Ein Plädoyer für die Unvernunft oder die YOLO-Falle

Eigentlich will man es ja anders machen, aber nicht heute, sondern vielleicht morgen, oder doch lieber übermorgen!

Im Grunde weiß man ungefähr, was gut und schlecht, richtig und falsch ist. Aber scheiß drauf, heute gönne ich mir diese Scheibe Schinken, auch wenn ich weiß, dass Fleischkonsum für die Umwelt und die betroffenen Tiere schlecht ist. Und Zigaretten – eine ist wie keine! Ein Glas Wein am Abend macht mich noch nicht zur Alkoholikerin und hin und wieder einen über den Durst auch nicht! Und dieser Flug war echt billiger als eine Zugfahrt! Und heute belohne ich mich mit dieser Tasche, bei deren Kauf ich weiß, dass ich ein Unternehmen unterstütze, das auf die Rechte seiner Angestellten scheißt. Und ohne Amazon hätte ich an Weihnachten schon so oft die Sympathien meiner Familie verspielt … Das Credo: Man gönnt sich ja sonst nichts!

Konsumieren, als gäbe es kein morgen !

Es ist insgesamt sehr schwierig, unseren westlichen Lifestyle mit einer nachhaltigen, bewussten Existenz zu vereinbaren – das Mantra YOLO verhindert es (für Leute, die vor 1999 geboren sind: You Only Live Once). So rechtfertigen Jugendliche und junge Erwachsene ihren verschwenderischen Lebensstil. Aber am Morgen kommt immer der Kater, immer das böse Erwachen, und immer der Tag der Abrechnung! Und nicht nur man selbst hat einen Kater, auch die Umwelt, mein Konto, die dritte Welt und meine Kinder und Enkelkinder.

Aber der Mensch ist so gut darin, Ausreden zu finden, um diese kognitiven Dissonanzen (=wenn innere Einstellung und tatsächliche Handlung sich widersprechen) aus dem Weg zu räumen. Wir betreiben kognitiven Dissonanzausgleich, mit anderen Worten: wir reden uns die Welt schön! Oder machen sie uns, wiesie wiesie wiesie uns gefällt. Studien zufolge ist das sogar unabdingbar für unsere körperliche und geistige Gesundheit, da wir so oft widersprüchlich handeln, dass wir eingehen würden, könnten wir uns nicht immer wieder neue  Ausreden und Rechtfertigungen dafür zusammenbasteln.

Ich weiß, dass Rauchen schlecht für meine Gesundheit ist und tue es trotzdem.
Ich weiß, dass Fleischkonsum aus mehreren Gründen Scheiße ist und tue es trotzdem.
Ich weiß, dass ich mehr Dinge kaufe, als ich brauche und somit das Kapital von Unternehmen fördere, die ihre Mitarbeiter aufs Übelste ausbeuten und somit ein System fördere, dass ich nicht gut finde.
Ich weiß, dass Fliegen schlecht für die Umwelt ist und wähle trotzdem aus Bequemlichkeit diesen Transportweg.
Ich weiß, dass dieses Dessert meine Diät zunichte macht, trotzdem esse ich es mit Genuss.
Ich weiß, dass die Gala Schund ist, aber liebe es, sie heimlich im Wartezimmer zu lesen.
Ich weiß, dass ich besser daran täte, an meiner Hausarbeit zu schreiben, als die fünfte Folge ‚Stranger Things‘ an diesem Tag anzuschauen, und tue es trotzdem.

Die Gewichtung dieser Beispiele ist sehr unterschiedlich. Dennoch illustriert es ziemlich geil das, was ich aufzeigen möchte: unseren Trotz gegenüber der Rationalität. Ja, es ist Trotz!

Negativ formuliert könnte man auch sagen, man scheiße auf die Fakten. Man trotze der Wirklichkeit, was einer Ablehnung von Verantwortung gleichkommt. Oder man könnte weiter gehen und sagen, man boykottiere die menschlichste menschliche Eigenheit, nämlich die Vernunft, und verleugne somit das Wesen des Menschen selbst! Man bekenne sich als Tier, das blind nach Affekten handelt, das nur reagiert statt reflektiert bewusst zu agieren! Als Sklaven momentaner Launen, Triebe, Gelüste!

Positiv könnte man sagen, man befreie sich aus den Zwängen der Rationalität, die nicht die einzige Komponente unserer Realität sein kann! Es sei eine Rebellion, eine Emanzipation aus dem Diktat der Zwecke*. Man entscheide zwar nicht, aber man erlaube sich bewusst, spontan und impulsiv handeln zu dürfen! Undiszipliniert, emotional sein zu dürfen! Man weiß zwar, dass es nicht richtig ist, aber man macht es trotzdem, weil es schön ist und man ein Mensch ist, für den die Rationalität nur eines neben anderen Kriterien für eine Handlungsweise ist.

Und ich glaube ferner, dass es diese zwei Moods in uns gibt: es gibt einerseits den Vernunft-Mood und andererseits den Unvernunft-Mood. Diese sind sowohl Modus als auch mood (Laune, Stimmung). Wenn wir demnach in dem Unvernunft-Mood sind, sind alle unsere guten Vorsätze dahin, wenn wir diese eine wunderschöne Tasche sehen oder der Duft von Omas Apfelstrudel in unsere Nase dringt. Wenn man in diesem Mood ist, kann man einfach nicht vernünftig denken, das ist per definitionem bereits von vorneherein ausgeschlossen! Ein Eingreifen in diesem Stadium ist also nicht von Erfolg gekrönt. Denn offenbar ist es ja egal, was man sich vornimmt oder nicht, wenn man ohnehin nicht anders handeln kann, denn anscheinend kommt es eher darauf an, ob man in einer Situation überhaupt vernünftig sein und denken wird oder nicht. Mit anderen Worten: Eine unvernünftige Situation schließt vernünftiges Handeln aus. Klingt logisch.

Wie also könnte man doch irgendwie die Rationalität zu Wort und Tat kommen lassen, wenn man schon die jeweiligen Moods nicht beeinflussen kann?

Na ja, einmal könnte man versuchen, Umwege um genau solche Situationen zu bauen, um zu verhindern, überhaupt in sie zu gelangen. Also zum Beispiel absichtlich nicht in Kleidungsgeschäfte oder Kneipen gehen, Freunden und Eltern sagen, dass sie einem nichts Süßes einstecken sollen, selbst nichts Süßes kaufen, keine Kippen kaufen, die Verkäufer in der Umgebung überreden, einem nichts mehr zu verkaufen, keine Werbung mehr schauen, dem Partner die Vollmacht über die Kreditkarte geben, zu Hause bleiben, den Strom abschalten, das Smartphone das Klo runterspülen.
Nun, dann hat man die Verantwortung aber lediglich abgegeben. Man hat es anderen Menschen und Umständen überlassen und sich somit jegliche Mündigkeit völlig abgesprochen. Aber das ist eine Möglichkeit. Allerdings wäre man dann nicht mehr als ein Kind. Oder ein Hund.

Man könnte sich, als erwachsener Mensch, die Leine auch selbst anlegen. Das ist keineswegs kinky, sondern der Inbegriff von vernünftig und die Alternative zur Einbußung von Mündigkeit, Selbstrespekt und Lebensqualität. Und da man die Unvernunft keineswegs zähmen kann, da sie sonst ungestüm und unberechenbar würde, muss man es auf einem ganz anderen Weg versuchen, nämlich einem Kompromiss.

Man muss es sich leisten können, unvernünftig zu sein.

Damit ist gemeint: Man sollte der Unvernunft einen gewissen Spielraum zugestehen, und zwar insoweit, als dass sie einerseits ein nachhaltiges Leben nicht maßgeblich beeinträchtigt und andererseits nichts an ihrem ihr innewohnenden Zauber des Trotzes einbüßt. Was man als Mensch also tun kann, ist, dafür zu sorgen, dass man immer nur dann unvernünftig ist, wenn man es sich leisten kann.

Damit die Zahlen unter dem Nachhaltigkeitskonto nicht ins Minus gehen, muss man dafür sorgen, dass man zuvor ordentlich im Plus liegt, oder es sich zumindest die Waage hält. Also dafür sorgen, dass es nicht der Tropfen auf dem vor Lastern überlaufenden Fass ist, wenn man ein Stück Kuchen, eine Zigarette, ein teures Paar Schuhe oder eine Reise nach Neuseeland genießt.

Wir müssen erreichen, dass die Voraussetzungen stimmen, damit wir uns eine Abweichung von der Norm erlauben können. Und diese ist individuell und je nach Standpunkt verschieden – ökonomisch, ökologisch, moralisch, sozial – je nach eigenem ermessenen Maßstab; aber das Ziel ist ja, diesen Maßstab zu halten und nicht ständig, je nach Lust und Laune zu verschieben. Denn weicht man ständig ab, ist die Norm keine Norm mehr, sondern die Abweichung die Norm wäre die Abweichung.

Aber diese Formel hört sich echt nicht übel an: Je öfter man vernünftig ist, desto öfter kann man auch unvernünftig sein.

