Der Verlust der Freiheit nach Charles Taylor

Hallo zusammen! Normalerweise achte ich darauf, dass diese Blogeinträge eine erträgliche Länge haben. Diesmal nicht. Es ist ein philosophisch-soziologischer Versuch über den in einem seiner wissenschaftlichen Essays entwickelten Freiheitsbegriff von Charles Taylor. Ich wende ihn auf unsere heutige Zeit an und schaue, ob ich die Einschränkung dieser Freiheit im Neoliberalismus ein bisschen untermauern kann. Viel Spaß beim Lesen!

Der Politologe und Philosoph Charles Taylor (*1931) etabliert im Laufe seines Aufsatzes über distributive Gerechtigkeit (Verteilungsgerechtigkeit) einen Freiheitsbegriff, der das mündige, selbstbestimmte, demokratische Individuum im Sinne der Aufklärung, auszeichnet. Im Nachfolgenden möchte ich erörtern, ob diese nach Taylor definierte Freiheit in der heutigen Zeit, in dem vorherrschenden wirtschaftlichen System des Neoliberalismus, noch in dieser Weise vorhanden ist.¹

Der Neoliberalismus bezeichnet eine Sozial- und Wirtschaftspolitik, die Arbeitswelt und Privatleben, Politik und Persönlichkeit miteinander vermischt.²

»[Er] beruht im Kern auf dem Glauben, dass der Markt die beste Einrichtung sei, um nicht nur die Wirtschaft, sondern auch weite Teile des übrigen menschlichen Zusammenlebens zu organisieren. Zu den ersten politischen Maßnahmen neoliberaler Regierungen gehört daher regelmäßig die Privatisierung öffentlicher Unternehmen und staatlicher Aufgaben. […]

Die solidarische Absicherung durch den Sozialstaat lehnen Neoliberale als Eingriff in den Markt ab. Dementsprechend setzen neoliberale Regierungen auf Sozialstaatsabbau.«³

Taylor spricht einerseits von positiver Freiheit: der Staat muss dem Individuum gewisse Rechte zusprechen, etwas zu tun; man muss also bestimmte Möglichkeiten ergreifen können, sich innerhalb der Gesellschaft selbst zu verwirklichen (Verwirklichungsbegriff). Diese wäre in einem autoritären, faschistischen Regime sehr eingeschränkt, da Grundrechte (in Deutschland GG, §1-19), wie freie Meinungsäußerung, das Recht auf Privatsphäre, Versammlungsfreiheit, Rechtsschutzgleichheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Handlungsfreiheit, Recht auf ein Existenzminimum und viele weitere, nicht mehr garantiert wären4. Die Aufgabe des Rechtsstaats besteht darin, die Mittel zur Ausübung dieser Freiheiten bereitzustellen, das heißt zum Beispiel, ein breites Spektrum an unabhängigen Informationsmedien zu garantieren.

Andererseits meint Taylor negative Freiheit, nämlich die Freiheit von äußeren Hindernissen, »ein[] Zustand, in dem die eigene persönliche Entfaltung nicht von anderen Menschen, Institutionen oder Ideologien und den von ihnen ausgehenden Zwängen begrenzt oder verhindert wird.«⁸ (Möglichkeitsbegriff)

Man kann also innerlich durchaus frei sein, aber in Gefangenschaft leben. Und man kann zwar frei von äußerlichen Hindernissen sein und dennoch innerlich unfrei sein.5

Drei Merkmale charakterisieren Taylors Freiheitsbegriff.6

  1. Verwirklichung

  2. Authentizität

    „Wir sind nicht frei, wenn wir durch Furcht, durch zwanghaft verinnerlichte Normen oder falsches Bewusstsein motiviert werden, unsere Selbstverwirklichung zu vereiteln.“

  3. Rahmengebundenheit

»Damit ist gemeint, dass die Anforderungen positiver Freiheit auf atomistische Weise, also unabhängig von einem gemeinschaftlichen Werterahmen, weder erlangt noch verwirklicht werden können. Die gemeinsamen Wertvorstellungen sieht Taylor dabei in den kulturellen Praktiken sowie in den politischen Institutionen einer Gesellschaft verfestigt.«7

Das moderne, freie Individuum ist die Folge einer bestimmten Art von Zivilisation, nämlich innerhalb der »es einer langen Entwicklung bestimmter Institutionen und Praktiken, der Herrschaft des Gesetzes, der Regeln wechselseitiger Achtung, der Gewohnheiten gemeinsamer Beratung, gemeinsamen Umgangs, gemeinsamer kultureller Selbstentwicklung und so weiter bedurfte […] und dass ohne diese das gesamte Selbstverständnis als Individuum in der modernen Bedeutung des Begriffs verschwinden würde«.8

Ausgehend davon, dass unser Selbstverständnis als modernes Individuum auf vorhergehenden geschichtlichen, gesellschaftlichen Entwicklungen basiert, kann es nichts Statisches sein, dass, einmal ans Licht gebracht, nicht mehr untergraben oder verändert werden könnte.

