Zufall

In dieser großen, weiten, unübersichtlichen Welt gibt es manchmal so etwas wie schöne Zufälle.

Manchmal nennen wir es Schicksal, wenn uns etwas passiert, dessen Wahrscheinlichkeit wir für sehr gering halten, während das Ereignis so bedeutend und weltumkrempelnd für uns ist, dass wir nicht glauben können, dass es genauso gut auch nicht hätte eintreten können.

„Als Zufall bezeichnet man das Zusammentreffen bzw. die Überlagerung von zwei notwendigen Kausalketten, an deren Schnittstelle jemand sich absichtslos befindet.“
– Raphael Enthoven, Arte Philosophie

Ein Ereignis, eine Begegnung, ein Mensch, der in unser Leben tritt oder es verlässt – manchmal macht es so sehr Sinn für uns, dass etwas passiert, dass das Nicht-Eintreten  absurd und unwirklich anmuten mag. Diese eine unmögliche Möglichkeit, an die Wirklichkeit getreten mit einer statistisch verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit, ist nun Wirklichkeit, und man hatte sie nicht für möglich gehalten, ja nicht einmal gesehen!

Die Kette der Zufälle, die für das Eintreten einer Situation verantwortlich sind, sind so unüberschaubar lang, die Zusammenhänge viel zu komplex, als dass man damit hätte rechnen können, ja als dass man das Ereignis etwa selbst hätte herbeiführen können! Die Überraschung, mit der man reagiert, diese Fassungslosigkeit, versetzt uns in einen Zustand der Demut.

Gott, Schicksal, Karma, Zufall – wenn man begreift, dass es Kausalitäten gibt, die sich dem eigenen Wirkungsbereich entziehen, postuliert man eine dieser Übermächte. Demütig „fügt man sich dem Schicksal“ oder „vertraut auf Gottes Plan“, denn was will man anderes tun angesichts solcher Autoritäten, mit denen es sich auch noch relativ schwer kommunizieren lässt? Akzeptanz, Fügung. Eine beängstigende Vorstellung – äußere Instanzen, die unser Leben und das Milliarden anderer steuern. Sie sind Spieler und sie spielen uns. Wir werden gespielt. Sie sorgen dafür, dass wir Leuten begegnen, dass wir Glück und Pech haben – in der Hoffnung, dass wir wie Sims oder Laborratten in einem Labyrinth dorthin gehen, wo sie uns gern haben wollen – an den Platz, der für uns vorgesehen ist.

Glücklicherweise gibt es diesen Platz nicht – oder zumindest bestimmen wir ihn selbst.

„Wenn ihr wisst, dass es keine Zwecke gibt, so wisst ihr auch, dass es keinen Zufall gibt, denn nur neben einer Welt von Zwecken hat der Zufall einen Sinn.“
(F.Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft)

Zufälle werden nur retrospektiv bedeutend. Man gibt Ereignissen rückblickend diese oder jene Bedeutung, weil man erst, wenn sie vorüber sind, ihre Tragweite begreifen kann. Man verleiht ihnen einen Sinn. Der Sinn, das sind die Lehren, die man zieht. Oder das Geschehene veranlasst einen dazu, einen neuen Weg einzuschlagen, mit alten Mustern zu brechen.

Man hält das Ereignis, das durch außen auf einen gewirkt hat, für die eigene innere Veränderung für verantwortlich. Einem ist geschehen, man wurde bewegt – das heißt, eigentlich angestoßen, die anschließende Bewegung vollzog man von ganz allein. Man „bekam einen Anstoß“, oder auch einen „Aufschwung“ oder „Auftrieb“, den man aus eigener Kraft nicht bekommen hätte. Das Ereignis ist die äußere Instanz, die einen beeinflussen kann.

Kann. Und jetzt verleihen wir dem Subjekt mal wieder ein bisschen mehr Mündigkeit. Ein bloßer Gegenstand, ein Objekt, ist auf äußere Einflüsse angewiesen, sonst bewegt es sich nicht. Und sein Aufschwung oder die Richtung, die es nimmt, ist determiniert durch die äußere Kraft, absolut berechenbar. Wir als Subjekte, definiert durch Introspektion und Bewusstsein, sind relativ frei. Wir können uns auch durch innere Kraft bewegen und sind nicht unmittelbar auf das Äußere angewiesen – primitivere Organismen funktionieren nur nach dem Reiz-Reaktionsschema, das durch Komplexität Abstufung findet. Aber wenn wir angestoßen werden, dürfen wir entscheiden, wie wir uns verhalten. Natürlich könnte man dem entgegenhalten, dass dieses Reiz-Reaktionsschema bei solch komplexen Organismen wie uns nur so unberechenbar scheint, weil man noch (!) nicht alle Faktoren erfassen und berücksichtigen kann, die einen dazu treiben, so zu handeln, wie man handelt. Das wäre dann wieder die Frage nach dem freien Willen.

Egal, bleiben wir poetisch.

Kann auch sein, dass man äußeren Instanzen wie Gott oder dem Schicksal deshalb so eine Autorität zumisst, weil einen der Gedanke, wirklich völlig frei zu sein, beängstigt. Und wenn man selbst realisiert, dass man der einzige ist, der nicht etwa einzelnen Ereignissen, sondern auch seinem ganzen Leben wirklich Sinn verleihen kann, mag das überfordern. Was heißt mag, ja – es ist überfordernd, jeden Tag. Aus großer Macht folgt ja auch große Verantwortung…

Aber es nicht schwarz-weiß. Äußere und innere Umstände bewegen uns. Wir sind weder die Sklaven unserer Erfahrungen, noch Götter auf der Erde. Die Freiheit liegt vielleicht darin, es zu erkennen und abstimmen zu können. Außenwelt bedeutet nicht immer Unberechenbarkeit und Innenwelt nicht zugleich Sicherheit und Zuflucht. Oft genug sind die Bedingungen außen günstig und dennoch schwanken unsere inneren Säulen. Und umgekehrt, manchmal ist man im Chaos völlig ruhig und selig.

Die Lehre, die wir jetzt daraus ziehen?

Akzeptieren, was man nicht ändern kann und die Schranken des eigenen Wirkens erkennen. Und dennoch die Verantwortung, frei zu sein, nicht zu verkennen: nicht innerhalb seiner Schranken bleiben, höher streben, bis sie sich biegen und möglicherweise sogar zurückweichen.

Denn wir sind so groß und so klein zugleich.

Die ewige Aporie der Künstlerseele

Ich muss schaffen! Und doch liegt nichts meiner Natur ferner, mich aufzuraffen, und mich ans Schaffen zu machen! Mich meinen Neigungen nach Faulheit und naturbedingter Ruhebedürftigkeit zu widersetzen, macht mich das menschlich? Nein, es macht mich zum Künstler. Und ich bin verdammt. Selbstüberwindung ist der größte Kampf, nicht das Schaffen. Ich hab meine Kanäle und die Ideen stehen ungeduldig in der Warteschlange, und wenn ich mich in Ruhe wähne, klopfen sie mit ihren Fäusten an die Fensterscheibe meines Bewusstseins und lassen mich nicht in Ruhe, bis ich eine von ihnen in Angriff nehme. Wenn ich an nur einer dran bin, hören die anderen auf zu klopfen, denn sie sind anständig und lassen mir, wenn ich geschäftig bin, meine Ruhe. Ganz zivilisiert sind sie dann. Aber wenn ich mir guten Gewissens Ruhe gönne, sind sie wieder da und klopfen. Eine Zeit lang kann ich sie dann ignorieren, beflügelt vielleicht noch durch die Taubheit und Zufriedenheit, die mir die Realisation meiner letzten Idee gebracht hat – doch lange währt dieser Zustand nicht. Aufdringliche kleine Biester sind sie und sie klopfen die Scheibe kaputt und engen mich immer weiter ein, bis ich keine Luft bekomme und sie bei bestem Willen nicht mehr wegignorieren kann. Dann knöpfe ich mir wieder eine von ihnen vor, eine vielversprechende. Gut in die Realität reinvermöbelt, mit bloßen Händen in die Wirklichkeit befördert – das hast du jetzt davon, abstrakte Idee. Schau, wie dir die Wirklichkeit schmeckt. Auf dem Markt wirst du nun ebenso verscherbelt wie wir Menschen Tag für Tag unsere Seele für einen Spottpreis verkaufen müssen.