Und ein durch und durch vernünftiges Leben wäre doch furchtbar langweilig. Ein gewisser Grad an Unvernunft macht das Leben nicht nur besser, sondern lustiger und freier. Man wirft die Zwänge der Vernunft für einen Moment ab und handelt emotional. Auch das ist Menschsein – nicht nur ratio und nicht nur emotio, sondern beides.

Also, investiert in eure Vernunft, damit eure Unvernunft wachsen kann!

Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört, Episode I

Es war einmal vor langer Zeit, da mein Bruder mich darauf hinwies, dass Blogeinträge möglichst kurz sein sollten, weil sie potentielle Leser sonst abschrecken. Darum poste ich die verschiedenen Teile dieses Artikels in Abständen. Außerdem ist es strategisch auch besonders schlau, da ihr dann vielleicht öfter hier vorbeischaut, um zu sehen, ob Teil 2 (3, 100, wer weiß?) schon draußen ist. Und ich habe somit vielleicht die Möglichkeit, euch durch das Abwarten so sehr auf die Folter zu spannen, dass ihr die literarischen Mängel vor lauter Freude eher überseht. Natürlich müsste Teil 1 dafür aber erst mal gut sein. Ohje, na gut, fangen wir an.

Star Wars IV ist ein Märchen, das im Weltraum spielt und der Genredefinition nach nicht Sciene-Fiction ist. Das Wort „science“ bedeutet übersetzt Naturwissenschaft und folglich muss die Science-Fiction zumindest teilweise einen realistischen Blick in Richtung technologischer Entwicklung auf Grundlage gegenwärtiger wissenschaftlicher Erkenntnisse geben, ebenso mit Berücksichtigung der tatsächlichen physikalischen Welt.*
Star Wars scheißt deutlich auf die Physik. Und um das zu unterstreichen, kündigt es schon vor dem Titel an, „in einer weit weit entfernten Galaxis“* zu spielen. Es wird nicht erklärt, warum die Figuren auf den Raumschiffen nicht durch die Gegend schweben, übergangen oder zumindest verschleiert wird die tatsächliche Beschaffenheit des Lichtschwerts/Laserschwerts (oder ist es Plasma? (Hubert:2006)), auch kann Masse einfach auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden, es gibt Überlichtgeschwindigkeit, es gibt offenbar keine Zeitdilatation und so weiter. Wenn euch die Begriffe nichts sagen, gebt’s bei Google ein, es soll in diesem Artikel nicht meine Aufgabe sein, euch das zu erklären und ich verschwende lieber Zeilen damit, euch zu erklären, dass ich es euch nicht erklären will, anstatt es euch zu erklären.
Diese „science“ ist übrigens auch der große Unterschied zwischen Star Wars und Star Trek. Wer hat es nicht schon immer wissen wollen, warum diese verfeindeten Lager sich gegenseitig zerfleischen? Aber es ist doch wohl eher eine Gefühlssache, was man lieber mag. Ich zumindest fühle mich nicht allzu mies, mich auf der Seite der der Realität galaxieentfernten Träumer und Utopisten wiederzufinden. Sie sind vielleicht nicht unbedingt die Vordenker, aber die Andersdenker, aber wer sagt, dass das eine besser als das andere ist?

Der „Kieg der Sterne“ ist wie eine klassische Märchenerzählung oder wie ein Heldenepos aufgebaut.* Der anfangs noch naive und unschlüssige Luke Skywalker muss wie Odysseus, Herakles oder Achilles, verschiedene Aufgaben bewältigen und unterschiedlichen Gegnern entgegentreten, was unmittelbar zu seinem Reifeprozess beiträgt. Der klassisch männliche Held befreit die Prinzessin (nicht ganz so in Nöten: Leia) aus der schwarzen Festung oder Burg (dem Todesstern); auf seiner Reise begegnet er allerlei kuriosen Geschöpfen, neuen Freundschaften und Mentoren, was einerseits dazu beiträgt, seinen Welthorizont zu erweitern und ihn andererseits auch auf seine Endaufgabe vorbereitet, die darin besteht, sich schließlich seinem Endgegner zu stellen, was faktisch aber erst in Episode V geschieht.

Während die älteste Trilogie (Episode IV, V und VI) noch die positiv verlaufende Entwicklung des Protagonisten Luke Skywalkers verfolgt, sieht man in den sogenannten und von Fans sehr kritisierten Prequels (1999-2005) den negativen Ausgang einer Entwicklung, den Verfall, des Anakin Skywalkers, Lukes Vater und Darth Vader.
Nun wirken diese so umstrittenen Prequels natürlich wie unermesslich originelle und wertvolle, aus dem Star Wars-Universum nicht mehr wegzudenkende Schätze, im Vergleich zu dem Schund, den uns Disney seit 2015 unterzujubeln versucht.

Endlich die Kritik!

Getarnt unter dem Titel „Star Wars“, angeheizt durch ein Merchandising, das Vorangegangenes weit in den Schatten stellt, verstecken sich die Filmproduzenten hinter geheuchelter Nostalgie, die vor allem darin zum Vorschein kommt, dass sie uns bekannte Artefakte aus dem Universum selbstgefällig und breittretend einleitet. Zum Beispiel mit betonter Beiläufigkeit, die niemanden täuscht, wenn Rey und Finn zum Millenium Falken rennen und wir – die Zuschauer – die „Schrottmühle“ zum ersten Mal seit 1983 (“ Die Rückkehr der Jedi-Ritter“) wieder sehen – heißt, sie orientieren sich (entlarvend!) nicht etwa an der von George Lucas‘ vorgesehenen Chronologie der Episoden, sondern an der empirischen Realität der „Erscheinungsdaten“. Das heißt auch, dass sie dem Zuschauer mehr Respekt zollen, als der Saga (obwohl sie hier zwei Fliegen mit einer Klappe hätten schlagen können, da man Fans ja meistens dann glücklich macht, indem man die Saga respektiert). Aber hätten sie dasselbe mit, sagen wir, einem Podrenner oder irgendeinem anderen Artefakt der Prequels gemacht, die uns zeitlich ja näher sind, hätte das einfach nur lächerlich gewirkt. Nach vierzig Jahren und nach dem Feedback: „Die Originaltrilogie war die beste“ lebt sichs sicher und gut, die Zuschauer mit ihrer Nostalgie zu überführen, um die lahme Story zu verstecken. Selbes gilt für den melodramatischen ersten Auftritt von Han und Chewie: „Chewie, wir sind zu Hause“ (und alles so: aawww!) – Ew! Ein echter Star Wars hätte so eine Gesäusel nicht nötig gehabt. Umso mehr hat es Episode VII sehr wohl nötig, sich hinter den „alten“ (also bewährten) Dingen zu verstecken und heimst lieber ein bisschen vom Ruhm anderer ein, anstatt sich etwas Neues cooles einfallen zu lassen. Wer sagt denn, dass alles, was nicht George Lucas geschaffen hat, nicht auch Star Wars sein kann? Ich habe Fan Fictions gelesen (ja, und?!) die mehr Star Wars waren als diese neuen Filme!

Augenzwinkernd wurde uns auch eine neue Version der Kantina-Szene aus Episode IV angeboten. Nur halt – scheiße. Wirklich neu war der Todestern-Planet auch nicht. Naja, machen wir mit den tollen Charakteren weiter.

Ich weiß nicht, woran’s liegt aber irgendwie kommen diese lieblos entwickelten Figuren einfach nicht aus ihren Stereotypen raus – Rey. Finn. Poe. Kontrastlos stehen sie da, eine Prise Han Solo hier, einen Hauch Padme (die Frisur!) dort. Aber: Diversity! Hier gilt das Rezept des heutigen Populärkinos: wenn man aus kommerziellen Gründen auf den Feminismus- und ethnic-diversity-Trend aufspringt, lässt sich das als so vorbildliches ideologisches Statement auslegen, dass man sich interessante Charaktere sparen kann! Und außerdem: so modern sind sie doch gar nicht, oder? Rey ist die weibliche Version des ebenso machtbegabten und technisch versierten Luke und Poe Dameron ist durch seine Schlagfertigkeit mit dem Niveau eines Klassenclowns der Unterstufe („So who talks first? I talk first? You talk first?“) einfach ein weiterer guter böser Bub! Das einzig interessante und neue hinsichtlich seines Charakters kam von Seiten der Fans, ein Hype um eine mögliche romantische Beziehung zwischen ihm und Finn, die durch zweideutige Kamerawinkel und einen eindeutigen Blick Poes befeuert wurde. Hier hätte Disney Stärke zeigen können, um zum ersten Mal ein homosexuelles Paar in dem größten Film-Franchise der Welt zu integrieren, wenn sie schon so viel wert auf Fan-Feedback legen. Aber wahrscheinlich fürchtete man Einspielverluste in China und Russland. Schwach, Disney. Fortschritt ist anscheinend nur dann erstrebenswert, wenn es sich finanziell lohnt. Dahingehend will man kein Risiko eingehen. Obwohl man doch gerade als großer Konzern mit einer Reichweite, die Millionen von Menschen umfasst, diese Macht und somit auch Verantwortung. Aber im Kapitalismus sind alle Konsumenten gleich – und es gilt nach dem Mantra der Populärkultur: den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden und sich ja nicht anmaßen, moralische Werte zu verkünden. Mit Konservativismus ist man hier also auf der sicheren Seite…

