Das alte und das neue Amerika

Begeben wir uns in das Marvel-Universum.

Die Geschichte ist komischerweise nicht neu und ganz und gar marvellous: der exzentrische, coole Egomane und Philanthrop Tony Stark alias Iron Man und der tugendhafte Teamplayer Steve Rogers, bekannt unter „Captain America“, kurz „Cap“, liegen sich in Comics und Filmen regelmäßig ordentlich in den Haaren.

Civil War – Bürgerkrieg? Es sind zwar Bürger, die sich hier bekämpfen, aber zumindest keine Zivilisten: Beide, Tony Stark und Cap gehören dem Zusammenschluss von Superhelden, den „Avengers“ an, die sich dem Schutz der Welt vor übernatürlichen Bedrohungen verschrieben haben.

Captain America ist ein erfolgreiches Laborexperiment aus dem Jahre 1943 und wird oft als „the greatest soldier in history“ bezeichnet. Steve Rogers wird zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wegen seiner mickrigen Gestalt ausgemustert, lässt aber nicht locker und qualifiziert sich schließlich als erstes Testsubjekt für ein „Supersoldatenserum“. Er bleibt der Einzige, da der zuständige Wissenschaftler ermordet wird – jedenfalls wird Rogers nach dem erfolgreichen Beenden des zweiten Weltkriegs, der in diesem Universum auch ganz anders verlief, aus Versehen eingefroren und erst im nächsten Millenium wieder aufgetaut, um an der Seite von Hulk, Thor und so gegen das Böse zu kämpfen. Als der Soldat schlechthin befolgt Cap aber nicht einfach blind Befehle, sondern denkt strategisch und kameradschaftlich – keiner seiner Kameraden wird je zurückgelassen.  In seinem ersten Film „The first Avenger“ an der Front missachtet er sogar direkte Befehle, um gefangen genommene amerikanische Soldaten zu befreien.  Außerdem ist seine oberste Priorität der Schutz der zivilen Bevölkerung – um jeden Preis. Sein Handeln zeichnet sich durch patriotisches Pflichtgefühl gegen der gesamten Bevölkerung, nicht nur Amerika, aus. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob er die Amerikaner in letzter Instanz nicht doch bevorzugen würde, käme es zu einer Evakuierung der gesamten Weltbevölkerung zum Beispiel. Naja. Einigen wir uns darauf zu sagen, er fühlt sich der Menschen als solcher bedingungslos moralisch verpflichtet. Mit dem Tesserakt versinkt er im arktischen Eis und bleibt verschollen, bis er nach 70 Jahren lebendig geborgen wird.

Aber nach 70 Jahren schaut die Welt ein wenig anders aus. Die Ideale des alten Amerikas, in dem jeder eine Chance hat, sind zu Ammenmärchen verkommen. Oder wurden sie nur als solche entlarvt? Mit Kapital wird Geld und noch mehr Kapital gemacht, und ohne Kapital geht gar nichts. Das neue Amerika schert sich gar nicht mal mehr, die Illusion des Tellerwäschers, der zum Millionär wird, aufrechtzuerhalten. Der deregulierte Markt enthebelt nationale Grenzen und eint alle Völker zur Wirtschaftseinheit. Verlierer sind Millionen, Gewinner sind wenige, die nicht gerne abgeben und nach immer mehr gieren. Der Solidaritätsradius hat sich nicht etwa über die neue globalisierte Welt ausgedehnt, sondern ist, im Gegenteil, eingeschrumpft zu einem kümmerlichen Kreis der nur nächsten Verwandten und Freunde.

Tony Stark ist Erbe des Technologiekonzerns „Stark Industries“, das hauptsächlich mit Waffen Geschäfte gemacht hat, bis Tony erfährt, dass seine Firma illegale Waffendeals mit afghanischen Rebellen gemacht hat. Daraufhin zieht er seine Firma „Stark Industries“ aus der Rüstungsindustrie zurück.

Tony Stark repräsentiert das Amerika des grenzenlosen Kapitalismus, des Neoliberalismus. Er ist klar der Stereotyp eines Individualisten und hat ein ständiges Konkurrenzdenken verinnerlicht. Um den Iron Man-Anzug dem amerikanischen Militär und somit dem demokratischen Rechtstaat zu übergeben, hinterfrägt Tony die Sicherheitsstrukturen des Militärs. Da sein ehemaliger Geschäftspartner Obadiah Stane in Iron Man 1 Stark-Waffen an afghanische Terroristen verkauft hatte, misstraut Tony den Strukturen eines bürokratisch komplexen Gebildes wie eines Unternehmens oder eben denen eines Rechtstaates. Es ist die gleiche Kritik wie jeher: die zahlreichen Gremien, durch die eine Entscheidung laufen muss, verlangsamt die Reaktionszeit einer Demokratie, während sie dadurch natürlich auch mehr Sicherheit garantiert. Desweiteren steigt mit der Zahl der zu durchlaufenden Stellen die Wahrscheinlichkeit der Korruption. Deshalb betreibt Tony Selbstjustiz und unterwirft die Rettung von Menschenleben nur noch seinem Urteil, seiner Willkür. In Iron Man 2 verkündet er nun mehr unverhohlen, er habe „Frieden erfolgreich privatisiert“. In der Tat privatisiert er einen Teil der Justiz und ist dabei gleichzeitig gesetzgebende und ausführende Gewalt.

Die Geschichten und Temperamente der beiden Marvel-Helden könnten gegensätzlicher nicht sein.

Worum es in ihren Meinungsverschiedenheiten eigentlich geht, ist meistens egal. Tony nennt Cap einen „alten Mann“ und „unzeitgemäß“. Mag sein, dass das Amerika der Träume tatsächlich unzeitgemäß und naiv illusorisch wirkt neben der kalt kalkulierenden Nüchternheit des Kapitals. Rogers hinkt 70 Jahren technischer Entwicklung hinterher, Tony ist ein Technikvisionär. Unschwer, dass Steve neben seiner schlagfertigen und gewitzten Art eher antiquiert wirkt. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, in der es noch andere Werte gab oder Werte überhaupt?

Steve Rogers: Big man in a suit of armour. Take that off, what are you?

Tony Stark: Genius, billionaire, playboy, philanthropist.

Steve Rogers: I know guys with none of that worth ten of you. I’ve seen the footage. The only thing you really fight for is yourself. You’re not the guy to make the sacrifice play, to lay down on a wire and let the other guy crawl over you.

Tony Stark: I think I would just cut the wire.

Steve Rogers: Always a way out… You know, you may not be a threat, but you better stop pretending to be a hero.

Tony Stark: A hero? Like you? You’re a lab rat, Rogers. Everything special about you came out of a bottle!

Steve Rogers: Put on the suit. Let’s go a few rounds.

Man kann sich nicht der Tatsache entwehren, dass Steve Rogers eine Menge Ehre besitzt, sei es in Punkto Selbstachtung oder Respekt gegenüber anderen. Etwas, worauf Tony Stark scheinbar nicht so viel gibt. Ihm geht es darum, die effizienteste Lösung für ein Problem zu finden, koste es, was es wolle – er ist schließlich Milliardär. Dabei verinnerlicht er nicht nur die Ideale des Neoliberalismus, nämlich Unabhängigkeit bis hin zur völligen (emotionalen) Isolation (die einzige ihm wirklich nahestehende Person ist Pepper Potts, und die war oder ist, nun ja, seine Sekräterin), Egoismus und Innovation, sondern von seinem verschwenderischen Lifestyle bis zu seiner Coolness verkörpert geradezu völlig den Markt an sich. Außerdem ist er Erbe des Technologiekonzerns seines Vaters, was in seinem Fall bedeutet, ein Vermögen und auch Talent geerbt zu haben. Biologie und Markt verschmelzen in ihm – so wie in seinem Iron Man – Anzug …

Rogers hingegen stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Nur durch seinen Ehrgeiz, seine aufopferungsvolle Hingabe für sein Vaterland schafft es Steve, der erste Superheld überhaupt zu werden.