Möglichkeitssinn

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten! Und nur eine einzige Wirklichkeit.

Robert Musil schreibt in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ von Wirklichkeits- und Möglichkeitsmenschen. Und wir kennen sie alle: die Wirklichkeitsmenschen sind bodenständig, gefestigt, stehen im Leben, haben Plan, sind realistisch und an dem interessiert, was ist … die Möglichkeitsmenschen hingegen sind idealistisch, haben den Kopf in den Wolken, sind kreativ, sehen in der Welt eher das, was sein könnte.

Kinder sind wir möglicherweise alle Möglichkeitsmenschen, weil Eltern – idealerweise – verhindern, dass wir allzu früh und in vollem Umfang mit der Realität konfrontiert werden: sie regeln unseren Alltag, machen unsere Termine aus, versorgen uns mit Mahlzeiten, schicken uns zur Schule, sorgen finanziell für uns, (also alles, was wir erwachsenen Möglichkeitsmenschen alleine nicht mehr hinbekommen) damit wir in aller Seelenruhe weiter träumen können. Kinder wollen die Welt verändern, weil sie glauben, dass es möglich ist.

„Kinder beginnen die Schule mit lauter Fragen. In der Schule lernen sie dann Antworten auf Fragen, die sie gar nicht gestellt haben. Irgendwann hören sie dann auf, zu fragen“¹ – Michel Onfray, frz. Philosoph

Aber irgendwann werden auch Kinder realistisch und niemand ist als Realist unausstehlicher als ein Kind: Sie bringen die Träume ihrer Spielkameraden zum Platzen, indem sie besserwisserisch sagen: „Das geht gar nicht in echt!“ Beachtliche Entwicklung deines präfrontalen Cortex, Kind, wunderbar. Du hast nun unübersehbar klargemacht, in der Lage zu sein, Realität von Fiktion zu unterscheiden. Nur ist dein Spielkamerad trotzdem schlauer als du, denn er weiß, dass euer Spiel nur ein Spiel ist und ihr die Regeln selber festlegt und ihr in der Hinsicht nicht von der Realität eingeschränkt seid und ihr das gefälligst genießen solltet, Kind, denn irgendwann müsst ihr drei Flaschen Wein trinken, um dieses schwindelerregend geile Fick-Dich-Realität-Gefühl wieder zu bekommen oder vier Gramm Gras rauchen. Du bist ein blödes Spielverderberkind, Kind!

„Alle sagten: Es geht nicht. Da kam einer, der das nicht wusste und tat es einfach.“² – Goran Kikic, deutscher Autor

Wer kennt nicht so ein blödes Spielverderberkind? – Ja, immer noch. Ja, auch als Erwachsene. Ja, genau, das sind diejenigen, die jetzt sagen: „Wenn deine Realität nicht so scheiße wäre, müsstest du ihr auch nicht entfliehen wollen.“ Ja – die Leute. Ja, neoliberale pseudoindividuelle Systemprofiteure.

Aber das soll ja keine Hassrede auf Wirklichkeitsmenschen werden. Nein, wer kennt nicht auch jenes Kind, das glaubte, es könne fliegen und dann plötzlich wirklich … Ohnezahn hieß?

Wirklichkeitsmenschen haben einen klaren Blick, für das was tatsächlich der Fall ist, wohingegen Möglichkeitsmenschen eher das sehen, was möglich wäre:

[…]So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken, und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Man sieht, daß die Folgen solcher schöpferischen Anlage bemerkenswert sein können, und bedauerlicherweise lassen sie nicht selten das, was die Menschen bewundern, falsch erscheinen und das, was sie verbieten, als erlaubt oder wohl auch beides als gleichgültig. Solche Möglichkeitsmenschen leben, wie man sagt, in einem feineren Gespinst, in einem Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven;[…]³

Heißt das, Möglichkeitsmenschen sind realitätsfremde Nervenbündel, Leute, die ganz einfach noch nicht aufgewacht sind, die man belächelt oder aber denen man sagt: „Reiß dich mal zusammen!“ – kindische Erwachsene?

Aber was ist denn überhaupt der Möglichkeitsbereich von Möglichkeitsmenschen? Halten wir alles für möglich, solange nicht sein Gegenteil bewiesen werden kann? Oder bewegt sich unser Möglichkeitssinn nur im Rahmen dessen, was uns die irdischen Gesetzesmäßigkeiten auch tatsächlich erlauben? Sind wir Visionäre, die die Welt verändern?

Wenn jemand die Schwerkraft verleugnet oder bezweifelt, muss nur ein Apfel vom Baum fallen und man wird sagen können: Newtons erstes Gesetz erklärts am Besten! Und außer das Kind ist zufällig Einstein wird er Newtons Mechanik auch nicht ins Wanken bringen können. Er könnte andere Erklärungen erfinden oder fundiert entwickeln.

Zum Beispiel David Hume, der die verrückte Idee hatte, das Ursache-Wirkungsprinzip, also Kausalität anzuzweifeln, ein Prinzip, von dem wir zumindest im Alltag praktischerweise ausgehen. Nein, → B muss nicht ausnahmslos stimmen, denn woher weiß man, dass das verbindende Element wirklich die Kausalität ist? Man kann Kausalität ja nicht sehen, nur beobachten, dass in ausnahmslos allen der Stein, wenn man ihn in die Luft wirft, wieder gen Erde fällt, wenn er auf keine Hindernisse stößt. Aber warum sich anmaßen, das zu einem Gesetz zu machen, wenn man nicht hundertprozentig ausschließen kann, dass es beim nächsten Experiment auch so ist? Man kann ja nur endlich viele Beobachtungen machen, wohingegen ein Gesetz für sich beansprucht, allgemein gültig sein zu wollen, also in ausnahmslos allen Fällen. Da man aber nie alle Fälle beobachten können wird, haben wir ein Problem. Das nennt man übrigens Humes Induktionsproblem. Allenfalls könnte man behaupten, dass etwas sehr wahrscheinlich der Fall sein wird. Die Regularitätstheorien nach Hume, Mill und Mackie behaupten, wie der Name schon verrät, dass man lediglich Regularitäten in der Welt beobachten kann – und man somit auch nur statistische Vorhersagen über ein Ereignis machen kann, auf die logische Notwendigkeit aber verzichten muss. Ziemlich unbefriedigend, was? Führende Wissenschaften, zum Beispiel die Physik, kommen nämlich auch ohne das Postulat der Kausalität aus, was für das philosophischen Lager ganz schön frustrierend ist!⁴

Ein Möglichkeitsmensch akzeptiert die Schranken der Realität, auf die wir uns geeinigt haben, nicht bedingungslos. Er denkt sich: Es könnte auch anders sein. Oft verliert er aber vor lauter Durchblick den Durchblick weil er durch die Dinge nur durchblickt und sie dadurch nicht mehr sieht. Sein Bild geht von einem einzelnem Gegenstand ins Abstrakte über, in die Innenwelt seines Geistes, er sieht ähnliche Gegenstände, andere Gegenstände, Vergangenes, assoziiert, verknüpft, sieht Zusammenhänge, Möglichkeiten. Leicht, hier den Blick fürs Wesentliche zu verlieren bei so vielen sich überlappenden möglichen Realitäten!

