Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört – Episode II

Nun soll es weiter gehen mit unserer allzu nachsichtigen Kritik. Außerdem möchte ich ankündigen, dass ich glaube, noch nicht alles zu dem Thema gesagt zu haben und deshalb noch einen dritten Teil vorbereite. In Anbetracht von so viel Negativität ist es wohl auch in Ordnung anzukündigen, dass Episode III sehr viel positiver wird!
So, aber jetzt noch mal ganz im Ernst:

Während storytechnisch die verhassten Prequels tatsächlich mehr zu bieten hatten als die kontrastreiche Originaltrilogie mit ihren stereotypischen Charakteren, simpel strukturierten Handlungssträngen sowie klaren Oppositionen, verlassen sich die Macher der neuen Trilogie auf diese vermeintlich konstruktive Kritik der Fans: statt politischer Intrigen besteht wieder die altbewährte Konstellation: offener Krieg. Gut und Böse.

Das neue Imperium, die sogenannte „erste Ordnung“ ist böse, weil (und jetzt wage ich mich mal großzügigerweise an eine Definition heran, die ich aus den dürftigen Erklärungen von Episode VII zu erschließen versuche) es autoritäre Strukturen hat – die augenscheinlich nur aus einem riesigen Militärapparat bestehende Institution folgt unhinterfragt den Anweisungen ihres sogenannten „Anführers Snoke“, der im Besitz der Macht ist und sich, seinem unschmeichelhaften Äußeren und bedrohlichen Stimme nach zu urteilen, auf deren dunklen Seite befindet; sie zerstören die Republik, eine vermutlich demokratische Institution, mit ihrer Superwaffe, die mit Sonnenenergie gespeist wird und auf einem Planeten situiert ist, den die Rebellen in ihrer Mission anfliegen und mittels Feuerkraft letztendlich auch zerstören. Es wird kein Hehl daraus gemacht, dass die Bedrohung proportional zur Größe zunimmt: in einer Lagebesprechung der Rebellen zu dieser Mission wird ein Hologramm der „Starkiller-Basis“ auf einem Planeten gezeigt. Er ist natürlich viel größer als der Todesstern, also auch viel gefährlicher und die neue Superwaffe kann nicht nur einen Planeten auf einmal zerstören, sondern gleich mehrere.
Genau nach dem Motto verfährt auch der ganze Film. Anstatt dramaturgisch was zu reißen, interessante Charaktere oder uns irgendwas Neues über die Macht beizubringen, bauen die Filmemacher auf die altbewährten Pfeiler der erste Trilogie und blasen Gewesenes einfach größer auf, denn das macht man so im Kapitalismus (jaja, verdreht die Augen). Statt Innovation Wiederholung und „Scheinverbesserung“.

Gleichzeitig beflügelt dieser Innovationsmangel und die heutige „Informationsinflation“ eine Ästhetik des Seriellen, wie die Welle der zahlreichen Serienformate in den letzten Jahren zeigt.

Die Saga bildet eine eigene Form der Serie. „Die Saga ist eine Abfolge scheinbar immer neuer Ereignisse, die im Gegensatz zur Serie den „historischen“ Werdegang einer Person oder besser noch einer Personenfamilie betreffen“, schreibt Umberto Eco in seinem Aufsatz „Die Innovation des Seriellen“ von 1983*.
Sehen wir uns an, was für Gedanken er in diesem Aufsatz noch entwickelt und ob wir daraus Parallelen zu Star Wars ziehen können.

Eco beschreibt in seiner sogenannten „Ästhetik des Seriellen“ zwei Arten von Empfängern:
Einmal den naiven Empfänger, der die erste Ebene der Erzählung wahrnimmt, die Geschichte ohne Vorkenntnisse. Dieser „wird zum Opfer der Strategien des Autors“(S.168); einen beliebigen Star Wars würde dieser nicht anders ansehen als einen normalen Action-Film. Nur sind die meisten Star Wars-Gucker keine naiven Empfänger, sondern solche der von Eco also zweiten definierten Art, kritische Empfänger. Dieser Empfänger beurteilt die serialisierenden Strategien, die „Art und Weise der Variation [auf dem Grundschema], die Bewertung der Innovationsstrategien oder das Fehlen davon“ und „wie das Immergleiche behandelt wird, um es jeweils verschieden scheinen zu lassen“. Er „bewertet das Werk als ästhetisches Produkt und beurteilt diese Strategien.“(S.168)
Auch wenn sie keine Fans sind, haben aufgrund des Kultstatus der Saga die allermeisten bereits einen oder mehrere Star Wars-Filme gesehen und werden somit schon zu Empfängern der zweiten Art. Um die sich über mehrere Episoden ziehende Saga in Gänze verstehen zu können, muss man sich auf die dem Universum interne Logik einlassen und zieht automatisch Parallelen zu anderen Episoden.

Außerdem kommen wir bei Star Wars mit einer Sonderform des intertextuellen Dialogismus in Berührung: Intertextualität wird so definiert, dass „kein Text […] innerhalb einer kulturellen Struktur ohne Bezug zur Gesamtheit der anderen Texte denkbar ist“**.  Das Erzählte kann also je nach „Kontext eine unterschiedliche Bedeutung [annehmen], im Extremfall umfassende kulturgeschichtliche bzw. kultursoziologische Bedeutungen[].“**
Im letzten Beitrag haben wir gesehen, wie Star Wars verschiedene Elemente klassischer Epen nachahmt  und in sich vereint und somit zu einem ganz eigenen modernen Mythos wird. Es spielt also auf kulturhistorische Texte an, zitiert sie aber nicht direkt. Es erfordert eine Interpretationsleitung unsererseits, um dies zu erkennen, ob sie von George Lucas nun beabsichtigt waren oder nicht.
Eco: „Typisch für die Literatur und Kunst in der sogenannten Postmoderne ist […] das Zitieren in Anführungszeichen, sodass der Leser nicht so sehr auf den Inhalt des Zitates achtet, als vielmehr auf die Art und Weise, wie das Zitat in das Geflecht eines anderen Textes eingefügt wird, um einen neuen Text zu erzeugen.“(S.170)

Das Kino ist voller populärkultureller Anspielungen. Da Star Wars in einer weit weit entfernten Galaxis spielt und wir zumindest für die Dauer des Films in diesem abgeschlossenen Universum verbleiben wollen, gibt es zwar keine solchen (direkten) Referenzen in Bezug auf unsere Realität. Star Wars zitiert nur sich selbst. Und das nicht wenig – die Saga strotzt nur so vor Selbstreferenzen und intertextueller Logik. Und das nicht ohne Grund – wie sehr man sich freut, wiederkehrende Witze und Anspielungen zu erkennen: „Ich hab da ein ganz mieses Gefühl“. Wenn der Millenium Falke als „Schrottmühle“ bezeichnet wird. Wenn sich Stormtrooper über die neue BT-16 unterhalten oder sich an Luken den Kopf anhauen.
„Diese unmerklichen Anführungszeichen sind, mehr noch als ein ästhetischer Kunstgriff, ein sozialer: sie selektionieren die happy few (von denen man hofft, dass sie Millionen sind). Dem naiven Zuschauer hat der Film schon genug gegeben, dieses eine geheime Vergnügen bleibt für diesmal dem kritischen Zuschauer vorbehalten.“(S.171)

Die happy few und somit kritischen Empfänger sind im Fall von Star Wars hunderte Millionen: Die StarWars-Fanbase ist die wohl größte der Welt, einfach aufgrund des beispiellosen Merchandisings und natürlich auch der Präsenz über mehr als 40 Jahre! Die Filmproduzenten wissen das und sparen deshalb auch nicht mit Insider-Jokes.