Rogers ist das Gegenteil eines Individualisten: er ist Soldat. Er denkt nicht nur kameradschaftlich gemeinschaftlich, sondern ist darüber hinaus bereit, für sein Land und für seine Ideale zu sterben. Seine Prinzipien treiben ihn an, nicht persönliche Verwirklichungswünsche. Was seinen Patriotismus angeht, so glaube ich persönlich, dass er sich nicht scheuen würde, Befehle zu missachten, die seinen Moralvorstellungen zuwider liefen und sich damit auch gegen sein Land zu stellen, würde es nicht mehr die Ideale vertreten, die er mit ihm verbindet. So ist sein Patriotismus nicht blind und der Begriff seines Amerikas setzt sich aus den Idealen zusammen, für das, für ihn persönlich, das Land mit seiner Verfassung steht.

Rogers dient, Stark macht sein eigenes Ding. Rogers hat Ideale und würde für sie sterben, Stark würde, müsste er sterben, den Maßstab seiner Ideale verschieben, je nachdem, was nützt. Für Rogers stehen die richtigen Mittel im Vordergrund, für Stark eher der Zweck. Wer in der Moralität seiner Mittel flexibel ist, der hat häufiger Erfolg und insofern der Erfolg ein Indikator für Glaubwürdigkeit oder Autorität ist, so traut man Stark mehr zu. Den Willen eines Cap zu brechen ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Allerdings ist es am Ende des Films Tony, der sich opfert, damit andere leben können. Aber er überlebts.

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https://www.film.tv/starportraits/captain-america-biografie-24583.html

Marvel (2012): The Avengers

Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört, Episode III

Wie angekündigt folgt jetzt Teil 3 meiner persönlichen Saga der Kritik zu Star Wars. Das neue Spin-Off „Solo“ habe ich zwar noch nicht gesehen, aber ich vermute mal, auch eine Kritik dazu wird nicht lange auf sich warten lassen.

Kommen wir nun endlich zum Wesentlichen an Star Wars: der Macht.
Achja, die Macht. Viel haben die neuen Episoden zu neuen Erkenntnissen nicht beigetragen. Man erinnere sich nur an den Moment, als die zu bemüht skurrile und sich in ihrer eigenen Karikatur auf Brechreiz erregende Weise nur selbst übertreffende Figur „Mas“ auf dem Planeten blabla in Episode 7 (der mit „so viel grün“) Rey das Konzept der Macht näherzubringen versuchte: „Sie umgibt und durchdringt alles.“
Aha. Wohl analog zu dieser Aussage, deren Stumpfheit alles umgibt und durchdringt, was mit diesem Film zu tun hat. Spätestens jetzt hätte man also empört von den Kinostühlen aufspringen sollen.
Allerdings kann man die Vorsicht der Drehbuchschreiber hinsichtlich neuartiger Aussagen über die Macht auch verstehen: Furore auf Seiten der Fans machte um die Zweitausenderwende in Episode I eine Äußerung des guten alten Qui-Gonn Dschinn, der dem kleinen unsympathischen Kind-Anakin erklärte, was es mit den Midichlorianern auf sich hatte. Demnach steige das Vermögen, die Macht zu beherrschen proportional zur Anzahl der im Blut vorhandenen Midichlorianern, „winzig kleiner Lebensformen, die in Symbiose mit uns leben und uns den Willen der Macht mitteilen“. Durch diese molekularbiologische Erklärung wars das dann endgültig mit der mystischen Macht!
Philosophiehistorisch gibt es da sogar einen Zusammenhang: Um die gleiche Zeit feiert die Neurobiologie ihren Siegeszug über die Metaphysik, indem sie mit neuartigen bildgebenden Verfahren das Konzept eines Geistes materialistisch in den neuronalen Gehirnprozessen verankert. Sieg des Materialismus, Ende des Dualismus, in dem sich Körper und Geist wie zwei Antipoden gegenüberstehen.
Jedenfalls entschied man wohl nach dieser Panne, jegliche weitere Erläuterungen über die Macht vage zu halten, und wenn man sich die neuen Filme ansieht, begreift man auch schnell, warum neue Zuschauer kaum etwas vermissen: es sind einfach Kriegsfilme, die im Weltraum spielen. Nichts mit Märchen, keine Science-Fiction – schlicht Action. Und was nützt einem da die Macht oder auch nur irgendein abstrakter Glauben an sie, wenn sie keinen Nutzen im materialistischen Krieg bringt? Und so materialistisch, oder materiallastig, materialschlachtartig, ging es noch in keinem Star Wars zu. Ist aber auch logisch: wenn es kaum Substanz hinter dem Geballer gibt, vernichtet man zum Ausgleich lieber all das an Substanz – Raumschiffe, Planeten, Menschen, Republiken, altgediente Charaktere, den letzten Zauber der Macht – was man auftreiben kann.
Die Macht tritt also, wie zu erwarten, nur als Mittel zum Zweck auf den Schauplatz. Rey muss die Macht erlernen, damit sie eine bessere Kriegerin wird. Luke kann sich plötzlich irgendwohin beamen, um dann dort effektiver zu kämpfen.

Die neue Trilogie folgt dem Motto vieler anderer erfolgreicher Netflix- oder Fernsehserien und bringt genüsslich seine Protagonisten um. Han Solo etwa, dessen Abgang nicht deshalb so dramatisch war, weil er besonders gut inszeniert worden wäre, sondern weil wir diese Figur und ihre Geschichte von George Lucas über drei Episoden aufwendig entwickelt wurde, wir sie immerhin ganze vierzig Jahre in unserem Herzen getragen und sie untrennbar mit dem Star Wars-Begriff verbunden war.
Sein Abgang fühlte sich auch nicht im Entferntesten würdig an. Ich war empört, dass die neuen Filmemacher es nicht nur nicht schaffen, eine halbwegs dem Namen Star Wars gerechte Story und interessante und liebenswürdige Charaktere hervorzubringen, nein, auch dass sie die alten Charaktere von Lucas reihenweise umbringen, und zwar in einer Weise, die weder verständlich ist, noch würdig, oder die Geschichte irgendwie voranbringt! Ich warte nun darauf, bis auch noch der letzte Rest – Leia, der Millenium Falke, Chewie oder 3-PO und R2 brutal und melodramatisch inszeniert, verschwindet.

Das Entstehen der neuen bösen Instanz „erste Ordnung“ wird auch kaum erklärt, aber vorausgesetzt, dass man sie unhinterfragt einfach hinnimmt. Außerdem kann man mit dem guten alten Hollywood-Rezept mit Nazis als Bösewichten nicht viel falsch machen – die Farben subtilerweise rot, schwarz, weiß und die hetzerische Rede des faschistoiden komischen rothaarigen Typen an die Stormtrooper-Armee lassen keinen Zweifel über die Inspirationsquelle.

