Ein Loblied aufs Rauchen

Rauchen ist schön.

Rauchen ist toll.

Rauchen ist – tödlich?

Rauchen macht das Leben kürzer.

Aber Rauchen macht das Leben auch schöner.

Rauchen …

Klar weiß man als Raucher, dass Rauchen ungesund ist. Mitunter tödlich sein kann. Einer von Zweien stirbt an den Folgen! Trotzdem hat man mehr Angst, bei einem Unfall zu sterben. Psychologisch gesehen gibt es dafür auch Erklärungen, zum Beispiel, dass man beim Rauchen das Gefühl hat, man hätte eine Art Kontrolle darüber: man wird vor eine Wahl gestellt und entscheidet bewusst – wohingegen man bei einem Unfall völlig äußeren Kausalitäten ausgeliefert ist. Beim Rauchen verabreicht man sich das Gift in geringen Mengen selbst – eine schleichende Selbstvergiftung, mit der man zwar nicht unbedingt einverstanden ist, die man aber in Kauf nimmt. Eigentlich irrational.

Ein Ja zu einer Zigarette fühlt sich an, als würde man sich etwas gönnen.

Ja, weil sie so gut zum Kaffee schmeckt und der Kaffee besser mit Zigarette.

Ja, weil sie so gut zum Rotwein schmeckt und der Rotwein besser mit Zigarette.

Ja, nach dem Essen, denn dann verdaut’s sich besser.

Ja, komm wir rauchen jetzt noch eine, bevor wir uns verabschieden.

Die Zigarette vervollständigt Rituale und ist selbst eines.

Sie besiegelt keine Verträge, sondern Momente.

Der Tag wird somit übersichtlich, lässt sich an Zigarettenpausen und -längen messen. Die Zigaretten sind ein viel besserer Maßstab als Stunden und Minuten, weil sie subjektiv sind. Wenn viel passiert, wird auch mehr geraucht. Manche Tage scheinen länger als andere, und Zigaretten sind eine flexible Maßeinheit.

Viele kleine Rebellionen am Tag. Rebellion gegen das eigene Fleisch? Seinen Verfall verhöhnen, trotzig an der Kippe ziehen und demonstrieren: Ich bin mehr als mein Fleisch…! Oder ist es eine Rebellion gegen die Gesellschaft?

Mittlerweile ist Rauchen gesellschaftlich nur noch geduldet, aber unleugbar geächtet. Beinahe alle Gesellschaftsschichten haben die Raucher schon durch – Pfeife, Zigarre, Zigarette als Statussymbol, Zeichen des Wohlstands, des Mannes von Welt, der Frau von Welt, Zeichen des verwegenen Mannes, der rebellischen Frau. Damals Rauchen im Fernsehen, in Talkshows, in Cafes und Restaurants, im Klassenzimmer, in der Bahn, im Flugzeug – heute abgetrennte Raucherbereiche, kaltherzig eingerichtete Kabinen, deren denunzierende Verglasung schamlos preisgibt, wie man schuldbewusst seinem Laster frönt. Oh ja, als Raucher muss man heutzutage eine dicke Haut haben, neben außerdem kräftigen Lungen.

Aber Rauchen ist nicht nur Trotz. Die Trotzhaltung ist vielschichtiger. In gewisser Hinsicht hat es etwas mit Trotz zu tun, denn man trotzt gesellschaftlichen Erwartungen, sowie gesundheitlichen Tatsachen – und keiner kann diese Tatsachen noch ernsthaft leugnen oder ignorieren, in Zeiten der zerfetzten Lungenflügeln, abgestorbenen Zehen und traurigen Männern mit Potenzproblemen auf Tabakprodukten. Nein, es ist ein bewusster Verstoß. Es ist etwas, das man sich bewusst gönnt. Es ist zwar nicht verboten, aber irgendwie schon.

Stieß man früher noch bei der Frage nach „schnell mal Feuer“ auf eine nahezu hundertprozentig positive Antwort, ist das heute seltener – herablassend wird einem geantwortet: „Nein, ich bin Nichtraucher.“ Nie war Missbilligung so einfach! Beim herzerwärmenden Moment jedoch, wenn man dann mal Feuer bekommt, wenn einem zärtlich der durch die erwartungsvoll bebenden Lippen zitternde, sich zu glimmen wünschende Stängel angezündet wird, ist das ein sowohl feierlicher, als auch sexueller Moment. Ja, du, Fremder, hast meine Leidenschaft wirklich entfacht! Die Gesellschaft hasst Promiskuität, deshalb hasst sie Raucher. Aber wir Raucher, wir schlafen alle miteinander, denn was sind die Raucherrunden anderes als Orgien, eine gemeinsame leidenschaftliche Hingabe an das Schönste aller Laster …?

Rauchen ist wie ein Club, wie eine geheime Bruderschaft. Der Zusammenhalt unter Rauchern ist stark. Und selbst ehemalige Raucher sind in Vielem verständnisvoller als Nichtraucher. Mit einem rührseligen Blick, als würden sie sich an andere, bessere Zeiten erinnern, zücken sie das Feuerzeug, das sie nur noch aus Gewohnheit – oder als Andenken? – bei sich tragen, und reichen es dir, soviel Abstand muss sein. Die Nichtraucherfraktion indes ist dermaßen intolerant und missgünstig, schimpft auf „die Raucher“, und tritt diese unsere mittlerweile defavorisierte Spezies nur allzu freudig mit Füßen, weil man offiziell über Raucher schimpfen darf, seit man sie, wie Hunde, aus Restaurants und Kneipen verbannt hat. Andererseits bleibt die Raucherfront hartnäckig. Die jüngere Generation ist es schon gar nicht anders gewohnt, zum Rauchen raus zu gehen, man kann sich eine verrauchte Kneipe gar nicht mehr vorstellen. Andererseits hat diese Maßnahme genau den gegenteiligen Effekt gehabt, wie vermutlich ursprünglich intendiert – sollte das Rauchen nämlich durch den Ausschluss aus den behütenden Gastgeberwänden ungesellschaftlich gemacht werden, haben sich die Raucherrunden draußen mittlerweile stolz etabliert, sind aus der Kultur des Nachtlebens gar nicht mehr wegzudenken. Bei Wind und Wetter steht man im Kreise, wie Pinguine am Südpol, und hat niemals Eile, an den Tisch zurückzukehren, an denen sich die langweiligen Nichtraucher über Stunden hinweg die Ärsche plattwälzen (weswegen Nichtraucherpos auch generell unattraktiver oder zumindest kümmerlicher sind) wenn sie nicht sogar selbst mit hinaus kommen, da sonst niemand mehr am Tisch sitzt oder aber sie feststellen, dass Runden von gesellschaftlich Ausgestoßenen immer lustiger sind.

Rauchen ist Luxus. Lambert Wiesing definiert Luxus in seinem gleichnamigen Buch als Emanzipation aus der Zweckrationalität des Alltags. Das gleiche geschieht beim Rauchen:

Der Mensch macht durch die Erfahrung des Rauchens (weniger aktiv beim Rauchen, als eher in der Erfahrung, ein Raucher zu sein) eine Freiheitserfahrung. Er wird sich seiner Ausnahmestellung als homo humanis im Universum unmittelbar bewusst: er ist zwar ein vernünftiges Wesen, aber nicht determiniert durch diese Vernunft. Der Mensch ist frei, denn er hat die Wahl, sich für oder gegen diese Rationalität zu entscheiden. Für Wiesing Luxus, als eine Art des Besitzens, eine Weise der ästhetischen Selbsterfahrung, in der der Mensch sich als Mensch begreift. Rauchen ist ebenso eine ästhetische Erfahrung und damit Selbstzweck. Rauchen um des Rauchens willen. Rauchen als Transgression des Zweckdiktats. Eine Emanzipation gegen eine vollständige Einordnung in eine funktionale Gesellschaft. Und wenn man an der Zigarette zieht, ist das keineswegs wegen des Kreislaufs, dass einem schwindelt, sondern vor Freiheit!

