Breaking Bad

Die vielfach preisgekrönte Serie Breaking Bad zeigt mit dem genialen Brian Cranston in der Hauptrolle den moralischen Verfall des Walter White, einem an Lungenkrebs erkrankten High-School-Lehrer und verkannten Chemiker-Genie.

Da er sich wegen seiner Krebserkrankung mit seinem eigenen Tod auseinandersetzen muss, realisiert Walter, dass ohne ihn seine Familie finanziell auf sich alleine gestellt wäre. Um schnell an viel Geld zu kommen, beschließt er, mit seinem ehemaligen Schüler Jesse Pinkman, Crystal Meth herzustellen. Anfangs kochen sie noch amateurhaft in einem Wohnmobil in der Wüste rund um Albuquerque, später stellen sie im professionellen Labor Unmengen der Droge her – im Auftrag ihres Arbeitgebers Gustavo Fring, dem größten Methamphetamin-Verteiler des Südwestens der Vereinigten Staaten. Walter begibt sich im Laufe seiner Karriere als Krimineller in immer gefährlichere und skrupellosere Gangster-Kreise und wird selbst zum gefährlichsten, skrupellosesten von ihnen – er wird zu seinem Alter-Ego Heisenberg. Seine Frau Skyler, seinen Sohn Walter Jr und seine neugeborene Tochter Holly hält er aus seinen kriminellen Machenschaften heraus, zumal sein Schwager Hank ein DEA-Agent ist (DEA = Drug Enforcement Agency). Am Ende der zweiten Staffel findet Skyler heraus, was Walter wirklich treibt, nach langem Ringen erklärt sie sich aber dazu bereit, ihm dabei zu helfen, dass Drogengeld zu waschen.

Es gibt viele Meinungen darüber, ab welchem Punkt von Walters Reise sich der Zuschauer nicht mehr mit ihm identifizieren kann, ab welchem Punkt er unwiderruflich „bad breaked“.
Die Liste von Walts besonders unehrenhaften Faux-Pas ist lang, selbst wenn man mit dem Gangster-Maßstab misst. Er erpresst Jesse, der ihn als Freund ansieht, sogar mehrfach. Er sieht dessen Freundin tatenlos beim Sterben zu. Er vergiftet ein Kind. Er tötet seine Gegner und löst sie in Säure auf. Er tötet Mike, den Prinzipientreuesten unter den Kriminellen und Publikumsliebling, aus einer Laune heraus. Er lässt elf Gefängnisinsassen töten, weil sie eine möglich undichte Stelle darstellen.
Und immer findet er eine legitime Rechtfertigung für seine Taten. Am Anfang der Serie kann man sich noch zu 100% mit Walter identifizieren, wie er aus Angst und Schuld heraus das Gesetz missachtet, um ein durchaus ehrenhaftes und selbstloses Ziel zu erreichen, seiner Familie einen großzügigen Nachlass zu hinterlassen. Aber im weiteren Verlauf und mit steigendem Grad der Reinheit des Meths sinkt der seiner Moralität – um wie viel und wie schnell, das hängt von der Toleranz des Zuschauers ab. Die Frage, ob Walt tatsächlich das ist, was wir als böse gelernt haben, zu bezeichnen, steht immer im Raum. Und obwohl sein Motiv immer seine Familie bleibt, obwohl der Zweck seines Handelns in seinen Augen immer ein guter ist,  kann man dennoch den Gedanken nicht abschütteln, dass dieser Zweck all seine furchtbaren Mittel nicht heiligt. Und am Ende kann man sich nicht entwehren zu denken: War es das wirklich wert? Und das war es, wahrhaftig, nicht.

Wegen des Kraters, der die krasse Diskrepanz zwischen seinen zwei Rollen in seine Persönlichkeit reißt – auf der einen Seite der besorgten Familienvater, der für seine Familie alles tun würde und auf der anderen der skrupellosen Gangster, der niemanden emotional an sich heranlässt und seine engsten Freunde und Verwandten schamlos manipuliert – erfindet Walter den Namen „Heisenberg“. Mit diesem Namen schafft er es, seine kriminelle Existenz klar von seine familiär-gutbürgerlichen klar voneinander abzugrenzen und sich in beiden glaubwürdig zu verhalten. Anfangs sind seine Lügen noch zaghaft und einstudiert, später gehen sie ihm wie nichts von den Lippen, als sagte er die Wahrheit; aber was die Wahrheit ist, das hat er vielleicht sogar selbst vergessen. Es gelingt ihm sogar ziemlich lang, diese Fassade aufrechtzuerhalten. Psychologisch gesehen ist das eine ziemlich verstörende Meisterleistung, denn dieses Doppelleben würde schwerlich jemand anderes ertragen, wie man an Skyler sieht, als sie ein Teil davon wird.

Bei der ganzen Entwicklung vergisst man aber zu berücksichtigen, dass Walter White am Anfang nicht etwa nur ein hingebungsvoller Familienvater ist, sondern ein wahrlich gescheiterter Mann. Seine ehemaligen Freunde und Geschäftspartner führen ein milliardenschweres Unternehmen, das auf Walters Forschungsergebnissen aufbaut, während dieser sich seinen Anteil an der Firma damals für 5000$ hat auszahlen lassen und nun sein Talent als High-School-Lehrer vergeudet, während die Famliie akribisch auf ihre Ausgaben achten muss.
Bei seinen kriminellen Unternehmungen jedoch macht Walter keine halben Sachen: sein Meth ist zu 99% rein und diese Qualität ist er auch bestrebt, zu halten. Seinen Gegnern, wie auch Partnern, ist er geistig immer einen Schritt voraus und lernt, sie einzuschüchtern, zu manipulieren. Die Jahre seiner mediokren Existenz im Schatten seiner ehemaligen, nun reichen Geschäftspartner und seines testosterongeladenen Vetters, kompensiert Walt in seiner kriminellen Doppelexistenz. Er entwickelt einen starken Drang, sich zu beweisen, einen nicht zu stillenden Machthunger, und den Wunsch, niemandem Rechenschaft schuldig und untergeben zu sein. Am Ende der Serie weicht Walter endlich von seiner üblichen Rechtfertigung ab, er habe alles nur für seine Familie getan und gibt zu oder erkennt erst dann selbst: „I did it for me. I liked it. I was good at it.“*

Der entscheidende Grund für die Entwicklung Walters ist, glaube ich, sein drohender eigener Tod. Seine Ärzte fällen zwar noch kein Todesurteil, dennoch sieht es für ihn nie besonders gut aus, auch nach dem Erfolg seiner ersten Chemotherapie. Der frühzeitige Tod ist für Walter also immer nur eine Frage der Zeit.

Die Möglichkeit seines eigenen Todes verschiebt Walts Parameter von gut und böse, von richtig und falsch. Denn im Grunde hat für gesunde Personen der eigene Tod im eigenen Leben nichts zu suchen.  Man hat nichts mit seinem eigenen Tod zu tun, denn wenn er eintritt, ist man selbst nicht mehr und ist man, ist der Tod nicht, wie Sokrates sagte. Das Leben und der Tod sind Antagonisten, denn existiert das eine, tut es das andere nicht – sie können nicht beide gleichzeitig anwesend sein. Deswegen ist es für Walt fatal, weil ihm sein eigener Tod ständig präsent ist – anfangs nur durch seinen Krebs, später jedoch immer stärker, wenn er seine kriminellen Machenschaften ausweitet und sich und seine Familie großen Bedrohungen aussetzt.

Alle anderen Charaktere der Serie, vom austickenden Tuco bis zum genialen Gus Fring, vom diabolisch-debilen Don Eladio bis zur letal-larmoyanten Lydia, ist keiner in der Lage, seinen eigenen Tod in Betracht zu ziehen – sie alle fürchten sich vorm Tod. Nicht so Walter, der sich schon lange mit seiner Möglichkeit abgefunden hat. Ihm geht es erst nur um sein Vermächtnis, und schließlich nur noch um den Kick, der nicht groß genug sein kann im Angesicht seines ohnehin nahenden Todes durch den Krebs. Erst geht es um einen Sinn, der außerhalb seiner selbst liegt, später wird das Mittel, wie er diesen Sinn erschafft, selbst zum Zweck, zum Sinn.

Walt tappt in die YOLO-Falle (Portejoie:2017): die Präsenz seines eigenen Todes lässt ihn nicht besonnen, dankbar und demütig, sondern abgestumpft, kalt und berechnend werden. Da er „jeden Tag so lebt als wäre es sein letzter“, bricht er mit jeglichen moralischen Prinzipien und nicht zuletzt auch mit seiner Menschlichkeit. Es ist nämlich etwas zutiefst Menschliches, nicht jeden Tag so zu leben, als könne man morgen tatsächlich tot sein. Im Gegenteil, es ist eher die Fähigkeit und das Privileg, langfristige Pläne zu entwickeln, zwar vielleicht nicht „alles auf morgen zu verschieben“, aber doch eine Entwicklung anzustreben, und eine Vision zu entwickeln von dem Menschen, der man sich wünscht, zu sein und als Ziel vor Augen zu haben, während man progressiert.

Nicht so Walt. Er hat keine Pläne und Visionen, keine Hoffnungen mehr, er hat nur das Heute und das ist sein Verderben.
So schafft er sich seine eigene Hölle auf Erden, seinen eigenen Tod im Leben.

 

  • Für den ganzen Text: Breaking Bad, Staffel 1-5
  • * Zitat: Breaking Bad, Staffel 5, Folge 16

Nostalgie und Fetisch

Es müssen wohl erst ein paar Jahrzehnte vergehen, bis Alltagsgegenstände vintage sind und als kultig gelten.
Wahrscheinlich aufgrund der ständig wechselnden Trends dauert es in der Mode nicht ganz so lange – inzwischen hatten Plateausohlen, Leggings und das Bauchfrei der 90er Jahre schon ein Comeback, und dieses Jahr sind die 80er im Vormarsch mit Schulterpolstern, Puffärmeln und Neonfarben, aber auch andere Jahrzehnte kehren regelmäßig wieder.

Anders verhält es sich bei Autos. Die werden nach 30 Jahren zum Oldtimer.

Bei allen anderen Sachen gilt all das als vintage, was zwischen 1920 und 1980 hergestellt wurde, also zum Beispiel die berühmte Bankerlampe, der erhabene Eames Chair, der chillige Chesterfield Sessel, der eigentümliche Egg Chair von Arne Jacobson oder auch sämtliche Grammophone, Plattenspieler und Schreibmaschinen. Alles davor wird als Antiquität bezeichnet, zum Beispiel barocke Kommoden im Louis XVI-Stil, Biedermeierschränke, neogotische Eckschränke oder Kolonialzeitsekretäre.