Diese ewige Selbstreferenzialität bildet einen hermetischen Käfig und schließt alles äußere ab. Star Wars ist ein Paralleluniversum, angereichert durch zahllose Nebengeschichten, Spin-Offs, Videospiele, Serien, Bücher und belebt durch die Fans, die dieses Universum anerkennen. Wenn wir Star Wars schauen, wissen wir, dass das, was uns gezeigt wird, nur ein kleiner Teil von etwas sehr viel Größerem ist. Und gleichzeitig fühlen wir uns als Zuschauer ebenso als kleiner Teil dieses großen Gebildes, indem wir in unserem Kopf vervollständigen, was auf der Leinwand alleine unvollständig bleibt. Selbst als Neuling wird man sich freuen, Wiederkehrendes zu identifizieren, weil einem das das Gefühl einer Art Eigenleistung gibt und auch das Gefühl, zu partizipieren – man gehört nun auf zweierlei Weise zum Club: man trägt zum Gelingen der Gags durch die eigene Interpretationsleistung als kritischer Empfänger bei, weil sie ohne Vorwissen nicht funktionieren (mit anderen Worten: man partizipiert am Gelingen des Films) und wird im gleichen Zug zum StarWars-Insider!
Die Produzenten setzen insbesondere in den neuen Filmen unverhohlen auf die zweite Art des Rezipienten – ohne ihn und seine Kenntnis der anderen Filme funktionieren die aktuellen Filme nicht. Das ist möglicherweise ein Phänomen, das sich mit jeder Episode verstärkt hat und einfach an der Natur der Serialität an sich liegt. Der erste Star Wars („Eine neue Hoffnung“, 1976) kann für sich alleine stehen: er hat ein Anfang und ein Ende. Mit wachsender Episodenzahl allerdings nimmt diese Autonomie ab.
Die neue Trilogie baut nur noch auf dem soliden Fundament früherer Episoden – und das nicht gerade hoch; sie ist durchsetzt von zahllosen Referenzen, greift noch offene Fragen, nicht zu Ende gesponnene Ideen und Handlungsstränge auf und macht – nichts damit.
Wer sind Reys Eltern? In Episode 7 fragten wir uns noch – könnte es Luke sein? In Episode 8 hieß es, sie seien „niemand“ gewesen, aber ist sie auch in dieser Frage noch uneindeutig. Auch das gespannte Warten auf das Jeditraining Reys blieb unbefriedigt, schließlich ist sie ja ein Naturtalent und auch schienen die wirklich interessanten Lektionen immer in den Momenten zwischen den Szenen zu passieren.
Da gibt es wieder einen klugen kleinen Droiden, der optisch noch viel knuddliger ist als R2 (und sich deshalb auch besser als Kuscheltier verkaufen lässt). Selbiges gilt für die großäugigen kleinen Viecher auf Lukes Insel.
Wieder gibt es drei Hauptfiguren, von denen eine ein Jedi und technikaffin ist, einer der treue und gutherzige Freund, und der andere der sogar bei den Rebellen rebellische Pilot.
Wieder gibt es eine Cantina-Szene, die die Helden mit der rauen realen Welt konfrontieren soll.
Und Kylo Ren ist ja noch jähzorniger als Darth Vader und kultiviert seine dunkle Seite genüsslich mit dem Würgen von Menschen und wahllosem Eindreschen auf Gerätschaften (bestimmt zum Abreagieren empfohlen von seinem Psychotherapeuten). Nur dass es bei ihm eher an einen besonders frustrierten Teenager erinnert, dem man einfach nur die Emofresse polieren möchte.
Und zu guter Letzt gibt es genau eine Schwachstelle bei dem Todesplaneten, die man anfliegen und beschießen muss.
Gähn!

Eco sagt: „Das wahre Problem liegt nicht darin, das heute das, was interessiert nicht zu sehr die Variabilität des Schemas ist als vielmehr die Tatsache, dass man endlos auf ihm variieren kann und eine endlose Variabilität hat alle Merkmale der Wiederholung, aber nur sehr wenige der Innovation. Was hier gefeiert wird, ist eine Art Sieg des Lebens über die Kunst mit dem paradoxen Ergebnis, dass die moderne Ära der Elektronik […] eine Rückkehr der Kontinuität des Zyklischen, Periodischen, Regulären“, eine „Moderne Dialektik der Innovation und Wiederholung produziert“(S.174***).

Wie also könnte ein Star Wars-Film aussehen, der einerseits einen autonomem ästhetischen Wert besitzt und sich andererseits nahtlos in die Reigen der bereits existierenden einfügt, ohne an Innovation einzubüßen? Welche Kriterien müsste er erfüllen?

Eco formuliert zwei Kriterien einer modernen Lösung über die Ästhetik des Seriellen:

„1. Es muss sich eine Dialektik zwischen Ordnung und Neuheit oder Schema und Innovation bilden.
2. Diese Dialektik muss vom Empfänger realisiert werden: er darf nicht nur die Inhalte der Botschaft wahrnehmen, er muß auch erfassen, in welcher Weise die Botschaft ihre Inhalte übermittelt“(S.167).

Es geht also darum, „wie die Komponenten eines [Films] segmentiert und kodifiziert werden, um ein System von Invarianten zu etablieren, wobei dann alles, was sich in diesem System nicht einfügt, als unabhängige Variable definiert wird.“(S.175, O.Calabrese)

Eco nennt diese neue Ästhetik neobarock. Sie soll sich durch „organisierte Differenzierung, Polyzentrismus [und] regulierte Irregularität“ (S.175) auszeichnen.

Was das bedeutet ? Keine Ahnung! Sag nicht immer >du wirrköpfiger Philosoph< zu mir!

 

  1. Eco: Über Spiegel und andere Phänomene, dtv-Verlag, ISBN: 9783423129244
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Intertextualität
  3. Vgl. den zitierten Aufsatz von Costa und Quaresima in Cinema & Cinema, 35-36

Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört, Episode I

Es war einmal vor langer Zeit, da mein Bruder mich darauf hinwies, dass Blogeinträge möglichst kurz sein sollten, weil sie potentielle Leser sonst abschrecken. Darum poste ich die verschiedenen Teile dieses Artikels in Abständen. Außerdem ist es strategisch auch besonders schlau, da ihr dann vielleicht öfter hier vorbeischaut, um zu sehen, ob Teil 2 (3, 100, wer weiß?) schon draußen ist. Und ich habe somit vielleicht die Möglichkeit, euch durch das Abwarten so sehr auf die Folter zu spannen, dass ihr die literarischen Mängel vor lauter Freude eher überseht. Natürlich müsste Teil 1 dafür aber erst mal gut sein. Ohje, na gut, fangen wir an.

Star Wars IV ist ein Märchen, das im Weltraum spielt und der Genredefinition nach nicht Sciene-Fiction ist. Das Wort „science“ bedeutet übersetzt Naturwissenschaft und folglich muss die Science-Fiction zumindest teilweise einen realistischen Blick in Richtung technologischer Entwicklung auf Grundlage gegenwärtiger wissenschaftlicher Erkenntnisse geben, ebenso mit Berücksichtigung der tatsächlichen physikalischen Welt.*
Star Wars scheißt deutlich auf die Physik. Und um das zu unterstreichen, kündigt es schon vor dem Titel an, „in einer weit weit entfernten Galaxis“* zu spielen. Es wird nicht erklärt, warum die Figuren auf den Raumschiffen nicht durch die Gegend schweben, übergangen oder zumindest verschleiert wird die tatsächliche Beschaffenheit des Lichtschwerts/Laserschwerts (oder ist es Plasma? (Hubert:2006)), auch kann Masse einfach auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden, es gibt Überlichtgeschwindigkeit, es gibt offenbar keine Zeitdilatation und so weiter. Wenn euch die Begriffe nichts sagen, gebt’s bei Google ein, es soll in diesem Artikel nicht meine Aufgabe sein, euch das zu erklären und ich verschwende lieber Zeilen damit, euch zu erklären, dass ich es euch nicht erklären will, anstatt es euch zu erklären.
Diese „science“ ist übrigens auch der große Unterschied zwischen Star Wars und Star Trek. Wer hat es nicht schon immer wissen wollen, warum diese verfeindeten Lager sich gegenseitig zerfleischen? Aber es ist doch wohl eher eine Gefühlssache, was man lieber mag. Ich zumindest fühle mich nicht allzu mies, mich auf der Seite der der Realität galaxieentfernten Träumer und Utopisten wiederzufinden. Sie sind vielleicht nicht unbedingt die Vordenker, aber die Andersdenker, aber wer sagt, dass das eine besser als das andere ist?

