Das alte und das neue Amerika

Begeben wir uns in das Marvel-Universum.

Die Geschichte ist komischerweise nicht neu und ganz und gar marvellous: der exzentrische, coole Egomane und Philanthrop Tony Stark alias Iron Man und der tugendhafte Teamplayer Steve Rogers, bekannt unter „Captain America“, kurz „Cap“, liegen sich in Comics und Filmen regelmäßig ordentlich in den Haaren.

Civil War – Bürgerkrieg? Es sind zwar Bürger, die sich hier bekämpfen, aber zumindest keine Zivilisten: Beide, Tony Stark und Cap gehören dem Zusammenschluss von Superhelden, den „Avengers“ an, die sich dem Schutz der Welt vor übernatürlichen Bedrohungen verschrieben haben.

Captain America ist ein erfolgreiches Laborexperiment aus dem Jahre 1943 und wird oft als „the greatest soldier in history“ bezeichnet. Steve Rogers wird zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wegen seiner mickrigen Gestalt ausgemustert, lässt aber nicht locker und qualifiziert sich schließlich als erstes Testsubjekt für ein „Supersoldatenserum“. Er bleibt der Einzige, da der zuständige Wissenschaftler ermordet wird – jedenfalls wird Rogers nach dem erfolgreichen Beenden des zweiten Weltkriegs, der in diesem Universum auch ganz anders verlief, aus Versehen eingefroren und erst im nächsten Millenium wieder aufgetaut, um an der Seite von Hulk, Thor und so gegen das Böse zu kämpfen. Als der Soldat schlechthin befolgt Cap aber nicht einfach blind Befehle, sondern denkt strategisch und kameradschaftlich – keiner seiner Kameraden wird je zurückgelassen.  In seinem ersten Film „The first Avenger“ an der Front missachtet er sogar direkte Befehle, um gefangen genommene amerikanische Soldaten zu befreien.  Außerdem ist seine oberste Priorität der Schutz der zivilen Bevölkerung – um jeden Preis. Sein Handeln zeichnet sich durch patriotisches Pflichtgefühl gegen der gesamten Bevölkerung, nicht nur Amerika, aus. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob er die Amerikaner in letzter Instanz nicht doch bevorzugen würde, käme es zu einer Evakuierung der gesamten Weltbevölkerung zum Beispiel. Naja. Einigen wir uns darauf zu sagen, er fühlt sich der Menschen als solcher bedingungslos moralisch verpflichtet. Mit dem Tesserakt versinkt er im arktischen Eis und bleibt verschollen, bis er nach 70 Jahren lebendig geborgen wird.

Aber nach 70 Jahren schaut die Welt ein wenig anders aus. Die Ideale des alten Amerikas, in dem jeder eine Chance hat, sind zu Ammenmärchen verkommen. Oder wurden sie nur als solche entlarvt? Mit Kapital wird Geld und noch mehr Kapital gemacht, und ohne Kapital geht gar nichts. Das neue Amerika schert sich gar nicht mal mehr, die Illusion des Tellerwäschers, der zum Millionär wird, aufrechtzuerhalten. Der deregulierte Markt enthebelt nationale Grenzen und eint alle Völker zur Wirtschaftseinheit. Verlierer sind Millionen, Gewinner sind wenige, die nicht gerne abgeben und nach immer mehr gieren. Der Solidaritätsradius hat sich nicht etwa über die neue globalisierte Welt ausgedehnt, sondern ist, im Gegenteil, eingeschrumpft zu einem kümmerlichen Kreis der nur nächsten Verwandten und Freunde.

Tony Stark ist Erbe des Technologiekonzerns „Stark Industries“, das hauptsächlich mit Waffen Geschäfte gemacht hat, bis Tony erfährt, dass seine Firma illegale Waffendeals mit afghanischen Rebellen gemacht hat. Daraufhin zieht er seine Firma „Stark Industries“ aus der Rüstungsindustrie zurück.

Tony Stark repräsentiert das Amerika des grenzenlosen Kapitalismus, des Neoliberalismus. Er ist klar der Stereotyp eines Individualisten und hat ein ständiges Konkurrenzdenken verinnerlicht. Um den Iron Man-Anzug dem amerikanischen Militär und somit dem demokratischen Rechtstaat zu übergeben, hinterfrägt Tony die Sicherheitsstrukturen des Militärs. Da sein ehemaliger Geschäftspartner Obadiah Stane in Iron Man 1 Stark-Waffen an afghanische Terroristen verkauft hatte, misstraut Tony den Strukturen eines bürokratisch komplexen Gebildes wie eines Unternehmens oder eben denen eines Rechtstaates. Es ist die gleiche Kritik wie jeher: die zahlreichen Gremien, durch die eine Entscheidung laufen muss, verlangsamt die Reaktionszeit einer Demokratie, während sie dadurch natürlich auch mehr Sicherheit garantiert. Desweiteren steigt mit der Zahl der zu durchlaufenden Stellen die Wahrscheinlichkeit der Korruption. Deshalb betreibt Tony Selbstjustiz und unterwirft die Rettung von Menschenleben nur noch seinem Urteil, seiner Willkür. In Iron Man 2 verkündet er nun mehr unverhohlen, er habe „Frieden erfolgreich privatisiert“. In der Tat privatisiert er einen Teil der Justiz und ist dabei gleichzeitig gesetzgebende und ausführende Gewalt.

Die Geschichten und Temperamente der beiden Marvel-Helden könnten gegensätzlicher nicht sein.

Worum es in ihren Meinungsverschiedenheiten eigentlich geht, ist meistens egal. Tony nennt Cap einen „alten Mann“ und „unzeitgemäß“. Mag sein, dass das Amerika der Träume tatsächlich unzeitgemäß und naiv illusorisch wirkt neben der kalt kalkulierenden Nüchternheit des Kapitals. Rogers hinkt 70 Jahren technischer Entwicklung hinterher, Tony ist ein Technikvisionär. Unschwer, dass Steve neben seiner schlagfertigen und gewitzten Art eher antiquiert wirkt. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, in der es noch andere Werte gab oder Werte überhaupt?

Steve Rogers: Big man in a suit of armour. Take that off, what are you?

Tony Stark: Genius, billionaire, playboy, philanthropist.

Steve Rogers: I know guys with none of that worth ten of you. I’ve seen the footage. The only thing you really fight for is yourself. You’re not the guy to make the sacrifice play, to lay down on a wire and let the other guy crawl over you.

Tony Stark: I think I would just cut the wire.

Steve Rogers: Always a way out… You know, you may not be a threat, but you better stop pretending to be a hero.

Tony Stark: A hero? Like you? You’re a lab rat, Rogers. Everything special about you came out of a bottle!

Steve Rogers: Put on the suit. Let’s go a few rounds.

Man kann sich nicht der Tatsache entwehren, dass Steve Rogers eine Menge Ehre besitzt, sei es in Punkto Selbstachtung oder Respekt gegenüber anderen. Etwas, worauf Tony Stark scheinbar nicht so viel gibt. Ihm geht es darum, die effizienteste Lösung für ein Problem zu finden, koste es, was es wolle – er ist schließlich Milliardär. Dabei verinnerlicht er nicht nur die Ideale des Neoliberalismus, nämlich Unabhängigkeit bis hin zur völligen (emotionalen) Isolation (die einzige ihm wirklich nahestehende Person ist Pepper Potts, und die war oder ist, nun ja, seine Sekräterin), Egoismus und Innovation, sondern von seinem verschwenderischen Lifestyle bis zu seiner Coolness verkörpert geradezu völlig den Markt an sich. Außerdem ist er Erbe des Technologiekonzerns seines Vaters, was in seinem Fall bedeutet, ein Vermögen und auch Talent geerbt zu haben. Biologie und Markt verschmelzen in ihm – so wie in seinem Iron Man – Anzug …

Rogers hingegen stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Nur durch seinen Ehrgeiz, seine aufopferungsvolle Hingabe für sein Vaterland schafft es Steve, der erste Superheld überhaupt zu werden.

Rogers ist das Gegenteil eines Individualisten: er ist Soldat. Er denkt nicht nur kameradschaftlich gemeinschaftlich, sondern ist darüber hinaus bereit, für sein Land und für seine Ideale zu sterben. Seine Prinzipien treiben ihn an, nicht persönliche Verwirklichungswünsche. Was seinen Patriotismus angeht, so glaube ich persönlich, dass er sich nicht scheuen würde, Befehle zu missachten, die seinen Moralvorstellungen zuwider liefen und sich damit auch gegen sein Land zu stellen, würde es nicht mehr die Ideale vertreten, die er mit ihm verbindet. So ist sein Patriotismus nicht blind und der Begriff seines Amerikas setzt sich aus den Idealen zusammen, für das, für ihn persönlich, das Land mit seiner Verfassung steht.

Rogers dient, Stark macht sein eigenes Ding. Rogers hat Ideale und würde für sie sterben, Stark würde, müsste er sterben, den Maßstab seiner Ideale verschieben, je nachdem, was nützt. Für Rogers stehen die richtigen Mittel im Vordergrund, für Stark eher der Zweck. Wer in der Moralität seiner Mittel flexibel ist, der hat häufiger Erfolg und insofern der Erfolg ein Indikator für Glaubwürdigkeit oder Autorität ist, so traut man Stark mehr zu. Den Willen eines Cap zu brechen ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Allerdings ist es am Ende des Films Tony, der sich opfert, damit andere leben können. Aber er überlebts.

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https://www.film.tv/starportraits/captain-america-biografie-24583.html

Marvel (2012): The Avengers

Der Verlust der Freiheit nach Charles Taylor

Hallo zusammen! Normalerweise achte ich darauf, dass diese Blogeinträge eine erträgliche Länge haben. Diesmal nicht. Es ist ein philosophisch-soziologischer Versuch über den in einem seiner wissenschaftlichen Essays entwickelten Freiheitsbegriff von Charles Taylor. Ich wende ihn auf unsere heutige Zeit an und schaue, ob ich die Einschränkung dieser Freiheit im Neoliberalismus ein bisschen untermauern kann. Viel Spaß beim Lesen!

