Blabla!

Unsere Art, zu kommunizieren, ist nicht auf die Sprache beschränkt.

Wir sind in der Lage, Mimik und Gestik und sogar kleinste Anflüge von Emotionen, die über ein Gesicht huschen, zu identifizieren und zu interpretieren.

Fangen wir beim Subjekt an – wer ist es, der überhaupt kommunizieren will?

Ein Subjekt. Ein Ich. Eine Person. Persona, das ist Latein für die „Maske“, die die Schauspieler im antiken Theater trugen, und namentlich auch die Stimme, die darunter Hervortönte. Weiterhin definiert Wikipedia psychologisch die Persona als „nach außen hin gezeigte Einstellung eines Menschen, die seiner sozialen Anpassung dient und manchmal auch mit seinem Selbstbild identisch ist.“ Also ist eine Person beides – die gesellschaftliche Maske des sozialverträglichen Verhaltens, wie auch das, was hinter ihr liegt. Für C.G. Jung ist die Maske nur ein Teil einer Kollektivpsyche, die zusammen einen „Kompromiss zwischen Individuum und Sozietät“ bilden. Anpassung geschieht demnach oft zu Lasten des Indivduums.

Wie kann kommuniziert werden?

Und hier fängt schon die unüberschaubare Bandbreite der Möglichkeiten an. Von Mimik und Gestik, über Ironie und Sarkasmus und anderen Stilmitteln, bis hin zu Intonation und Lautstärke – es gibt tausend Arten, wie ein Inhalt transportiert werden kann.

Thomas Shelby – der beinahe skrupellose birminghamer Gangsterboss, für den der Zuschauer in drei Staffeln der Serie „Peaky Blinders“ aufgrund der Sorgfalt der Autoren und des vielschichtigen Spiels des Schauspieles, eine aufrichtige Sympathie entwickelt hat – erwidert auf die Nachfrage seines schon etwas älteren Dienstmädchens, ob er heute schon das aufgrund seines Schädelbruchs verordnete Morphium zu sich genommen habe, folgendes:

Lesen Sie in der Bibel, Mary?“

Ab und zu mal.“

Und lesen Sie sie vor, während Sie nackt an meinem Bett stehen?“

Mary verdutzt und sprachlos

Denn … wenn ich das Morphium nehme, das ich vom Arzt hab, tun Sie das. Ich bin hellwach, aber Sie stehen da – nackt, völlig nackt – und lesen aus dem Buch Leviticus …wollen  Sie wissen, was dann passiert?“

 Mary schüttelt den Kopf

Nein. Ich auch nicht. Deshalb habe ich die Medizin weg geschüttet.“

Analyse nach dem Kommunikationsmodell nach Friedmann Schulz von Thun

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  • Sachebene und Beziehungsebene

Tommy will Mary vermitteln, dass das Morphium eine psychedelische Wirkung hat und durch das Beispiel verdeutlichen, dass die Visionen, die er dadurch bekommt für beide Seiten gleichermaßen beängstigend und unangenehm sind, weshalb es auch unleugbar in ihrer beider Interesse liegt und seine Handlung begründet, es weggeschüttet zu haben. Er erklärt damit, dass sich Mary und er auf der gleiche Beziehungsebene befinden, nämlich auf einer solchen, auf der derlei Visionen die Grenzen beider überschreiten. Er erweist ihr damit seinen Respekt.

  • Ebene der Selbstkundgabe

Gleichzeitig klingt durch, dass der Schmerz seiner Verletzung offenbar nicht mehr so groß ist, als dass er für dessen Betäubung die psychoaktiven Nebenwirkungen der Droge in Kauf nehmen würde. Durch die lustige und ironische Art, wie er seine Bestürzung über seine Vision äußert, behält er die für ihn charakteristische Gelassenheit.

  • Appellebene

Durch die kluge Art, wie Thomas es schafft, Marys ursprünglich einfache Frage in ein Frage- und Antwortspiel seinerseits zu lenken, markiert er seine ihr höher gestellte Position als ihr Vorgesetzter und Überlegener, der er ist. Ihre Nachfrage wird eher aus fürsorglichen Motiven und nicht aus reiner Neugier getroffen. Trotzdem verweist Tommy sie auf ihren rechtmäßigen Platz. Er macht unmissverständlich deutlich, dass er Fragen nach seinem Wohlergehen nicht wünscht, vor allem wenn sie unter Berufung auf ärztliche Anordnungen – also eine womöglich ihm höher gestellte Autorität – beruhen, und versichert außerdem, dass er sehr wohl in der Lage ist, auf sich selbst aufzupassen und eigens rational vernünftige Entscheidungen über den Verlauf seiner Genesung zu treffen.

Interessanterweise schafft Tommy Shelby in diesem kurzen Dialog, unglaublich viel zu vermitteln, indem er sich der Zügel des Wortwechsels unmissverständlich annimmt: Durch die spielerische Art, wie er seine kleine Geschichte illustriert, behält er die Oberhand. Er arbeitet mit Suggestivfragen, erahnt oder weiß sogar genau, was Mary erwidern wird, um seine kleine Rede und damit auch die Aussage, die er vermitteln will, funktionieren zu lassen. Diese rhetorische Raffinesse bezeugt in diesem kurzen Dialog (der ja eigentlich kein richtiger ist) seine Intelligenz, seine Überlegenheit, sein Genie.

Für den Zuschauer ist das eine nette, kleine und lustige Szene – illustriert sie doch so genau den komplexen Charakter des Protagonisten. Und, wie man merkt, funktioniert sie ohne Zusammenhang und auch ohne Kenntnis der restlichen Handlung der Serie kann man erahnen, was für ein gewieftes Gangstergenie dieser Typ sein muss, sollte er sich rhetorisch so gut auch in anderen Situationen schlagen.

Kommunikation auf höchster Ebene! Die Nachricht ist angekommen, man hat verdeutlicht, was man selbst will und wer man ist. Unmissverständlich.

Dabei liegt die Frage nach Manipulation natürlich nahe. Diese kann meiner Meinung nach aber nur stattfinden, wenn beide Partien über eine unterschiedliche Informationsfülle verfügen – das Gleichgewicht ist gestört. Sender weiß mehr als und vielleicht sogar über den Empfänger und nutzt dieses Wissen gezielt aus. Die Kommunikation ist fatalistisch. Sie ist kein Austausch von Informationen, die Sender und Empfänger gleichermaßen bereichern, sondern dient lediglich dem Zweck der Seite, die manipuliert, weil sie irgendetwas erreichen will.

Der Zweck von Kommunikation ist also nicht nur der Austausch von Informationen, also eine reine Selbst- oder Fremdversorgung von Wissen (die meisten hätten sich plötzlich nichts mehr zu sagen!) Damit wäre nach Schulz von Thun nur die Sachebene bedient. Den anderen Ebenen geht es darum, die Beziehung der Kommunizierenden zu bereichern, zu pflegen. Man redet, um zu reden. Deshalb gibt es Smalltalk. Smalltalk ist für Menschen für das, was für Hunde die Riechprobe am jeweils anderen Hinterteil ist. Jo, passt, du scheinst mir soziabel zu sein. Die Selbstkundgabe ganz um ihrer selbst willen ist etwas Schönes bei Freund- oder Partnerschaften, auch wenn sie leicht in Selbstloppreisung und Selbstdarstellung abgleiten kann.