Der „Kieg der Sterne“ ist wie eine klassische Märchenerzählung oder wie ein Heldenepos aufgebaut.* Der anfangs noch naive und unschlüssige Luke Skywalker muss wie Odysseus, Herakles oder Achilles, verschiedene Aufgaben bewältigen und unterschiedlichen Gegnern entgegentreten, was unmittelbar zu seinem Reifeprozess beiträgt. Der klassisch männliche Held befreit die Prinzessin (nicht ganz so in Nöten: Leia) aus der schwarzen Festung oder Burg (dem Todesstern); auf seiner Reise begegnet er allerlei kuriosen Geschöpfen, neuen Freundschaften und Mentoren, was einerseits dazu beiträgt, seinen Welthorizont zu erweitern und ihn andererseits auch auf seine Endaufgabe vorbereitet, die darin besteht, sich schließlich seinem Endgegner zu stellen, was faktisch aber erst in Episode V geschieht.

Während die älteste Trilogie (Episode IV, V und VI) noch die positiv verlaufende Entwicklung des Protagonisten Luke Skywalkers verfolgt, sieht man in den sogenannten und von Fans sehr kritisierten Prequels (1999-2005) den negativen Ausgang einer Entwicklung, den Verfall, des Anakin Skywalkers, Lukes Vater und Darth Vader.
Nun wirken diese so umstrittenen Prequels natürlich wie unermesslich originelle und wertvolle, aus dem Star Wars-Universum nicht mehr wegzudenkende Schätze, im Vergleich zu dem Schund, den uns Disney seit 2015 unterzujubeln versucht.

Endlich die Kritik!

Getarnt unter dem Titel „Star Wars“, angeheizt durch ein Merchandising, das Vorangegangenes weit in den Schatten stellt, verstecken sich die Filmproduzenten hinter geheuchelter Nostalgie, die vor allem darin zum Vorschein kommt, dass sie uns bekannte Artefakte aus dem Universum selbstgefällig und breittretend einleitet. Zum Beispiel mit betonter Beiläufigkeit, die niemanden täuscht, wenn Rey und Finn zum Millenium Falken rennen und wir – die Zuschauer – die „Schrottmühle“ zum ersten Mal seit 1983 (“ Die Rückkehr der Jedi-Ritter“) wieder sehen – heißt, sie orientieren sich (entlarvend!) nicht etwa an der von George Lucas‘ vorgesehenen Chronologie der Episoden, sondern an der empirischen Realität der „Erscheinungsdaten“. Das heißt auch, dass sie dem Zuschauer mehr Respekt zollen, als der Saga (obwohl sie hier zwei Fliegen mit einer Klappe hätten schlagen können, da man Fans ja meistens dann glücklich macht, indem man die Saga respektiert). Aber hätten sie dasselbe mit, sagen wir, einem Podrenner oder irgendeinem anderen Artefakt der Prequels gemacht, die uns zeitlich ja näher sind, hätte das einfach nur lächerlich gewirkt. Nach vierzig Jahren und nach dem Feedback: „Die Originaltrilogie war die beste“ lebt sichs sicher und gut, die Zuschauer mit ihrer Nostalgie zu überführen, um die lahme Story zu verstecken. Selbes gilt für den melodramatischen ersten Auftritt von Han und Chewie: „Chewie, wir sind zu Hause“ (und alles so: aawww!) – Ew! Ein echter Star Wars hätte so eine Gesäusel nicht nötig gehabt. Umso mehr hat es Episode VII sehr wohl nötig, sich hinter den „alten“ (also bewährten) Dingen zu verstecken und heimst lieber ein bisschen vom Ruhm anderer ein, anstatt sich etwas Neues cooles einfallen zu lassen. Wer sagt denn, dass alles, was nicht George Lucas geschaffen hat, nicht auch Star Wars sein kann? Ich habe Fan Fictions gelesen (ja, und?!) die mehr Star Wars waren als diese neuen Filme!

Augenzwinkernd wurde uns auch eine neue Version der Kantina-Szene aus Episode IV angeboten. Nur halt – scheiße. Wirklich neu war der Todestern-Planet auch nicht. Naja, machen wir mit den tollen Charakteren weiter.

Ich weiß nicht, woran’s liegt aber irgendwie kommen diese lieblos entwickelten Figuren einfach nicht aus ihren Stereotypen raus – Rey. Finn. Poe. Kontrastlos stehen sie da, eine Prise Han Solo hier, einen Hauch Padme (die Frisur!) dort. Aber: Diversity! Hier gilt das Rezept des heutigen Populärkinos: wenn man aus kommerziellen Gründen auf den Feminismus- und ethnic-diversity-Trend aufspringt, lässt sich das als so vorbildliches ideologisches Statement auslegen, dass man sich interessante Charaktere sparen kann! Und außerdem: so modern sind sie doch gar nicht, oder? Rey ist die weibliche Version des ebenso machtbegabten und technisch versierten Luke und Poe Dameron ist durch seine Schlagfertigkeit mit dem Niveau eines Klassenclowns der Unterstufe („So who talks first? I talk first? You talk first?“) einfach ein weiterer guter böser Bub! Das einzig interessante und neue hinsichtlich seines Charakters kam von Seiten der Fans, ein Hype um eine mögliche romantische Beziehung zwischen ihm und Finn, die durch zweideutige Kamerawinkel und einen eindeutigen Blick Poes befeuert wurde. Hier hätte Disney Stärke zeigen können, um zum ersten Mal ein homosexuelles Paar in dem größten Film-Franchise der Welt zu integrieren, wenn sie schon so viel wert auf Fan-Feedback legen. Aber wahrscheinlich fürchtete man Einspielverluste in China und Russland. Schwach, Disney. Fortschritt ist anscheinend nur dann erstrebenswert, wenn es sich finanziell lohnt. Dahingehend will man kein Risiko eingehen. Obwohl man doch gerade als großer Konzern mit einer Reichweite, die Millionen von Menschen umfasst, diese Macht und somit auch Verantwortung. Aber im Kapitalismus sind alle Konsumenten gleich – und es gilt nach dem Mantra der Populärkultur: den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden und sich ja nicht anmaßen, moralische Werte zu verkünden. Mit Konservativismus ist man hier also auf der sicheren Seite…

Finn, der Charakter mit dem wir uns wohl identifizieren sollen, weil er irgendwie von nichts einen blassen Schimmer hat, schafft es irgendwie, die geistigen Fesseln seiner autoritären Militärausbildung zum Sturmtruppler abzuwerfen und zu erkennen, dass er bei „den Bösen“ mitspielt, um sich dann ohne großartige moralische Hinterfragungen auf die Seite der Rebellen zu werfen. Ja, denn bei der Klärung der Fronten wird auf das traditionelle schwarz-weiß-System der Originaltrilogie  gesetzt – das Imperium ist böse und die Rebellen sind gut. Aber hätte euch nicht auch dieses „irgendwie“ interessiert? Wie emanzipiert sich Finn? Ist das nicht die interessanteste Frage, die seine Figur aufwirft? Wie schafft er es, obwohl er offenbar in totalitären Strukturen aufgewachsen ist, einen eigenen Willen zu entwickeln und – wie Kant sagen würde – sich „seines eigenen Verstandes zu bedienen“? Als Erklärung bekommen wir nur den negativen Ansatz von seiner Ausbilderin angeboten, die seinen moralischen Konflikt als Fehler im System deklariert. Moralethische Fragen sind in einer totalitären Ordnung, die nur auf Gehorsam ausgelegt ist, ein Fehler im System, sofern sie dieses System infrage stellen, was die Definition „totalitär“, das heißt, keine Alternativen duldend, per se ausschließt. Auf ethischer Ebene: folgt daraus dann, dass, wenn das System (moralisch) schlecht ist, der Fehler im System automatisch (moralisch) gut ist?

  • „Viel zu lernen du noch hast“ – Star Wars und die Philosophie, Hg.: Catherine Newmark, S. 220
  • Star Wars I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII
  • Joseph Campbell (Monomythos) schaut euch hierzu unbedingt diese arte-Doku an: https://www.youtube.com/watch?v=BOFELVit38I

Das gute Leben

Warum sollte ein hedonistischer Lebensstil weniger erfüllend sein, als einer, der der Sinnfindung und -gebung gewidmet ist?