Retro sind den Klassikern nachempfundene oder kopierte Stücke, die aber in der Tat neue Produkte sind.

Omas Schreibmaschine, das Zigarettenetui von Opa, die alte Öllampe, eine alte Schreibmaschine erfüllen ihren Zweck nicht mehr nur aufgrund ihres Verschleißes, sondern weil die Technik mittlerweile einfach  ausgereifter ist und es zweckdienlichere Alternativen gäbe. Die Kinder und Enkelkinder behalten deren Alltagsgegenstände  also nicht aufgrund ihres eigentlichen Zwecks, sondern aus Nostalgie.

Um Nostalgie zu empfinden muss allerdings kein halbes Jahrhundert vergangen sein. Man kann Nostalgie auch gegenüber einem viel näher zurückliegenden Zeitraum empfinden, zum Beispiel gegenüber der Popkultur der Neunziger, die die Kindheit vieler geprägt hat – Sailor Moon, Pokémon auf RTL II und die Sammelkarten dazu, Harry Potter, Bibi Blocksberg-Hörspielkasetten…

Nostalgie ist für mich ein Gefühl, das ein Gegenstand, ein Foto, ein Film, ein Musikstück, ein Geruch, ein Geschmack – kurz: ein Gefühl, das eine Sinnesempfindung hervorruft und über ein bestimmtes Medium ausgelöst wird. Für eine kurze Dauer werde ich mir einer längst vergangenen Zeit oder einer mir unbekannten Epoche bewusst.

Und es ist mehr als ein Erinnern. Es ist ein Bewusstwerden.

Erinnerungen laufen über den Verstand. Sie sind Inhalte von Gedanken und handeln von bloßen Fakten. Das Bewusstwerden aber läuft über Sinnesempfindungen und erzeugt einen Gefühlsinhalt, nämlich Nostalgie. Wie Prousts Erzähler bei dem Geschmack einer in Tee getränkten Madeleine Erinnerungen vom Umfang von mehr als zehntausend Seiten überkommen, befällt einen die Nostalgie ganz unvermittelt. Sie ist eine tiefere, emotionalere Form des Erinnerns, denn sie ruft Erfahrungen wach, die unsere Sinne einmal gemacht haben. Wie es ein Muskelgedächtnis gibt, so gibt es gewiss auch eine Art Sinneserinnerung. Die Erinnerungen sind unmittelbarer und intensiver, sie sind viel mehr ein plötzliches Gewahrwerden. Die Erinnerungen werden körperlich sinnlich gefühlt und erlebt, sie sind die Nachempfindungen des bereits Erlebten. Ein Erinnern des Körpers, so unmittelbar, dass man sich regelrecht wundert, warum man sich nicht just in der Situation befindet. Die Gefühle sind echt, sie sind erinnert, sie sind dieselben, wenn auch die Situation nicht die gleiche ist.

Daher kommt die Fixierung auf Gegenstände, die diese Empfindungen wieder hervorrufen. Es ist wie ein Versuch, die Zeit zu konservieren.

Dinge kann man aufheben, pflegen und dadurch auch die Erinnerung pflegen. Das Erlebte kehrt dadurch aber nicht zurück, nur seine Spuren in unserer Erinnerung. Man kann diese Fixierung also als Fetisch bezeichnen. Von Fetisch spricht man, wenn die Wertschätzung eines Dings seinen bloßen Zweck übersteigt.
Die Dinge besitzen nunmehr einen erhöhten, ihren bloßen Tauschwert übersteigenden Wert, der unproportional ist zu ihrem eigentlichen vorgesehenen Zweck, denn darüber hinaus erhalten sie einen emotionalen, ideellen Wert.

Sartre trifft die Unterschiedung zwischen Dingen, die an-sich sind, die durch ihr Wesen auf ihre Existenz festgelegt sind und Menschen, die für-sich sind, die nicht durch ihr Wesen auf eine Seinsweise festgelegt und daher frei sind – frei im Handeln, frei zu entscheiden. Das An-sich-sein eines Gegenstands bedeutet, dass es in Form und Funktion festgeschrieben ist, das Für-sich-sein des Menschen ist seine Kontingenz, seine Freiheit, seine Möglichkeit der Veränderung. Ein Ding ist, der Mensch existiert. Mit dem Modell des ideellen Werts, den wir Gegenständen zuschreiben können, ändert sich auch ihre Seinsweise, die nun nicht mehr nur durch ihre Funktion festgelegt ist. Um ihre Seinsweise zu verändern, sind Dinge aber immer noch auf eine äußere Instanz angewiesen, auf uns – von sich aus könnten sie also nicht für-sich sein.

Fetischisierung ist eine für Gegenstände unübliche Art des Wertschätzens. Anders als Dinge, die nur einem Zweck dienen, nicht aber als Zweck an sich gesehen werden, außer, sie werden fetischisiert. Dann nämlich gesteht man ihnen einen Sinn außerhalb ihres Zwecks zu, sie gewinnen eine Bedeutung außerhalb ihres vorherbestimmten Verwendungszwecks, man verhilft ihnen zur Emanzipation von ihrer Determination durch ihre Funktion. Welche Bedeutung ihnen zukommt ist individuell und hängt nun mehr nicht von dem Ding an sich ab, der Vorherbestimmung durch seine Funktion.

Deswegen sagte ich, der Fetischismus verleihe Dingen einen unproportionalen Wert und gerade nicht etwa einen ungerechtfertigten, denn was rechtfertigt den Wert einer Sache mehr, wenn nicht die Bedeutung und der Sinn, den ihr der Mensch verleiht, ganz unabhängig von jedem Zweck. Denn was könnte mehr von einem Zweck entfernt sein als Sinn und Bedeutung, und was mehr zweckdienlich als diese.

  • ideeller Wert: https://de.wikipedia.org/wiki/Ideeller_Wert

Die Entzauberung der Welt

Als Kind hat man es so gut.

Man denkt, die Welt wäre schon fertig eingerichtet und verbringt seine ganze Kindheit damit, diese Welt zu bewohnen. Aber aus bloßen Bewohnern werden keine Revolutionäre. Aus bloßem Sein kann nichts werden.

Ich weiß noch, als mich mein Vater mich zum ersten Mal mit zum Wäschemachen nahm und mich in dessen mannigfaltigen Prozessen instruierte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich nie gefragt, wie die schmutzige Wäsche aus der Truhe wieder sauber in meinen Schrank kam. Es war ein etwas mysteriöser und etwas magischer Umstand, dass die Wäsche irgendwann wieder dort landete, aber ich hatte es nie infrage gestellt, sondern einfach als etwas Gegebenes begriffen. Das Einzige, was ich hatte tun müssen, war meine schmutzige Wäsche brav in die Wäschetruhe zu werfen und dass sie daraufhin nach ein paar Tagen wieder sauber gefaltet in meinem Schrank landete, interpretierte ich als das Wohlwollen der Truhe, die, solange ich ihr weiterhin Opfer brächte, mir gut gesinnt bleiben würde.
Nun aber eröffnete sich mir eine völlig neue Welt. Das Wäschemachen ist ein Fass ohne Boden, erklärte mein Vater, und eine zutiefst unbefriedigende, vielleicht die unbefriedigendste, Tätigkeit im Haushalt. Ein ewiger Kreislauf. Hat man die Wäschetruhe einmal geleert und die Kleidung liegt fein säuberlich gebügelt, gefaltet und gestapelt im Schrank, dem Ausgangspunkt des Wäschekreislaufs, landen schon wieder die ersten getragenen Sachen auf dem Boden der Truhe. Wenn man diese Tatsache nicht akzeptiert, wird man darüber verrückt.

Ich folgte dem Gesagten mit einer misstrauischen Neugier. Ich fühlte mich erleuchtet und zugleich zutiefst beschämt. Es ist vermutlich öfter so, dass Erkenntnis mit Scham einhergeht, man denke nur an die Vertreibung Adam und Evas aus dem Paradies. Ich schämte mich, denn wie hatte ich nur so lange in solcher Ignoranz leben können? Die Welt hatte für mich doch ganz gut funktioniert, als ich noch nichts von all den verborgenen Prozessen des Wäschewaschens ahnte. Was sich lange als unantastbarer Mythos getarnt hatte, entpuppte sich jetzt als Banalität. Es gab kein Wäschemonster, dem man Opfer bringen musste. Alles war eine logische Abfolge von völlig erklärbaren und ganz und gar langweiligen Vorgängen. Und ich war unwissend, unmündig gewesen und niemand hatte mir gesagt, dass es wichtig oder wissenswert sein könnte, darin unterrichtet zu sein. War die Wahrheit etwa nur für die Erwachsenen bestimmt, die der Mündigkeit Würdigen? Worüber noch mochte ich in Unwissenheit sein?

Auf die Scham meiner Ignoranz folgte Enttäuschung. Ich war enttäuscht. Ich war enttäuscht worden. Die Enttäuschung ist nichts anderes als der Austritt aus der Täuschung, der, in meinem Fall, aber nicht selbst verschuldeten. Denn ich hatte diese Wissenslücke als solche nicht erkannt, und indem man mich im Dunkeln gehalten hatte, hatte man mich getäuscht. Und diese Täuschung, der ich mein bisheriges Leben unterlegen war, war nun aufgehoben und ich schnupperte die erste Luft der Wahrheit.
Sie schmeckte bitter. Der Apfel, den Eva vom Baum der Erkenntnis pflückt ist der gleiche Apfel, mit dem Schneewittchen vergiftet wird. Sie stirbt am Gift der Wahrheit. Nur der Kuss ihres Traumprinzen kann sie wieder zum Leben erwecken. Das ist der, der ihr ihre Illusion, ihren zauberhaften Traum wiedergibt.