Eine Möglichkeit ist etwas nicht-Seiendes, oder noch-nicht-Seiendes. Sobald die Möglichkeit realisiert ist, in den Rang des Realen „gehoben“ wird, ist sie Wirklichkeit. Es gibt also keine Möglichkeiten in der Welt – per definitionem! – nur Wirklichkeiten, die wiederum nichts anderes sind als realisierte oder ver-wirklichte Möglichkeiten. Die Möglichkeiten gehören einer anderen Sphäre an, der Sphäre des Geistes desjenigen, der sie denkt. Als kreative Schöpfer, die wir sind, sind einzig wir dazu in der Lage, sie wirklich werden zu lassen. Aber gibt es auch Möglichkeiten, wenn sie von keinem gedacht werden?

Bei Aristoteles ist das Wirklichkeitsprizip (energeia) als Tätigkeit, Verwirklichung einer Möglichkeit definiert und das Möglichkeitsprinzip (dynamis) als die Fähigkeit, in einen neuen Zustand übergehen oder das Vermögen, etwas zu werden. Aristoteles interpretiert jedes Werden als eine Bewegung von dem der Möglichkeit nach Seienden zu dem der Wirklichkeit nach Seienden. Bei Aristoteles‘ Metaphysik hat die Möglichkeit einen niedrigeren „Seinsrang“ als die Wirklichkeit, weil sie eben nicht oder noch nicht ist. Wenn ein „Sein“ aber nur zustande kommen kann, wenn es durch ein anderes Sein zum „werden“ gezwungen wird, wer steht dann am Anfang aller Prozesse überhaupt? Mit anderen Worten: eine Bewegung kommt nur zustande, wenn es etwas gibt, das die Bewegung anstößt. Die einzige „Selbstbewegung“ steht am Anfang, also kommen wir hier zum Postulat des „unbewegten Bewegers“, dem Demiurg bei Platon und Aristoteles, quasi Gott.

Bei Heidegger bekommt die Möglichkeit wiederum den Vorrang vor der Wirklichkeit, denn für ihn ist das „Dasein je seine eigene Möglichkeit“ und die Wirklichkeit also nichts anderes als realisierte Möglichkeit. Das Dasein „hat keine Möglichkeiten als Eigenschaften, sondern ist seine Möglichkeiten. [Es] entwirft beständig sein Sein auf Möglichkeiten. […] In den Möglichkeiten ist es immer schon „sich selbst vorweg“ – und das gehört zum Geworfensein; sein Vor-weg-sein wird mit dem Namen Sorge genannt und ist Grundlage für alles Besorgen und Fürsorgen, alles Wünschen und Wollen, allen Hang und Drang.“⁶

Ja, Möglichkeitsmenschen haben die Fähigkeit, mögliche Wirklichkeiten zu sehen und aus ihnen zu schöpfen – aber sind wir selbst dann nicht so eine Art Zwischending zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit – und nie wirklich wirklich, also in unmittelbarem Kontakt mit der Realität? Wenn wir zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit nur Vermittler sind, gehören wir dann keiner Sphäre von beiden an und stehen gewissermaßen zwischen den Welten? Vielleicht fühlen wir uns deshalb manchmal so, als wären wir nirgendwo wirklich zu Hause.

____________________________________________________________________________________________

  1. Michel Onfray, citée par Guillaume Champeau: https://nota-bene.org/Michel-Onfray-et-l-ecole
  2. Goran Kikic
  3. Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften: http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-mann-ohne-eigenschaften-erstes-buch-7588/5
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Kausalität
  5. http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=569&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=23580d3d4a49549ff86a0fa097744448
  6. https://de.wikisource.org/wiki/Martin_Heideggers_Existentialphilosophie#cite_ref-19, Sein und Zeit,  S. 209.

Wer bin ich?

Ich war, ich werde sein, ich werde gewesen sein –

Oft denkt man zu viel an Vergangenheit und Zukunft, selten ist man wirklich gegenwärtig in der Gegenwart. Aber wann bin ich tatsächlich? Und was ist dieses Ich?

Was ist dieses Ich, das wir zwar alle haben, uns aber gleichzeitig voneinander unterscheidet? Und scheint es doch so, dass nur durch die Abgrenzung  von anderen überhaupt ein Ich entstehen kann!

Ist das Ich die Schnittstelle zwischen der eigenen Vergangenheit und Zukunft, ist es gewissermaßen die eigene Gegenwart? Das Ich ist ein gegenwärtiger Bewusstseinszustand und vereint alle subjektiven individuellen Erfahrungen und auch wenn man sich nicht genau an alles erinnern kann, gewiss ist, dass man an gewissen Situationen raum-zeitlich anwesend war. Kein Ich ist also aus einer detailliertesten Geschichte der Welt wegzudenken. Das Ich muss aber mehr sein als die Summe meiner bisherigen Erfahrungen. Das Ich ist ja auch noch Zukunft – also noch nicht. Aber Erwartungen und Pläne für die Zukunft ist man wohl auch in der Gegenwart. Außerdem bildet einen wichtigen Bestandteil des Ichs noch die Haltung, die man gegenüber Dingen einnimmt – Anschauungen, Meinungen, Wünsche. Philosophisch-begrifflich nennt man das Intentionalität – die Fähigkeit, sich auf Dinge zu beziehen, ein Zustand des Gerichtet-Seins des Bewusstseins.

Das Vergangenheits-Ich ist ein schon beschriebenes Blatt, von dem sich keine Zeile löschen lässt. Dieses Ich ist Geschichte und vielleicht lässt sich behaupten, dass man nur aufgrund diesem überhaupt so etwas wie ein Identitätsgefühl besitzt – eine ungefähre Vorstellung, was einen als Person ausmacht. All die getroffenen Entscheidungen, gute und schlechte, die gesammelten Erfahrungen, die Menschen, die unseren Lebensweg gekreuzt haben – gleich Fäden laufen sie in uns zusammen, geben unserem Ich eine Form.

Das bedeutet nicht, dass ein Charakter determiniert ist. Angenommen, es gäbe den Menschen mit exakt denselben Erfahrungen noch einmal – in einem anderen Universum vielleicht – müsste dieser dann genau so sein wie man selbst? Oder liegt unsere Freiheit genau darin, anhand unserer Erfahrungen eigene, unabhängige Wertvorstellungen, Eigenschaften, Vorlieben zu entwickeln? Also quasi unvorhersehbar zu sein?

Denn gleiche Erfahrungen determinieren nicht automatisch auch die gleichen Lehren. Eine objektiv schlechte Erfahrung kann sich auch durchaus positiv auf den eigenen Charakter entwickeln, während ein Leben, das nur aus guten Erfahrungen besteht, auch eine miese Persönlichkeit hervorbringen kann: wenn man gewohnt ist, dass alles glatt läuft und man nie ernstliche Hindernisse zu bewältigen hat, kann man wichtige Eigenschaften wie Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen oder Entschlossenheit gar nicht entwickeln.