Finn, der Charakter mit dem wir uns wohl identifizieren sollen, weil er irgendwie von nichts einen blassen Schimmer hat, schafft es irgendwie, die geistigen Fesseln seiner autoritären Militärausbildung zum Sturmtruppler abzuwerfen und zu erkennen, dass er bei „den Bösen“ mitspielt, um sich dann ohne großartige moralische Hinterfragungen auf die Seite der Rebellen zu werfen. Ja, denn bei der Klärung der Fronten wird auf das traditionelle schwarz-weiß-System der Originaltrilogie  gesetzt – das Imperium ist böse und die Rebellen sind gut. Aber hätte euch nicht auch dieses „irgendwie“ interessiert? Wie emanzipiert sich Finn? Ist das nicht die interessanteste Frage, die seine Figur aufwirft? Wie schafft er es, obwohl er offenbar in totalitären Strukturen aufgewachsen ist, einen eigenen Willen zu entwickeln und – wie Kant sagen würde – sich „seines eigenen Verstandes zu bedienen“? Als Erklärung bekommen wir nur den negativen Ansatz von seiner Ausbilderin angeboten, die seinen moralischen Konflikt als Fehler im System deklariert. Moralethische Fragen sind in einer totalitären Ordnung, die nur auf Gehorsam ausgelegt ist, ein Fehler im System, sofern sie dieses System infrage stellen, was die Definition „totalitär“, das heißt, keine Alternativen duldend, per se ausschließt. Auf ethischer Ebene: folgt daraus dann, dass, wenn das System (moralisch) schlecht ist, der Fehler im System automatisch (moralisch) gut ist?

  • „Viel zu lernen du noch hast“ – Star Wars und die Philosophie, Hg.: Catherine Newmark, S. 220
  • Star Wars I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII
  • Joseph Campbell (Monomythos) schaut euch hierzu unbedingt diese arte-Doku an: https://www.youtube.com/watch?v=BOFELVit38I

Gut sein

Schlechtsein ist wie fauliges Gift, das durch die Adern kriecht und eine schwarze Spur hinter sich herzieht. Es befällt den Kopf und nistet sich dort ein. Das Schlechte braucht immer einen Wirt, es ist ein Parasit. Es zehrt von dem Organismus, den es befällt und schließlich zerstört. Es ist Egoismus und Habgier, Rache und Missgunst.

Gut ist man nicht aus Erwägungen heraus, die vernünftig sind oder dem eigenen Vorteil dienen. Diese Motive machen eine Handlung nicht gut. Wenn man utilitaristische Kosten-Nutzen-Bilanzen im Hinblick auf seine Handlungen anstellt, führt man kein redliches Leben.

Das Gute ist immer sein eigener Zweck, nie Mittel. Wenn eine gute Handlung zu einem anderen Zweck als um ihrer selbst willen vollzogen wird, kann sie nicht mehr gut sein. Fangen wir damit an, den Begriff des Guten mit der Definition zu umreißen, dass gut ist, was anderen nicht nur nicht schadet, sondern nützt. Es kann eine gute Handlung sein, andere Menschen zu erfreuen, zufriedenzustellen, ihnen zu helfen – so zu handeln, dass nicht (nur) man selbst, sondern auch andere einen Nutzen davon haben. Es kann aber auch schlicht sinnvoll sein und aus rationalen Erwägungen motiviert sein, die nichts mit Altruismus oder Nächstenliebe zu tun haben und andere Zwecke verfolgen, von denen die gute Tat nur ein nettes Nebenprodukt ist, mit dem man sich nur allzu gerne schmückt oder es dafür benutzt, sich ein makelloses Selbstbild vom Tugendhaften vorzuspiegeln, um dem Egoisten, der man wirklich ist, nicht ins Auge sehen zu müssen.

Das Gute verfolgt nie einen Zweck, es ist sein eigener Zweck. Vielleicht gehört es zur Eigenheit des Guten, nie Mittel auch nur sein zu können, da man in jeder denkbaren Situation, in der eine gute Handlung dafür verwendet wird, einen Zweck zu erfüllen, nicht mehr von einer rein guten Tat sprechen kann.

Eine gute Tat ist dann gut, wenn die Motive gut sind.

Man handelt für das Gute. Das gute ist der Zweck des Handelns. Man handelt gut, weil man Gutes bewirken will. Ob das Resultat auch wirklich gut ist, ist nicht wesentlich. Die gute Tat ist also solche als Handlung gut und bemisst sich nicht an ihrem Ergebnis – entgegen der utilitaristischen Maxime: „Handle so, dass für eine maximale Anzahl von Menschen maximaler Nutzen erzielt wird.“ Danach wäre eine gute Handlung nur dann eine, wenn sie auch tatsächlich Guted bewirkt hätte und außerdem auch nur retrospektiv als solche zu erkennen. Die Motive des Handelnden sind dabei unwesentlich. Das halte ich für blöd. Aber gut, wer fragt mich schon.

Das Gute als Begriff ist kein intrinsisch bestimmbarer Begriff – man kann also keinen Inventar an Gegenständen, Taten, Menschen, erstellen, die an sich gut wären, also das Gute als manchen Dingen inhärente Eigenschaft. Etwas, was für den einen gut ist, mag für den anderen schlecht sein.

Wenn ich einem alten Mann über die Straße helfen will, weil ich seine Situation als hilfsbedürftig interpretiere, bedeutet das zwar in der Hinsicht eine Hilfe, dass er die Straße vermutlich sicherer überqueren wird als ohne meine Unterstützung, also kurzfristig, aber nicht unbedingt langfristig, da es vielleicht klüger wäre, er würde das selbstständige Gehen nicht verlernen. Dabei ist der Prozess des Alterns regressiv und die Koordinationsfähigkeit nimmt ohnehin eher ab als zu. Und außerdem – was mir das gute Gefühl geben würde, eine selbstlose Tat vollbracht zu haben, muss sich nicht auch automatisch für den alten Mann gut anfühlen. Er könnte angesichts der Tatsache, dass man ihn als hilfsbedürftig empfindet, Einbuße in seiner Selbstachtung erfahren. Schon bei so simpel scheinenden Ausgangssituationen wie dieser geraten die Säulen der Definition des Guten ins Wanken.

Die Situation ist eventuell so komplex, dass der simple Impuls der Hilfsbereitschaft – also unsere Intuition – nicht reicht, um eine gute Tat zu vollbringen. Man müsste, viel aufwändiger, alle relevanten Faktoren berücksichtigen, um eine Einschätzung treffen zu können und sich, sofern sich nicht genug ergeben, jegliche Handlung unterlassen, da alles andere fahrlässig und willkürlich wäre. Anders und einfacher gesagt – die Absicht zu haben, eine gute Tat zu vollbringen, bedeutet nicht, dass sie auch tatsächlich Gutes in der Welt bewirkt. Es ist eine Deduktion, die nicht aufgehen kann: wenn die Prämissen gut sind, ist es die Konklusion nicht zwangsläufig.  Gut zu sein, seiner Intuition folgend, die einem etwas diktiert, wäre ohne Reflexion aber ebenso egoistisch wie eine gute Tat zu tun, um einen anderen Zweck als das Gute zu erreichen, da man so lediglich dem eigenen Bedürfnis nach Hilfsbereitschaft nachkommen würde – und wenn das intuitiv als gut Empfundene nur die Befriedigung eines eigenen Bedürfnisses wäre, so würde man wieder nur sich selbst genüge tun und  – egoistisch handeln.

Möglichkeitssinn

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten! Und nur eine einzige Wirklichkeit.

Robert Musil schreibt in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ von Wirklichkeits- und Möglichkeitsmenschen. Und wir kennen sie alle: die Wirklichkeitsmenschen sind bodenständig, gefestigt, stehen im Leben, haben Plan, sind realistisch und an dem interessiert, was ist … die Möglichkeitsmenschen hingegen sind idealistisch, haben den Kopf in den Wolken, sind kreativ, sehen in der Welt eher das, was sein könnte.

Kinder sind wir möglicherweise alle Möglichkeitsmenschen, weil Eltern – idealerweise – verhindern, dass wir allzu früh und in vollem Umfang mit der Realität konfrontiert werden: sie regeln unseren Alltag, machen unsere Termine aus, versorgen uns mit Mahlzeiten, schicken uns zur Schule, sorgen finanziell für uns, (also alles, was wir erwachsenen Möglichkeitsmenschen alleine nicht mehr hinbekommen) damit wir in aller Seelenruhe weiter träumen können. Kinder wollen die Welt verändern, weil sie glauben, dass es möglich ist.