Lambert Wiesing – Luxus, ISBN: 978-3-518-58627-3

Primum vivere, deinde philosophari

lat. für: Zuerst leben, danach philosophieren –

Ist die Philosophie nicht eine Art, wenn nicht sogar die höchste, des Reflektierens? Viele widersprechen jetzt empört, und das ist wohl verständlich, denn die individuellen Weisen des Reflektierens sind so vielfältig und individuell wie die Menschen selbst.

Aber um überhaupt über etwas zu reflektieren, muss dieses Etwas in erster Instanz durch Erfahrung zustande gekommen sein. Man braucht Ausgangsmaterial, mit dem man arbeiten kann. Eine Stoffsammlung, sozusagen. Die Erlebnisse und Erfahrungen sind das Material und die Philosophie ist das Werkzeug zur Verarbeitung.

Sicherlich wollen wir nicht allzu philosophil sein und zugeben, dass es noch viele andere, vermutlich nicht minder wirkungsvolle Verarbeitungs-, Bearbeitungsmechanismen gibt, um zu verdauen. Da wären zum Beispiel – ganz allgemein – Kunst, Musik, Literatur, Sport, – körperliche Arbeit, geistige Arbeit. Die Weltverarbeitungsmechanismen sind ebenso vielfältig wie individuell. Aber eines haben sie gemeinsam – es ist beinahe wie der Energieerhaltungssatz in der Physik: Die Saat von Erlebnissen – was meistens wohl Emotionen sind – schlägt, trifft sie auf fruchtbaren Boden, Wurzeln, um sodann, gen Licht, von einer anfänglich bloßen Idee, die von Außen herangetragen wird, heranzuwachsen und Früchte zu tragen. Etwas wird umgemünzt in etwas anderes, ein Werk – was das Ganze zu einem regelrecht schöpferischen Akt macht. Der gute Gärtner kultiviert bewusst. Er kennt sich mit der verschiedenen Beschaffenheit der Saat aus und weiß ideale Bedingungen für jeden einzelnen Samen zu schaffen. Ja, und viele Samen streut man gar nicht selbst, sondern werden von fremden Gärten herangetragen.

Es scheint aber tatsächlich nicht wichtig zu sein, auf welche Weise man sich mit dieser Saat auseinandersetzt – auch kann man alle der oben genannten Verarbeitungsmechanismen sowohl aktiv ausüben, als auch passiv genießen.

Pinselstriche, grob und breit, sanft oder kraftvoll, abrupt, elegant, beschwingt, schwermütig. Ein Gemälde des abstrakten Expressionismus spricht möglicherweise jemanden an, der in den scheinbar wahllos sich verirrenden und ineinander laufenden Linien, der beliebig anmutenden Farbwahl etwas sieht, was er nachvollziehen kann. Ob die Linien die versteckte Regung einer tiefen Leidenschaft der Seele nachzeichnen, oder eine Farbe den Ton einer spontanen Gemütswallung trifft – was ins Auge fällt, entscheidet letztendlich der Betrachter am einen Ende, der Maler am anderen.

Emotionen zu inkarnieren und zugänglich zu machen, das ist vielleicht die Aufgabe des Schauspielers. Wo wir uns vor einer Zurschaustellung von Gefühlen schämen, ist das Theater der Tempel ihrer Verehrung. Und wenn ein Hamlet sich wieder verzweifelt stammelnd fragt, was nobler ist – Selbstmord oder den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen – so ist es immer die gleiche Emotion in immer anderer Verkleidung, oder ist es immer eine andere Emotion, in immer der gleichen Verkleidung? Und ist es nicht letztendlich egal, wer da oben steht, in Wahrheit stehen wir selbst dort als Hamlet und erlauben unseren Emotionen einfach – zu sein.

Und wer ist mehr bewegt in der Musik – der Musikant, der dem Instrument mit Fingerfertigkeit Klänge entlockt, oder das Instrument, das erbebt unter der Gewalt, die auf es einwirkt, und dessen rhythmischer Schall sich einem Erdbeben gleich ausbreitet auch den Zuhörer erfasst und – bewegt. Sanfte Klänge werden hervorgelockt oder mit harten Schlägen herausgejagt, die Gedanken des Zuhörers harmonieren in ihren Nuancen synchron zu den dazu auftauchenden Tönen, oder umgekehrt – und gleich einem Notenblatt bekommen wir die Partitur unserer emotionalen Noten vor uns ausgebreitet.

Bei allen Beispielen verschwimmen die Rollen von Beweger und Bewegtem, es findet ein Kräfteaustausch statt, von dem jede Partie profitiert. Ursache und Wirkung sind nicht mehr getrennt, sondern ein und dasselbe. Kunst als Selbstzweck. L’art pour l’art.

Miles Davis soll gesagt haben, es gebe keinen falschen Ton. Nur die darauf folgenden Töne würden darüber entscheiden, ob ein Ton falsch ist, oder nicht. Als Allegorie könnte das bedeuten, die Qualität einer Erfahrung entscheidet nicht über ihren Wert, sondern ihre anschließende Einordnung ins Gesamtbild. Jedem geschehen blöde und schreckliche Sachen, darüber hat man keine Kontrolle. Nur, wie das Geschehene das weitere, kontrollierte Handeln bestimmt, entscheidet darüber, ob die Erfahrung einen besser oder schlechter macht – ob man das Erlebnis als Gelegenheit nutzt, etwas besser oder anders zu machen. Die Kraft der Verformung wirkt sowieso – würde Newton sagen, in die eine oder andere Richtung. Auf welche Art sie wirkt, wie sie umgemünzt wird – nur darüber haben wir Macht, zu bestimmen.

Man kann also auf vielerlei Arten darüber entscheiden, wie sich die Welt auf einen abdrückt. Sicher ist nur, dass sie sich abdrückt, eine Spur hinterlässt. Natürlich könnte man sich auch dazu entschließen, die Welt einfach auszuschließen. Wegschauen. Leugnen, dass sie einen affiziert. Wenn das Verarbeiten zu schwer fällt, ist es möglich, dass der Rückzug von allem als das Einfachste erscheint. Aber vielleicht ist es dann an der Zeit, einfach den Sieb neu zu justieren oder mal ein neues Rezept auszuprobieren. Die Suppe des Lebens kocht sich eben nicht von selbst, sicher ist nur, dass wir essen müssen.

Wahnsinn ist die Abwesenheit eines Werks – Michel Foucault

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

La Musique et l’Ineffable, éd. du Seuil, pp. 1O1-1O2

Krankheit

„Einem Kranken möchte man doch Ernst und Achtung entgegenbringen, nicht wahr, Krankheit ist doch gewissermaßen etwas Ehrwürdiges, wenn ich so sagen darf“, sagt Hans Castorp.

Gewiss kann kein anderes Werk mehr über Krankheit erzählen, als der „Zauberberg“ von Thomas Mann (publiziert 1924) und namentlich dessen Protagonist, der 23-jährige angehende Ingenieur Hans Castorp.

Der einfache junge Mann reist scheinbar gesund auf drei Wochen ins schweizer Bergdorf Davos, seinen tuberkulösen Vetter zu besuchen, der im dortigen Sanatorium „Berghof“ kuriert wird, und erkrankt dort selbst. Die Behandlung von Tuberkulose bestand Anfang des 20. Jahrhunderts, dem Höhepunkt ihrer Ausbreitung, in dem Verabreichen dünner, reiner Gebirgsluft mittels Liegekuren, die zu Wind und Wetter regelmäßig auf den speziell darauf ausgelegten Balkonlogen abgehalten wurden.

Natürlich kann unsereins nicht jeder von sich behaupten, schon einmal einen Kuraufenthalt nötig gehabt zu haben. Oder einen längeren Krankenhausaufenthalt. Oder überhaupt einmal ernsthaft krank gewesen zu sein. Dennoch hat wohl jeden schon mal eine fiese Grippe, eine Mittelohrentzündung oder eine Magenverstimmung dahingerafft und für ein paar Tage bettlägerig werden lassen.

