Stereotypen

Man hat immer schnell ein passendes Vorurteil zur Hand. Besonders über Länder. Zum Beispiel: „Die Deutschen sind gewissenhaft und fleißig.“ „Amerikaner essen nur Fast Food und haben weniger Kultur als ein Joghurt.“ Oder noch allgemeiner als Landesgrenzen: „Die Südländer haben ein feuriges Temperament und sind besonders leidenschaftlich.“

Vorurteile anderen Kulturen gegenüber sind sehr üblich und so fest in uns verankert, dass sie uns teilweise kaum bewusst sind. Das Alle-über-einen-Kamm-Scheren ist zwar durchaus auf ein Interesse gegenüber Fremdem zurückzuführen, eine positive Motivation also, führt in der Praxis jedoch zum genauen Gegenteil: die Stigmatisierung einer Gruppe von Menschen erschwert es, ihr mit Offenheit zu begegnen – was ein Problem ist, wenn es darum geht, ein bereits bestehendes Urteil durch die Realität zu ersetzen, also zu korrigieren. Stigmatisierung ist Abstraktion: sie spricht den Einzelpersonen ihre individuellen Eigenschaften ab, formt sie zu einer homogenen Masse ohne Unterschiede und erzeugt dadurch Gleichheit statt Verschiedenheit: ein Einheitsbrei aus Vorurteilen.

Stigmatisierung diente in früheren Zeiten vor allem dazu, die andere Gruppe von der eigenen abzugrenzen, um sie gegeneinander aufzuhetzen: in Rom und Athen fürchtete man die „Barbaren“ – die Unzivilisierten, all die, die nicht griechisch oder römisch, und somit unverständlich sprachen. Hier ist es offensichtlich: hier besteht kein Interesse am anderen Volk, man macht sich nicht einmal die Mühe, eins vom anderen zu unterscheiden, denn alle, die nicht das eigene Volk sind, sind schlecht und „barbarisch“. Die zu Kriegszwecken verwendete Propaganda erreichte im ersten Weltkrieg durch die neuen Massenmedien bis dahin unbekannte Dimensionen. Eine beliebte Methode war es auf allen Seiten, die Gegner als „kulturlos“ und „unchristlich“ zu bezeichnen, um sie als „das Böse“ hinzustellen. Der europäische Kulturimperialismus – von der Entdeckung Amerikas durch die westliche Welt 1492, der anschließenden Ausrottung der dortigen indigenen Bevölkerung, bis zur Missionierung in Afrika und Asien – fußte auf der Ansicht, man sei zivilisatorisch höher entwickelt und habe deshalb das Recht der Vorherrschaft über die „primitiven“ Völker.

Vorurteile äußern sich jedoch nicht nur im großen Stil über Kontinente und Länder hinweg, sondern setzen sich auf jeder Ebene fest. Man hat Vorurteile gegenüber bestimmten Berufgruppen – „Professorinnen, alles Spinner“, „Politikerinnen, alle Betrüger“, „Zahnärzte, alles Pfuscher“, oder „Schauspieler, alles komische Vögel“, oder über Kinder – „die waren früher nicht so frech!“, über Eltern – „die sind nicht streng genug heutzutage, lassen ihren Bälgern alles durchgehen“, gegenüber StudentInnen – „Die machen nur Party und wissen nicht einmal, wie man eine Steuererklärung macht!“, gegenüber RentnerInnen, Schwimmbadbesuchern, DHL-Postboten und so weiter – die Liste könnte endlos so weitergehen.

Wisst ihr noch, in der Schule? Die HauptschülerInnen fanden die GymnasiastInnen arrogant und hochnäsig, die GymnasiastInnen hatten wiederum Angst vor den HauptschülerInnen. Was man über RealschülerInnen dachte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls gab es da schon eine gewisse soziale Abgrenzung zu den Schulen mit anderem Abschluss. Ein Abschluss kann dafür entscheidend sein, welcher sozialen Klasse man später angehört, welche wiederum gekennzeichnet ist von „Klassenhass“ auf höhere oder niedrigere Klassen. Das war die Abgrenzung nach außen, nach innen gab es jedoch auch Abgrenzungen hinsichtlich der verschiedenen Jugendkulturen. Witzigerweise gab es innerhalb dieser Subkulturen auch Überschneidungen mit den anderen Schulen. Hier möchte ich gern eine Klischeekiste öffnen (Ergänzungen sind gerne erwünscht):

Jugend(sub-)kulturen (gültig von 2000 – ?)