„Kinder beginnen die Schule mit lauter Fragen. In der Schule lernen sie dann Antworten auf Fragen, die sie gar nicht gestellt haben. Irgendwann hören sie dann auf, zu fragen“¹ – Michel Onfray, frz. Philosoph

Aber irgendwann werden auch Kinder realistisch und niemand ist als Realist unausstehlicher als ein Kind: Sie bringen die Träume ihrer Spielkameraden zum Platzen, indem sie besserwisserisch sagen: „Das geht gar nicht in echt!“ Beachtliche Entwicklung deines präfrontalen Cortex, Kind, wunderbar. Du hast nun unübersehbar klargemacht, in der Lage zu sein, Realität von Fiktion zu unterscheiden. Nur ist dein Spielkamerad trotzdem schlauer als du, denn er weiß, dass euer Spiel nur ein Spiel ist und ihr die Regeln selber festlegt und ihr in der Hinsicht nicht von der Realität eingeschränkt seid und ihr das gefälligst genießen solltet, Kind, denn irgendwann müsst ihr drei Flaschen Wein trinken, um dieses schwindelerregend geile Fick-Dich-Realität-Gefühl wieder zu bekommen oder vier Gramm Gras rauchen. Du bist ein blödes Spielverderberkind, Kind!

„Alle sagten: Es geht nicht. Da kam einer, der das nicht wusste und tat es einfach.“² – Goran Kikic, deutscher Autor

Wer kennt nicht so ein blödes Spielverderberkind? – Ja, immer noch. Ja, auch als Erwachsene. Ja, genau, das sind diejenigen, die jetzt sagen: „Wenn deine Realität nicht so scheiße wäre, müsstest du ihr auch nicht entfliehen wollen.“ Ja – die Leute. Ja, neoliberale pseudoindividuelle Systemprofiteure.

Aber das soll ja keine Hassrede auf Wirklichkeitsmenschen werden. Nein, wer kennt nicht auch jenes Kind, das glaubte, es könne fliegen und dann plötzlich wirklich … Ohnezahn hieß?

Wirklichkeitsmenschen haben einen klaren Blick, für das was tatsächlich der Fall ist, wohingegen Möglichkeitsmenschen eher das sehen, was möglich wäre:

[…]So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken, und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Man sieht, daß die Folgen solcher schöpferischen Anlage bemerkenswert sein können, und bedauerlicherweise lassen sie nicht selten das, was die Menschen bewundern, falsch erscheinen und das, was sie verbieten, als erlaubt oder wohl auch beides als gleichgültig. Solche Möglichkeitsmenschen leben, wie man sagt, in einem feineren Gespinst, in einem Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven;[…]³

Heißt das, Möglichkeitsmenschen sind realitätsfremde Nervenbündel, Leute, die ganz einfach noch nicht aufgewacht sind, die man belächelt oder aber denen man sagt: „Reiß dich mal zusammen!“ – kindische Erwachsene?

Aber was ist denn überhaupt der Möglichkeitsbereich von Möglichkeitsmenschen? Halten wir alles für möglich, solange nicht sein Gegenteil bewiesen werden kann? Oder bewegt sich unser Möglichkeitssinn nur im Rahmen dessen, was uns die irdischen Gesetzesmäßigkeiten auch tatsächlich erlauben? Sind wir Visionäre, die die Welt verändern?

Wenn jemand die Schwerkraft verleugnet oder bezweifelt, muss nur ein Apfel vom Baum fallen und man wird sagen können: Newtons erstes Gesetz erklärts am Besten! Und außer das Kind ist zufällig Einstein wird er Newtons Mechanik auch nicht ins Wanken bringen können. Er könnte andere Erklärungen erfinden oder fundiert entwickeln.

Zum Beispiel David Hume, der die verrückte Idee hatte, das Ursache-Wirkungsprinzip, also Kausalität anzuzweifeln, ein Prinzip, von dem wir zumindest im Alltag praktischerweise ausgehen. Nein, → B muss nicht ausnahmslos stimmen, denn woher weiß man, dass das verbindende Element wirklich die Kausalität ist? Man kann Kausalität ja nicht sehen, nur beobachten, dass in ausnahmslos allen der Stein, wenn man ihn in die Luft wirft, wieder gen Erde fällt, wenn er auf keine Hindernisse stößt. Aber warum sich anmaßen, das zu einem Gesetz zu machen, wenn man nicht hundertprozentig ausschließen kann, dass es beim nächsten Experiment auch so ist? Man kann ja nur endlich viele Beobachtungen machen, wohingegen ein Gesetz für sich beansprucht, allgemein gültig sein zu wollen, also in ausnahmslos allen Fällen. Da man aber nie alle Fälle beobachten können wird, haben wir ein Problem. Das nennt man übrigens Humes Induktionsproblem. Allenfalls könnte man behaupten, dass etwas sehr wahrscheinlich der Fall sein wird. Die Regularitätstheorien nach Hume, Mill und Mackie behaupten, wie der Name schon verrät, dass man lediglich Regularitäten in der Welt beobachten kann – und man somit auch nur statistische Vorhersagen über ein Ereignis machen kann, auf die logische Notwendigkeit aber verzichten muss. Ziemlich unbefriedigend, was? Führende Wissenschaften, zum Beispiel die Physik, kommen nämlich auch ohne das Postulat der Kausalität aus, was für das philosophischen Lager ganz schön frustrierend ist!⁴

Ein Möglichkeitsmensch akzeptiert die Schranken der Realität, auf die wir uns geeinigt haben, nicht bedingungslos. Er denkt sich: Es könnte auch anders sein. Oft verliert er aber vor lauter Durchblick den Durchblick weil er durch die Dinge nur durchblickt und sie dadurch nicht mehr sieht. Sein Bild geht von einem einzelnem Gegenstand ins Abstrakte über, in die Innenwelt seines Geistes, er sieht ähnliche Gegenstände, andere Gegenstände, Vergangenes, assoziiert, verknüpft, sieht Zusammenhänge, Möglichkeiten. Leicht, hier den Blick fürs Wesentliche zu verlieren bei so vielen sich überlappenden möglichen Realitäten!

Eine Möglichkeit ist etwas nicht-Seiendes, oder noch-nicht-Seiendes. Sobald die Möglichkeit realisiert ist, in den Rang des Realen „gehoben“ wird, ist sie Wirklichkeit. Es gibt also keine Möglichkeiten in der Welt – per definitionem! – nur Wirklichkeiten, die wiederum nichts anderes sind als realisierte oder ver-wirklichte Möglichkeiten. Die Möglichkeiten gehören einer anderen Sphäre an, der Sphäre des Geistes desjenigen, der sie denkt. Als kreative Schöpfer, die wir sind, sind einzig wir dazu in der Lage, sie wirklich werden zu lassen. Aber gibt es auch Möglichkeiten, wenn sie von keinem gedacht werden?

Bei Aristoteles ist das Wirklichkeitsprizip (energeia) als Tätigkeit, Verwirklichung einer Möglichkeit definiert und das Möglichkeitsprinzip (dynamis) als die Fähigkeit, in einen neuen Zustand übergehen oder das Vermögen, etwas zu werden. Aristoteles interpretiert jedes Werden als eine Bewegung von dem der Möglichkeit nach Seienden zu dem der Wirklichkeit nach Seienden. Bei Aristoteles‘ Metaphysik hat die Möglichkeit einen niedrigeren „Seinsrang“ als die Wirklichkeit, weil sie eben nicht oder noch nicht ist. Wenn ein „Sein“ aber nur zustande kommen kann, wenn es durch ein anderes Sein zum „werden“ gezwungen wird, wer steht dann am Anfang aller Prozesse überhaupt? Mit anderen Worten: eine Bewegung kommt nur zustande, wenn es etwas gibt, das die Bewegung anstößt. Die einzige „Selbstbewegung“ steht am Anfang, also kommen wir hier zum Postulat des „unbewegten Bewegers“, dem Demiurg bei Platon und Aristoteles, quasi Gott.

Bei Heidegger bekommt die Möglichkeit wiederum den Vorrang vor der Wirklichkeit, denn für ihn ist das „Dasein je seine eigene Möglichkeit“ und die Wirklichkeit also nichts anderes als realisierte Möglichkeit. Das Dasein „hat keine Möglichkeiten als Eigenschaften, sondern ist seine Möglichkeiten. [Es] entwirft beständig sein Sein auf Möglichkeiten. […] In den Möglichkeiten ist es immer schon „sich selbst vorweg“ – und das gehört zum Geworfensein; sein Vor-weg-sein wird mit dem Namen Sorge genannt und ist Grundlage für alles Besorgen und Fürsorgen, alles Wünschen und Wollen, allen Hang und Drang.“⁶

Ja, Möglichkeitsmenschen haben die Fähigkeit, mögliche Wirklichkeiten zu sehen und aus ihnen zu schöpfen – aber sind wir selbst dann nicht so eine Art Zwischending zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit – und nie wirklich wirklich, also in unmittelbarem Kontakt mit der Realität? Wenn wir zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit nur Vermittler sind, gehören wir dann keiner Sphäre von beiden an und stehen gewissermaßen zwischen den Welten? Vielleicht fühlen wir uns deshalb manchmal so, als wären wir nirgendwo wirklich zu Hause.

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  1. Michel Onfray, citée par Guillaume Champeau: https://nota-bene.org/Michel-Onfray-et-l-ecole
  2. Goran Kikic
  3. Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften: http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-mann-ohne-eigenschaften-erstes-buch-7588/5
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Kausalität
  5. http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=569&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=23580d3d4a49549ff86a0fa097744448
  6. https://de.wikisource.org/wiki/Martin_Heideggers_Existentialphilosophie#cite_ref-19, Sein und Zeit,  S. 209.