Hans Castorps Sympathie mit der Krankheit macht ihn für eine Infektion empfänglich und schon bald findet man auch bei ihm eine „feuchte Stelle“. Hans ist fasziniert vom Leben im Sanatorium – der Huldigung der Krankheit durch Temperaturmessen, „Liegedienst“, üppige Mahlzeiten und gesunde Promenaden. Und andererseits lässt ihm dieser neue Lebensstil auch Platz für neues Gedankengut. Durch seine, vom Erzähler ständig in Erinnerung gerufene, „Mittelmäßigkeit“ und einfache Art ist es besonders einfach für ihn, sich von neuem Gedankeninput durch seine neuen Bekanntschaften inspirieren – oder eher: infizieren – zu lassen. Und schon beginnt er diese, wie sein Sanatoriumsgenosse, Humanist und Mentor Settembrini es nennt, größtenteils „horizontale Lebensweise“.

Auch wir kennen, ohne sie je Liegekur genannt zu haben, die altbewährte Bettruhe. Diese vorübergehende Lebensweise mutet zu unserer sonstigen senkrechten, einsatzbereiten, im Leben stehenden Haltung recht gegensätzlich an. Zumal die Horizontale ja auch im Schlaf eingenommen wird, der – wie auch bei der Krankheit  – der Erholung dienen soll und damit die „Senkrechte“ ja gewissermaßen erst möglich macht. Dennoch scheint die Horizontale etwas höchst unkonformes, anti-gesellschaftliches an sich zu haben, denn wenn sie eingenommen wird, ist der Mensch wie abgeschottet. Die horizontale Lage wird nicht ohne weiteres einfach in der Öffentlichkeit eingenommen und scheint deshalb einen privaten, beinahe intimen Charakter zu haben. Nicht umsonst empfindet Hans Castorp das Leben im Sanatorium „Berghof“ als so radikal anders als das im „Flachland“ – anti-konform und sogar anstößig. In den gemeinsamen Liegehallen wird gemeinsam Liegekur gemacht – wie unanständig! Aber hier gelten andere Regeln als in der „Ebene“, denn nicht der homo laborans (Marx), der arbeitende Mensch, hat hier einen gesellschaftlichen Wert, sondern der kranke – und je kränker, desto „ehrwürdiger“.

Wir empfinden den Zustand, in den einen die Krankheit versetzt, als einen – wenn auch nur vorübergehend –  außergesellschaftlichen. Die körperliche Konstitution erlaubt es einem nicht, am Leben in einem gesunden Maß, teilzunehmen, sei es in Form von Arbeit oder durch die Erfüllung von anderen sozialen Pflichten oder Bedürfnissen. Man ist eingeschränkt durch den Zustand des Körpers, der seine Grenzen zeitweise anders steckt, als man es gewohnt ist.

Es „sei gewiß, dass Krankheit eine Überbetonung des Körperlichen bedeute, den Menschen gleichsam ganz und gar auf seinen Körper zurückweise und zurückwerfe und so der Würde des Menschen bis zur Vernichtung abträglich sei, indem sie ihn nämlich zum bloßen Körper herabwürdige. Krankheit sei also unmenschlich“ (642) konstatiert auch Hans Castorp im weiteren Verlauf des Buchs und rückt somit von seinen, von Settembrini strikt als antihumanistisch deklarierten, romantisierten Vorstellungen ab.

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Sich mit dem neuen, eingeschränkten Zustand abzufinden ist allerdings nicht so schwer, wenn auch der Wille sich der Krankheit gefügt hat. Wenn man schwach ist, möchte man auch nichts anderes, als liegen. Dann ist man ein vollständig Kranker, ganz im castorp’schen Sinn – körperlich und psychisch. Man könnte nämlich auch ein Gesunder sein, der zufällig krank ist und nichts anderes möchte, als möglichst schnell zu gesunden, zum natürlichen Zustand zurückzukehren, sozusagen. Es gibt auch gesunde Kranke – solche, bei denen es ständig zwickt und zwackt und die entweder gerne über kleine Wehwechen jammern oder hypochondrisch ständig befürchten, schwer krank zu sein, weil sie es vielleicht insgeheim als ihren ursprünglichen Zustand, ihre eigentliche Konstitution sehen (hier ist vielleicht zu erinnern, dass wir vorher Antikonformität in Analogie zu Krankheit genannt haben).

Ganzheitlich ist man natürlich besser dran, wenn man gesunder Gesunder oder kranker Kranker ist. Neigungen in die eine oder andere Richtung sind immer mit nicht-Akzeptanz eines gegenwärtigen Zustands verbunden. Hofrat Behrens gesteht Hans Castorp mehr „Talent zum Kranksein“ zu als seinem Vetter Joachim, „der immer gleich weg will, wenn er mal ein paar Striche weniger hat“(251), obwohl er eigentlich viel kränker ist. Hans ist der Gesunde, der lieber krank wäre und Joachim der Kranke, der gesund sein will. Dabei ist es eigentlich unsinnig, das eine dem anderen vorziehen zu wollen – nein, diese Frage stellt sich erst gar nicht. Die Krankheit dient der Gesundung ebenso, wie man die Gesundheit ohne Krankheit gar nicht schätzen könnte, denn sie ist ihr Gegensatz und bedingen einander – ohne einander wären sie nichts. Nietzsche sagt – ähnlich: „Gesundheit und Krankheit sind nichts wesentlich Verschiedenes […]. Thatsächlich giebt es zwischen diesen beiden Arten des Daseins nur Gradunterschiede; die Übertreibung, die Disproportion, die Nicht-Harmonie der normalen Phänomene constituieren den krankhaften Zustand.“²

Es ist eigentlich auch gar nicht so, wie Hans Castorp sagt, denn wenn er behauptet, Krankheit sei eine Reduktion auf die eigene Körperlichkeit, Fleischlichkeit, auf die bloße Materialität, dann kann er im Gegenzug nicht sagen, Krankheit sei eine Vergeistigung: „Krankheit war die unzüchtige Form des Lebens. Und das Leben für seinen Teil? War es vielleicht nur eine infektiöse Erkrankung der Materie, – wie das, was man die Urzeugung der Materie nennen durfte, vielleicht nur Krankheit, eine Reizwucherung des Immateriellen war?“(392)

Hierin besteht Hans Castorps Romantisierung der Krankheit und auch dem Tod. Als wäre es nur die logische Folge für einen Menschen, wenn er geistreich ist, auch krank zu sein – Krankheit also als Neigung zur Vergeistigung und gleichzeitig auch Degradierung und sogar Verleugnung des Körpers und des Materiellen. Auch Schiller schreibt: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ (Wallensteins Tod III, 13. (Wallenstein)) Dabei ist genau die Neigung ungesund, den Körper als bloßen Sitz des höhergestellten menschlichen Geistes zu sehen – aus dieser Einstellung kann nur Krankheit folgen. Andererseits wäre eine Bevorzugung der bloßen Körperlichkeit auch Krankheit. Denn wenn der Sinn und Zweck lediglich in der Erfahrung von Sinneseindrücken gesucht wird, wird das Geistige verleugnet. Jedoch in beiden Fällen ist der Mensch nur Mittel, aber nie Zweck. Einmal Mittel, den Geist zu inkarnieren und andererseits, Sinneseindrücke zu übersetzen. Das kommt einer Verleugnung der eigenen Humanität gleich: wenn Kant mit seinem praktischen Imperativ sagt, der Mensch solle niemals bloß Mittel, sondern immer selbst Zweck sein, so gilt das nicht nur für andere, sondern auch für einen selbst.

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Bei den Patienten des „Berghofs“ im Zauberberg äußert sich die Krankheit an einem Übermaß an Körperlichkeit oder Geistigkeit³. Thomas Mann selbst schreibt über die Krankheit: „Offenbar gibt es zweierlei Erhöhung und Steigerung des Menschlichen: eine ins Göttliche, von Gnaden der Natur, und eine ins Heilige – von Gnaden einer anderen Macht, die der Natur entgegensteht, da die Emanzipation von ihr, die ewige Revolte gegen sie bedeutet: von Gnaden des Geistes. Die Frage ist aber, welcher Adel der höhere, welche Art von Erhöhung des Menschlichen die vornehmere ist, diese Frage ist es, was ich das „aristokratische Problem“ nannte.“4

Das aristokratische Problem ist bei Thomas Mann und im Zauberberg eine der zentralen Fragen und tritt als Dualismus zutage: Sollte der Mensch der Natur oder dem Geist mehr zugewandt sein? Würde das Abwenden von der Natur und die damit einhergehende Vergeistigung ihn mehr adeln? Das wäre eine verführerisch einfache und radikale Abgrenzung von anderen Lebewesen. Andererseits könnte der Platz des Menschen auch in der Natur liegen, im Sinnlichen, Hedonistischen, Ursprünglichen4, dem Dionysischen3. Als Vertreter dieser Seite nennt Thomas Mann Goethe, Tolstoi und Spinoza, die Naturkinder. Somit ist das Gegenprinzip nach Nietzsche das Apollinische, die Vergeistigung, wozu Mann Schiller, Dostojewski und Kant zählt.