  • Die Punks, die in ihrer Freizeit am Bahnhof Bier trinken und auf linke Demos und Konzerte gehen.
  • Die KifferInnen, die Reggae und Dub hören, vor und in der Schule kiffen und sich von den Punks nur darin unterschieden, dass sie keine nennenswerten politischen Ansichten vertreten
  • Die Gangster, die allen irgendwie Angst machen, weil sie sich sogar selbst als „Gangster“ bezeichnen, Picaldi-Hosen tragen und ins Fitnessstudio gehen
  • Die Bitches sind das weibliches Äquivalent zum Gangster  – wasserstoffblondiert, Lipgloss und Tanga-tragend, die man im Nachhinein als keineswegs oberflächlicher betrachten kann als die Punker- und Reggae-Mädels.
  • Die Normalos, die in keinerlei Extreme verfallen, nie auffallen.
  • Die StreberInnen haben zwar sehr guter Noten, aber keinen Charakter, was die LehrerInnen aber nicht stört, ganz im Gegenteil.
  • Die Gamer, die meistens  irgendwie auch MetallerInnen sind, mit fettigen langen Haaren, langen Fingernägeln und Bandshirt mit irgendeinem gruseligem Skelett mit leuchtenden Augen drauf, auch immer gut in Mathe oder Physik und werden später Informatiker.

Was aus den anderen wird? Der Vorurteilskette (un-)gemäß wird

  • Der Gangster entweder Grundschullehrer oder Rapper, vermutlich ersteres.
  • Die Bitch bricht die Schule ab, macht eine Ausbildung zur Bankkauffrau und holt dann ihr Fachabitur auf der BOS nach. Heute arbeitet sie als Barfrau im Edel-Nachtclub.
  • Die Punkerin gründet mit 22 eine Familie, engagiert sich aber immer noch kommunalpolitisch.
  • Der Kiffer studiert soziale Arbeit und wird Kindergärtner
  • die Kifferin tritt nach ihrem BWL-Studium der FDP bei und gibt Motivationstalks, in denen sie hofft, mit ihrer „dunklen Vergangenheit“ Profil zu gewinnen.
  • Die Normalos gehen ein Jahr reisen oder machen ein FSJ, dann den Bachelor in Sportwissenschaften, den Master in Industriedesign, und gehen dann doch zur Bundeswehr – da sie nie aus der Bahn schlugen, fällt es ihnen generell schwer, Entscheidungen zu fällen.
  • Die StreberInnen studieren Medizin oder Psychologie oder gehen auf eine Wirtschafts-Eliteuni.

In einem Mikrokosmos wie der Schule fällt es solchen Subkulturen leichter, zu gedeihen, denn wie im Gefängnis bilden sich automatisch Gruppen, die sich dann wieder von anderen Gruppen abgrenzen, die alle zusammen wiederum nur eins gemein haben: die Abgrenzung nach außen. Bei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, beobachteten ForscherInnen, dass es innerhalb einer Affengruppe zu Stellungskämpfen um die Alphaposition kommt, wenn es aber darum geht, die Gruppe nach außen gegen eine andere zu verteidigen, agieren die einzelnen Mitglieder geeint. Auch das „rally-around-the-flag“-Phänomen beschreibt, wie die Popularität eines Präsidenten in Zeiten internationaler Krisen oder Krieg, kurzzeitig steigt**. Die Abgrenzung nach außen scheint eine einende Funktion nach innen zu haben und den Gruppenzusammenhalt zu stärken.