»Ich habe nun die Identität eines Individuums ausgebildet, und ein faschistischer Umsturz morgen würde sie mir nicht rauben, sondern lediglich die Freiheit, sie voll zu leben. Sobald diese Identität sich einmal entwickelt hat, ist es, wie moderne Systeme der Tyrannei erfahren haben, schwer, sie zu ersticken.«9

Weiter Taylor: »Mit der Zeit jedoch ginge diese Identität allmählich verloren, wenn die Bedingungen, die sich aufrechterhalten, unterdrückt würden.«10

Anschließend stellt er drei Punkte auf, nach denen diese Freiheit vom totalitären Staat eingeschränkt wird. In Anlehnung an unsere heutige Gesellschaft will ich zur Ziehung von Parallelen auffordern. Die Argumentation dieses Aufsatzes soll anhand dieser drei Punkte der Beschneidung der Freiheit erfolgen und nicht anhand der vorangehenden 3 Punkte, die Taylor als das Ziel der Ausübung positiver Freiheit festlegt, da die negative Argumentation hier sinnvoller ist.

  1. Der Austausch mit anderen ist nicht mehr möglich (das Verständnis der eigenen Ziele wird aber dadurch genährt)

  2. Verlust der Verantwortlichkeit des Einzelnen für öffentliche Aufgaben

  3. individueller Geschmack eingeschränkt durch kulturelle Verbote11

Deshalb, so Taylor weiter, müsse die Gesellschaft und nicht zuletzt der Staat, genau »diejenigen Praktiken und Institutionen verteidigen, die das Verständnis der Freiheit aufrechterhalten. Dies bedeutet nämlich, die (soziale) Perspektive zu akzeptieren, derzufolge die eigentliche Fähigkeit zum Guten (hier zur Freiheit) mit einer bestimmten Form der Gesellschaft verknüpft ist.« Es reicht also nicht, die Freiheiten, zum Beispiel in Form von Rechten oder der Abwesenheit von Verboten, zu erhalten, sondern Taylor sieht die Aufgabe des Staates auch darin, solche Institutionen zu fördern, die ein gewisses Verständnis der Freiheit kultivieren.12 Anderenfalls, so könnte man schlussfolgern, würden diese Freiheiten gar nicht wahrgenommen werden, obwohl sie theoretisch möglich wären.

Solche öffentlichen Institutionen müssen also staatlich geschützt, gefördert und bewahrt werden. Es sind solche, wenn wir einen obig benutzten Begriff zu verwenden, die dazu befähigen, freie Meinungsbildung und -äußerung, sowie, nicht zuletzt, Selbstverwirklichung ermöglichen, also positive Freiheit fördern – das heißt, einerseits gewisse Rechte, aber andererseits auch den Willen, von diesen Rechten auch Gebrauch machen zu wollen.

»Historisch besonders bedeutsam, weil Grundvoraussetzung für die Ausübung verschiedenster Freiheitsrechte, war und ist freier Zugang zu Wissen und Bildung. Die herausragende Bedeutung von Bildung für die Entfaltung individueller Freiheit lässt sich alleine schon an der allgemeinen Schulpflicht erkennen, dem wohl größten Eingriff in negative Abwehrrechte, der im Namen der Mehrung der positiven Freiheit, durch Steigerung der Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen, seit der Aufklärung allgemein befürwortet wird.«13

Ohne die Nutzung der positiven Rechte werden die Verbote (negative Freiheit) obsolet. Wer innerlich unfrei ist, muss nicht mehr durch äußere Beschneidungen von irgendetwas abgehalten werden, und ein Staat, der unser Verständnis von Freiheit fahrlässig der Willkür privater Großkonzerne aussetzt, kann sich getrost unter der Legitimität des Deckmantels eines Rechtsstaats verstecken. Konsumenten sind leichter zu kontrollieren als mündige Bürger. Womit wir die Brücke zum Neoliberalimus schlagen.

Zu Punkt 1: Austausch mit anderen ist nicht mehr möglich (das Verständnis der eigenen Ziele wird aber dadurch genährt)

Das freiheitliche Verständnis unserer Ziele, und somit nicht zuletzt der Freiheit, wird Taylor zufolge durch den Austausch mit anderen genährt. Ohne Du kein Ich – das Ich definiert sich im Verhältnis zu anderen, zu denen man entweder Unterschiede oder Gemeinsamkeiten feststellen kann.

Der »freie Austausch mit anderen« wäre demnach das Kriterium, das dazu beiträgt, das Verständnis von Freiheit aufrecht zu erhalten, mit anderen Worten – eine reiche Diskurskultur. Frei zugängliche Räume für Meinungsbildung und -vielfalt und Pressefreiheit.

Die heutigen Printmedien, Fernsehen und Radio bieten allerdings eher Einfalt statt Vielfalt und von Unabhängigkeit kann auch nicht wirklich gesprochen werden: In Deutschland herrscht eine hohe Konzentration von (ehemaligen) Politikerinnen und Politikern in den Kontrollgremien der öffentlich rechtlichen Sender ARD und ZDF; ebenso ihre Verflechtungen mit unzähligen Tochterfirmen, sowie höchst intransparente Finanzstrukturen lassen an der journalistischen Unabhängigkeit der öffentlich rechtlichen zweifeln.14 Bei den Privatsendern dominieren ProSiebenSat1 und die RTL Media Group.15 Bei den Printmedien sieht es kaum besser aus. »Fünf Verlage kontrollieren annähernd die Hälfte des Zeitungsmarktes. Weit mehr als die Hälfte der Menschen hat nur noch eine Lokalzeitung vor Ort. Der Trend zum Einzeitungskreis ist schon seit Jahren ungebrochen.«16

Deutschland schafft es im internationalen Ranking der ROG (Reporter ohne Grenzen) gerade mal auf Platz 15.17 Das Verhindern von Monopolen und Privatisierung wäre eine Aufgabe des Staates.