Ich wurde wütend. Warum musste ich mit diesem Wissen, mit dieser Last von nun an leben? Jedes Mal, wenn ich nun meine Wäsche in die Truhe würfe, würde ich daran erinnert werden, dass sie zuerst gesammelt und nach Farbe sortiert, anschließend in den Keller gebracht, mit Pulver in die Waschmaschine gesteckt, später mit vielen bunten Klammern aufgehängt, getrocknet, abgenommen, schließlich hochgebracht, gebügelt, gefaltet und gestapelt werden würde. Dieser Gedankengang würde nun unwillkürlich wie ein Film abgespult werden, denn nun war ich eingeweiht, eine Mitwissende, eine Mitschuldige. Denn natürlich würde ich mir nun Sorgen machen müssen. Was, wenn in diesem Prozess, der scheinbar so gut abgestimmt war und reibungslos funktionierte, mal etwas schieflief? Was, wenn die Wäsche nicht richtig sortiert würde und eine schwarze Socke in der weißen Wäsche landete und die ganze Wäsche grau färbte und ich es verhindern hätte können? Was, wenn das Pulver aus war und alle Geschäfte zu hatten oder alle Waschpulverfabriken auf einmal schließen würden und es Nachschub nur auf dem Schwarzmarkt gäbe, der sich dann bildete? Welche angemessenen Vorkehrungen konnte ich dagegen treffen?

Die Kette der Handlungsschritte war zu lang, zu fehleranfällig. Wenn ein Fehler bei nur einer der Stationen passierte, würde das Auswirkungen auf die gesamte Kette haben. Ob meine Eltern sich der Gefahren überhaupt bewusst waren? Ob sie die Verantwortung überhaupt ahnten, die in jeder einzelnen ihrer Handlungen lag? Ob sie Nachts überhaupt schlafen konnten, angesichts der Ereignisse, die eintreten konnten und die noch dazu außerhalb ihres Einflussbereiches lagen?
Was, wenn die Waschmaschine einfach beschlösse, sich nicht mehr zu drehen? Oder das Wasser nicht mehr aus der Leitung gepumpt werden konnte? Oder der Nachbar eine Socke klaute?
Zu viele Variablen in der Rechnung, die man einfach nicht alle berücksichtigen, über die mein kleiner Verstand schlicht gar keinen Überblick behalten konnte! Selbst wenn ich anfing, jede Fehlerquelle zu identifizieren und gründliche Vorkehrungen zu treffen, um das Eintreten dieser Ereignisse zu verhindern – ich würde nicht hinterherkommen, es würden sich immer neue Lücken, immer neue Inkonsistenzen auftun.

Mein Vater hatte mir zwar gezeigt, dass ich nun im Krieg war mit der Welt, mir aber keinerlei Waffen oder eine Strategie gegeben. Wie sollte ich all das akzeptieren, wie konnte ich es einfach hinnehmen? Wie sollte ich mit dem Wissen ruhig schlafen, die Waschmaschine könnte in eben jenem Moment ein Leck haben? Wie, um alles in der Welt, konnte er von mir erwarten, nichts zu tun? Einfach dazusitzen und der Waschmaschine zuzusehen, einfach die notwendigen Handlungen ausführen, ohne zu zweifeln oder darüber nachzudenken, was alles möglicherweise passieren konnte?
Ich hätte dieses Wissen nie gewollt, wenn geahnt hätte, mit was ich jetzt leben musste! Warum konnte ich nicht weiter an das Märchen von dem Wäschemonster glauben, das die Kleidung einfach wieder sauber ausspuckte? Stattdessen hatte ich Maschinen, Zahnräder, Variablen und Funktionen im Kopf. Keine Zauberei, sondern Mechanik und Physik. Alles war logisch und determiniert und vollkommen durchsichtig. Und ich deshalb war so sehr verantwortlich! Stärker denn je spürte ich den Ruf meiner Verantwortung, die Anomalien in diesem Prozess aufzuspüren und Lösungen für sie zu finden, so viele, wie es mir nur möglich war! So viel zu tun, wie in meiner Macht stand.

Andererseits irritierte mich die Ruhe meines Vaters. Er schien all diese Gedanken nicht zu haben oder sie zumindest sehr erfolgreich zu verdrängen. Ein Vertrauen zu haben, dass es schon glatt gehen würde. Dass die Welt sich trotzdem weiterdrehen würde. War das Teil des Erwachsenwerdens? Nicht meine jetzigen Erkenntnisse, sondern Resignation? Akzeptieren, was man nicht ändern konnte und einfach nicht mit dem Schlimmsten rechnen? Und wenn es dann zum Schlimmsten käme, könnte man sich dann immer noch einreden, man hätte es nicht selbst verschuldet? Hatte man wirklich nichts dagegen tun können?

Viele Dinge und Tatsachen, aus denen sich die Welt und unser persönliches Leben zusammensetzt, sind fehleranfällig, die Säulen bei genauerem Hinsehen spröde und wackelig. Vieles, das Gegeben erscheint, ist im Grunde ziemlich unsicher und eine Folge von infinitesimal vielen Umständen, über die wir keine oder nur wenig Kontrolle haben.

Kontingenz ist das Gegenteil von Notwendigkeit. So etwas wie Beliebigkeit.

Die Kontingenz des Lebens macht Angst.

Es könnte auch ganz, ganz anders sein oder sich schlagartig alles ändern und man wird gut darin, sich vorzugaukeln, alles wäre fest, man habe die Kontrolle und das Universum fliege nicht auseinander. Je mehr man lernt über die Welt, desto mehr man hinter verborgene Strukturen blickt, desto schwerer wiegt unsere Verantwortung. Und niemand trägt diese Verantwortung gern, denn sobald man realisiert, was es bedeutet, erwachsen zu sein, kann man nicht mehr zurück.

Das ist der wahre Luxus der Kinder, die von den Eltern in Sicherheit gewiegt werden, und als Erwachsene streben wir danach, uns genau das zurückzuholen. Kleine, immer wiederkehrende Rituale sollen dem Familienleben eine Struktur geben und es in einen verlässlichen Alltag betten – Weihnachten, Geburtstage, gemeinsame Abendessen, Oma und Opa besuchen, in den Urlaub fahren als würde sich nie was ändern, als wäre es bis in alle Ewigkeit genau so. Eltern schenken den Kindern Zeitlosigkeit, denn darin soll Sicherheit liegen und wenn die Zeichen der Zeit und die Kontingenz des Leben einen einholt, so lernt man, sie zu verdrängen.

Dabei ist nichts so sicher wie Veränderung. Daraus könnte man eine Art Sicherheit schöpfen, aber für viele scheint nichts bedrohlicher als Veränderung. Veränderung ist nichts anderes, als das Sich-Äußern der Kontingenz des Lebens. Niemand mag es, wenn die Kontingenz sich meldet, denn niemand erinnert sich gern daran, dass man selbst und alles beliebig und nichts notwendig ist.
Vielleicht hätte man aber weniger Angst vor der Kontingenz, wenn man sähe, dass man selbst Einfluss auf diese Kontingenz hat. Dass nur der Mensch etwas Kontingentes zu etwas Notwendigem machen kann. Man sollte sich weniger verändern lassen, als viel mehr selber die Dinge verändern. Sich von der Illusion verabschieden, das Leben sei nur ein Theater, das einem zu seinem eigenen Vergnügen oder Missvergnügen aufgeführt wird und an dessen Drehbuch, ja sogar an dessen Besetzung, Darstellern, Regisseurinnen, Bühnenbildnern, Kostümschneiderinnen, Souffleusen man kein Mitspracherecht hat. Wir müssen hinter die Kulissen, hinter die Prozesse schauen. Nicht versuchen, alles zu kontrollieren, akzeptieren, was an nicht verändern kann und pflichtbewusst die Verantwortung für all das übernehmen, was man auch verändern kann.

Wir müssen endlich erwachsen werden.

Das alte und das neue Amerika

Begeben wir uns in das Marvel-Universum.

Die Geschichte ist komischerweise nicht neu und ganz und gar marvellous: der exzentrische, coole Egomane und Philanthrop Tony Stark alias Iron Man und der tugendhafte Teamplayer Steve Rogers, bekannt unter „Captain America“, kurz „Cap“, liegen sich in Comics und Filmen regelmäßig ordentlich in den Haaren.

Civil War – Bürgerkrieg? Es sind zwar Bürger, die sich hier bekämpfen, aber zumindest keine Zivilisten: Beide, Tony Stark und Cap gehören dem Zusammenschluss von Superhelden, den „Avengers“ an, die sich dem Schutz der Welt vor übernatürlichen Bedrohungen verschrieben haben.

Captain America ist ein erfolgreiches Laborexperiment aus dem Jahre 1943 und wird oft als „the greatest soldier in history“ bezeichnet. Steve Rogers wird zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wegen seiner mickrigen Gestalt ausgemustert, lässt aber nicht locker und qualifiziert sich schließlich als erstes Testsubjekt für ein „Supersoldatenserum“. Er bleibt der Einzige, da der zuständige Wissenschaftler ermordet wird – jedenfalls wird Rogers nach dem erfolgreichen Beenden des zweiten Weltkriegs, der in diesem Universum auch ganz anders verlief, aus Versehen eingefroren und erst im nächsten Millenium wieder aufgetaut, um an der Seite von Hulk, Thor und so gegen das Böse zu kämpfen. Als der Soldat schlechthin befolgt Cap aber nicht einfach blind Befehle, sondern denkt strategisch und kameradschaftlich – keiner seiner Kameraden wird je zurückgelassen.  In seinem ersten Film „The first Avenger“ an der Front missachtet er sogar direkte Befehle, um gefangen genommene amerikanische Soldaten zu befreien.  Außerdem ist seine oberste Priorität der Schutz der zivilen Bevölkerung – um jeden Preis. Sein Handeln zeichnet sich durch patriotisches Pflichtgefühl gegen der gesamten Bevölkerung, nicht nur Amerika, aus. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob er die Amerikaner in letzter Instanz nicht doch bevorzugen würde, käme es zu einer Evakuierung der gesamten Weltbevölkerung zum Beispiel. Naja. Einigen wir uns darauf zu sagen, er fühlt sich der Menschen als solcher bedingungslos moralisch verpflichtet. Mit dem Tesserakt versinkt er im arktischen Eis und bleibt verschollen, bis er nach 70 Jahren lebendig geborgen wird.

Aber nach 70 Jahren schaut die Welt ein wenig anders aus. Die Ideale des alten Amerikas, in dem jeder eine Chance hat, sind zu Ammenmärchen verkommen. Oder wurden sie nur als solche entlarvt? Mit Kapital wird Geld und noch mehr Kapital gemacht, und ohne Kapital geht gar nichts. Das neue Amerika schert sich gar nicht mal mehr, die Illusion des Tellerwäschers, der zum Millionär wird, aufrechtzuerhalten. Der deregulierte Markt enthebelt nationale Grenzen und eint alle Völker zur Wirtschaftseinheit. Verlierer sind Millionen, Gewinner sind wenige, die nicht gerne abgeben und nach immer mehr gieren. Der Solidaritätsradius hat sich nicht etwa über die neue globalisierte Welt ausgedehnt, sondern ist, im Gegenteil, eingeschrumpft zu einem kümmerlichen Kreis der nur nächsten Verwandten und Freunde.

