Begriffssysteme

Um eine Aufgabe zu lösen, und sei es „nur“, einen Text zu verstehen, das Essenzielle aus einem Text herauszulesen, vielleicht zusammenzufassen, arbeitet mein Hirn mit Kategorien. Wenn ich selbst schreibe, arbeitet es ganz anders, die Kategorien lösen sich auf, werden fluid und durchlässig.

Begriffe spielen eine fundamentale Rolle, allerdings müssen die Begriffe nicht verbal sein. Sie können auch emotional, visuell, taktil, olfaktorisch, auditorisch usw. sein. Aber man muss vom konkreten Einzelding abstrahieren.

Man abstrahiert vom konkreten Gegenstand, um ihn allgemeiner zu machen. Damit beschneidet man ihn von manchen Merkmalen und erklärt gleichzeitig andere für „wesentlich“. Denn man bestimmt das Wesenhafte am Ding. Es werden aber nur solche Eigenschaften als wesentlich deklariert, die andere Dinge mit dem Ding gemeinsam haben – das sind die Ähnlichkeiten. Die Merkmale, in denen sich die Gegenstände gleichen, ähnlich sind. Die anderen Eigenschaften, die sie unterscheiden, werden weggelassen. Das sind die Eigenschaften, die die Dinge individuieren, zu genau den Einzeldingen machen, die ihre Einzigartigkeit ausmachen. Diese rote Rose beispielsweise gleicht anderen Rosen in ihrer Rotheit und ihrer Zugehörigkeit zur botanischen Gattung Rose. Doch gleicht sie in ihrer Erscheinung keiner anderen Rose auf der Welt, sogar keiner, die es jemals gab oder je geben wird. Wenn man die Eigenschaften aufzählen würde, die sie von anderen Rosen unterschied, unterscheidet oder je unterscheiden wird, müsste man aber all die anderen Rosen auch genau kennen und beschreiben, um die jeweiligen Unterschiede feststellen zu können. Man könnte daher sagen, die individuierenden Eigenschaften sind zwar immer schon da, nur spielen sie dann im Vergleich eine Rolle, wenn es darum geht, die Rose von anderen zu unterscheiden.

Es gibt meiner Ansicht nach zwei Arten von Denken: das hierarchische und das assoziative. Um die beiden Denkmodelle visuell voneinander zu unterscheiden, könnte man sagen, das hierarchische Modell sei vertikal, und das assoziative horizontal.

Beim vertikalen Denkprozess ist es ist so, als würde mein Geist eine Tabelle erstellen, und nach Punkten sortieren, bis sich die Spalten allmählich sinnvoll füllen und voneinander differenzieren. Das strukturiert das Denken, ordnet die Begriffe, durch das Ordnen der Begriffe.

Ich abstrahiere von der Partikularität der Einzelrose und zähle all die Eigenschaften auf, die sie mit anderen gemeinsam hat. Also: Rotheit, am Stängel eine Grünheit, Stacheln, einen Stängel, Wurzeln, die Blattform, der Duft, vielleicht das Gewicht, die Temperatur und Feuchtigkeitspräferenz, und so weiter. Das Interessante dabei ist, dass diese Eigenschaften sich nicht genau gleichen müssen, ja nicht einmal genau gleichen können. Es geht eher um die Bestimmung eines Rahmens, die Festlegung einer Norm, damit man sagen kann: die meisten Rosen haben ungefähr diese Blattform, variabel von Einzel- zu Einzelrose. Sie werden durchschnittlich so und so groß und so und so rot. Man erzeugt mit der Erhebung der Eckdaten der Einzelrosen einen Pol, aus der Summe ergibt sich ein Durchschnittswert.

Könnte man jetzt weiter abstrahieren? Rotheit, Stängel, und so weiter sind ja sicher nicht nur Merkmal von Rosen. Auch andere Dinge können diese Eigenschaften haben, diese Prädikate, wie man philosophisch sagt. Ja, aber der nächste logische Schritt wäre nun zu sagen: von was ist die Rose ein Teil? Rosa gallica, Rosa damascena, und 100 bis 200 weitere Arten gehören zu der Gattung der Rosen (rosa), von denen es zwischen 100 und 200 Arten gibt (laut Wikipedia). Diese wiederum gehören zur Familie der Rosengewächse (rosaceae), die durch ihre „meist auffällige, zwittrige[n] Blüten mit doppelter Blütenhülle und einem deutlich ausgeprägten Blütenbecher“ (Wiki) charakterisiert sind. Diese wiederum gehören zur Ordnung der Rosenartigen (rosales), welche wiederum zur Klasse der bedecktsamigen Pflanzen gehören. Die wiederum gehören zum Stamm der Samenpflanzen (Spermatophytina). Und diese gehören zum Reich der Pflanzen. Diese gehören zur Domäne der mehrzelligen Lebewesen (Eukaryoten). Und die schließlich zu den Lebewesen. Die botanische Hierarchie geht auf Carl von Linné zurück, der schon im 18. Jahrhundert ein Schema zur Klassifikation von Lebewesen entwarf. Die Biologie benutzt heute die sogenannte binäre Nomenklatur, die wissenschaftliche Benennung der Tier- und Pflanzenarten durch Nennung der Gattung und Art, zum Beispiel Rosa gallica.