Des Weiteren legt zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht nicht unbedingt ein bestimmtes Wahlverhalten fest. Es kommt auf die Motive an, aufgrund derer man wählt und diese können egoistischer Natur oder auch altruistischer sein, aber auch rationaler, emotionaler Art und müssen gar nicht mit sozio-ökonomischen Faktoren zusammenhängen, es können auch pragmatische oder ideologische sein!

Erwähnenswert ist hier die Habitus-Theorie des Soziologen Pierre Bourdieu, die die Denk- und Verhaltensstrukturen, einer Person anhand ihres sozialen Status und Rang in der Gesellschaft relativ zum Kollektiv untersucht. „Die Art der sozialen Erfahrungen, die ein Mensch macht, werden in hohem Maße durch die Kategorien (Klasse, Geschlecht, Ethnizität, etc.), in die ein Mensch von der Gesellschaft eingeordnet wird, mitbestimmt“¹. Die Bestimmung der Klasse erfolgt über die Verteilung von folgenden Kapitalformen, über die jemand verfügt: ökonomisches Kapital (materielle Ressourcen), kulturelles Kapital (Bildung), symbolisches Kapital (Prestige und Anerkennung in der Gesellschaft) und soziales Kapital (Beziehungen). Wenn innerhalb einer sozialen Klasse Ähnlichkeiten bezüglich Vorlieben und Gewohnheiten festzustellen sind, spricht man vom „Klassenhabitus“.

Vorhersehbarkeit … Google versucht, unser Online-Verhalten vorauszubestimmen und zu manipulieren – indem es Daten sammelt, um so ein möglichst akkurates Profil von uns zu erstellen. Empirisches Sammeln von Informationen, die ein Verhalten in der Vergangenheit markieren, lassen also Prognosen über die Zukunft zu und gleichzeitig die Aussicht, diese positiv in – scheinbar – unserem Interesse zu manipulieren.

Kurz, aber könnte man all diese Motive erfassen und daraus eine Handlungstendenz bestimmen, in welche Richtung eine Entscheidung fallen wird – es gibt immer noch die Willkür! Eine Handlung resultiert ja nicht nur auf einer rationalen Abwägung von sinnvollen Argumenten – wir Menschen können durchaus auch „aus dem Bauch heraus“ handeln, oder uns einfach die Augen zuhalten und dem Zufall das Geschick überlassen.

Vorhersehbarkeit, Determination … viele Philosophen, von Platon über Leibnitz, nahmen an, Gott habe jeden Menschen nach einem bestimmten Plan und Zweck geschaffen. Die Handlungsfreiheit sei also nur eine nützliche Illusion.

Der Existenzialismus, eine in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstandene philosophische Denkrichtung, vertreten durch Albert Camus und Jean-Paul Sartre, nahm aber im Gegenteil an, wir als Menschen, seien zur Freiheit geradezu verurteilt: wir haben keine andere Wahl, als die Wahl zu haben! Die Formel des Existentialismus lautet: Die Existenz geht der Essenz voraus. Das bedeutet: Der Mensch bestimmt den Zweck seines Daseins selbst. Er existiert erst, begegnet sich selbst in seinem Dasein und formt dadurch aktiv seine Identität. Es gibt keinen vorgegebenes und schon gar kein allgemeines Wesen des Menschen oder den Sinn des Lebens – man ist frei und dazu verdammt, diesen selbst zu bestimmen.

Das Modell der völligen Unmündigkeit – also dem Absprechen jeglicher Verantwortung für sämtliche Handlungen aufgrund des unausweichlichen Schicksals oder anderer Determinanten wie sozialer Herkunft, emotionaler Prägungen, Veranlagung, Ethnizität, sexueller Orientierung – gegen das Modell der absoluten Mündigkeit.

Wir wollen annehmen, das Ich ist nicht einfach nur die Summe oder gar das Opfer unser Biographie und äußerer Einflüsse – es gibt doch immer eine letzte Instanz des freien Willens: das wäre dann das Ich. Denn wir sind frei zu entscheiden, wie wir uns entscheiden und aus welchen Gründen – nach eigenen Interessen, zum Wohle anderer, willkürlich, aus dem Bauch heraus …

Sind es dann unsere Eigenschaften, die bestimmen, wer wir sind, die voraussagen können, wie wir handeln werden? Wenn ich nett bin, handle ich auch nett. Dann mache ich nette Sachen, ob sie von anderen als solche erkannt oder interpretiert werden, ist wohl nicht wichtig – denn letztlich zählt nur die Intention, wenn die Tragweite an Folgen nicht in Gänze abgeschätzt werden kann. Also trägt man im Endeffekt nur die Verantwortung für seine Intentionen. Aber handelt man nett, weil man nett ist, oder ist man deshalb nett, weil man nett handelt? Andererseits kann eine aus einer ursprünglich netten Intention erfolgte Handlung böse Folgen haben oder von anderen falsch interpretiert werden – dann gilt man als Mensch, der eine böse Handlung vollzogen hat. Wenn weitere böse Handlungen folgen, gilt das als Muster und man selbst als böse Person. Die Intention hinter den Handlungen interessiert niemanden mehr. Und andersherum kann jemand, der aus bösen Motiven heraus handelt, zum Beispiel rücksichtslosem Egoismus, eine Handlung als gute Tat hinstellen.

Charaktereigenschaften sind im Endeffekt also … eine Konklusion aus den Motivationen, die die Handlungen einer Person antreiben. Mit einem ethischen Maßstab mit den Kategorien „gut“ und „böse“, der natürlich variabel ist, gewinnt man eine tendenzielle Essenz eines Charakters. Könnte aber nur jemand anfertigen, der alle Intentionen erfassen kann, also nur man selbst, da man aber nur die eigene, subjektive Sicht darauf hat und man sowieso niemanden besser anlügen kann, als sich selbst, kann diese Statistik nie objektive Gültigkeit haben. Und andere Personen sehen sowieso nur den „outcome“ einer Handlung und nicht die Intentionen. Also ist unser Versuch einer objektiven Bestimmung von Charaktereigenschaften, hinter denen wir die Essenz des Ich vermuteten, gescheitert und kann  auch nur scheitern. Naja, und das, meine Freunde, nennt man eine Aporie.

Da das, was unser Ich vorhersehbar machen könnte gleichzeitig die Bedingung dieses Ichs ist, sind wir zu einem sowohl unbefriedigenden, als auch endgültigen Ergebnis gekommen! Wir haben die Unbestimmbarkeit bestimmt und das ist doch schon mal etwas! Die Unbestimmbarkeit des Ichs ist seine Bedingung.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal die Worte des großen Philosophen Albus Dumbledore in Erinnerung rufen: „Nicht unsere Eigenschaften entscheiden wer wir wirklich sind, sondern unsere Entscheidungen.“

  1. http://vonunsfueralle.blogsport.de/images/DasHabitusKonzeptvonPierreBourdieuVersion5.pdf
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Habitus_(Soziologie)
  3. Pierre Bourdieu – Habitus
  4. Harry Potter und die Kammer des Schreckens – Chris Columbus
  5. Intentionalität: Husserl, Bretano
  6. Existentialismus: Jean-Paul Sartre, Albert Camus

Sein oder nicht sein, das ist beim Zahnarzt die Frage

Wie viel Mensch ist man noch beim Zahnarzt?

Ab zum Zahnarzt!

Ich unterhalte mich nett mit dem Arztpersonal, das schon  viel zu verdächtig lächelt – sie wissen, dass ich die Praxis als anderer Mensch verlassen werde. Das freundliche Nicken, die verständnisvoll blickenden Augen, die beiläufigen Fragen nach dem sonstigen Wohlbefinden, vielleicht nach der Familie, nach dem Studium – sie sollen nur die zivilisierte Fassade wahren, die schon sehr bald fallen wird.