Wenn es aber anscheinend so viele Möglichkeiten für den Sender gibt, einen Inhalt zu vermitteln und wiederum so viele Möglichkeiten für den Empfänger, ihn aufzufassen – wie zur Hölle kommunizieren? Im Grunde kann man davon ausgehen, dass, wenn man „einen Draht zueinander hat“, die Kommunikation erfolgreich ist – etwas also genau, oder im Groben, so aufgefasst wird, wie es gemeint ist. Wenn nicht, und wenn einem die misslungene Kommunikation nicht auffällt, entstehen Missverständnisse.

Wenn man frägt: „Hast du Feuer?“, dann geht man davon aus, dass der Empfänger versteht, dass mit „Feuer“ ein Feuerzeug gemeint ist (ein typischer Fall des rhetorischen Stilmittels der Synekdoche, bei der das Ganze für einen Teil, totum pro parte, steht) und  außerdem, dass es sich nicht um die simple Nachfrage, ob man sich aktuell im Besitz eines Feuerzeugs befindet, handelt, sondern, dass man Feuer für seine Zigarette bräuchte. Menschen mit Formen des Asperger-Syndroms oder Autismus hätten damit Probleme, während es sich für uns um simple soziale Umgangsformen handelt.

Der Gebrauch von Sprache ist ein Konsens: wir einigen uns darauf dass wir das gleiche unter einem gemeinsamen Begriff verstehen. Wenn wir „Teller“ sagen meinen wir damit meistens auch die meistens runde Platte, auf der wir Nahrung platzieren, um sie zu essen, und keinen Autoreifen. Dabei hat jeder eine andere Vorstellung vor seinem inneren Auge, wenn er dazu aufgefordert wird, an irgendeinen Teller zu denken. Kant würde sagen, man konstruiert im Kopf ein Muster, nach dem man die Kategorie „Teller“ relativ sicher bestimmen kann, auch wenn man noch nicht jeden Teller, den es gibt, kennt. Zu dem Begriff Teller könnten also die Eigenschaften „rund“, „flach“, „kleine Einmuldung“, „aus Keramik, Ton oder Glas“ gehören, um mit großer Sicherheit von einer Sache mit denselben Eigenschaften sagen zu können, dass es sich um einen Teller handelt. Schwierig wird es, wenn man die Autorität der Sprache aushebelt, ihr die Funktion nimmt, ein oder mehrere Wörter genau einem Gegenstand zuzuordnen. Man könnte zum Beispiel herumlaufen, und einen Baum, ein Auto oder ein Halstuch „Teller“ nennen. Dann wird es schwierig und Verständigung nahezu unmöglich. Oder umgekehrt, wenn man einem einzelnen Gegenstand immer andere Namen gibt. Das wäre Chaos in der Sprache. Oder stellen wir uns eine Inflation der Sprache vor – geschieht bereits bei uns. Wenn sich ein Wort regelrecht mit so vielen Bedeutungen auflädt, dass es schwierig wird, es zu verwenden. Zum Beispiel bei geschichtlich-kulturell belasteten Wörtern, wie „Emanzipation“. Etymologisch hat der Begriff seinen Ursprung im Lateinischen (emancipatio) und bedeutet „Entlassung aus der väterlichen Gewalt“ oder „Freilassung eines Sklaven“. Der Begriff ist geschichtlich vielen Bedeutungsverschiebungen unterworfen gewesen und ist heute noch stark auf den Kontext angewiesen, in dem es verwendet wird. Bedeutete es zunächst ein Gewähren von Selbstständigkeit, wurde es später zum Inbegriff aktiver Selbstbefreiung, geprägt durch die europäische Aufklärung; schließlich steht es heute allgemein für eine „Befreiung von Gruppen, die aufgrund ihrer Rasse, Ethnizität, Geschlecht, Klassenzugehörigkeit usw. diskriminiert wurden“, oder speziell für die Frauenemanzipation. Worte bezeichnen einen Gegenstand oder einen Sachverhalt in der Welt, die schon eine lange Geschichte hat. Sprache ist ständigen Wandlungen unterworfen. 

Aber selbst wenn Worte unmissverständlich verwendet werden, gibt es noch Hürden. Aussagen können auch deshalb falsch interpretiert werden, weil man der Person andere Motive unterstellt, als diese ausspricht. Man spürt oder aber man meint nur zu spüren, dass die Absicht der Person mit der Aussage, die sie getroffen hat, divergiert. Misstrauen ist, wenn man dem anderen Unehrlichkeit unterstellt. 

Wenn man aber will, dass eine Person einen mag, arbeiten die für Empathie wichtigen Spiegelneuronen auf Hochtouren. Man nimmt beim Gespräch automatisch eine ähnliche Körperhaltung an und stimmt dem Gegenüber öfter zu, auch wenn man vielleicht nicht derselben Meinung ist. Man versucht, sich in die andere Person einzufühlen, ihren „Code“ zu knacken, der einem Zugang hinter die feste, normenbehaftete, öffentliche Fassade verschafft. Eine Person entschlüsseln ist, ihre Sprache zu entschlüsseln. Es gibt noch andere Ebenen als die der Sprache, um sich zu verstehen. Aber jede Ebene hat ihren eigenen Code und meistens kann die Sprache die anderen Ebenen auch gar nicht erfassen, mit ihren Werkzeugen der Worte gar nicht greifen. Man kann nicht versuchen, etwas zu erklären, das man gar nicht greifen kann. Trotzdem versucht man das ständig. Das ist nicht etwa „um den heißen Brei herumreden“, denn in dem Fall gibt es gar keine Schüssel mit heißem Brei, man nimmt nur an, dass es eine gibt. Es ist ein sinnloser Diskurs und er ist zwecklos und besser sollte man akzeptieren, dass man über manche Dinge eben nicht sprechen kann, da sie nicht dazu gedacht sind, ausgesprochen zu werden, sondern auf anderen Ebenen kommuniziert zu werden. Die Sprache kann nicht alles erfassen, oft muss sie gewaltsam an ihren Platz verwiesen werden, ihr Bescheidenheit beigebracht werden.

So können verschiedenste Interessen in Konflikt treten.

Wie hoch ist das Bedürfnis der tatsächlichen Selbstkundgabe, wie hoch das Verlangen oder die Notwendigkeit, einer Person zu imponieren? Wie wichtig einem die Reaktion des Anderen, wie weit geht man auf den anderen ein? Manchmal ist es vielleicht sogar besser, anzuecken, weil Menschen ehrlicher sind, wenn sie einem widersprechen können und so eher ihr wahres Gesicht zeigen.

Die Kenntnis dieser vielen Interpretationsweisen kann einen lähmen. Introvertierte oder schüchterne Menschen sind sich dessen vielleicht bewusster als extrovertierte. Möglicherweise hat das aber auch gar nichts damit zu tun, sondern eher mit Einfühlsamkeit. Wenn man ohne Rücksicht „man selbst ist“, einem egal ist, wie man auf das Gegenüber wirkt, so hat man vielleicht erfolgreiche Selbstdarstellung betrieben, ist aber an einer gelingenden Kommunikation und somit auch am Anderen eher wenig interessiert.

Wie könnte nun eine gelungene Kommunikation aussehen?

