Nostalgie und Fetisch

Es müssen wohl erst ein paar Jahrzehnte vergehen, bis Alltagsgegenstände vintage sind und als kultig gelten.
Wahrscheinlich aufgrund der ständig wechselnden Trends dauert es in der Mode nicht ganz so lange – inzwischen hatten Plateausohlen, Leggings und das Bauchfrei der 90er Jahre schon ein Comeback, und dieses Jahr sind die 80er im Vormarsch mit Schulterpolstern, Puffärmeln und Neonfarben, aber auch andere Jahrzehnte kehren regelmäßig wieder.

Anders verhält es sich bei Autos. Die werden nach 30 Jahren zum Oldtimer.

Bei allen anderen Sachen gilt all das als vintage, was zwischen 1920 und 1980 hergestellt wurde, also zum Beispiel die berühmte Bankerlampe, der erhabene Eames Chair, der chillige Chesterfield Sessel, der eigentümliche Egg Chair von Arne Jacobson oder auch sämtliche Grammophone, Plattenspieler und Schreibmaschinen. Alles davor wird als Antiquität bezeichnet, zum Beispiel barocke Kommoden im Louis XVI-Stil, Biedermeierschränke, neogotische Eckschränke oder Kolonialzeitsekretäre.

Retro sind den Klassikern nachempfundene oder kopierte Stücke, die aber in der Tat neue Produkte sind.

Omas Schreibmaschine, das Zigarettenetui von Opa, die alte Öllampe, eine alte Schreibmaschine erfüllen ihren Zweck nicht mehr nur aufgrund ihres Verschleißes, sondern weil die Technik mittlerweile einfach  ausgereifter ist und es zweckdienlichere Alternativen gäbe. Die Kinder und Enkelkinder behalten deren Alltagsgegenstände  also nicht aufgrund ihres eigentlichen Zwecks, sondern aus Nostalgie.

Um Nostalgie zu empfinden muss allerdings kein halbes Jahrhundert vergangen sein. Man kann Nostalgie auch gegenüber einem viel näher zurückliegenden Zeitraum empfinden, zum Beispiel gegenüber der Popkultur der Neunziger, die die Kindheit vieler geprägt hat – Sailor Moon, Pokémon auf RTL II und die Sammelkarten dazu, Harry Potter, Bibi Blocksberg-Hörspielkasetten…

Nostalgie ist für mich ein Gefühl, das ein Gegenstand, ein Foto, ein Film, ein Musikstück, ein Geruch, ein Geschmack – kurz: ein Gefühl, das eine Sinnesempfindung hervorruft und über ein bestimmtes Medium ausgelöst wird. Für eine kurze Dauer werde ich mir einer längst vergangenen Zeit oder einer mir unbekannten Epoche bewusst.

Und es ist mehr als ein Erinnern. Es ist ein Bewusstwerden.

Erinnerungen laufen über den Verstand. Sie sind Inhalte von Gedanken und handeln von bloßen Fakten. Das Bewusstwerden aber läuft über Sinnesempfindungen und erzeugt einen Gefühlsinhalt, nämlich Nostalgie. Wie Prousts Erzähler bei dem Geschmack einer in Tee getränkten Madeleine Erinnerungen vom Umfang von mehr als zehntausend Seiten überkommen, befällt einen die Nostalgie ganz unvermittelt. Sie ist eine tiefere, emotionalere Form des Erinnerns, denn sie ruft Erfahrungen wach, die unsere Sinne einmal gemacht haben. Wie es ein Muskelgedächtnis gibt, so gibt es gewiss auch eine Art Sinneserinnerung. Die Erinnerungen sind unmittelbarer und intensiver, sie sind viel mehr ein plötzliches Gewahrwerden. Die Erinnerungen werden körperlich sinnlich gefühlt und erlebt, sie sind die Nachempfindungen des bereits Erlebten. Ein Erinnern des Körpers, so unmittelbar, dass man sich regelrecht wundert, warum man sich nicht just in der Situation befindet. Die Gefühle sind echt, sie sind erinnert, sie sind dieselben, wenn auch die Situation nicht die gleiche ist.

Daher kommt die Fixierung auf Gegenstände, die diese Empfindungen wieder hervorrufen. Es ist wie ein Versuch, die Zeit zu konservieren.

Dinge kann man aufheben, pflegen und dadurch auch die Erinnerung pflegen. Das Erlebte kehrt dadurch aber nicht zurück, nur seine Spuren in unserer Erinnerung. Man kann diese Fixierung also als Fetisch bezeichnen. Von Fetisch spricht man, wenn die Wertschätzung eines Dings seinen bloßen Zweck übersteigt.
Die Dinge besitzen nunmehr einen erhöhten, ihren bloßen Tauschwert übersteigenden Wert, der unproportional ist zu ihrem eigentlichen vorgesehenen Zweck, denn darüber hinaus erhalten sie einen emotionalen, ideellen Wert.

Sartre trifft die Unterschiedung zwischen Dingen, die an-sich sind, die durch ihr Wesen auf ihre Existenz festgelegt sind und Menschen, die für-sich sind, die nicht durch ihr Wesen auf eine Seinsweise festgelegt und daher frei sind – frei im Handeln, frei zu entscheiden. Das An-sich-sein eines Gegenstands bedeutet, dass es in Form und Funktion festgeschrieben ist, das Für-sich-sein des Menschen ist seine Kontingenz, seine Freiheit, seine Möglichkeit der Veränderung. Ein Ding ist, der Mensch existiert. Mit dem Modell des ideellen Werts, den wir Gegenständen zuschreiben können, ändert sich auch ihre Seinsweise, die nun nicht mehr nur durch ihre Funktion festgelegt ist. Um ihre Seinsweise zu verändern, sind Dinge aber immer noch auf eine äußere Instanz angewiesen, auf uns – von sich aus könnten sie also nicht für-sich sein.

Fetischisierung ist eine für Gegenstände unübliche Art des Wertschätzens. Anders als Dinge, die nur einem Zweck dienen, nicht aber als Zweck an sich gesehen werden, außer, sie werden fetischisiert. Dann nämlich gesteht man ihnen einen Sinn außerhalb ihres Zwecks zu, sie gewinnen eine Bedeutung außerhalb ihres vorherbestimmten Verwendungszwecks, man verhilft ihnen zur Emanzipation von ihrer Determination durch ihre Funktion. Welche Bedeutung ihnen zukommt ist individuell und hängt nun mehr nicht von dem Ding an sich ab, der Vorherbestimmung durch seine Funktion.

Deswegen sagte ich, der Fetischismus verleihe Dingen einen unproportionalen Wert und gerade nicht etwa einen ungerechtfertigten, denn was rechtfertigt den Wert einer Sache mehr, wenn nicht die Bedeutung und der Sinn, den ihr der Mensch verleiht, ganz unabhängig von jedem Zweck. Denn was könnte mehr von einem Zweck entfernt sein als Sinn und Bedeutung, und was mehr zweckdienlich als diese.

  • ideeller Wert: https://de.wikipedia.org/wiki/Ideeller_Wert

Der Verlust der Freiheit nach Charles Taylor

Hallo zusammen! Normalerweise achte ich darauf, dass diese Blogeinträge eine erträgliche Länge haben. Diesmal nicht. Es ist ein philosophisch-soziologischer Versuch über den in einem seiner wissenschaftlichen Essays entwickelten Freiheitsbegriff von Charles Taylor. Ich wende ihn auf unsere heutige Zeit an und schaue, ob ich die Einschränkung dieser Freiheit im Neoliberalismus ein bisschen untermauern kann. Viel Spaß beim Lesen!

Der Politologe und Philosoph Charles Taylor (*1931) etabliert im Laufe seines Aufsatzes über distributive Gerechtigkeit (Verteilungsgerechtigkeit) einen Freiheitsbegriff, der das mündige, selbstbestimmte, demokratische Individuum im Sinne der Aufklärung, auszeichnet. Im Nachfolgenden möchte ich erörtern, ob diese nach Taylor definierte Freiheit in der heutigen Zeit, in dem vorherrschenden wirtschaftlichen System des Neoliberalismus, noch in dieser Weise vorhanden ist.¹

Der Neoliberalismus bezeichnet eine Sozial- und Wirtschaftspolitik, die Arbeitswelt und Privatleben, Politik und Persönlichkeit miteinander vermischt.²

»[Er] beruht im Kern auf dem Glauben, dass der Markt die beste Einrichtung sei, um nicht nur die Wirtschaft, sondern auch weite Teile des übrigen menschlichen Zusammenlebens zu organisieren. Zu den ersten politischen Maßnahmen neoliberaler Regierungen gehört daher regelmäßig die Privatisierung öffentlicher Unternehmen und staatlicher Aufgaben. […]

Die solidarische Absicherung durch den Sozialstaat lehnen Neoliberale als Eingriff in den Markt ab. Dementsprechend setzen neoliberale Regierungen auf Sozialstaatsabbau.«³

Taylor spricht einerseits von positiver Freiheit: der Staat muss dem Individuum gewisse Rechte zusprechen, etwas zu tun; man muss also bestimmte Möglichkeiten ergreifen können, sich innerhalb der Gesellschaft selbst zu verwirklichen (Verwirklichungsbegriff). Diese wäre in einem autoritären, faschistischen Regime sehr eingeschränkt, da Grundrechte (in Deutschland GG, §1-19), wie freie Meinungsäußerung, das Recht auf Privatsphäre, Versammlungsfreiheit, Rechtsschutzgleichheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Handlungsfreiheit, Recht auf ein Existenzminimum und viele weitere, nicht mehr garantiert wären4. Die Aufgabe des Rechtsstaats besteht darin, die Mittel zur Ausübung dieser Freiheiten bereitzustellen, das heißt zum Beispiel, ein breites Spektrum an unabhängigen Informationsmedien zu garantieren.

Andererseits meint Taylor negative Freiheit, nämlich die Freiheit von äußeren Hindernissen, »ein[] Zustand, in dem die eigene persönliche Entfaltung nicht von anderen Menschen, Institutionen oder Ideologien und den von ihnen ausgehenden Zwängen begrenzt oder verhindert wird.«⁸ (Möglichkeitsbegriff)

Man kann also innerlich durchaus frei sein, aber in Gefangenschaft leben. Und man kann zwar frei von äußerlichen Hindernissen sein und dennoch innerlich unfrei sein.5

Drei Merkmale charakterisieren Taylors Freiheitsbegriff.6

  1. Verwirklichung

  2. Authentizität

    „Wir sind nicht frei, wenn wir durch Furcht, durch zwanghaft verinnerlichte Normen oder falsches Bewusstsein motiviert werden, unsere Selbstverwirklichung zu vereiteln.“

  3. Rahmengebundenheit

»Damit ist gemeint, dass die Anforderungen positiver Freiheit auf atomistische Weise, also unabhängig von einem gemeinschaftlichen Werterahmen, weder erlangt noch verwirklicht werden können. Die gemeinsamen Wertvorstellungen sieht Taylor dabei in den kulturellen Praktiken sowie in den politischen Institutionen einer Gesellschaft verfestigt.«7

Das moderne, freie Individuum ist die Folge einer bestimmten Art von Zivilisation, nämlich innerhalb der »es einer langen Entwicklung bestimmter Institutionen und Praktiken, der Herrschaft des Gesetzes, der Regeln wechselseitiger Achtung, der Gewohnheiten gemeinsamer Beratung, gemeinsamen Umgangs, gemeinsamer kultureller Selbstentwicklung und so weiter bedurfte […] und dass ohne diese das gesamte Selbstverständnis als Individuum in der modernen Bedeutung des Begriffs verschwinden würde«.8

Ausgehend davon, dass unser Selbstverständnis als modernes Individuum auf vorhergehenden geschichtlichen, gesellschaftlichen Entwicklungen basiert, kann es nichts Statisches sein, dass, einmal ans Licht gebracht, nicht mehr untergraben oder verändert werden könnte.

»Ich habe nun die Identität eines Individuums ausgebildet, und ein faschistischer Umsturz morgen würde sie mir nicht rauben, sondern lediglich die Freiheit, sie voll zu leben. Sobald diese Identität sich einmal entwickelt hat, ist es, wie moderne Systeme der Tyrannei erfahren haben, schwer, sie zu ersticken.«9

Weiter Taylor: »Mit der Zeit jedoch ginge diese Identität allmählich verloren, wenn die Bedingungen, die sich aufrechterhalten, unterdrückt würden.«10

Anschließend stellt er drei Punkte auf, nach denen diese Freiheit vom totalitären Staat eingeschränkt wird. In Anlehnung an unsere heutige Gesellschaft will ich zur Ziehung von Parallelen auffordern. Die Argumentation dieses Aufsatzes soll anhand dieser drei Punkte der Beschneidung der Freiheit erfolgen und nicht anhand der vorangehenden 3 Punkte, die Taylor als das Ziel der Ausübung positiver Freiheit festlegt, da die negative Argumentation hier sinnvoller ist.

  1. Der Austausch mit anderen ist nicht mehr möglich (das Verständnis der eigenen Ziele wird aber dadurch genährt)

  2. Verlust der Verantwortlichkeit des Einzelnen für öffentliche Aufgaben

  3. individueller Geschmack eingeschränkt durch kulturelle Verbote11

Deshalb, so Taylor weiter, müsse die Gesellschaft und nicht zuletzt der Staat, genau »diejenigen Praktiken und Institutionen verteidigen, die das Verständnis der Freiheit aufrechterhalten. Dies bedeutet nämlich, die (soziale) Perspektive zu akzeptieren, derzufolge die eigentliche Fähigkeit zum Guten (hier zur Freiheit) mit einer bestimmten Form der Gesellschaft verknüpft ist.« Es reicht also nicht, die Freiheiten, zum Beispiel in Form von Rechten oder der Abwesenheit von Verboten, zu erhalten, sondern Taylor sieht die Aufgabe des Staates auch darin, solche Institutionen zu fördern, die ein gewisses Verständnis der Freiheit kultivieren.12 Anderenfalls, so könnte man schlussfolgern, würden diese Freiheiten gar nicht wahrgenommen werden, obwohl sie theoretisch möglich wären.

Solche öffentlichen Institutionen müssen also staatlich geschützt, gefördert und bewahrt werden. Es sind solche, wenn wir einen obig benutzten Begriff zu verwenden, die dazu befähigen, freie Meinungsbildung und -äußerung, sowie, nicht zuletzt, Selbstverwirklichung ermöglichen, also positive Freiheit fördern – das heißt, einerseits gewisse Rechte, aber andererseits auch den Willen, von diesen Rechten auch Gebrauch machen zu wollen.

»Historisch besonders bedeutsam, weil Grundvoraussetzung für die Ausübung verschiedenster Freiheitsrechte, war und ist freier Zugang zu Wissen und Bildung. Die herausragende Bedeutung von Bildung für die Entfaltung individueller Freiheit lässt sich alleine schon an der allgemeinen Schulpflicht erkennen, dem wohl größten Eingriff in negative Abwehrrechte, der im Namen der Mehrung der positiven Freiheit, durch Steigerung der Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen, seit der Aufklärung allgemein befürwortet wird.«13

Ohne die Nutzung der positiven Rechte werden die Verbote (negative Freiheit) obsolet. Wer innerlich unfrei ist, muss nicht mehr durch äußere Beschneidungen von irgendetwas abgehalten werden, und ein Staat, der unser Verständnis von Freiheit fahrlässig der Willkür privater Großkonzerne aussetzt, kann sich getrost unter der Legitimität des Deckmantels eines Rechtsstaats verstecken. Konsumenten sind leichter zu kontrollieren als mündige Bürger. Womit wir die Brücke zum Neoliberalimus schlagen.

Zu Punkt 1: Austausch mit anderen ist nicht mehr möglich (das Verständnis der eigenen Ziele wird aber dadurch genährt)

Das freiheitliche Verständnis unserer Ziele, und somit nicht zuletzt der Freiheit, wird Taylor zufolge durch den Austausch mit anderen genährt. Ohne Du kein Ich – das Ich definiert sich im Verhältnis zu anderen, zu denen man entweder Unterschiede oder Gemeinsamkeiten feststellen kann.

Der »freie Austausch mit anderen« wäre demnach das Kriterium, das dazu beiträgt, das Verständnis von Freiheit aufrecht zu erhalten, mit anderen Worten – eine reiche Diskurskultur. Frei zugängliche Räume für Meinungsbildung und -vielfalt und Pressefreiheit.

Die heutigen Printmedien, Fernsehen und Radio bieten allerdings eher Einfalt statt Vielfalt und von Unabhängigkeit kann auch nicht wirklich gesprochen werden: In Deutschland herrscht eine hohe Konzentration von (ehemaligen) Politikerinnen und Politikern in den Kontrollgremien der öffentlich rechtlichen Sender ARD und ZDF; ebenso ihre Verflechtungen mit unzähligen Tochterfirmen, sowie höchst intransparente Finanzstrukturen lassen an der journalistischen Unabhängigkeit der öffentlich rechtlichen zweifeln.14 Bei den Privatsendern dominieren ProSiebenSat1 und die RTL Media Group.15 Bei den Printmedien sieht es kaum besser aus. »Fünf Verlage kontrollieren annähernd die Hälfte des Zeitungsmarktes. Weit mehr als die Hälfte der Menschen hat nur noch eine Lokalzeitung vor Ort. Der Trend zum Einzeitungskreis ist schon seit Jahren ungebrochen.«16

Deutschland schafft es im internationalen Ranking der ROG (Reporter ohne Grenzen) gerade mal auf Platz 15.17 Das Verhindern von Monopolen und Privatisierung wäre eine Aufgabe des Staates.

Zwar liegen die traditionellen Medien Radio und Fernsehen zahlenmäßig noch unter den „neueren“, die Entwicklung tendiert aber klar in Richtung der neuen Medienlandschaft. Diese kennzeichnet heutzutage vor allem polarisierende Internetforen, Facebook, Twitter, Instagram, Google, sowie »Nachrichtenplattformen« wie TheHuffingtonpost. Das Format der Nachrichten auf diesen Seiten zeichnet sich durch Kürze und die damit unvermeidliche Überspitzung und nicht zuletzt Sensationslust durch sensationsheischende Überschriften, die zum Klicken animieren sollen und die auch die Printmedien, allen voran die BILD-Zeitung, längst verinnerlicht haben.

Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft, äußert sich zu der heutigen Debattenkultur auf der phil.cologne: Er beschreibt unser heute als »Zeitalter« der »Hasskommunikation, Propaganda, Desinformation und Fake News[, die] in kaum gekannten Ausmaß global zirkulieren und [in der sich] aggressive Selbstbestätigungsmilieus herausbilden.« Er beschreibt das Phänomen als »Deregulierung des Diskursmarktes. Der Journalismus als einst »sortierende Kraft« könne seine Rolle als »Gatekeeper« in Zeiten von Facebook, Twitter, Google nicht mehr aufrechterhalten. Dasselbe gilt für die politische Dimension. Populistische Figuren wie Donald Trump seien Gewinner dieser Entwicklungen.18

Was die Rolle der neuen Medien bei dieser neuen Diskurskultur spielt, darüber scheiden sich die gelehrten Geister.19 Eli Pariser erschuf 2011 in seinem gleichnamigen Buch den Begriff Filterblase (englisch: filter bubble), demzufolge die Algorithmisierung und Regulierung unserer Informationsströme von den großen Medienplattformen zu einer verstärkten Polarisierung der Meinungen und einem Einschrumpfen des Horizonts führt.

»Durch die Anwendung dieser Algorithmen neigen Internetseiten dazu, dem Benutzer nur Informationen anzuzeigen, die mit den bisherigen Ansichten des Benutzers übereinstimmen. So wird der Benutzer sehr effektiv in einer „Blase“ isoliert, die dazu tendiert, Informationen auszuschließen, die den bisherigen Ansichten des Benutzers widersprechen.«20

Eine empirische Bestätigung dieser Filterblase gibt es allerdings nicht. Noch scheinen Suchmaschinenergebnisse gleich für uns zu sein, eine Verbesserung der Suchergebnisse erfolgt lediglich ortsabhängig, wenn man diesen überhaupt angibt. Allerdings geht der Trend klar hin zur Personalisierung. Der News Feed von Facebook oder Instagram, die Kaufvorschläge von Amazon, die Playlisten auf Spotify oder Netflix richten sich nach dem Geschmack des Users – Personalisierung und damit Partikularität statt Totalität; Man umgibt sich mit nur seinem Teil der Wirklichkeit und und lebt in Ignoranz und Unverständnis des Ganzen, des Anderen, des Neuen.

Bleiben wir kurz bei dem Beispiel Spotify und Netflix. Die immer weniger beliebten Formate Radio und Fernsehen lebten von der Popkultur. Es tat den Flexiblen unter uns nicht allzu sehr weh, dort hineinzuhören oder zu -schauen, denn Popkultur ist für die breite Masse und je einheitlicher die Masse ist, desto besser. Das macht sowohl die Popkultur als letztendlich auch die Masse so konservativ und uninnovativ, getreu dem Motto: lieber nichts riskieren, in sicherem und bekannten Terrain verweilen und das Altbewährte lieber so lange weilen lassen, bis es vollends ausgelutscht ist.

Aber auch die Polarisierung politischer Meinungen in den sozialen Medien findet statt: »Selbstbestätitgungsmileus [bilden sich heraus]. Es ist leicht geworden, ideologisch verwandte Stämme zu entdecken, ganz gleich, ob es Impfgegner sind oder politische Extremisten, die sich gleichsam von Giftzwerg zu Giftzwerg die Hand reichen und dann sagen: >Wir sind doch so viele! Warum bitte werden unsere Ideen in den Leitmedien nicht gespiegelt?« Die neue Medienlandschaft trägt insofern wenn nicht zu einer Entstehung, so aber mindestens zu einer Radikalisierung extremistischer Meinungen bei – Pörksen verortet den Grund dafür in der Anonymität im Netz, der Unmittelbarkeit, der Kürze der Äußerungen und der Belohnung durch Likes und Shares, was möglicherweise zur radikaleren Äußerungen ermutigt.21

Ein weiterer Punkt – oder sogar eine Folge der vorangehenden – ist die Entsolidarisierung der Gesellschaft. Die Politik adressiert sich zunehmend an die Gesellschaft als Interessensgruppen. Als Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Homosexuelle, Christen, Muslime, Reiche, Arme, Frauen, Männer, Bayernfans, Löwenfans… »Entsolidarisierung im Allgemeinen resultiert [] aus einer übertriebenen Solidarisierung im Partikularen.« Was dabei verloren geht, ist die gesamtgesellschaftliche Perspektive, nicht im patriotischen Sinne des Nationalstaats, sondern eher als gleiche Bürger eines Rechtsstaats. Diese Solidarität trägt nicht zuletzt auch dazu bei, dass wir in einem Sozialstaat bereit sind, füreinander aufzukommen.22

Was für ein Interesse könnte nun der Neoliberalismus daran haben, diese Solidarität zu zerstören?

Zum einen der Abbau des Sozialstaats zu rechtfertigen. Denn je abgekapselter ein Individuum von einer Gemeinschaft ist, desto mehr ist man gerichtet auf sich, auf seine eigenen Bedürfnisse und auf die seiner kleinen sozialen Gruppe, also Familie und Freunde. Egoismus waltet.

»Der einzelne Mensch rückt dabei in einer sehr eigenartigen Weise in den Mittelpunkt: Er soll an Märkten und in der Gesellschaft eigenständig zurechtkommen – anstatt sich auf den Staat oder auf Mechanismen solidarischer Absicherung zu verlassen. […]23 Eine häufig gebrauchte Floskel in diesem Zusammenhang ist die »Selbstverantwortung«: »Verlass‘ dich nicht auf andere!«, »Komm‘ selber klar!«, »Mach was aus Dir!«, »Nutz‘ deine Chancen!«, […] »Streng Dich an!«[…] Die hier durchscheinenden Normen und Ansprüche sind die Kehrseite von Sozialabbau und wegbrechender gesellschaftlicher Solidarität. Man kann durchaus von einer »neoliberalen Moral« sprechen.[…]Um Erfolg und Anerkennung zu erlangen, sollen sich die Menschen als aktiv und selbstdiszipliniert erweisen und dabei unternehmerisch und egoistisch denken und handeln. Um gegenüber seinen Konkur entInnen die Nase vorn zu haben, gilt es, wettbewerbsfähig und innovativ zu sein und zu werden.

Je schwächer soziale Bindungen werden und je geringer die soziale Sicherheit, desto wichtiger wird es für Menschen, der neoliberalen Moral zu folgen. Einerseits treibt sie dabei die Angst vor sozialem Abstieg, vor Missbilligung durch andere, bisweilen auch vor staatlichen Sanktionen und Strafen.[…]24 Gründe für Erfolg und Elend, für Teilhabe und Ausgrenzung liegen aus dieser Sicht stets beim einzelnen Menschen.«25

Das befördert den Hass für Sozialleistungsempfänger, die für ihre Lage stets selbst verantwortlich gemacht werden und Intoleranz gegenüber bestimmten Gruppen. Angst vor sozialem Abstieg befeuert die Konkurrenzmentalität und Entsolidarisierung innerhalb der Gesellschaft.

Die Ausrichtung am Markt führt auch zu einer Verkümmerung des Bildungssystems, »das zunehmend auf Kompetenzen ausgerichtet wird, die sich bezahlt machen sollen, und das immer weniger Wissen vermittelt, mit dem wir uns die Welt erschließen.«26

Zu Punkt 2 : Verlust der Verantwortlichkeit des Einzelnen für öffentliche Aufgaben

»Eine der zentralen Thesen in den aktuellen Diskussionen über „Postdemokratie“ besagt, dass moderne Demokratien hinter einer Fassade formeller demokratischer Prinzipien zunehmend von privilegierten Eliten kontrolliert werden. Die Umsetzung neoliberaler Politik habe zu einer „Kolonisierung“ des Staates durch die Interessen von Unternehmen und Verbänden geführt, so dass wichtige politische Entscheidungen heute außerhalb der traditionellen demokratischen Kanäle gefällt werden. Der Legitimitätsverlust demokratischer Institutionen zeige sich in einer zunehmenden Entpolitisierung.«27

Warum die meisten Bürger all das ohne Weiteres einfach so hinnehmen, erklärt Patrick Schreiner in seinem 2017 erschienenen Buch »Warum Menschen sowas mitmachen«. Er beschreibt, wie die Marktstrukturen nach und nach unbemerkt in unser Demokratieverständnis eingesickert ist und wir uns dem neoliberalen Diktat hörig unterordnen.

Er fasst die Kernaussagen des Aufsatzes »Die schleichende Revolution« der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Wendy Brown zusammen:

»Neoliberale Ökonomisierung […] könne [die Demokratie] töten. Gemeint ist damit: wenn Politik zunehmend den Charakter von Märkten gewinnt und politische Akteure zu Marktakteuren werden, dann ist Demokratie nicht geschwächt, sondern am Ende. Der Neoliberalismus sei aktuell dabei, den politischen Charakter der Demokratie in etwas Ökonomisches umzuwandeln.28

Als Beispiele der Veränderung politischer Prozesse nennt Brown die strikte Orientierung an Kosten-Nutzen-Abwägungen und die Durchsetzung von allgemeinen Maßstäben für angeblich alternativlos richtige Politik (Bench-Markings). Der Staat wird zunehmend wie ein Unternehmen geführt und beurteilt; aus Regierung wird Management. So hat heute zum Beispiel der öffentliche Dienst in ökonomischem Sinne effizient zu sein. Einst war es hingegen auch öffentliche Ausgabe durch die Schaffung von guten Arbeitsplätzen Wirtschaft und Arbeitsmarkt zu beeinflussen.

Eine unmittelbare Folge dieser neoliberalen Ökonomisierung von Politik ist politische Alternativlosigkeit.

Einige Beispiele: den öffentlichen Dienst zu verkleinern, gilt heute weiterhin als Ausweis erfolgreicher Politik. Die Frage nach den gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen folgen dessen wird hingegen nicht mehr gestellt. Hochschulen werden in immer gleichen Rankings an den immer gleichen Kriterien Arbeitsmarktchancen und Veröffentlichungen des Lehrpersonals gemessen. Die Frage nach den Lehrinhalten wird dann zweitrangig. Aus Vielfalt der Lehre wird Einfalt. Und als Wirtschaftskompetenz der Parteien gilt einzig, möglichst Marktfreundlich und Unternehmensnah zu sein. Die Frage nach anderen marktkritscherischen Politikkonzepten hat sich erledigt. Wenn Alternativen aber auf diese weise undenkbar werden, dann ist von Politik im Grunde nicht mehr zu sprechen. Von Demokratie aber schon gar nicht, beruht diese doch notwendig auf dem Streit um bessere politische Alternativen.«29

Als »Humankapital« hat der Mensch sich um seine eigenen Probleme, für die er nun mehr ganz verantwortlich ist, zu kümmern, stellt keine politischen, demokratischen Forderungen, instrumentalisiert sich für sich selbst und den Staat – und all das ganz freiwillig.

Die neoliberale Politik verändere von uns unbemerkt unsere Wertmaßstäbe, die sich nur noch am Markt bemessen.

»Neoliberale Ökonomisierung und ein Selbstverständnis als Humankapital führen auf diese Weise zur Entpolitisierung von Menschen und Gesellschaften, so Brown.«30

Hier kommt auch wieder die oben erwähnte Abschottungsmentalität zu tragen: Die Menschen wollen die Konsequenzen der jahrzehntelangen rücksichtslosen Außen- und Wirtschaftspolitik des Westens nicht tragen und legen deshalb ihr Vertrauen in die Hände von reaktionären Vollpfosten, die schnelle Lösungen versprechen, zum Beispiel Mauern bauen und Grenzen sichern, um sich ihr Idyll so lange wie möglich vorgaukeln zu können. »In den Zeiten der Globalisierung repräsentieren [sie] die Sehnsucht, Ängste und Verunsicherungen bestimmter Bevölkerungsteile auf ein imaginäres Außen zu lenken: Auf Migranten, Terroristen und Drogenschmuggler. Mauern liefern somit das, was Heidegger ein »beruhigendes Weltbild« nannte, ein sichtbares Emblem der Einkapselung.«31 Statt Hart-IV-Empfänger als Feindbild dient heute der Flüchtling. Der erschreckende Zustand des deutschen Sozialstaats wird überschattet von einem greifbareren Sündenbock.

Zu Punkt 3: individueller Geschmack eingeschränkt durch kulturelle Verbote

»Kultur ist Kapital. […] Das moderne Unternehmen ist ein Kulturunternehmen, der zeitgenössische Kapitalismus, nach einem Wort von Jeremy Rifkin, ein „Kulturkapitalismus“. Es würde schon zu kurz greifen, zu formulieren: Das Image ist so bedeutend wie der Gebrauchswert einer Ware. Denn oft ist das Image der eigentliche Gebrauchswert. Design ist nicht nur Reklame, die den Verkauf befördern soll, das Design ist das eigentliche Produkt. „Was wir auf dem Markt kaufen“, schreibt Slavoj Žižek, „sind immer weniger Produkte und immer mehr Lebenserfahrungen wie Essen, Kommunikation, Kulturkonsum, Teilhabe an einem bestimmten Lebensstil.“32

Von Verboten kann man zwar nicht sprechen, wohl aber von Manipulation, oder, euphemistisch, Werbung. Werbung kreiert und kontrolliert somit Bedürfnisse.

Das heutige Individualitätsdiktat ist aber ein geheucheltes, denn im Neoliberalismus ist nur die Individualität toleriert, die sich auch verkaufen lässt: was den Geschmack von Filmen, Musik, Kunst, Freizeitaktivitäten und Essen angeht – Lifestyleprodukte eben. »Lifestyle« ist ein kapitalistisches Konzept, das dazu ermutigt, bzw. zwingt, bestimmte Produkte zu kaufen, die dann als Eintrittskarte für ein bestimmtes soziales oder Arbeitsumfeld fungieren. Die neuen Werbeträger »Influencer« dienen dazu, die Schwächen der Werbung zu kompensieren und schließen die Lücke zwischen Kühle, Unnahbarkeit und Einheitsbrei. Indem sie sich als besonders individuell, authentisch, aber zielstrebig darstellen, verkörpern sie in Perfektion das Diktat des Neoliberalismus, das Schreiber entwickelt hat (s.o.): Die alternativlos erscheinenden Arbeitsumstände nicht nur akzeptieren, sondern verinnerlichen, statt den Fehler im System zu suchen, Selbstoptimierung und Selbstdarstellung (also Vermarktung ihres Humankapitals) betreiben und möglichst viel Freunde dabei haben – natürlich indem sie bestimmte Produkte konsumieren.

Die Etablierung dieser Dynamik führt zur Exklusion derjenigen, die sich dieser Konsummentalität entziehen. Sie erfahren Ausgrenzung und Benachteiligung in sozialen und geschäftlichen Bereichen. Wenn man nicht die neuesten Adidas hat, nicht exotische oder abenteuerliche Reiseorte wählt, wenn man kein iPhone besitzt, wenn man Whatsapp und Facebook boykottiert, dann gilt man als »alternativ«, technik- und fortschrittsfeindlich und insgesamt als weltfremd.

»Eine Gesellschaft, die von einer solchen atomistischen und instrumentalistischen Mentalität geprägt ist, trägt wesentlich zu einer „seichten Erscheinungsform der Authentizität“33.1 bei. Die Folge ist, „(…) dass die Praktiken, die die moderne Identität angeblich verkörpern, in Wirklichkeit zu einem gewissen Verlust dieser Identität führen (…).“ 33.2 Eine angemessene Vorstellung von Authentizität würde dementgegen eine intersubjektive Basis voraussetzen.

So kommt es dazu, „(…) dass wir aufgrund der Verrücktheit dieser Gesellschaft Dinge tun, für die wir uns nie entscheiden würden, wenn wir daran gingen, bewusst zu handeln.33.3“«33

_______________________________________________________________________________

Quellen:

1 Taylor, Charles: Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus, Erste Auflage, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1992, S.175

2 Schreiber, Patrick, Warum Menschen sowas mitmachen – Achtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neoliberalismus, PapyRossa Verlag, Köln 2017, S.11

3 ebd. S.11/12 Zur Geschichte des Neoliberalismus: »Die Sozial-, Wirtschafts- und Finanzpolitik nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 war der heutigen durchaus ähnlich: Sie war in vielen Ländern marktextremistisch. Die Regierungen sagen es lediglich als ihre Aufgaben an, Löhne und Staatsausgaben zu bremsen oder zu sendken. Ansonsten ließen sie den Märkten weitgehend freien Lauf. Der Markt wisse es besser, er werde es schon richten. Es herrschte ein übersteigerter, gedankenloser Kapitalismus. Diese Politik führte in den 1920er und 1930er Jahren weltweit zu gravierenden wirtschaftlichen Krisen, zu sozialen Verwerfungen, Verelendung, Arbeitslosigkeit und Armut.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schienen die Regierungen in den westlichen Industriestaaten zunächst daraus gelernt zu haben: Sie setzten den Märkten striktere Grenzen, bauten die soziale Sicherung aus, machten den Staat zu einem wichtigen wirtschaftspolitischen Akteur und stärkten die Rechte von ArbeitsnehmerInnen.

Seit den späten 1970er und 1980er Jahren aber dominierte wieder ein marktextremistischer Kapitalismus. Radikale wirtschaftsliberale Vorstellungen fanden erneut weite Verbreitung, nun unter der Bezeichnung »Neoliberalismus«. Zunächst waren es Militärdiktaturen in Asien und Lateinamerika, die eine solche neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik betrieben. In den 1980er Jahren folgten konservative Parteien und Regierungen in westlichen Demokratien. Internationale Organisationen, allen voran der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank begannen, Entwicklungsländer auf neoliberalen Kurs zu zwingen. In den 1990er Jahren schließlich wurde auch die Sozialdemokratie neoliberal.[…]Die Märkte sollen aus neoliberaler Sicht möglichst frei von Regulierung sein. Regeln und Begrenzungen sollen auf ein Minimum zurpckgeführt werden. Internationale Freihandelsverträge haben sich zu einem wesentlichen Instrument entwickelt, um eine entsprechende Deregulierungen voranzutreiben. Den Finanzmärkten kommt dabei eine besondere Bedeutung zu; insbesondere der grenzüberschreitend freie Kapitalverkehr steht ganz oben auf der neoliberalen Agenda. Wer üblicherweise als »Globalisierung« bezeichnet wird, beruht im Kern auf dieser Politik des internationalen Abbaus von staatlichen Regulierungen und Standards.«

4 Berlin, Isaiah, Freiheit. Vier Versuche, Frankfurt/Main, 2006, S. 197-256.

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Grundrechte_(Deutschland)

6 http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/27534, S. 14

7 vgl. Taylor 1992: S.175

8 ebd.

9 ebd,

10 ebd.

11 ebd, S.176

12 ebd.

13 https://d-64.org/prinzip-freiheit-in-der-digitalen-gesellschaft/

14 Verflechtungen deutscher Fernsehsender Harald Rau, Chris Hennecke: Geordnete Verhältnisse?! – Verflechtungsstrukturen deutscher TV-Sender, Baden-Baden 2016 (siehe auch den ergänzenden Faktencheck „Verflechtungen“)

https://www.zdf.de/assets/faktencheck-22-mai-100~original?cb=1529304803993

15 http://www.bpb.de/143259/senderfamilien-und-medienkonzentration

16 https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwi51ueE67zcAhUEEVAKHWgHDm0QFjAAegQIABAB&url=https%3A%2F%2Fwww.zdf.de%2Fcomedy%2Fdie-anstalt%2Ffakten-im-check-der-anstalt-118.html&usg=AOvVaw1r8UdJ4j2hWwxf859OnOId

Der Medienforscher Röper geht davon aus, dass inzwischen 70 Prozent der Bevölkerung nur auf eine Lokalzeitung zurückgreifen kann bzw., wo es vielleicht mehrere Zeitungen gibt aber mit identischen Lokalteilen Schon in der konservativeren Zählweise des Zeitungsforschers Schütz von 2012, der schon eine Pressevielfalt veranschlagte wenn es mehrere Zeitungen auch mit identischen Lokalteilen gab, waren die Zahlen sehr hoch: 236 Kreisfreien Städten oder Kreisen (58,7 Prozent) mit einer Monopolzeitung stehen 166 Städte/Kreise (= 41,3 % aller Kreise) mit einer Zeitungsdichte von 2 und mehr gegenüber. Bezogen auf die Einwohner ist der Anteil eher umgekehrt: 56 Prozent der Bevölkerung können zumindest zwischen zwei lokal berichtenden Zeitungen wählen. 44 Prozent aller Einwohner im Bundesgebiet haben keinerlei Auswahl und sind auf eine einzelne lokal orientierte Zeitung angewiesen.