Historisch-kulturell gesehen waren Vorurteile also immer höchst problematisch, weil sie theoretisch instrumentalisierbar sind. Es handelt sich aber möglicherweise um eine biologisch fundierte Reaktion, wie eine Studie nahelegt: „Man zeigt Bilder von Mitgliedern der eigenen Ethnie und von Menschen anderer Ethnien. Bei den Fremden wird im Gehirn besonders jenes System stark aktiviert, das mit Furcht und Flucht zusammenhängt: die Amygdala. Sieht man Menschen der eigenen ethnischen Gruppe, dann dämpft der präfrontale Cortex die Reaktion der Amygdala.“** „[…]stereotype Vorstellungen sind allgegenwärtig und begründen sich aus der Notwendigkeit, neu Auftretendes möglichst in eine bereits vorhandene Beurteilungsschablone einzufügen, um schneller auf eine Situation reagieren zu können. Denn die Fähigkeit zur Verarbeitung von Informationen ist begrenzt, und die Flut eingehender Informationen erfordert Mechanismen der Vereinfachung. Fehlen fundierte eigene Kenntnisse, werden auch Beurteilungen von anderen Personen herangezogen.“ Biologisch gesehen waren Vorurteile also durchaus überlebenswichtig, und die Wahrscheinlichkeit zu sterben, war höher, je weniger Vorurteile man hatte – ob sie nun gerechtfertigt waren oder nicht. Heute gibt es einen pathologischen Namen für diese archaische Angst: Xenophobie, Angst vor Fremdem – eine Angst, die früher wie heute politisch instrumentalisiert wird.

Wobei helfen uns Vorurteile im täglichen Leben heute?

Man hat einen natürlichen Drang, einordnen zu wollen, was man noch nicht kennt, zu definieren, zu benennen, zu katalogisieren. Namen für Menschen und Dinge sind nichts anderes: wenn man „Tisch“ sagt, dann kann man alle Tische auf der Welt meinen, das heißt alles, was unter die Definition „Platte mit Beinen, auf die man Dinge stellen kann“ fällt. Man kann aber auch diesen Tisch meinen, also den, den man unmittelbar vor sich hat, man kann, um noch unmissverständicher zu sein, auch mit dem Finger darauf deuten. Nun scheint klar zu werden, was Begriffe für ein Problem haben: sie verweisen nicht auf ein Einzelding, einen individuellen Gegenstand in der Welt, sondern sie abstrahieren und erschaffen Gegenstandstypen, wovon es dann wiederum einzelne Vertreter gibt, die Einzeldinge (die Ontologie unterscheidet deshalb zwischen Type, dem Allgemeinbegriff, und Token, der Einzelausgabe). Da man aber nun mal nicht für jeden einzelnen Tisch auf der Welt einen anderen Namen erfinden kann, abstrahiert man eben, der Einfachheit halber, schaut, in was für Eigenschaften sich die einzelnen Tische ähneln (Platte, ein bis mehrere Beine) und bezeichnet sie mit demselben Namen, individuiert sie dann nur noch nach Situation („dieser Tisch, nicht der da drüben“) oder durch Beschreibung weiterer Eigenschaften („der Tisch mit drei Beinen und eine Platte aus Eschenholz, usw. …“).

Mit Eigennamen ist es auch so. Wenn ich sage „meine Freundin Jenny“, dann weiß ich zwar, wer gemeint ist, aber du vielleicht nicht. Ebenso mit es mit der Einmaligkeit der Verwendung der Personalpronomen „ich“ und „du„: „„ich“, der sich an „du“ wendet, ist jedes mal durch seine spezifische, situative Verwendung einzig. Zugleich sind „ich“ und „du“ umkehrbar, der als „du“ bezeichnete wird in seiner Rede zum „ich“, der sich mit einem „du“ an das vorherige Sprecher-“Ich“ wendet.“**** Mit anderen Worten: „Ich“ ist zugleich die individuierendste Bezeichnung, weil ich mich damit meine, und doch die allgemeinste, weil es 7 Milliarden andere Menschen auf der Welt gibt, die auch „ich“ sagen und sich damit meinen. Jedoch können wir nicht 7 Milliarden Wörter erfinden, die jeder einzelne Person entsprechen.