Man stellt sich zunächst auf das Gegenüber ein. Bei einigen gelingt das in Sekunden, bei manchen Menschen wird man dafür Monate oder sogar Jahre brauchen. Jeder Mensch backt seine Gedanken anders in den Teig der Worte. Man sagt nur einen Bruchteil dessen, was man meint, mit Worten. Das andere kommt durch die anderen Kanäle der Mimik, Gestik zustande. Des kurzen Zögerns. Das meiste, was wichtig ist, steckt in den Pausen dazwischen, vor oder nach dem Gesagten.

Erst nach dem Austausch vieler Worte fängt man wirklich an, miteinander zu reden. Man ergänzt die Gedanken des anderen, nicht durch stures Aneinandervorbeierzählen – jeder erzählt linear eine Geschichte zu irgendeinem Thema, das ohnehin belanglos ist. Nein, man baut aufeinander auf. Vervollständigt die Gedanken des Gegenübers, nicht unbedingt linear, sondern assoziativ, um gemeinsame Gedankengerüste zu bauen. 

Wenn man deutsche Talkshows französischen gegenüberstellt, fällt auf, dass in den französischen sich  die, beispielsweise, Politiker ständig ins Wort fallen. Sie unterbrechen einander, um das Argument des anderen schon im Keim zu ersticken, und nicht erst, wenn der andere mit seiner mitunter langwierigen Ausführung fertig ist, was eher in Deutschland der Fall ist – jeder ist mal dran und wer nicht mitschreibt, erinnert sich an die Argumentationskette der Gegners überhaupt nicht mehr. So wird viel aneinander vorbeigeredet und dem Zuschauer ist gar nicht mehr klar, inwiefern das Argument des einen gegen das des anderen spricht. Sich verzetteln und inhaltslos daherzureden ist in diesem Modell viel einfacher. Die französische Art wäre wie ein Zahnrad, das ineinander greift, von der einen und der anderen Seite, ein Schlagabtausch, in der das Argument mal von der einen, mal von der anderen Seite beleuchtet wird, was sinnvoll ist, denn so kann schnell klar werden, wo es hakt … dass vieles „zu komplex“ sei oder „man weit ausholen muss“ sind meistens nur faule Ausreden.

Und nicht nur in Talkshows, auch im täglichen Leben begegnen uns zuhauf derlei Situationen, in denen es Leuten nur darauf ankommt, mit ihrem Wissen zu prahlen oder die Unwahrheit rhetorisch geschickt zu verschleiern. Ein kluger Mensch, dessen Name ich mich partout nicht entsinnen kann, sagte, für ihn sei eine Diskussion viel befriedigender, wenn er als der vom anderen Überzeugte daraus hervorginge. Es gehe nicht darum, zu gewinnen, die besseren Argumente zu haben, sondern etwas dazuzulernen. Es sollte weniger um die Selbstdarstellung gehen und eher um die Vermittlung, den Austausch und die Veranschaulichung von Wissen und letztendlich um die gemeinsame Findung der Wahrheit. Ist es nicht eine Anmaßung einer Partie, zu glauben, man sei im Besitz der absoluten Wahrheit? Im Diskurs kann die Wahrheit nur kollektiv sein, sie wird gefunden im Austausch mit verschiedenen Standpunkten. Es geht um die Entwicklung gemeinsamer Gedanken.

Das sollte das Bestreben und die Priorität eines jeden Gesprächs sein. Und was könnte verbindender, was könnte intimer sein, als eine gemeinsame Wahrheit, die nur durch die eben beteiligten Personen zustande hätte kommen können – und vermutlich ein paar Gläsern Wein – man erntet gemeinsam.

Quellen:

Ohrwurm

Die Analyse mit dem Geist ist eine Entzauberung.

Was zuvor mystisch umwoben und verschwommen-flüchtig war, wird strukturiert, in Kategorien eingeteilt, Etiketten aufgeklebt (Jankélévitch).

Alles, was man gerne mag, lässt sich entzaubern. Zum Beispiel Lieder. Wenn man ein Lied mag, dann verliebt man sich sofort. Wie ein Blitz durchzuckt es einen, man weiß, es ist das eine.

Weil man immer die Wahrheit sucht. Und die Wahrheit vermutet man vielleicht hinter dieser neuen, unfassbar guten Melodie. Warum ist diese so neu, diese Kombination von Tönen so überraschend, so unerwartet? Warum scheint dieses Lied die verborgenen Töne der tiefsten Sehnsüchte so gut zu treffen, wie keines zuvor?

In dem Bestreben, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, hört man es wieder und wieder an. Wieder und wieder, in der Hoffnung, der Funke des Zaubers möge auf einen überspringen und einen sehen lassen, erleuchten. Was ist also das Geheimnis, welches das Lied kennt und nicht hergibt?

Verbirgt es sich vielleicht hinter der Bridge mit dem geilen Gitarrensolo, das Gänsehaut macht und selig erfüllt die Augen schließen lässt? Und dabei funktioniert die Bridge ja nur deshalb, weil sie nur eine Brücke ist, eine Verbindungsstelle zwischen zwei Teilen, und nur von diesen Teilen wird sie, als kleineres Teil, getragen, denn ohne die Strophen und den Refrain würde sie nicht funktionieren, sie existiert nur bedingt. Ihre Existenz ist also untergeordnet, sie wäre allein nicht überlebensfähig, die größeren Teile des Liedes erhöhen ihre Daseinsberechtigung. Und gleichzeitig fungiert sie als Wendepunkt, Überraschungsmoment – klingt ganz anders als der Rest vom Lied, und ist dennoch ein Spiegel dessen, was bisher tonmäßig passiert ist, nur aus einer anderen Perspektive. Es ist der Moment, in dem das Lied zum Revue passieren auffordert, um den Rest, der meistens nur noch aus der zweimaligen Wiederholung des Refrains besteht, noch einmal richtig genießen zu können. Es ist, als würde das Lied sagen: Pass auf, das Ende ist nah, ich gebe dir eine Chance, dir dessen bewusst zu werden, aber zum Schluss habe ich noch eine kleine Überraschung für dich – nimm mit, was geht! Und dann wird einem nochmal der Refrain serviert, der, nun als Bruch mit der unregelmäßigen Bridge wieder Ordnung ins Chaos bringt – die drei, vier Akkorde sind einem bekannt, man kennt sie aus Zeiten vor der Überquerung der Bridge, und durch ihre bitter-süße Würze, im Bewusstsein, dass es dem Ende zugeht, schließt man die Augen und grölt mit. Um dann, wenn der letzte Ton langsam ausklingt, und die Ohren von der darauffolgenden drückenden Stille dröhnen, die Augen wieder zu öffnen und erschöpft den Replay-Button zu drücken.

Was für eine schöne Endlosschleife! Aber selbst die ist irgendwann nicht mehr das, was sie beim ersten Mal war. Das Lied erfüllt plötzlich nicht mehr so, wie es das beim ersten Mal tat. Es ist, in unseren Ohren, verbraucht. Jeden Ton kann man schon vorausahnen, jede Note ist schon mit den Gedanken versetzt, die man beim zahlreichen Anhören hatte. Der Geist hat das Lied durchwirkt, er hat das getan, was er immer tut – er hat das verzauberte Lied vermessen mit seinen akkuraten, präzisen Werkzeugen der Analyse. Er hat das Lied wie ein Rechen durchkämmt nach seinen Geheimnissen, und sie, als der Imperialist, der er ist, sich angeeignet, aus dem Rasen des Liedes gerissen, um sie zu ergründen. Aber die Geheimnisse sind gewieft! Sobald man sie aus ihrer angestammten Umgebung herauslöst, um sie unter die Lupe zu nehmen, verschwinden sie. Sie wirken entfremdet, beinahe banal, da sie, wie die Bridge, nur integriert in das größere Ganze funktionieren. Der gierige Geist lässt beleidigt ab. Menno!, er schmollt. Es ist etwas, was er nicht verstehen kann. Wozu er nicht gemacht ist, es zu verstehen.