Was haben wir noch vergessen? Achja. BB-8. Aufgrund seiner widerwärtigen Niedlichkeit kann ihm wohl keiner widerstehen, nicht mal Knackpo-Poe. Aber vor allem nicht die Kinder, die ihre Eltern im Spielzeuggeschäft solange nerven, bis sie alle süßen BB-8-Fanartikel, die man sich irgend vorstellen kann, besitzen. Natürlich, marketing-technisch ist BB-8 der Renner. Aber können wir kurz über seine Sprache sprechen?
Wenn wir auf R2-D2s Kommunikation mit Luke und Anakin zurückblicken, fällt auf, dass sie sich nur dann mit ihm konstruktiv austauschen konnten, als sie in einem Schiff saßen und das Gepiepse und Gedudel auf einem Display übersetzt oder von C3-PO gedolmedscht wurde. Wohingegen das Gedöns von BB-8 plötzlich jeder zu verstehen scheint. Außerdem scheinen die Drehbuchschreiber die Begeisterung der Zuschauer über die Droiden mit denen der Figuren in diesem Universum verwechselt zu haben. So waren Droiden in allen bisherigen Star Wars schlicht nützliche Maschinen, denen kein Charakter und schon gar keine Sonderbehandlung attribuiert wurde, und wenn nur verschwindend geringe emotionale Wertschätzung.

Wie am Fließband produziert Disney also einen weiteren Star Wars nach dem anderen und geht nach folgendem Rezept vor: Man nehme also ein Fantasyuniversum, das merchandisetechnisch Milliarden wert ist, um unzählige Spiele, Bücher und Fernsehserien erweitert wurde, lasse 10 Jahre nach Erscheinen des letzten Films verstreichen, bis die Fans vor lauter Hunger den echten Geschmack ihrer Lieblingsspeise nicht mehr kennen und setze ihnen anschließend einen lieblos dahingepantschten Eintopf mit random Figuren und einem ebenso random Plot vor altbekannter Kulisse – mit altbekanntem ablaufenden Vorspann, den X-Wings, den Panoramaaufnahmen der Planeten, und, wenn man sie auftreiben kann, ein paar alten Gesichtern – vor, greife ein paar aktuelle gesellschaftliche Themen oberflächlich auf, sodass es so aussieht, als würde man etwas Neues servieren, und kassiere ordentlich.

Ich komme mir so grausam vor, die neuen Filme so zu verreißen und über die wunderbaren alten, zu denen ich auch Episode I, II und III zähle, nicht zu huldigen!
Natürlich war Star Wars nie für seine originellen Plot-Twists, ein unvorhersehbares Szenario oder tiefschürfende Dialoge bekannt. Oder etwa gute Schauspieler. „Eine neue Hoffnung“ setzte damals Maßstäbe in Sachen Spezialeffekte und jeder neue Film zeigte das beste, was technisch möglich war. Aber nie kam es darauf an.
Man mochte die Charaktere. Jeden einzelnen. Sogar Gouverneur Tarkin, beim hundertsten Mal erschien er geradezu knuffig, als er die Zerstörung von Alderaan ankündigte. Sogar Jar Jar Binks ist im Vergleich zu Finn ein fähiges und interessantes Geschöpf. Wenn auch nicht Anakin.
Missmutig verfolgten wir seinen moralischen Zerfall, wir sahen ihn missmutig von einer Prüfung in die nächste rennen und stets seinen Egoismus siegen und mussten dabei sein, als er verzweifelte. Später brachte die Liebe zu seinem Sohn ihn zurück auf die gute Seite.
Obi-Wan sahen wir jung und idealistisch erst seinen Mentor verlieren, dann als geduldigen Lehrer und Freund Anakins, später Lukes.
Wir begleiteten Luke auf seiner Reise zum Erwachsenwerden, wir sahen zu, wie Leias moralische Maßstäbe durch einen liebenswerten Schurken weniger starr wurden und dieser sein Einzelgängerdasein ablegte und nach Jahrzehnten der Flucht endlich  irgendwo ankommen wollte.

Star Wars I – III wurde viel dafür kritisiert, dass man zu viel von der Handlung in Dialogen der Figuren oder in dem langen Textvorspann behandelt hat, anstatt es in Form einer Handlung zu zeigen.
Erinnern wir uns daran, als wir Star Wars zum ersten Mal sahen: hundert neue Ausdrücke und Namen, die uns nichts sagten, wurden von den Figuren beiläufig erwähnt – Was ist das Outer-Rim-Territorium? Corellianische Schiffe? Was sind Energiewandler und warum kann man sie an der Tosche-Station abholen? Was sind Wasserstoffevapovatoren? Die Diplomaten von Alderaan und Malestare sind eingetroffen. VII und VIII allerdings zeigen nur und erzählen nicht viel (die meisten der Dialoge sind überflüssig) und was sie zeigen, sagt nichts. Kaum ist die Rede von anderen Planeten, anderen Figuren, Geschichten um die Jedi oder die Sith. Wie der Humor in den Filmen lässt der Rest Subtilität und weitere Andeutungen vermissen. Diese Andeutungen hätten aber das Universum größer und mythischer gemacht, da man andere Planeten, Systeme, andere Geheimnisse erahnen konnte. Vielleicht deshalb, weil die Zahl der Episoden und die Filmlänge begrenzt war und George Lucas nicht wusste, wie er diese ganzen Informationen unterbringen hätte sollen. Nach dem Kauf durch Disney jedoch ist die Zahl der potentiellen Episoden grenzenlos geworden, aber das Universum wirkt kleiner denn je. Die Kapitalisten von Disney begreifen nicht, dass Größe manchmal das ausmacht, was man nicht zeigt.

Lest „Viel zu lernen du noch hast – Star Wars und die Philosophie“ von Catherine Newmark (Hg.)!

Mythen des Alltags – Der Tatortreiniger

Unter normalen Umständen ist ein Ort einfach der Hintergrund, vor dem sich ein Leben abspielt. Nun aber ist er Zeuge eines Todes geworden. Der Ort wird selbst zum Objekt des Interesses, und zwar zunächst für die Kommissare, die versuchen, anhand von Abdrücken zu ermitteln, was sich wie genau abgespielt hat.

Er rückt also nun plötzlich in den Vordergrund, denn er selbst ist indirekter Zeuge, weil er als passive Kulisse für die Tat diente. Wie ein urzeitlicher Handabdruck auf einer Höhlenwand, stellt der Ort nicht die Tat an sich dar, sondern ihren Abdruck, nämlich in Form von Spuren und versteckten Hinweisen. Die Spur ist Index, sie verweist auf etwas, das nicht sie selbst ist, sondern das, was auf sie gewirkt hat. Wie Rauch auf Feuer verweist, könnte das abgetretene Stuhlbein auch der entscheidender Hinweis für die Rekonstruktion des Tatverlaufs sein.

Nachdem aber nun all dies sorgfältig registriert wurde, taucht „Tatortreiniger“ Schotty (gespielt von Bjarne Mädel in der gleichnamigen Serie) auf und bereinigt den Ort der Tat – die Reinigungsmittel spielen dabei eine eher nebensächliche Rolle. Er taucht am Ort des Geschehens auf, nachdem dieses bereits geschehen ist – zumeist: ein blutiges Verbrechen. Jetzt bereinigt er den Ort der Tat. Er versetzt ihn in den Zustand vor der Tat, damit er wieder das ist, was er einmal gewesen ist – nämlich bloßer Hintergrund. Er reinigt den Ort also vom Tod, ohne diesen rückgängig machen zu können.

Pragmatisch und ohne Sinn für Tiefe versucht er zunächst seiner vordergründigen Tätigkeit nachzukommen – dem Reinigen der Oberflächen, auf denen sich noch Spuren des Unsagbaren befinden.