Mit dem Begriffspaar des Apollinischen und Dionysischen illustriert Nietzsche die zwei gegensätzlichen „Kunsttriebe“ unter Verwendung der Charaktereigenschaften des jeweiligen Gottes. Apollon steht für die Sphäre des Traums, Maß, Besonnenheit, Form, Harmonie, Klarheit und Individuation. Dionysos dagegen für Rausch, Übermaß, Kollektivität und Musik. Auch ein Grund dafür, dass der aufklärerische Rationalist Settembrini ein Misstrauen gegen die Musik hegt. Das Apollinische und Dionysische sind analog zu der Betonung von Geistigkeit und Körperlichkeit.

Die radikalsten Vertreter der beiden Prinzipien im Zauberberg wären Naphta für die absolute Vergeistigung und Peeperkorn für die Körperlichkeit. Beide sterben, konsequenterweise, weil sich diesen Prinzipien völlig verschrieben haben. Peeperkorn zelebriert den Rausch, Konsum und Exzess und sobald sein kranker Leib ihm nicht mehr als Tempel für die Huldigung der Sinnlichkeit, dienen kann, begeht er Suizid. Auch Der reaktionäre Jesuit Naphta, der den Leib verteufelt, stirbt durch seine eigene Hand und für das geistige Prinzip, das zu verkörpern ihm einziger Sinn und Zweck war. Die Geister scheiden sich bei der Frage, welches Prinzip den Menschen mehr adelt. Dabei ist beides gleichermaßen antihumanistisch.

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Für Hans Castorp stellt sich die aristokratische Frage nicht, er ist von keinem Prinzip eingenommen. Er findet alles gleichermaßen „hörenswert“. Für ihn ist die Krankheit „genial“. Sie macht ihn frei, sich von den Zwängen des „Flachlandes“ zu befreien und mit dem vielfältigen Gedankengut in Berührung zu kommen, das ihm einerseits Mentoren Settembrini, Naphta, Behrens, Madame Chauchat einflößen, er sich aber andererseits auch durch Selbststudien aneignet. Worum sich seine Interessen aber gemeinschaftlich drehen ist der Mensch und seine außergewöhnliche Position im Universum. Und sehr bald beginnt er auch, mit seiner Rolle als Mittler zwischen den gegensätzlichen Weltanschauungen und namentlich deren Vertretern zu sympathisieren. Anfangs noch skeptisch („Ich bin doch kein Ambassadeur“(S.339)), beginnt Hans bald, über die verschiedenen Standpunkte seiner Mentoren, den philosophischen Überlegungen und unterschiedlichen politischen Anschauungen zu reflektieren und ihre starren Haltungen, ihren totalitären Anspruch auf Wahrheit infrage zu stellen. Gemäß seinem Motto „placet experiri“ stellt er „mit verschiedenen Gedanken Versuche an“(136), beginnt, eigene Positionen aus dem Gehörten zu entwickeln, Verschiedenes gegeneinander aufzuwiegen und scheinbar Gegensätzliches zu vereinen. Diesen Vorgang nennt er bescheiden seine „Regierungsgeschäfte“.

Er ist „Herr über die Gegensätze“, was, wie er in seinem „Schneetraum“ begreift, die einzig gebührende Stellung des Menschen sein muss – und entwickelt daraus seinen eigenen Humanitätsbegriff. Mit Hegel gesagt: „Die Erde ist nicht die physikalische Mitte der Welt, aber sie ist ihre metaphysische“– Oder etwa mit Protagoras: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“

Hans begreift das Leben als Totalität und dass allein der Mensch dazu fähig ist, die Gegensätze zu vereinen und dass sich die aristokratische Frage gar nicht stellt5. Sämtliche andere Figuren stehen für Partikularität, Beschränkung auf lediglich eine Sphäre – das Geistige oder das Körperliche. Demnach sind sie lediglich Vertreter von starren, unverrückbaren Prinzipien, was eine Verleugnung ihrer Menschlichkeit gleichkommt – und deshalb sind sie auch krank. „Hans Castorps Absage an die Diktatur der Widersprüche ist für ihn die Bedingung jeglicher Humanität“5.

Der Zauberberg ist nicht umsonst ein Berg, also eine Erhöhung, und immer wieder im Gegensatz zum „Flachland“ oder der „Ebene“ genannt. Es liegt daher nicht fern, vermuten zu dürfen, dass sein talentierter Bewohner Hans Castorp sich ebenfalls gesteigert hat. Hans entwickelt seinen eigenen Humanitätsbegriff. Als Mittelmäßiger, der er ist, begreift er den Menschen als Mittler, als Synthese von Körper und Geist, als Vermittler zwischen Dionysos und Apollon, Lust und Vernunft – als „Herrn der Gegensätze“. Das ist seine erhabene Stellung über allen Prinzipien. Durch die Krankheit und seine Sympathie mit dem Tod findet Hans Castorp zum Leben zurück. Er sagt:

„Zum Leben gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!“(816)

 

Quellen:

  1. Der Zauberberg, Thomas Mann, Fischer Taschenbuch Verlag, 1993 ISBN: 3596119081
  2. Nachgelassene Fragmente, 1887-1889, In: Ders: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Bd. 13 Hrsg. v. Girorgo Colli und Mazzino Montinari, 2. durchges. Auflage, München 1988, S.250
  3. Andrej Petelin, 2012: Philosophische Bezüge in Thomas Manns Romas Der Zauberberg, S. 54, S.30 fff: http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/ap_zauberberg.pdf
  4. Goethe und Tolstoi, Thomas Mann: Bemühungen, 1925, Fischer Verlag A.G., Berlin
  5. Christian Gloystein – Mit mir aber ist es was anderes, besonders S. 36 fff., S.112, S.45, S.59 (Pütz:1995:262), S.29
    Königshausen & Neumann
    ISBN: 3-82601-962-8
  6. Jahrbuch der Nietzsche-Forschung, Band 8, S.68

  7. Die pädagogischen Konzepte in Thomas Manns „Zauberberg“ und ihre Wirkung auf … – Joachim Schoepf

  8. https://www.presse.uni-augsburg.de/publikationen/unireden/unireden_pdfs/UR_26_Virchow1995_Zauberberg.pdf

Essen

Roland Barthes hat in „Das Reich der Zeichen“ ein wunderbares Kapitel geschrieben, in dem er die japanische Esskultur der europäischen gegenüberstellt.  Die Unterschiede beschränken sich natürlich keinesfalls auf die einzelnen Kontinente. Die europäische Küche ist ebenso vielfältig wie die dazugehörige Tischkultur, die sich oft nach der Beschaffenheit der zubereiteten oder zu bereitenden Lebensmittel richtet.

Für Barthes ist in Japan die Vorbereitung des Essens, das Arrangement der Speise beim Servieren und schließlich die Verköstigung selbst alle Teil einer Prozedur, die man kurz „Japanische Küche“ nennt. Dabei spielen die Stäbchen als Fütterungsinstrumente eine besondere Rolle für Barthes, da sie „ein[]klemmen, […] um [Nahrung] aufzuheben und zu bewegen. […] Darin liegt ein ganzes Verhalten gegenüber der Nahrung. Deutlich sieht man dies an den langen Stäbchen des Kochs, die nicht zum Essen dienen, sondern der Vorbereitung: niemals sticht, schneidet, spaltet, verletzt das Stäbchen; es hebt nur auf, es wendet und bewegt.“

Ausgehend und inspiriert von Barthes Sätzen wollen wir nun einen genaueren Blick auf die verschiedenartige, nicht nur länder- und kulturenübergreifende, sondern auch individuelle und interfamiliäre Essenskulturen gewinnen.