Lust zu befriedigen und Leid zu vermindern, könnte das wirklich das Wahre sein?

Warum nach Tieferem suchen, warum nach vermeintlich Höherem streben? Denn ist der Sinn nicht schlicht und ergreifend eine Illusion, die wir uns geben, weil wir uns nicht vorstellen mögen, dass es so einfach ist? Den Erscheinungen misstrauen und versuchen, unter den Boden der Tatsachen nach so etwas metaphysischem wie Sinn suchen. Ist es die Hybris des Menschen, eine bloße Anmaßung, zu denken, dass es mehr gäbe, als die Welt uns zeigt?

Warum kann das Leben nicht einfach so einfach sein – eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, wie wir, möglicherweise individuell, aber nicht zu sehr, auf die Umwelt reagieren und mit ihr interagieren? Reiz-Reaktion, nicht mehr.

Ein Leben richtet sich viel nach biologischen Bedürfnissen, wie Essen und Trinken, Sex, Schlaf. Zu den etwas komplexeren Bedürfnissen gehören Geltungs- und Statusbedürfnisse, diese könnte man außederdem unter die kulturellen und sozialen zählen. Sie setzen sich aus dem zusammen, was die Gesellschaft – Staat, Familie, Freunde – von einem erwartet und stillt Bedürfnisse auf beiden Seiten – wobei die eigene Seite, aus rein subjektiven Gründen ohnehin näher an einem selbst, meistens überwiegt und man die Kontakte so dosieren kann, wie es einem passt. Verspürt man das Bedürfnis nach Gesellschaft, begibt man sich in sie, andererseits macht man auch Kompromisse oder man lässt sich hinreißen, um den Bedürfnissen der Anderen Genüge zu tun und zahlt Steuern, geht arbeiten und beteiligt sich am gesellschaftlichen Leben.

Außerdem wären da noch psychische Bedürfnisse, auf die zu achten keine Selbstverständlichkeit ist und deren Erfüllung nicht so unmittelbar folgt, wie die der biologischen. Psychische Bedürfnisse sind aber, anders als die unmittelbaren biologischen, langfristiger und weitreichender Pflege bedürftig. Wie man vom Essen sagen kann, dass es auf einen unmittelbaren Drang, den Hunger, folgt, gibt es durchaus auch unmittelbare psychische Bedürfnisse – wie das nach Nähe, einen Anflug von Wut oder Zärtlichkeit loszuwerden, kurz ängstlich oder besorgt zu sein und so fort. Aber wie die körperliche Gesundheit nicht immer dadurch zu erhalten ist, plötzlichen Gelüsten nachzugeben, im Vertrauen darauf, dass der Körper immer nach dem verlangt, was ihm auch guttut, ist die Pflege der psychischen Gesundheit durchaus auch längerfristiger Pflege bedürftig. Wie man den Körper auf lange Sicht erhält, indem man sich gut ernährt, Sport treibt, nicht raucht, wenig Alkohol trinkt – so kann man auch der Psyche entgegenkommen, indem man sie umsichtig pflegt. Denn wie auch der Körper Infektionen wie Erkältungen, Grippe kennt oder Verletzungen, wie kleine Schnittwunden,blaue Flecke oder gar gebrochene Gliedmaßen, so ist es bei der Psyche nicht viel anders – Panikattacken könnten möglicherweise sublimierte Gefühle an die Oberfläche spülen, wie eine Erkältung Bakterien mittels Schleim aus dem Körper schleust – beides unangenehme, aber nötige Vorgänge, für die man dem Immunsystem und dem Unterbewusstsein, das vielleicht das Immunsystem der Psyche ist, dankbar sein kann. Ernsthaften Erkrankungen kann man aber keinesfalls die Selbstverschuldung unterstellen.

Wenn man in stetem Austausch mit der Außenwelt lebt, ist es unvermeidbar, dass Körper und Psyche und Geist von dieser geformt werden. Die geistigen Bedürfnisse sind, grob umrissen, das Bedürfnis nach der Verarbeitung von Informationen. Ja, jeglicher Informationen. Bekanntlich leben wir ja in einem Informationsflutzeitalter, indem es schwierig ist, die herauszufiltern, die für uns wichtig sind. Allerdings ist der Zugang zu Informationen weniger schwierig, wie in vergangenen Zeitaltern. War es die Aufgabe früherer Generationen, sich die nötigen Informationen überhaupt erst zugänglich zu machen, so besteht unsere heute eher darin, sie zu filtern, sie in einer schier unübersichtlichen Masse ausfindig zu machen und unser Gehirn von Abfall reinzuhalten, den Müll zu trennen und auch zu entsorgen. Wissen, die Frucht und Befriedigung geistiger Bedürfnisse, ist ein weit gefasster Begriff. Er kann von der Kenntnis, wer mit wem gerade was am Laufen hat – Tratsch –, über das Entdecken und die Umsetzung eines neuen Kochrezeptes, bis zu der Verinnerlichung von Quantenmechanik reichen. Wieder gilt es, das kurzfristige Informationsbedürfnis mit dem längerfristigen in Einklang zu bringen. So kann eine willkürliche Anhäufung von Detailwissen nicht zur Bildung eines einheitlichen Verständnisses beitragen, wie etwa die Kenntnis aller Expartnerinnen von James Franco. Quantität bedeutet nicht auch Qualität. Andererseits ist kurzweiliges „Futter“, wie das Lesen von Kurznachrichten oder Whatsapp-Messages auch etwas, was man dem Gehirn nicht bedingungslos vorenthalten sollte – das Gehirn verlangt danach, weil es dadurch schnell befriedigt ist – wie es nach Zucker verlangt, weil der schneller ins Blut geht. Auf Süßigkeiten gänzlich zu verzichten macht nicht nur keinen Spaß, sondern soll sogar ungesund sein – Selbstkasteiung ist eben auch nicht immer zielführend, aber das Maß macht die Melodie.

Körper, Psyche und Geist mögen je nach individueller Konstitution unterschiedliche kurzfristige und langfristige Bedürfnisse hervorbringen – sie ernsthaft kennenzulernen bemühen sich jedoch die wenigsten. Einem mag das Leben in Extremen gut bekommen und Exzesse gut wegstecken, einem anderen ist ein geregelter Tagesablauf jedoch unerlässlich.

Süßigkeiten – das sind für den Körper ist das Schokolade, für die Psyche ist das ein One-Night-Stand, und für den Geist ist das die Netflix-Serie. Sie erfüllen alle drei das kurzfristige Ziel, sich schnell befriedigt zu fühlen. Das bedeutet nicht, dass die Aneinanderreihung dieser Tätigkeiten ein erfülltes Leben bedeutet.

Aber was sind dann diese längerfristige Bedürfnisse, die so sinnstiftend sein sollen?

Da wären zum Beispiel, sich gesteckte Ziele zu erfüllen. Ernsthafte und tiefe Verbindungen zu Menschen aufbauen und zu unterhalten. Ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln …

Ein bloßes Leben-als-wäre-jeder-Tag-dein-Letzter, YOLO und zukunftsverleugnende Scheiß-drauf-Einstellungen können, wenn sie auf Dauer gelebt werden, verheerend sein – da sie nur als kurze Ausflüchte und Einlagen zum Leben wohltuend funktionieren, dienen sie unserer wahren Natur weniger, die auf eine Mischung, eine Abstimmung aus beidem angelegt ist. Andererseits ist diese kurzlebige Einstellung nur die logische Folge aus unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Nicht nur Waren und Dienstleistungen werden ohne einen Gedanken an morgen konsumiert, sondern auch Menschen. Was nicht gefällt, mit dem muss man sich auch nicht unnötig länger beschäftigen – das Angebot auf dem Markt ist scheinbar unendlich! Die Marktmoral greift zunehmend auch auf unser Privatleben über und macht uns zu blinden, ferngesteuerten Konsummaschinen, die den Reichtum einiger Weniger speisen, nach deren abartigem Vorbild zu streben uns antreibt.*

Was können wir nun aus dieser nicht sehr ermutigenden Bilanz ziehen?