Von der Rose wiederum könnte man einzelne Teile, wie den Stängel, die Blüten, Früchte und so weiter betrachten, die man Eigenschaften oder Merkmale nennen könnte. Die biologische Klassifikation ist nur eine Art, Dinge zu unterteilen. Es gibt durchaus auch andere Klassifikationssysteme, die sinnvoll sind – je nachdem, was man betrachtet.

Das vertikale Denkmodell ist systematisch, geordnet.
Wenn ich vertikal denke, dann betrachte ich zunächst den Begriff, und ausgehend von ihm den Oberbegriff. Im dritten Schritt wende ich mich entweder dem Ober-Oberbegriff zu, oder ich gehe zu einem anderen Unterbegriff, der auch unter dem Oberbegriff steht oder stehen könnte, und deshalb Ähnlichkeiten mit ihm besitzt. So:

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So könnte ich, von der Rose ausgehend, denken: Rose (UB) → Rosengewächs (OB) → Apfel (UB), Birne (UB), Quitte (UB). Ober- und Unterbegriff sind hier immer relativ verwendet, je nachdem, was der Ausgangsbegriff ist. Der Unterbegriff in diesem Beispiel ist auf der Ebene der Gattung, der Oberbegriff auf der der Familie, der Oberoberbegriff wäre dann die Ebene der Ordnung, und so weiter.
Man könnte auch eine Stufe weiter unten, auf Ebene der Art anffangen: Rosa canina (UB) → rosa (OB) → rosa bracteata (UB), rosa rubiginosa (UB). Ich gehe immer einen Schritt weiter hoch, und dann wieder eine Abzweigung runter.
Anderes Beispiel, damit wir aus der Linné’schen Systematik rauskommen, diesmal aus der Systematik der Genres: Harry Potter (UB) → Fantasyfilme (OB) → Der Herr der Ringe (UB).
Allerdings haben wir auch ganz eigene hierarchische Denkgerüste im Laufe unseres Lebens aufgebaut und verfeinert. Eine sinnvolle Unterteilung könnte daher auch so aussehen: Harry Potter und der Stein der Weisen → Harry Potter (OB) → Hörbuch (UB), Film (UB), Buch (UB).

Bei der vertikalen Denkrichtung wird nach oben hin abstrahiert, nach unten hin individuiert. Man abstrahiert nach einer Ähnlichkeit. Die Eigenschaft, nach der abstrahiert wird, unter die man die Begriffe, die unter ihr stehen, zusammenfasst.
Im Genre-Beispiel wäre die nächste Stufe nach oben: Filme, danach vielleicht: Medien, danach vielleicht Unterhaltungs- oder Kommunikationskanäle. Ein Anspruch an Allgemeinheit ist hier für die möglichen Begriffspyramiden nicht zu stellen, da sie sich gegenseitig überschneiden und je andere Ähnlichkeiten priorisieren.

Die erste Hierarchie nach der wir Dinge beurteilen, ist: mag ich  mag ich nicht. Dabei gehen wir nicht immer rational vor. Ich habe als Kleinkind zum Beispiel viel zu hart über Spinat geurteilt, obwohl ich ihn überhaupt nicht probiert hatte. Vielleicht mochte ich die Farbe nicht (ich mag die Farbe grün nicht, die meisten Grüntöne zumindest). Aber wer weiß, was letztlich das ausschlaggebende Kriterium für mögen und nicht-mögen ist. Allerdings sind solche Urteile emotionaler Natur, und daher irrational und nicht immer nachvollziehbar. Jeder von uns hat eine emotionale Begriffspyramide. 

Aber wie ich bereits andeutete, ist mein Begriffsystem auch, wenn nicht sogar größtenteils, assoziativ.

Das heißt, selbst, wenn ich einen systematischen Text schreibe, bediene ich mir dieser assoziativen Funktionen, und nur sekundär der hierarchischen. Wenn ich einen Text lese und verstehen will, benutze ich die andere, systematischere Denkfunktion.
Das assoziative Denken nenne ich das horizontale Denken, da hier ein Oberbegriff keine bedeutende Rolle mehr spielt.

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Man geht bei dieser Denkart von einem Begriff aus. Dann springt man zu einem anderen Begriff, weil etwas am einen Begriff einen an etwas im anderen Begriff erinnert. Beide Begriffe haben eine gemeinsame Eigenschaft, aber es ist nicht wichtig, ob beide Begriffe sich danach sinnvoll unter einen Oberbegriff fassen lassen können. Ausgehend vom Beispiel Harry Potter → Herr der Ringe (Ähnlichkeit: Trolle). Mann denkt vielleicht an eine Szene im Film und assoziiert damit den anderen Film. Die ganze Denkbewegung ist aber eine ganz andere, als die vertikale. Man denkt nicht: Was ist an Harry Potter und Herr der Ringe ähnlich? Denn dann wären andere Ähnlichkeiten offensichtlicher, zum Beispiel die Tatsache, dass sie beide Filme des Fantasygenres sind, und so weiter. Die Verknüpfung der beiden geschieht nur aufgrund eines einzelnen, isolierten Elements: des Trolls. *