Wer bin ich?

Ich war, ich werde sein, ich werde gewesen sein –

Oft denkt man zu viel an Vergangenheit und Zukunft, selten ist man wirklich gegenwärtig in der Gegenwart. Aber wann bin ich tatsächlich? Und was ist dieses Ich?

Was ist dieses Ich, das wir zwar alle haben, uns aber gleichzeitig voneinander unterscheidet? Und scheint es doch so, dass nur durch die Abgrenzung  von anderen überhaupt ein Ich entstehen kann!

Ist das Ich die Schnittstelle zwischen der eigenen Vergangenheit und Zukunft, ist es gewissermaßen die eigene Gegenwart? Das Ich ist ein gegenwärtiger Bewusstseinszustand und vereint alle subjektiven individuellen Erfahrungen und auch wenn man sich nicht genau an alles erinnern kann, gewiss ist, dass man an gewissen Situationen raum-zeitlich anwesend war. Kein Ich ist also aus einer detailliertesten Geschichte der Welt wegzudenken. Das Ich muss aber mehr sein als die Summe meiner bisherigen Erfahrungen. Das Ich ist ja auch noch Zukunft – also noch nicht. Aber Erwartungen und Pläne für die Zukunft ist man wohl auch in der Gegenwart. Außerdem bildet einen wichtigen Bestandteil des Ichs noch die Haltung, die man gegenüber Dingen einnimmt – Anschauungen, Meinungen, Wünsche. Philosophisch-begrifflich nennt man das Intentionalität – die Fähigkeit, sich auf Dinge zu beziehen, ein Zustand des Gerichtet-Seins des Bewusstseins.

Das Vergangenheits-Ich ist ein schon beschriebenes Blatt, von dem sich keine Zeile löschen lässt. Dieses Ich ist Geschichte und vielleicht lässt sich behaupten, dass man nur aufgrund diesem überhaupt so etwas wie ein Identitätsgefühl besitzt – eine ungefähre Vorstellung, was einen als Person ausmacht. All die getroffenen Entscheidungen, gute und schlechte, die gesammelten Erfahrungen, die Menschen, die unseren Lebensweg gekreuzt haben – gleich Fäden laufen sie in uns zusammen, geben unserem Ich eine Form.

Das bedeutet nicht, dass ein Charakter determiniert ist. Angenommen, es gäbe den Menschen mit exakt denselben Erfahrungen noch einmal – in einem anderen Universum vielleicht – müsste dieser dann genau so sein wie man selbst? Oder liegt unsere Freiheit genau darin, anhand unserer Erfahrungen eigene, unabhängige Wertvorstellungen, Eigenschaften, Vorlieben zu entwickeln? Also quasi unvorhersehbar zu sein?

Denn gleiche Erfahrungen determinieren nicht automatisch auch die gleichen Lehren. Eine objektiv schlechte Erfahrung kann sich auch durchaus positiv auf den eigenen Charakter entwickeln, während ein Leben, das nur aus guten Erfahrungen besteht, auch eine miese Persönlichkeit hervorbringen kann: wenn man gewohnt ist, dass alles glatt läuft und man nie ernstliche Hindernisse zu bewältigen hat, kann man wichtige Eigenschaften wie Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen oder Entschlossenheit gar nicht entwickeln.

Des Weiteren legt zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht nicht unbedingt ein bestimmtes Wahlverhalten fest. Es kommt auf die Motive an, aufgrund derer man wählt und diese können egoistischer Natur oder auch altruistischer sein, aber auch rationaler, emotionaler Art und müssen gar nicht mit sozio-ökonomischen Faktoren zusammenhängen, es können auch pragmatische oder ideologische sein!

Erwähnenswert ist hier die Habitus-Theorie des Soziologen Pierre Bourdieu, die die Denk- und Verhaltensstrukturen, einer Person anhand ihres sozialen Status und Rang in der Gesellschaft relativ zum Kollektiv untersucht. „Die Art der sozialen Erfahrungen, die ein Mensch macht, werden in hohem Maße durch die Kategorien (Klasse, Geschlecht, Ethnizität, etc.), in die ein Mensch von der Gesellschaft eingeordnet wird, mitbestimmt“¹. Die Bestimmung der Klasse erfolgt über die Verteilung von folgenden Kapitalformen, über die jemand verfügt: ökonomisches Kapital (materielle Ressourcen), kulturelles Kapital (Bildung), symbolisches Kapital (Prestige und Anerkennung in der Gesellschaft) und soziales Kapital (Beziehungen). Wenn innerhalb einer sozialen Klasse Ähnlichkeiten bezüglich Vorlieben und Gewohnheiten festzustellen sind, spricht man vom „Klassenhabitus“.

Vorhersehbarkeit … Google versucht, unser Online-Verhalten vorauszubestimmen und zu manipulieren – indem es Daten sammelt, um so ein möglichst akkurates Profil von uns zu erstellen. Empirisches Sammeln von Informationen, die ein Verhalten in der Vergangenheit markieren, lassen also Prognosen über die Zukunft zu und gleichzeitig die Aussicht, diese positiv in – scheinbar – unserem Interesse zu manipulieren.

Kurz, aber könnte man all diese Motive erfassen und daraus eine Handlungstendenz bestimmen, in welche Richtung eine Entscheidung fallen wird – es gibt immer noch die Willkür! Eine Handlung resultiert ja nicht nur auf einer rationalen Abwägung von sinnvollen Argumenten – wir Menschen können durchaus auch „aus dem Bauch heraus“ handeln, oder uns einfach die Augen zuhalten und dem Zufall das Geschick überlassen.

Vorhersehbarkeit, Determination … viele Philosophen, von Platon über Leibnitz, nahmen an, Gott habe jeden Menschen nach einem bestimmten Plan und Zweck geschaffen. Die Handlungsfreiheit sei also nur eine nützliche Illusion.

Der Existenzialismus, eine in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstandene philosophische Denkrichtung, vertreten durch Albert Camus und Jean-Paul Sartre, nahm aber im Gegenteil an, wir als Menschen, seien zur Freiheit geradezu verurteilt: wir haben keine andere Wahl, als die Wahl zu haben! Die Formel des Existentialismus lautet: Die Existenz geht der Essenz voraus. Das bedeutet: Der Mensch bestimmt den Zweck seines Daseins selbst. Er existiert erst, begegnet sich selbst in seinem Dasein und formt dadurch aktiv seine Identität. Es gibt keinen vorgegebenes und schon gar kein allgemeines Wesen des Menschen oder den Sinn des Lebens – man ist frei und dazu verdammt, diesen selbst zu bestimmen.

Das Modell der völligen Unmündigkeit – also dem Absprechen jeglicher Verantwortung für sämtliche Handlungen aufgrund des unausweichlichen Schicksals oder anderer Determinanten wie sozialer Herkunft, emotionaler Prägungen, Veranlagung, Ethnizität, sexueller Orientierung – gegen das Modell der absoluten Mündigkeit.

Wir wollen annehmen, das Ich ist nicht einfach nur die Summe oder gar das Opfer unser Biographie und äußerer Einflüsse – es gibt doch immer eine letzte Instanz des freien Willens: das wäre dann das Ich. Denn wir sind frei zu entscheiden, wie wir uns entscheiden und aus welchen Gründen – nach eigenen Interessen, zum Wohle anderer, willkürlich, aus dem Bauch heraus …

Sind es dann unsere Eigenschaften, die bestimmen, wer wir sind, die voraussagen können, wie wir handeln werden? Wenn ich nett bin, handle ich auch nett. Dann mache ich nette Sachen, ob sie von anderen als solche erkannt oder interpretiert werden, ist wohl nicht wichtig – denn letztlich zählt nur die Intention, wenn die Tragweite an Folgen nicht in Gänze abgeschätzt werden kann. Also trägt man im Endeffekt nur die Verantwortung für seine Intentionen. Aber handelt man nett, weil man nett ist, oder ist man deshalb nett, weil man nett handelt? Andererseits kann eine aus einer ursprünglich netten Intention erfolgte Handlung böse Folgen haben oder von anderen falsch interpretiert werden – dann gilt man als Mensch, der eine böse Handlung vollzogen hat. Wenn weitere böse Handlungen folgen, gilt das als Muster und man selbst als böse Person. Die Intention hinter den Handlungen interessiert niemanden mehr. Und andersherum kann jemand, der aus bösen Motiven heraus handelt, zum Beispiel rücksichtslosem Egoismus, eine Handlung als gute Tat hinstellen.

Charaktereigenschaften sind im Endeffekt also … eine Konklusion aus den Motivationen, die die Handlungen einer Person antreiben. Mit einem ethischen Maßstab mit den Kategorien „gut“ und „böse“, der natürlich variabel ist, gewinnt man eine tendenzielle Essenz eines Charakters. Könnte aber nur jemand anfertigen, der alle Intentionen erfassen kann, also nur man selbst, da man aber nur die eigene, subjektive Sicht darauf hat und man sowieso niemanden besser anlügen kann, als sich selbst, kann diese Statistik nie objektive Gültigkeit haben. Und andere Personen sehen sowieso nur den „outcome“ einer Handlung und nicht die Intentionen. Also ist unser Versuch einer objektiven Bestimmung von Charaktereigenschaften, hinter denen wir die Essenz des Ich vermuteten, gescheitert und kann  auch nur scheitern. Naja, und das, meine Freunde, nennt man eine Aporie.