Nun kommt Schotty aber mit Menschen ins Gespräch und obwohl er eigentlich nur seine Arbeit so schnell wie möglich verrichten will, verwickelt er sich durch seine ungeschickte und einnehmend simple Art in allerlei Angelegenheiten und Umstände. Hier beginnt aber erst die richtige Reinigungsarbeit. Obwohl nicht von ihm beabsichtigt, wird er in tiefere Lebensfragen völlig fremder Menschen verwickelt und reflektiert nebenbei auch noch die eigenen. Dabei spielt allerdings kein außerordentliches Einfühlungsvermögen die entscheidende Rolle, sondern im Gegenteil – sein mangelndes Geschick und Taktgefühl, sowie seine seiner Naivität geschuldete Art lockt die Menschen, die er zum ersten Mal trifft, aus der Reserve. Nicht der außergewöhnliche Umstand eines Todes in ihrem unmittelbaren Umfeld bringt sie, wie man meinen sollte, aus dem Konzept, sondern das Auftauchen dieses unbeholfenen, aber auf sehr pragmatische Weise philosophischen Figur des Tatortreinigers Schotty.

Wie in einem Kammerspiel geht die Macht dieser Konfrontation von den Dialogen aus. Schotty, aus mangelnder Intelligenz, geht nie auf die Essenz dessen ein, die seine Gesprächspartner kommunizieren möchten. Stets fasst er nur einen Aspekt des Gesagten auf und hängt sich daran auf, zwirbelt es auseinander und präsentiert seine Interpretation dann wieder seinem Gegenüber, das immer sehr erfolgreich aus dem Konzept gebracht wird. Die verlässlichen Instrumente der Sprache verlieren bei ihm ihre Wirkung und ihre verschleiernde Funktion tritt zutage. Was diese Menschen sich Tag für Tag einreden, warum sie so leben, wie sie leben und warum sie die Dinge tun, die sie tun, offenbart sich als Konstrukt, an das sie nur erfolgreich genug glauben müssen, damit es wahr wird und überdies auch die einzige Wahrheit zu sein scheint, die sie für möglich halten. Die Menschen wiegen sich nur allzu gern in der Sicherheit der Konstrukte ihrer gewohnten Sprache – ihren Gründen, ihren Meinungen, ihren Glaubenssätzen, kurz: ihren Weltanschauungen. Erfolgreich durchbricht Schotty dieses Muster und sorgt dafür, dass die Leute zunächst ihn, aber schließlich und viel wichtiger noch, sich selbst, infrage stellen, sich und ihr Leben überdenken, was ihnen schließlich erlaubt, geklärt und »gereinigt« aus dem Gespräch hervorzugehen.

Welche Tatorte reinigt Schotty also nun wirklich? Die der Lebenden oder die der Toten?

Inspiriert durch Roland Barthes‘ „Mythen des Alltags“

Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört, Episode I

Es war einmal vor langer Zeit, da mein Bruder mich darauf hinwies, dass Blogeinträge möglichst kurz sein sollten, weil sie potentielle Leser sonst abschrecken. Darum poste ich die verschiedenen Teile dieses Artikels in Abständen. Außerdem ist es strategisch auch besonders schlau, da ihr dann vielleicht öfter hier vorbeischaut, um zu sehen, ob Teil 2 (3, 100, wer weiß?) schon draußen ist. Und ich habe somit vielleicht die Möglichkeit, euch durch das Abwarten so sehr auf die Folter zu spannen, dass ihr die literarischen Mängel vor lauter Freude eher überseht. Natürlich müsste Teil 1 dafür aber erst mal gut sein. Ohje, na gut, fangen wir an.

Star Wars IV ist ein Märchen, das im Weltraum spielt und der Genredefinition nach nicht Sciene-Fiction ist. Das Wort „science“ bedeutet übersetzt Naturwissenschaft und folglich muss die Science-Fiction zumindest teilweise einen realistischen Blick in Richtung technologischer Entwicklung auf Grundlage gegenwärtiger wissenschaftlicher Erkenntnisse geben, ebenso mit Berücksichtigung der tatsächlichen physikalischen Welt.*
Star Wars scheißt deutlich auf die Physik. Und um das zu unterstreichen, kündigt es schon vor dem Titel an, „in einer weit weit entfernten Galaxis“* zu spielen. Es wird nicht erklärt, warum die Figuren auf den Raumschiffen nicht durch die Gegend schweben, übergangen oder zumindest verschleiert wird die tatsächliche Beschaffenheit des Lichtschwerts/Laserschwerts (oder ist es Plasma? (Hubert:2006)), auch kann Masse einfach auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden, es gibt Überlichtgeschwindigkeit, es gibt offenbar keine Zeitdilatation und so weiter. Wenn euch die Begriffe nichts sagen, gebt’s bei Google ein, es soll in diesem Artikel nicht meine Aufgabe sein, euch das zu erklären und ich verschwende lieber Zeilen damit, euch zu erklären, dass ich es euch nicht erklären will, anstatt es euch zu erklären.
Diese „science“ ist übrigens auch der große Unterschied zwischen Star Wars und Star Trek. Wer hat es nicht schon immer wissen wollen, warum diese verfeindeten Lager sich gegenseitig zerfleischen? Aber es ist doch wohl eher eine Gefühlssache, was man lieber mag. Ich zumindest fühle mich nicht allzu mies, mich auf der Seite der der Realität galaxieentfernten Träumer und Utopisten wiederzufinden. Sie sind vielleicht nicht unbedingt die Vordenker, aber die Andersdenker, aber wer sagt, dass das eine besser als das andere ist?

Der „Kieg der Sterne“ ist wie eine klassische Märchenerzählung oder wie ein Heldenepos aufgebaut.* Der anfangs noch naive und unschlüssige Luke Skywalker muss wie Odysseus, Herakles oder Achilles, verschiedene Aufgaben bewältigen und unterschiedlichen Gegnern entgegentreten, was unmittelbar zu seinem Reifeprozess beiträgt. Der klassisch männliche Held befreit die Prinzessin (nicht ganz so in Nöten: Leia) aus der schwarzen Festung oder Burg (dem Todesstern); auf seiner Reise begegnet er allerlei kuriosen Geschöpfen, neuen Freundschaften und Mentoren, was einerseits dazu beiträgt, seinen Welthorizont zu erweitern und ihn andererseits auch auf seine Endaufgabe vorbereitet, die darin besteht, sich schließlich seinem Endgegner zu stellen, was faktisch aber erst in Episode V geschieht.

Während die älteste Trilogie (Episode IV, V und VI) noch die positiv verlaufende Entwicklung des Protagonisten Luke Skywalkers verfolgt, sieht man in den sogenannten und von Fans sehr kritisierten Prequels (1999-2005) den negativen Ausgang einer Entwicklung, den Verfall, des Anakin Skywalkers, Lukes Vater und Darth Vader.
Nun wirken diese so umstrittenen Prequels natürlich wie unermesslich originelle und wertvolle, aus dem Star Wars-Universum nicht mehr wegzudenkende Schätze, im Vergleich zu dem Schund, den uns Disney seit 2015 unterzujubeln versucht.

Endlich die Kritik!