Zwar liegen die traditionellen Medien Radio und Fernsehen zahlenmäßig noch unter den „neueren“, die Entwicklung tendiert aber klar in Richtung der neuen Medienlandschaft. Diese kennzeichnet heutzutage vor allem polarisierende Internetforen, Facebook, Twitter, Instagram, Google, sowie »Nachrichtenplattformen« wie TheHuffingtonpost. Das Format der Nachrichten auf diesen Seiten zeichnet sich durch Kürze und die damit unvermeidliche Überspitzung und nicht zuletzt Sensationslust durch sensationsheischende Überschriften, die zum Klicken animieren sollen und die auch die Printmedien, allen voran die BILD-Zeitung, längst verinnerlicht haben.

Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft, äußert sich zu der heutigen Debattenkultur auf der phil.cologne: Er beschreibt unser heute als »Zeitalter« der »Hasskommunikation, Propaganda, Desinformation und Fake News[, die] in kaum gekannten Ausmaß global zirkulieren und [in der sich] aggressive Selbstbestätigungsmilieus herausbilden.« Er beschreibt das Phänomen als »Deregulierung des Diskursmarktes. Der Journalismus als einst »sortierende Kraft« könne seine Rolle als »Gatekeeper« in Zeiten von Facebook, Twitter, Google nicht mehr aufrechterhalten. Dasselbe gilt für die politische Dimension. Populistische Figuren wie Donald Trump seien Gewinner dieser Entwicklungen.18

Was die Rolle der neuen Medien bei dieser neuen Diskurskultur spielt, darüber scheiden sich die gelehrten Geister.19 Eli Pariser erschuf 2011 in seinem gleichnamigen Buch den Begriff Filterblase (englisch: filter bubble), demzufolge die Algorithmisierung und Regulierung unserer Informationsströme von den großen Medienplattformen zu einer verstärkten Polarisierung der Meinungen und einem Einschrumpfen des Horizonts führt.

»Durch die Anwendung dieser Algorithmen neigen Internetseiten dazu, dem Benutzer nur Informationen anzuzeigen, die mit den bisherigen Ansichten des Benutzers übereinstimmen. So wird der Benutzer sehr effektiv in einer „Blase“ isoliert, die dazu tendiert, Informationen auszuschließen, die den bisherigen Ansichten des Benutzers widersprechen.«20

Eine empirische Bestätigung dieser Filterblase gibt es allerdings nicht. Noch scheinen Suchmaschinenergebnisse gleich für uns zu sein, eine Verbesserung der Suchergebnisse erfolgt lediglich ortsabhängig, wenn man diesen überhaupt angibt. Allerdings geht der Trend klar hin zur Personalisierung. Der News Feed von Facebook oder Instagram, die Kaufvorschläge von Amazon, die Playlisten auf Spotify oder Netflix richten sich nach dem Geschmack des Users – Personalisierung und damit Partikularität statt Totalität; Man umgibt sich mit nur seinem Teil der Wirklichkeit und und lebt in Ignoranz und Unverständnis des Ganzen, des Anderen, des Neuen.

Bleiben wir kurz bei dem Beispiel Spotify und Netflix. Die immer weniger beliebten Formate Radio und Fernsehen lebten von der Popkultur. Es tat den Flexiblen unter uns nicht allzu sehr weh, dort hineinzuhören oder zu -schauen, denn Popkultur ist für die breite Masse und je einheitlicher die Masse ist, desto besser. Das macht sowohl die Popkultur als letztendlich auch die Masse so konservativ und uninnovativ, getreu dem Motto: lieber nichts riskieren, in sicherem und bekannten Terrain verweilen und das Altbewährte lieber so lange weilen lassen, bis es vollends ausgelutscht ist.

Aber auch die Polarisierung politischer Meinungen in den sozialen Medien findet statt: »Selbstbestätitgungsmileus [bilden sich heraus]. Es ist leicht geworden, ideologisch verwandte Stämme zu entdecken, ganz gleich, ob es Impfgegner sind oder politische Extremisten, die sich gleichsam von Giftzwerg zu Giftzwerg die Hand reichen und dann sagen: >Wir sind doch so viele! Warum bitte werden unsere Ideen in den Leitmedien nicht gespiegelt?« Die neue Medienlandschaft trägt insofern wenn nicht zu einer Entstehung, so aber mindestens zu einer Radikalisierung extremistischer Meinungen bei – Pörksen verortet den Grund dafür in der Anonymität im Netz, der Unmittelbarkeit, der Kürze der Äußerungen und der Belohnung durch Likes und Shares, was möglicherweise zur radikaleren Äußerungen ermutigt.21

Ein weiterer Punkt – oder sogar eine Folge der vorangehenden – ist die Entsolidarisierung der Gesellschaft. Die Politik adressiert sich zunehmend an die Gesellschaft als Interessensgruppen. Als Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Homosexuelle, Christen, Muslime, Reiche, Arme, Frauen, Männer, Bayernfans, Löwenfans… »Entsolidarisierung im Allgemeinen resultiert [] aus einer übertriebenen Solidarisierung im Partikularen.« Was dabei verloren geht, ist die gesamtgesellschaftliche Perspektive, nicht im patriotischen Sinne des Nationalstaats, sondern eher als gleiche Bürger eines Rechtsstaats. Diese Solidarität trägt nicht zuletzt auch dazu bei, dass wir in einem Sozialstaat bereit sind, füreinander aufzukommen.22

Was für ein Interesse könnte nun der Neoliberalismus daran haben, diese Solidarität zu zerstören?