Ein anderes Beispiel: Frühstückcroissant → sonniger Abend an der Côte d’Azur letzten Urlaub, als man ein mit Béchamel-Sauce gefülltes Blätterteiggebäck gegessen hat (Bouché à la reine) (Ähnlichkeit: das Gefühl, wenn Blätterteig außen knusprig ist und innen noch ganz weich). Wie will man so etwas hierarchisch klassifizieren? Natürlich könnte man sagen: Croissant (UB) → Blätterteiggebäcke → Bouché à la Reine (UB). Aber das würde dem Denkinhalt die ganze Komplexität nehmen, und die Richtung des Denkprozesses völlig verfälschen. Assoziation ist deshalb ein so kreativer Prozess, weil er Dinge miteinander verknüpft, die man sinnvollerweise zunächst nicht miteinander verbinden würde. Ein weiteres Beispiel erläutert das hoffentlich:

Ich betrachte eine grüne Tasse vor mir. Grün, denke ich, wie die Natur. Ich denke an den vielen abgeholzten Wald im Amazonas. Bolsonaro, dieser Scheißkerl. Komisch, man hat dieses Jahr kaum etwas von der Abholzung gehört, wahrscheinlich wegen Corona, oh, a propos Corona, ich muss ja noch meine Chefin fragen, wie es mit der Kurzarbeit weiter geht, das dauert jetzt schon ziemlich lange, gefühlt zumindest, aber das Zeitgefühl ist total gestört zurzeit, wenn man nur zu Hause hockt, was ist eigentlich Zeit? Ich wollte ja noch das Buch über Zeit lesen, von Rüdiger Safranski, ich muss eh mehr lesen, man, ich bin so faul, wie könnte ich mich mehr disziplinieren? Susi kriegt das so gut hin, aber die ist ja eh eine Kuh, seit sie diese neue Frisur hat. A propos, ich muss noch einen Termin beim Frisör ausmachen, die haben zurzeit aber ohnehin keinen Termin frei, wegen Corona, ja, Corona hat so viele Auswirkungen, das ist schon Wahnsinn, aber gut für die Umwelt, weil jetzt weniger geflogen wird, aber der Regenwald wird trotzdem noch abgeholzt, scheiß Bolsonaro, der hat auch nicht mehr alle Tassen im Schrank, a propos Tasse, ich nehme jetzt noch einen Schluck aus der, die vor mir steht…
Dieser Gedankengang könnte noch stunden- oder zeilenlang weitergehen, jeder weiß wie so etwas ist. Und viel Spaß auch der Person, die jetzt versucht, die ganzen Oberbegriffe zu den Gedanken zu finden (gerne in die Kommentare).

Natürlich ist es möglich, nur vertikal oder nur horizontal zu denken, aber diagonal zu denken ist der Kompromiss aus beiden. Beide Denkweisen können sich gegenseitig inspirieren, stimulieren. In der horizontalen Denkart verliert man sich schnell, denn die Assoziationsmöglichkeiten sind potentiell unendlich, und oft dreht man sich auch im Kreis. Die vertikale andererseits ist oft wie eine Einbahnstraße, man kommt nicht vor und nicht zurück, weiß nicht, wie ein Begriff noch zu teilen wäre, oder wie der sinnvolle Oberbegriff lautet, man steckt fest.

Abhilfe schafft oft die Anwendung des jeweils anderen Denkprozesses. Wenn mein Verstand am Tag durch eine fordernde Aufgabe geschärft ist, bleibt er noch für eine Weile geschärft. Das liegt daran, dass anspruchsvolle Aufgaben erfordern, dass man vertikale und horizontale Denkrichtung miteinander verbindet.

Der vertikale Denkprozess bringt Ordnung in den horizontalen, und der horizontale bereichert den vertikalen, gibt ihm mehr Tiefe und Komplexität. Wenn man sich in nicht enden wollenden Assoziationsschleifen verdacht hat, einem von den ständigen Gedankensprüngen und der sich ständig bewegenden Denkbewegung schwindelig ist, hilft es, sie hierarchisch in eine Ordnung zu bringen. Umgekehrt, bei zu viel Stillstand bringt die horizontale Denkrichtung den nötigen Schwung in die Begriffskiste.

In Schlusssatz stecken vier S-e, wer hat denn so etwas schonmal gesehen, aber im Schlusssatz stecken fünfzehn.

 


* man könnte auch sagen, dass man bei der Unterteilung in Genres von der abstrakten Form des Filmes ausgeht, bei dem einzelnen Element aber vom konkreten Inhalt. Jemand, der die Filme nicht gesehen hat, könnte sie also auch nicht so miteinander assoziieren. Allerdings könnte man dem entgegenhalten, dass der Inhalt ja wesentlich auch die Form bestimmt, also ein Film aufgrund seines Inhalts dem Fantasygenre angehört. Diese Unterscheidung ist demnach hier Quatsch.

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