Der Politologe und Philosoph Charles Taylor (*1931) etabliert im Laufe seines Aufsatzes über distributive Gerechtigkeit (Verteilungsgerechtigkeit) einen Freiheitsbegriff, der das mündige, selbstbestimmte, demokratische Individuum im Sinne der Aufklärung, auszeichnet. Im Nachfolgenden möchte ich erörtern, ob diese nach Taylor definierte Freiheit in der heutigen Zeit, in dem vorherrschenden wirtschaftlichen System des Neoliberalismus, noch in dieser Weise vorhanden ist.¹

Der Neoliberalismus bezeichnet eine Sozial- und Wirtschaftspolitik, die Arbeitswelt und Privatleben, Politik und Persönlichkeit miteinander vermischt.²

»[Er] beruht im Kern auf dem Glauben, dass der Markt die beste Einrichtung sei, um nicht nur die Wirtschaft, sondern auch weite Teile des übrigen menschlichen Zusammenlebens zu organisieren. Zu den ersten politischen Maßnahmen neoliberaler Regierungen gehört daher regelmäßig die Privatisierung öffentlicher Unternehmen und staatlicher Aufgaben. […]

Die solidarische Absicherung durch den Sozialstaat lehnen Neoliberale als Eingriff in den Markt ab. Dementsprechend setzen neoliberale Regierungen auf Sozialstaatsabbau.«³

Taylor spricht einerseits von positiver Freiheit: der Staat muss dem Individuum gewisse Rechte zusprechen, etwas zu tun; man muss also bestimmte Möglichkeiten ergreifen können, sich innerhalb der Gesellschaft selbst zu verwirklichen (Verwirklichungsbegriff). Diese wäre in einem autoritären, faschistischen Regime sehr eingeschränkt, da Grundrechte (in Deutschland GG, §1-19), wie freie Meinungsäußerung, das Recht auf Privatsphäre, Versammlungsfreiheit, Rechtsschutzgleichheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Handlungsfreiheit, Recht auf ein Existenzminimum und viele weitere, nicht mehr garantiert wären4. Die Aufgabe des Rechtsstaats besteht darin, die Mittel zur Ausübung dieser Freiheiten bereitzustellen, das heißt zum Beispiel, ein breites Spektrum an unabhängigen Informationsmedien zu garantieren.

Andererseits meint Taylor negative Freiheit, nämlich die Freiheit von äußeren Hindernissen, »ein[] Zustand, in dem die eigene persönliche Entfaltung nicht von anderen Menschen, Institutionen oder Ideologien und den von ihnen ausgehenden Zwängen begrenzt oder verhindert wird.«⁸ (Möglichkeitsbegriff)

Man kann also innerlich durchaus frei sein, aber in Gefangenschaft leben. Und man kann zwar frei von äußerlichen Hindernissen sein und dennoch innerlich unfrei sein.5

Drei Merkmale charakterisieren Taylors Freiheitsbegriff.6

  1. Verwirklichung

  2. Authentizität

    „Wir sind nicht frei, wenn wir durch Furcht, durch zwanghaft verinnerlichte Normen oder falsches Bewusstsein motiviert werden, unsere Selbstverwirklichung zu vereiteln.“

  3. Rahmengebundenheit

»Damit ist gemeint, dass die Anforderungen positiver Freiheit auf atomistische Weise, also unabhängig von einem gemeinschaftlichen Werterahmen, weder erlangt noch verwirklicht werden können. Die gemeinsamen Wertvorstellungen sieht Taylor dabei in den kulturellen Praktiken sowie in den politischen Institutionen einer Gesellschaft verfestigt.«7

Das moderne, freie Individuum ist die Folge einer bestimmten Art von Zivilisation, nämlich innerhalb der »es einer langen Entwicklung bestimmter Institutionen und Praktiken, der Herrschaft des Gesetzes, der Regeln wechselseitiger Achtung, der Gewohnheiten gemeinsamer Beratung, gemeinsamen Umgangs, gemeinsamer kultureller Selbstentwicklung und so weiter bedurfte […] und dass ohne diese das gesamte Selbstverständnis als Individuum in der modernen Bedeutung des Begriffs verschwinden würde«.8

Ausgehend davon, dass unser Selbstverständnis als modernes Individuum auf vorhergehenden geschichtlichen, gesellschaftlichen Entwicklungen basiert, kann es nichts Statisches sein, dass, einmal ans Licht gebracht, nicht mehr untergraben oder verändert werden könnte.

»Ich habe nun die Identität eines Individuums ausgebildet, und ein faschistischer Umsturz morgen würde sie mir nicht rauben, sondern lediglich die Freiheit, sie voll zu leben. Sobald diese Identität sich einmal entwickelt hat, ist es, wie moderne Systeme der Tyrannei erfahren haben, schwer, sie zu ersticken.«9

Weiter Taylor: »Mit der Zeit jedoch ginge diese Identität allmählich verloren, wenn die Bedingungen, die sich aufrechterhalten, unterdrückt würden.«10

Anschließend stellt er drei Punkte auf, nach denen diese Freiheit vom totalitären Staat eingeschränkt wird. In Anlehnung an unsere heutige Gesellschaft will ich zur Ziehung von Parallelen auffordern. Die Argumentation dieses Aufsatzes soll anhand dieser drei Punkte der Beschneidung der Freiheit erfolgen und nicht anhand der vorangehenden 3 Punkte, die Taylor als das Ziel der Ausübung positiver Freiheit festlegt, da die negative Argumentation hier sinnvoller ist.

  1. Der Austausch mit anderen ist nicht mehr möglich (das Verständnis der eigenen Ziele wird aber dadurch genährt)

  2. Verlust der Verantwortlichkeit des Einzelnen für öffentliche Aufgaben

  3. individueller Geschmack eingeschränkt durch kulturelle Verbote11

Deshalb, so Taylor weiter, müsse die Gesellschaft und nicht zuletzt der Staat, genau »diejenigen Praktiken und Institutionen verteidigen, die das Verständnis der Freiheit aufrechterhalten. Dies bedeutet nämlich, die (soziale) Perspektive zu akzeptieren, derzufolge die eigentliche Fähigkeit zum Guten (hier zur Freiheit) mit einer bestimmten Form der Gesellschaft verknüpft ist.« Es reicht also nicht, die Freiheiten, zum Beispiel in Form von Rechten oder der Abwesenheit von Verboten, zu erhalten, sondern Taylor sieht die Aufgabe des Staates auch darin, solche Institutionen zu fördern, die ein gewisses Verständnis der Freiheit kultivieren.12 Anderenfalls, so könnte man schlussfolgern, würden diese Freiheiten gar nicht wahrgenommen werden, obwohl sie theoretisch möglich wären.

Solche öffentlichen Institutionen müssen also staatlich geschützt, gefördert und bewahrt werden. Es sind solche, wenn wir einen obig benutzten Begriff zu verwenden, die dazu befähigen, freie Meinungsbildung und -äußerung, sowie, nicht zuletzt, Selbstverwirklichung ermöglichen, also positive Freiheit fördern – das heißt, einerseits gewisse Rechte, aber andererseits auch den Willen, von diesen Rechten auch Gebrauch machen zu wollen.

»Historisch besonders bedeutsam, weil Grundvoraussetzung für die Ausübung verschiedenster Freiheitsrechte, war und ist freier Zugang zu Wissen und Bildung. Die herausragende Bedeutung von Bildung für die Entfaltung individueller Freiheit lässt sich alleine schon an der allgemeinen Schulpflicht erkennen, dem wohl größten Eingriff in negative Abwehrrechte, der im Namen der Mehrung der positiven Freiheit, durch Steigerung der Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen, seit der Aufklärung allgemein befürwortet wird.«13

Ohne die Nutzung der positiven Rechte werden die Verbote (negative Freiheit) obsolet. Wer innerlich unfrei ist, muss nicht mehr durch äußere Beschneidungen von irgendetwas abgehalten werden, und ein Staat, der unser Verständnis von Freiheit fahrlässig der Willkür privater Großkonzerne aussetzt, kann sich getrost unter der Legitimität des Deckmantels eines Rechtsstaats verstecken. Konsumenten sind leichter zu kontrollieren als mündige Bürger. Womit wir die Brücke zum Neoliberalimus schlagen.

Zu Punkt 1: Austausch mit anderen ist nicht mehr möglich (das Verständnis der eigenen Ziele wird aber dadurch genährt)

Das freiheitliche Verständnis unserer Ziele, und somit nicht zuletzt der Freiheit, wird Taylor zufolge durch den Austausch mit anderen genährt. Ohne Du kein Ich – das Ich definiert sich im Verhältnis zu anderen, zu denen man entweder Unterschiede oder Gemeinsamkeiten feststellen kann.

Der »freie Austausch mit anderen« wäre demnach das Kriterium, das dazu beiträgt, das Verständnis von Freiheit aufrecht zu erhalten, mit anderen Worten – eine reiche Diskurskultur. Frei zugängliche Räume für Meinungsbildung und -vielfalt und Pressefreiheit.

Die heutigen Printmedien, Fernsehen und Radio bieten allerdings eher Einfalt statt Vielfalt und von Unabhängigkeit kann auch nicht wirklich gesprochen werden: In Deutschland herrscht eine hohe Konzentration von (ehemaligen) Politikerinnen und Politikern in den Kontrollgremien der öffentlich rechtlichen Sender ARD und ZDF; ebenso ihre Verflechtungen mit unzähligen Tochterfirmen, sowie höchst intransparente Finanzstrukturen lassen an der journalistischen Unabhängigkeit der öffentlich rechtlichen zweifeln.14 Bei den Privatsendern dominieren ProSiebenSat1 und die RTL Media Group.15 Bei den Printmedien sieht es kaum besser aus. »Fünf Verlage kontrollieren annähernd die Hälfte des Zeitungsmarktes. Weit mehr als die Hälfte der Menschen hat nur noch eine Lokalzeitung vor Ort. Der Trend zum Einzeitungskreis ist schon seit Jahren ungebrochen.«16

Deutschland schafft es im internationalen Ranking der ROG (Reporter ohne Grenzen) gerade mal auf Platz 15.17 Das Verhindern von Monopolen und Privatisierung wäre eine Aufgabe des Staates.

Zwar liegen die traditionellen Medien Radio und Fernsehen zahlenmäßig noch unter den „neueren“, die Entwicklung tendiert aber klar in Richtung der neuen Medienlandschaft. Diese kennzeichnet heutzutage vor allem polarisierende Internetforen, Facebook, Twitter, Instagram, Google, sowie »Nachrichtenplattformen« wie TheHuffingtonpost. Das Format der Nachrichten auf diesen Seiten zeichnet sich durch Kürze und die damit unvermeidliche Überspitzung und nicht zuletzt Sensationslust durch sensationsheischende Überschriften, die zum Klicken animieren sollen und die auch die Printmedien, allen voran die BILD-Zeitung, längst verinnerlicht haben.

Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft, äußert sich zu der heutigen Debattenkultur auf der phil.cologne: Er beschreibt unser heute als »Zeitalter« der »Hasskommunikation, Propaganda, Desinformation und Fake News[, die] in kaum gekannten Ausmaß global zirkulieren und [in der sich] aggressive Selbstbestätigungsmilieus herausbilden.« Er beschreibt das Phänomen als »Deregulierung des Diskursmarktes. Der Journalismus als einst »sortierende Kraft« könne seine Rolle als »Gatekeeper« in Zeiten von Facebook, Twitter, Google nicht mehr aufrechterhalten. Dasselbe gilt für die politische Dimension. Populistische Figuren wie Donald Trump seien Gewinner dieser Entwicklungen.18

Was die Rolle der neuen Medien bei dieser neuen Diskurskultur spielt, darüber scheiden sich die gelehrten Geister.19 Eli Pariser erschuf 2011 in seinem gleichnamigen Buch den Begriff Filterblase (englisch: filter bubble), demzufolge die Algorithmisierung und Regulierung unserer Informationsströme von den großen Medienplattformen zu einer verstärkten Polarisierung der Meinungen und einem Einschrumpfen des Horizonts führt.

»Durch die Anwendung dieser Algorithmen neigen Internetseiten dazu, dem Benutzer nur Informationen anzuzeigen, die mit den bisherigen Ansichten des Benutzers übereinstimmen. So wird der Benutzer sehr effektiv in einer „Blase“ isoliert, die dazu tendiert, Informationen auszuschließen, die den bisherigen Ansichten des Benutzers widersprechen.«20

Eine empirische Bestätigung dieser Filterblase gibt es allerdings nicht. Noch scheinen Suchmaschinenergebnisse gleich für uns zu sein, eine Verbesserung der Suchergebnisse erfolgt lediglich ortsabhängig, wenn man diesen überhaupt angibt. Allerdings geht der Trend klar hin zur Personalisierung. Der News Feed von Facebook oder Instagram, die Kaufvorschläge von Amazon, die Playlisten auf Spotify oder Netflix richten sich nach dem Geschmack des Users – Personalisierung und damit Partikularität statt Totalität; Man umgibt sich mit nur seinem Teil der Wirklichkeit und und lebt in Ignoranz und Unverständnis des Ganzen, des Anderen, des Neuen.

Bleiben wir kurz bei dem Beispiel Spotify und Netflix. Die immer weniger beliebten Formate Radio und Fernsehen lebten von der Popkultur. Es tat den Flexiblen unter uns nicht allzu sehr weh, dort hineinzuhören oder zu -schauen, denn Popkultur ist für die breite Masse und je einheitlicher die Masse ist, desto besser. Das macht sowohl die Popkultur als letztendlich auch die Masse so konservativ und uninnovativ, getreu dem Motto: lieber nichts riskieren, in sicherem und bekannten Terrain verweilen und das Altbewährte lieber so lange weilen lassen, bis es vollends ausgelutscht ist.

Aber auch die Polarisierung politischer Meinungen in den sozialen Medien findet statt: »Selbstbestätitgungsmileus [bilden sich heraus]. Es ist leicht geworden, ideologisch verwandte Stämme zu entdecken, ganz gleich, ob es Impfgegner sind oder politische Extremisten, die sich gleichsam von Giftzwerg zu Giftzwerg die Hand reichen und dann sagen: >Wir sind doch so viele! Warum bitte werden unsere Ideen in den Leitmedien nicht gespiegelt?« Die neue Medienlandschaft trägt insofern wenn nicht zu einer Entstehung, so aber mindestens zu einer Radikalisierung extremistischer Meinungen bei – Pörksen verortet den Grund dafür in der Anonymität im Netz, der Unmittelbarkeit, der Kürze der Äußerungen und der Belohnung durch Likes und Shares, was möglicherweise zur radikaleren Äußerungen ermutigt.21

Ein weiterer Punkt – oder sogar eine Folge der vorangehenden – ist die Entsolidarisierung der Gesellschaft. Die Politik adressiert sich zunehmend an die Gesellschaft als Interessensgruppen. Als Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Homosexuelle, Christen, Muslime, Reiche, Arme, Frauen, Männer, Bayernfans, Löwenfans… »Entsolidarisierung im Allgemeinen resultiert [] aus einer übertriebenen Solidarisierung im Partikularen.« Was dabei verloren geht, ist die gesamtgesellschaftliche Perspektive, nicht im patriotischen Sinne des Nationalstaats, sondern eher als gleiche Bürger eines Rechtsstaats. Diese Solidarität trägt nicht zuletzt auch dazu bei, dass wir in einem Sozialstaat bereit sind, füreinander aufzukommen.22

Was für ein Interesse könnte nun der Neoliberalismus daran haben, diese Solidarität zu zerstören?

Zum einen der Abbau des Sozialstaats zu rechtfertigen. Denn je abgekapselter ein Individuum von einer Gemeinschaft ist, desto mehr ist man gerichtet auf sich, auf seine eigenen Bedürfnisse und auf die seiner kleinen sozialen Gruppe, also Familie und Freunde. Egoismus waltet.

»Der einzelne Mensch rückt dabei in einer sehr eigenartigen Weise in den Mittelpunkt: Er soll an Märkten und in der Gesellschaft eigenständig zurechtkommen – anstatt sich auf den Staat oder auf Mechanismen solidarischer Absicherung zu verlassen. […]23 Eine häufig gebrauchte Floskel in diesem Zusammenhang ist die »Selbstverantwortung«: »Verlass‘ dich nicht auf andere!«, »Komm‘ selber klar!«, »Mach was aus Dir!«, »Nutz‘ deine Chancen!«, […] »Streng Dich an!«[…] Die hier durchscheinenden Normen und Ansprüche sind die Kehrseite von Sozialabbau und wegbrechender gesellschaftlicher Solidarität. Man kann durchaus von einer »neoliberalen Moral« sprechen.[…]Um Erfolg und Anerkennung zu erlangen, sollen sich die Menschen als aktiv und selbstdiszipliniert erweisen und dabei unternehmerisch und egoistisch denken und handeln. Um gegenüber seinen Konkur entInnen die Nase vorn zu haben, gilt es, wettbewerbsfähig und innovativ zu sein und zu werden.

Je schwächer soziale Bindungen werden und je geringer die soziale Sicherheit, desto wichtiger wird es für Menschen, der neoliberalen Moral zu folgen. Einerseits treibt sie dabei die Angst vor sozialem Abstieg, vor Missbilligung durch andere, bisweilen auch vor staatlichen Sanktionen und Strafen.[…]24 Gründe für Erfolg und Elend, für Teilhabe und Ausgrenzung liegen aus dieser Sicht stets beim einzelnen Menschen.«25

Das befördert den Hass für Sozialleistungsempfänger, die für ihre Lage stets selbst verantwortlich gemacht werden und Intoleranz gegenüber bestimmten Gruppen. Angst vor sozialem Abstieg befeuert die Konkurrenzmentalität und Entsolidarisierung innerhalb der Gesellschaft.

Die Ausrichtung am Markt führt auch zu einer Verkümmerung des Bildungssystems, »das zunehmend auf Kompetenzen ausgerichtet wird, die sich bezahlt machen sollen, und das immer weniger Wissen vermittelt, mit dem wir uns die Welt erschließen.«26

Zu Punkt 2 : Verlust der Verantwortlichkeit des Einzelnen für öffentliche Aufgaben

»Eine der zentralen Thesen in den aktuellen Diskussionen über „Postdemokratie“ besagt, dass moderne Demokratien hinter einer Fassade formeller demokratischer Prinzipien zunehmend von privilegierten Eliten kontrolliert werden. Die Umsetzung neoliberaler Politik habe zu einer „Kolonisierung“ des Staates durch die Interessen von Unternehmen und Verbänden geführt, so dass wichtige politische Entscheidungen heute außerhalb der traditionellen demokratischen Kanäle gefällt werden. Der Legitimitätsverlust demokratischer Institutionen zeige sich in einer zunehmenden Entpolitisierung.«27

Warum die meisten Bürger all das ohne Weiteres einfach so hinnehmen, erklärt Patrick Schreiner in seinem 2017 erschienenen Buch »Warum Menschen sowas mitmachen«. Er beschreibt, wie die Marktstrukturen nach und nach unbemerkt in unser Demokratieverständnis eingesickert ist und wir uns dem neoliberalen Diktat hörig unterordnen.

Er fasst die Kernaussagen des Aufsatzes »Die schleichende Revolution« der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Wendy Brown zusammen:

»Neoliberale Ökonomisierung […] könne [die Demokratie] töten. Gemeint ist damit: wenn Politik zunehmend den Charakter von Märkten gewinnt und politische Akteure zu Marktakteuren werden, dann ist Demokratie nicht geschwächt, sondern am Ende. Der Neoliberalismus sei aktuell dabei, den politischen Charakter der Demokratie in etwas Ökonomisches umzuwandeln.28

Als Beispiele der Veränderung politischer Prozesse nennt Brown die strikte Orientierung an Kosten-Nutzen-Abwägungen und die Durchsetzung von allgemeinen Maßstäben für angeblich alternativlos richtige Politik (Bench-Markings). Der Staat wird zunehmend wie ein Unternehmen geführt und beurteilt; aus Regierung wird Management. So hat heute zum Beispiel der öffentliche Dienst in ökonomischem Sinne effizient zu sein. Einst war es hingegen auch öffentliche Ausgabe durch die Schaffung von guten Arbeitsplätzen Wirtschaft und Arbeitsmarkt zu beeinflussen.

Eine unmittelbare Folge dieser neoliberalen Ökonomisierung von Politik ist politische Alternativlosigkeit.