Zum einen der Abbau des Sozialstaats zu rechtfertigen. Denn je abgekapselter ein Individuum von einer Gemeinschaft ist, desto mehr ist man gerichtet auf sich, auf seine eigenen Bedürfnisse und auf die seiner kleinen sozialen Gruppe, also Familie und Freunde. Egoismus waltet.

»Der einzelne Mensch rückt dabei in einer sehr eigenartigen Weise in den Mittelpunkt: Er soll an Märkten und in der Gesellschaft eigenständig zurechtkommen – anstatt sich auf den Staat oder auf Mechanismen solidarischer Absicherung zu verlassen. […]23 Eine häufig gebrauchte Floskel in diesem Zusammenhang ist die »Selbstverantwortung«: »Verlass‘ dich nicht auf andere!«, »Komm‘ selber klar!«, »Mach was aus Dir!«, »Nutz‘ deine Chancen!«, […] »Streng Dich an!«[…] Die hier durchscheinenden Normen und Ansprüche sind die Kehrseite von Sozialabbau und wegbrechender gesellschaftlicher Solidarität. Man kann durchaus von einer »neoliberalen Moral« sprechen.[…]Um Erfolg und Anerkennung zu erlangen, sollen sich die Menschen als aktiv und selbstdiszipliniert erweisen und dabei unternehmerisch und egoistisch denken und handeln. Um gegenüber seinen Konkur entInnen die Nase vorn zu haben, gilt es, wettbewerbsfähig und innovativ zu sein und zu werden.

Je schwächer soziale Bindungen werden und je geringer die soziale Sicherheit, desto wichtiger wird es für Menschen, der neoliberalen Moral zu folgen. Einerseits treibt sie dabei die Angst vor sozialem Abstieg, vor Missbilligung durch andere, bisweilen auch vor staatlichen Sanktionen und Strafen.[…]24 Gründe für Erfolg und Elend, für Teilhabe und Ausgrenzung liegen aus dieser Sicht stets beim einzelnen Menschen.«25

Das befördert den Hass für Sozialleistungsempfänger, die für ihre Lage stets selbst verantwortlich gemacht werden und Intoleranz gegenüber bestimmten Gruppen. Angst vor sozialem Abstieg befeuert die Konkurrenzmentalität und Entsolidarisierung innerhalb der Gesellschaft.

Die Ausrichtung am Markt führt auch zu einer Verkümmerung des Bildungssystems, »das zunehmend auf Kompetenzen ausgerichtet wird, die sich bezahlt machen sollen, und das immer weniger Wissen vermittelt, mit dem wir uns die Welt erschließen.«26

Zu Punkt 2 : Verlust der Verantwortlichkeit des Einzelnen für öffentliche Aufgaben

»Eine der zentralen Thesen in den aktuellen Diskussionen über „Postdemokratie“ besagt, dass moderne Demokratien hinter einer Fassade formeller demokratischer Prinzipien zunehmend von privilegierten Eliten kontrolliert werden. Die Umsetzung neoliberaler Politik habe zu einer „Kolonisierung“ des Staates durch die Interessen von Unternehmen und Verbänden geführt, so dass wichtige politische Entscheidungen heute außerhalb der traditionellen demokratischen Kanäle gefällt werden. Der Legitimitätsverlust demokratischer Institutionen zeige sich in einer zunehmenden Entpolitisierung.«27

Warum die meisten Bürger all das ohne Weiteres einfach so hinnehmen, erklärt Patrick Schreiner in seinem 2017 erschienenen Buch »Warum Menschen sowas mitmachen«. Er beschreibt, wie die Marktstrukturen nach und nach unbemerkt in unser Demokratieverständnis eingesickert ist und wir uns dem neoliberalen Diktat hörig unterordnen.

Er fasst die Kernaussagen des Aufsatzes »Die schleichende Revolution« der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Wendy Brown zusammen:

»Neoliberale Ökonomisierung […] könne [die Demokratie] töten. Gemeint ist damit: wenn Politik zunehmend den Charakter von Märkten gewinnt und politische Akteure zu Marktakteuren werden, dann ist Demokratie nicht geschwächt, sondern am Ende. Der Neoliberalismus sei aktuell dabei, den politischen Charakter der Demokratie in etwas Ökonomisches umzuwandeln.28

Als Beispiele der Veränderung politischer Prozesse nennt Brown die strikte Orientierung an Kosten-Nutzen-Abwägungen und die Durchsetzung von allgemeinen Maßstäben für angeblich alternativlos richtige Politik (Bench-Markings). Der Staat wird zunehmend wie ein Unternehmen geführt und beurteilt; aus Regierung wird Management. So hat heute zum Beispiel der öffentliche Dienst in ökonomischem Sinne effizient zu sein. Einst war es hingegen auch öffentliche Ausgabe durch die Schaffung von guten Arbeitsplätzen Wirtschaft und Arbeitsmarkt zu beeinflussen.

Eine unmittelbare Folge dieser neoliberalen Ökonomisierung von Politik ist politische Alternativlosigkeit.