Getarnt unter dem Titel „Star Wars“, angeheizt durch ein Merchandising, das Vorangegangenes weit in den Schatten stellt, verstecken sich die Filmproduzenten hinter geheuchelter Nostalgie, die vor allem darin zum Vorschein kommt, dass sie uns bekannte Artefakte aus dem Universum selbstgefällig und breittretend einleitet. Zum Beispiel mit betonter Beiläufigkeit, die niemanden täuscht, wenn Rey und Finn zum Millenium Falken rennen und wir – die Zuschauer – die „Schrottmühle“ zum ersten Mal seit 1983 (“ Die Rückkehr der Jedi-Ritter“) wieder sehen – heißt, sie orientieren sich (entlarvend!) nicht etwa an der von George Lucas‘ vorgesehenen Chronologie der Episoden, sondern an der empirischen Realität der „Erscheinungsdaten“. Das heißt auch, dass sie dem Zuschauer mehr Respekt zollen, als der Saga (obwohl sie hier zwei Fliegen mit einer Klappe hätten schlagen können, da man Fans ja meistens dann glücklich macht, indem man die Saga respektiert). Aber hätten sie dasselbe mit, sagen wir, einem Podrenner oder irgendeinem anderen Artefakt der Prequels gemacht, die uns zeitlich ja näher sind, hätte das einfach nur lächerlich gewirkt. Nach vierzig Jahren und nach dem Feedback: „Die Originaltrilogie war die beste“ lebt sichs sicher und gut, die Zuschauer mit ihrer Nostalgie zu überführen, um die lahme Story zu verstecken. Selbes gilt für den melodramatischen ersten Auftritt von Han und Chewie: „Chewie, wir sind zu Hause“ (und alles so: aawww!) – Ew! Ein echter Star Wars hätte so eine Gesäusel nicht nötig gehabt. Umso mehr hat es Episode VII sehr wohl nötig, sich hinter den „alten“ (also bewährten) Dingen zu verstecken und heimst lieber ein bisschen vom Ruhm anderer ein, anstatt sich etwas Neues cooles einfallen zu lassen. Wer sagt denn, dass alles, was nicht George Lucas geschaffen hat, nicht auch Star Wars sein kann? Ich habe Fan Fictions gelesen (ja, und?!) die mehr Star Wars waren als diese neuen Filme!

Augenzwinkernd wurde uns auch eine neue Version der Kantina-Szene aus Episode IV angeboten. Nur halt – scheiße. Wirklich neu war der Todestern-Planet auch nicht. Naja, machen wir mit den tollen Charakteren weiter.

Ich weiß nicht, woran’s liegt aber irgendwie kommen diese lieblos entwickelten Figuren einfach nicht aus ihren Stereotypen raus – Rey. Finn. Poe. Kontrastlos stehen sie da, eine Prise Han Solo hier, einen Hauch Padme (die Frisur!) dort. Aber: Diversity! Hier gilt das Rezept des heutigen Populärkinos: wenn man aus kommerziellen Gründen auf den Feminismus- und ethnic-diversity-Trend aufspringt, lässt sich das als so vorbildliches ideologisches Statement auslegen, dass man sich interessante Charaktere sparen kann! Und außerdem: so modern sind sie doch gar nicht, oder? Rey ist die weibliche Version des ebenso machtbegabten und technisch versierten Luke und Poe Dameron ist durch seine Schlagfertigkeit mit dem Niveau eines Klassenclowns der Unterstufe („So who talks first? I talk first? You talk first?“) einfach ein weiterer guter böser Bub! Das einzig interessante und neue hinsichtlich seines Charakters kam von Seiten der Fans, ein Hype um eine mögliche romantische Beziehung zwischen ihm und Finn, die durch zweideutige Kamerawinkel und einen eindeutigen Blick Poes befeuert wurde. Hier hätte Disney Stärke zeigen können, um zum ersten Mal ein homosexuelles Paar in dem größten Film-Franchise der Welt zu integrieren, wenn sie schon so viel wert auf Fan-Feedback legen. Aber wahrscheinlich fürchtete man Einspielverluste in China und Russland. Schwach, Disney. Fortschritt ist anscheinend nur dann erstrebenswert, wenn es sich finanziell lohnt. Dahingehend will man kein Risiko eingehen. Obwohl man doch gerade als großer Konzern mit einer Reichweite, die Millionen von Menschen umfasst, diese Macht und somit auch Verantwortung. Aber im Kapitalismus sind alle Konsumenten gleich – und es gilt nach dem Mantra der Populärkultur: den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden und sich ja nicht anmaßen, moralische Werte zu verkünden. Mit Konservativismus ist man hier also auf der sicheren Seite…

Finn, der Charakter mit dem wir uns wohl identifizieren sollen, weil er irgendwie von nichts einen blassen Schimmer hat, schafft es irgendwie, die geistigen Fesseln seiner autoritären Militärausbildung zum Sturmtruppler abzuwerfen und zu erkennen, dass er bei „den Bösen“ mitspielt, um sich dann ohne großartige moralische Hinterfragungen auf die Seite der Rebellen zu werfen. Ja, denn bei der Klärung der Fronten wird auf das traditionelle schwarz-weiß-System der Originaltrilogie  gesetzt – das Imperium ist böse und die Rebellen sind gut. Aber hätte euch nicht auch dieses „irgendwie“ interessiert? Wie emanzipiert sich Finn? Ist das nicht die interessanteste Frage, die seine Figur aufwirft? Wie schafft er es, obwohl er offenbar in totalitären Strukturen aufgewachsen ist, einen eigenen Willen zu entwickeln und – wie Kant sagen würde – sich „seines eigenen Verstandes zu bedienen“? Als Erklärung bekommen wir nur den negativen Ansatz von seiner Ausbilderin angeboten, die seinen moralischen Konflikt als Fehler im System deklariert. Moralethische Fragen sind in einer totalitären Ordnung, die nur auf Gehorsam ausgelegt ist, ein Fehler im System, sofern sie dieses System infrage stellen, was die Definition „totalitär“, das heißt, keine Alternativen duldend, per se ausschließt. Auf ethischer Ebene: folgt daraus dann, dass, wenn das System (moralisch) schlecht ist, der Fehler im System automatisch (moralisch) gut ist?

  • „Viel zu lernen du noch hast“ – Star Wars und die Philosophie, Hg.: Catherine Newmark, S. 220
  • Star Wars I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII
  • Joseph Campbell (Monomythos) schaut euch hierzu unbedingt diese arte-Doku an: https://www.youtube.com/watch?v=BOFELVit38I

Das gute Leben

Warum sollte ein hedonistischer Lebensstil weniger erfüllend sein, als einer, der der Sinnfindung und -gebung gewidmet ist?

Lust zu befriedigen und Leid zu vermindern, könnte das wirklich das Wahre sein?

Warum nach Tieferem suchen, warum nach vermeintlich Höherem streben? Denn ist der Sinn nicht schlicht und ergreifend eine Illusion, die wir uns geben, weil wir uns nicht vorstellen mögen, dass es so einfach ist? Den Erscheinungen misstrauen und versuchen, unter den Boden der Tatsachen nach so etwas metaphysischem wie Sinn suchen. Ist es die Hybris des Menschen, eine bloße Anmaßung, zu denken, dass es mehr gäbe, als die Welt uns zeigt?

Warum kann das Leben nicht einfach so einfach sein – eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, wie wir, möglicherweise individuell, aber nicht zu sehr, auf die Umwelt reagieren und mit ihr interagieren? Reiz-Reaktion, nicht mehr.

Ein Leben richtet sich viel nach biologischen Bedürfnissen, wie Essen und Trinken, Sex, Schlaf. Zu den etwas komplexeren Bedürfnissen gehören Geltungs- und Statusbedürfnisse, diese könnte man außederdem unter die kulturellen und sozialen zählen. Sie setzen sich aus dem zusammen, was die Gesellschaft – Staat, Familie, Freunde – von einem erwartet und stillt Bedürfnisse auf beiden Seiten – wobei die eigene Seite, aus rein subjektiven Gründen ohnehin näher an einem selbst, meistens überwiegt und man die Kontakte so dosieren kann, wie es einem passt. Verspürt man das Bedürfnis nach Gesellschaft, begibt man sich in sie, andererseits macht man auch Kompromisse oder man lässt sich hinreißen, um den Bedürfnissen der Anderen Genüge zu tun und zahlt Steuern, geht arbeiten und beteiligt sich am gesellschaftlichen Leben.