Einige Beispiele: den öffentlichen Dienst zu verkleinern, gilt heute weiterhin als Ausweis erfolgreicher Politik. Die Frage nach den gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen folgen dessen wird hingegen nicht mehr gestellt. Hochschulen werden in immer gleichen Rankings an den immer gleichen Kriterien Arbeitsmarktchancen und Veröffentlichungen des Lehrpersonals gemessen. Die Frage nach den Lehrinhalten wird dann zweitrangig. Aus Vielfalt der Lehre wird Einfalt. Und als Wirtschaftskompetenz der Parteien gilt einzig, möglichst Marktfreundlich und Unternehmensnah zu sein. Die Frage nach anderen marktkritscherischen Politikkonzepten hat sich erledigt. Wenn Alternativen aber auf diese weise undenkbar werden, dann ist von Politik im Grunde nicht mehr zu sprechen. Von Demokratie aber schon gar nicht, beruht diese doch notwendig auf dem Streit um bessere politische Alternativen.«29

Als »Humankapital« hat der Mensch sich um seine eigenen Probleme, für die er nun mehr ganz verantwortlich ist, zu kümmern, stellt keine politischen, demokratischen Forderungen, instrumentalisiert sich für sich selbst und den Staat – und all das ganz freiwillig.

Die neoliberale Politik verändere von uns unbemerkt unsere Wertmaßstäbe, die sich nur noch am Markt bemessen.

»Neoliberale Ökonomisierung und ein Selbstverständnis als Humankapital führen auf diese Weise zur Entpolitisierung von Menschen und Gesellschaften, so Brown.«30

Hier kommt auch wieder die oben erwähnte Abschottungsmentalität zu tragen: Die Menschen wollen die Konsequenzen der jahrzehntelangen rücksichtslosen Außen- und Wirtschaftspolitik des Westens nicht tragen und legen deshalb ihr Vertrauen in die Hände von reaktionären Vollpfosten, die schnelle Lösungen versprechen, zum Beispiel Mauern bauen und Grenzen sichern, um sich ihr Idyll so lange wie möglich vorgaukeln zu können. »In den Zeiten der Globalisierung repräsentieren [sie] die Sehnsucht, Ängste und Verunsicherungen bestimmter Bevölkerungsteile auf ein imaginäres Außen zu lenken: Auf Migranten, Terroristen und Drogenschmuggler. Mauern liefern somit das, was Heidegger ein »beruhigendes Weltbild« nannte, ein sichtbares Emblem der Einkapselung.«31 Statt Hart-IV-Empfänger als Feindbild dient heute der Flüchtling. Der erschreckende Zustand des deutschen Sozialstaats wird überschattet von einem greifbareren Sündenbock.

Zu Punkt 3: individueller Geschmack eingeschränkt durch kulturelle Verbote

»Kultur ist Kapital. […] Das moderne Unternehmen ist ein Kulturunternehmen, der zeitgenössische Kapitalismus, nach einem Wort von Jeremy Rifkin, ein „Kulturkapitalismus“. Es würde schon zu kurz greifen, zu formulieren: Das Image ist so bedeutend wie der Gebrauchswert einer Ware. Denn oft ist das Image der eigentliche Gebrauchswert. Design ist nicht nur Reklame, die den Verkauf befördern soll, das Design ist das eigentliche Produkt. „Was wir auf dem Markt kaufen“, schreibt Slavoj Žižek, „sind immer weniger Produkte und immer mehr Lebenserfahrungen wie Essen, Kommunikation, Kulturkonsum, Teilhabe an einem bestimmten Lebensstil.“32

Von Verboten kann man zwar nicht sprechen, wohl aber von Manipulation, oder, euphemistisch, Werbung. Werbung kreiert und kontrolliert somit Bedürfnisse.

Das heutige Individualitätsdiktat ist aber ein geheucheltes, denn im Neoliberalismus ist nur die Individualität toleriert, die sich auch verkaufen lässt: was den Geschmack von Filmen, Musik, Kunst, Freizeitaktivitäten und Essen angeht – Lifestyleprodukte eben. »Lifestyle« ist ein kapitalistisches Konzept, das dazu ermutigt, bzw. zwingt, bestimmte Produkte zu kaufen, die dann als Eintrittskarte für ein bestimmtes soziales oder Arbeitsumfeld fungieren. Die neuen Werbeträger »Influencer« dienen dazu, die Schwächen der Werbung zu kompensieren und schließen die Lücke zwischen Kühle, Unnahbarkeit und Einheitsbrei. Indem sie sich als besonders individuell, authentisch, aber zielstrebig darstellen, verkörpern sie in Perfektion das Diktat des Neoliberalismus, das Schreiber entwickelt hat (s.o.): Die alternativlos erscheinenden Arbeitsumstände nicht nur akzeptieren, sondern verinnerlichen, statt den Fehler im System zu suchen, Selbstoptimierung und Selbstdarstellung (also Vermarktung ihres Humankapitals) betreiben und möglichst viel Freunde dabei haben – natürlich indem sie bestimmte Produkte konsumieren.

Die Etablierung dieser Dynamik führt zur Exklusion derjenigen, die sich dieser Konsummentalität entziehen. Sie erfahren Ausgrenzung und Benachteiligung in sozialen und geschäftlichen Bereichen. Wenn man nicht die neuesten Adidas hat, nicht exotische oder abenteuerliche Reiseorte wählt, wenn man kein iPhone besitzt, wenn man Whatsapp und Facebook boykottiert, dann gilt man als »alternativ«, technik- und fortschrittsfeindlich und insgesamt als weltfremd.

»Eine Gesellschaft, die von einer solchen atomistischen und instrumentalistischen Mentalität geprägt ist, trägt wesentlich zu einer „seichten Erscheinungsform der Authentizität“33.1 bei. Die Folge ist, „(…) dass die Praktiken, die die moderne Identität angeblich verkörpern, in Wirklichkeit zu einem gewissen Verlust dieser Identität führen (…).“ 33.2 Eine angemessene Vorstellung von Authentizität würde dementgegen eine intersubjektive Basis voraussetzen.

So kommt es dazu, „(…) dass wir aufgrund der Verrücktheit dieser Gesellschaft Dinge tun, für die wir uns nie entscheiden würden, wenn wir daran gingen, bewusst zu handeln.33.3“«33

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Quellen:

1 Taylor, Charles: Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus, Erste Auflage, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1992, S.175

2 Schreiber, Patrick, Warum Menschen sowas mitmachen – Achtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neoliberalismus, PapyRossa Verlag, Köln 2017, S.11

3 ebd. S.11/12 Zur Geschichte des Neoliberalismus: »Die Sozial-, Wirtschafts- und Finanzpolitik nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 war der heutigen durchaus ähnlich: Sie war in vielen Ländern marktextremistisch. Die Regierungen sagen es lediglich als ihre Aufgaben an, Löhne und Staatsausgaben zu bremsen oder zu sendken. Ansonsten ließen sie den Märkten weitgehend freien Lauf. Der Markt wisse es besser, er werde es schon richten. Es herrschte ein übersteigerter, gedankenloser Kapitalismus. Diese Politik führte in den 1920er und 1930er Jahren weltweit zu gravierenden wirtschaftlichen Krisen, zu sozialen Verwerfungen, Verelendung, Arbeitslosigkeit und Armut.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schienen die Regierungen in den westlichen Industriestaaten zunächst daraus gelernt zu haben: Sie setzten den Märkten striktere Grenzen, bauten die soziale Sicherung aus, machten den Staat zu einem wichtigen wirtschaftspolitischen Akteur und stärkten die Rechte von ArbeitsnehmerInnen.

Seit den späten 1970er und 1980er Jahren aber dominierte wieder ein marktextremistischer Kapitalismus. Radikale wirtschaftsliberale Vorstellungen fanden erneut weite Verbreitung, nun unter der Bezeichnung »Neoliberalismus«. Zunächst waren es Militärdiktaturen in Asien und Lateinamerika, die eine solche neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik betrieben. In den 1980er Jahren folgten konservative Parteien und Regierungen in westlichen Demokratien. Internationale Organisationen, allen voran der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank begannen, Entwicklungsländer auf neoliberalen Kurs zu zwingen. In den 1990er Jahren schließlich wurde auch die Sozialdemokratie neoliberal.[…]Die Märkte sollen aus neoliberaler Sicht möglichst frei von Regulierung sein. Regeln und Begrenzungen sollen auf ein Minimum zurpckgeführt werden. Internationale Freihandelsverträge haben sich zu einem wesentlichen Instrument entwickelt, um eine entsprechende Deregulierungen voranzutreiben. Den Finanzmärkten kommt dabei eine besondere Bedeutung zu; insbesondere der grenzüberschreitend freie Kapitalverkehr steht ganz oben auf der neoliberalen Agenda. Wer üblicherweise als »Globalisierung« bezeichnet wird, beruht im Kern auf dieser Politik des internationalen Abbaus von staatlichen Regulierungen und Standards.«

4 Berlin, Isaiah, Freiheit. Vier Versuche, Frankfurt/Main, 2006, S. 197-256.

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Grundrechte_(Deutschland)

6 http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/27534, S. 14

7 vgl. Taylor 1992: S.175

8 ebd.

9 ebd,

10 ebd.

11 ebd, S.176

12 ebd.

13 https://d-64.org/prinzip-freiheit-in-der-digitalen-gesellschaft/

14 Verflechtungen deutscher Fernsehsender Harald Rau, Chris Hennecke: Geordnete Verhältnisse?! – Verflechtungsstrukturen deutscher TV-Sender, Baden-Baden 2016 (siehe auch den ergänzenden Faktencheck „Verflechtungen“)

https://www.zdf.de/assets/faktencheck-22-mai-100~original?cb=1529304803993

15 http://www.bpb.de/143259/senderfamilien-und-medienkonzentration

16 https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwi51ueE67zcAhUEEVAKHWgHDm0QFjAAegQIABAB&url=https%3A%2F%2Fwww.zdf.de%2Fcomedy%2Fdie-anstalt%2Ffakten-im-check-der-anstalt-118.html&usg=AOvVaw1r8UdJ4j2hWwxf859OnOId

Der Medienforscher Röper geht davon aus, dass inzwischen 70 Prozent der Bevölkerung nur auf eine Lokalzeitung zurückgreifen kann bzw., wo es vielleicht mehrere Zeitungen gibt aber mit identischen Lokalteilen Schon in der konservativeren Zählweise des Zeitungsforschers Schütz von 2012, der schon eine Pressevielfalt veranschlagte wenn es mehrere Zeitungen auch mit identischen Lokalteilen gab, waren die Zahlen sehr hoch: 236 Kreisfreien Städten oder Kreisen (58,7 Prozent) mit einer Monopolzeitung stehen 166 Städte/Kreise (= 41,3 % aller Kreise) mit einer Zeitungsdichte von 2 und mehr gegenüber. Bezogen auf die Einwohner ist der Anteil eher umgekehrt: 56 Prozent der Bevölkerung können zumindest zwischen zwei lokal berichtenden Zeitungen wählen. 44 Prozent aller Einwohner im Bundesgebiet haben keinerlei Auswahl und sind auf eine einzelne lokal orientierte Zeitung angewiesen.

http://www.das-parlament.de/2009/31/Themenausgabe/25272149/301864

http://www.taz.de/!774432/

17 https://www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste/2018/

18 Pörksen, Bernhard, Interview: »Die gereizte Gesellschaft«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Horizonte: Dialog

19 https://www.zeit.de/2017/34/algorithmen-filterblase-meinungen-selbstbetrug

20 https://de.wikipedia.org/wiki/Filterblase

21 Pörksen, Bernhard, Interview: »Die gereizte Gesellschaft«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Horizonte: Dialog

22 Bleisch, Barbara, Ihre Frage, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018

23 vgl. Schreiber 2017: S.14

24 ebd. S.15

25 ebd. S.18

26 ebd. S.19

27 https://www.bpb.de/apuz/33565/postdemokratie-und-die-zunehmende-entpolitisierung-essay?p=all

28 vgl. Schreiber 2917: (S.76)

29 ebd. S.78

30 ebd. S.79

31 Brown, Wendy, »Souveränität ist eine Fiktion«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Zeitgeist: Analyse

32 http://www.bpb.de/apuz/198387/lifestyle-kapitalismus?p=all

33 http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/27534, S.

→ 33.1 Taylor, Unbehagen, S.134

→ 33.2 Taylor, Legitimationskrise?, S. 292, kursive Hervorhebung von F.S.

→ 33.3 Taylor, Legitimationskrise?, S. 239, kursive Hervorhebung von F.S

So etwas wie ein Gedicht

Nicht das WAS, sondern das WIE zählt.

Nicht was wir tun, sondern wie wir es tun.

Nicht was wir wissen zählt, sondern wie wir uns auf Grundlage dessen entscheiden etwas zu tun.

Nicht unsere Fähigkeiten zeigen, wer wir wirklich sind, sondern unsere Entscheidungen (Albus Dumbledore)

Wir sind nicht determiniert durch unsere Anlagen, nicht durch unsere Erziehung, nicht durch unser Umfeld.

Es gibt diesen kleinen Moment vor einer Entscheidung und in diesem Moment sind wir frei.

Wir treffen am Tag hundert kleine Entscheidungen.

Wir haben am Tag hundert kleine Möglichkeiten, zu entscheiden, wer wir sein wollen.

Wir haben am Tag hundert Möglichkeiten, frei zu sein.

____________________________________________________________________________________________

Quellen: Warner Bros „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ von Chris Columbus, basierend auf gleichnamigem Roman v. Joanne K. Rowling

Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört, Episode III

Wie angekündigt folgt jetzt Teil 3 meiner persönlichen Saga der Kritik zu Star Wars. Das neue Spin-Off „Solo“ habe ich zwar noch nicht gesehen, aber ich vermute mal, auch eine Kritik dazu wird nicht lange auf sich warten lassen.

Kommen wir nun endlich zum Wesentlichen an Star Wars: der Macht.
Achja, die Macht. Viel haben die neuen Episoden zu neuen Erkenntnissen nicht beigetragen. Man erinnere sich nur an den Moment, als die zu bemüht skurrile und sich in ihrer eigenen Karikatur auf Brechreiz erregende Weise nur selbst übertreffende Figur „Mas“ auf dem Planeten blabla in Episode 7 (der mit „so viel grün“) Rey das Konzept der Macht näherzubringen versuchte: „Sie umgibt und durchdringt alles.“
Aha. Wohl analog zu dieser Aussage, deren Stumpfheit alles umgibt und durchdringt, was mit diesem Film zu tun hat. Spätestens jetzt hätte man also empört von den Kinostühlen aufspringen sollen.
Allerdings kann man die Vorsicht der Drehbuchschreiber hinsichtlich neuartiger Aussagen über die Macht auch verstehen: Furore auf Seiten der Fans machte um die Zweitausenderwende in Episode I eine Äußerung des guten alten Qui-Gonn Dschinn, der dem kleinen unsympathischen Kind-Anakin erklärte, was es mit den Midichlorianern auf sich hatte. Demnach steige das Vermögen, die Macht zu beherrschen proportional zur Anzahl der im Blut vorhandenen Midichlorianern, „winzig kleiner Lebensformen, die in Symbiose mit uns leben und uns den Willen der Macht mitteilen“. Durch diese molekularbiologische Erklärung wars das dann endgültig mit der mystischen Macht!
Philosophiehistorisch gibt es da sogar einen Zusammenhang: Um die gleiche Zeit feiert die Neurobiologie ihren Siegeszug über die Metaphysik, indem sie mit neuartigen bildgebenden Verfahren das Konzept eines Geistes materialistisch in den neuronalen Gehirnprozessen verankert. Sieg des Materialismus, Ende des Dualismus, in dem sich Körper und Geist wie zwei Antipoden gegenüberstehen.
Jedenfalls entschied man wohl nach dieser Panne, jegliche weitere Erläuterungen über die Macht vage zu halten, und wenn man sich die neuen Filme ansieht, begreift man auch schnell, warum neue Zuschauer kaum etwas vermissen: es sind einfach Kriegsfilme, die im Weltraum spielen. Nichts mit Märchen, keine Science-Fiction – schlicht Action. Und was nützt einem da die Macht oder auch nur irgendein abstrakter Glauben an sie, wenn sie keinen Nutzen im materialistischen Krieg bringt? Und so materialistisch, oder materiallastig, materialschlachtartig, ging es noch in keinem Star Wars zu. Ist aber auch logisch: wenn es kaum Substanz hinter dem Geballer gibt, vernichtet man zum Ausgleich lieber all das an Substanz – Raumschiffe, Planeten, Menschen, Republiken, altgediente Charaktere, den letzten Zauber der Macht – was man auftreiben kann.
Die Macht tritt also, wie zu erwarten, nur als Mittel zum Zweck auf den Schauplatz. Rey muss die Macht erlernen, damit sie eine bessere Kriegerin wird. Luke kann sich plötzlich irgendwohin beamen, um dann dort effektiver zu kämpfen.

Die neue Trilogie folgt dem Motto vieler anderer erfolgreicher Netflix- oder Fernsehserien und bringt genüsslich seine Protagonisten um. Han Solo etwa, dessen Abgang nicht deshalb so dramatisch war, weil er besonders gut inszeniert worden wäre, sondern weil wir diese Figur und ihre Geschichte von George Lucas über drei Episoden aufwendig entwickelt wurde, wir sie immerhin ganze vierzig Jahre in unserem Herzen getragen und sie untrennbar mit dem Star Wars-Begriff verbunden war.
Sein Abgang fühlte sich auch nicht im Entferntesten würdig an. Ich war empört, dass die neuen Filmemacher es nicht nur nicht schaffen, eine halbwegs dem Namen Star Wars gerechte Story und interessante und liebenswürdige Charaktere hervorzubringen, nein, auch dass sie die alten Charaktere von Lucas reihenweise umbringen, und zwar in einer Weise, die weder verständlich ist, noch würdig, oder die Geschichte irgendwie voranbringt! Ich warte nun darauf, bis auch noch der letzte Rest – Leia, der Millenium Falke, Chewie oder 3-PO und R2 brutal und melodramatisch inszeniert, verschwindet.

Das Entstehen der neuen bösen Instanz „erste Ordnung“ wird auch kaum erklärt, aber vorausgesetzt, dass man sie unhinterfragt einfach hinnimmt. Außerdem kann man mit dem guten alten Hollywood-Rezept mit Nazis als Bösewichten nicht viel falsch machen – die Farben subtilerweise rot, schwarz, weiß und die hetzerische Rede des faschistoiden komischen rothaarigen Typen an die Stormtrooper-Armee lassen keinen Zweifel über die Inspirationsquelle.

Was haben wir noch vergessen? Achja. BB-8. Aufgrund seiner widerwärtigen Niedlichkeit kann ihm wohl keiner widerstehen, nicht mal Knackpo-Poe. Aber vor allem nicht die Kinder, die ihre Eltern im Spielzeuggeschäft solange nerven, bis sie alle süßen BB-8-Fanartikel, die man sich irgend vorstellen kann, besitzen. Natürlich, marketing-technisch ist BB-8 der Renner. Aber können wir kurz über seine Sprache sprechen?
Wenn wir auf R2-D2s Kommunikation mit Luke und Anakin zurückblicken, fällt auf, dass sie sich nur dann mit ihm konstruktiv austauschen konnten, als sie in einem Schiff saßen und das Gepiepse und Gedudel auf einem Display übersetzt oder von C3-PO gedolmedscht wurde. Wohingegen das Gedöns von BB-8 plötzlich jeder zu verstehen scheint. Außerdem scheinen die Drehbuchschreiber die Begeisterung der Zuschauer über die Droiden mit denen der Figuren in diesem Universum verwechselt zu haben. So waren Droiden in allen bisherigen Star Wars schlicht nützliche Maschinen, denen kein Charakter und schon gar keine Sonderbehandlung attribuiert wurde, und wenn nur verschwindend geringe emotionale Wertschätzung.

Wie am Fließband produziert Disney also einen weiteren Star Wars nach dem anderen und geht nach folgendem Rezept vor: Man nehme also ein Fantasyuniversum, das merchandisetechnisch Milliarden wert ist, um unzählige Spiele, Bücher und Fernsehserien erweitert wurde, lasse 10 Jahre nach Erscheinen des letzten Films verstreichen, bis die Fans vor lauter Hunger den echten Geschmack ihrer Lieblingsspeise nicht mehr kennen und setze ihnen anschließend einen lieblos dahingepantschten Eintopf mit random Figuren und einem ebenso random Plot vor altbekannter Kulisse – mit altbekanntem ablaufenden Vorspann, den X-Wings, den Panoramaaufnahmen der Planeten, und, wenn man sie auftreiben kann, ein paar alten Gesichtern – vor, greife ein paar aktuelle gesellschaftliche Themen oberflächlich auf, sodass es so aussieht, als würde man etwas Neues servieren, und kassiere ordentlich.