Das Platznehmen in dem elektrischen Stuhl ist unangenehm. Schon die Stärksten sind hier gefallen. So viel Blut, soviel Speichel, so viel Würde wurde hier schon verloren. Die Lampen sind künstlich hell und beweglich, um jede Spalte meiner Existenz auszuleuchten und werden von den blitzenden Instrumenten und den gebleckten Zähnen des Arztpersonals noch reflektiert, die nun eher hungrigen Hyänen gleichen, wie sie langsam und voyeuristisch um den Stuhl herumschleichen.

Wie die Skyline Manhattans ragen meine Zähne aus rot-fleischigem Dickicht in die Höhe und Tiefe, grau wie die Wolkenkratzer sind sie, und ebenso löchrig.

Während ein Spiegel an meinen edelsten Teilen entlanggeführt wird, werden Zahlen und Unverständliches gemurmelt: „Eins vier kariös, okklusal!“ Die lateinischen Wörter klingen diabolisch, sie sind das Daumen hoch oder runter für die 32 römischen Gladiatoren in meinem Kolosseum – Gnade oder sofortige Hinrichtung? Während ich auf das Urteil warte, darf ich meine Menschenwürde kurz zurückerlangen, der Stuhl fährt in eine humanere Position und noch völlig perplex von dieser plötzlichen Wendung wische ich mir schnell die Spucke vom Kinn.

Ganz zivilisiert wird mir erklärt, was in meinem Gebiss wirklich so abgeht und vor allem, was schiefläuft. So muss es sich für Eltern anfühlen, die zum Rektor gebeten werden, weil ihr Kind etwas angestellt hat. Eine ganz peinliche Sache ist das, vor allem, weil es ja direkt unter meinen Augen passiert ist. Ob ich die gute oder kassenärztliche Behandlung wolle? Klar, nur das beste für meine Kids, damit sie später mal die besten Chancen haben! Das will man von mir hören. „Wie teuer ist das denn?“, frage ich. Und schon wird es philosophisch. Kurzfristig an Kosten zu sparen rechne sich auf lange Sicht nicht, die bessere – teurere – Füllung halte doch deutlich länger, das lohne sich, sonst müsse ich früher oder später ja doch hier wieder antreten. Na gut, ich investiere ja gern in meine Zukunft. Außerdem kann man Zahnärzten vertrauen, das muss man auch, denn immerhin haben sie ja so tiefe Einblicke in mich wie meine engsten Vertrauten nicht einmal.

„Das nächste Mal besser putzen“, wird noch in mahnendem, aber nachsichtigem Ton gesagt, während der Stuhl langsam wieder in die unzivilisierte Horizontale fährt.

Finger und Instrumente sind wieder in meinem Mund, meine Augen geblendet, ich mache sie zu, das quietschende Bohrergeräusch in meinen Ohren, der wie ein Presslufthammer meinen undichten Zahnschmelz bearbeitet. Ein Sauger befreit meinen Mund auch noch von dem letzten Rest Spucke, sodass meine Mundhöhle sich im Handumdrehen in die verdammte Atacamawüste verwandelt. Meine Zunge hängt wie ein angespülter Wal traurig darin herum, zuckt ab und zu, wenn ein Haken oder der Sauger an ihr vorbeischrammen, weicht umsichtig aus, um einem größeren Gerät Platz zu machen, verkriecht sich schließlich scheu in die hintersten Falten meiner Mundhöhle.

Da meine übrigen Sinneskanäle blockiert sind, flüchte ich mich in meinen Kopf. Ah, schön leer hier! Moment mal, was ist das überhaupt, Karies?

Karies, das kommt vom lateinisch caries, was Faulheit, Morschheit bedeutet. Böse Bakterien, wie streptococcus mutans und verschiedene Laktobazillen siedeln sich in meinem, die Zähne umgebenden Biofilm, der Plaque, an und bringen ihren PH-Wert durcheinander, wodurch sie meinen Zahnschmelz demineralisieren und sich Läsionen bilden. Da kann man schon mal melancholisch werden.

Ich soll die Hand heben, wenn ich Schmerzen habe. Danke. Sehr gnädig.

Verdammte Scheiße! Jetzt reden sie auch noch über Politik. Mit mir. Ich kann nicht antworten. Ich mache irgendeinen Laut, der sich eher nach dem letzten Röhren eines erlegten Hirsches anhört, als nach irgendeinem Rest Menschlichkeit.
Das ist es.
Sie haben es geschafft.
Ich bin nur noch mein Körper.
Ich bin von jeder Kommunikationsmöglichkeit, zumindest jeder gesellschaftlich anerkannten, abgeschnitten. Ich habe keine Sprache mehr, und was ist denn noch der Mensch, wenn er keine Sprache mehr hat und nicht mehr aufrecht geht?
Richtig, ein Affe.
Die Parole ist mir genommen, ich kann mich nicht mehr äußern, auch wenn ich wollte. Wenn andere Körperteile krank sind, kann man immerhin noch mit den Verarztenden sprechen, oder aber man ist gar nicht bei Bewusstsein, während einem die Organe befühlt werden – aber nicht hier. Man ist nur noch seine rohe, fleischliche Hülle, nur der physische Leib, der hier in dem Stuhl hängt, das unzivilisierte Fleisch. Ja, so schnell kann es gehen und die Säulen der Zivilisation werden so schnell und sauber gefällt wie Zahnhälse.
Eine solche Degradierung im Rahmen einer medizinischen Behandlung…

Als die Lehne wieder hochfährt, traue ich mich keinen anzusehen. Ich spüle meinen Mund aus. Im runden Waschbecken offenbart sich die Arbeit der letzten halben Stunde. Der Zahnarzt strahlt mich stolz an. Seine Augen leuchten nicht weniger als seine Stirnlampe, die nicht umsonst an die von Bergbauarbeitern erinnert. Gut habe er das hinbekommen, war auch sehr spannend. Keine Ursache, ich hoffe Sie hatten eine schöne Expedition.

Ich muss noch an die Rezeption. Ich werde rezipiert. Ich nuschle etwas. Meine linke Lippe hängt mir schief im Gesicht. Ich muss also doch eine Spritze bekommen haben. Spucke tropft aus meinem Mundwinkel auf den Praxistresen. Ich setze nochmal an, aber ich wurde schon verstanden. Mir wird ein Termin zur Nachkontrolle gegeben. Toll.

Beim Hinausgehen fällt mein Blick nochmal ins Wartezimmer. Da sitzen Gestalten, die wie Menschen aussehen. So sah ich vor vierzig Minuten auch noch aus … unschuldig. Die Naiven. Sie glauben tatsächlich, die menschliche Würde sei unantastbar.

Die werden auch noch aufwachen.

 

 

 

Blabla!

Unsere Art, zu kommunizieren, ist nicht auf die Sprache beschränkt.

Wir sind in der Lage, Mimik und Gestik und sogar kleinste Anflüge von Emotionen, die über ein Gesicht huschen, zu identifizieren und zu interpretieren.

Fangen wir beim Subjekt an – wer ist es, der überhaupt kommunizieren will?