Summe aus Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse ǂ gutes Leben
aber
optimal Abstimmung und Erfüllung langfristiger und kurzfristiger Bedürfnisse = gute Leben

Wir erweisen der Zukunft Respekt, wenn wir die Gegenwart erfüllend leben und nicht dauernd aufschieben, zu leben. Die langfristigen Bedürfnisse zeigen sich zwar nicht so unmittelbar wie die kurzfristigen, aber haben nur einen Grad an Schwierigkeit mehr als diese, ausfindig gemacht zu werden. Die Synthese aus beiden herzustellen, ist eine schwierige Aufgabe, führt aber womöglich zu höherem Glück.

  • Patrick Schreiner – Warum Menschen sowas mitmachen: Achtzehn SIchtweisen auf das Leben im Neoliberalismus

Gut sein

Schlechtsein ist wie fauliges Gift, das durch die Adern kriecht und eine schwarze Spur hinter sich herzieht. Es befällt den Kopf und nistet sich dort ein. Das Schlechte braucht immer einen Wirt, es ist ein Parasit. Es zehrt von dem Organismus, den es befällt und schließlich zerstört. Es ist Egoismus und Habgier, Rache und Missgunst.

Gut ist man nicht aus Erwägungen heraus, die vernünftig sind oder dem eigenen Vorteil dienen. Diese Motive machen eine Handlung nicht gut. Wenn man utilitaristische Kosten-Nutzen-Bilanzen im Hinblick auf seine Handlungen anstellt, führt man kein redliches Leben.

Das Gute ist immer sein eigener Zweck, nie Mittel. Wenn eine gute Handlung zu einem anderen Zweck als um ihrer selbst willen vollzogen wird, kann sie nicht mehr gut sein. Fangen wir damit an, den Begriff des Guten mit der Definition zu umreißen, dass gut ist, was anderen nicht nur nicht schadet, sondern nützt. Es kann eine gute Handlung sein, andere Menschen zu erfreuen, zufriedenzustellen, ihnen zu helfen – so zu handeln, dass nicht (nur) man selbst, sondern auch andere einen Nutzen davon haben. Es kann aber auch schlicht sinnvoll sein und aus rationalen Erwägungen motiviert sein, die nichts mit Altruismus oder Nächstenliebe zu tun haben und andere Zwecke verfolgen, von denen die gute Tat nur ein nettes Nebenprodukt ist, mit dem man sich nur allzu gerne schmückt oder es dafür benutzt, sich ein makelloses Selbstbild vom Tugendhaften vorzuspiegeln, um dem Egoisten, der man wirklich ist, nicht ins Auge sehen zu müssen.

Das Gute verfolgt nie einen Zweck, es ist sein eigener Zweck. Vielleicht gehört es zur Eigenheit des Guten, nie Mittel auch nur sein zu können, da man in jeder denkbaren Situation, in der eine gute Handlung dafür verwendet wird, einen Zweck zu erfüllen, nicht mehr von einer rein guten Tat sprechen kann.

Eine gute Tat ist dann gut, wenn die Motive gut sind.

Man handelt für das Gute. Das gute ist der Zweck des Handelns. Man handelt gut, weil man Gutes bewirken will. Ob das Resultat auch wirklich gut ist, ist nicht wesentlich. Die gute Tat ist also solche als Handlung gut und bemisst sich nicht an ihrem Ergebnis – entgegen der utilitaristischen Maxime: „Handle so, dass für eine maximale Anzahl von Menschen maximaler Nutzen erzielt wird.“ Danach wäre eine gute Handlung nur dann eine, wenn sie auch tatsächlich Guted bewirkt hätte und außerdem auch nur retrospektiv als solche zu erkennen. Die Motive des Handelnden sind dabei unwesentlich. Das halte ich für blöd. Aber gut, wer fragt mich schon.

Das Gute als Begriff ist kein intrinsisch bestimmbarer Begriff – man kann also keinen Inventar an Gegenständen, Taten, Menschen, erstellen, die an sich gut wären, also das Gute als manchen Dingen inhärente Eigenschaft. Etwas, was für den einen gut ist, mag für den anderen schlecht sein.

Wenn ich einem alten Mann über die Straße helfen will, weil ich seine Situation als hilfsbedürftig interpretiere, bedeutet das zwar in der Hinsicht eine Hilfe, dass er die Straße vermutlich sicherer überqueren wird als ohne meine Unterstützung, also kurzfristig, aber nicht unbedingt langfristig, da es vielleicht klüger wäre, er würde das selbstständige Gehen nicht verlernen. Dabei ist der Prozess des Alterns regressiv und die Koordinationsfähigkeit nimmt ohnehin eher ab als zu. Und außerdem – was mir das gute Gefühl geben würde, eine selbstlose Tat vollbracht zu haben, muss sich nicht auch automatisch für den alten Mann gut anfühlen. Er könnte angesichts der Tatsache, dass man ihn als hilfsbedürftig empfindet, Einbuße in seiner Selbstachtung erfahren. Schon bei so simpel scheinenden Ausgangssituationen wie dieser geraten die Säulen der Definition des Guten ins Wanken.

Die Situation ist eventuell so komplex, dass der simple Impuls der Hilfsbereitschaft – also unsere Intuition – nicht reicht, um eine gute Tat zu vollbringen. Man müsste, viel aufwändiger, alle relevanten Faktoren berücksichtigen, um eine Einschätzung treffen zu können und sich, sofern sich nicht genug ergeben, jegliche Handlung unterlassen, da alles andere fahrlässig und willkürlich wäre. Anders und einfacher gesagt – die Absicht zu haben, eine gute Tat zu vollbringen, bedeutet nicht, dass sie auch tatsächlich Gutes in der Welt bewirkt. Es ist eine Deduktion, die nicht aufgehen kann: wenn die Prämissen gut sind, ist es die Konklusion nicht zwangsläufig.  Gut zu sein, seiner Intuition folgend, die einem etwas diktiert, wäre ohne Reflexion aber ebenso egoistisch wie eine gute Tat zu tun, um einen anderen Zweck als das Gute zu erreichen, da man so lediglich dem eigenen Bedürfnis nach Hilfsbereitschaft nachkommen würde – und wenn das intuitiv als gut Empfundene nur die Befriedigung eines eigenen Bedürfnisses wäre, so würde man wieder nur sich selbst genüge tun und  – egoistisch handeln.

Blabla!

Unsere Art, zu kommunizieren, ist nicht auf die Sprache beschränkt.

Wir sind in der Lage, Mimik und Gestik und sogar kleinste Anflüge von Emotionen, die über ein Gesicht huschen, zu identifizieren und zu interpretieren.

Fangen wir beim Subjekt an – wer ist es, der überhaupt kommunizieren will?

Ein Subjekt. Ein Ich. Eine Person. Persona, das ist Latein für die „Maske“, die die Schauspieler im antiken Theater trugen, und namentlich auch die Stimme, die darunter Hervortönte. Weiterhin definiert Wikipedia psychologisch die Persona als „nach außen hin gezeigte Einstellung eines Menschen, die seiner sozialen Anpassung dient und manchmal auch mit seinem Selbstbild identisch ist.“ Also ist eine Person beides – die gesellschaftliche Maske des sozialverträglichen Verhaltens, wie auch das, was hinter ihr liegt. Für C.G. Jung ist die Maske nur ein Teil einer Kollektivpsyche, die zusammen einen „Kompromiss zwischen Individuum und Sozietät“ bilden. Anpassung geschieht demnach oft zu Lasten des Indivduums.

Wie kann kommuniziert werden?

Und hier fängt schon die unüberschaubare Bandbreite der Möglichkeiten an. Von Mimik und Gestik, über Ironie und Sarkasmus und anderen Stilmitteln, bis hin zu Intonation und Lautstärke – es gibt tausend Arten, wie ein Inhalt transportiert werden kann.