Was ist also die Lösung?

Keine Ahnung, vermutlich das Lied nicht tothören, akzeptieren, dass man es aus der Ferne betrachtet, um ihm seine Schönheit zu lassen. Nicht gierig und imperialistisch, wie der messerscharfe Verstand des Menschen ist, versuchen, es zu ergründen. Ihm seinen Platz in der wilden, freien Natur lassen. Und so seine Geheimnisse schätzen und genießen können. Und den Geist ruhen lassen und ruhig eine kleine Genugtuung ihm gegenüber verspüren, wenn man ihn zurück an seinen Platz verweist – nämlich neben, und nicht vor oder hinter das andere Erkenntnisinstrument, das man als Mensch hat – das Gefühl.

Ein Loblied aufs Rauchen

Rauchen ist schön.

Rauchen ist toll.

Rauchen ist – tödlich?

Rauchen macht das Leben kürzer.

Aber Rauchen macht das Leben auch schöner.

Rauchen …

Klar weiß man als Raucher, dass Rauchen ungesund ist. Mitunter tödlich sein kann. Einer von Zweien stirbt an den Folgen! Trotzdem hat man mehr Angst, bei einem Unfall zu sterben. Psychologisch gesehen gibt es dafür auch Erklärungen, zum Beispiel, dass man beim Rauchen das Gefühl hat, man hätte eine Art Kontrolle darüber: man wird vor eine Wahl gestellt und entscheidet bewusst – wohingegen man bei einem Unfall völlig äußeren Kausalitäten ausgeliefert ist. Beim Rauchen verabreicht man sich das Gift in geringen Mengen selbst – eine schleichende Selbstvergiftung, mit der man zwar nicht unbedingt einverstanden ist, die man aber in Kauf nimmt. Eigentlich irrational.

Ein Ja zu einer Zigarette fühlt sich an, als würde man sich etwas gönnen.

Ja, weil sie so gut zum Kaffee schmeckt und der Kaffee besser mit Zigarette.

Ja, weil sie so gut zum Rotwein schmeckt und der Rotwein besser mit Zigarette.

Ja, nach dem Essen, denn dann verdaut’s sich besser.

Ja, komm wir rauchen jetzt noch eine, bevor wir uns verabschieden.

Die Zigarette vervollständigt Rituale und ist selbst eines.

Sie besiegelt keine Verträge, sondern Momente.

Der Tag wird somit übersichtlich, lässt sich an Zigarettenpausen und -längen messen. Die Zigaretten sind ein viel besserer Maßstab als Stunden und Minuten, weil sie subjektiv sind. Wenn viel passiert, wird auch mehr geraucht. Manche Tage scheinen länger als andere, und Zigaretten sind eine flexible Maßeinheit.

Viele kleine Rebellionen am Tag. Rebellion gegen das eigene Fleisch? Seinen Verfall verhöhnen, trotzig an der Kippe ziehen und demonstrieren: Ich bin mehr als mein Fleisch…! Oder ist es eine Rebellion gegen die Gesellschaft?

Mittlerweile ist Rauchen gesellschaftlich nur noch geduldet, aber unleugbar geächtet. Beinahe alle Gesellschaftsschichten haben die Raucher schon durch – Pfeife, Zigarre, Zigarette als Statussymbol, Zeichen des Wohlstands, des Mannes von Welt, der Frau von Welt, Zeichen des verwegenen Mannes, der rebellischen Frau. Damals Rauchen im Fernsehen, in Talkshows, in Cafes und Restaurants, im Klassenzimmer, in der Bahn, im Flugzeug – heute abgetrennte Raucherbereiche, kaltherzig eingerichtete Kabinen, deren denunzierende Verglasung schamlos preisgibt, wie man schuldbewusst seinem Laster frönt. Oh ja, als Raucher muss man heutzutage eine dicke Haut haben, neben außerdem kräftigen Lungen.

Aber Rauchen ist nicht nur Trotz. Die Trotzhaltung ist vielschichtiger. In gewisser Hinsicht hat es etwas mit Trotz zu tun, denn man trotzt gesellschaftlichen Erwartungen, sowie gesundheitlichen Tatsachen – und keiner kann diese Tatsachen noch ernsthaft leugnen oder ignorieren, in Zeiten der zerfetzten Lungenflügeln, abgestorbenen Zehen und traurigen Männern mit Potenzproblemen auf Tabakprodukten. Nein, es ist ein bewusster Verstoß. Es ist etwas, das man sich bewusst gönnt. Es ist zwar nicht verboten, aber irgendwie schon.

Stieß man früher noch bei der Frage nach „schnell mal Feuer“ auf eine nahezu hundertprozentig positive Antwort, ist das heute seltener – herablassend wird einem geantwortet: „Nein, ich bin Nichtraucher.“ Nie war Missbilligung so einfach! Beim herzerwärmenden Moment jedoch, wenn man dann mal Feuer bekommt, wenn einem zärtlich der durch die erwartungsvoll bebenden Lippen zitternde, sich zu glimmen wünschende Stängel angezündet wird, ist das ein sowohl feierlicher, als auch sexueller Moment. Ja, du, Fremder, hast meine Leidenschaft wirklich entfacht! Die Gesellschaft hasst Promiskuität, deshalb hasst sie Raucher. Aber wir Raucher, wir schlafen alle miteinander, denn was sind die Raucherrunden anderes als Orgien, eine gemeinsame leidenschaftliche Hingabe an das Schönste aller Laster …?

Rauchen ist wie ein Club, wie eine geheime Bruderschaft. Der Zusammenhalt unter Rauchern ist stark. Und selbst ehemalige Raucher sind in Vielem verständnisvoller als Nichtraucher. Mit einem rührseligen Blick, als würden sie sich an andere, bessere Zeiten erinnern, zücken sie das Feuerzeug, das sie nur noch aus Gewohnheit – oder als Andenken? – bei sich tragen, und reichen es dir, soviel Abstand muss sein. Die Nichtraucherfraktion indes ist dermaßen intolerant und missgünstig, schimpft auf „die Raucher“, und tritt diese unsere mittlerweile defavorisierte Spezies nur allzu freudig mit Füßen, weil man offiziell über Raucher schimpfen darf, seit man sie, wie Hunde, aus Restaurants und Kneipen verbannt hat. Andererseits bleibt die Raucherfront hartnäckig. Die jüngere Generation ist es schon gar nicht anders gewohnt, zum Rauchen raus zu gehen, man kann sich eine verrauchte Kneipe gar nicht mehr vorstellen. Andererseits hat diese Maßnahme genau den gegenteiligen Effekt gehabt, wie vermutlich ursprünglich intendiert – sollte das Rauchen nämlich durch den Ausschluss aus den behütenden Gastgeberwänden ungesellschaftlich gemacht werden, haben sich die Raucherrunden draußen mittlerweile stolz etabliert, sind aus der Kultur des Nachtlebens gar nicht mehr wegzudenken. Bei Wind und Wetter steht man im Kreise, wie Pinguine am Südpol, und hat niemals Eile, an den Tisch zurückzukehren, an denen sich die langweiligen Nichtraucher über Stunden hinweg die Ärsche plattwälzen (weswegen Nichtraucherpos auch generell unattraktiver oder zumindest kümmerlicher sind) wenn sie nicht sogar selbst mit hinaus kommen, da sonst niemand mehr am Tisch sitzt oder aber sie feststellen, dass Runden von gesellschaftlich Ausgestoßenen immer lustiger sind.