Ein Subjekt. Ein Ich. Eine Person. Persona, das ist Latein für die „Maske“, die die Schauspieler im antiken Theater trugen, und namentlich auch die Stimme, die darunter Hervortönte. Weiterhin definiert Wikipedia psychologisch die Persona als „nach außen hin gezeigte Einstellung eines Menschen, die seiner sozialen Anpassung dient und manchmal auch mit seinem Selbstbild identisch ist.“ Also ist eine Person beides – die gesellschaftliche Maske des sozialverträglichen Verhaltens, wie auch das, was hinter ihr liegt. Für C.G. Jung ist die Maske nur ein Teil einer Kollektivpsyche, die zusammen einen „Kompromiss zwischen Individuum und Sozietät“ bilden. Anpassung geschieht demnach oft zu Lasten des Indivduums.

Wie kann kommuniziert werden?

Und hier fängt schon die unüberschaubare Bandbreite der Möglichkeiten an. Von Mimik und Gestik, über Ironie und Sarkasmus und anderen Stilmitteln, bis hin zu Intonation und Lautstärke – es gibt tausend Arten, wie ein Inhalt transportiert werden kann.

Thomas Shelby – der beinahe skrupellose birminghamer Gangsterboss, für den der Zuschauer in drei Staffeln der Serie „Peaky Blinders“ aufgrund der Sorgfalt der Autoren und des vielschichtigen Spiels des Schauspieles, eine aufrichtige Sympathie entwickelt hat – erwidert auf die Nachfrage seines schon etwas älteren Dienstmädchens, ob er heute schon das aufgrund seines Schädelbruchs verordnete Morphium zu sich genommen habe, folgendes:

Lesen Sie in der Bibel, Mary?“

Ab und zu mal.“

Und lesen Sie sie vor, während Sie nackt an meinem Bett stehen?“

Mary verdutzt und sprachlos

Denn … wenn ich das Morphium nehme, das ich vom Arzt hab, tun Sie das. Ich bin hellwach, aber Sie stehen da – nackt, völlig nackt – und lesen aus dem Buch Leviticus …wollen  Sie wissen, was dann passiert?“

 Mary schüttelt den Kopf

Nein. Ich auch nicht. Deshalb habe ich die Medizin weg geschüttet.“

Analyse nach dem Kommunikationsmodell nach Friedmann Schulz von Thun

22407617_1550069758394780_1265146244_n-2-e1507650218956.jpg

  • Sachebene und Beziehungsebene

Tommy will Mary vermitteln, dass das Morphium eine psychedelische Wirkung hat und durch das Beispiel verdeutlichen, dass die Visionen, die er dadurch bekommt für beide Seiten gleichermaßen beängstigend und unangenehm sind, weshalb es auch unleugbar in ihrer beider Interesse liegt und seine Handlung begründet, es weggeschüttet zu haben. Er erklärt damit, dass sich Mary und er auf der gleiche Beziehungsebene befinden, nämlich auf einer solchen, auf der derlei Visionen die Grenzen beider überschreiten. Er erweist ihr damit seinen Respekt.

  • Ebene der Selbstkundgabe

Gleichzeitig klingt durch, dass der Schmerz seiner Verletzung offenbar nicht mehr so groß ist, als dass er für dessen Betäubung die psychoaktiven Nebenwirkungen der Droge in Kauf nehmen würde. Durch die lustige und ironische Art, wie er seine Bestürzung über seine Vision äußert, behält er die für ihn charakteristische Gelassenheit.

  • Appellebene

Durch die kluge Art, wie Thomas es schafft, Marys ursprünglich einfache Frage in ein Frage- und Antwortspiel seinerseits zu lenken, markiert er seine ihr höher gestellte Position als ihr Vorgesetzter und Überlegener, der er ist. Ihre Nachfrage wird eher aus fürsorglichen Motiven und nicht aus reiner Neugier getroffen. Trotzdem verweist Tommy sie auf ihren rechtmäßigen Platz. Er macht unmissverständlich deutlich, dass er Fragen nach seinem Wohlergehen nicht wünscht, vor allem wenn sie unter Berufung auf ärztliche Anordnungen – also eine womöglich ihm höher gestellte Autorität – beruhen, und versichert außerdem, dass er sehr wohl in der Lage ist, auf sich selbst aufzupassen und eigens rational vernünftige Entscheidungen über den Verlauf seiner Genesung zu treffen.

Interessanterweise schafft Tommy Shelby in diesem kurzen Dialog, unglaublich viel zu vermitteln, indem er sich der Zügel des Wortwechsels unmissverständlich annimmt: Durch die spielerische Art, wie er seine kleine Geschichte illustriert, behält er die Oberhand. Er arbeitet mit Suggestivfragen, erahnt oder weiß sogar genau, was Mary erwidern wird, um seine kleine Rede und damit auch die Aussage, die er vermitteln will, funktionieren zu lassen. Diese rhetorische Raffinesse bezeugt in diesem kurzen Dialog (der ja eigentlich kein richtiger ist) seine Intelligenz, seine Überlegenheit, sein Genie.

Für den Zuschauer ist das eine nette, kleine und lustige Szene – illustriert sie doch so genau den komplexen Charakter des Protagonisten. Und, wie man merkt, funktioniert sie ohne Zusammenhang und auch ohne Kenntnis der restlichen Handlung der Serie kann man erahnen, was für ein gewieftes Gangstergenie dieser Typ sein muss, sollte er sich rhetorisch so gut auch in anderen Situationen schlagen.

Kommunikation auf höchster Ebene! Die Nachricht ist angekommen, man hat verdeutlicht, was man selbst will und wer man ist. Unmissverständlich.

Dabei liegt die Frage nach Manipulation natürlich nahe. Diese kann meiner Meinung nach aber nur stattfinden, wenn beide Partien über eine unterschiedliche Informationsfülle verfügen – das Gleichgewicht ist gestört. Sender weiß mehr als und vielleicht sogar über den Empfänger und nutzt dieses Wissen gezielt aus. Die Kommunikation ist fatalistisch. Sie ist kein Austausch von Informationen, die Sender und Empfänger gleichermaßen bereichern, sondern dient lediglich dem Zweck der Seite, die manipuliert, weil sie irgendetwas erreichen will.

Der Zweck von Kommunikation ist also nicht nur der Austausch von Informationen, also eine reine Selbst- oder Fremdversorgung von Wissen (die meisten hätten sich plötzlich nichts mehr zu sagen!) Damit wäre nach Schulz von Thun nur die Sachebene bedient. Den anderen Ebenen geht es darum, die Beziehung der Kommunizierenden zu bereichern, zu pflegen. Man redet, um zu reden. Deshalb gibt es Smalltalk. Smalltalk ist für Menschen für das, was für Hunde die Riechprobe am jeweils anderen Hinterteil ist. Jo, passt, du scheinst mir soziabel zu sein. Die Selbstkundgabe ganz um ihrer selbst willen ist etwas Schönes bei Freund- oder Partnerschaften, auch wenn sie leicht in Selbstloppreisung und Selbstdarstellung abgleiten kann.

Wenn es aber anscheinend so viele Möglichkeiten für den Sender gibt, einen Inhalt zu vermitteln und wiederum so viele Möglichkeiten für den Empfänger, ihn aufzufassen – wie zur Hölle kommunizieren? Im Grunde kann man davon ausgehen, dass, wenn man „einen Draht zueinander hat“, die Kommunikation erfolgreich ist – etwas also genau, oder im Groben, so aufgefasst wird, wie es gemeint ist. Wenn nicht, und wenn einem die misslungene Kommunikation nicht auffällt, entstehen Missverständnisse.