Außerdem wären da noch psychische Bedürfnisse, auf die zu achten keine Selbstverständlichkeit ist und deren Erfüllung nicht so unmittelbar folgt, wie die der biologischen. Psychische Bedürfnisse sind aber, anders als die unmittelbaren biologischen, langfristiger und weitreichender Pflege bedürftig. Wie man vom Essen sagen kann, dass es auf einen unmittelbaren Drang, den Hunger, folgt, gibt es durchaus auch unmittelbare psychische Bedürfnisse – wie das nach Nähe, einen Anflug von Wut oder Zärtlichkeit loszuwerden, kurz ängstlich oder besorgt zu sein und so fort. Aber wie die körperliche Gesundheit nicht immer dadurch zu erhalten ist, plötzlichen Gelüsten nachzugeben, im Vertrauen darauf, dass der Körper immer nach dem verlangt, was ihm auch guttut, ist die Pflege der psychischen Gesundheit durchaus auch längerfristiger Pflege bedürftig. Wie man den Körper auf lange Sicht erhält, indem man sich gut ernährt, Sport treibt, nicht raucht, wenig Alkohol trinkt – so kann man auch der Psyche entgegenkommen, indem man sie umsichtig pflegt. Denn wie auch der Körper Infektionen wie Erkältungen, Grippe kennt oder Verletzungen, wie kleine Schnittwunden,blaue Flecke oder gar gebrochene Gliedmaßen, so ist es bei der Psyche nicht viel anders – Panikattacken könnten möglicherweise sublimierte Gefühle an die Oberfläche spülen, wie eine Erkältung Bakterien mittels Schleim aus dem Körper schleust – beides unangenehme, aber nötige Vorgänge, für die man dem Immunsystem und dem Unterbewusstsein, das vielleicht das Immunsystem der Psyche ist, dankbar sein kann. Ernsthaften Erkrankungen kann man aber keinesfalls die Selbstverschuldung unterstellen.

Wenn man in stetem Austausch mit der Außenwelt lebt, ist es unvermeidbar, dass Körper und Psyche und Geist von dieser geformt werden. Die geistigen Bedürfnisse sind, grob umrissen, das Bedürfnis nach der Verarbeitung von Informationen. Ja, jeglicher Informationen. Bekanntlich leben wir ja in einem Informationsflutzeitalter, indem es schwierig ist, die herauszufiltern, die für uns wichtig sind. Allerdings ist der Zugang zu Informationen weniger schwierig, wie in vergangenen Zeitaltern. War es die Aufgabe früherer Generationen, sich die nötigen Informationen überhaupt erst zugänglich zu machen, so besteht unsere heute eher darin, sie zu filtern, sie in einer schier unübersichtlichen Masse ausfindig zu machen und unser Gehirn von Abfall reinzuhalten, den Müll zu trennen und auch zu entsorgen. Wissen, die Frucht und Befriedigung geistiger Bedürfnisse, ist ein weit gefasster Begriff. Er kann von der Kenntnis, wer mit wem gerade was am Laufen hat – Tratsch –, über das Entdecken und die Umsetzung eines neuen Kochrezeptes, bis zu der Verinnerlichung von Quantenmechanik reichen. Wieder gilt es, das kurzfristige Informationsbedürfnis mit dem längerfristigen in Einklang zu bringen. So kann eine willkürliche Anhäufung von Detailwissen nicht zur Bildung eines einheitlichen Verständnisses beitragen, wie etwa die Kenntnis aller Expartnerinnen von James Franco. Quantität bedeutet nicht auch Qualität. Andererseits ist kurzweiliges „Futter“, wie das Lesen von Kurznachrichten oder Whatsapp-Messages auch etwas, was man dem Gehirn nicht bedingungslos vorenthalten sollte – das Gehirn verlangt danach, weil es dadurch schnell befriedigt ist – wie es nach Zucker verlangt, weil der schneller ins Blut geht. Auf Süßigkeiten gänzlich zu verzichten macht nicht nur keinen Spaß, sondern soll sogar ungesund sein – Selbstkasteiung ist eben auch nicht immer zielführend, aber das Maß macht die Melodie.

Körper, Psyche und Geist mögen je nach individueller Konstitution unterschiedliche kurzfristige und langfristige Bedürfnisse hervorbringen – sie ernsthaft kennenzulernen bemühen sich jedoch die wenigsten. Einem mag das Leben in Extremen gut bekommen und Exzesse gut wegstecken, einem anderen ist ein geregelter Tagesablauf jedoch unerlässlich.

Süßigkeiten – das sind für den Körper ist das Schokolade, für die Psyche ist das ein One-Night-Stand, und für den Geist ist das die Netflix-Serie. Sie erfüllen alle drei das kurzfristige Ziel, sich schnell befriedigt zu fühlen. Das bedeutet nicht, dass die Aneinanderreihung dieser Tätigkeiten ein erfülltes Leben bedeutet.

Aber was sind dann diese längerfristige Bedürfnisse, die so sinnstiftend sein sollen?

Da wären zum Beispiel, sich gesteckte Ziele zu erfüllen. Ernsthafte und tiefe Verbindungen zu Menschen aufbauen und zu unterhalten. Ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln …

Ein bloßes Leben-als-wäre-jeder-Tag-dein-Letzter, YOLO und zukunftsverleugnende Scheiß-drauf-Einstellungen können, wenn sie auf Dauer gelebt werden, verheerend sein – da sie nur als kurze Ausflüchte und Einlagen zum Leben wohltuend funktionieren, dienen sie unserer wahren Natur weniger, die auf eine Mischung, eine Abstimmung aus beidem angelegt ist. Andererseits ist diese kurzlebige Einstellung nur die logische Folge aus unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Nicht nur Waren und Dienstleistungen werden ohne einen Gedanken an morgen konsumiert, sondern auch Menschen. Was nicht gefällt, mit dem muss man sich auch nicht unnötig länger beschäftigen – das Angebot auf dem Markt ist scheinbar unendlich! Die Marktmoral greift zunehmend auch auf unser Privatleben über und macht uns zu blinden, ferngesteuerten Konsummaschinen, die den Reichtum einiger Weniger speisen, nach deren abartigem Vorbild zu streben uns antreibt.*

Was können wir nun aus dieser nicht sehr ermutigenden Bilanz ziehen?

Summe aus Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse ǂ gutes Leben
aber
optimal Abstimmung und Erfüllung langfristiger und kurzfristiger Bedürfnisse = gute Leben

Wir erweisen der Zukunft Respekt, wenn wir die Gegenwart erfüllend leben und nicht dauernd aufschieben, zu leben. Die langfristigen Bedürfnisse zeigen sich zwar nicht so unmittelbar wie die kurzfristigen, aber haben nur einen Grad an Schwierigkeit mehr als diese, ausfindig gemacht zu werden. Die Synthese aus beiden herzustellen, ist eine schwierige Aufgabe, führt aber womöglich zu höherem Glück.

  • Patrick Schreiner – Warum Menschen sowas mitmachen: Achtzehn SIchtweisen auf das Leben im Neoliberalismus

Gut sein

Schlechtsein ist wie fauliges Gift, das durch die Adern kriecht und eine schwarze Spur hinter sich herzieht. Es befällt den Kopf und nistet sich dort ein. Das Schlechte braucht immer einen Wirt, es ist ein Parasit. Es zehrt von dem Organismus, den es befällt und schließlich zerstört. Es ist Egoismus und Habgier, Rache und Missgunst.

Gut ist man nicht aus Erwägungen heraus, die vernünftig sind oder dem eigenen Vorteil dienen. Diese Motive machen eine Handlung nicht gut. Wenn man utilitaristische Kosten-Nutzen-Bilanzen im Hinblick auf seine Handlungen anstellt, führt man kein redliches Leben.