Tony Stark ist Erbe des Technologiekonzerns „Stark Industries“, das hauptsächlich mit Waffen Geschäfte gemacht hat, bis Tony erfährt, dass seine Firma illegale Waffendeals mit afghanischen Rebellen gemacht hat. Daraufhin zieht er seine Firma „Stark Industries“ aus der Rüstungsindustrie zurück.

Tony Stark repräsentiert das Amerika des grenzenlosen Kapitalismus, des Neoliberalismus. Er ist klar der Stereotyp eines Individualisten und hat ein ständiges Konkurrenzdenken verinnerlicht. Um den Iron Man-Anzug dem amerikanischen Militär und somit dem demokratischen Rechtstaat zu übergeben, hinterfrägt Tony die Sicherheitsstrukturen des Militärs. Da sein ehemaliger Geschäftspartner Obadiah Stane in Iron Man 1 Stark-Waffen an afghanische Terroristen verkauft hatte, misstraut Tony den Strukturen eines bürokratisch komplexen Gebildes wie eines Unternehmens oder eben denen eines Rechtstaates. Es ist die gleiche Kritik wie jeher: die zahlreichen Gremien, durch die eine Entscheidung laufen muss, verlangsamt die Reaktionszeit einer Demokratie, während sie dadurch natürlich auch mehr Sicherheit garantiert. Desweiteren steigt mit der Zahl der zu durchlaufenden Stellen die Wahrscheinlichkeit der Korruption. Deshalb betreibt Tony Selbstjustiz und unterwirft die Rettung von Menschenleben nur noch seinem Urteil, seiner Willkür. In Iron Man 2 verkündet er nun mehr unverhohlen, er habe „Frieden erfolgreich privatisiert“. In der Tat privatisiert er einen Teil der Justiz und ist dabei gleichzeitig gesetzgebende und ausführende Gewalt.

Die Geschichten und Temperamente der beiden Marvel-Helden könnten gegensätzlicher nicht sein.

Worum es in ihren Meinungsverschiedenheiten eigentlich geht, ist meistens egal. Tony nennt Cap einen „alten Mann“ und „unzeitgemäß“. Mag sein, dass das Amerika der Träume tatsächlich unzeitgemäß und naiv illusorisch wirkt neben der kalt kalkulierenden Nüchternheit des Kapitals. Rogers hinkt 70 Jahren technischer Entwicklung hinterher, Tony ist ein Technikvisionär. Unschwer, dass Steve neben seiner schlagfertigen und gewitzten Art eher antiquiert wirkt. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, in der es noch andere Werte gab oder Werte überhaupt?

Steve Rogers: Big man in a suit of armour. Take that off, what are you?

Tony Stark: Genius, billionaire, playboy, philanthropist.

Steve Rogers: I know guys with none of that worth ten of you. I’ve seen the footage. The only thing you really fight for is yourself. You’re not the guy to make the sacrifice play, to lay down on a wire and let the other guy crawl over you.

Tony Stark: I think I would just cut the wire.

Steve Rogers: Always a way out… You know, you may not be a threat, but you better stop pretending to be a hero.

Tony Stark: A hero? Like you? You’re a lab rat, Rogers. Everything special about you came out of a bottle!

Steve Rogers: Put on the suit. Let’s go a few rounds.

Man kann sich nicht der Tatsache entwehren, dass Steve Rogers eine Menge Ehre besitzt, sei es in Punkto Selbstachtung oder Respekt gegenüber anderen. Etwas, worauf Tony Stark scheinbar nicht so viel gibt. Ihm geht es darum, die effizienteste Lösung für ein Problem zu finden, koste es, was es wolle – er ist schließlich Milliardär. Dabei verinnerlicht er nicht nur die Ideale des Neoliberalismus, nämlich Unabhängigkeit bis hin zur völligen (emotionalen) Isolation (die einzige ihm wirklich nahestehende Person ist Pepper Potts, und die war oder ist, nun ja, seine Sekräterin), Egoismus und Innovation, sondern von seinem verschwenderischen Lifestyle bis zu seiner Coolness verkörpert geradezu völlig den Markt an sich. Außerdem ist er Erbe des Technologiekonzerns seines Vaters, was in seinem Fall bedeutet, ein Vermögen und auch Talent geerbt zu haben. Biologie und Markt verschmelzen in ihm – so wie in seinem Iron Man – Anzug …

Rogers hingegen stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Nur durch seinen Ehrgeiz, seine aufopferungsvolle Hingabe für sein Vaterland schafft es Steve, der erste Superheld überhaupt zu werden.

Rogers ist das Gegenteil eines Individualisten: er ist Soldat. Er denkt nicht nur kameradschaftlich gemeinschaftlich, sondern ist darüber hinaus bereit, für sein Land und für seine Ideale zu sterben. Seine Prinzipien treiben ihn an, nicht persönliche Verwirklichungswünsche. Was seinen Patriotismus angeht, so glaube ich persönlich, dass er sich nicht scheuen würde, Befehle zu missachten, die seinen Moralvorstellungen zuwider liefen und sich damit auch gegen sein Land zu stellen, würde es nicht mehr die Ideale vertreten, die er mit ihm verbindet. So ist sein Patriotismus nicht blind und der Begriff seines Amerikas setzt sich aus den Idealen zusammen, für das, für ihn persönlich, das Land mit seiner Verfassung steht.

Rogers dient, Stark macht sein eigenes Ding. Rogers hat Ideale und würde für sie sterben, Stark würde, müsste er sterben, den Maßstab seiner Ideale verschieben, je nachdem, was nützt. Für Rogers stehen die richtigen Mittel im Vordergrund, für Stark eher der Zweck. Wer in der Moralität seiner Mittel flexibel ist, der hat häufiger Erfolg und insofern der Erfolg ein Indikator für Glaubwürdigkeit oder Autorität ist, so traut man Stark mehr zu. Den Willen eines Cap zu brechen ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Allerdings ist es am Ende des Films Tony, der sich opfert, damit andere leben können. Aber er überlebts.

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https://www.film.tv/starportraits/captain-america-biografie-24583.html

Marvel (2012): The Avengers

Der Verlust der Freiheit nach Charles Taylor

Hallo zusammen! Normalerweise achte ich darauf, dass diese Blogeinträge eine erträgliche Länge haben. Diesmal nicht. Es ist ein philosophisch-soziologischer Versuch über den in einem seiner wissenschaftlichen Essays entwickelten Freiheitsbegriff von Charles Taylor. Ich wende ihn auf unsere heutige Zeit an und schaue, ob ich die Einschränkung dieser Freiheit im Neoliberalismus ein bisschen untermauern kann. Viel Spaß beim Lesen!

Der Politologe und Philosoph Charles Taylor (*1931) etabliert im Laufe seines Aufsatzes über distributive Gerechtigkeit (Verteilungsgerechtigkeit) einen Freiheitsbegriff, der das mündige, selbstbestimmte, demokratische Individuum im Sinne der Aufklärung, auszeichnet. Im Nachfolgenden möchte ich erörtern, ob diese nach Taylor definierte Freiheit in der heutigen Zeit, in dem vorherrschenden wirtschaftlichen System des Neoliberalismus, noch in dieser Weise vorhanden ist.¹

Der Neoliberalismus bezeichnet eine Sozial- und Wirtschaftspolitik, die Arbeitswelt und Privatleben, Politik und Persönlichkeit miteinander vermischt.²

»[Er] beruht im Kern auf dem Glauben, dass der Markt die beste Einrichtung sei, um nicht nur die Wirtschaft, sondern auch weite Teile des übrigen menschlichen Zusammenlebens zu organisieren. Zu den ersten politischen Maßnahmen neoliberaler Regierungen gehört daher regelmäßig die Privatisierung öffentlicher Unternehmen und staatlicher Aufgaben. […]

Die solidarische Absicherung durch den Sozialstaat lehnen Neoliberale als Eingriff in den Markt ab. Dementsprechend setzen neoliberale Regierungen auf Sozialstaatsabbau.«³

Taylor spricht einerseits von positiver Freiheit: der Staat muss dem Individuum gewisse Rechte zusprechen, etwas zu tun; man muss also bestimmte Möglichkeiten ergreifen können, sich innerhalb der Gesellschaft selbst zu verwirklichen (Verwirklichungsbegriff). Diese wäre in einem autoritären, faschistischen Regime sehr eingeschränkt, da Grundrechte (in Deutschland GG, §1-19), wie freie Meinungsäußerung, das Recht auf Privatsphäre, Versammlungsfreiheit, Rechtsschutzgleichheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Handlungsfreiheit, Recht auf ein Existenzminimum und viele weitere, nicht mehr garantiert wären4. Die Aufgabe des Rechtsstaats besteht darin, die Mittel zur Ausübung dieser Freiheiten bereitzustellen, das heißt zum Beispiel, ein breites Spektrum an unabhängigen Informationsmedien zu garantieren.

Andererseits meint Taylor negative Freiheit, nämlich die Freiheit von äußeren Hindernissen, »ein[] Zustand, in dem die eigene persönliche Entfaltung nicht von anderen Menschen, Institutionen oder Ideologien und den von ihnen ausgehenden Zwängen begrenzt oder verhindert wird.«⁸ (Möglichkeitsbegriff)

Man kann also innerlich durchaus frei sein, aber in Gefangenschaft leben. Und man kann zwar frei von äußerlichen Hindernissen sein und dennoch innerlich unfrei sein.5

Drei Merkmale charakterisieren Taylors Freiheitsbegriff.6

  1. Verwirklichung

  2. Authentizität

    „Wir sind nicht frei, wenn wir durch Furcht, durch zwanghaft verinnerlichte Normen oder falsches Bewusstsein motiviert werden, unsere Selbstverwirklichung zu vereiteln.“

  3. Rahmengebundenheit

»Damit ist gemeint, dass die Anforderungen positiver Freiheit auf atomistische Weise, also unabhängig von einem gemeinschaftlichen Werterahmen, weder erlangt noch verwirklicht werden können. Die gemeinsamen Wertvorstellungen sieht Taylor dabei in den kulturellen Praktiken sowie in den politischen Institutionen einer Gesellschaft verfestigt.«7

Das moderne, freie Individuum ist die Folge einer bestimmten Art von Zivilisation, nämlich innerhalb der »es einer langen Entwicklung bestimmter Institutionen und Praktiken, der Herrschaft des Gesetzes, der Regeln wechselseitiger Achtung, der Gewohnheiten gemeinsamer Beratung, gemeinsamen Umgangs, gemeinsamer kultureller Selbstentwicklung und so weiter bedurfte […] und dass ohne diese das gesamte Selbstverständnis als Individuum in der modernen Bedeutung des Begriffs verschwinden würde«.8

Ausgehend davon, dass unser Selbstverständnis als modernes Individuum auf vorhergehenden geschichtlichen, gesellschaftlichen Entwicklungen basiert, kann es nichts Statisches sein, dass, einmal ans Licht gebracht, nicht mehr untergraben oder verändert werden könnte.

»Ich habe nun die Identität eines Individuums ausgebildet, und ein faschistischer Umsturz morgen würde sie mir nicht rauben, sondern lediglich die Freiheit, sie voll zu leben. Sobald diese Identität sich einmal entwickelt hat, ist es, wie moderne Systeme der Tyrannei erfahren haben, schwer, sie zu ersticken.«9

Weiter Taylor: »Mit der Zeit jedoch ginge diese Identität allmählich verloren, wenn die Bedingungen, die sich aufrechterhalten, unterdrückt würden.«10

Anschließend stellt er drei Punkte auf, nach denen diese Freiheit vom totalitären Staat eingeschränkt wird. In Anlehnung an unsere heutige Gesellschaft will ich zur Ziehung von Parallelen auffordern. Die Argumentation dieses Aufsatzes soll anhand dieser drei Punkte der Beschneidung der Freiheit erfolgen und nicht anhand der vorangehenden 3 Punkte, die Taylor als das Ziel der Ausübung positiver Freiheit festlegt, da die negative Argumentation hier sinnvoller ist.

  1. Der Austausch mit anderen ist nicht mehr möglich (das Verständnis der eigenen Ziele wird aber dadurch genährt)

  2. Verlust der Verantwortlichkeit des Einzelnen für öffentliche Aufgaben

  3. individueller Geschmack eingeschränkt durch kulturelle Verbote11

Deshalb, so Taylor weiter, müsse die Gesellschaft und nicht zuletzt der Staat, genau »diejenigen Praktiken und Institutionen verteidigen, die das Verständnis der Freiheit aufrechterhalten. Dies bedeutet nämlich, die (soziale) Perspektive zu akzeptieren, derzufolge die eigentliche Fähigkeit zum Guten (hier zur Freiheit) mit einer bestimmten Form der Gesellschaft verknüpft ist.« Es reicht also nicht, die Freiheiten, zum Beispiel in Form von Rechten oder der Abwesenheit von Verboten, zu erhalten, sondern Taylor sieht die Aufgabe des Staates auch darin, solche Institutionen zu fördern, die ein gewisses Verständnis der Freiheit kultivieren.12 Anderenfalls, so könnte man schlussfolgern, würden diese Freiheiten gar nicht wahrgenommen werden, obwohl sie theoretisch möglich wären.

Solche öffentlichen Institutionen müssen also staatlich geschützt, gefördert und bewahrt werden. Es sind solche, wenn wir einen obig benutzten Begriff zu verwenden, die dazu befähigen, freie Meinungsbildung und -äußerung, sowie, nicht zuletzt, Selbstverwirklichung ermöglichen, also positive Freiheit fördern – das heißt, einerseits gewisse Rechte, aber andererseits auch den Willen, von diesen Rechten auch Gebrauch machen zu wollen.

»Historisch besonders bedeutsam, weil Grundvoraussetzung für die Ausübung verschiedenster Freiheitsrechte, war und ist freier Zugang zu Wissen und Bildung. Die herausragende Bedeutung von Bildung für die Entfaltung individueller Freiheit lässt sich alleine schon an der allgemeinen Schulpflicht erkennen, dem wohl größten Eingriff in negative Abwehrrechte, der im Namen der Mehrung der positiven Freiheit, durch Steigerung der Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen, seit der Aufklärung allgemein befürwortet wird.«13

Ohne die Nutzung der positiven Rechte werden die Verbote (negative Freiheit) obsolet. Wer innerlich unfrei ist, muss nicht mehr durch äußere Beschneidungen von irgendetwas abgehalten werden, und ein Staat, der unser Verständnis von Freiheit fahrlässig der Willkür privater Großkonzerne aussetzt, kann sich getrost unter der Legitimität des Deckmantels eines Rechtsstaats verstecken. Konsumenten sind leichter zu kontrollieren als mündige Bürger. Womit wir die Brücke zum Neoliberalimus schlagen.

Zu Punkt 1: Austausch mit anderen ist nicht mehr möglich (das Verständnis der eigenen Ziele wird aber dadurch genährt)

Das freiheitliche Verständnis unserer Ziele, und somit nicht zuletzt der Freiheit, wird Taylor zufolge durch den Austausch mit anderen genährt. Ohne Du kein Ich – das Ich definiert sich im Verhältnis zu anderen, zu denen man entweder Unterschiede oder Gemeinsamkeiten feststellen kann.

Der »freie Austausch mit anderen« wäre demnach das Kriterium, das dazu beiträgt, das Verständnis von Freiheit aufrecht zu erhalten, mit anderen Worten – eine reiche Diskurskultur. Frei zugängliche Räume für Meinungsbildung und -vielfalt und Pressefreiheit.

Die heutigen Printmedien, Fernsehen und Radio bieten allerdings eher Einfalt statt Vielfalt und von Unabhängigkeit kann auch nicht wirklich gesprochen werden: In Deutschland herrscht eine hohe Konzentration von (ehemaligen) Politikerinnen und Politikern in den Kontrollgremien der öffentlich rechtlichen Sender ARD und ZDF; ebenso ihre Verflechtungen mit unzähligen Tochterfirmen, sowie höchst intransparente Finanzstrukturen lassen an der journalistischen Unabhängigkeit der öffentlich rechtlichen zweifeln.14 Bei den Privatsendern dominieren ProSiebenSat1 und die RTL Media Group.15 Bei den Printmedien sieht es kaum besser aus. »Fünf Verlage kontrollieren annähernd die Hälfte des Zeitungsmarktes. Weit mehr als die Hälfte der Menschen hat nur noch eine Lokalzeitung vor Ort. Der Trend zum Einzeitungskreis ist schon seit Jahren ungebrochen.«16

Deutschland schafft es im internationalen Ranking der ROG (Reporter ohne Grenzen) gerade mal auf Platz 15.17 Das Verhindern von Monopolen und Privatisierung wäre eine Aufgabe des Staates.

Zwar liegen die traditionellen Medien Radio und Fernsehen zahlenmäßig noch unter den „neueren“, die Entwicklung tendiert aber klar in Richtung der neuen Medienlandschaft. Diese kennzeichnet heutzutage vor allem polarisierende Internetforen, Facebook, Twitter, Instagram, Google, sowie »Nachrichtenplattformen« wie TheHuffingtonpost. Das Format der Nachrichten auf diesen Seiten zeichnet sich durch Kürze und die damit unvermeidliche Überspitzung und nicht zuletzt Sensationslust durch sensationsheischende Überschriften, die zum Klicken animieren sollen und die auch die Printmedien, allen voran die BILD-Zeitung, längst verinnerlicht haben.

Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft, äußert sich zu der heutigen Debattenkultur auf der phil.cologne: Er beschreibt unser heute als »Zeitalter« der »Hasskommunikation, Propaganda, Desinformation und Fake News[, die] in kaum gekannten Ausmaß global zirkulieren und [in der sich] aggressive Selbstbestätigungsmilieus herausbilden.« Er beschreibt das Phänomen als »Deregulierung des Diskursmarktes. Der Journalismus als einst »sortierende Kraft« könne seine Rolle als »Gatekeeper« in Zeiten von Facebook, Twitter, Google nicht mehr aufrechterhalten. Dasselbe gilt für die politische Dimension. Populistische Figuren wie Donald Trump seien Gewinner dieser Entwicklungen.18

Was die Rolle der neuen Medien bei dieser neuen Diskurskultur spielt, darüber scheiden sich die gelehrten Geister.19 Eli Pariser erschuf 2011 in seinem gleichnamigen Buch den Begriff Filterblase (englisch: filter bubble), demzufolge die Algorithmisierung und Regulierung unserer Informationsströme von den großen Medienplattformen zu einer verstärkten Polarisierung der Meinungen und einem Einschrumpfen des Horizonts führt.

»Durch die Anwendung dieser Algorithmen neigen Internetseiten dazu, dem Benutzer nur Informationen anzuzeigen, die mit den bisherigen Ansichten des Benutzers übereinstimmen. So wird der Benutzer sehr effektiv in einer „Blase“ isoliert, die dazu tendiert, Informationen auszuschließen, die den bisherigen Ansichten des Benutzers widersprechen.«20

Eine empirische Bestätigung dieser Filterblase gibt es allerdings nicht. Noch scheinen Suchmaschinenergebnisse gleich für uns zu sein, eine Verbesserung der Suchergebnisse erfolgt lediglich ortsabhängig, wenn man diesen überhaupt angibt. Allerdings geht der Trend klar hin zur Personalisierung. Der News Feed von Facebook oder Instagram, die Kaufvorschläge von Amazon, die Playlisten auf Spotify oder Netflix richten sich nach dem Geschmack des Users – Personalisierung und damit Partikularität statt Totalität; Man umgibt sich mit nur seinem Teil der Wirklichkeit und und lebt in Ignoranz und Unverständnis des Ganzen, des Anderen, des Neuen.

Bleiben wir kurz bei dem Beispiel Spotify und Netflix. Die immer weniger beliebten Formate Radio und Fernsehen lebten von der Popkultur. Es tat den Flexiblen unter uns nicht allzu sehr weh, dort hineinzuhören oder zu -schauen, denn Popkultur ist für die breite Masse und je einheitlicher die Masse ist, desto besser. Das macht sowohl die Popkultur als letztendlich auch die Masse so konservativ und uninnovativ, getreu dem Motto: lieber nichts riskieren, in sicherem und bekannten Terrain verweilen und das Altbewährte lieber so lange weilen lassen, bis es vollends ausgelutscht ist.

Aber auch die Polarisierung politischer Meinungen in den sozialen Medien findet statt: »Selbstbestätitgungsmileus [bilden sich heraus]. Es ist leicht geworden, ideologisch verwandte Stämme zu entdecken, ganz gleich, ob es Impfgegner sind oder politische Extremisten, die sich gleichsam von Giftzwerg zu Giftzwerg die Hand reichen und dann sagen: >Wir sind doch so viele! Warum bitte werden unsere Ideen in den Leitmedien nicht gespiegelt?« Die neue Medienlandschaft trägt insofern wenn nicht zu einer Entstehung, so aber mindestens zu einer Radikalisierung extremistischer Meinungen bei – Pörksen verortet den Grund dafür in der Anonymität im Netz, der Unmittelbarkeit, der Kürze der Äußerungen und der Belohnung durch Likes und Shares, was möglicherweise zur radikaleren Äußerungen ermutigt.21

Ein weiterer Punkt – oder sogar eine Folge der vorangehenden – ist die Entsolidarisierung der Gesellschaft. Die Politik adressiert sich zunehmend an die Gesellschaft als Interessensgruppen. Als Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Homosexuelle, Christen, Muslime, Reiche, Arme, Frauen, Männer, Bayernfans, Löwenfans… »Entsolidarisierung im Allgemeinen resultiert [] aus einer übertriebenen Solidarisierung im Partikularen.« Was dabei verloren geht, ist die gesamtgesellschaftliche Perspektive, nicht im patriotischen Sinne des Nationalstaats, sondern eher als gleiche Bürger eines Rechtsstaats. Diese Solidarität trägt nicht zuletzt auch dazu bei, dass wir in einem Sozialstaat bereit sind, füreinander aufzukommen.22

Was für ein Interesse könnte nun der Neoliberalismus daran haben, diese Solidarität zu zerstören?

Zum einen der Abbau des Sozialstaats zu rechtfertigen. Denn je abgekapselter ein Individuum von einer Gemeinschaft ist, desto mehr ist man gerichtet auf sich, auf seine eigenen Bedürfnisse und auf die seiner kleinen sozialen Gruppe, also Familie und Freunde. Egoismus waltet.

»Der einzelne Mensch rückt dabei in einer sehr eigenartigen Weise in den Mittelpunkt: Er soll an Märkten und in der Gesellschaft eigenständig zurechtkommen – anstatt sich auf den Staat oder auf Mechanismen solidarischer Absicherung zu verlassen. […]23 Eine häufig gebrauchte Floskel in diesem Zusammenhang ist die »Selbstverantwortung«: »Verlass‘ dich nicht auf andere!«, »Komm‘ selber klar!«, »Mach was aus Dir!«, »Nutz‘ deine Chancen!«, […] »Streng Dich an!«[…] Die hier durchscheinenden Normen und Ansprüche sind die Kehrseite von Sozialabbau und wegbrechender gesellschaftlicher Solidarität. Man kann durchaus von einer »neoliberalen Moral« sprechen.[…]Um Erfolg und Anerkennung zu erlangen, sollen sich die Menschen als aktiv und selbstdiszipliniert erweisen und dabei unternehmerisch und egoistisch denken und handeln. Um gegenüber seinen Konkur entInnen die Nase vorn zu haben, gilt es, wettbewerbsfähig und innovativ zu sein und zu werden.

Je schwächer soziale Bindungen werden und je geringer die soziale Sicherheit, desto wichtiger wird es für Menschen, der neoliberalen Moral zu folgen. Einerseits treibt sie dabei die Angst vor sozialem Abstieg, vor Missbilligung durch andere, bisweilen auch vor staatlichen Sanktionen und Strafen.[…]24 Gründe für Erfolg und Elend, für Teilhabe und Ausgrenzung liegen aus dieser Sicht stets beim einzelnen Menschen.«25

Das befördert den Hass für Sozialleistungsempfänger, die für ihre Lage stets selbst verantwortlich gemacht werden und Intoleranz gegenüber bestimmten Gruppen. Angst vor sozialem Abstieg befeuert die Konkurrenzmentalität und Entsolidarisierung innerhalb der Gesellschaft.

Die Ausrichtung am Markt führt auch zu einer Verkümmerung des Bildungssystems, »das zunehmend auf Kompetenzen ausgerichtet wird, die sich bezahlt machen sollen, und das immer weniger Wissen vermittelt, mit dem wir uns die Welt erschließen.«26

Zu Punkt 2 : Verlust der Verantwortlichkeit des Einzelnen für öffentliche Aufgaben

»Eine der zentralen Thesen in den aktuellen Diskussionen über „Postdemokratie“ besagt, dass moderne Demokratien hinter einer Fassade formeller demokratischer Prinzipien zunehmend von privilegierten Eliten kontrolliert werden. Die Umsetzung neoliberaler Politik habe zu einer „Kolonisierung“ des Staates durch die Interessen von Unternehmen und Verbänden geführt, so dass wichtige politische Entscheidungen heute außerhalb der traditionellen demokratischen Kanäle gefällt werden. Der Legitimitätsverlust demokratischer Institutionen zeige sich in einer zunehmenden Entpolitisierung.«27

Warum die meisten Bürger all das ohne Weiteres einfach so hinnehmen, erklärt Patrick Schreiner in seinem 2017 erschienenen Buch »Warum Menschen sowas mitmachen«. Er beschreibt, wie die Marktstrukturen nach und nach unbemerkt in unser Demokratieverständnis eingesickert ist und wir uns dem neoliberalen Diktat hörig unterordnen.

Er fasst die Kernaussagen des Aufsatzes »Die schleichende Revolution« der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Wendy Brown zusammen:

»Neoliberale Ökonomisierung […] könne [die Demokratie] töten. Gemeint ist damit: wenn Politik zunehmend den Charakter von Märkten gewinnt und politische Akteure zu Marktakteuren werden, dann ist Demokratie nicht geschwächt, sondern am Ende. Der Neoliberalismus sei aktuell dabei, den politischen Charakter der Demokratie in etwas Ökonomisches umzuwandeln.28

Als Beispiele der Veränderung politischer Prozesse nennt Brown die strikte Orientierung an Kosten-Nutzen-Abwägungen und die Durchsetzung von allgemeinen Maßstäben für angeblich alternativlos richtige Politik (Bench-Markings). Der Staat wird zunehmend wie ein Unternehmen geführt und beurteilt; aus Regierung wird Management. So hat heute zum Beispiel der öffentliche Dienst in ökonomischem Sinne effizient zu sein. Einst war es hingegen auch öffentliche Ausgabe durch die Schaffung von guten Arbeitsplätzen Wirtschaft und Arbeitsmarkt zu beeinflussen.

Eine unmittelbare Folge dieser neoliberalen Ökonomisierung von Politik ist politische Alternativlosigkeit.

Einige Beispiele: den öffentlichen Dienst zu verkleinern, gilt heute weiterhin als Ausweis erfolgreicher Politik. Die Frage nach den gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen folgen dessen wird hingegen nicht mehr gestellt. Hochschulen werden in immer gleichen Rankings an den immer gleichen Kriterien Arbeitsmarktchancen und Veröffentlichungen des Lehrpersonals gemessen. Die Frage nach den Lehrinhalten wird dann zweitrangig. Aus Vielfalt der Lehre wird Einfalt. Und als Wirtschaftskompetenz der Parteien gilt einzig, möglichst Marktfreundlich und Unternehmensnah zu sein. Die Frage nach anderen marktkritscherischen Politikkonzepten hat sich erledigt. Wenn Alternativen aber auf diese weise undenkbar werden, dann ist von Politik im Grunde nicht mehr zu sprechen. Von Demokratie aber schon gar nicht, beruht diese doch notwendig auf dem Streit um bessere politische Alternativen.«29

Als »Humankapital« hat der Mensch sich um seine eigenen Probleme, für die er nun mehr ganz verantwortlich ist, zu kümmern, stellt keine politischen, demokratischen Forderungen, instrumentalisiert sich für sich selbst und den Staat – und all das ganz freiwillig.

Die neoliberale Politik verändere von uns unbemerkt unsere Wertmaßstäbe, die sich nur noch am Markt bemessen.

»Neoliberale Ökonomisierung und ein Selbstverständnis als Humankapital führen auf diese Weise zur Entpolitisierung von Menschen und Gesellschaften, so Brown.«30

Hier kommt auch wieder die oben erwähnte Abschottungsmentalität zu tragen: Die Menschen wollen die Konsequenzen der jahrzehntelangen rücksichtslosen Außen- und Wirtschaftspolitik des Westens nicht tragen und legen deshalb ihr Vertrauen in die Hände von reaktionären Vollpfosten, die schnelle Lösungen versprechen, zum Beispiel Mauern bauen und Grenzen sichern, um sich ihr Idyll so lange wie möglich vorgaukeln zu können. »In den Zeiten der Globalisierung repräsentieren [sie] die Sehnsucht, Ängste und Verunsicherungen bestimmter Bevölkerungsteile auf ein imaginäres Außen zu lenken: Auf Migranten, Terroristen und Drogenschmuggler. Mauern liefern somit das, was Heidegger ein »beruhigendes Weltbild« nannte, ein sichtbares Emblem der Einkapselung.«31 Statt Hart-IV-Empfänger als Feindbild dient heute der Flüchtling. Der erschreckende Zustand des deutschen Sozialstaats wird überschattet von einem greifbareren Sündenbock.

Zu Punkt 3: individueller Geschmack eingeschränkt durch kulturelle Verbote

»Kultur ist Kapital. […] Das moderne Unternehmen ist ein Kulturunternehmen, der zeitgenössische Kapitalismus, nach einem Wort von Jeremy Rifkin, ein „Kulturkapitalismus“. Es würde schon zu kurz greifen, zu formulieren: Das Image ist so bedeutend wie der Gebrauchswert einer Ware. Denn oft ist das Image der eigentliche Gebrauchswert. Design ist nicht nur Reklame, die den Verkauf befördern soll, das Design ist das eigentliche Produkt. „Was wir auf dem Markt kaufen“, schreibt Slavoj Žižek, „sind immer weniger Produkte und immer mehr Lebenserfahrungen wie Essen, Kommunikation, Kulturkonsum, Teilhabe an einem bestimmten Lebensstil.“32

Von Verboten kann man zwar nicht sprechen, wohl aber von Manipulation, oder, euphemistisch, Werbung. Werbung kreiert und kontrolliert somit Bedürfnisse.

Das heutige Individualitätsdiktat ist aber ein geheucheltes, denn im Neoliberalismus ist nur die Individualität toleriert, die sich auch verkaufen lässt: was den Geschmack von Filmen, Musik, Kunst, Freizeitaktivitäten und Essen angeht – Lifestyleprodukte eben. »Lifestyle« ist ein kapitalistisches Konzept, das dazu ermutigt, bzw. zwingt, bestimmte Produkte zu kaufen, die dann als Eintrittskarte für ein bestimmtes soziales oder Arbeitsumfeld fungieren. Die neuen Werbeträger »Influencer« dienen dazu, die Schwächen der Werbung zu kompensieren und schließen die Lücke zwischen Kühle, Unnahbarkeit und Einheitsbrei. Indem sie sich als besonders individuell, authentisch, aber zielstrebig darstellen, verkörpern sie in Perfektion das Diktat des Neoliberalismus, das Schreiber entwickelt hat (s.o.): Die alternativlos erscheinenden Arbeitsumstände nicht nur akzeptieren, sondern verinnerlichen, statt den Fehler im System zu suchen, Selbstoptimierung und Selbstdarstellung (also Vermarktung ihres Humankapitals) betreiben und möglichst viel Freunde dabei haben – natürlich indem sie bestimmte Produkte konsumieren.

Die Etablierung dieser Dynamik führt zur Exklusion derjenigen, die sich dieser Konsummentalität entziehen. Sie erfahren Ausgrenzung und Benachteiligung in sozialen und geschäftlichen Bereichen. Wenn man nicht die neuesten Adidas hat, nicht exotische oder abenteuerliche Reiseorte wählt, wenn man kein iPhone besitzt, wenn man Whatsapp und Facebook boykottiert, dann gilt man als »alternativ«, technik- und fortschrittsfeindlich und insgesamt als weltfremd.

»Eine Gesellschaft, die von einer solchen atomistischen und instrumentalistischen Mentalität geprägt ist, trägt wesentlich zu einer „seichten Erscheinungsform der Authentizität“33.1 bei. Die Folge ist, „(…) dass die Praktiken, die die moderne Identität angeblich verkörpern, in Wirklichkeit zu einem gewissen Verlust dieser Identität führen (…).“ 33.2 Eine angemessene Vorstellung von Authentizität würde dementgegen eine intersubjektive Basis voraussetzen.

So kommt es dazu, „(…) dass wir aufgrund der Verrücktheit dieser Gesellschaft Dinge tun, für die wir uns nie entscheiden würden, wenn wir daran gingen, bewusst zu handeln.33.3“«33

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Quellen:

1 Taylor, Charles: Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus, Erste Auflage, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1992, S.175

2 Schreiber, Patrick, Warum Menschen sowas mitmachen – Achtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neoliberalismus, PapyRossa Verlag, Köln 2017, S.11

3 ebd. S.11/12 Zur Geschichte des Neoliberalismus: »Die Sozial-, Wirtschafts- und Finanzpolitik nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 war der heutigen durchaus ähnlich: Sie war in vielen Ländern marktextremistisch. Die Regierungen sagen es lediglich als ihre Aufgaben an, Löhne und Staatsausgaben zu bremsen oder zu sendken. Ansonsten ließen sie den Märkten weitgehend freien Lauf. Der Markt wisse es besser, er werde es schon richten. Es herrschte ein übersteigerter, gedankenloser Kapitalismus. Diese Politik führte in den 1920er und 1930er Jahren weltweit zu gravierenden wirtschaftlichen Krisen, zu sozialen Verwerfungen, Verelendung, Arbeitslosigkeit und Armut.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schienen die Regierungen in den westlichen Industriestaaten zunächst daraus gelernt zu haben: Sie setzten den Märkten striktere Grenzen, bauten die soziale Sicherung aus, machten den Staat zu einem wichtigen wirtschaftspolitischen Akteur und stärkten die Rechte von ArbeitsnehmerInnen.

Seit den späten 1970er und 1980er Jahren aber dominierte wieder ein marktextremistischer Kapitalismus. Radikale wirtschaftsliberale Vorstellungen fanden erneut weite Verbreitung, nun unter der Bezeichnung »Neoliberalismus«. Zunächst waren es Militärdiktaturen in Asien und Lateinamerika, die eine solche neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik betrieben. In den 1980er Jahren folgten konservative Parteien und Regierungen in westlichen Demokratien. Internationale Organisationen, allen voran der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank begannen, Entwicklungsländer auf neoliberalen Kurs zu zwingen. In den 1990er Jahren schließlich wurde auch die Sozialdemokratie neoliberal.[…]Die Märkte sollen aus neoliberaler Sicht möglichst frei von Regulierung sein. Regeln und Begrenzungen sollen auf ein Minimum zurpckgeführt werden. Internationale Freihandelsverträge haben sich zu einem wesentlichen Instrument entwickelt, um eine entsprechende Deregulierungen voranzutreiben. Den Finanzmärkten kommt dabei eine besondere Bedeutung zu; insbesondere der grenzüberschreitend freie Kapitalverkehr steht ganz oben auf der neoliberalen Agenda. Wer üblicherweise als »Globalisierung« bezeichnet wird, beruht im Kern auf dieser Politik des internationalen Abbaus von staatlichen Regulierungen und Standards.«

4 Berlin, Isaiah, Freiheit. Vier Versuche, Frankfurt/Main, 2006, S. 197-256.

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Grundrechte_(Deutschland)

6 http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/27534, S. 14

7 vgl. Taylor 1992: S.175

8 ebd.

9 ebd,

10 ebd.

11 ebd, S.176

12 ebd.

13 https://d-64.org/prinzip-freiheit-in-der-digitalen-gesellschaft/

14 Verflechtungen deutscher Fernsehsender Harald Rau, Chris Hennecke: Geordnete Verhältnisse?! – Verflechtungsstrukturen deutscher TV-Sender, Baden-Baden 2016 (siehe auch den ergänzenden Faktencheck „Verflechtungen“)

https://www.zdf.de/assets/faktencheck-22-mai-100~original?cb=1529304803993

15 http://www.bpb.de/143259/senderfamilien-und-medienkonzentration

16 https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwi51ueE67zcAhUEEVAKHWgHDm0QFjAAegQIABAB&url=https%3A%2F%2Fwww.zdf.de%2Fcomedy%2Fdie-anstalt%2Ffakten-im-check-der-anstalt-118.html&usg=AOvVaw1r8UdJ4j2hWwxf859OnOId

Der Medienforscher Röper geht davon aus, dass inzwischen 70 Prozent der Bevölkerung nur auf eine Lokalzeitung zurückgreifen kann bzw., wo es vielleicht mehrere Zeitungen gibt aber mit identischen Lokalteilen Schon in der konservativeren Zählweise des Zeitungsforschers Schütz von 2012, der schon eine Pressevielfalt veranschlagte wenn es mehrere Zeitungen auch mit identischen Lokalteilen gab, waren die Zahlen sehr hoch: 236 Kreisfreien Städten oder Kreisen (58,7 Prozent) mit einer Monopolzeitung stehen 166 Städte/Kreise (= 41,3 % aller Kreise) mit einer Zeitungsdichte von 2 und mehr gegenüber. Bezogen auf die Einwohner ist der Anteil eher umgekehrt: 56 Prozent der Bevölkerung können zumindest zwischen zwei lokal berichtenden Zeitungen wählen. 44 Prozent aller Einwohner im Bundesgebiet haben keinerlei Auswahl und sind auf eine einzelne lokal orientierte Zeitung angewiesen.

http://www.das-parlament.de/2009/31/Themenausgabe/25272149/301864

http://www.taz.de/!774432/

17 https://www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste/2018/

18 Pörksen, Bernhard, Interview: »Die gereizte Gesellschaft«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Horizonte: Dialog

19 https://www.zeit.de/2017/34/algorithmen-filterblase-meinungen-selbstbetrug

20 https://de.wikipedia.org/wiki/Filterblase

21 Pörksen, Bernhard, Interview: »Die gereizte Gesellschaft«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Horizonte: Dialog

22 Bleisch, Barbara, Ihre Frage, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018

23 vgl. Schreiber 2017: S.14

24 ebd. S.15

25 ebd. S.18

26 ebd. S.19

27 https://www.bpb.de/apuz/33565/postdemokratie-und-die-zunehmende-entpolitisierung-essay?p=all

28 vgl. Schreiber 2917: (S.76)

29 ebd. S.78

30 ebd. S.79

31 Brown, Wendy, »Souveränität ist eine Fiktion«, Philosophiemagazin, Ausgabe Nr. 06/2018, Zeitgeist: Analyse

32 http://www.bpb.de/apuz/198387/lifestyle-kapitalismus?p=all

33 http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/27534, S.

→ 33.1 Taylor, Unbehagen, S.134

→ 33.2 Taylor, Legitimationskrise?, S. 292, kursive Hervorhebung von F.S.

→ 33.3 Taylor, Legitimationskrise?, S. 239, kursive Hervorhebung von F.S

So etwas wie ein Gedicht

Nicht das WAS, sondern das WIE zählt.

Nicht was wir tun, sondern wie wir es tun.

Nicht was wir wissen zählt, sondern wie wir uns auf Grundlage dessen entscheiden etwas zu tun.

Nicht unsere Fähigkeiten zeigen, wer wir wirklich sind, sondern unsere Entscheidungen (Albus Dumbledore)

Wir sind nicht determiniert durch unsere Anlagen, nicht durch unsere Erziehung, nicht durch unser Umfeld.

Es gibt diesen kleinen Moment vor einer Entscheidung und in diesem Moment sind wir frei.

Wir treffen am Tag hundert kleine Entscheidungen.

Wir haben am Tag hundert kleine Möglichkeiten, zu entscheiden, wer wir sein wollen.

Wir haben am Tag hundert Möglichkeiten, frei zu sein.

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Quellen: Warner Bros „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ von Chris Columbus, basierend auf gleichnamigem Roman v. Joanne K. Rowling

Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört, Episode III

Wie angekündigt folgt jetzt Teil 3 meiner persönlichen Saga der Kritik zu Star Wars. Das neue Spin-Off „Solo“ habe ich zwar noch nicht gesehen, aber ich vermute mal, auch eine Kritik dazu wird nicht lange auf sich warten lassen.