Rauchen ist Luxus. Lambert Wiesing definiert Luxus in seinem gleichnamigen Buch als Emanzipation aus der Zweckrationalität des Alltags. Das gleiche geschieht beim Rauchen:

Der Mensch macht durch die Erfahrung des Rauchens (weniger aktiv beim Rauchen, als eher in der Erfahrung, ein Raucher zu sein) eine Freiheitserfahrung. Er wird sich seiner Ausnahmestellung als homo humanis im Universum unmittelbar bewusst: er ist zwar ein vernünftiges Wesen, aber nicht determiniert durch diese Vernunft. Der Mensch ist frei, denn er hat die Wahl, sich für oder gegen diese Rationalität zu entscheiden. Für Wiesing Luxus, als eine Art des Besitzens, eine Weise der ästhetischen Selbsterfahrung, in der der Mensch sich als Mensch begreift. Rauchen ist ebenso eine ästhetische Erfahrung und damit Selbstzweck. Rauchen um des Rauchens willen. Rauchen als Transgression des Zweckdiktats. Eine Emanzipation gegen eine vollständige Einordnung in eine funktionale Gesellschaft. Und wenn man an der Zigarette zieht, ist das keineswegs wegen des Kreislaufs, dass einem schwindelt, sondern vor Freiheit!

Lambert Wiesing – Luxus, ISBN: 978-3-518-58627-3

Primum vivere, deinde philosophari

lat. für: Zuerst leben, danach philosophieren –

Ist die Philosophie nicht eine Art, wenn nicht sogar die höchste, des Reflektierens? Viele widersprechen jetzt empört, und das ist wohl verständlich, denn die individuellen Weisen des Reflektierens sind so vielfältig und individuell wie die Menschen selbst.

Aber um überhaupt über etwas zu reflektieren, muss dieses Etwas in erster Instanz durch Erfahrung zustande gekommen sein. Man braucht Ausgangsmaterial, mit dem man arbeiten kann. Eine Stoffsammlung, sozusagen. Die Erlebnisse und Erfahrungen sind das Material und die Philosophie ist das Werkzeug zur Verarbeitung.

Sicherlich wollen wir nicht allzu philosophil sein und zugeben, dass es noch viele andere, vermutlich nicht minder wirkungsvolle Verarbeitungs-, Bearbeitungsmechanismen gibt, um zu verdauen. Da wären zum Beispiel – ganz allgemein – Kunst, Musik, Literatur, Sport, – körperliche Arbeit, geistige Arbeit. Die Weltverarbeitungsmechanismen sind ebenso vielfältig wie individuell. Aber eines haben sie gemeinsam – es ist beinahe wie der Energieerhaltungssatz in der Physik: Die Saat von Erlebnissen – was meistens wohl Emotionen sind – schlägt, trifft sie auf fruchtbaren Boden, Wurzeln, um sodann, gen Licht, von einer anfänglich bloßen Idee, die von Außen herangetragen wird, heranzuwachsen und Früchte zu tragen. Etwas wird umgemünzt in etwas anderes, ein Werk – was das Ganze zu einem regelrecht schöpferischen Akt macht. Der gute Gärtner kultiviert bewusst. Er kennt sich mit der verschiedenen Beschaffenheit der Saat aus und weiß ideale Bedingungen für jeden einzelnen Samen zu schaffen. Ja, und viele Samen streut man gar nicht selbst, sondern werden von fremden Gärten herangetragen.

Es scheint aber tatsächlich nicht wichtig zu sein, auf welche Weise man sich mit dieser Saat auseinandersetzt – auch kann man alle der oben genannten Verarbeitungsmechanismen sowohl aktiv ausüben, als auch passiv genießen.

Pinselstriche, grob und breit, sanft oder kraftvoll, abrupt, elegant, beschwingt, schwermütig. Ein Gemälde des abstrakten Expressionismus spricht möglicherweise jemanden an, der in den scheinbar wahllos sich verirrenden und ineinander laufenden Linien, der beliebig anmutenden Farbwahl etwas sieht, was er nachvollziehen kann. Ob die Linien die versteckte Regung einer tiefen Leidenschaft der Seele nachzeichnen, oder eine Farbe den Ton einer spontanen Gemütswallung trifft – was ins Auge fällt, entscheidet letztendlich der Betrachter am einen Ende, der Maler am anderen.

Emotionen zu inkarnieren und zugänglich zu machen, das ist vielleicht die Aufgabe des Schauspielers. Wo wir uns vor einer Zurschaustellung von Gefühlen schämen, ist das Theater der Tempel ihrer Verehrung. Und wenn ein Hamlet sich wieder verzweifelt stammelnd fragt, was nobler ist – Selbstmord oder den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen – so ist es immer die gleiche Emotion in immer anderer Verkleidung, oder ist es immer eine andere Emotion, in immer der gleichen Verkleidung? Und ist es nicht letztendlich egal, wer da oben steht, in Wahrheit stehen wir selbst dort als Hamlet und erlauben unseren Emotionen einfach – zu sein.

Und wer ist mehr bewegt in der Musik – der Musikant, der dem Instrument mit Fingerfertigkeit Klänge entlockt, oder das Instrument, das erbebt unter der Gewalt, die auf es einwirkt, und dessen rhythmischer Schall sich einem Erdbeben gleich ausbreitet auch den Zuhörer erfasst und – bewegt. Sanfte Klänge werden hervorgelockt oder mit harten Schlägen herausgejagt, die Gedanken des Zuhörers harmonieren in ihren Nuancen synchron zu den dazu auftauchenden Tönen, oder umgekehrt – und gleich einem Notenblatt bekommen wir die Partitur unserer emotionalen Noten vor uns ausgebreitet.

Bei allen Beispielen verschwimmen die Rollen von Beweger und Bewegtem, es findet ein Kräfteaustausch statt, von dem jede Partie profitiert. Ursache und Wirkung sind nicht mehr getrennt, sondern ein und dasselbe. Kunst als Selbstzweck. L’art pour l’art.

Miles Davis soll gesagt haben, es gebe keinen falschen Ton. Nur die darauf folgenden Töne würden darüber entscheiden, ob ein Ton falsch ist, oder nicht. Als Allegorie könnte das bedeuten, die Qualität einer Erfahrung entscheidet nicht über ihren Wert, sondern ihre anschließende Einordnung ins Gesamtbild. Jedem geschehen blöde und schreckliche Sachen, darüber hat man keine Kontrolle. Nur, wie das Geschehene das weitere, kontrollierte Handeln bestimmt, entscheidet darüber, ob die Erfahrung einen besser oder schlechter macht – ob man das Erlebnis als Gelegenheit nutzt, etwas besser oder anders zu machen. Die Kraft der Verformung wirkt sowieso – würde Newton sagen, in die eine oder andere Richtung. Auf welche Art sie wirkt, wie sie umgemünzt wird – nur darüber haben wir Macht, zu bestimmen.