Im Gegensatz zu den filigranen Stäbchen stehen die radikalen europäischen Invasionswerkzeuge Messer und Gabel, die in die Nahrungsfaser eindringen, um sie zu fixieren und dann zu trennen, auseinander zu schneiden, zu reißen, zu zerstückeln. Wie eine bloße Verlängerung unserer Zähne, unserem primitivsten Bearbeitungsprogramm für Nahrung. Dagegen wirken die japanischen Stäbchen natürlich viel kultivierter – eine besonnenere Weise, an Nahrungszergliederung heranzugehen. Keine Aneignung durch gewaltsame Invasion – sondern ein zivilisierter Dialog mit der unentfremdeten – unbefremdeten Natur.

Das wirkt wie ein Armutszeugnis an die westliche Welt. Und, als hätte man den Finger auf eine Wunde gelegt. Ist es nicht westliche Art zu meinen, nicht nur Vorbild sondern Leitkultur sein zu wollen, die Natur nicht nur zu zähmen, sondern sich anzueignen und zu Nutze zu machen, und ganz und gar zu unterwerfen – sie als zweitrangig einzustufen, als notwendiges aber lästiges Übel, und schließlich damit zu enden, sie ganz nach den menschlichen Anforderungen umzugestalten, der bloßen Projektion unserer Bedürfnisse, nach unserem Ebenbild sozusagen? Wie Gott uns nach unserem Ebenbild geschaffen haben soll, so maßt sich der so christliche Westen an, ebenso mit der Natur zu verfahren. Und nicht nur mit der Natur, auch mit anderen Zivilisationen, die er als primitiv deklariert. Die spanischen Konquistadoren, englischer Imperialismus, Kolonialisierung, Missionierung, Versklavung, bis hin zu den heutigen „moralpolitischen“ Einmischungen (oder auch nicht) – stets dazu berufen, am besten die ganze Welt verwestlichen zu wollen. Die beste Invasionsstrategie scheint heute der Kapitalismus, Handel und Wirtschaft zu sein.

Wie auch immer. Ich wollte eigentlich über Essen schreiben.

Barthes schreibt: „Zunächst haben die Stäbchen – ihre Form sagt dies bereits zu Genüge – eine deiktische Funktion: Sie zeigen die Nahrung, bezeichnen das Stück und verleihen ihm – durch die Auswahlgeste schlechthin, d.h. durch den Index – Existenz.“  – Während der Westen gewaltsam unterwirft, was er sich aneignen will, scheint das japanische Stäbchen beinahe zu dialogisieren.

Tischmanieren und Essgewohnheiten divergieren aber nicht nur kulturell – auch interfamiliär, bis schließlich individuell. Familieninterne Tischsitten bis hin zu individuellen Vorlieben. Essen tut jeder aber niemand auf dieselbe Art. Es gibt Genießer, Anspruchsvolle, bis gleichgültige Allesfresser und Utilitaristen. Aber machen wir uns nichts vor, es ist doch auch eine Charakterfrage! – Wer nur isst, um satt zu werden, der kann doch zum Beispiel nicht gut im Bett sein! Wer unbesonnen hinunterschlingt, ohne besinnende Pausen einzulegen, anfängt, bevor andere serviert sind, danach rülpst, sich auf den Bauch klopf, furzt und einschläft – hm.

Essen ist für viele Menschen dieser Welt zwar immer noch ein Grundbedürfnis, aber nichts mehr, womit existentielle Ängste einhergehen.

Die Nahrungsaufnahme ist ein Ritual. So notwendig sie auch erscheinen mag, so mystifiziert wird sie und bleibt unbestritten und unkonkurriert das ernsthafteste Ritual unseres Alltags, das durch seine akribische Genauigkeit und unverrückbarer, unantastbarer Stellung religiösem Kult ähnelt. Und ein wenig übernimmt es ja auch diese Aufgabe: Die gemeinsame Mahlzeit eint, versöhnt, befriedet und ist auf eine unleugbare Art besinnlich.

Die conditio humana ist hier so unverblümt offen auf den Tisch gelegt – hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.

Ja, denn Tiere setzen sich ja nicht an den Tisch. Sind es etwa unsere Tischmanieren, die uns gänzlich unseren animalischen Charakter vergessen lassen? Überlegen fühlt sich der Mensch, wenn es um den Umgang mit Essen geht. Verweigerung wird als eine Art Disziplin gesehen, Maß und Dosis sind nach jeweiligen Erwägungen ein reines Luxusphänomen und Übermaß ist nur Kompensation oder mangelhafte Selbstbeherrschung.

Bei so essentiellen Dingen wie der Nahrungszufuhr offenbaren sich Charaktere und scheiden sich Geister.

Verdammt, tu deinen Ellenbogen vom Tisch. Wie barbarisch, die US-Amerikaner schneiden ihr essen erst ganz und legen dann das Messer beiseite, um sich das Präparierte frohgemut wie ein Bagger zuzuführen. Die Chinesen schaufeln mit Stäbchen. Verschiedene Werkzeuge, gleiches Prinzip.

Ein genaueren Blick ist aber die Zubereitung des Essens wert und inwiefern diese Zubereitung vor der Destination Mund oder etwa Teller abgeschlossen ist. Bei Kartoffelsuppe ist es recht einfach – auf den Löffel und nur rein damit. Nächster Schwierigkeitsgrad wäre wohl die eigene Kreativität beim Zusammenstellen von possiblen Optionen auf den Tisch – Soße oder lieber nicht und wenn, kommt sie über das Püree und die Karotten oder nur über das Püree oder nur über die Erbsen und Karotten oder über beides? Das Püree fusioniert schneller mit der Soße, die Karotten eher nicht. Lauter Abwägungen die genaue Kenntnis über die Beschaffenheit der jeweils zubereiteten Speisebestandteile erfordern. Dann – was kommt auf die Gabel? Auf den langen Teil am besten das Püree, dann die Karotten, um das Püree am Runterrutschen zu hindern und schließlich die Erbsen oben drauf geschoben, denn sie lassen sich leicht ins Püree drücken. Aber wie schmeckt das dann? Wenn ich die Gabel in den Munde schiebe, was schmecke ich zuerst? Manche Nahrungsmittel sind im Geschmack und je nach Zubereitung dominanter als andere. Während des Essensprozesses gilt es also auch, das richtige Verhältnis herauszubekommen. Viele spicken ihre bescheidene Gabel aber auch mit je einer Lebensmitteleinheit auf einmal. Ob sie von der vorherigen noch etwas im Mund behalten, um es zumindest auf der Zunge fusionieren zu lassen? Meistens sollen aber Beilage und Lage (?!) so aufeinander abgestimmt sein, dass ihre gleichzeitige Verköstigung das charakteristische Geschmackserlebnis bringt, das man „Gericht“ nennt. Fleisch und Fisch verlangen intensivere Aufmerksamkeit. Hier hat der Koch die Wahl, wie viel Arbeit er noch zumuten möchte und inwiefern das eigenhändige Filetieren im Teller oder das eigenzähnige Abnagen von Flügeln oder Schenkeln zur Gesamtheit des kulinarischen Erlebnisses gehört.

Diese Feinheiten spielen aber im weiteren Prozess spätestens im Magen keine Rolle mehr. Der Magen ist Kommunist, alle sind für ihn gleich, alles wird mit allem vermengt zu einem homogenen Nahrungsbrei. Was vorher sorgsam angeordnet war wird frohgemut wieder durcheinandergeworfen.