Thomas Shelby – der beinahe skrupellose birminghamer Gangsterboss, für den der Zuschauer in drei Staffeln der Serie „Peaky Blinders“ aufgrund der Sorgfalt der Autoren und des vielschichtigen Spiels des Schauspieles, eine aufrichtige Sympathie entwickelt hat – erwidert auf die Nachfrage seines schon etwas älteren Dienstmädchens, ob er heute schon das aufgrund seines Schädelbruchs verordnete Morphium zu sich genommen habe, folgendes:

Lesen Sie in der Bibel, Mary?“

Ab und zu mal.“

Und lesen Sie sie vor, während Sie nackt an meinem Bett stehen?“

Mary verdutzt und sprachlos

Denn … wenn ich das Morphium nehme, das ich vom Arzt hab, tun Sie das. Ich bin hellwach, aber Sie stehen da – nackt, völlig nackt – und lesen aus dem Buch Leviticus …wollen  Sie wissen, was dann passiert?“

 Mary schüttelt den Kopf

Nein. Ich auch nicht. Deshalb habe ich die Medizin weg geschüttet.“

Analyse nach dem Kommunikationsmodell nach Friedmann Schulz von Thun

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  • Sachebene und Beziehungsebene

Tommy will Mary vermitteln, dass das Morphium eine psychedelische Wirkung hat und durch das Beispiel verdeutlichen, dass die Visionen, die er dadurch bekommt für beide Seiten gleichermaßen beängstigend und unangenehm sind, weshalb es auch unleugbar in ihrer beider Interesse liegt und seine Handlung begründet, es weggeschüttet zu haben. Er erklärt damit, dass sich Mary und er auf der gleiche Beziehungsebene befinden, nämlich auf einer solchen, auf der derlei Visionen die Grenzen beider überschreiten. Er erweist ihr damit seinen Respekt.

  • Ebene der Selbstkundgabe

Gleichzeitig klingt durch, dass der Schmerz seiner Verletzung offenbar nicht mehr so groß ist, als dass er für dessen Betäubung die psychoaktiven Nebenwirkungen der Droge in Kauf nehmen würde. Durch die lustige und ironische Art, wie er seine Bestürzung über seine Vision äußert, behält er die für ihn charakteristische Gelassenheit.

  • Appellebene

Durch die kluge Art, wie Thomas es schafft, Marys ursprünglich einfache Frage in ein Frage- und Antwortspiel seinerseits zu lenken, markiert er seine ihr höher gestellte Position als ihr Vorgesetzter und Überlegener, der er ist. Ihre Nachfrage wird eher aus fürsorglichen Motiven und nicht aus reiner Neugier getroffen. Trotzdem verweist Tommy sie auf ihren rechtmäßigen Platz. Er macht unmissverständlich deutlich, dass er Fragen nach seinem Wohlergehen nicht wünscht, vor allem wenn sie unter Berufung auf ärztliche Anordnungen – also eine womöglich ihm höher gestellte Autorität – beruhen, und versichert außerdem, dass er sehr wohl in der Lage ist, auf sich selbst aufzupassen und eigens rational vernünftige Entscheidungen über den Verlauf seiner Genesung zu treffen.

Interessanterweise schafft Tommy Shelby in diesem kurzen Dialog, unglaublich viel zu vermitteln, indem er sich der Zügel des Wortwechsels unmissverständlich annimmt: Durch die spielerische Art, wie er seine kleine Geschichte illustriert, behält er die Oberhand. Er arbeitet mit Suggestivfragen, erahnt oder weiß sogar genau, was Mary erwidern wird, um seine kleine Rede und damit auch die Aussage, die er vermitteln will, funktionieren zu lassen. Diese rhetorische Raffinesse bezeugt in diesem kurzen Dialog (der ja eigentlich kein richtiger ist) seine Intelligenz, seine Überlegenheit, sein Genie.

Für den Zuschauer ist das eine nette, kleine und lustige Szene – illustriert sie doch so genau den komplexen Charakter des Protagonisten. Und, wie man merkt, funktioniert sie ohne Zusammenhang und auch ohne Kenntnis der restlichen Handlung der Serie kann man erahnen, was für ein gewieftes Gangstergenie dieser Typ sein muss, sollte er sich rhetorisch so gut auch in anderen Situationen schlagen.

Kommunikation auf höchster Ebene! Die Nachricht ist angekommen, man hat verdeutlicht, was man selbst will und wer man ist. Unmissverständlich.

Dabei liegt die Frage nach Manipulation natürlich nahe. Diese kann meiner Meinung nach aber nur stattfinden, wenn beide Partien über eine unterschiedliche Informationsfülle verfügen – das Gleichgewicht ist gestört. Sender weiß mehr als und vielleicht sogar über den Empfänger und nutzt dieses Wissen gezielt aus. Die Kommunikation ist fatalistisch. Sie ist kein Austausch von Informationen, die Sender und Empfänger gleichermaßen bereichern, sondern dient lediglich dem Zweck der Seite, die manipuliert, weil sie irgendetwas erreichen will.

Der Zweck von Kommunikation ist also nicht nur der Austausch von Informationen, also eine reine Selbst- oder Fremdversorgung von Wissen (die meisten hätten sich plötzlich nichts mehr zu sagen!) Damit wäre nach Schulz von Thun nur die Sachebene bedient. Den anderen Ebenen geht es darum, die Beziehung der Kommunizierenden zu bereichern, zu pflegen. Man redet, um zu reden. Deshalb gibt es Smalltalk. Smalltalk ist für Menschen für das, was für Hunde die Riechprobe am jeweils anderen Hinterteil ist. Jo, passt, du scheinst mir soziabel zu sein. Die Selbstkundgabe ganz um ihrer selbst willen ist etwas Schönes bei Freund- oder Partnerschaften, auch wenn sie leicht in Selbstloppreisung und Selbstdarstellung abgleiten kann.

Wenn es aber anscheinend so viele Möglichkeiten für den Sender gibt, einen Inhalt zu vermitteln und wiederum so viele Möglichkeiten für den Empfänger, ihn aufzufassen – wie zur Hölle kommunizieren? Im Grunde kann man davon ausgehen, dass, wenn man „einen Draht zueinander hat“, die Kommunikation erfolgreich ist – etwas also genau, oder im Groben, so aufgefasst wird, wie es gemeint ist. Wenn nicht, und wenn einem die misslungene Kommunikation nicht auffällt, entstehen Missverständnisse.

Wenn man frägt: „Hast du Feuer?“, dann geht man davon aus, dass der Empfänger versteht, dass mit „Feuer“ ein Feuerzeug gemeint ist (ein typischer Fall des rhetorischen Stilmittels der Synekdoche, bei der das Ganze für einen Teil, totum pro parte, steht) und  außerdem, dass es sich nicht um die simple Nachfrage, ob man sich aktuell im Besitz eines Feuerzeugs befindet, handelt, sondern, dass man Feuer für seine Zigarette bräuchte. Menschen mit Formen des Asperger-Syndroms oder Autismus hätten damit Probleme, während es sich für uns um simple soziale Umgangsformen handelt.