Man kann also auf vielerlei Arten darüber entscheiden, wie sich die Welt auf einen abdrückt. Sicher ist nur, dass sie sich abdrückt, eine Spur hinterlässt. Natürlich könnte man sich auch dazu entschließen, die Welt einfach auszuschließen. Wegschauen. Leugnen, dass sie einen affiziert. Wenn das Verarbeiten zu schwer fällt, ist es möglich, dass der Rückzug von allem als das Einfachste erscheint. Aber vielleicht ist es dann an der Zeit, einfach den Sieb neu zu justieren oder mal ein neues Rezept auszuprobieren. Die Suppe des Lebens kocht sich eben nicht von selbst, sicher ist nur, dass wir essen müssen.

Wahnsinn ist die Abwesenheit eines Werks – Michel Foucault

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

La Musique et l’Ineffable, éd. du Seuil, pp. 1O1-1O2

Der Misanthrop – ein honnête homme?

Der Menschenfeind, der Misanthrop, der Grantler – Molière

 

Ein genauerer Blick ist die 1666 uraufgeführte Komödie „Der Menschenfeind“ mit dem entlarvenden Untertitel „Der verliebte Melancholiker“ von Molière allemal wert. Marcel Reich-Ranicki warf Molière vor, fast ausschließlich Komödien geschrieben zu haben, was er offenbar als zu unseriös empfand, um ihn als ernsthaften Dramaturgen anzuerkennen. Allerdings trägt die Bezeichnung „Komödie“ den zahlreichen philosophischen Dialogen und gesellschaftskritischen Reflexionen der Stücke keine Rechnung. Insbesondere „der Menschenfeind“ (im Original: „Le misanthrope“) ist ein Meisterwerk dieses Spagats.

Alcèste, der Protagonist des Stücks, denunziert die höfischen Konventionen als soziale Hypokrisie. Er verurteilt das affektierte Gehabe und wettert gegen die Arschkriecherei in der gehobenen Gesellschaft.

Man darf nicht vergessen, dass Molière (eigentlich Jean-Baptiste Poquelin; sein Pseudonym verdankt er seinem Zeitgenossen und Kollegen Corneille) unter Ludwig XIV von Frankreich am Hof von Versaille tätig war (übrigens auch die Betten des Königs machte) und für eben die adelige Gesellschaft schrieb, über die er sich in vielen seiner Werke lustig macht, womit er eine gewisse Wesensverwandschaft mit dem Protagonisten des „Menschenfeinds“ Alcèste teilt. Und nicht nur er: Auch Jean-Jaques Rousseau bekundet seine Sympathie zu dem Misanthropen in seiner „Lettre à Mr. D’Alembert“.

Der junge Adelige Alcèste ist die soziale Etikette des französischen Hofes leid und beschließt, von nun an nur mehr ehrlich zu sein und geradeheraus zu sagen, was er denkt und den Konventionen auch auf Kosten von Höflichkeit abzusagen. Er stellt die Ehrlichkeit über alle anderen Tugenden. Ist er damit ein hônnete homme, ein Ehrenmann? Was ist das überhaupt?

Das Internet schlägt verschiedene Übersetzungen vor:  „honnête homme“ – {m} – „Idealtyp des kultivierten, ‚redlichen‘ Mannes, auch ‚Mannes von Welt'“(dict.cc) – ehrlicher Mann, Biedermann, anständiger Mensch, aufrichtiger Mensch, guter Mensch (linguee.de) Für unsere Betrachtung wird die Synthese dieser Begriffe reichen, behalten wir also einfach alle Adjektive im Kopf und bleiben bei honnête homme.

Wenn Alcèste sich mit Ehrlichkeit rühmt, macht ihn das zum honnête homme? Zum anständigen, redlichen, guten Menschen? Wir werden sehen.

Zuerst verscherzt Alceste es sich ziemlich mit Oront, einem Bekannten, welcher ihn bittet, seine Meinung zu seinem eigens verfassten Sonett zu bekunden. Alcèste findet es grottenschlecht und versucht auch, Oront es schonend, aber seinem Gebot der Aufrichtigkeit folgend, ehrlich zu sagen. Alcèste faselt um den heißen Brei herum und dreimal fragt Oront nach, ob das nun heißen solle, dass er das Sonett nicht gut fände, und jedesmal weicht Alcèste mit: „Das sag ich nicht“ aus, bis er keine andere Wahl mehr hat, als sich zu offenbaren. Die Situation zwischen den beiden eskaliert.

Oront. Zum Glück werd‘ ich von andern mehr geachtet.

Alcèste. Weil andre heucheln, und das tu‘ ich nicht.

Oront. So haben Sie vielleicht den Geist gepachtet?

Alcèste. Das hätt‘ ich sicher, lobt‘ ich Ihr Gedicht.

Oront. Ich kann Ihr Lob getrost entbehren.

Alcèste. Wird Ihnen auch nichts andres übrig bleiben.

Oront. Nur wüßt‘ ich gern, ob Sie imstande wären,
In Ihrer Art was Ähnliches zu schreiben.

Alcèste. Wahrscheinlich mach‘ ich’s ebenso verfehlt,
Nur daß ich’s dann beileibe niemand zeige. (Akt 1,2)

Oront halst ihm daraufhin einen Prozess auf, den Alcèste verlieren wird.

Alcèste nimmt in dieser Situation in Kauf, jemanden zu kränken, weil er das Gebot der Ehrlichkeit höher achtet.

 

„Das Stück spielt mit der Ambivalenz zwischen Sein und Scheinen.“  (Raphael Enthoven, s.u.)

Das paradoxe an Alcèste ist, dass er nicht immer so konsequent mit seinen Prinzipien ist, was seinen Charakter nicht nur mehrdimensional, sondern ganz und gar widersprüchlich macht.

Sein so erhabener Prinzipienmantel, den er nicht nur fest um sich schlingt sondern am liebsten ganz und gar mit ihm verschmelzen möchte, bekommt Risse, wenn er der Liebe ausgesetzt ist. Alcèste ist nämlich in die leichtlebige Frau Celimène schwer verliebt. Obwohl diese von Treue nicht besonders viel hält, scheint sie Alcèste am liebsten von allen zu haben. Sie prangert ihm allerdings an, sie nicht aufrichtig genug zu lieben. Alcèstes Widersprüchlichkeit kommt in dieser Liebe besonders zum Ausdruck.

Als sein bester Freund Philinte angesichts Alcèstes Eifersucht ihm von dieser fragwürdigen Verbindung abrät, erwidert Alcèste:

„Das sagt mir die Vernunft in jeder Stunde;
Doch nach Vernunftgesetzen liebt man nicht.“ (Akt I,1)

Er gibt offen zu, dass in der Liebe für ihn andere Maßstäbe gelten. Sein Charakter ist nicht nur inkonsistent, sondern höchst ambivalent.

Als Alcèste einen anzüglichen Brief in Célimenes Handschrift entdeckt, der an keinen anderen als Oront adressiert ist, bittet er sie inständig, ihn anzulügen, um ihn von den Schmerzen und der Last dessen, was er nun weiß, zu entbinden.

