Infektionen wie Erkältungen, Grippe kennt oder Verletzungen, wie kleine Schnittwunden,blaue Flecke oder gar gebrochene Gliedmaßen, so ist es bei der Psyche nicht viel anders – Panikattacken könnten möglicherweise sublimierte Gefühle an die Oberfläche spülen, wie eine Erkältung Bakterien mittels Schleim aus dem Körper schleust – beides unangenehme, aber nötige Vorgänge, für die man dem Immunsystem und dem Unterbewusstsein, das vielleicht das Immunsystem der Psyche ist, dankbar sein kann. Ernsthaften Erkrankungen kann man aber keinesfalls die Selbstverschuldung unterstellen.

Wenn man in stetem Austausch mit der Außenwelt lebt, ist es unvermeidbar, dass Körper und Psyche und Geist von dieser geformt werden. Die geistigen Bedürfnisse sind, grob umrissen, das Bedürfnis nach der Verarbeitung von Informationen. Ja, jeglicher Informationen. Bekanntlich leben wir ja in einem Informationsflutzeitalter, indem es schwierig ist, die herauszufiltern, die für uns wichtig sind. Allerdings ist der Zugang zu Informationen weniger schwierig, wie in vergangenen Zeitaltern. War es die Aufgabe früherer Generationen, sich die nötigen Informationen überhaupt erst zugänglich zu machen, so besteht unsere heute eher darin, sie zu filtern, sie in einer schier unübersichtlichen Masse ausfindig zu machen und unser Gehirn von Abfall reinzuhalten, den Müll zu trennen und auch zu entsorgen. Wissen, die Frucht und Befriedigung geistiger Bedürfnisse, ist ein weit gefasster Begriff. Er kann von der Kenntnis, wer mit wem gerade was am Laufen hat – Tratsch –, über das Entdecken und die Umsetzung eines neuen Kochrezeptes, bis zu der Verinnerlichung von Quantenmechanik reichen. Wieder gilt es, das kurzfristige Informationsbedürfnis mit dem längerfristigen in Einklang zu bringen. So kann eine willkürliche Anhäufung von Detailwissen nicht zur Bildung eines einheitlichen Verständnisses beitragen, wie etwa die Kenntnis aller Expartnerinnen von James Franco. Quantität bedeutet nicht auch Qualität. Andererseits ist kurzweiliges „Futter“, wie das Lesen von Kurznachrichten oder Whatsapp-Messages auch etwas, was man dem Gehirn nicht bedingungslos vorenthalten sollte – das Gehirn verlangt danach, weil es dadurch schnell befriedigt ist – wie es nach Zucker verlangt, weil der schneller ins Blut geht. Auf Süßigkeiten gänzlich zu verzichten macht nicht nur keinen Spaß, sondern soll sogar ungesund sein – Selbstkasteiung ist eben auch nicht immer zielführend, aber das Maß macht die Melodie.

Körper, Psyche und Geist mögen je nach individueller Konstitution unterschiedliche kurzfristige und langfristige Bedürfnisse hervorbringen – sie ernsthaft kennenzulernen bemühen sich jedoch die wenigsten. Einem mag das Leben in Extremen gut bekommen und Exzesse gut wegstecken, einem anderen ist ein geregelter Tagesablauf jedoch unerlässlich.

Süßigkeiten – das sind für den Körper ist das Schokolade, für die Psyche ist das ein One-Night-Stand, und für den Geist ist das die Netflix-Serie. Sie erfüllen alle drei das kurzfristige Ziel, sich schnell befriedigt zu fühlen. Das bedeutet nicht, dass die Aneinanderreihung dieser Tätigkeiten ein erfülltes Leben bedeutet.

Aber was sind dann diese längerfristige Bedürfnisse, die so sinnstiftend sein sollen?

Da wären zum Beispiel, sich gesteckte Ziele zu erfüllen. Ernsthafte und tiefe Verbindungen zu Menschen aufbauen und zu unterhalten. Ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln …

Ein bloßes Leben-als-wäre-jeder-Tag-dein-Letzter, YOLO und zukunftsverleugnende Scheiß-drauf-Einstellungen können, wenn sie auf Dauer gelebt werden, verheerend sein – da sie nur als kurze Ausflüchte und Einlagen zum Leben wohltuend funktionieren, dienen sie unserer wahren Natur weniger, die auf eine Mischung, eine Abstimmung aus beidem angelegt ist. Andererseits ist diese kurzlebige Einstellung nur die logische Folge aus unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Nicht nur Waren und Dienstleistungen werden ohne einen Gedanken an morgen konsumiert, sondern auch Menschen. Was nicht gefällt, mit dem muss man sich auch nicht unnötig länger beschäftigen – das Angebot auf dem Markt ist scheinbar unendlich! Die Marktmoral greift zunehmend auch auf unser Privatleben über und macht uns zu blinden, ferngesteuerten Konsummaschinen, die den Reichtum einiger Weniger speisen, nach deren abartigem Vorbild zu streben uns antreibt.*

Was können wir nun aus dieser nicht sehr ermutigenden Bilanz ziehen?

Summe aus Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse ǂ gutes Leben
aber
optimal Abstimmung und Erfüllung langfristiger und kurzfristiger Bedürfnisse = gute Leben

Wir erweisen der Zukunft Respekt, wenn wir die Gegenwart erfüllend leben und nicht dauernd aufschieben, zu leben. Die langfristigen Bedürfnisse zeigen sich zwar nicht so unmittelbar wie die kurzfristigen, aber haben nur einen Grad an Schwierigkeit mehr als diese, ausfindig gemacht zu werden. Die Synthese aus beiden herzustellen, ist eine schwierige Aufgabe, führt aber womöglich zu höherem Glück.

  • Patrick Schreiner – Warum Menschen sowas mitmachen: Achtzehn SIchtweisen auf das Leben im Neoliberalismus