http://www.das-parlament.de/2009/31/Themenausgabe/25272149/301864

http://www.taz.de/!774432/

17 https://www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste/2018/

18 Pörksen, Bernhard, Interview: »Die gereizte Gesellschaft«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Horizonte: Dialog

19 https://www.zeit.de/2017/34/algorithmen-filterblase-meinungen-selbstbetrug

20 https://de.wikipedia.org/wiki/Filterblase

21 Pörksen, Bernhard, Interview: »Die gereizte Gesellschaft«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Horizonte: Dialog

22 Bleisch, Barbara, Ihre Frage, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018

23 vgl. Schreiber 2017: S.14

24 ebd. S.15

25 ebd. S.18

26 ebd. S.19

27 https://www.bpb.de/apuz/33565/postdemokratie-und-die-zunehmende-entpolitisierung-essay?p=all

28 vgl. Schreiber 2917: (S.76)

29 ebd. S.78

30 ebd. S.79

31 Brown, Wendy, »Souveränität ist eine Fiktion«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Zeitgeist: Analyse

32 http://www.bpb.de/apuz/198387/lifestyle-kapitalismus?p=all

33 http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/27534, S.

→ 33.1 Taylor, Unbehagen, S.134

→ 33.2 Taylor, Legitimationskrise?, S. 292, kursive Hervorhebung von F.S.

→ 33.3 Taylor, Legitimationskrise?, S. 239, kursive Hervorhebung von F.S

So etwas wie ein Gedicht

Nicht das WAS, sondern das WIE zählt.

Nicht was wir tun, sondern wie wir es tun.

Nicht was wir wissen zählt, sondern wie wir uns auf Grundlage dessen entscheiden etwas zu tun.

Nicht unsere Fähigkeiten zeigen, wer wir wirklich sind, sondern unsere Entscheidungen (Albus Dumbledore)

Wir sind nicht determiniert durch unsere Anlagen, nicht durch unsere Erziehung, nicht durch unser Umfeld.

Es gibt diesen kleinen Moment vor einer Entscheidung und in diesem Moment sind wir frei.

Wir treffen am Tag hundert kleine Entscheidungen.

Wir haben am Tag hundert kleine Möglichkeiten, zu entscheiden, wer wir sein wollen.

Wir haben am Tag hundert Möglichkeiten, frei zu sein.

____________________________________________________________________________________________

Quellen: Warner Bros „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ von Chris Columbus, basierend auf gleichnamigem Roman v. Joanne K. Rowling

Wer bin ich?

Ich war, ich werde sein, ich werde gewesen sein –

Oft denkt man zu viel an Vergangenheit und Zukunft, selten ist man wirklich gegenwärtig in der Gegenwart. Aber wann bin ich tatsächlich? Und was ist dieses Ich?

Was ist dieses Ich, das wir zwar alle haben, uns aber gleichzeitig voneinander unterscheidet? Und scheint es doch so, dass nur durch die Abgrenzung  von anderen überhaupt ein Ich entstehen kann!

Ist das Ich die Schnittstelle zwischen der eigenen Vergangenheit und Zukunft, ist es gewissermaßen die eigene Gegenwart? Das Ich ist ein gegenwärtiger Bewusstseinszustand und vereint alle subjektiven individuellen Erfahrungen und auch wenn man sich nicht genau an alles erinnern kann, gewiss ist, dass man an gewissen Situationen raum-zeitlich anwesend war. Kein Ich ist also aus einer detailliertesten Geschichte der Welt wegzudenken. Das Ich muss aber mehr sein als die Summe meiner bisherigen Erfahrungen. Das Ich ist ja auch noch Zukunft – also noch nicht. Aber Erwartungen und Pläne für die Zukunft ist man wohl auch in der Gegenwart. Außerdem bildet einen wichtigen Bestandteil des Ichs noch die Haltung, die man gegenüber Dingen einnimmt – Anschauungen, Meinungen, Wünsche. Philosophisch-begrifflich nennt man das Intentionalität – die Fähigkeit, sich auf Dinge zu beziehen, ein Zustand des Gerichtet-Seins des Bewusstseins.

Das Vergangenheits-Ich ist ein schon beschriebenes Blatt, von dem sich keine Zeile löschen lässt. Dieses Ich ist Geschichte und vielleicht lässt sich behaupten, dass man nur aufgrund diesem überhaupt so etwas wie ein Identitätsgefühl besitzt – eine ungefähre Vorstellung, was einen als Person ausmacht. All die getroffenen Entscheidungen, gute und schlechte, die gesammelten Erfahrungen, die Menschen, die unseren Lebensweg gekreuzt haben – gleich Fäden laufen sie in uns zusammen, geben unserem Ich eine Form.

Das bedeutet nicht, dass ein Charakter determiniert ist. Angenommen, es gäbe den Menschen mit exakt denselben Erfahrungen noch einmal – in einem anderen Universum vielleicht – müsste dieser dann genau so sein wie man selbst? Oder liegt unsere Freiheit genau darin, anhand unserer Erfahrungen eigene, unabhängige Wertvorstellungen, Eigenschaften, Vorlieben zu entwickeln? Also quasi unvorhersehbar zu sein?

Denn gleiche Erfahrungen determinieren nicht automatisch auch die gleichen Lehren. Eine objektiv schlechte Erfahrung kann sich auch durchaus positiv auf den eigenen Charakter entwickeln, während ein Leben, das nur aus guten Erfahrungen besteht, auch eine miese Persönlichkeit hervorbringen kann: wenn man gewohnt ist, dass alles glatt läuft und man nie ernstliche Hindernisse zu bewältigen hat, kann man wichtige Eigenschaften wie Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen oder Entschlossenheit gar nicht entwickeln.

Des Weiteren legt zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht nicht unbedingt ein bestimmtes Wahlverhalten fest. Es kommt auf die Motive an, aufgrund derer man wählt und diese können egoistischer Natur oder auch altruistischer sein, aber auch rationaler, emotionaler Art und müssen gar nicht mit sozio-ökonomischen Faktoren zusammenhängen, es können auch pragmatische oder ideologische sein!