Da das, was unser Ich vorhersehbar machen könnte gleichzeitig die Bedingung dieses Ichs ist, sind wir zu einem sowohl unbefriedigenden, als auch endgültigen Ergebnis gekommen! Wir haben die Unbestimmbarkeit bestimmt und das ist doch schon mal etwas! Die Unbestimmbarkeit des Ichs ist seine Bedingung.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal die Worte des großen Philosophen Albus Dumbledore in Erinnerung rufen: „Nicht unsere Eigenschaften entscheiden wer wir wirklich sind, sondern unsere Entscheidungen.“

  1. http://vonunsfueralle.blogsport.de/images/DasHabitusKonzeptvonPierreBourdieuVersion5.pdf
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Habitus_(Soziologie)
  3. Pierre Bourdieu – Habitus
  4. Harry Potter und die Kammer des Schreckens – Chris Columbus
  5. Intentionalität: Husserl, Bretano
  6. Existentialismus: Jean-Paul Sartre, Albert Camus

Blabla!

Unsere Art, zu kommunizieren, ist nicht auf die Sprache beschränkt.

Wir sind in der Lage, Mimik und Gestik und sogar kleinste Anflüge von Emotionen, die über ein Gesicht huschen, zu identifizieren und zu interpretieren.

Fangen wir beim Subjekt an – wer ist es, der überhaupt kommunizieren will?

Ein Subjekt. Ein Ich. Eine Person. Persona, das ist Latein für die „Maske“, die die Schauspieler im antiken Theater trugen, und namentlich auch die Stimme, die darunter Hervortönte. Weiterhin definiert Wikipedia psychologisch die Persona als „nach außen hin gezeigte Einstellung eines Menschen, die seiner sozialen Anpassung dient und manchmal auch mit seinem Selbstbild identisch ist.“ Also ist eine Person beides – die gesellschaftliche Maske des sozialverträglichen Verhaltens, wie auch das, was hinter ihr liegt. Für C.G. Jung ist die Maske nur ein Teil einer Kollektivpsyche, die zusammen einen „Kompromiss zwischen Individuum und Sozietät“ bilden. Anpassung geschieht demnach oft zu Lasten des Indivduums.

Wie kann kommuniziert werden?

Und hier fängt schon die unüberschaubare Bandbreite der Möglichkeiten an. Von Mimik und Gestik, über Ironie und Sarkasmus und anderen Stilmitteln, bis hin zu Intonation und Lautstärke – es gibt tausend Arten, wie ein Inhalt transportiert werden kann.

Thomas Shelby – der beinahe skrupellose birminghamer Gangsterboss, für den der Zuschauer in drei Staffeln der Serie „Peaky Blinders“ aufgrund der Sorgfalt der Autoren und des vielschichtigen Spiels des Schauspieles, eine aufrichtige Sympathie entwickelt hat – erwidert auf die Nachfrage seines schon etwas älteren Dienstmädchens, ob er heute schon das aufgrund seines Schädelbruchs verordnete Morphium zu sich genommen habe, folgendes:

Lesen Sie in der Bibel, Mary?“

Ab und zu mal.“

Und lesen Sie sie vor, während Sie nackt an meinem Bett stehen?“

Mary verdutzt und sprachlos

Denn … wenn ich das Morphium nehme, das ich vom Arzt hab, tun Sie das. Ich bin hellwach, aber Sie stehen da – nackt, völlig nackt – und lesen aus dem Buch Leviticus …wollen  Sie wissen, was dann passiert?“

 Mary schüttelt den Kopf

Nein. Ich auch nicht. Deshalb habe ich die Medizin weg geschüttet.“

Analyse nach dem Kommunikationsmodell nach Friedmann Schulz von Thun

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  • Sachebene und Beziehungsebene

Tommy will Mary vermitteln, dass das Morphium eine psychedelische Wirkung hat und durch das Beispiel verdeutlichen, dass die Visionen, die er dadurch bekommt für beide Seiten gleichermaßen beängstigend und unangenehm sind, weshalb es auch unleugbar in ihrer beider Interesse liegt und seine Handlung begründet, es weggeschüttet zu haben. Er erklärt damit, dass sich Mary und er auf der gleiche Beziehungsebene befinden, nämlich auf einer solchen, auf der derlei Visionen die Grenzen beider überschreiten. Er erweist ihr damit seinen Respekt.

  • Ebene der Selbstkundgabe

Gleichzeitig klingt durch, dass der Schmerz seiner Verletzung offenbar nicht mehr so groß ist, als dass er für dessen Betäubung die psychoaktiven Nebenwirkungen der Droge in Kauf nehmen würde. Durch die lustige und ironische Art, wie er seine Bestürzung über seine Vision äußert, behält er die für ihn charakteristische Gelassenheit.

  • Appellebene

Durch die kluge Art, wie Thomas es schafft, Marys ursprünglich einfache Frage in ein Frage- und Antwortspiel seinerseits zu lenken, markiert er seine ihr höher gestellte Position als ihr Vorgesetzter und Überlegener, der er ist. Ihre Nachfrage wird eher aus fürsorglichen Motiven und nicht aus reiner Neugier getroffen. Trotzdem verweist Tommy sie auf ihren rechtmäßigen Platz. Er macht unmissverständlich deutlich, dass er Fragen nach seinem Wohlergehen nicht wünscht, vor allem wenn sie unter Berufung auf ärztliche Anordnungen – also eine womöglich ihm höher gestellte Autorität – beruhen, und versichert außerdem, dass er sehr wohl in der Lage ist, auf sich selbst aufzupassen und eigens rational vernünftige Entscheidungen über den Verlauf seiner Genesung zu treffen.

Interessanterweise schafft Tommy Shelby in diesem kurzen Dialog, unglaublich viel zu vermitteln, indem er sich der Zügel des Wortwechsels unmissverständlich annimmt: Durch die spielerische Art, wie er seine kleine Geschichte illustriert, behält er die Oberhand. Er arbeitet mit Suggestivfragen, erahnt oder weiß sogar genau, was Mary erwidern wird, um seine kleine Rede und damit auch die Aussage, die er vermitteln will, funktionieren zu lassen. Diese rhetorische Raffinesse bezeugt in diesem kurzen Dialog (der ja eigentlich kein richtiger ist) seine Intelligenz, seine Überlegenheit, sein Genie.

Für den Zuschauer ist das eine nette, kleine und lustige Szene – illustriert sie doch so genau den komplexen Charakter des Protagonisten. Und, wie man merkt, funktioniert sie ohne Zusammenhang und auch ohne Kenntnis der restlichen Handlung der Serie kann man erahnen, was für ein gewieftes Gangstergenie dieser Typ sein muss, sollte er sich rhetorisch so gut auch in anderen Situationen schlagen.

Kommunikation auf höchster Ebene! Die Nachricht ist angekommen, man hat verdeutlicht, was man selbst will und wer man ist. Unmissverständlich.

Dabei liegt die Frage nach Manipulation natürlich nahe. Diese kann meiner Meinung nach aber nur stattfinden, wenn beide Partien über eine unterschiedliche Informationsfülle verfügen – das Gleichgewicht ist gestört. Sender weiß mehr als und vielleicht sogar über den Empfänger und nutzt dieses Wissen gezielt aus. Die Kommunikation ist fatalistisch. Sie ist kein Austausch von Informationen, die Sender und Empfänger gleichermaßen bereichern, sondern dient lediglich dem Zweck der Seite, die manipuliert, weil sie irgendetwas erreichen will.

Der Zweck von Kommunikation ist also nicht nur der Austausch von Informationen, also eine reine Selbst- oder Fremdversorgung von Wissen (die meisten hätten sich plötzlich nichts mehr zu sagen!) Damit wäre nach Schulz von Thun nur die Sachebene bedient. Den anderen Ebenen geht es darum, die Beziehung der Kommunizierenden zu bereichern, zu pflegen. Man redet, um zu reden. Deshalb gibt es Smalltalk. Smalltalk ist für Menschen für das, was für Hunde die Riechprobe am jeweils anderen Hinterteil ist. Jo, passt, du scheinst mir soziabel zu sein. Die Selbstkundgabe ganz um ihrer selbst willen ist etwas Schönes bei Freund- oder Partnerschaften, auch wenn sie leicht in Selbstloppreisung und Selbstdarstellung abgleiten kann.

Wenn es aber anscheinend so viele Möglichkeiten für den Sender gibt, einen Inhalt zu vermitteln und wiederum so viele Möglichkeiten für den Empfänger, ihn aufzufassen – wie zur Hölle kommunizieren? Im Grunde kann man davon ausgehen, dass, wenn man „einen Draht zueinander hat“, die Kommunikation erfolgreich ist – etwas also genau, oder im Groben, so aufgefasst wird, wie es gemeint ist. Wenn nicht, und wenn einem die misslungene Kommunikation nicht auffällt, entstehen Missverständnisse.