Wenn man frägt: „Hast du Feuer?“, dann geht man davon aus, dass der Empfänger versteht, dass mit „Feuer“ ein Feuerzeug gemeint ist (ein typischer Fall des rhetorischen Stilmittels der Synekdoche, bei der das Ganze für einen Teil, totum pro parte, steht) und  außerdem, dass es sich nicht um die simple Nachfrage, ob man sich aktuell im Besitz eines Feuerzeugs befindet, handelt, sondern, dass man Feuer für seine Zigarette bräuchte. Menschen mit Formen des Asperger-Syndroms oder Autismus hätten damit Probleme, während es sich für uns um simple soziale Umgangsformen handelt.

Der Gebrauch von Sprache ist ein Konsens: wir einigen uns darauf dass wir das gleiche unter einem gemeinsamen Begriff verstehen. Wenn wir „Teller“ sagen meinen wir damit meistens auch die meistens runde Platte, auf der wir Nahrung platzieren, um sie zu essen, und keinen Autoreifen. Dabei hat jeder eine andere Vorstellung vor seinem inneren Auge, wenn er dazu aufgefordert wird, an irgendeinen Teller zu denken. Kant würde sagen, man konstruiert im Kopf ein Muster, nach dem man die Kategorie „Teller“ relativ sicher bestimmen kann, auch wenn man noch nicht jeden Teller, den es gibt, kennt. Zu dem Begriff Teller könnten also die Eigenschaften „rund“, „flach“, „kleine Einmuldung“, „aus Keramik, Ton oder Glas“ gehören, um mit großer Sicherheit von einer Sache mit denselben Eigenschaften sagen zu können, dass es sich um einen Teller handelt. Schwierig wird es, wenn man die Autorität der Sprache aushebelt, ihr die Funktion nimmt, ein oder mehrere Wörter genau einem Gegenstand zuzuordnen. Man könnte zum Beispiel herumlaufen, und einen Baum, ein Auto oder ein Halstuch „Teller“ nennen. Dann wird es schwierig und Verständigung nahezu unmöglich. Oder umgekehrt, wenn man einem einzelnen Gegenstand immer andere Namen gibt. Das wäre Chaos in der Sprache. Oder stellen wir uns eine Inflation der Sprache vor – geschieht bereits bei uns. Wenn sich ein Wort regelrecht mit so vielen Bedeutungen auflädt, dass es schwierig wird, es zu verwenden. Zum Beispiel bei geschichtlich-kulturell belasteten Wörtern, wie „Emanzipation“. Etymologisch hat der Begriff seinen Ursprung im Lateinischen (emancipatio) und bedeutet „Entlassung aus der väterlichen Gewalt“ oder „Freilassung eines Sklaven“. Der Begriff ist geschichtlich vielen Bedeutungsverschiebungen unterworfen gewesen und ist heute noch stark auf den Kontext angewiesen, in dem es verwendet wird. Bedeutete es zunächst ein Gewähren von Selbstständigkeit, wurde es später zum Inbegriff aktiver Selbstbefreiung, geprägt durch die europäische Aufklärung; schließlich steht es heute allgemein für eine „Befreiung von Gruppen, die aufgrund ihrer Rasse, Ethnizität, Geschlecht, Klassenzugehörigkeit usw. diskriminiert wurden“, oder speziell für die Frauenemanzipation. Worte bezeichnen einen Gegenstand oder einen Sachverhalt in der Welt, die schon eine lange Geschichte hat. Sprache ist ständigen Wandlungen unterworfen. 

Aber selbst wenn Worte unmissverständlich verwendet werden, gibt es noch Hürden. Aussagen können auch deshalb falsch interpretiert werden, weil man der Person andere Motive unterstellt, als diese ausspricht. Man spürt oder aber man meint nur zu spüren, dass die Absicht der Person mit der Aussage, die sie getroffen hat, divergiert. Misstrauen ist, wenn man dem anderen Unehrlichkeit unterstellt. 

Wenn man aber will, dass eine Person einen mag, arbeiten die für Empathie wichtigen Spiegelneuronen auf Hochtouren. Man nimmt beim Gespräch automatisch eine ähnliche Körperhaltung an und stimmt dem Gegenüber öfter zu, auch wenn man vielleicht nicht derselben Meinung ist. Man versucht, sich in die andere Person einzufühlen, ihren „Code“ zu knacken, der einem Zugang hinter die feste, normenbehaftete, öffentliche Fassade verschafft. Eine Person entschlüsseln ist, ihre Sprache zu entschlüsseln. Es gibt noch andere Ebenen als die der Sprache, um sich zu verstehen. Aber jede Ebene hat ihren eigenen Code und meistens kann die Sprache die anderen Ebenen auch gar nicht erfassen, mit ihren Werkzeugen der Worte gar nicht greifen. Man kann nicht versuchen, etwas zu erklären, das man gar nicht greifen kann. Trotzdem versucht man das ständig. Das ist nicht etwa „um den heißen Brei herumreden“, denn in dem Fall gibt es gar keine Schüssel mit heißem Brei, man nimmt nur an, dass es eine gibt. Es ist ein sinnloser Diskurs und er ist zwecklos und besser sollte man akzeptieren, dass man über manche Dinge eben nicht sprechen kann, da sie nicht dazu gedacht sind, ausgesprochen zu werden, sondern auf anderen Ebenen kommuniziert zu werden. Die Sprache kann nicht alles erfassen, oft muss sie gewaltsam an ihren Platz verwiesen werden, ihr Bescheidenheit beigebracht werden.

So können verschiedenste Interessen in Konflikt treten.

Wie hoch ist das Bedürfnis der tatsächlichen Selbstkundgabe, wie hoch das Verlangen oder die Notwendigkeit, einer Person zu imponieren? Wie wichtig einem die Reaktion des Anderen, wie weit geht man auf den anderen ein? Manchmal ist es vielleicht sogar besser, anzuecken, weil Menschen ehrlicher sind, wenn sie einem widersprechen können und so eher ihr wahres Gesicht zeigen.

Die Kenntnis dieser vielen Interpretationsweisen kann einen lähmen. Introvertierte oder schüchterne Menschen sind sich dessen vielleicht bewusster als extrovertierte. Möglicherweise hat das aber auch gar nichts damit zu tun, sondern eher mit Einfühlsamkeit. Wenn man ohne Rücksicht „man selbst ist“, einem egal ist, wie man auf das Gegenüber wirkt, so hat man vielleicht erfolgreiche Selbstdarstellung betrieben, ist aber an einer gelingenden Kommunikation und somit auch am Anderen eher wenig interessiert.

Wie könnte nun eine gelungene Kommunikation aussehen?

Man stellt sich zunächst auf das Gegenüber ein. Bei einigen gelingt das in Sekunden, bei manchen Menschen wird man dafür Monate oder sogar Jahre brauchen. Jeder Mensch backt seine Gedanken anders in den Teig der Worte. Man sagt nur einen Bruchteil dessen, was man meint, mit Worten. Das andere kommt durch die anderen Kanäle der Mimik, Gestik zustande. Des kurzen Zögerns. Das meiste, was wichtig ist, steckt in den Pausen dazwischen, vor oder nach dem Gesagten.

Erst nach dem Austausch vieler Worte fängt man wirklich an, miteinander zu reden. Man ergänzt die Gedanken des anderen, nicht durch stures Aneinandervorbeierzählen – jeder erzählt linear eine Geschichte zu irgendeinem Thema, das ohnehin belanglos ist. Nein, man baut aufeinander auf. Vervollständigt die Gedanken des Gegenübers, nicht unbedingt linear, sondern assoziativ, um gemeinsame Gedankengerüste zu bauen. 