Einige Beispiele: den öffentlichen Dienst zu verkleinern, gilt heute weiterhin als Ausweis erfolgreicher Politik. Die Frage nach den gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen folgen dessen wird hingegen nicht mehr gestellt. Hochschulen werden in immer gleichen Rankings an den immer gleichen Kriterien Arbeitsmarktchancen und Veröffentlichungen des Lehrpersonals gemessen. Die Frage nach den Lehrinhalten wird dann zweitrangig. Aus Vielfalt der Lehre wird Einfalt. Und als Wirtschaftskompetenz der Parteien gilt einzig, möglichst Marktfreundlich und Unternehmensnah zu sein. Die Frage nach anderen marktkritscherischen Politikkonzepten hat sich erledigt. Wenn Alternativen aber auf diese weise undenkbar werden, dann ist von Politik im Grunde nicht mehr zu sprechen. Von Demokratie aber schon gar nicht, beruht diese doch notwendig auf dem Streit um bessere politische Alternativen.«29

Als »Humankapital« hat der Mensch sich um seine eigenen Probleme, für die er nun mehr ganz verantwortlich ist, zu kümmern, stellt keine politischen, demokratischen Forderungen, instrumentalisiert sich für sich selbst und den Staat – und all das ganz freiwillig.

Die neoliberale Politik verändere von uns unbemerkt unsere Wertmaßstäbe, die sich nur noch am Markt bemessen.

»Neoliberale Ökonomisierung und ein Selbstverständnis als Humankapital führen auf diese Weise zur Entpolitisierung von Menschen und Gesellschaften, so Brown.«30

Hier kommt auch wieder die oben erwähnte Abschottungsmentalität zu tragen: Die Menschen wollen die Konsequenzen der jahrzehntelangen rücksichtslosen Außen- und Wirtschaftspolitik des Westens nicht tragen und legen deshalb ihr Vertrauen in die Hände von reaktionären Vollpfosten, die schnelle Lösungen versprechen, zum Beispiel Mauern bauen und Grenzen sichern, um sich ihr Idyll so lange wie möglich vorgaukeln zu können. »In den Zeiten der Globalisierung repräsentieren [sie] die Sehnsucht, Ängste und Verunsicherungen bestimmter Bevölkerungsteile auf ein imaginäres Außen zu lenken: Auf Migranten, Terroristen und Drogenschmuggler. Mauern liefern somit das, was Heidegger ein »beruhigendes Weltbild« nannte, ein sichtbares Emblem der Einkapselung.«31 Statt Hart-IV-Empfänger als Feindbild dient heute der Flüchtling. Der erschreckende Zustand des deutschen Sozialstaats wird überschattet von einem greifbareren Sündenbock.

Zu Punkt 3: individueller Geschmack eingeschränkt durch kulturelle Verbote

»Kultur ist Kapital. […] Das moderne Unternehmen ist ein Kulturunternehmen, der zeitgenössische Kapitalismus, nach einem Wort von Jeremy Rifkin, ein „Kulturkapitalismus“. Es würde schon zu kurz greifen, zu formulieren: Das Image ist so bedeutend wie der Gebrauchswert einer Ware. Denn oft ist das Image der eigentliche Gebrauchswert. Design ist nicht nur Reklame, die den Verkauf befördern soll, das Design ist das eigentliche Produkt. „Was wir auf dem Markt kaufen“, schreibt Slavoj Žižek, „sind immer weniger Produkte und immer mehr Lebenserfahrungen wie Essen, Kommunikation, Kulturkonsum, Teilhabe an einem bestimmten Lebensstil.“32

Von Verboten kann man zwar nicht sprechen, wohl aber von Manipulation, oder, euphemistisch, Werbung. Werbung kreiert und kontrolliert somit Bedürfnisse.

Das heutige Individualitätsdiktat ist aber ein geheucheltes, denn im Neoliberalismus ist nur die Individualität toleriert, die sich auch verkaufen lässt: was den Geschmack von Filmen, Musik, Kunst, Freizeitaktivitäten und Essen angeht – Lifestyleprodukte eben. »Lifestyle« ist ein kapitalistisches Konzept, das dazu ermutigt, bzw. zwingt, bestimmte Produkte zu kaufen, die dann als Eintrittskarte für ein bestimmtes soziales oder Arbeitsumfeld fungieren. Die neuen Werbeträger »Influencer« dienen dazu, die Schwächen der Werbung zu kompensieren und schließen die Lücke zwischen Kühle, Unnahbarkeit und Einheitsbrei. Indem sie sich als besonders individuell, authentisch, aber zielstrebig darstellen, verkörpern sie in Perfektion das Diktat des Neoliberalismus, das Schreiber entwickelt hat (s.o.): Die alternativlos erscheinenden Arbeitsumstände nicht nur akzeptieren, sondern verinnerlichen, statt den Fehler im System zu suchen, Selbstoptimierung und Selbstdarstellung (also Vermarktung ihres Humankapitals) betreiben und möglichst viel Freunde dabei haben – natürlich indem sie bestimmte Produkte konsumieren.

Die Etablierung dieser Dynamik führt zur Exklusion derjenigen, die sich dieser Konsummentalität entziehen. Sie erfahren Ausgrenzung und Benachteiligung in sozialen und geschäftlichen Bereichen. Wenn man nicht die neuesten Adidas hat, nicht exotische oder abenteuerliche Reiseorte wählt, wenn man kein iPhone besitzt, wenn man Whatsapp und Facebook boykottiert, dann gilt man als »alternativ«, technik- und fortschrittsfeindlich und insgesamt als weltfremd.

»Eine Gesellschaft, die von einer solchen atomistischen und instrumentalistischen Mentalität geprägt ist, trägt wesentlich zu einer „seichten Erscheinungsform der Authentizität“33.1 bei. Die Folge ist, „(…) dass die Praktiken, die die moderne Identität angeblich verkörpern, in Wirklichkeit zu einem gewissen Verlust dieser Identität führen (…).“ 33.2 Eine angemessene Vorstellung von Authentizität würde dementgegen eine intersubjektive Basis voraussetzen.