Alcèste. Ach, so verteidigen Sie sich doch,
Stehn Sie doch ab, sich selber anzuklagen!
Des Briefes Unschuld lassen Sie mich schaun;
Mein Wunsch wird Ihren Worten sich vereinen;
Bestreben Sie sich nur, mir treu zu scheinen,
So werd‘ ich mich bestreben zu vertraun. (Akt 4,3)

Lieber würde Alcèste im Nichtwissen um Celimènes Untreue verweilen und einfach fortfahren, sie zu lieben. Er denkt, würde Celimène ihm etwas vormachen, ihn belügen, wäre er glücklicher. Er wäre mit der Unwahrheit, mit dem Schein, glücklicher, als im grausamen Sein, das ihm das Wissen um die Wahrheit bietet. Celimène weigert sich, ihn anzulügen und gesteht offen und unverblümt, dass Alcèste mit seinen Vermutungen richtig liegt. Celimènes Ehrlichkeit übertrifft hier Alcèstes.

 

Montaigne sagt: „Man kann sagen, dass der honnête homme ein anpassungsfähiger Mensch ist.“ („On dit bien vrai qu’un honnête homme, c’est un homme mêlé.“)

Eine andere interessante Verbindung hat Alcèste zu Philinte, namentlich seinem besten Freund, von dem er sich aber am Anfang des Stücks distanziert. Er sagt, er könne die Gefälligkeiten, die Philinte ihm entgegenbringt, nicht als Auszeichnung für ihre Freundschaft nehmen, da er sich anderen gegenüber genauso verhalte – kurz, er nennt Philinte einen Heuchler.

Philinte ist sich der Affektiertheit in der Gesellschaft zwar auch bewusst, akzeptiert sie aber als notwendiges Übel. Jedoch stellt sich heraus, dass Philinte ein besonders loyaler Freund ist, da er auf Alcèstes Eröffnungen hin nun eigentlich keinen Grund mehr hätte, sich mit ihm abzugeben. Dennoch hält er ihm bis zum Schluss die Treue und trägt Sorge um sein Wohl.

 

„Es gibt wohl niemanden, der bescheidener ist als ich.“ – J-J.Rousseau

Anders als Philinte ist Alcèste allerdings nicht bereit, Kompromisse zu schließen. Er akzeptiert die menschlichen Umgangsformen, die ihm so allzu unmenschlich vorkommen, nicht als notwendiges Mittel, um sich in der Welt bewegen zu können, sondern verschmäht alle Menschen:

Philinte. Hat denn Ihr Grimm die armen Erdenseelen
In Bausch und Bogen ausnahmslos verdammt?
Ich denke doch, daß Männer uns nicht fehlen…

Alcèste. Die Menschen hass ich, alle – insgesamt. (Akt I,1)

Auch Celimène hasst er – er hasst sie, weil er sie so liebt.

Alcèste verteufelt alle anderen, die nicht nach seinen Prinzipien handeln. „Ich will, dass man mich höherstellt!“ (Akt I,1) Er will sich nicht nur selbst gedanklich distanzieren, sondern auch, dass man erkennt, dass er es tut. Er möchte am liebsten in die „Wüste flüchten“(Akt I,1), damit er sich mit niemandem mehr abgeben muss.

Das klingt eher weniger nach einem honnête homme, als Alcèste wohl gerne hätte. Er beansprucht Exklusivität für seine Person, denkt, dass seine Prinzipien und Werte ihn moralisch auf eine höhere Stufe heben und ist damit der größte Snob von allen. Er ist intolerant gegenüber jedem, der seine Meinung nicht teilt oder aber andere Konsequenzen daraus zieht, wie sein Freund Philinte, der sehr wohl in vollem Bewusstsein, aber um der Höflichkeit willen schmeichelt. Dabei könnte man sogar sagen, dass Philinte vielleicht der honnête homme des Stücks ist – denn er steht aufrichtig zu seiner Treue und Freundschaft zu Alcèste und ist gleichzeitig anständig, höflich, wenn auch nicht immer ehrlich, aber behutsam und mitmenschlich mit den Menschen.

Philinte ist empathisch und stellt das Wohlergehen anderer höher als den persönlichen Maßstab der Ehrlichkeit, den zu erfüllen nur einen selbst befriedigt und keine Rücksicht auf andere Bedürfnisse nimmt. Er möchte Teil der Gesellschaft bleiben, auch wenn das bedeutet, dass er fragwürdige, unehrliche Umgangsformen pflegen muss, während Alcèste kein anderer Ausweg bleibt, als vollständige Isolation vor der Welt der Menschen, die „Wüste“.

Alcèste hatte es schon richtig im Gefühl – manchmal will man belogen werden, und das nicht nur in der Liebe. Radikale Ehrlichkeit dient einzig nur dem eigenen Gewissen. Allerdings muss man ihm zugute halten, dass er im Grunde Recht hat mit der Heuchelei.

Alle anderen Figuren außer ihm und Philinte scheinen diese Gefälligkeit so sehr verinnerlicht zu haben, dass sie nicht mehr sind als leere Hüllen – nur Schein. Sie schmeicheln einander, ziehen hinterrücks übereinander her und kennen kein Gefühl von Anstand mehr, außer der affektierten Höflichkeit im Umgang miteinander. Ihnen fehlt der Maßstab der Ehrlichkeit, dem sich Alcèste und Philinte noch sehr wohl bewusst sind und sich nur darin unterscheiden, welche Konsequenzen sie daraus ziehen.
Wenn die Welt nur noch daraus bestehen würde, dass man versucht, einander zu gefallen, lösen sich die Identitäten auf, denn wie soll man dann noch unterscheiden, was man für sich tut, weil es einem gefällt, oder für andere, weil es anderen gefällt. Und man selbst gefällt sich, wenn man anderen gefällt. Und auch das moralische Gefühl geht verloren, denn man gibt die eigene Urteilskraft ab an einen willkürlichen Grundkonsens, der nur sich selbst als Maßstab kennt.

Alcèste ist der Ehrliche, Philinte der Lügner und die anderen die Bullshitter.

Alcèste steht für das Sein, das, was wirklich ist, die Wahrheit also und stellt sich als ihr alleiniger Vertreter völlig in ihren Dienst mit den logischen Konsequenzen – Isolation.
Philinte kennt die Wahrheit und das Sein auch. Er entscheidet sich aber dafür, sie zwar als Wahrheit anzunehmen, agiert aber weiter im Schein, um die Kommunikation zu den anderen, weniger luziden Menschen, nicht aufgeben zu müssen.
Und schließlich haben wie die Bullshitter, die anderen, die Gefälligen: Sie kennen die Wahrheit nicht und sie ist ihnen auch völlig egal. Sie haben den Schein sosehr verinnerlicht, dass sie selbst gar nicht mehr sind. Marionetten, Vertreter einzig und allein des Prinzips des Scheins. Ebenso wie andererseits Alcèste als Marionette und Vertreter des anderen Prinzips, des Seins, ist. Die Bulshitter sind ein Feind der Wahrheit, und also auch der Ehrlichkeit (denn wie soll man ehrlich sein, wenn man die Wahrheit nicht kennt?).