Der Gebrauch von Sprache ist ein Konsens: wir einigen uns darauf dass wir das gleiche unter einem gemeinsamen Begriff verstehen. Wenn wir „Teller“ sagen meinen wir damit meistens auch die meistens runde Platte, auf der wir Nahrung platzieren, um sie zu essen, und keinen Autoreifen. Dabei hat jeder eine andere Vorstellung vor seinem inneren Auge, wenn er dazu aufgefordert wird, an irgendeinen Teller zu denken. Kant würde sagen, man konstruiert im Kopf ein Muster, nach dem man die Kategorie „Teller“ relativ sicher bestimmen kann, auch wenn man noch nicht jeden Teller, den es gibt, kennt. Zu dem Begriff Teller könnten also die Eigenschaften „rund“, „flach“, „kleine Einmuldung“, „aus Keramik, Ton oder Glas“ gehören, um mit großer Sicherheit von einer Sache mit denselben Eigenschaften sagen zu können, dass es sich um einen Teller handelt. Schwierig wird es, wenn man die Autorität der Sprache aushebelt, ihr die Funktion nimmt, ein oder mehrere Wörter genau einem Gegenstand zuzuordnen. Man könnte zum Beispiel herumlaufen, und einen Baum, ein Auto oder ein Halstuch „Teller“ nennen. Dann wird es schwierig und Verständigung nahezu unmöglich. Oder umgekehrt, wenn man einem einzelnen Gegenstand immer andere Namen gibt. Das wäre Chaos in der Sprache. Oder stellen wir uns eine Inflation der Sprache vor – geschieht bereits bei uns. Wenn sich ein Wort regelrecht mit so vielen Bedeutungen auflädt, dass es schwierig wird, es zu verwenden. Zum Beispiel bei geschichtlich-kulturell belasteten Wörtern, wie „Emanzipation“. Etymologisch hat der Begriff seinen Ursprung im Lateinischen (emancipatio) und bedeutet „Entlassung aus der väterlichen Gewalt“ oder „Freilassung eines Sklaven“. Der Begriff ist geschichtlich vielen Bedeutungsverschiebungen unterworfen gewesen und ist heute noch stark auf den Kontext angewiesen, in dem es verwendet wird. Bedeutete es zunächst ein Gewähren von Selbstständigkeit, wurde es später zum Inbegriff aktiver Selbstbefreiung, geprägt durch die europäische Aufklärung; schließlich steht es heute allgemein für eine „Befreiung von Gruppen, die aufgrund ihrer Rasse, Ethnizität, Geschlecht, Klassenzugehörigkeit usw. diskriminiert wurden“, oder speziell für die Frauenemanzipation. Worte bezeichnen einen Gegenstand oder einen Sachverhalt in der Welt, die schon eine lange Geschichte hat. Sprache ist ständigen Wandlungen unterworfen. 

Aber selbst wenn Worte unmissverständlich verwendet werden, gibt es noch Hürden. Aussagen können auch deshalb falsch interpretiert werden, weil man der Person andere Motive unterstellt, als diese ausspricht. Man spürt oder aber man meint nur zu spüren, dass die Absicht der Person mit der Aussage, die sie getroffen hat, divergiert. Misstrauen ist, wenn man dem anderen Unehrlichkeit unterstellt. 

Wenn man aber will, dass eine Person einen mag, arbeiten die für Empathie wichtigen Spiegelneuronen auf Hochtouren. Man nimmt beim Gespräch automatisch eine ähnliche Körperhaltung an und stimmt dem Gegenüber öfter zu, auch wenn man vielleicht nicht derselben Meinung ist. Man versucht, sich in die andere Person einzufühlen, ihren „Code“ zu knacken, der einem Zugang hinter die feste, normenbehaftete, öffentliche Fassade verschafft. Eine Person entschlüsseln ist, ihre Sprache zu entschlüsseln. Es gibt noch andere Ebenen als die der Sprache, um sich zu verstehen. Aber jede Ebene hat ihren eigenen Code und meistens kann die Sprache die anderen Ebenen auch gar nicht erfassen, mit ihren Werkzeugen der Worte gar nicht greifen. Man kann nicht versuchen, etwas zu erklären, das man gar nicht greifen kann. Trotzdem versucht man das ständig. Das ist nicht etwa „um den heißen Brei herumreden“, denn in dem Fall gibt es gar keine Schüssel mit heißem Brei, man nimmt nur an, dass es eine gibt. Es ist ein sinnloser Diskurs und er ist zwecklos und besser sollte man akzeptieren, dass man über manche Dinge eben nicht sprechen kann, da sie nicht dazu gedacht sind, ausgesprochen zu werden, sondern auf anderen Ebenen kommuniziert zu werden. Die Sprache kann nicht alles erfassen, oft muss sie gewaltsam an ihren Platz verwiesen werden, ihr Bescheidenheit beigebracht werden.

So können verschiedenste Interessen in Konflikt treten.

Wie hoch ist das Bedürfnis der tatsächlichen Selbstkundgabe, wie hoch das Verlangen oder die Notwendigkeit, einer Person zu imponieren? Wie wichtig einem die Reaktion des Anderen, wie weit geht man auf den anderen ein? Manchmal ist es vielleicht sogar besser, anzuecken, weil Menschen ehrlicher sind, wenn sie einem widersprechen können und so eher ihr wahres Gesicht zeigen.

Die Kenntnis dieser vielen Interpretationsweisen kann einen lähmen. Introvertierte oder schüchterne Menschen sind sich dessen vielleicht bewusster als extrovertierte. Möglicherweise hat das aber auch gar nichts damit zu tun, sondern eher mit Einfühlsamkeit. Wenn man ohne Rücksicht „man selbst ist“, einem egal ist, wie man auf das Gegenüber wirkt, so hat man vielleicht erfolgreiche Selbstdarstellung betrieben, ist aber an einer gelingenden Kommunikation und somit auch am Anderen eher wenig interessiert.

Wie könnte nun eine gelungene Kommunikation aussehen?

Man stellt sich zunächst auf das Gegenüber ein. Bei einigen gelingt das in Sekunden, bei manchen Menschen wird man dafür Monate oder sogar Jahre brauchen. Jeder Mensch backt seine Gedanken anders in den Teig der Worte. Man sagt nur einen Bruchteil dessen, was man meint, mit Worten. Das andere kommt durch die anderen Kanäle der Mimik, Gestik zustande. Des kurzen Zögerns. Das meiste, was wichtig ist, steckt in den Pausen dazwischen, vor oder nach dem Gesagten.

Erst nach dem Austausch vieler Worte fängt man wirklich an, miteinander zu reden. Man ergänzt die Gedanken des anderen, nicht durch stures Aneinandervorbeierzählen – jeder erzählt linear eine Geschichte zu irgendeinem Thema, das ohnehin belanglos ist. Nein, man baut aufeinander auf. Vervollständigt die Gedanken des Gegenübers, nicht unbedingt linear, sondern assoziativ, um gemeinsame Gedankengerüste zu bauen. 

Wenn man deutsche Talkshows französischen gegenüberstellt, fällt auf, dass in den französischen sich  die, beispielsweise, Politiker ständig ins Wort fallen. Sie unterbrechen einander, um das Argument des anderen schon im Keim zu ersticken, und nicht erst, wenn der andere mit seiner mitunter langwierigen Ausführung fertig ist, was eher in Deutschland der Fall ist – jeder ist mal dran und wer nicht mitschreibt, erinnert sich an die Argumentationskette der Gegners überhaupt nicht mehr. So wird viel aneinander vorbeigeredet und dem Zuschauer ist gar nicht mehr klar, inwiefern das Argument des einen gegen das des anderen spricht. Sich verzetteln und inhaltslos daherzureden ist in diesem Modell viel einfacher. Die französische Art wäre wie ein Zahnrad, das ineinander greift, von der einen und der anderen Seite, ein Schlagabtausch, in der das Argument mal von der einen, mal von der anderen Seite beleuchtet wird, was sinnvoll ist, denn so kann schnell klar werden, wo es hakt … dass vieles „zu komplex“ sei oder „man weit ausholen muss“ sind meistens nur faule Ausreden.

Und nicht nur in Talkshows, auch im täglichen Leben begegnen uns zuhauf derlei Situationen, in denen es Leuten nur darauf ankommt, mit ihrem Wissen zu prahlen oder die Unwahrheit rhetorisch geschickt zu verschleiern. Ein kluger Mensch, dessen Name ich mich partout nicht entsinnen kann, sagte, für ihn sei eine Diskussion viel befriedigender, wenn er als der vom anderen Überzeugte daraus hervorginge. Es gehe nicht darum, zu gewinnen, die besseren Argumente zu haben, sondern etwas dazuzulernen. Es sollte weniger um die Selbstdarstellung gehen und eher um die Vermittlung, den Austausch und die Veranschaulichung von Wissen und letztendlich um die gemeinsame Findung der Wahrheit. Ist es nicht eine Anmaßung einer Partie, zu glauben, man sei im Besitz der absoluten Wahrheit? Im Diskurs kann die Wahrheit nur kollektiv sein, sie wird gefunden im Austausch mit verschiedenen Standpunkten. Es geht um die Entwicklung gemeinsamer Gedanken.

Das sollte das Bestreben und die Priorität eines jeden Gesprächs sein. Und was könnte verbindender, was könnte intimer sein, als eine gemeinsame Wahrheit, die nur durch die eben beteiligten Personen zustande hätte kommen können – und vermutlich ein paar Gläsern Wein – man erntet gemeinsam.