Dabei erwecken die Mahlzeiten oft den Eindruck, in unmittelbarem Timing mit den gastrotechnischen Präferenzen komponiert zu sein. Das Aperitif füllt die Wartezeit auf das Essen mit meist bitteren alkoholischen Getränken aus. Wie Tischdecken scheint das Aperitiv den Magen behutsam auf seine Aufgabe vorzubereiten. Die Geschmacksnerven werden sensiblisiert, den Verdauungssäften wird vorgeschlagen, sich langsam auf den Weg zu machen. In Frankreich wird dem Ricard oder dem Champagner diese Kompetenz zugesprochen, der von kleinen Fresshäppchen, die „amuse-geule“ (oder „amuse-bouche“), also Maul-/Mundamüsierer genannt werden, begleitet wird, die die prickelnde Flüssigkeit ideal aufzusaugen wissen. Die Crème de Cassis verwandelt den Champagner in einen „Kir Royal“, Weißwein in „Kir“ und Rotwein in einen „Communard“. Andere Länder haben als Gaumenreizer zum Beispiel Americano, Campari, Pils, Manhattan, Ging, Wodka, Pflaumenwein oder Portwein im Angebot. Als Digestifs bieten eau de vie (Obstlikör), Ouzo, Grappa, Cognac, Sambuca oder Jägermeister den Ausklang. Alkoholische Getränke werden zusammen im Namen der Verdauung, dem Hauptakteur des Spektakels, feierlich konsumiert.

Ein eigentlich sehr intimer Vorgang wird nach außen gekehrt gemeinsam begangen. Gemeinsam wird verdaut. Ob ein romantisches Dinner zu zweit, ein lautes Familien oder ein unangenehmes Geschäftsessen – es ist eine soziale Funktion, die die gemeinschaftliche Nahrungsaufnahme erfüllt. Und nichts ist strategisch klüger – hier ticken fast alle Menschen gleich: kaum sonst ist das Gemüt so sehr befriedet wie nach einer wohlschmeckenden ausgiebigen Mahlzeit. Man kann nur dort essen, wo man sich sicher fühlt, aber das Verhältnis ist reziprok: Wo man isst, fühlt man sich auch sicher. Der Darm kann nur arbeiten, wenn er nicht unter Stress steht. Der Familienstreit nimmt mit zunehmender Verdauungstätigkeit ab, der Firmenpartner steht einem Vorschlag sehr viel wohlwollender gegenüber und Liebe geht sowieso durch den Magen. Und der Weltfrieden wird am wahrscheinlichsten nach ausgiebigem gemeinsamem Speisen beschlossen.

Ja, der kultivierte Mensch begreift die Mahlzeit als eine soziale Tätigkeit und ritualisiert sie. Ein essentielles Bedürfnis wird gemeinsam feierlich begangen. Der Esstisch ist vielleicht sogar noch der einzige Ort, an dem der conditio humana gebührende Anerkennung widerfährt, wohingegen andere Grundbedürfnisse eher in Diskretion gehüllt bleiben sollen. Der Toilettengang ist fast eine Sache, für die man sich schämen müsste, Schlaf und Sex geschehen hinter verschlossenen Türen und meistens sind an diesen Tätigkeiten auch nicht mehr als zwei Personen involviert. Damit hätten wir alle essentiellen Bedürfnisse abgedeckt. Nur das Essen wird als kulturelles Ritual nicht schamhaft als Erinnerung an die eigene Biologie gesehen, als Rückwurf und Reduktion auf die eigene Animalität, letztendlich als Zeichen für die eigene Endlichkeit gesehen.

Nein, hier wird das Menschsein und die Endlichkeit zelebriert.

Nie darf man mehr Mensch sein, als beim Essen.

Nie ist man so frei wie beim Essen.

Guten Appetit!

Quellen:

Roland Barthes – Das Reich der Zeichen

https://de.wikipedia.org/wiki/Aperitif

 

Annähern

Die Faszination, die eine Person ausübt, ist schwer zu fassen.

Nein, nicht nur schwierig, schlichtweg unmöglich.

Oder ist es möglich, ein Ideal zu erreichen?

Eine Utopie zu realisieren?

Oder verlieren sie das, was ihnen eigen ist, in dem Moment, da man sie erreicht?

Es ist wie ein Geheimnis, das die Person umgibt. Es ist weniger eine spezielle Qualität an der Person, sondern eher, wie sie eine noch unbekannte Qualität in einem selbst auslöst – eben jene, einem unverständliche, Anziehung zu ihr. Das ist befremdlich, weil man sich selbst nicht dazu entschieden hat. Nicht mehr entscheiden kann. Keine Kontrolle mehr hat.

Es ist die Unbekannte in der Gleichung, die man nun verzweifelt sucht.

Etwas, das man nicht kennt, löst diese Anziehung aus. Die Anziehung ist die Unbekannte in einer Gleichung, die man eigentlich schon längst errechnet zu haben glaubte. Schwindelerregend und weltverkehrend fühlt es sich nun an, wenn das Ergebnis hinter dem ist-gleich nicht mehr das bekannte ist. Es herrscht ein Ungleichgewicht, weil eine Unbekannte die bekannte Konstante stört. Nun scheint es so, als könnten ganz viele Rechenprozesse, wie der des gewohnten, normalen Lebens, nicht fortgeführt werden, solange die verdammte Gleichung nicht gelöst ist. Und spätestens hier beginnt die richtige Faszination, sie steigt in dem Maße, wie sie unverständlich ist und je unbegreifbarer sie wird.

Der olympische Athlet Alkibiades sagt zu seinem Liebhaber Sokrates‘, er bewundere an Sokrates das, was er selbst nicht hat – seine Weisheit, und er hoffe, dass durch ihre geistige und körperliche Vereinigung etwas davon auf ihn abfärbe, oder er sich Sokrate’s Weisheit immerhin so sehr annähere, wie möglich. Sokrates‘ bewundert Alkibiades auch, denn auch er hat etwas, das er nicht hat, nämlich Schönheit. Nur liegt er nicht dem Irrglauben auf, ein anderer könnte ihm das geben, was ihm selber fehlt. Nichts färbt ab, wenn man sich körperlich und geistig aneinander reibt.

Ist es also vergeblich – selbst wenn man die Besonderheit identifiziert hat, kann man sie dann immer noch nicht begreifen? Kann man sich dem nur annähern, wie eine 1/x Funktion der x- und y-Achse, aber nie erreichen? Nie fassen, nie halten? Was wird aus dem Gejagten, wenn es schließlich gefangen ist? Nur Beute. Es verliert die Wesenheit des Gejagten, wird zu seinem Gegenteil. Die Gleichung löst sich. Sobald das Glück gefangen ist, verwandelt es sich zu Asche und Staub und rinnt einem durch die Finger.

Man glaubt, Ideale, wie das idealste der Ideale, die Perfektion, seien antastbar, erreichbar, wenn man sie verkörpert in fleischlichen Personen wähnt. Und auch wenn sie unerreichbar bleiben, so sind sie doch vorhanden.

Die eigenen, allermenschlichsten Sehnsüchte liegen in einem einzigen Blick, in einer beiläufigen Geste und rufen so verheißungsvoll. Die materielle Weltlichkeit täuscht über die tatsächlich außerweltliche Eigenheit der Ideale hinweg und hüllt sie in die Illusion der Greifbarkeit, nämlich genau in dem Moment, da man den Hauch dieses süßen Versprechens hinter den geliebten Augen aufblitzen sieht.

Das Versprechen der Unsterblichkeit?

 

 

Quellen:

Spiderman

Ich muss schreiben.

Sonst stauen sich die Gedanken. Sie sammeln und verdichten sich in meinem Kopf, in meinem ganzen Umfeld, umgeben mich, schwirren um mich herum, verwirren mich mit ihrer fordernden Präsenz.

Ich kann sie nicht sehen, nicht greifen, nicht einfangen. Es ist, als hielten sie mich gefangen und schon stecke ich in einem gefährlichen Gedankenkarussel. Wenn ich schreibe, dann picke ich mir einen Gedanken heraus, formuliere ihn, und warte, wie er sich entfaltet – vielleicht weniger entfaltet, aber verknüpft, mit einem anderen Gedanken, der auch einfach herumschwebt. Durch Assoziation verknüpfe ich die beiden, denn auch wenn sie nicht linear aufeinander folgen, nicht unbedingt logisch miteinander verbunden sind, führen sie zueinander, im Schreibprozess, der an sich linear ist.