So kommt es dazu, „(…) dass wir aufgrund der Verrücktheit dieser Gesellschaft Dinge tun, für die wir uns nie entscheiden würden, wenn wir daran gingen, bewusst zu handeln.33.3“«33

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Quellen:

1 Taylor, Charles: Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus, Erste Auflage, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1992, S.175

2 Schreiber, Patrick, Warum Menschen sowas mitmachen – Achtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neoliberalismus, PapyRossa Verlag, Köln 2017, S.11

3 ebd. S.11/12 Zur Geschichte des Neoliberalismus: »Die Sozial-, Wirtschafts- und Finanzpolitik nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 war der heutigen durchaus ähnlich: Sie war in vielen Ländern marktextremistisch. Die Regierungen sagen es lediglich als ihre Aufgaben an, Löhne und Staatsausgaben zu bremsen oder zu sendken. Ansonsten ließen sie den Märkten weitgehend freien Lauf. Der Markt wisse es besser, er werde es schon richten. Es herrschte ein übersteigerter, gedankenloser Kapitalismus. Diese Politik führte in den 1920er und 1930er Jahren weltweit zu gravierenden wirtschaftlichen Krisen, zu sozialen Verwerfungen, Verelendung, Arbeitslosigkeit und Armut.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schienen die Regierungen in den westlichen Industriestaaten zunächst daraus gelernt zu haben: Sie setzten den Märkten striktere Grenzen, bauten die soziale Sicherung aus, machten den Staat zu einem wichtigen wirtschaftspolitischen Akteur und stärkten die Rechte von ArbeitsnehmerInnen.

Seit den späten 1970er und 1980er Jahren aber dominierte wieder ein marktextremistischer Kapitalismus. Radikale wirtschaftsliberale Vorstellungen fanden erneut weite Verbreitung, nun unter der Bezeichnung »Neoliberalismus«. Zunächst waren es Militärdiktaturen in Asien und Lateinamerika, die eine solche neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik betrieben. In den 1980er Jahren folgten konservative Parteien und Regierungen in westlichen Demokratien. Internationale Organisationen, allen voran der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank begannen, Entwicklungsländer auf neoliberalen Kurs zu zwingen. In den 1990er Jahren schließlich wurde auch die Sozialdemokratie neoliberal.[…]Die Märkte sollen aus neoliberaler Sicht möglichst frei von Regulierung sein. Regeln und Begrenzungen sollen auf ein Minimum zurpckgeführt werden. Internationale Freihandelsverträge haben sich zu einem wesentlichen Instrument entwickelt, um eine entsprechende Deregulierungen voranzutreiben. Den Finanzmärkten kommt dabei eine besondere Bedeutung zu; insbesondere der grenzüberschreitend freie Kapitalverkehr steht ganz oben auf der neoliberalen Agenda. Wer üblicherweise als »Globalisierung« bezeichnet wird, beruht im Kern auf dieser Politik des internationalen Abbaus von staatlichen Regulierungen und Standards.«

4 Berlin, Isaiah, Freiheit. Vier Versuche, Frankfurt/Main, 2006, S. 197-256.

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Grundrechte_(Deutschland)

6 http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/27534, S. 14

7 vgl. Taylor 1992: S.175

8 ebd.

9 ebd,

10 ebd.

11 ebd, S.176

12 ebd.

13 https://d-64.org/prinzip-freiheit-in-der-digitalen-gesellschaft/

14 Verflechtungen deutscher Fernsehsender Harald Rau, Chris Hennecke: Geordnete Verhältnisse?! – Verflechtungsstrukturen deutscher TV-Sender, Baden-Baden 2016 (siehe auch den ergänzenden Faktencheck „Verflechtungen“)

https://www.zdf.de/assets/faktencheck-22-mai-100~original?cb=1529304803993

15 http://www.bpb.de/143259/senderfamilien-und-medienkonzentration

16 https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwi51ueE67zcAhUEEVAKHWgHDm0QFjAAegQIABAB&url=https%3A%2F%2Fwww.zdf.de%2Fcomedy%2Fdie-anstalt%2Ffakten-im-check-der-anstalt-118.html&usg=AOvVaw1r8UdJ4j2hWwxf859OnOId

Der Medienforscher Röper geht davon aus, dass inzwischen 70 Prozent der Bevölkerung nur auf eine Lokalzeitung zurückgreifen kann bzw., wo es vielleicht mehrere Zeitungen gibt aber mit identischen Lokalteilen Schon in der konservativeren Zählweise des Zeitungsforschers Schütz von 2012, der schon eine Pressevielfalt veranschlagte wenn es mehrere Zeitungen auch mit identischen Lokalteilen gab, waren die Zahlen sehr hoch: 236 Kreisfreien Städten oder Kreisen (58,7 Prozent) mit einer Monopolzeitung stehen 166 Städte/Kreise (= 41,3 % aller Kreise) mit einer Zeitungsdichte von 2 und mehr gegenüber. Bezogen auf die Einwohner ist der Anteil eher umgekehrt: 56 Prozent der Bevölkerung können zumindest zwischen zwei lokal berichtenden Zeitungen wählen. 44 Prozent aller Einwohner im Bundesgebiet haben keinerlei Auswahl und sind auf eine einzelne lokal orientierte Zeitung angewiesen.