Quellen:

Ein Loblied aufs Rauchen

Rauchen ist schön.

Rauchen ist toll.

Rauchen ist – tödlich?

Rauchen macht das Leben kürzer.

Aber Rauchen macht das Leben auch schöner.

Rauchen …

Klar weiß man als Raucher, dass Rauchen ungesund ist. Mitunter tödlich sein kann. Einer von Zweien stirbt an den Folgen! Trotzdem hat man mehr Angst, bei einem Unfall zu sterben. Psychologisch gesehen gibt es dafür auch Erklärungen, zum Beispiel, dass man beim Rauchen das Gefühl hat, man hätte eine Art Kontrolle darüber: man wird vor eine Wahl gestellt und entscheidet bewusst – wohingegen man bei einem Unfall völlig äußeren Kausalitäten ausgeliefert ist. Beim Rauchen verabreicht man sich das Gift in geringen Mengen selbst – eine schleichende Selbstvergiftung, mit der man zwar nicht unbedingt einverstanden ist, die man aber in Kauf nimmt. Eigentlich irrational.

Ein Ja zu einer Zigarette fühlt sich an, als würde man sich etwas gönnen.

Ja, weil sie so gut zum Kaffee schmeckt und der Kaffee besser mit Zigarette.

Ja, weil sie so gut zum Rotwein schmeckt und der Rotwein besser mit Zigarette.

Ja, nach dem Essen, denn dann verdaut’s sich besser.

Ja, komm wir rauchen jetzt noch eine, bevor wir uns verabschieden.

Die Zigarette vervollständigt Rituale und ist selbst eines.

Sie besiegelt keine Verträge, sondern Momente.

Der Tag wird somit übersichtlich, lässt sich an Zigarettenpausen und -längen messen. Die Zigaretten sind ein viel besserer Maßstab als Stunden und Minuten, weil sie subjektiv sind. Wenn viel passiert, wird auch mehr geraucht. Manche Tage scheinen länger als andere, und Zigaretten sind eine flexible Maßeinheit.

Viele kleine Rebellionen am Tag. Rebellion gegen das eigene Fleisch? Seinen Verfall verhöhnen, trotzig an der Kippe ziehen und demonstrieren: Ich bin mehr als mein Fleisch…! Oder ist es eine Rebellion gegen die Gesellschaft?

Mittlerweile ist Rauchen gesellschaftlich nur noch geduldet, aber unleugbar geächtet. Beinahe alle Gesellschaftsschichten haben die Raucher schon durch – Pfeife, Zigarre, Zigarette als Statussymbol, Zeichen des Wohlstands, des Mannes von Welt, der Frau von Welt, Zeichen des verwegenen Mannes, der rebellischen Frau. Damals Rauchen im Fernsehen, in Talkshows, in Cafes und Restaurants, im Klassenzimmer, in der Bahn, im Flugzeug – heute abgetrennte Raucherbereiche, kaltherzig eingerichtete Kabinen, deren denunzierende Verglasung schamlos preisgibt, wie man schuldbewusst seinem Laster frönt. Oh ja, als Raucher muss man heutzutage eine dicke Haut haben, neben außerdem kräftigen Lungen.

Aber Rauchen ist nicht nur Trotz. Die Trotzhaltung ist vielschichtiger. In gewisser Hinsicht hat es etwas mit Trotz zu tun, denn man trotzt gesellschaftlichen Erwartungen, sowie gesundheitlichen Tatsachen – und keiner kann diese Tatsachen noch ernsthaft leugnen oder ignorieren, in Zeiten der zerfetzten Lungenflügeln, abgestorbenen Zehen und traurigen Männern mit Potenzproblemen auf Tabakprodukten. Nein, es ist ein bewusster Verstoß. Es ist etwas, das man sich bewusst gönnt. Es ist zwar nicht verboten, aber irgendwie schon.

Stieß man früher noch bei der Frage nach „schnell mal Feuer“ auf eine nahezu hundertprozentig positive Antwort, ist das heute seltener – herablassend wird einem geantwortet: „Nein, ich bin Nichtraucher.“ Nie war Missbilligung so einfach! Beim herzerwärmenden Moment jedoch, wenn man dann mal Feuer bekommt, wenn einem zärtlich der durch die erwartungsvoll bebenden Lippen zitternde, sich zu glimmen wünschende Stängel angezündet wird, ist das ein sowohl feierlicher, als auch sexueller Moment. Ja, du, Fremder, hast meine Leidenschaft wirklich entfacht! Die Gesellschaft hasst Promiskuität, deshalb hasst sie Raucher. Aber wir Raucher, wir schlafen alle miteinander, denn was sind die Raucherrunden anderes als Orgien, eine gemeinsame leidenschaftliche Hingabe an das Schönste aller Laster …?

Rauchen ist wie ein Club, wie eine geheime Bruderschaft. Der Zusammenhalt unter Rauchern ist stark. Und selbst ehemalige Raucher sind in Vielem verständnisvoller als Nichtraucher. Mit einem rührseligen Blick, als würden sie sich an andere, bessere Zeiten erinnern, zücken sie das Feuerzeug, das sie nur noch aus Gewohnheit – oder als Andenken? – bei sich tragen, und reichen es dir, soviel Abstand muss sein. Die Nichtraucherfraktion indes ist dermaßen intolerant und missgünstig, schimpft auf „die Raucher“, und tritt diese unsere mittlerweile defavorisierte Spezies nur allzu freudig mit Füßen, weil man offiziell über Raucher schimpfen darf, seit man sie, wie Hunde, aus Restaurants und Kneipen verbannt hat. Andererseits bleibt die Raucherfront hartnäckig. Die jüngere Generation ist es schon gar nicht anders gewohnt, zum Rauchen raus zu gehen, man kann sich eine verrauchte Kneipe gar nicht mehr vorstellen. Andererseits hat diese Maßnahme genau den gegenteiligen Effekt gehabt, wie vermutlich ursprünglich intendiert – sollte das Rauchen nämlich durch den Ausschluss aus den behütenden Gastgeberwänden ungesellschaftlich gemacht werden, haben sich die Raucherrunden draußen mittlerweile stolz etabliert, sind aus der Kultur des Nachtlebens gar nicht mehr wegzudenken. Bei Wind und Wetter steht man im Kreise, wie Pinguine am Südpol, und hat niemals Eile, an den Tisch zurückzukehren, an denen sich die langweiligen Nichtraucher über Stunden hinweg die Ärsche plattwälzen (weswegen Nichtraucherpos auch generell unattraktiver oder zumindest kümmerlicher sind) wenn sie nicht sogar selbst mit hinaus kommen, da sonst niemand mehr am Tisch sitzt oder aber sie feststellen, dass Runden von gesellschaftlich Ausgestoßenen immer lustiger sind.

Rauchen ist Luxus. Lambert Wiesing definiert Luxus in seinem gleichnamigen Buch als Emanzipation aus der Zweckrationalität des Alltags. Das gleiche geschieht beim Rauchen:

Der Mensch macht durch die Erfahrung des Rauchens (weniger aktiv beim Rauchen, als eher in der Erfahrung, ein Raucher zu sein) eine Freiheitserfahrung. Er wird sich seiner Ausnahmestellung als homo humanis im Universum unmittelbar bewusst: er ist zwar ein vernünftiges Wesen, aber nicht determiniert durch diese Vernunft. Der Mensch ist frei, denn er hat die Wahl, sich für oder gegen diese Rationalität zu entscheiden. Für Wiesing Luxus, als eine Art des Besitzens, eine Weise der ästhetischen Selbsterfahrung, in der der Mensch sich als Mensch begreift. Rauchen ist ebenso eine ästhetische Erfahrung und damit Selbstzweck. Rauchen um des Rauchens willen. Rauchen als Transgression des Zweckdiktats. Eine Emanzipation gegen eine vollständige Einordnung in eine funktionale Gesellschaft. Und wenn man an der Zigarette zieht, ist das keineswegs wegen des Kreislaufs, dass einem schwindelt, sondern vor Freiheit!

Lambert Wiesing – Luxus, ISBN: 978-3-518-58627-3