Ich greife in das Chaos und bringe es in die lineare Form des Schreibflusses, der meinem assoziativ chaotischen Gedankenfluss eigentlich so fremd ist. Ich spinne den Faden weiter, von einem Gedanken zum anderen, bis ein Netz entsteht, der das ganze Gebilde zusammenhält, fixiert. So schweben die Gedanken nicht mehr wild durcheinander, sondern sind zugänglich, durch dieses Netz.

Ich bin Spiderman.

Ich schwinge mich an Fäden von einem Gebäude, einem Gedanken, zum anderen. Meine Gedanken sind Wolkenkratzer und mir schwindelt sehr wenn ich runterschaue und ich erschauere vor Ehrfurcht ob ihrer Mächtigkeit. Aber ich darf nicht gelähmt vor dem Abgrund stehen und mich nicht trauen zu springen. Keine Angst haben, wenn ich den Weg nicht kenne, das Ziel mir noch verborgen ist. Denn das Ziel sieht man erst, wenn man den Weg beschritten, den Absprung gewagt hat. Zuvor gibt es nur Stagnation, Lähmung, kein Vorankommen, keinen Fortschritt.

Ich springe – und angle mich von einem beeindruckenden Gebilde zum nächsten. Erkunde die Gedankenstadt mit meinen Netzen.

Verstricken darf ich mich mich nicht! Aufhängen darf ich mich nicht! Den Absprung muss ich schaffen … Nicht verweilen vor einem persistierenden Gedanken, weiterangeln, denn ein einziger ist nicht wichtig. Die Gebilde an sich sind nicht wichtig.

Nur die Netze, die ich spinne.

Denn ich bin Spiderman.

Der Misanthrop – ein honnête homme?

Der Menschenfeind, der Misanthrop, der Grantler – Molière

 

Ein genauerer Blick ist die 1666 uraufgeführte Komödie „Der Menschenfeind“ mit dem entlarvenden Untertitel „Der verliebte Melancholiker“ von Molière allemal wert. Marcel Reich-Ranicki warf Molière vor, fast ausschließlich Komödien geschrieben zu haben, was er offenbar als zu unseriös empfand, um ihn als ernsthaften Dramaturgen anzuerkennen. Allerdings trägt die Bezeichnung „Komödie“ den zahlreichen philosophischen Dialogen und gesellschaftskritischen Reflexionen der Stücke keine Rechnung. Insbesondere „der Menschenfeind“ (im Original: „Le misanthrope“) ist ein Meisterwerk dieses Spagats.

Alcèste, der Protagonist des Stücks, denunziert die höfischen Konventionen als soziale Hypokrisie. Er verurteilt das affektierte Gehabe und wettert gegen die Arschkriecherei in der gehobenen Gesellschaft.

Man darf nicht vergessen, dass Molière (eigentlich Jean-Baptiste Poquelin; sein Pseudonym verdankt er seinem Zeitgenossen und Kollegen Corneille) unter Ludwig XIV von Frankreich am Hof von Versaille tätig war (übrigens auch die Betten des Königs machte) und für eben die adelige Gesellschaft schrieb, über die er sich in vielen seiner Werke lustig macht, womit er eine gewisse Wesensverwandschaft mit dem Protagonisten des „Menschenfeinds“ Alcèste teilt. Und nicht nur er: Auch Jean-Jaques Rousseau bekundet seine Sympathie zu dem Misanthropen in seiner „Lettre à Mr. D’Alembert“.

Der junge Adelige Alcèste ist die soziale Etikette des französischen Hofes leid und beschließt, von nun an nur mehr ehrlich zu sein und geradeheraus zu sagen, was er denkt und den Konventionen auch auf Kosten von Höflichkeit abzusagen. Er stellt die Ehrlichkeit über alle anderen Tugenden. Ist er damit ein hônnete homme, ein Ehrenmann? Was ist das überhaupt?

Das Internet schlägt verschiedene Übersetzungen vor:  „honnête homme“ – {m} – „Idealtyp des kultivierten, ‚redlichen‘ Mannes, auch ‚Mannes von Welt'“(dict.cc) – ehrlicher Mann, Biedermann, anständiger Mensch, aufrichtiger Mensch, guter Mensch (linguee.de) Für unsere Betrachtung wird die Synthese dieser Begriffe reichen, behalten wir also einfach alle Adjektive im Kopf und bleiben bei honnête homme.

Wenn Alcèste sich mit Ehrlichkeit rühmt, macht ihn das zum honnête homme? Zum anständigen, redlichen, guten Menschen? Wir werden sehen.

Zuerst verscherzt Alceste es sich ziemlich mit Oront, einem Bekannten, welcher ihn bittet, seine Meinung zu seinem eigens verfassten Sonett zu bekunden. Alcèste findet es grottenschlecht und versucht auch, Oront es schonend, aber seinem Gebot der Aufrichtigkeit folgend, ehrlich zu sagen. Alcèste faselt um den heißen Brei herum und dreimal fragt Oront nach, ob das nun heißen solle, dass er das Sonett nicht gut fände, und jedesmal weicht Alcèste mit: „Das sag ich nicht“ aus, bis er keine andere Wahl mehr hat, als sich zu offenbaren. Die Situation zwischen den beiden eskaliert.

Oront. Zum Glück werd‘ ich von andern mehr geachtet.

Alcèste. Weil andre heucheln, und das tu‘ ich nicht.

Oront. So haben Sie vielleicht den Geist gepachtet?

Alcèste. Das hätt‘ ich sicher, lobt‘ ich Ihr Gedicht.

Oront. Ich kann Ihr Lob getrost entbehren.

Alcèste. Wird Ihnen auch nichts andres übrig bleiben.

Oront. Nur wüßt‘ ich gern, ob Sie imstande wären,
In Ihrer Art was Ähnliches zu schreiben.

Alcèste. Wahrscheinlich mach‘ ich’s ebenso verfehlt,
Nur daß ich’s dann beileibe niemand zeige. (Akt 1,2)

Oront halst ihm daraufhin einen Prozess auf, den Alcèste verlieren wird.

Alcèste nimmt in dieser Situation in Kauf, jemanden zu kränken, weil er das Gebot der Ehrlichkeit höher achtet.

 

„Das Stück spielt mit der Ambivalenz zwischen Sein und Scheinen.“  (Raphael Enthoven, s.u.)

Das paradoxe an Alcèste ist, dass er nicht immer so konsequent mit seinen Prinzipien ist, was seinen Charakter nicht nur mehrdimensional, sondern ganz und gar widersprüchlich macht.

Sein so erhabener Prinzipienmantel, den er nicht nur fest um sich schlingt sondern am liebsten ganz und gar mit ihm verschmelzen möchte, bekommt Risse, wenn er der Liebe ausgesetzt ist. Alcèste ist nämlich in die leichtlebige Frau Celimène schwer verliebt. Obwohl diese von Treue nicht besonders viel hält, scheint sie Alcèste am liebsten von allen zu haben. Sie prangert ihm allerdings an, sie nicht aufrichtig genug zu lieben. Alcèstes Widersprüchlichkeit kommt in dieser Liebe besonders zum Ausdruck.

Als sein bester Freund Philinte angesichts Alcèstes Eifersucht ihm von dieser fragwürdigen Verbindung abrät, erwidert Alcèste:

„Das sagt mir die Vernunft in jeder Stunde;
Doch nach Vernunftgesetzen liebt man nicht.“ (Akt I,1)

Er gibt offen zu, dass in der Liebe für ihn andere Maßstäbe gelten. Sein Charakter ist nicht nur inkonsistent, sondern höchst ambivalent.

Als Alcèste einen anzüglichen Brief in Célimenes Handschrift entdeckt, der an keinen anderen als Oront adressiert ist, bittet er sie inständig, ihn anzulügen, um ihn von den Schmerzen und der Last dessen, was er nun weiß, zu entbinden.