Es scheint, als wäre Philinte tatsächlich der menschlichste unter ihnen. Weil Alcèste und die anderen nur Vertreter von zwei Prinzipien sind, dem Sein und dem Schein, sind sie gewissermaßen entmenschlicht. Sie stellen sich einzig in ihren Dienst.
Nur Philinte schafft den Spagat: Er ist ein Lügner, denn er kennt zwar die Wahrheit, akzeptiert aber den Schein und entscheidet sich, in ihm zu agieren. Er macht den Kompromiss, weil er Mensch ist. Er will sich nicht isolieren müssen, weil er auch Mensch ist. Er pflegt zwar die Sittlichkeit, fällt ihr aber nicht in dem Grade anheim, wie die anderen Figuren, die es mit der Schmeichelei und Lästerei übertreiben und dabei sich selbst verlieren. Philinte aber kann sich selbst nicht verlieren, denn er kennt die Wahrheit. Und kann sie mit seiner gleichzeitigen sozialen Inklusion vermutlich auch eher verbreiten und ihr Ehre erweisen als der völlig isolierte Alcèste. Somit ist Philinte am ehesten honnête homme, im vollen Umfang des Wortes, mehr jedenfalls, als der arme Alcèste.

moliere

 

Interessanter Vergleich von Alcèste mit Hamlet:
http://www.zeit.de/2012/06/Gedanken-Moliere-Shakespeare/seite-2

 

Quellen:

Vermessen

Manchmal schaue ich so ins Leere hinein.

Löcher in die Luft starren, sagt man. Aber das ist irgendwie ganz und gar nicht wahr, eher völlig das Gegenteil von dem, was man dabei tut, oder?

Mir kommt es eher so vor, als würde man die Welt strukturieren, indem man Gedanken auf sie strahlt. Man gliedert sie in Gedanken. Es ist ja nicht so, als wäre die Auflösung unserer Sehstärke in Pixeln definiert, wie in digitalen Bildern. Dennoch funktioniert die Metapher, dass es mir so vorkommt, als würde man den Spalt zwischen zwei Pixeln teilen und einen Gedanken in ihn hineinstecken. Und das in jedem Augenblick, dem man Löcher in die Luft starrt. Loch ist also ein irreführender Ausdruck, insofern Loch Leere suggeriert, dabei ist ja eher das Gegenteil der Fall, dass man etwas gehaltvolles hineingibt in die Luft, die Welt mit Gedanken füllt. Unsere Welt, das sind Raum und Zeit. Und diese versehen wir mit Gedanken.

Schwer, sich das in diesen zwei Dimensionen vorzustellen, aber mit Beispielen funktioniert das ganz gut: Erinnerungen sind oft ortsgebunden, wie in Prousts „verlorener Zeit“. Erinnerungen sind auch Gedanken. Demnach könnte man sagen, dass wir Orte mit Erinnerungen und Gedanken füllen.

Je öfter man diese Orte besucht, desto gehaltvoller sind diese mit Gedanken versehen. Der Arbeitsweg zum Beispiel, also die muffigen blauen Sitzpolster der Sbahn, die Szenerie, die wie ein Film Tag für Tag über die Fenster läuft, diese scheinen immer gleich, gewohnt. Hier verdichten sich die Gedanken zu einem großen Haufen undefinierbarer Masse. Zäh, gehäuft, und in diese begrenzten Räume und die Zeitspanne gepresst, die man Tag für Tag durchläuft. Viele Gedanken schon gedacht hier, die Karos des blauen Sitzes gegenüber betrachtet, ohne sie je richtig gesehen zu haben. An allen Plätzen hat man schon gesessen, vorne, hinten, und doch scheint es immer derselbe Platz zu sein.

Denn nicht nur schlaftrunkene dreißig Minuten in der früh auf dem Weg zur Arbeit und ausgelaugte dreißig Minuten Feierabend haften diesen Wänden an, sondern auch die Wege zu Partys, Museumsbesuchen, Kino-, Theaterbesuchen, aber auch Zahnarztterminen, Gerichtsterminen, Familienfeiern,, Rendez-vous … Kein bestimmtes Gefühl verbindet man mit diesem Ort, dem Inbegriff allen Transports und Unterwegsseins. Denn der Ort und die vorbeifliegende Landschaft ist immer gleich, die Stimme der Ansage ist auch immer gleich und auch die Gesichter der Leute schrumpfen auf einen einzigen undefinierbaren Gesichtsbrei zusammen. Hier ist man wie eingeschlossen in sein eigenes Gehirn, kaum Überraschendes und Neuartiges passiert hier, weil hier ja nichts von außen kommt, und man seelenruhig in Warteposition ist und nur wünscht, endlich da zu sein.

Anders ist das bei Orten, die man weniger häufig frequentiert. Wie zum Beispiel im Urlaub oder alles, was mit Ferne zu tun hat, mit Ungewohntem, Unentdecktem, noch nicht mit den Gedanken Vermessenem, Strukturiertem, und schließlich Zergliedertem. So scheint auch die Zeit an neuen Orten ungewöhnlich langsam zu vergehen, da es schlicht zu viele neue Dinge mit den Gedanken zu vermessen gilt.

Neue Orte mit den eigenen Gedanken zu versehen, jede neue Ecke und jeden Pflasterstein in sein Bewusstsein aufzusaugen, schauen was darin passiert und im selben Moment und in der gleichen Bewegung etwas von seinen Gedanken hineinstecken –

Das ist schön.

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Training

Schreiben ist nicht alles.

Es ist ein naiver Versuch, Gedanken in eine Form zu pressen, ihnen eine Schablone überzulegen und zu beobachten, was herauskommt. Dabei bleibt auch ganz viel von der Schablone verdeckt oder an der Form, die den Gedanken in die Wirklichkeit ausgestochen hat, hängen.

Vollständig kann man Gedanken also nicht fassen, es geht immer etwas bei der Übersetzung verloren. Man muss die richtige Methode gut wählen. Die richtige Methode erweist sich oft aber nur im Nachhinein als solche, am Ergebnis quasi. Anhand der Gedanken ist es schwierig, zu entscheiden, welche Methode, welche Form, Schablone sich für ihn eignet.

Man kann nicht alles zerdenken. Zergliedern. Analysieren.

Vieles am Menschen ist nicht rational. Der Geist ist nicht einmal nur rational! Und es wäre zu einfach, zu denken, der Mensch würde sich in Verstand und Gefühl, Geist und Körper gliedern. Als wären beides Antagonisten, würden Krieg gegeneinander führen. Nein, sie ergänzen einander vielmehr, wollen gleichberechtigt sein und sind auch gleichermaßen geltungsbedürftig! Das intuitive Bauchgefühl ist oft richtiger als das tausendfache Drehen und Wenden eines Sachverhalts.

Erfahren, am Leibe, am eigenen Leib erfahren. Das ist es. Der arme Kopf, ihn würde die Flut an Erfahrungen schier ertränken! Und der Körper würde sich beschweren, warum er nichts abbekommt, würde fragen, warum er denn überhaupt noch da ist, nur, um den Geist instand zu halten? Sehr gemein! Auch der Körper will mit wohltuenden Erlebnissen verwöhnt werden und will auch mal Schmerzen fühlen.

Schmerzen für den Körper sind wie Schranken für den Geist.

Beide machen Erfahrung ihrer eigenen Grenzen.

Und erweitern sie.

Sport. Gehirntraining. Training.