http://www.das-parlament.de/2009/31/Themenausgabe/25272149/301864

http://www.taz.de/!774432/

17 https://www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste/2018/

18 Pörksen, Bernhard, Interview: »Die gereizte Gesellschaft«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Horizonte: Dialog

19 https://www.zeit.de/2017/34/algorithmen-filterblase-meinungen-selbstbetrug

20 https://de.wikipedia.org/wiki/Filterblase

21 Pörksen, Bernhard, Interview: »Die gereizte Gesellschaft«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Horizonte: Dialog

22 Bleisch, Barbara, Ihre Frage, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018

23 vgl. Schreiber 2017: S.14

24 ebd. S.15

25 ebd. S.18

26 ebd. S.19

27 https://www.bpb.de/apuz/33565/postdemokratie-und-die-zunehmende-entpolitisierung-essay?p=all

28 vgl. Schreiber 2917: (S.76)

29 ebd. S.78

30 ebd. S.79

31 Brown, Wendy, »Souveränität ist eine Fiktion«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Zeitgeist: Analyse

32 http://www.bpb.de/apuz/198387/lifestyle-kapitalismus?p=all

33 http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/27534, S.

→ 33.1 Taylor, Unbehagen, S.134

→ 33.2 Taylor, Legitimationskrise?, S. 292, kursive Hervorhebung von F.S.

→ 33.3 Taylor, Legitimationskrise?, S. 239, kursive Hervorhebung von F.S

Ein Plädoyer für die Unvernunft oder die YOLO-Falle

Eigentlich will man es ja anders machen, aber nicht heute, sondern vielleicht morgen, oder doch lieber übermorgen!

Im Grunde weiß man ungefähr, was gut und schlecht, richtig und falsch ist. Aber scheiß drauf, heute gönne ich mir diese Scheibe Schinken, auch wenn ich weiß, dass Fleischkonsum für die Umwelt und die betroffenen Tiere schlecht ist. Und Zigaretten – eine ist wie keine! Ein Glas Wein am Abend macht mich noch nicht zur Alkoholikerin und hin und wieder einen über den Durst auch nicht! Und dieser Flug war echt billiger als eine Zugfahrt! Und heute belohne ich mich mit dieser Tasche, bei deren Kauf ich weiß, dass ich ein Unternehmen unterstütze, das auf die Rechte seiner Angestellten scheißt. Und ohne Amazon hätte ich an Weihnachten schon so oft die Sympathien meiner Familie verspielt … Das Credo: Man gönnt sich ja sonst nichts!

Konsumieren, als gäbe es kein morgen !

Es ist insgesamt sehr schwierig, unseren westlichen Lifestyle mit einer nachhaltigen, bewussten Existenz zu vereinbaren – das Mantra YOLO verhindert es (für Leute, die vor 1999 geboren sind: You Only Live Once). So rechtfertigen Jugendliche und junge Erwachsene ihren verschwenderischen Lebensstil. Aber am Morgen kommt immer der Kater, immer das böse Erwachen, und immer der Tag der Abrechnung! Und nicht nur man selbst hat einen Kater, auch die Umwelt, mein Konto, die dritte Welt und meine Kinder und Enkelkinder.

Aber der Mensch ist so gut darin, Ausreden zu finden, um diese kognitiven Dissonanzen (=wenn innere Einstellung und tatsächliche Handlung sich widersprechen) aus dem Weg zu räumen. Wir betreiben kognitiven Dissonanzausgleich, mit anderen Worten: wir reden uns die Welt schön! Oder machen sie uns, wiesie wiesie wiesie uns gefällt. Studien zufolge ist das sogar unabdingbar für unsere körperliche und geistige Gesundheit, da wir so oft widersprüchlich handeln, dass wir eingehen würden, könnten wir uns nicht immer wieder neue  Ausreden und Rechtfertigungen dafür zusammenbasteln.

Ich weiß, dass Rauchen schlecht für meine Gesundheit ist und tue es trotzdem.
Ich weiß, dass Fleischkonsum aus mehreren Gründen Scheiße ist und tue es trotzdem.
Ich weiß, dass ich mehr Dinge kaufe, als ich brauche und somit das Kapital von Unternehmen fördere, die ihre Mitarbeiter aufs Übelste ausbeuten und somit ein System fördere, dass ich nicht gut finde.
Ich weiß, dass Fliegen schlecht für die Umwelt ist und wähle trotzdem aus Bequemlichkeit diesen Transportweg.
Ich weiß, dass dieses Dessert meine Diät zunichte macht, trotzdem esse ich es mit Genuss.
Ich weiß, dass die Gala Schund ist, aber liebe es, sie heimlich im Wartezimmer zu lesen.
Ich weiß, dass ich besser daran täte, an meiner Hausarbeit zu schreiben, als die fünfte Folge ‚Stranger Things‘ an diesem Tag anzuschauen, und tue es trotzdem.

Die Gewichtung dieser Beispiele ist sehr unterschiedlich. Dennoch illustriert es ziemlich geil das, was ich aufzeigen möchte: unseren Trotz gegenüber der Rationalität. Ja, es ist Trotz!

Negativ formuliert könnte man auch sagen, man scheiße auf die Fakten. Man trotze der Wirklichkeit, was einer Ablehnung von Verantwortung gleichkommt. Oder man könnte weiter gehen und sagen, man boykottiere die menschlichste menschliche Eigenheit, nämlich die Vernunft, und verleugne somit das Wesen des Menschen selbst! Man bekenne sich als Tier, das blind nach Affekten handelt, das nur reagiert statt reflektiert bewusst zu agieren! Als Sklaven momentaner Launen, Triebe, Gelüste!