Wenn man deutsche Talkshows französischen gegenüberstellt, fällt auf, dass in den französischen sich  die, beispielsweise, Politiker ständig ins Wort fallen. Sie unterbrechen einander, um das Argument des anderen schon im Keim zu ersticken, und nicht erst, wenn der andere mit seiner mitunter langwierigen Ausführung fertig ist, was eher in Deutschland der Fall ist – jeder ist mal dran und wer nicht mitschreibt, erinnert sich an die Argumentationskette der Gegners überhaupt nicht mehr. So wird viel aneinander vorbeigeredet und dem Zuschauer ist gar nicht mehr klar, inwiefern das Argument des einen gegen das des anderen spricht. Sich verzetteln und inhaltslos daherzureden ist in diesem Modell viel einfacher. Die französische Art wäre wie ein Zahnrad, das ineinander greift, von der einen und der anderen Seite, ein Schlagabtausch, in der das Argument mal von der einen, mal von der anderen Seite beleuchtet wird, was sinnvoll ist, denn so kann schnell klar werden, wo es hakt … dass vieles „zu komplex“ sei oder „man weit ausholen muss“ sind meistens nur faule Ausreden.

Und nicht nur in Talkshows, auch im täglichen Leben begegnen uns zuhauf derlei Situationen, in denen es Leuten nur darauf ankommt, mit ihrem Wissen zu prahlen oder die Unwahrheit rhetorisch geschickt zu verschleiern. Ein kluger Mensch, dessen Name ich mich partout nicht entsinnen kann, sagte, für ihn sei eine Diskussion viel befriedigender, wenn er als der vom anderen Überzeugte daraus hervorginge. Es gehe nicht darum, zu gewinnen, die besseren Argumente zu haben, sondern etwas dazuzulernen. Es sollte weniger um die Selbstdarstellung gehen und eher um die Vermittlung, den Austausch und die Veranschaulichung von Wissen und letztendlich um die gemeinsame Findung der Wahrheit. Ist es nicht eine Anmaßung einer Partie, zu glauben, man sei im Besitz der absoluten Wahrheit? Im Diskurs kann die Wahrheit nur kollektiv sein, sie wird gefunden im Austausch mit verschiedenen Standpunkten. Es geht um die Entwicklung gemeinsamer Gedanken.

Das sollte das Bestreben und die Priorität eines jeden Gesprächs sein. Und was könnte verbindender, was könnte intimer sein, als eine gemeinsame Wahrheit, die nur durch die eben beteiligten Personen zustande hätte kommen können – und vermutlich ein paar Gläsern Wein – man erntet gemeinsam.

Quellen:

Ohrwurm

Die Analyse mit dem Geist ist eine Entzauberung.

Was zuvor mystisch umwoben und verschwommen-flüchtig war, wird strukturiert, in Kategorien eingeteilt, Etiketten aufgeklebt (Jankélévitch).

Alles, was man gerne mag, lässt sich entzaubern. Zum Beispiel Lieder. Wenn man ein Lied mag, dann verliebt man sich sofort. Wie ein Blitz durchzuckt es einen, man weiß, es ist das eine.

Weil man immer die Wahrheit sucht. Und die Wahrheit vermutet man vielleicht hinter dieser neuen, unfassbar guten Melodie. Warum ist diese so neu, diese Kombination von Tönen so überraschend, so unerwartet? Warum scheint dieses Lied die verborgenen Töne der tiefsten Sehnsüchte so gut zu treffen, wie keines zuvor?

In dem Bestreben, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, hört man es wieder und wieder an. Wieder und wieder, in der Hoffnung, der Funke des Zaubers möge auf einen überspringen und einen sehen lassen, erleuchten. Was ist also das Geheimnis, welches das Lied kennt und nicht hergibt?

Verbirgt es sich vielleicht hinter der Bridge mit dem geilen Gitarrensolo, das Gänsehaut macht und selig erfüllt die Augen schließen lässt? Und dabei funktioniert die Bridge ja nur deshalb, weil sie nur eine Brücke ist, eine Verbindungsstelle zwischen zwei Teilen, und nur von diesen Teilen wird sie, als kleineres Teil, getragen, denn ohne die Strophen und den Refrain würde sie nicht funktionieren, sie existiert nur bedingt. Ihre Existenz ist also untergeordnet, sie wäre allein nicht überlebensfähig, die größeren Teile des Liedes erhöhen ihre Daseinsberechtigung. Und gleichzeitig fungiert sie als Wendepunkt, Überraschungsmoment – klingt ganz anders als der Rest vom Lied, und ist dennoch ein Spiegel dessen, was bisher tonmäßig passiert ist, nur aus einer anderen Perspektive. Es ist der Moment, in dem das Lied zum Revue passieren auffordert, um den Rest, der meistens nur noch aus der zweimaligen Wiederholung des Refrains besteht, noch einmal richtig genießen zu können. Es ist, als würde das Lied sagen: Pass auf, das Ende ist nah, ich gebe dir eine Chance, dir dessen bewusst zu werden, aber zum Schluss habe ich noch eine kleine Überraschung für dich – nimm mit, was geht! Und dann wird einem nochmal der Refrain serviert, der, nun als Bruch mit der unregelmäßigen Bridge wieder Ordnung ins Chaos bringt – die drei, vier Akkorde sind einem bekannt, man kennt sie aus Zeiten vor der Überquerung der Bridge, und durch ihre bitter-süße Würze, im Bewusstsein, dass es dem Ende zugeht, schließt man die Augen und grölt mit. Um dann, wenn der letzte Ton langsam ausklingt, und die Ohren von der darauffolgenden drückenden Stille dröhnen, die Augen wieder zu öffnen und erschöpft den Replay-Button zu drücken.

Was für eine schöne Endlosschleife! Aber selbst die ist irgendwann nicht mehr das, was sie beim ersten Mal war. Das Lied erfüllt plötzlich nicht mehr so, wie es das beim ersten Mal tat. Es ist, in unseren Ohren, verbraucht. Jeden Ton kann man schon vorausahnen, jede Note ist schon mit den Gedanken versetzt, die man beim zahlreichen Anhören hatte. Der Geist hat das Lied durchwirkt, er hat das getan, was er immer tut – er hat das verzauberte Lied vermessen mit seinen akkuraten, präzisen Werkzeugen der Analyse. Er hat das Lied wie ein Rechen durchkämmt nach seinen Geheimnissen, und sie, als der Imperialist, der er ist, sich angeeignet, aus dem Rasen des Liedes gerissen, um sie zu ergründen. Aber die Geheimnisse sind gewieft! Sobald man sie aus ihrer angestammten Umgebung herauslöst, um sie unter die Lupe zu nehmen, verschwinden sie. Sie wirken entfremdet, beinahe banal, da sie, wie die Bridge, nur integriert in das größere Ganze funktionieren. Der gierige Geist lässt beleidigt ab. Menno!, er schmollt. Es ist etwas, was er nicht verstehen kann. Wozu er nicht gemacht ist, es zu verstehen.

Was ist also die Lösung?

Keine Ahnung, vermutlich das Lied nicht tothören, akzeptieren, dass man es aus der Ferne betrachtet, um ihm seine Schönheit zu lassen. Nicht gierig und imperialistisch, wie der messerscharfe Verstand des Menschen ist, versuchen, es zu ergründen. Ihm seinen Platz in der wilden, freien Natur lassen. Und so seine Geheimnisse schätzen und genießen können. Und den Geist ruhen lassen und ruhig eine kleine Genugtuung ihm gegenüber verspüren, wenn man ihn zurück an seinen Platz verweist – nämlich neben, und nicht vor oder hinter das andere Erkenntnisinstrument, das man als Mensch hat – das Gefühl.