Erwähnenswert ist hier die Habitus-Theorie des Soziologen Pierre Bourdieu, die die Denk- und Verhaltensstrukturen, einer Person anhand ihres sozialen Status und Rang in der Gesellschaft relativ zum Kollektiv untersucht. „Die Art der sozialen Erfahrungen, die ein Mensch macht, werden in hohem Maße durch die Kategorien (Klasse, Geschlecht, Ethnizität, etc.), in die ein Mensch von der Gesellschaft eingeordnet wird, mitbestimmt“¹. Die Bestimmung der Klasse erfolgt über die Verteilung von folgenden Kapitalformen, über die jemand verfügt: ökonomisches Kapital (materielle Ressourcen), kulturelles Kapital (Bildung), symbolisches Kapital (Prestige und Anerkennung in der Gesellschaft) und soziales Kapital (Beziehungen). Wenn innerhalb einer sozialen Klasse Ähnlichkeiten bezüglich Vorlieben und Gewohnheiten festzustellen sind, spricht man vom „Klassenhabitus“.

Vorhersehbarkeit … Google versucht, unser Online-Verhalten vorauszubestimmen und zu manipulieren – indem es Daten sammelt, um so ein möglichst akkurates Profil von uns zu erstellen. Empirisches Sammeln von Informationen, die ein Verhalten in der Vergangenheit markieren, lassen also Prognosen über die Zukunft zu und gleichzeitig die Aussicht, diese positiv in – scheinbar – unserem Interesse zu manipulieren.

Kurz, aber könnte man all diese Motive erfassen und daraus eine Handlungstendenz bestimmen, in welche Richtung eine Entscheidung fallen wird – es gibt immer noch die Willkür! Eine Handlung resultiert ja nicht nur auf einer rationalen Abwägung von sinnvollen Argumenten – wir Menschen können durchaus auch „aus dem Bauch heraus“ handeln, oder uns einfach die Augen zuhalten und dem Zufall das Geschick überlassen.

Vorhersehbarkeit, Determination … viele Philosophen, von Platon über Leibnitz, nahmen an, Gott habe jeden Menschen nach einem bestimmten Plan und Zweck geschaffen. Die Handlungsfreiheit sei also nur eine nützliche Illusion.

Der Existenzialismus, eine in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstandene philosophische Denkrichtung, vertreten durch Albert Camus und Jean-Paul Sartre, nahm aber im Gegenteil an, wir als Menschen, seien zur Freiheit geradezu verurteilt: wir haben keine andere Wahl, als die Wahl zu haben! Die Formel des Existentialismus lautet: Die Existenz geht der Essenz voraus. Das bedeutet: Der Mensch bestimmt den Zweck seines Daseins selbst. Er existiert erst, begegnet sich selbst in seinem Dasein und formt dadurch aktiv seine Identität. Es gibt keinen vorgegebenes und schon gar kein allgemeines Wesen des Menschen oder den Sinn des Lebens – man ist frei und dazu verdammt, diesen selbst zu bestimmen.

Das Modell der völligen Unmündigkeit – also dem Absprechen jeglicher Verantwortung für sämtliche Handlungen aufgrund des unausweichlichen Schicksals oder anderer Determinanten wie sozialer Herkunft, emotionaler Prägungen, Veranlagung, Ethnizität, sexueller Orientierung – gegen das Modell der absoluten Mündigkeit.

Wir wollen annehmen, das Ich ist nicht einfach nur die Summe oder gar das Opfer unser Biographie und äußerer Einflüsse – es gibt doch immer eine letzte Instanz des freien Willens: das wäre dann das Ich. Denn wir sind frei zu entscheiden, wie wir uns entscheiden und aus welchen Gründen – nach eigenen Interessen, zum Wohle anderer, willkürlich, aus dem Bauch heraus …

Sind es dann unsere Eigenschaften, die bestimmen, wer wir sind, die voraussagen können, wie wir handeln werden? Wenn ich nett bin, handle ich auch nett. Dann mache ich nette Sachen, ob sie von anderen als solche erkannt oder interpretiert werden, ist wohl nicht wichtig – denn letztlich zählt nur die Intention, wenn die Tragweite an Folgen nicht in Gänze abgeschätzt werden kann. Also trägt man im Endeffekt nur die Verantwortung für seine Intentionen. Aber handelt man nett, weil man nett ist, oder ist man deshalb nett, weil man nett handelt? Andererseits kann eine aus einer ursprünglich netten Intention erfolgte Handlung böse Folgen haben oder von anderen falsch interpretiert werden – dann gilt man als Mensch, der eine böse Handlung vollzogen hat. Wenn weitere böse Handlungen folgen, gilt das als Muster und man selbst als böse Person. Die Intention hinter den Handlungen interessiert niemanden mehr. Und andersherum kann jemand, der aus bösen Motiven heraus handelt, zum Beispiel rücksichtslosem Egoismus, eine Handlung als gute Tat hinstellen.

Charaktereigenschaften sind im Endeffekt also … eine Konklusion aus den Motivationen, die die Handlungen einer Person antreiben. Mit einem ethischen Maßstab mit den Kategorien „gut“ und „böse“, der natürlich variabel ist, gewinnt man eine tendenzielle Essenz eines Charakters. Könnte aber nur jemand anfertigen, der alle Intentionen erfassen kann, also nur man selbst, da man aber nur die eigene, subjektive Sicht darauf hat und man sowieso niemanden besser anlügen kann, als sich selbst, kann diese Statistik nie objektive Gültigkeit haben. Und andere Personen sehen sowieso nur den „outcome“ einer Handlung und nicht die Intentionen. Also ist unser Versuch einer objektiven Bestimmung von Charaktereigenschaften, hinter denen wir die Essenz des Ich vermuteten, gescheitert und kann  auch nur scheitern. Naja, und das, meine Freunde, nennt man eine Aporie.

Da das, was unser Ich vorhersehbar machen könnte gleichzeitig die Bedingung dieses Ichs ist, sind wir zu einem sowohl unbefriedigenden, als auch endgültigen Ergebnis gekommen! Wir haben die Unbestimmbarkeit bestimmt und das ist doch schon mal etwas! Die Unbestimmbarkeit des Ichs ist seine Bedingung.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal die Worte des großen Philosophen Albus Dumbledore in Erinnerung rufen: „Nicht unsere Eigenschaften entscheiden wer wir wirklich sind, sondern unsere Entscheidungen.“

  1. http://vonunsfueralle.blogsport.de/images/DasHabitusKonzeptvonPierreBourdieuVersion5.pdf
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Habitus_(Soziologie)
  3. Pierre Bourdieu – Habitus
  4. Harry Potter und die Kammer des Schreckens – Chris Columbus
  5. Intentionalität: Husserl, Bretano
  6. Existentialismus: Jean-Paul Sartre, Albert Camus