Das Gute ist immer sein eigener Zweck, nie Mittel. Wenn eine gute Handlung zu einem anderen Zweck als um ihrer selbst willen vollzogen wird, kann sie nicht mehr gut sein. Fangen wir damit an, den Begriff des Guten mit der Definition zu umreißen, dass gut ist, was anderen nicht nur nicht schadet, sondern nützt. Es kann eine gute Handlung sein, andere Menschen zu erfreuen, zufriedenzustellen, ihnen zu helfen – so zu handeln, dass nicht (nur) man selbst, sondern auch andere einen Nutzen davon haben. Es kann aber auch schlicht sinnvoll sein und aus rationalen Erwägungen motiviert sein, die nichts mit Altruismus oder Nächstenliebe zu tun haben und andere Zwecke verfolgen, von denen die gute Tat nur ein nettes Nebenprodukt ist, mit dem man sich nur allzu gerne schmückt oder es dafür benutzt, sich ein makelloses Selbstbild vom Tugendhaften vorzuspiegeln, um dem Egoisten, der man wirklich ist, nicht ins Auge sehen zu müssen.

Das Gute verfolgt nie einen Zweck, es ist sein eigener Zweck. Vielleicht gehört es zur Eigenheit des Guten, nie Mittel auch nur sein zu können, da man in jeder denkbaren Situation, in der eine gute Handlung dafür verwendet wird, einen Zweck zu erfüllen, nicht mehr von einer rein guten Tat sprechen kann.

Eine gute Tat ist dann gut, wenn die Motive gut sind.

Man handelt für das Gute. Das gute ist der Zweck des Handelns. Man handelt gut, weil man Gutes bewirken will. Ob das Resultat auch wirklich gut ist, ist nicht wesentlich. Die gute Tat ist also solche als Handlung gut und bemisst sich nicht an ihrem Ergebnis – entgegen der utilitaristischen Maxime: „Handle so, dass für eine maximale Anzahl von Menschen maximaler Nutzen erzielt wird.“ Danach wäre eine gute Handlung nur dann eine, wenn sie auch tatsächlich Guted bewirkt hätte und außerdem auch nur retrospektiv als solche zu erkennen. Die Motive des Handelnden sind dabei unwesentlich. Das halte ich für blöd. Aber gut, wer fragt mich schon.

Das Gute als Begriff ist kein intrinsisch bestimmbarer Begriff – man kann also keinen Inventar an Gegenständen, Taten, Menschen, erstellen, die an sich gut wären, also das Gute als manchen Dingen inhärente Eigenschaft. Etwas, was für den einen gut ist, mag für den anderen schlecht sein.

Wenn ich einem alten Mann über die Straße helfen will, weil ich seine Situation als hilfsbedürftig interpretiere, bedeutet das zwar in der Hinsicht eine Hilfe, dass er die Straße vermutlich sicherer überqueren wird als ohne meine Unterstützung, also kurzfristig, aber nicht unbedingt langfristig, da es vielleicht klüger wäre, er würde das selbstständige Gehen nicht verlernen. Dabei ist der Prozess des Alterns regressiv und die Koordinationsfähigkeit nimmt ohnehin eher ab als zu. Und außerdem – was mir das gute Gefühl geben würde, eine selbstlose Tat vollbracht zu haben, muss sich nicht auch automatisch für den alten Mann gut anfühlen. Er könnte angesichts der Tatsache, dass man ihn als hilfsbedürftig empfindet, Einbuße in seiner Selbstachtung erfahren. Schon bei so simpel scheinenden Ausgangssituationen wie dieser geraten die Säulen der Definition des Guten ins Wanken.

Die Situation ist eventuell so komplex, dass der simple Impuls der Hilfsbereitschaft – also unsere Intuition – nicht reicht, um eine gute Tat zu vollbringen. Man müsste, viel aufwändiger, alle relevanten Faktoren berücksichtigen, um eine Einschätzung treffen zu können und sich, sofern sich nicht genug ergeben, jegliche Handlung unterlassen, da alles andere fahrlässig und willkürlich wäre. Anders und einfacher gesagt – die Absicht zu haben, eine gute Tat zu vollbringen, bedeutet nicht, dass sie auch tatsächlich Gutes in der Welt bewirkt. Es ist eine Deduktion, die nicht aufgehen kann: wenn die Prämissen gut sind, ist es die Konklusion nicht zwangsläufig.  Gut zu sein, seiner Intuition folgend, die einem etwas diktiert, wäre ohne Reflexion aber ebenso egoistisch wie eine gute Tat zu tun, um einen anderen Zweck als das Gute zu erreichen, da man so lediglich dem eigenen Bedürfnis nach Hilfsbereitschaft nachkommen würde – und wenn das intuitiv als gut Empfundene nur die Befriedigung eines eigenen Bedürfnisses wäre, so würde man wieder nur sich selbst genüge tun und  – egoistisch handeln.

Wer bin ich?

Ich war, ich werde sein, ich werde gewesen sein –

Oft denkt man zu viel an Vergangenheit und Zukunft, selten ist man wirklich gegenwärtig in der Gegenwart. Aber wann bin ich tatsächlich? Und was ist dieses Ich?

Was ist dieses Ich, das wir zwar alle haben, uns aber gleichzeitig voneinander unterscheidet? Und scheint es doch so, dass nur durch die Abgrenzung  von anderen überhaupt ein Ich entstehen kann!

Ist das Ich die Schnittstelle zwischen der eigenen Vergangenheit und Zukunft, ist es gewissermaßen die eigene Gegenwart? Das Ich ist ein gegenwärtiger Bewusstseinszustand und vereint alle subjektiven individuellen Erfahrungen und auch wenn man sich nicht genau an alles erinnern kann, gewiss ist, dass man an gewissen Situationen raum-zeitlich anwesend war. Kein Ich ist also aus einer detailliertesten Geschichte der Welt wegzudenken. Das Ich muss aber mehr sein als die Summe meiner bisherigen Erfahrungen. Das Ich ist ja auch noch Zukunft – also noch nicht. Aber Erwartungen und Pläne für die Zukunft ist man wohl auch in der Gegenwart. Außerdem bildet einen wichtigen Bestandteil des Ichs noch die Haltung, die man gegenüber Dingen einnimmt – Anschauungen, Meinungen, Wünsche. Philosophisch-begrifflich nennt man das Intentionalität – die Fähigkeit, sich auf Dinge zu beziehen, ein Zustand des Gerichtet-Seins des Bewusstseins.

Das Vergangenheits-Ich ist ein schon beschriebenes Blatt, von dem sich keine Zeile löschen lässt. Dieses Ich ist Geschichte und vielleicht lässt sich behaupten, dass man nur aufgrund diesem überhaupt so etwas wie ein Identitätsgefühl besitzt – eine ungefähre Vorstellung, was einen als Person ausmacht. All die getroffenen Entscheidungen, gute und schlechte, die gesammelten Erfahrungen, die Menschen, die unseren Lebensweg gekreuzt haben – gleich Fäden laufen sie in uns zusammen, geben unserem Ich eine Form.

Das bedeutet nicht, dass ein Charakter determiniert ist. Angenommen, es gäbe den Menschen mit exakt denselben Erfahrungen noch einmal – in einem anderen Universum vielleicht – müsste dieser dann genau so sein wie man selbst? Oder liegt unsere Freiheit genau darin, anhand unserer Erfahrungen eigene, unabhängige Wertvorstellungen, Eigenschaften, Vorlieben zu entwickeln? Also quasi unvorhersehbar zu sein?