Ich komme mir so grausam vor, die neuen Filme so zu verreißen und über die wunderbaren alten, zu denen ich auch Episode I, II und III zähle, nicht zu huldigen!
Natürlich war Star Wars nie für seine originellen Plot-Twists, ein unvorhersehbares Szenario oder tiefschürfende Dialoge bekannt. Oder etwa gute Schauspieler. „Eine neue Hoffnung“ setzte damals Maßstäbe in Sachen Spezialeffekte und jeder neue Film zeigte das beste, was technisch möglich war. Aber nie kam es darauf an.
Man mochte die Charaktere. Jeden einzelnen. Sogar Gouverneur Tarkin, beim hundertsten Mal erschien er geradezu knuffig, als er die Zerstörung von Alderaan ankündigte. Sogar Jar Jar Binks ist im Vergleich zu Finn ein fähiges und interessantes Geschöpf. Wenn auch nicht Anakin.
Missmutig verfolgten wir seinen moralischen Zerfall, wir sahen ihn missmutig von einer Prüfung in die nächste rennen und stets seinen Egoismus siegen und mussten dabei sein, als er verzweifelte. Später brachte die Liebe zu seinem Sohn ihn zurück auf die gute Seite.
Obi-Wan sahen wir jung und idealistisch erst seinen Mentor verlieren, dann als geduldigen Lehrer und Freund Anakins, später Lukes.
Wir begleiteten Luke auf seiner Reise zum Erwachsenwerden, wir sahen zu, wie Leias moralische Maßstäbe durch einen liebenswerten Schurken weniger starr wurden und dieser sein Einzelgängerdasein ablegte und nach Jahrzehnten der Flucht endlich  irgendwo ankommen wollte.

Star Wars I – III wurde viel dafür kritisiert, dass man zu viel von der Handlung in Dialogen der Figuren oder in dem langen Textvorspann behandelt hat, anstatt es in Form einer Handlung zu zeigen.
Erinnern wir uns daran, als wir Star Wars zum ersten Mal sahen: hundert neue Ausdrücke und Namen, die uns nichts sagten, wurden von den Figuren beiläufig erwähnt – Was ist das Outer-Rim-Territorium? Corellianische Schiffe? Was sind Energiewandler und warum kann man sie an der Tosche-Station abholen? Was sind Wasserstoffevapovatoren? Die Diplomaten von Alderaan und Malestare sind eingetroffen. VII und VIII allerdings zeigen nur und erzählen nicht viel (die meisten der Dialoge sind überflüssig) und was sie zeigen, sagt nichts. Kaum ist die Rede von anderen Planeten, anderen Figuren, Geschichten um die Jedi oder die Sith. Wie der Humor in den Filmen lässt der Rest Subtilität und weitere Andeutungen vermissen. Diese Andeutungen hätten aber das Universum größer und mythischer gemacht, da man andere Planeten, Systeme, andere Geheimnisse erahnen konnte. Vielleicht deshalb, weil die Zahl der Episoden und die Filmlänge begrenzt war und George Lucas nicht wusste, wie er diese ganzen Informationen unterbringen hätte sollen. Nach dem Kauf durch Disney jedoch ist die Zahl der potentiellen Episoden grenzenlos geworden, aber das Universum wirkt kleiner denn je. Die Kapitalisten von Disney begreifen nicht, dass Größe manchmal das ausmacht, was man nicht zeigt.

Lest „Viel zu lernen du noch hast – Star Wars und die Philosophie“ von Catherine Newmark (Hg.)!

Mythen des Alltags – Der Tatortreiniger

Unter normalen Umständen ist ein Ort einfach der Hintergrund, vor dem sich ein Leben abspielt. Nun aber ist er Zeuge eines Todes geworden. Der Ort wird selbst zum Objekt des Interesses, und zwar zunächst für die Kommissare, die versuchen, anhand von Abdrücken zu ermitteln, was sich wie genau abgespielt hat.

Er rückt also nun plötzlich in den Vordergrund, denn er selbst ist indirekter Zeuge, weil er als passive Kulisse für die Tat diente. Wie ein urzeitlicher Handabdruck auf einer Höhlenwand, stellt der Ort nicht die Tat an sich dar, sondern ihren Abdruck, nämlich in Form von Spuren und versteckten Hinweisen. Die Spur ist Index, sie verweist auf etwas, das nicht sie selbst ist, sondern das, was auf sie gewirkt hat. Wie Rauch auf Feuer verweist, könnte das abgetretene Stuhlbein auch der entscheidender Hinweis für die Rekonstruktion des Tatverlaufs sein.

Nachdem aber nun all dies sorgfältig registriert wurde, taucht „Tatortreiniger“ Schotty (gespielt von Bjarne Mädel in der gleichnamigen Serie) auf und bereinigt den Ort der Tat – die Reinigungsmittel spielen dabei eine eher nebensächliche Rolle. Er taucht am Ort des Geschehens auf, nachdem dieses bereits geschehen ist – zumeist: ein blutiges Verbrechen. Jetzt bereinigt er den Ort der Tat. Er versetzt ihn in den Zustand vor der Tat, damit er wieder das ist, was er einmal gewesen ist – nämlich bloßer Hintergrund. Er reinigt den Ort also vom Tod, ohne diesen rückgängig machen zu können.

Pragmatisch und ohne Sinn für Tiefe versucht er zunächst seiner vordergründigen Tätigkeit nachzukommen – dem Reinigen der Oberflächen, auf denen sich noch Spuren des Unsagbaren befinden.

Nun kommt Schotty aber mit Menschen ins Gespräch und obwohl er eigentlich nur seine Arbeit so schnell wie möglich verrichten will, verwickelt er sich durch seine ungeschickte und einnehmend simple Art in allerlei Angelegenheiten und Umstände. Hier beginnt aber erst die richtige Reinigungsarbeit. Obwohl nicht von ihm beabsichtigt, wird er in tiefere Lebensfragen völlig fremder Menschen verwickelt und reflektiert nebenbei auch noch die eigenen. Dabei spielt allerdings kein außerordentliches Einfühlungsvermögen die entscheidende Rolle, sondern im Gegenteil – sein mangelndes Geschick und Taktgefühl, sowie seine seiner Naivität geschuldete Art lockt die Menschen, die er zum ersten Mal trifft, aus der Reserve. Nicht der außergewöhnliche Umstand eines Todes in ihrem unmittelbaren Umfeld bringt sie, wie man meinen sollte, aus dem Konzept, sondern das Auftauchen dieses unbeholfenen, aber auf sehr pragmatische Weise philosophischen Figur des Tatortreinigers Schotty.

Wie in einem Kammerspiel geht die Macht dieser Konfrontation von den Dialogen aus. Schotty, aus mangelnder Intelligenz, geht nie auf die Essenz dessen ein, die seine Gesprächspartner kommunizieren möchten. Stets fasst er nur einen Aspekt des Gesagten auf und hängt sich daran auf, zwirbelt es auseinander und präsentiert seine Interpretation dann wieder seinem Gegenüber, das immer sehr erfolgreich aus dem Konzept gebracht wird. Die verlässlichen Instrumente der Sprache verlieren bei ihm ihre Wirkung und ihre verschleiernde Funktion tritt zutage. Was diese Menschen sich Tag für Tag einreden, warum sie so leben, wie sie leben und warum sie die Dinge tun, die sie tun, offenbart sich als Konstrukt, an das sie nur erfolgreich genug glauben müssen, damit es wahr wird und überdies auch die einzige Wahrheit zu sein scheint, die sie für möglich halten. Die Menschen wiegen sich nur allzu gern in der Sicherheit der Konstrukte ihrer gewohnten Sprache – ihren Gründen, ihren Meinungen, ihren Glaubenssätzen, kurz: ihren Weltanschauungen. Erfolgreich durchbricht Schotty dieses Muster und sorgt dafür, dass die Leute zunächst ihn, aber schließlich und viel wichtiger noch, sich selbst, infrage stellen, sich und ihr Leben überdenken, was ihnen schließlich erlaubt, geklärt und »gereinigt« aus dem Gespräch hervorzugehen.

Welche Tatorte reinigt Schotty also nun wirklich? Die der Lebenden oder die der Toten?

Inspiriert durch Roland Barthes‘ „Mythen des Alltags“

Ein Plädoyer für die Unvernunft oder die YOLO-Falle

Eigentlich will man es ja anders machen, aber nicht heute, sondern vielleicht morgen, oder doch lieber übermorgen!

Im Grunde weiß man ungefähr, was gut und schlecht, richtig und falsch ist. Aber scheiß drauf, heute gönne ich mir diese Scheibe Schinken, auch wenn ich weiß, dass Fleischkonsum für die Umwelt und die betroffenen Tiere schlecht ist. Und Zigaretten – eine ist wie keine! Ein Glas Wein am Abend macht mich noch nicht zur Alkoholikerin und hin und wieder einen über den Durst auch nicht! Und dieser Flug war echt billiger als eine Zugfahrt! Und heute belohne ich mich mit dieser Tasche, bei deren Kauf ich weiß, dass ich ein Unternehmen unterstütze, das auf die Rechte seiner Angestellten scheißt. Und ohne Amazon hätte ich an Weihnachten schon so oft die Sympathien meiner Familie verspielt … Das Credo: Man gönnt sich ja sonst nichts!

Konsumieren, als gäbe es kein morgen !

Es ist insgesamt sehr schwierig, unseren westlichen Lifestyle mit einer nachhaltigen, bewussten Existenz zu vereinbaren – das Mantra YOLO verhindert es (für Leute, die vor 1999 geboren sind: You Only Live Once). So rechtfertigen Jugendliche und junge Erwachsene ihren verschwenderischen Lebensstil. Aber am Morgen kommt immer der Kater, immer das böse Erwachen, und immer der Tag der Abrechnung! Und nicht nur man selbst hat einen Kater, auch die Umwelt, mein Konto, die dritte Welt und meine Kinder und Enkelkinder.

Aber der Mensch ist so gut darin, Ausreden zu finden, um diese kognitiven Dissonanzen (=wenn innere Einstellung und tatsächliche Handlung sich widersprechen) aus dem Weg zu räumen. Wir betreiben kognitiven Dissonanzausgleich, mit anderen Worten: wir reden uns die Welt schön! Oder machen sie uns, wiesie wiesie wiesie uns gefällt. Studien zufolge ist das sogar unabdingbar für unsere körperliche und geistige Gesundheit, da wir so oft widersprüchlich handeln, dass wir eingehen würden, könnten wir uns nicht immer wieder neue  Ausreden und Rechtfertigungen dafür zusammenbasteln.