Positiv könnte man sagen, man befreie sich aus den Zwängen der Rationalität, die nicht die einzige Komponente unserer Realität sein kann! Es sei eine Rebellion, eine Emanzipation aus dem Diktat der Zwecke*. Man entscheide zwar nicht, aber man erlaube sich bewusst, spontan und impulsiv handeln zu dürfen! Undiszipliniert, emotional sein zu dürfen! Man weiß zwar, dass es nicht richtig ist, aber man macht es trotzdem, weil es schön ist und man ein Mensch ist, für den die Rationalität nur eines neben anderen Kriterien für eine Handlungsweise ist.

Und ich glaube ferner, dass es diese zwei Moods in uns gibt: es gibt einerseits den Vernunft-Mood und andererseits den Unvernunft-Mood. Diese sind sowohl Modus als auch mood (Laune, Stimmung). Wenn wir demnach in dem Unvernunft-Mood sind, sind alle unsere guten Vorsätze dahin, wenn wir diese eine wunderschöne Tasche sehen oder der Duft von Omas Apfelstrudel in unsere Nase dringt. Wenn man in diesem Mood ist, kann man einfach nicht vernünftig denken, das ist per definitionem bereits von vorneherein ausgeschlossen! Ein Eingreifen in diesem Stadium ist also nicht von Erfolg gekrönt. Denn offenbar ist es ja egal, was man sich vornimmt oder nicht, wenn man ohnehin nicht anders handeln kann, denn anscheinend kommt es eher darauf an, ob man in einer Situation überhaupt vernünftig sein und denken wird oder nicht. Mit anderen Worten: Eine unvernünftige Situation schließt vernünftiges Handeln aus. Klingt logisch.

Wie also könnte man doch irgendwie die Rationalität zu Wort und Tat kommen lassen, wenn man schon die jeweiligen Moods nicht beeinflussen kann?

Na ja, einmal könnte man versuchen, Umwege um genau solche Situationen zu bauen, um zu verhindern, überhaupt in sie zu gelangen. Also zum Beispiel absichtlich nicht in Kleidungsgeschäfte oder Kneipen gehen, Freunden und Eltern sagen, dass sie einem nichts Süßes einstecken sollen, selbst nichts Süßes kaufen, keine Kippen kaufen, die Verkäufer in der Umgebung überreden, einem nichts mehr zu verkaufen, keine Werbung mehr schauen, dem Partner die Vollmacht über die Kreditkarte geben, zu Hause bleiben, den Strom abschalten, das Smartphone das Klo runterspülen.
Nun, dann hat man die Verantwortung aber lediglich abgegeben. Man hat es anderen Menschen und Umständen überlassen und sich somit jegliche Mündigkeit völlig abgesprochen. Aber das ist eine Möglichkeit. Allerdings wäre man dann nicht mehr als ein Kind. Oder ein Hund.

Man könnte sich, als erwachsener Mensch, die Leine auch selbst anlegen. Das ist keineswegs kinky, sondern der Inbegriff von vernünftig und die Alternative zur Einbußung von Mündigkeit, Selbstrespekt und Lebensqualität. Und da man die Unvernunft keineswegs zähmen kann, da sie sonst ungestüm und unberechenbar würde, muss man es auf einem ganz anderen Weg versuchen, nämlich einem Kompromiss.

Man muss es sich leisten können, unvernünftig zu sein.

Damit ist gemeint: Man sollte der Unvernunft einen gewissen Spielraum zugestehen, und zwar insoweit, als dass sie einerseits ein nachhaltiges Leben nicht maßgeblich beeinträchtigt und andererseits nichts an ihrem ihr innewohnenden Zauber des Trotzes einbüßt. Was man als Mensch also tun kann, ist, dafür zu sorgen, dass man immer nur dann unvernünftig ist, wenn man es sich leisten kann.

Damit die Zahlen unter dem Nachhaltigkeitskonto nicht ins Minus gehen, muss man dafür sorgen, dass man zuvor ordentlich im Plus liegt, oder es sich zumindest die Waage hält. Also dafür sorgen, dass es nicht der Tropfen auf dem vor Lastern überlaufenden Fass ist, wenn man ein Stück Kuchen, eine Zigarette, ein teures Paar Schuhe oder eine Reise nach Neuseeland genießt.

Wir müssen erreichen, dass die Voraussetzungen stimmen, damit wir uns eine Abweichung von der Norm erlauben können. Und diese ist individuell und je nach Standpunkt verschieden – ökonomisch, ökologisch, moralisch, sozial – je nach eigenem ermessenen Maßstab; aber das Ziel ist ja, diesen Maßstab zu halten und nicht ständig, je nach Lust und Laune zu verschieben. Denn weicht man ständig ab, ist die Norm keine Norm mehr, sondern die Abweichung die Norm wäre die Abweichung.

Aber diese Formel hört sich echt nicht übel an: Je öfter man vernünftig ist, desto öfter kann man auch unvernünftig sein.

Und ein durch und durch vernünftiges Leben wäre doch furchtbar langweilig. Ein gewisser Grad an Unvernunft macht das Leben nicht nur besser, sondern lustiger und freier. Man wirft die Zwänge der Vernunft für einen Moment ab und handelt emotional. Auch das ist Menschsein – nicht nur ratio und nicht nur emotio, sondern beides.

Also, investiert in eure Vernunft, damit eure Unvernunft wachsen kann!