Denn gleiche Erfahrungen determinieren nicht automatisch auch die gleichen Lehren. Eine objektiv schlechte Erfahrung kann sich auch durchaus positiv auf den eigenen Charakter entwickeln, während ein Leben, das nur aus guten Erfahrungen besteht, auch eine miese Persönlichkeit hervorbringen kann: wenn man gewohnt ist, dass alles glatt läuft und man nie ernstliche Hindernisse zu bewältigen hat, kann man wichtige Eigenschaften wie Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen oder Entschlossenheit gar nicht entwickeln.

Des Weiteren legt zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht nicht unbedingt ein bestimmtes Wahlverhalten fest. Es kommt auf die Motive an, aufgrund derer man wählt und diese können egoistischer Natur oder auch altruistischer sein, aber auch rationaler, emotionaler Art und müssen gar nicht mit sozio-ökonomischen Faktoren zusammenhängen, es können auch pragmatische oder ideologische sein!

Erwähnenswert ist hier die Habitus-Theorie des Soziologen Pierre Bourdieu, die die Denk- und Verhaltensstrukturen, einer Person anhand ihres sozialen Status und Rang in der Gesellschaft relativ zum Kollektiv untersucht. „Die Art der sozialen Erfahrungen, die ein Mensch macht, werden in hohem Maße durch die Kategorien (Klasse, Geschlecht, Ethnizität, etc.), in die ein Mensch von der Gesellschaft eingeordnet wird, mitbestimmt“¹. Die Bestimmung der Klasse erfolgt über die Verteilung von folgenden Kapitalformen, über die jemand verfügt: ökonomisches Kapital (materielle Ressourcen), kulturelles Kapital (Bildung), symbolisches Kapital (Prestige und Anerkennung in der Gesellschaft) und soziales Kapital (Beziehungen). Wenn innerhalb einer sozialen Klasse Ähnlichkeiten bezüglich Vorlieben und Gewohnheiten festzustellen sind, spricht man vom „Klassenhabitus“.

Vorhersehbarkeit … Google versucht, unser Online-Verhalten vorauszubestimmen und zu manipulieren – indem es Daten sammelt, um so ein möglichst akkurates Profil von uns zu erstellen. Empirisches Sammeln von Informationen, die ein Verhalten in der Vergangenheit markieren, lassen also Prognosen über die Zukunft zu und gleichzeitig die Aussicht, diese positiv in – scheinbar – unserem Interesse zu manipulieren.

Kurz, aber könnte man all diese Motive erfassen und daraus eine Handlungstendenz bestimmen, in welche Richtung eine Entscheidung fallen wird – es gibt immer noch die Willkür! Eine Handlung resultiert ja nicht nur auf einer rationalen Abwägung von sinnvollen Argumenten – wir Menschen können durchaus auch „aus dem Bauch heraus“ handeln, oder uns einfach die Augen zuhalten und dem Zufall das Geschick überlassen.

Vorhersehbarkeit, Determination … viele Philosophen, von Platon über Leibnitz, nahmen an, Gott habe jeden Menschen nach einem bestimmten Plan und Zweck geschaffen. Die Handlungsfreiheit sei also nur eine nützliche Illusion.

Der Existenzialismus, eine in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstandene philosophische Denkrichtung, vertreten durch Albert Camus und Jean-Paul Sartre, nahm aber im Gegenteil an, wir als Menschen, seien zur Freiheit geradezu verurteilt: wir haben keine andere Wahl, als die Wahl zu haben! Die Formel des Existentialismus lautet: Die Existenz geht der Essenz voraus. Das bedeutet: Der Mensch bestimmt den Zweck seines Daseins selbst. Er existiert erst, begegnet sich selbst in seinem Dasein und formt dadurch aktiv seine Identität. Es gibt keinen vorgegebenes und schon gar kein allgemeines Wesen des Menschen oder den Sinn des Lebens – man ist frei und dazu verdammt, diesen selbst zu bestimmen.

Das Modell der völligen Unmündigkeit – also dem Absprechen jeglicher Verantwortung für sämtliche Handlungen aufgrund des unausweichlichen Schicksals oder anderer Determinanten wie sozialer Herkunft, emotionaler Prägungen, Veranlagung, Ethnizität, sexueller Orientierung – gegen das Modell der absoluten Mündigkeit.

Wir wollen annehmen, das Ich ist nicht einfach nur die Summe oder gar das Opfer unser Biographie und äußerer Einflüsse – es gibt doch immer eine letzte Instanz des freien Willens: das wäre dann das Ich. Denn wir sind frei zu entscheiden, wie wir uns entscheiden und aus welchen Gründen – nach eigenen Interessen, zum Wohle anderer, willkürlich, aus dem Bauch heraus …

Sind es dann unsere Eigenschaften, die bestimmen, wer wir sind, die voraussagen können, wie wir handeln werden? Wenn ich nett bin, handle ich auch nett. Dann mache ich nette Sachen, ob sie von anderen als solche erkannt oder interpretiert werden, ist wohl nicht wichtig – denn letztlich zählt nur die Intention, wenn die Tragweite an Folgen nicht in Gänze abgeschätzt werden kann. Also trägt man im Endeffekt nur die Verantwortung für seine Intentionen. Aber handelt man nett, weil man nett ist, oder ist man deshalb nett, weil man nett handelt? Andererseits kann eine aus einer ursprünglich netten Intention erfolgte Handlung böse Folgen haben oder von anderen falsch interpretiert werden – dann gilt man als Mensch, der eine böse Handlung vollzogen hat. Wenn weitere böse Handlungen folgen, gilt das als Muster und man selbst als böse Person. Die Intention hinter den Handlungen interessiert niemanden mehr. Und andersherum kann jemand, der aus bösen Motiven heraus handelt, zum Beispiel rücksichtslosem Egoismus, eine Handlung als gute Tat hinstellen.

Charaktereigenschaften sind im Endeffekt also … eine Konklusion aus den Motivationen, die die Handlungen einer Person antreiben. Mit einem ethischen Maßstab mit den Kategorien „gut“ und „böse“, der natürlich variabel ist, gewinnt man eine tendenzielle Essenz eines Charakters. Könnte aber nur jemand anfertigen, der alle Intentionen erfassen kann, also nur man selbst, da man aber nur die eigene, subjektive Sicht darauf hat und man sowieso niemanden besser anlügen kann, als sich selbst, kann diese Statistik nie objektive Gültigkeit haben. Und andere Personen sehen sowieso nur den „outcome“ einer Handlung und nicht die Intentionen. Also ist unser Versuch einer objektiven Bestimmung von Charaktereigenschaften, hinter denen wir die Essenz des Ich vermuteten, gescheitert und kann  auch nur scheitern. Naja, und das, meine Freunde, nennt man eine Aporie.

Da das, was unser Ich vorhersehbar machen könnte gleichzeitig die Bedingung dieses Ichs ist, sind wir zu einem sowohl unbefriedigenden, als auch endgültigen Ergebnis gekommen! Wir haben die Unbestimmbarkeit bestimmt und das ist doch schon mal etwas! Die Unbestimmbarkeit des Ichs ist seine Bedingung.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal die Worte des großen Philosophen Albus Dumbledore in Erinnerung rufen: „Nicht unsere Eigenschaften entscheiden wer wir wirklich sind, sondern unsere Entscheidungen.“

  1. http://vonunsfueralle.blogsport.de/images/DasHabitusKonzeptvonPierreBourdieuVersion5.pdf
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Habitus_(Soziologie)
  3. Pierre Bourdieu – Habitus
  4. Harry Potter und die Kammer des Schreckens – Chris Columbus
  5. Intentionalität: Husserl, Bretano
  6. Existentialismus: Jean-Paul Sartre, Albert Camus