Ich weiß, dass Rauchen schlecht für meine Gesundheit ist und tue es trotzdem.
Ich weiß, dass Fleischkonsum aus mehreren Gründen Scheiße ist und tue es trotzdem.
Ich weiß, dass ich mehr Dinge kaufe, als ich brauche und somit das Kapital von Unternehmen fördere, die ihre Mitarbeiter aufs Übelste ausbeuten und somit ein System fördere, dass ich nicht gut finde.
Ich weiß, dass Fliegen schlecht für die Umwelt ist und wähle trotzdem aus Bequemlichkeit diesen Transportweg.
Ich weiß, dass dieses Dessert meine Diät zunichte macht, trotzdem esse ich es mit Genuss.
Ich weiß, dass die Gala Schund ist, aber liebe es, sie heimlich im Wartezimmer zu lesen.
Ich weiß, dass ich besser daran täte, an meiner Hausarbeit zu schreiben, als die fünfte Folge ‚Stranger Things‘ an diesem Tag anzuschauen, und tue es trotzdem.

Die Gewichtung dieser Beispiele ist sehr unterschiedlich. Dennoch illustriert es ziemlich geil das, was ich aufzeigen möchte: unseren Trotz gegenüber der Rationalität. Ja, es ist Trotz!

Negativ formuliert könnte man auch sagen, man scheiße auf die Fakten. Man trotze der Wirklichkeit, was einer Ablehnung von Verantwortung gleichkommt. Oder man könnte weiter gehen und sagen, man boykottiere die menschlichste menschliche Eigenheit, nämlich die Vernunft, und verleugne somit das Wesen des Menschen selbst! Man bekenne sich als Tier, das blind nach Affekten handelt, das nur reagiert statt reflektiert bewusst zu agieren! Als Sklaven momentaner Launen, Triebe, Gelüste!

Positiv könnte man sagen, man befreie sich aus den Zwängen der Rationalität, die nicht die einzige Komponente unserer Realität sein kann! Es sei eine Rebellion, eine Emanzipation aus dem Diktat der Zwecke*. Man entscheide zwar nicht, aber man erlaube sich bewusst, spontan und impulsiv handeln zu dürfen! Undiszipliniert, emotional sein zu dürfen! Man weiß zwar, dass es nicht richtig ist, aber man macht es trotzdem, weil es schön ist und man ein Mensch ist, für den die Rationalität nur eines neben anderen Kriterien für eine Handlungsweise ist.

Und ich glaube ferner, dass es diese zwei Moods in uns gibt: es gibt einerseits den Vernunft-Mood und andererseits den Unvernunft-Mood. Diese sind sowohl Modus als auch mood (Laune, Stimmung). Wenn wir demnach in dem Unvernunft-Mood sind, sind alle unsere guten Vorsätze dahin, wenn wir diese eine wunderschöne Tasche sehen oder der Duft von Omas Apfelstrudel in unsere Nase dringt. Wenn man in diesem Mood ist, kann man einfach nicht vernünftig denken, das ist per definitionem bereits von vorneherein ausgeschlossen! Ein Eingreifen in diesem Stadium ist also nicht von Erfolg gekrönt. Denn offenbar ist es ja egal, was man sich vornimmt oder nicht, wenn man ohnehin nicht anders handeln kann, denn anscheinend kommt es eher darauf an, ob man in einer Situation überhaupt vernünftig sein und denken wird oder nicht. Mit anderen Worten: Eine unvernünftige Situation schließt vernünftiges Handeln aus. Klingt logisch.

Wie also könnte man doch irgendwie die Rationalität zu Wort und Tat kommen lassen, wenn man schon die jeweiligen Moods nicht beeinflussen kann?

Na ja, einmal könnte man versuchen, Umwege um genau solche Situationen zu bauen, um zu verhindern, überhaupt in sie zu gelangen. Also zum Beispiel absichtlich nicht in Kleidungsgeschäfte oder Kneipen gehen, Freunden und Eltern sagen, dass sie einem nichts Süßes einstecken sollen, selbst nichts Süßes kaufen, keine Kippen kaufen, die Verkäufer in der Umgebung überreden, einem nichts mehr zu verkaufen, keine Werbung mehr schauen, dem Partner die Vollmacht über die Kreditkarte geben, zu Hause bleiben, den Strom abschalten, das Smartphone das Klo runterspülen.
Nun, dann hat man die Verantwortung aber lediglich abgegeben. Man hat es anderen Menschen und Umständen überlassen und sich somit jegliche Mündigkeit völlig abgesprochen. Aber das ist eine Möglichkeit. Allerdings wäre man dann nicht mehr als ein Kind. Oder ein Hund.

Man könnte sich, als erwachsener Mensch, die Leine auch selbst anlegen. Das ist keineswegs kinky, sondern der Inbegriff von vernünftig und die Alternative zur Einbußung von Mündigkeit, Selbstrespekt und Lebensqualität. Und da man die Unvernunft keineswegs zähmen kann, da sie sonst ungestüm und unberechenbar würde, muss man es auf einem ganz anderen Weg versuchen, nämlich einem Kompromiss.

Man muss es sich leisten können, unvernünftig zu sein.

Damit ist gemeint: Man sollte der Unvernunft einen gewissen Spielraum zugestehen, und zwar insoweit, als dass sie einerseits ein nachhaltiges Leben nicht maßgeblich beeinträchtigt und andererseits nichts an ihrem ihr innewohnenden Zauber des Trotzes einbüßt. Was man als Mensch also tun kann, ist, dafür zu sorgen, dass man immer nur dann unvernünftig ist, wenn man es sich leisten kann.

Damit die Zahlen unter dem Nachhaltigkeitskonto nicht ins Minus gehen, muss man dafür sorgen, dass man zuvor ordentlich im Plus liegt, oder es sich zumindest die Waage hält. Also dafür sorgen, dass es nicht der Tropfen auf dem vor Lastern überlaufenden Fass ist, wenn man ein Stück Kuchen, eine Zigarette, ein teures Paar Schuhe oder eine Reise nach Neuseeland genießt.

Wir müssen erreichen, dass die Voraussetzungen stimmen, damit wir uns eine Abweichung von der Norm erlauben können. Und diese ist individuell und je nach Standpunkt verschieden – ökonomisch, ökologisch, moralisch, sozial – je nach eigenem ermessenen Maßstab; aber das Ziel ist ja, diesen Maßstab zu halten und nicht ständig, je nach Lust und Laune zu verschieben. Denn weicht man ständig ab, ist die Norm keine Norm mehr, sondern die Abweichung die Norm wäre die Abweichung.

Aber diese Formel hört sich echt nicht übel an: Je öfter man vernünftig ist, desto öfter kann man auch unvernünftig sein.

Und ein durch und durch vernünftiges Leben wäre doch furchtbar langweilig. Ein gewisser Grad an Unvernunft macht das Leben nicht nur besser, sondern lustiger und freier. Man wirft die Zwänge der Vernunft für einen Moment ab und handelt emotional. Auch das ist Menschsein – nicht nur ratio und nicht nur emotio, sondern beides.

Also, investiert in eure Vernunft, damit eure Unvernunft wachsen kann!

Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört – Episode II

Nun soll es weiter gehen mit unserer allzu nachsichtigen Kritik. Außerdem möchte ich ankündigen, dass ich glaube, noch nicht alles zu dem Thema gesagt zu haben und deshalb noch einen dritten Teil vorbereite. In Anbetracht von so viel Negativität ist es wohl auch in Ordnung anzukündigen, dass Episode III sehr viel positiver wird!
So, aber jetzt noch mal ganz im Ernst:

Während storytechnisch die verhassten Prequels tatsächlich mehr zu bieten hatten als die kontrastreiche Originaltrilogie mit ihren stereotypischen Charakteren, simpel strukturierten Handlungssträngen sowie klaren Oppositionen, verlassen sich die Macher der neuen Trilogie auf diese vermeintlich konstruktive Kritik der Fans: statt politischer Intrigen besteht wieder die altbewährte Konstellation: offener Krieg. Gut und Böse.

Das neue Imperium, die sogenannte „erste Ordnung“ ist böse, weil (und jetzt wage ich mich mal großzügigerweise an eine Definition heran, die ich aus den dürftigen Erklärungen von Episode VII zu erschließen versuche) es autoritäre Strukturen hat – die augenscheinlich nur aus einem riesigen Militärapparat bestehende Institution folgt unhinterfragt den Anweisungen ihres sogenannten „Anführers Snoke“, der im Besitz der Macht ist und sich, seinem unschmeichelhaften Äußeren und bedrohlichen Stimme nach zu urteilen, auf deren dunklen Seite befindet; sie zerstören die Republik, eine vermutlich demokratische Institution, mit ihrer Superwaffe, die mit Sonnenenergie gespeist wird und auf einem Planeten situiert ist, den die Rebellen in ihrer Mission anfliegen und mittels Feuerkraft letztendlich auch zerstören. Es wird kein Hehl daraus gemacht, dass die Bedrohung proportional zur Größe zunimmt: in einer Lagebesprechung der Rebellen zu dieser Mission wird ein Hologramm der „Starkiller-Basis“ auf einem Planeten gezeigt. Er ist natürlich viel größer als der Todesstern, also auch viel gefährlicher und die neue Superwaffe kann nicht nur einen Planeten auf einmal zerstören, sondern gleich mehrere.
Genau nach dem Motto verfährt auch der ganze Film. Anstatt dramaturgisch was zu reißen, interessante Charaktere oder uns irgendwas Neues über die Macht beizubringen, bauen die Filmemacher auf die altbewährten Pfeiler der erste Trilogie und blasen Gewesenes einfach größer auf, denn das macht man so im Kapitalismus (jaja, verdreht die Augen). Statt Innovation Wiederholung und „Scheinverbesserung“.

Gleichzeitig beflügelt dieser Innovationsmangel und die heutige „Informationsinflation“ eine Ästhetik des Seriellen, wie die Welle der zahlreichen Serienformate in den letzten Jahren zeigt.

Die Saga bildet eine eigene Form der Serie. „Die Saga ist eine Abfolge scheinbar immer neuer Ereignisse, die im Gegensatz zur Serie den „historischen“ Werdegang einer Person oder besser noch einer Personenfamilie betreffen“, schreibt Umberto Eco in seinem Aufsatz „Die Innovation des Seriellen“ von 1983*.
Sehen wir uns an, was für Gedanken er in diesem Aufsatz noch entwickelt und ob wir daraus Parallelen zu Star Wars ziehen können.

Eco beschreibt in seiner sogenannten „Ästhetik des Seriellen“ zwei Arten von Empfängern:
Einmal den naiven Empfänger, der die erste Ebene der Erzählung wahrnimmt, die Geschichte ohne Vorkenntnisse. Dieser „wird zum Opfer der Strategien des Autors“(S.168); einen beliebigen Star Wars würde dieser nicht anders ansehen als einen normalen Action-Film. Nur sind die meisten Star Wars-Gucker keine naiven Empfänger, sondern solche der von Eco also zweiten definierten Art, kritische Empfänger. Dieser Empfänger beurteilt die serialisierenden Strategien, die „Art und Weise der Variation [auf dem Grundschema], die Bewertung der Innovationsstrategien oder das Fehlen davon“ und „wie das Immergleiche behandelt wird, um es jeweils verschieden scheinen zu lassen“. Er „bewertet das Werk als ästhetisches Produkt und beurteilt diese Strategien.“(S.168)
Auch wenn sie keine Fans sind, haben aufgrund des Kultstatus der Saga die allermeisten bereits einen oder mehrere Star Wars-Filme gesehen und werden somit schon zu Empfängern der zweiten Art. Um die sich über mehrere Episoden ziehende Saga in Gänze verstehen zu können, muss man sich auf die dem Universum interne Logik einlassen und zieht automatisch Parallelen zu anderen Episoden.

Außerdem kommen wir bei Star Wars mit einer Sonderform des intertextuellen Dialogismus in Berührung: Intertextualität wird so definiert, dass „kein Text […] innerhalb einer kulturellen Struktur ohne Bezug zur Gesamtheit der anderen Texte denkbar ist“**.  Das Erzählte kann also je nach „Kontext eine unterschiedliche Bedeutung [annehmen], im Extremfall umfassende kulturgeschichtliche bzw. kultursoziologische Bedeutungen[].“**
Im letzten Beitrag haben wir gesehen, wie Star Wars verschiedene Elemente klassischer Epen nachahmt  und in sich vereint und somit zu einem ganz eigenen modernen Mythos wird. Es spielt also auf kulturhistorische Texte an, zitiert sie aber nicht direkt. Es erfordert eine Interpretationsleitung unsererseits, um dies zu erkennen, ob sie von George Lucas nun beabsichtigt waren oder nicht.
Eco: „Typisch für die Literatur und Kunst in der sogenannten Postmoderne ist […] das Zitieren in Anführungszeichen, sodass der Leser nicht so sehr auf den Inhalt des Zitates achtet, als vielmehr auf die Art und Weise, wie das Zitat in das Geflecht eines anderen Textes eingefügt wird, um einen neuen Text zu erzeugen.“(S.170)

Das Kino ist voller populärkultureller Anspielungen. Da Star Wars in einer weit weit entfernten Galaxis spielt und wir zumindest für die Dauer des Films in diesem abgeschlossenen Universum verbleiben wollen, gibt es zwar keine solchen (direkten) Referenzen in Bezug auf unsere Realität. Star Wars zitiert nur sich selbst. Und das nicht wenig – die Saga strotzt nur so vor Selbstreferenzen und intertextueller Logik. Und das nicht ohne Grund – wie sehr man sich freut, wiederkehrende Witze und Anspielungen zu erkennen: „Ich hab da ein ganz mieses Gefühl“. Wenn der Millenium Falke als „Schrottmühle“ bezeichnet wird. Wenn sich Stormtrooper über die neue BT-16 unterhalten oder sich an Luken den Kopf anhauen.
„Diese unmerklichen Anführungszeichen sind, mehr noch als ein ästhetischer Kunstgriff, ein sozialer: sie selektionieren die happy few (von denen man hofft, dass sie Millionen sind). Dem naiven Zuschauer hat der Film schon genug gegeben, dieses eine geheime Vergnügen bleibt für diesmal dem kritischen Zuschauer vorbehalten.“(S.171)

Die happy few und somit kritischen Empfänger sind im Fall von Star Wars hunderte Millionen: Die StarWars-Fanbase ist die wohl größte der Welt, einfach aufgrund des beispiellosen Merchandisings und natürlich auch der Präsenz über mehr als 40 Jahre! Die Filmproduzenten wissen das und sparen deshalb auch nicht mit Insider-Jokes.

Diese ewige Selbstreferenzialität bildet einen hermetischen Käfig und schließt alles äußere ab. Star Wars ist ein Paralleluniversum, angereichert durch zahllose Nebengeschichten, Spin-Offs, Videospiele, Serien, Bücher und belebt durch die Fans, die dieses Universum anerkennen. Wenn wir Star Wars schauen, wissen wir, dass das, was uns gezeigt wird, nur ein kleiner Teil von etwas sehr viel Größerem ist. Und gleichzeitig fühlen wir uns als Zuschauer ebenso als kleiner Teil dieses großen Gebildes, indem wir in unserem Kopf vervollständigen, was auf der Leinwand alleine unvollständig bleibt. Selbst als Neuling wird man sich freuen, Wiederkehrendes zu identifizieren, weil einem das das Gefühl einer Art Eigenleistung gibt und auch das Gefühl, zu partizipieren – man gehört nun auf zweierlei Weise zum Club: man trägt zum Gelingen der Gags durch die eigene Interpretationsleistung als kritischer Empfänger bei, weil sie ohne Vorwissen nicht funktionieren (mit anderen Worten: man partizipiert am Gelingen des Films) und wird im gleichen Zug zum StarWars-Insider!
Die Produzenten setzen insbesondere in den neuen Filmen unverhohlen auf die zweite Art des Rezipienten – ohne ihn und seine Kenntnis der anderen Filme funktionieren die aktuellen Filme nicht. Das ist möglicherweise ein Phänomen, das sich mit jeder Episode verstärkt hat und einfach an der Natur der Serialität an sich liegt. Der erste Star Wars („Eine neue Hoffnung“, 1976) kann für sich alleine stehen: er hat ein Anfang und ein Ende. Mit wachsender Episodenzahl allerdings nimmt diese Autonomie ab.
Die neue Trilogie baut nur noch auf dem soliden Fundament früherer Episoden – und das nicht gerade hoch; sie ist durchsetzt von zahllosen Referenzen, greift noch offene Fragen, nicht zu Ende gesponnene Ideen und Handlungsstränge auf und macht – nichts damit.
Wer sind Reys Eltern? In Episode 7 fragten wir uns noch – könnte es Luke sein? In Episode 8 hieß es, sie seien „niemand“ gewesen, aber ist sie auch in dieser Frage noch uneindeutig. Auch das gespannte Warten auf das Jeditraining Reys blieb unbefriedigt, schließlich ist sie ja ein Naturtalent und auch schienen die wirklich interessanten Lektionen immer in den Momenten zwischen den Szenen zu passieren.
Da gibt es wieder einen klugen kleinen Droiden, der optisch noch viel knuddliger ist als R2 (und sich deshalb auch besser als Kuscheltier verkaufen lässt). Selbiges gilt für die großäugigen kleinen Viecher auf Lukes Insel.
Wieder gibt es drei Hauptfiguren, von denen eine ein Jedi und technikaffin ist, einer der treue und gutherzige Freund, und der andere der sogar bei den Rebellen rebellische Pilot.
Wieder gibt es eine Cantina-Szene, die die Helden mit der rauen realen Welt konfrontieren soll.
Und Kylo Ren ist ja noch jähzorniger als Darth Vader und kultiviert seine dunkle Seite genüsslich mit dem Würgen von Menschen und wahllosem Eindreschen auf Gerätschaften (bestimmt zum Abreagieren empfohlen von seinem Psychotherapeuten). Nur dass es bei ihm eher an einen besonders frustrierten Teenager erinnert, dem man einfach nur die Emofresse polieren möchte.
Und zu guter Letzt gibt es genau eine Schwachstelle bei dem Todesplaneten, die man anfliegen und beschießen muss.
Gähn!

Eco sagt: „Das wahre Problem liegt nicht darin, das heute das, was interessiert nicht zu sehr die Variabilität des Schemas ist als vielmehr die Tatsache, dass man endlos auf ihm variieren kann und eine endlose Variabilität hat alle Merkmale der Wiederholung, aber nur sehr wenige der Innovation. Was hier gefeiert wird, ist eine Art Sieg des Lebens über die Kunst mit dem paradoxen Ergebnis, dass die moderne Ära der Elektronik […] eine Rückkehr der Kontinuität des Zyklischen, Periodischen, Regulären“, eine „Moderne Dialektik der Innovation und Wiederholung produziert“(S.174***).

Wie also könnte ein Star Wars-Film aussehen, der einerseits einen autonomem ästhetischen Wert besitzt und sich andererseits nahtlos in die Reigen der bereits existierenden einfügt, ohne an Innovation einzubüßen? Welche Kriterien müsste er erfüllen?

Eco formuliert zwei Kriterien einer modernen Lösung über die Ästhetik des Seriellen:

„1. Es muss sich eine Dialektik zwischen Ordnung und Neuheit oder Schema und Innovation bilden.
2. Diese Dialektik muss vom Empfänger realisiert werden: er darf nicht nur die Inhalte der Botschaft wahrnehmen, er muß auch erfassen, in welcher Weise die Botschaft ihre Inhalte übermittelt“(S.167).

Es geht also darum, „wie die Komponenten eines [Films] segmentiert und kodifiziert werden, um ein System von Invarianten zu etablieren, wobei dann alles, was sich in diesem System nicht einfügt, als unabhängige Variable definiert wird.“(S.175, O.Calabrese)

Eco nennt diese neue Ästhetik neobarock. Sie soll sich durch „organisierte Differenzierung, Polyzentrismus [und] regulierte Irregularität“ (S.175) auszeichnen.

Was das bedeutet ? Keine Ahnung! Sag nicht immer >du wirrköpfiger Philosoph< zu mir!

 

  1. Eco: Über Spiegel und andere Phänomene, dtv-Verlag, ISBN: 9783423129244
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Intertextualität
  3. Vgl. den zitierten Aufsatz von Costa und Quaresima in Cinema & Cinema, 35-36