Wenn man frägt: „Hast du Feuer?“, dann geht man davon aus, dass der Empfänger versteht, dass mit „Feuer“ ein Feuerzeug gemeint ist (ein typischer Fall des rhetorischen Stilmittels der Synekdoche, bei der das Ganze für einen Teil, totum pro parte, steht) und  außerdem, dass es sich nicht um die simple Nachfrage, ob man sich aktuell im Besitz eines Feuerzeugs befindet, handelt, sondern, dass man Feuer für seine Zigarette bräuchte. Menschen mit Formen des Asperger-Syndroms oder Autismus hätten damit Probleme, während es sich für uns um simple soziale Umgangsformen handelt.

Der Gebrauch von Sprache ist ein Konsens: wir einigen uns darauf dass wir das gleiche unter einem gemeinsamen Begriff verstehen. Wenn wir „Teller“ sagen meinen wir damit meistens auch die meistens runde Platte, auf der wir Nahrung platzieren, um sie zu essen, und keinen Autoreifen. Dabei hat jeder eine andere Vorstellung vor seinem inneren Auge, wenn er dazu aufgefordert wird, an irgendeinen Teller zu denken. Kant würde sagen, man konstruiert im Kopf ein Muster, nach dem man die Kategorie „Teller“ relativ sicher bestimmen kann, auch wenn man noch nicht jeden Teller, den es gibt, kennt. Zu dem Begriff Teller könnten also die Eigenschaften „rund“, „flach“, „kleine Einmuldung“, „aus Keramik, Ton oder Glas“ gehören, um mit großer Sicherheit von einer Sache mit denselben Eigenschaften sagen zu können, dass es sich um einen Teller handelt. Schwierig wird es, wenn man die Autorität der Sprache aushebelt, ihr die Funktion nimmt, ein oder mehrere Wörter genau einem Gegenstand zuzuordnen. Man könnte zum Beispiel herumlaufen, und einen Baum, ein Auto oder ein Halstuch „Teller“ nennen. Dann wird es schwierig und Verständigung nahezu unmöglich. Oder umgekehrt, wenn man einem einzelnen Gegenstand immer andere Namen gibt. Das wäre Chaos in der Sprache. Oder stellen wir uns eine Inflation der Sprache vor – geschieht bereits bei uns. Wenn sich ein Wort regelrecht mit so vielen Bedeutungen auflädt, dass es schwierig wird, es zu verwenden. Zum Beispiel bei geschichtlich-kulturell belasteten Wörtern, wie „Emanzipation“. Etymologisch hat der Begriff seinen Ursprung im Lateinischen (emancipatio) und bedeutet „Entlassung aus der väterlichen Gewalt“ oder „Freilassung eines Sklaven“. Der Begriff ist geschichtlich vielen Bedeutungsverschiebungen unterworfen gewesen und ist heute noch stark auf den Kontext angewiesen, in dem es verwendet wird. Bedeutete es zunächst ein Gewähren von Selbstständigkeit, wurde es später zum Inbegriff aktiver Selbstbefreiung, geprägt durch die europäische Aufklärung; schließlich steht es heute allgemein für eine „Befreiung von Gruppen, die aufgrund ihrer Rasse, Ethnizität, Geschlecht, Klassenzugehörigkeit usw. diskriminiert wurden“, oder speziell für die Frauenemanzipation. Worte bezeichnen einen Gegenstand oder einen Sachverhalt in der Welt, die schon eine lange Geschichte hat. Sprache ist ständigen Wandlungen unterworfen. 

Aber selbst wenn Worte unmissverständlich verwendet werden, gibt es noch Hürden. Aussagen können auch deshalb falsch interpretiert werden, weil man der Person andere Motive unterstellt, als diese ausspricht. Man spürt oder aber man meint nur zu spüren, dass die Absicht der Person mit der Aussage, die sie getroffen hat, divergiert. Misstrauen ist, wenn man dem anderen Unehrlichkeit unterstellt. 

Wenn man aber will, dass eine Person einen mag, arbeiten die für Empathie wichtigen Spiegelneuronen auf Hochtouren. Man nimmt beim Gespräch automatisch eine ähnliche Körperhaltung an und stimmt dem Gegenüber öfter zu, auch wenn man vielleicht nicht derselben Meinung ist. Man versucht, sich in die andere Person einzufühlen, ihren „Code“ zu knacken, der einem Zugang hinter die feste, normenbehaftete, öffentliche Fassade verschafft. Eine Person entschlüsseln ist, ihre Sprache zu entschlüsseln. Es gibt noch andere Ebenen als die der Sprache, um sich zu verstehen. Aber jede Ebene hat ihren eigenen Code und meistens kann die Sprache die anderen Ebenen auch gar nicht erfassen, mit ihren Werkzeugen der Worte gar nicht greifen. Man kann nicht versuchen, etwas zu erklären, das man gar nicht greifen kann. Trotzdem versucht man das ständig. Das ist nicht etwa „um den heißen Brei herumreden“, denn in dem Fall gibt es gar keine Schüssel mit heißem Brei, man nimmt nur an, dass es eine gibt. Es ist ein sinnloser Diskurs und er ist zwecklos und besser sollte man akzeptieren, dass man über manche Dinge eben nicht sprechen kann, da sie nicht dazu gedacht sind, ausgesprochen zu werden, sondern auf anderen Ebenen kommuniziert zu werden. Die Sprache kann nicht alles erfassen, oft muss sie gewaltsam an ihren Platz verwiesen werden, ihr Bescheidenheit beigebracht werden.

So können verschiedenste Interessen in Konflikt treten.

Wie hoch ist das Bedürfnis der tatsächlichen Selbstkundgabe, wie hoch das Verlangen oder die Notwendigkeit, einer Person zu imponieren? Wie wichtig einem die Reaktion des Anderen, wie weit geht man auf den anderen ein? Manchmal ist es vielleicht sogar besser, anzuecken, weil Menschen ehrlicher sind, wenn sie einem widersprechen können und so eher ihr wahres Gesicht zeigen.

Die Kenntnis dieser vielen Interpretationsweisen kann einen lähmen. Introvertierte oder schüchterne Menschen sind sich dessen vielleicht bewusster als extrovertierte. Möglicherweise hat das aber auch gar nichts damit zu tun, sondern eher mit Einfühlsamkeit. Wenn man ohne Rücksicht „man selbst ist“, einem egal ist, wie man auf das Gegenüber wirkt, so hat man vielleicht erfolgreiche Selbstdarstellung betrieben, ist aber an einer gelingenden Kommunikation und somit auch am Anderen eher wenig interessiert.

Wie könnte nun eine gelungene Kommunikation aussehen?

Man stellt sich zunächst auf das Gegenüber ein. Bei einigen gelingt das in Sekunden, bei manchen Menschen wird man dafür Monate oder sogar Jahre brauchen. Jeder Mensch backt seine Gedanken anders in den Teig der Worte. Man sagt nur einen Bruchteil dessen, was man meint, mit Worten. Das andere kommt durch die anderen Kanäle der Mimik, Gestik zustande. Des kurzen Zögerns. Das meiste, was wichtig ist, steckt in den Pausen dazwischen, vor oder nach dem Gesagten.

Erst nach dem Austausch vieler Worte fängt man wirklich an, miteinander zu reden. Man ergänzt die Gedanken des anderen, nicht durch stures Aneinandervorbeierzählen – jeder erzählt linear eine Geschichte zu irgendeinem Thema, das ohnehin belanglos ist. Nein, man baut aufeinander auf. Vervollständigt die Gedanken des Gegenübers, nicht unbedingt linear, sondern assoziativ, um gemeinsame Gedankengerüste zu bauen. 

Wenn man deutsche Talkshows französischen gegenüberstellt, fällt auf, dass in den französischen sich  die, beispielsweise, Politiker ständig ins Wort fallen. Sie unterbrechen einander, um das Argument des anderen schon im Keim zu ersticken, und nicht erst, wenn der andere mit seiner mitunter langwierigen Ausführung fertig ist, was eher in Deutschland der Fall ist – jeder ist mal dran und wer nicht mitschreibt, erinnert sich an die Argumentationskette der Gegners überhaupt nicht mehr. So wird viel aneinander vorbeigeredet und dem Zuschauer ist gar nicht mehr klar, inwiefern das Argument des einen gegen das des anderen spricht. Sich verzetteln und inhaltslos daherzureden ist in diesem Modell viel einfacher. Die französische Art wäre wie ein Zahnrad, das ineinander greift, von der einen und der anderen Seite, ein Schlagabtausch, in der das Argument mal von der einen, mal von der anderen Seite beleuchtet wird, was sinnvoll ist, denn so kann schnell klar werden, wo es hakt … dass vieles „zu komplex“ sei oder „man weit ausholen muss“ sind meistens nur faule Ausreden.

