Zufall

In dieser großen, weiten, unübersichtlichen Welt gibt es manchmal so etwas wie schöne Zufälle.

Manchmal nennen wir es Schicksal, wenn uns etwas passiert, dessen Wahrscheinlichkeit wir für sehr gering halten, während das Ereignis so bedeutend und weltumkrempelnd für uns ist, dass wir nicht glauben können, dass es genauso gut auch nicht hätte eintreten können.

„Als Zufall bezeichnet man das Zusammentreffen bzw. die Überlagerung von zwei notwendigen Kausalketten, an deren Schnittstelle jemand sich absichtslos befindet.“
– Raphael Enthoven, Arte Philosophie

Ein Ereignis, eine Begegnung, ein Mensch, der in unser Leben tritt oder es verlässt – manchmal macht es so sehr Sinn für uns, dass etwas passiert, dass das Nicht-Eintreten  absurd und unwirklich anmuten mag. Diese eine unmögliche Möglichkeit, an die Wirklichkeit getreten mit einer statistisch verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit, ist nun Wirklichkeit, und man hatte sie nicht für möglich gehalten, ja nicht einmal gesehen!

Die Kette der Zufälle, die für das Eintreten einer Situation verantwortlich sind, sind so unüberschaubar lang, die Zusammenhänge viel zu komplex, als dass man damit hätte rechnen können, ja als dass man das Ereignis etwa selbst hätte herbeiführen können! Die Überraschung, mit der man reagiert, diese Fassungslosigkeit, versetzt uns in einen Zustand der Demut.

Gott, Schicksal, Karma, Zufall – wenn man begreift, dass es Kausalitäten gibt, die sich dem eigenen Wirkungsbereich entziehen, postuliert man eine dieser Übermächte. Demütig „fügt man sich dem Schicksal“ oder „vertraut auf Gottes Plan“, denn was will man anderes tun angesichts solcher Autoritäten, mit denen es sich auch noch relativ schwer kommunizieren lässt? Akzeptanz, Fügung. Eine beängstigende Vorstellung – äußere Instanzen, die unser Leben und das Milliarden anderer steuern. Sie sind Spieler und sie spielen uns. Wir werden gespielt. Sie sorgen dafür, dass wir Leuten begegnen, dass wir Glück und Pech haben – in der Hoffnung, dass wir wie Sims oder Laborratten in einem Labyrinth dorthin gehen, wo sie uns gern haben wollen – an den Platz, der für uns vorgesehen ist.

Glücklicherweise gibt es diesen Platz nicht – oder zumindest bestimmen wir ihn selbst.

„Wenn ihr wisst, dass es keine Zwecke gibt, so wisst ihr auch, dass es keinen Zufall gibt, denn nur neben einer Welt von Zwecken hat der Zufall einen Sinn.“
(F.Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft)

Zufälle werden nur retrospektiv bedeutend. Man gibt Ereignissen rückblickend diese oder jene Bedeutung, weil man erst, wenn sie vorüber sind, ihre Tragweite begreifen kann. Man verleiht ihnen einen Sinn. Der Sinn, das sind die Lehren, die man zieht. Oder das Geschehene veranlasst einen dazu, einen neuen Weg einzuschlagen, mit alten Mustern zu brechen.

Man hält das Ereignis, das durch außen auf einen gewirkt hat, für die eigene innere Veränderung für verantwortlich. Einem ist geschehen, man wurde bewegt – das heißt, eigentlich angestoßen, die anschließende Bewegung vollzog man von ganz allein. Man „bekam einen Anstoß“, oder auch einen „Aufschwung“ oder „Auftrieb“, den man aus eigener Kraft nicht bekommen hätte. Das Ereignis ist die äußere Instanz, die einen beeinflussen kann.

Kann. Und jetzt verleihen wir dem Subjekt mal wieder ein bisschen mehr Mündigkeit. Ein bloßer Gegenstand, ein Objekt, ist auf äußere Einflüsse angewiesen, sonst bewegt es sich nicht. Und sein Aufschwung oder die Richtung, die es nimmt, ist determiniert durch die äußere Kraft, absolut berechenbar. Wir als Subjekte, definiert durch Introspektion und Bewusstsein, sind relativ frei. Wir können uns auch durch innere Kraft bewegen und sind nicht unmittelbar auf das Äußere angewiesen – primitivere Organismen funktionieren nur nach dem Reiz-Reaktionsschema, das durch Komplexität Abstufung findet. Aber wenn wir angestoßen werden, dürfen wir entscheiden, wie wir uns verhalten. Natürlich könnte man dem entgegenhalten, dass dieses Reiz-Reaktionsschema bei solch komplexen Organismen wie uns nur so unberechenbar scheint, weil man noch (!) nicht alle Faktoren erfassen und berücksichtigen kann, die einen dazu treiben, so zu handeln, wie man handelt. Das wäre dann wieder die Frage nach dem freien Willen.

Egal, bleiben wir poetisch.

Kann auch sein, dass man äußeren Instanzen wie Gott oder dem Schicksal deshalb so eine Autorität zumisst, weil einen der Gedanke, wirklich völlig frei zu sein, beängstigt. Und wenn man selbst realisiert, dass man der einzige ist, der nicht etwa einzelnen Ereignissen, sondern auch seinem ganzen Leben wirklich Sinn verleihen kann, mag das überfordern. Was heißt mag, ja – es ist überfordernd, jeden Tag. Aus großer Macht folgt ja auch große Verantwortung…

Aber es nicht schwarz-weiß. Äußere und innere Umstände bewegen uns. Wir sind weder die Sklaven unserer Erfahrungen, noch Götter auf der Erde. Die Freiheit liegt vielleicht darin, es zu erkennen und abstimmen zu können. Außenwelt bedeutet nicht immer Unberechenbarkeit und Innenwelt nicht zugleich Sicherheit und Zuflucht. Oft genug sind die Bedingungen außen günstig und dennoch schwanken unsere inneren Säulen. Und umgekehrt, manchmal ist man im Chaos völlig ruhig und selig.

Die Lehre, die wir jetzt daraus ziehen?

Akzeptieren, was man nicht ändern kann und die Schranken des eigenen Wirkens erkennen. Und dennoch die Verantwortung, frei zu sein, nicht zu verkennen: nicht innerhalb seiner Schranken bleiben, höher streben, bis sie sich biegen und möglicherweise sogar zurückweichen.

Denn wir sind so groß und so klein zugleich.