Alcèste. Ach, so verteidigen Sie sich doch,
Stehn Sie doch ab, sich selber anzuklagen!
Des Briefes Unschuld lassen Sie mich schaun;
Mein Wunsch wird Ihren Worten sich vereinen;
Bestreben Sie sich nur, mir treu zu scheinen,
So werd‘ ich mich bestreben zu vertraun. (Akt 4,3)

Lieber würde Alcèste im Nichtwissen um Celimènes Untreue verweilen und einfach fortfahren, sie zu lieben. Er denkt, würde Celimène ihm etwas vormachen, ihn belügen, wäre er glücklicher. Er wäre mit der Unwahrheit, mit dem Schein, glücklicher, als im grausamen Sein, das ihm das Wissen um die Wahrheit bietet. Celimène weigert sich, ihn anzulügen und gesteht offen und unverblümt, dass Alcèste mit seinen Vermutungen richtig liegt. Celimènes Ehrlichkeit übertrifft hier Alcèstes.

 

Montaigne sagt: „Man kann sagen, dass der honnête homme ein anpassungsfähiger Mensch ist.“ („On dit bien vrai qu’un honnête homme, c’est un homme mêlé.“)

Eine andere interessante Verbindung hat Alcèste zu Philinte, namentlich seinem besten Freund, von dem er sich aber am Anfang des Stücks distanziert. Er sagt, er könne die Gefälligkeiten, die Philinte ihm entgegenbringt, nicht als Auszeichnung für ihre Freundschaft nehmen, da er sich anderen gegenüber genauso verhalte – kurz, er nennt Philinte einen Heuchler.

Philinte ist sich der Affektiertheit in der Gesellschaft zwar auch bewusst, akzeptiert sie aber als notwendiges Übel. Jedoch stellt sich heraus, dass Philinte ein besonders loyaler Freund ist, da er auf Alcèstes Eröffnungen hin nun eigentlich keinen Grund mehr hätte, sich mit ihm abzugeben. Dennoch hält er ihm bis zum Schluss die Treue und trägt Sorge um sein Wohl.

 

„Es gibt wohl niemanden, der bescheidener ist als ich.“ – J-J.Rousseau

Anders als Philinte ist Alcèste allerdings nicht bereit, Kompromisse zu schließen. Er akzeptiert die menschlichen Umgangsformen, die ihm so allzu unmenschlich vorkommen, nicht als notwendiges Mittel, um sich in der Welt bewegen zu können, sondern verschmäht alle Menschen:

Philinte. Hat denn Ihr Grimm die armen Erdenseelen
In Bausch und Bogen ausnahmslos verdammt?
Ich denke doch, daß Männer uns nicht fehlen…

Alcèste. Die Menschen hass ich, alle – insgesamt. (Akt I,1)

Auch Celimène hasst er – er hasst sie, weil er sie so liebt.

Alcèste verteufelt alle anderen, die nicht nach seinen Prinzipien handeln. „Ich will, dass man mich höherstellt!“ (Akt I,1) Er will sich nicht nur selbst gedanklich distanzieren, sondern auch, dass man erkennt, dass er es tut. Er möchte am liebsten in die „Wüste flüchten“(Akt I,1), damit er sich mit niemandem mehr abgeben muss.

Das klingt eher weniger nach einem honnête homme, als Alcèste wohl gerne hätte. Er beansprucht Exklusivität für seine Person, denkt, dass seine Prinzipien und Werte ihn moralisch auf eine höhere Stufe heben und ist damit der größte Snob von allen. Er ist intolerant gegenüber jedem, der seine Meinung nicht teilt oder aber andere Konsequenzen daraus zieht, wie sein Freund Philinte, der sehr wohl in vollem Bewusstsein, aber um der Höflichkeit willen schmeichelt. Dabei könnte man sogar sagen, dass Philinte vielleicht der honnête homme des Stücks ist – denn er steht aufrichtig zu seiner Treue und Freundschaft zu Alcèste und ist gleichzeitig anständig, höflich, wenn auch nicht immer ehrlich, aber behutsam und mitmenschlich mit den Menschen.

Philinte ist empathisch und stellt das Wohlergehen anderer höher als den persönlichen Maßstab der Ehrlichkeit, den zu erfüllen nur einen selbst befriedigt und keine Rücksicht auf andere Bedürfnisse nimmt. Er möchte Teil der Gesellschaft bleiben, auch wenn das bedeutet, dass er fragwürdige, unehrliche Umgangsformen pflegen muss, während Alcèste kein anderer Ausweg bleibt, als vollständige Isolation vor der Welt der Menschen, die „Wüste“.

Alcèste hatte es schon richtig im Gefühl – manchmal will man belogen werden, und das nicht nur in der Liebe. Radikale Ehrlichkeit dient einzig nur dem eigenen Gewissen. Allerdings muss man ihm zugute halten, dass er im Grunde Recht hat mit der Heuchelei.

Alle anderen Figuren außer ihm und Philinte scheinen diese Gefälligkeit so sehr verinnerlicht zu haben, dass sie nicht mehr sind als leere Hüllen – nur Schein. Sie schmeicheln einander, ziehen hinterrücks übereinander her und kennen kein Gefühl von Anstand mehr, außer der affektierten Höflichkeit im Umgang miteinander. Ihnen fehlt der Maßstab der Ehrlichkeit, dem sich Alcèste und Philinte noch sehr wohl bewusst sind und sich nur darin unterscheiden, welche Konsequenzen sie daraus ziehen.
Wenn die Welt nur noch daraus bestehen würde, dass man versucht, einander zu gefallen, lösen sich die Identitäten auf, denn wie soll man dann noch unterscheiden, was man für sich tut, weil es einem gefällt, oder für andere, weil es anderen gefällt. Und man selbst gefällt sich, wenn man anderen gefällt. Und auch das moralische Gefühl geht verloren, denn man gibt die eigene Urteilskraft ab an einen willkürlichen Grundkonsens, der nur sich selbst als Maßstab kennt.

Alcèste ist der Ehrliche, Philinte der Lügner und die anderen die Bullshitter.

Alcèste steht für das Sein, das, was wirklich ist, die Wahrheit also und stellt sich als ihr alleiniger Vertreter völlig in ihren Dienst mit den logischen Konsequenzen – Isolation.
Philinte kennt die Wahrheit und das Sein auch. Er entscheidet sich aber dafür, sie zwar als Wahrheit anzunehmen, agiert aber weiter im Schein, um die Kommunikation zu den anderen, weniger luziden Menschen, nicht aufgeben zu müssen.
Und schließlich haben wie die Bullshitter, die anderen, die Gefälligen: Sie kennen die Wahrheit nicht und sie ist ihnen auch völlig egal. Sie haben den Schein sosehr verinnerlicht, dass sie selbst gar nicht mehr sind. Marionetten, Vertreter einzig und allein des Prinzips des Scheins. Ebenso wie andererseits Alcèste als Marionette und Vertreter des anderen Prinzips, des Seins, ist. Die Bulshitter sind ein Feind der Wahrheit, und also auch der Ehrlichkeit (denn wie soll man ehrlich sein, wenn man die Wahrheit nicht kennt?).

Es scheint, als wäre Philinte tatsächlich der menschlichste unter ihnen. Weil Alcèste und die anderen nur Vertreter von zwei Prinzipien sind, dem Sein und dem Schein, sind sie gewissermaßen entmenschlicht. Sie stellen sich einzig in ihren Dienst.
Nur Philinte schafft den Spagat: Er ist ein Lügner, denn er kennt zwar die Wahrheit, akzeptiert aber den Schein und entscheidet sich, in ihm zu agieren. Er macht den Kompromiss, weil er Mensch ist. Er will sich nicht isolieren müssen, weil er auch Mensch ist. Er pflegt zwar die Sittlichkeit, fällt ihr aber nicht in dem Grade anheim, wie die anderen Figuren, die es mit der Schmeichelei und Lästerei übertreiben und dabei sich selbst verlieren. Philinte aber kann sich selbst nicht verlieren, denn er kennt die Wahrheit. Und kann sie mit seiner gleichzeitigen sozialen Inklusion vermutlich auch eher verbreiten und ihr Ehre erweisen als der völlig isolierte Alcèste. Somit ist Philinte am ehesten honnête homme, im vollen Umfang des Wortes, mehr jedenfalls, als der arme Alcèste.

moliere

 

Interessanter Vergleich von Alcèste mit Hamlet:
http://www.zeit.de/2012/06/Gedanken-Moliere-Shakespeare/seite-2

 

Quellen: