Migräne

Hatte gestern wieder Migräne mit Aura.

Die Aura ist die Phase vor dem Kopfschmerz und tritt nicht bei jeder Person auf. Sie kann bis zu einer Stunde andauern und äußert sich in verschiedenen neurologischen Ausfallerscheinungen. Dazu zählen Sprachstörungen, Sehfeldausfälle, oder sensomotorische Störungen oder Sensationen.

Der Kopfschmerz ist schlimm und mit normalen Schmerzmitteln nur bedingt beizukommen. Nur einseitig, im Nacken und im Auge, als würde einem mit einem Speer in Game-of-Thrones-Manier quer durchs Gehirn gebohrt.

Aber die Aura hat mir trotzdem immer am meisten Angst gemacht. Tut sie immer noch.

Als Kind hatte ich noch keine Begriffe dafür, konnte meine Eindrücke nicht schildern. Plötzlich konnte ich die Buchstaben nicht mehr entziffern, wenn ich etwas las, als würden ein paar fehlen. Bei normaler Umgebung wäre dieser kleine Punkt wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, hätte sich mit der Umgebung vermischt, das macht das Gehirn automatisch. Unser Auge hat nämlich dort, wo der Sehnerv an unserer Netzhaut befestigt ist, auch keine Nerven, und das Gehirn gleicht die Stelle im Sichtfeld immer von selbst aus, sodass es uns nicht auffällt.

Nur hier ist es bisschen anders. Es ist zwar ein negativ, weil eben etwas fehlt, ein paar Sehreize von der Netzhaut nicht richtig verarbeitet werden, aber es bleibt nicht beim Ausfall. Die Stelle leuchtet irgendwie in allen Farben des Spektrums, und glitzert wie ein Einhorn, das über einen Regenbogen galoppiert. Sie wandert auch. Das Phänomen nennt man Flimmerskotom. Es gibt verschiedene Arten davon. Das negative Flimmerskotom bezeichnet einfach nur den Ausfall einiger Punkte oder sogar einer Hälfte des Sichtfelds. Hatte ich auch mal. Das ist, als würde man ein Auge zuhalten, nur anders, weil man das ja auf beiden Augen hat, und hält man sich wirklich ein Auge zu, verschwindet es nicht, weil es immer noch im anderen Auge ist. Hier kann man auch den Unterschied zu anderen Erkrankungen treffen. Würde es sich um eine Augenerkrankung handeln, würden die Symptome nur ein Auge betreffen. Aber es handelt sich eben um kein okulares Defizit, sondern ein zerebrales. Die Augen nehmen die Informationen genauso auf, wie sie es immer tun, nur läuft im Gehirn, das die gesammelten Sehreize sammelt und sinnvoll zusammenkomponiert, etwas falsch.

Das positive Flimmerskotom zeigt Wikipedia zufolge „zusätzliche Wahrnehmung von Strukturen“ und impliziert im zugehörigen Bild, dass Ausschnitte aus dem vorhandenen Sichtfeld anders angeordnet sind. Das ist aber nicht meine Erfahrung, im Gegenteil, ich sehe völlig neue Strukturen und Farben, die garantiert so nicht in meinem Sehfeld vorkommen. Siri Hustvedt, eine neorowissenschaftlich, psychologisch und philosophisch interessierte US-amerikanisch Essayistin und Autorin, beschreibt in einem in dem kurzen Artikel „Lifting, Lights and little people“ in den New York Times, ihre Halluzinationen während einer ihrer Migräne-Auren: ihr erschien ein kleiner pinker Mann und Ochse, die kurz hin und herspazierten und dann wieder verschwanden. Erst später realisierte sie, dass diese Figuren aus einer Sendung aus ihrer Kindheit kannte. Diese Halluzinationen sind keine Seltenheit und scheinen ein folklorisches Element gemeinsam zu haben, aber in kulturell-individuellem Kontext zu betrachten: „Dr. Sacks points out in his earlier post that our perception relies on “the self-organizing activity” of huge numbers of neurons in the visual cortex. The patterns and geometric forms that recur in so many cultures may well be inherent to the human mind—a clue to how we parse the world of images. From this perspective, abstraction precedes figuration.“ Hustvedt zieht daraufhin Schlüsse auf unsere normale visuelle Wahrnehmung: „In fact, this is not how normal vision works. Our minds are not passive containers of external reality or experience. Evidence suggests that what we see is a combination of sensory information coming in from the outside, which has been dynamically translated or decoded in our brains through both our expectations of what it is we are looking at and our human ability to create coherent images. We don’t just digest the world; we make it.“ Wir verarbeiten nicht nur die Welt, wir konstruieren sie auch. Wie groß der Teil ist, den wir konstruieren, darüber herrscht noch dichter Nebel und Zwietracht zwischen Philosoph*Innen, Neuro- und Kognitionswissenschaftler*Innen.

Auch andere merkwürdige Dinge können während der Aura passieren. Zum Beispiel kam bei einer meiner Auren mit Flimmerskotom hinzu, dass mir plötzlich manche Namen nicht mehr einfielen. Ein anderes Mal kamen mir Wörter plötzlich ganz fremd vor. Es ist schwierig zu beschreiben, sie fühlten sich irgendwie komisch und anders an, als wären sie mir bekannt und ich würde sie zum ersten Mal hören. Ein anderes Mal hatte ich Mühe, Wörter zu buchstabieren,. Semantische, semiotische Konfusion. Natürlich ist es vielleicht auch komisch, mir über so etwas in einer solchen Situation Gedanken zu machen. Aber wenn das Gehirn plötzlich nicht mehr so will, wie man will, wird es eben schnell gruselig. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir sonst Zugriff auf Bedeutungen und Erinnerungen haben, bekommt in solchen Momenten Risse.

Wenn man zum ersten Mal eine Aura erfährt, kann man die Eindrücke vielleicht gar nicht als das erkennen, was sie sind. Panik beim erstmaligen Auftauchen der Symptome ist nachvollziehbar – nicht umsonst ähneln die neurologischen Ausfälle der Symptomatik eines Schlaganfalls. Vielleicht fährt man auch gleich zur Ambulanz, was bei erstmaligem Auftreten ohnehin sinnvoll ist. Aber die Symptome sind nur vorübergehend und schon nach etwa einer halben bis ganzen Stunde wieder verschwunden, bevor dann allermeistens die Kopfschmerzphase folgt.

Was bedeuten solche Erscheinungen für unsere „normale“ Wahrnehmung?

Normalerweise macht man sich über die Voraussetzungen seiner Wahrnehmung keine Gedanken, denn sie sind ja die Voraussetzung dafür, dass wir Wahrnehmungen haben, aufgrund derer wir uns dann Gedanken machen. Es ist interessant, wie sich unsere Rolle als Mensch hier in aller Deutlichkeit bewusst wird: wir erleben uns selbst. Wir sind zugleich Erlebende, als auch Erlebtes. Wir beobachten und analysieren uns selbst, unser Verhalten, unsere Empfindungen. Wir sind zugleich Subjekt unserer selbst, als auch Objekt unserer Erfahrungen.

Selbst in einem Zustand, indem manche Voraussetzungen für eine akkurate Wahrnehmung fehlen (ich meine damit nur, dass der gewöhnliche Wahrnehmungsverlauf vorrübergehend gestört ist), können wir uns immer noch selbst beobachten. Vielleicht merken wir uns nicht alles, weil manche Empfindungen so eigentümlich sind, dass es keine Begriffe dafür gibt, wie zum Beispiel das Gefühl eines zeitlichen oder räumlichen Nebeneinanders im Traum, das Gefühl des Einklangs mit der Welt während eines MDMA-Rausches oder das Schwinden des Zeitsinns während einer Meditation. In gewisser Weise machen wir in solchen Momenten Erfahrungen der Transzendenz.

Während wir auf die Welt reagieren, beobachten wir uns also selbst, wie wir auf die Welt reagieren, und können uns darüber amüsieren, unser Handeln durch Reflektieren ändern, oder bei dem Versuch scheitern. An der Wahrnehmung lässt sich bewusst viel verändern. Nicht vielleicht, was wir sehen, sondern wie, also welche Haltung wir dem Gesehenen gegenüber einnehmen und welche Bedeutung wir ihm geben wollen.

 

Quellen:

https://migraine.blogs.nytimes.com/2008/02/17/lifting-lights-and-little-people/

Bild: Stéphane Gisclard

3 Kommentare zu „Migräne

  1. Sehr interessant und wieder etwas dazu gelernt. Ich hatte vor ein paar Monaten das erste und bisher einzige Mal einen Migräneanfall (ohne Aura). Das war so unvorbereitet und heftig. Während der Schmerzphase hatte ich auch das Gefühl „neben mir zu stehen“, weil da nur noch dieser Kopfschmerz war – kein anderes Körpersignal, als wäre der Körper gar nicht vorhanden. Ich war nur noch dieser Schmerz. Klingt das verrückt? Aber anders kann ich es auch nicht beschreiben.

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    1. Faszinierend was der Körper so macht worüber wir keine Kontrolle haben. Interessant find ich auch, dass man solche intensiven Erlebnisse oft ganz gut verdrängt. Also wieder back to normal, und man vergisst einfach, dass man auch einfach nicht „funktionieren“ könnte!

      Gefällt 1 Person

      1. Das passiert mir mehr bei den fast schon normalen Erkrankungen wie Schnupfen. Erst wenn ich keine Luft mehr durch die Nase bekomme, erkenne ich erst wieder, wie sehr ich es doch für wichtig empfinde gut durch die Nase atmen zu können, vor allem Nachts für den erholsamen Schlaf.

        Diesen Migräneanfall vergesse ich nicht so schnell und seit dem nehme ich (Medikamentenverweigerin) schon sehr viel früher eine Tablette, um nicht zu tief hineinzurutschen.

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