Kommen wir nun endlich zum Wesentlichen an Star Wars: der Macht.
Achja, die Macht. Viel haben die neuen Episoden zu neuen Erkenntnissen nicht beigetragen. Man erinnere sich nur an den Moment, als die zu bemüht skurrile und sich in ihrer eigenen Karikatur auf Brechreiz erregende Weise nur selbst übertreffende Figur „Mas“ auf dem Planeten blabla in Episode 7 (der mit „so viel grün“) Rey das Konzept der Macht näherzubringen versuchte: „Sie umgibt und durchdringt alles.“
Aha. Wohl analog zu dieser Aussage, deren Stumpfheit alles umgibt und durchdringt, was mit diesem Film zu tun hat. Spätestens jetzt hätte man also empört von den Kinostühlen aufspringen sollen.
Allerdings kann man die Vorsicht der Drehbuchschreiber hinsichtlich neuartiger Aussagen über die Macht auch verstehen: Furore auf Seiten der Fans machte um die Zweitausenderwende in Episode I eine Äußerung des guten alten Qui-Gonn Dschinn, der dem kleinen unsympathischen Kind-Anakin erklärte, was es mit den Midichlorianern auf sich hatte. Demnach steige das Vermögen, die Macht zu beherrschen proportional zur Anzahl der im Blut vorhandenen Midichlorianern, „winzig kleiner Lebensformen, die in Symbiose mit uns leben und uns den Willen der Macht mitteilen“. Durch diese molekularbiologische Erklärung wars das dann endgültig mit der mystischen Macht!
Philosophiehistorisch gibt es da sogar einen Zusammenhang: Um die gleiche Zeit feiert die Neurobiologie ihren Siegeszug über die Metaphysik, indem sie mit neuartigen bildgebenden Verfahren das Konzept eines Geistes materialistisch in den neuronalen Gehirnprozessen verankert. Sieg des Materialismus, Ende des Dualismus, in dem sich Körper und Geist wie zwei Antipoden gegenüberstehen.
Jedenfalls entschied man wohl nach dieser Panne, jegliche weitere Erläuterungen über die Macht vage zu halten, und wenn man sich die neuen Filme ansieht, begreift man auch schnell, warum neue Zuschauer kaum etwas vermissen: es sind einfach Kriegsfilme, die im Weltraum spielen. Nichts mit Märchen, keine Science-Fiction – schlicht Action. Und was nützt einem da die Macht oder auch nur irgendein abstrakter Glauben an sie, wenn sie keinen Nutzen im materialistischen Krieg bringt? Und so materialistisch, oder materiallastig, materialschlachtartig, ging es noch in keinem Star Wars zu. Ist aber auch logisch: wenn es kaum Substanz hinter dem Geballer gibt, vernichtet man zum Ausgleich lieber all das an Substanz – Raumschiffe, Planeten, Menschen, Republiken, altgediente Charaktere, den letzten Zauber der Macht – was man auftreiben kann.
Die Macht tritt also, wie zu erwarten, nur als Mittel zum Zweck auf den Schauplatz. Rey muss die Macht erlernen, damit sie eine bessere Kriegerin wird. Luke kann sich plötzlich irgendwohin beamen, um dann dort effektiver zu kämpfen.

Die neue Trilogie folgt dem Motto vieler anderer erfolgreicher Netflix- oder Fernsehserien und bringt genüsslich seine Protagonisten um. Han Solo etwa, dessen Abgang nicht deshalb so dramatisch war, weil er besonders gut inszeniert worden wäre, sondern weil wir diese Figur und ihre Geschichte von George Lucas über drei Episoden aufwendig entwickelt wurde, wir sie immerhin ganze vierzig Jahre in unserem Herzen getragen und sie untrennbar mit dem Star Wars-Begriff verbunden war.
Sein Abgang fühlte sich auch nicht im Entferntesten würdig an. Ich war empört, dass die neuen Filmemacher es nicht nur nicht schaffen, eine halbwegs dem Namen Star Wars gerechte Story und interessante und liebenswürdige Charaktere hervorzubringen, nein, auch dass sie die alten Charaktere von Lucas reihenweise umbringen, und zwar in einer Weise, die weder verständlich ist, noch würdig, oder die Geschichte irgendwie voranbringt! Ich warte nun darauf, bis auch noch der letzte Rest – Leia, der Millenium Falke, Chewie oder 3-PO und R2 brutal und melodramatisch inszeniert, verschwindet.

Das Entstehen der neuen bösen Instanz „erste Ordnung“ wird auch kaum erklärt, aber vorausgesetzt, dass man sie unhinterfragt einfach hinnimmt. Außerdem kann man mit dem guten alten Hollywood-Rezept mit Nazis als Bösewichten nicht viel falsch machen – die Farben subtilerweise rot, schwarz, weiß und die hetzerische Rede des faschistoiden komischen rothaarigen Typen an die Stormtrooper-Armee lassen keinen Zweifel über die Inspirationsquelle.

Was haben wir noch vergessen? Achja. BB-8. Aufgrund seiner widerwärtigen Niedlichkeit kann ihm wohl keiner widerstehen, nicht mal Knackpo-Poe. Aber vor allem nicht die Kinder, die ihre Eltern im Spielzeuggeschäft solange nerven, bis sie alle süßen BB-8-Fanartikel, die man sich irgend vorstellen kann, besitzen. Natürlich, marketing-technisch ist BB-8 der Renner. Aber können wir kurz über seine Sprache sprechen?
Wenn wir auf R2-D2s Kommunikation mit Luke und Anakin zurückblicken, fällt auf, dass sie sich nur dann mit ihm konstruktiv austauschen konnten, als sie in einem Schiff saßen und das Gepiepse und Gedudel auf einem Display übersetzt oder von C3-PO gedolmedscht wurde. Wohingegen das Gedöns von BB-8 plötzlich jeder zu verstehen scheint. Außerdem scheinen die Drehbuchschreiber die Begeisterung der Zuschauer über die Droiden mit denen der Figuren in diesem Universum verwechselt zu haben. So waren Droiden in allen bisherigen Star Wars schlicht nützliche Maschinen, denen kein Charakter und schon gar keine Sonderbehandlung attribuiert wurde, und wenn nur verschwindend geringe emotionale Wertschätzung.

Wie am Fließband produziert Disney also einen weiteren Star Wars nach dem anderen und geht nach folgendem Rezept vor: Man nehme also ein Fantasyuniversum, das merchandisetechnisch Milliarden wert ist, um unzählige Spiele, Bücher und Fernsehserien erweitert wurde, lasse 10 Jahre nach Erscheinen des letzten Films verstreichen, bis die Fans vor lauter Hunger den echten Geschmack ihrer Lieblingsspeise nicht mehr kennen und setze ihnen anschließend einen lieblos dahingepantschten Eintopf mit random Figuren und einem ebenso random Plot vor altbekannter Kulisse – mit altbekanntem ablaufenden Vorspann, den X-Wings, den Panoramaaufnahmen der Planeten, und, wenn man sie auftreiben kann, ein paar alten Gesichtern – vor, greife ein paar aktuelle gesellschaftliche Themen oberflächlich auf, sodass es so aussieht, als würde man etwas Neues servieren, und kassiere ordentlich.

Ich komme mir so grausam vor, die neuen Filme so zu verreißen und über die wunderbaren alten, zu denen ich auch Episode I, II und III zähle, nicht zu huldigen!
Natürlich war Star Wars nie für seine originellen Plot-Twists, ein unvorhersehbares Szenario oder tiefschürfende Dialoge bekannt. Oder etwa gute Schauspieler. „Eine neue Hoffnung“ setzte damals Maßstäbe in Sachen Spezialeffekte und jeder neue Film zeigte das beste, was technisch möglich war. Aber nie kam es darauf an.
Man mochte die Charaktere. Jeden einzelnen. Sogar Gouverneur Tarkin, beim hundertsten Mal erschien er geradezu knuffig, als er die Zerstörung von Alderaan ankündigte. Sogar Jar Jar Binks ist im Vergleich zu Finn ein fähiges und interessantes Geschöpf. Wenn auch nicht Anakin.
Missmutig verfolgten wir seinen moralischen Zerfall, wir sahen ihn missmutig von einer Prüfung in die nächste rennen und stets seinen Egoismus siegen und mussten dabei sein, als er verzweifelte. Später brachte die Liebe zu seinem Sohn ihn zurück auf die gute Seite.
Obi-Wan sahen wir jung und idealistisch erst seinen Mentor verlieren, dann als geduldigen Lehrer und Freund Anakins, später Lukes.
Wir begleiteten Luke auf seiner Reise zum Erwachsenwerden, wir sahen zu, wie Leias moralische Maßstäbe durch einen liebenswerten Schurken weniger starr wurden und dieser sein Einzelgängerdasein ablegte und nach Jahrzehnten der Flucht endlich  irgendwo ankommen wollte.

Star Wars I – III wurde viel dafür kritisiert, dass man zu viel von der Handlung in Dialogen der Figuren oder in dem langen Textvorspann behandelt hat, anstatt es in Form einer Handlung zu zeigen.
Erinnern wir uns daran, als wir Star Wars zum ersten Mal sahen: hundert neue Ausdrücke und Namen, die uns nichts sagten, wurden von den Figuren beiläufig erwähnt – Was ist das Outer-Rim-Territorium? Corellianische Schiffe? Was sind Energiewandler und warum kann man sie an der Tosche-Station abholen? Was sind Wasserstoffevapovatoren? Die Diplomaten von Alderaan und Malestare sind eingetroffen. VII und VIII allerdings zeigen nur und erzählen nicht viel (die meisten der Dialoge sind überflüssig) und was sie zeigen, sagt nichts. Kaum ist die Rede von anderen Planeten, anderen Figuren, Geschichten um die Jedi oder die Sith. Wie der Humor in den Filmen lässt der Rest Subtilität und weitere Andeutungen vermissen. Diese Andeutungen hätten aber das Universum größer und mythischer gemacht, da man andere Planeten, Systeme, andere Geheimnisse erahnen konnte. Vielleicht deshalb, weil die Zahl der Episoden und die Filmlänge begrenzt war und George Lucas nicht wusste, wie er diese ganzen Informationen unterbringen hätte sollen. Nach dem Kauf durch Disney jedoch ist die Zahl der potentiellen Episoden grenzenlos geworden, aber das Universum wirkt kleiner denn je. Die Kapitalisten von Disney begreifen nicht, dass Größe manchmal das ausmacht, was man nicht zeigt.

Lest „Viel zu lernen du noch hast – Star Wars und die Philosophie“ von Catherine Newmark (Hg.)!