Und nicht nur in Talkshows, auch im täglichen Leben begegnen uns zuhauf derlei Situationen, in denen es Leuten nur darauf ankommt, mit ihrem Wissen zu prahlen oder die Unwahrheit rhetorisch geschickt zu verschleiern. Ein kluger Mensch, dessen Name ich mich partout nicht entsinnen kann, sagte, für ihn sei eine Diskussion viel befriedigender, wenn er als der vom anderen Überzeugte daraus hervorginge. Es gehe nicht darum, zu gewinnen, die besseren Argumente zu haben, sondern etwas dazuzulernen. Es sollte weniger um die Selbstdarstellung gehen und eher um die Vermittlung, den Austausch und die Veranschaulichung von Wissen und letztendlich um die gemeinsame Findung der Wahrheit. Ist es nicht eine Anmaßung einer Partie, zu glauben, man sei im Besitz der absoluten Wahrheit? Im Diskurs kann die Wahrheit nur kollektiv sein, sie wird gefunden im Austausch mit verschiedenen Standpunkten. Es geht um die Entwicklung gemeinsamer Gedanken.

Das sollte das Bestreben und die Priorität eines jeden Gesprächs sein. Und was könnte verbindender, was könnte intimer sein, als eine gemeinsame Wahrheit, die nur durch die eben beteiligten Personen zustande hätte kommen können – und vermutlich ein paar Gläsern Wein – man erntet gemeinsam.

Quellen:

Ein Loblied aufs Rauchen

Rauchen ist schön.

Rauchen ist toll.

Rauchen ist – tödlich?

Rauchen macht das Leben kürzer.

Aber Rauchen macht das Leben auch schöner.

Rauchen …

Klar weiß man als Raucher, dass Rauchen ungesund ist. Mitunter tödlich sein kann. Einer von Zweien stirbt an den Folgen! Trotzdem hat man mehr Angst, bei einem Unfall zu sterben. Psychologisch gesehen gibt es dafür auch Erklärungen, zum Beispiel, dass man beim Rauchen das Gefühl hat, man hätte eine Art Kontrolle darüber: man wird vor eine Wahl gestellt und entscheidet bewusst – wohingegen man bei einem Unfall völlig äußeren Kausalitäten ausgeliefert ist. Beim Rauchen verabreicht man sich das Gift in geringen Mengen selbst – eine schleichende Selbstvergiftung, mit der man zwar nicht unbedingt einverstanden ist, die man aber in Kauf nimmt. Eigentlich irrational.

Ein Ja zu einer Zigarette fühlt sich an, als würde man sich etwas gönnen.

Ja, weil sie so gut zum Kaffee schmeckt und der Kaffee besser mit Zigarette.

Ja, weil sie so gut zum Rotwein schmeckt und der Rotwein besser mit Zigarette.

Ja, nach dem Essen, denn dann verdaut’s sich besser.

Ja, komm wir rauchen jetzt noch eine, bevor wir uns verabschieden.

Die Zigarette vervollständigt Rituale und ist selbst eines.

Sie besiegelt keine Verträge, sondern Momente.

Der Tag wird somit übersichtlich, lässt sich an Zigarettenpausen und -längen messen. Die Zigaretten sind ein viel besserer Maßstab als Stunden und Minuten, weil sie subjektiv sind. Wenn viel passiert, wird auch mehr geraucht. Manche Tage scheinen länger als andere, und Zigaretten sind eine flexible Maßeinheit.

Viele kleine Rebellionen am Tag. Rebellion gegen das eigene Fleisch? Seinen Verfall verhöhnen, trotzig an der Kippe ziehen und demonstrieren: Ich bin mehr als mein Fleisch…! Oder ist es eine Rebellion gegen die Gesellschaft?

Mittlerweile ist Rauchen gesellschaftlich nur noch geduldet, aber unleugbar geächtet. Beinahe alle Gesellschaftsschichten haben die Raucher schon durch – Pfeife, Zigarre, Zigarette als Statussymbol, Zeichen des Wohlstands, des Mannes von Welt, der Frau von Welt, Zeichen des verwegenen Mannes, der rebellischen Frau. Damals Rauchen im Fernsehen, in Talkshows, in Cafes und Restaurants, im Klassenzimmer, in der Bahn, im Flugzeug – heute abgetrennte Raucherbereiche, kaltherzig eingerichtete Kabinen, deren denunzierende Verglasung schamlos preisgibt, wie man schuldbewusst seinem Laster frönt. Oh ja, als Raucher muss man heutzutage eine dicke Haut haben, neben außerdem kräftigen Lungen.

Aber Rauchen ist nicht nur Trotz. Die Trotzhaltung ist vielschichtiger. In gewisser Hinsicht hat es etwas mit Trotz zu tun, denn man trotzt gesellschaftlichen Erwartungen, sowie gesundheitlichen Tatsachen – und keiner kann diese Tatsachen noch ernsthaft leugnen oder ignorieren, in Zeiten der zerfetzten Lungenflügeln, abgestorbenen Zehen und traurigen Männern mit Potenzproblemen auf Tabakprodukten. Nein, es ist ein bewusster Verstoß. Es ist etwas, das man sich bewusst gönnt. Es ist zwar nicht verboten, aber irgendwie schon.

Stieß man früher noch bei der Frage nach „schnell mal Feuer“ auf eine nahezu hundertprozentig positive Antwort, ist das heute seltener – herablassend wird einem geantwortet: „Nein, ich bin Nichtraucher.“ Nie war Missbilligung so einfach! Beim herzerwärmenden Moment jedoch, wenn man dann mal Feuer bekommt, wenn einem zärtlich der durch die erwartungsvoll bebenden Lippen zitternde, sich zu glimmen wünschende Stängel angezündet wird, ist das ein sowohl feierlicher, als auch sexueller Moment. Ja, du, Fremder, hast meine Leidenschaft wirklich entfacht! Die Gesellschaft hasst Promiskuität, deshalb hasst sie Raucher. Aber wir Raucher, wir schlafen alle miteinander, denn was sind die Raucherrunden anderes als Orgien, eine gemeinsame leidenschaftliche Hingabe an das Schönste aller Laster …?

Rauchen ist wie ein Club, wie eine geheime Bruderschaft. Der Zusammenhalt unter Rauchern ist stark. Und selbst ehemalige Raucher sind in Vielem verständnisvoller als Nichtraucher. Mit einem rührseligen Blick, als würden sie sich an andere, bessere Zeiten erinnern, zücken sie das Feuerzeug, das sie nur noch aus Gewohnheit – oder als Andenken? – bei sich tragen, und reichen es dir, soviel Abstand muss sein. Die Nichtraucherfraktion indes ist dermaßen intolerant und missgünstig, schimpft auf „die Raucher“, und tritt diese unsere mittlerweile defavorisierte Spezies nur allzu freudig mit Füßen, weil man offiziell über Raucher schimpfen darf, seit man sie, wie Hunde, aus Restaurants und Kneipen verbannt hat. Andererseits bleibt die Raucherfront hartnäckig. Die jüngere Generation ist es schon gar nicht anders gewohnt, zum Rauchen raus zu gehen, man kann sich eine verrauchte Kneipe gar nicht mehr vorstellen. Andererseits hat diese Maßnahme genau den gegenteiligen Effekt gehabt, wie vermutlich ursprünglich intendiert – sollte das Rauchen nämlich durch den Ausschluss aus den behütenden Gastgeberwänden ungesellschaftlich gemacht werden, haben sich die Raucherrunden draußen mittlerweile stolz etabliert, sind aus der Kultur des Nachtlebens gar nicht mehr wegzudenken. Bei Wind und Wetter steht man im Kreise, wie Pinguine am Südpol, und hat niemals Eile, an den Tisch zurückzukehren, an denen sich die langweiligen Nichtraucher über Stunden hinweg die Ärsche plattwälzen (weswegen Nichtraucherpos auch generell unattraktiver oder zumindest kümmerlicher sind) wenn sie nicht sogar selbst mit hinaus kommen, da sonst niemand mehr am Tisch sitzt oder aber sie feststellen, dass Runden von gesellschaftlich Ausgestoßenen immer lustiger sind.

Rauchen ist Luxus. Lambert Wiesing definiert Luxus in seinem gleichnamigen Buch als Emanzipation aus der Zweckrationalität des Alltags. Das gleiche geschieht beim Rauchen:

Der Mensch macht durch die Erfahrung des Rauchens (weniger aktiv beim Rauchen, als eher in der Erfahrung, ein Raucher zu sein) eine Freiheitserfahrung. Er wird sich seiner Ausnahmestellung als homo humanis im Universum unmittelbar bewusst: er ist zwar ein vernünftiges Wesen, aber nicht determiniert durch diese Vernunft. Der Mensch ist frei, denn er hat die Wahl, sich für oder gegen diese Rationalität zu entscheiden. Für Wiesing Luxus, als eine Art des Besitzens, eine Weise der ästhetischen Selbsterfahrung, in der der Mensch sich als Mensch begreift. Rauchen ist ebenso eine ästhetische Erfahrung und damit Selbstzweck. Rauchen um des Rauchens willen. Rauchen als Transgression des Zweckdiktats. Eine Emanzipation gegen eine vollständige Einordnung in eine funktionale Gesellschaft. Und wenn man an der Zigarette zieht, ist das keineswegs wegen des Kreislaufs, dass einem schwindelt, sondern vor Freiheit!

Lambert Wiesing – Luxus, ISBN: 978-3-518-58627-3