Um sinnvoll sprechen zu können, müssen wir also abstrahieren. Wir müssen vom Einzelnen weggehen, es vergleichen mit Anderem, mit Ähnlichem, um zu sehen, worin es sich ähnelt, und dann können wir dem Zusammenschluss dieser Ähnlichkeiten einen Namen geben. „Tisch“, „Stuhl“, „Essen“.

Es tut gut, etwas beschreiben zu können. Es ist angenehm, Dinge einordnen zu können, denn dann kann man sie verstehen. Nur dürfen wir dabei nicht die Schablone, durch die wir die Wirklichkeit beschreiben, mit der Wirklichkeit selbst verwechseln. Das heißt, wir dürfen nicht das Einzelding mit seinen ganz individuellen Eigenschaften vernachlässigen, nur damit wir es in unseren Kategorien-Kasten reinquetschen können.

Ein Gedankenspiel: Die Frau neben dir in der U-Bahn mit pinken Haaren, gepierctem Gesicht und krassem Dialekt ist eine Hochschulprofessorin. Oder der Typ, der die Ganster-Mukke hört, verdient sein Geld nicht mit Drogen dealen, sondern als liebevoller Kindergärtner. Nicht nur begrenzt man andere, indem man sie in Schubladen steckt, sondern auch sich selbst: in der Jugend geben Rollenbilder und Identifikationen mit Subkulturen Halt, später sind es soziale Rollen, in die man sich zwängt, indem man sich so anzieht und gibt, wie andere, die den gleichen Beruf ausüben, oder im selben Freundeskreis sind.

Es gibt eine schöne Szene im Film „der Sternenwanderer“: Tristan sagt: „Ich bin doch nur ein Ladengehilfe.“ Und Yvaine erwidert: „Ich beobachte die Erde schon lange und eins habe ich in all den Jahren gelernt: Dass die Menschen nicht das sind, wonach es auf den ersten Blick aussieht. Es gibt zum Beispiel Ladengehilfen. Und dann gibt es welche, die nur zufällig in einem Laden arbeiten.“ Begreift ihr den Unterschied? Das ist das Wichtigste! Menschen sind nicht durch Definitionen definiert. Tristan arbeitet zwar in einem Laden, aber das definiert ihn nicht! Wie schön es einerseits wäre, wenn man sich selbst ganz klar definieren könnte, mit Eigenschaften, Hobbies und Interessen, die immer gleich blieben. Man würde eine Karikatur von sich selbst werden, man würde immer sagen: „So bin ich nun mal.“ Angenehm, wenn man wüsste, wer man ist, und angenehm auch für andere, die nichts von einem erwarten, denn sie wüssten genau: „So ist sie.“ 

Definitionen beschreiben einen ist-Zustand, während der Mensch sich in einem steten Werden befindet. Begriffe tragen der Dynamik und der veränderbaren, sich ständig verändernden Natur des Menschen nicht Rechnung. Begriffe sind zwar angenehm, weil sie einen in Sicherheit wiegen, weil die Tatsachen oder man selbst so unveränderlich scheinen. Aber was wäre der Mensch ohne die Möglichkeit zur Veränderung? Er wäre tot.

Wir müssen es zulassen, dass sich Kategorien verschieben oder ändern, weil sie der Wirklichkeit nicht mehr ausreichend genügen. Kein Begriff ist so fest, dass er die sprunghafte Wirklichkeit für immer festhalten könnte, denn sie verändert sich ständig, und somit auch die Begriffe.

Lasst euch und eure Wirklichkeit nicht durch Begriffe auf einen starren ist-Zustand festnageln. Sprengt das Begriffskorsett, transzendiert die Begriffe und werdet frei!

Quellen:

* https://en.wikipedia.org/wiki/Rally_%27round_the_flag_effect

** https://www.dasgehirn.info/aktuell/frage-an-das-gehirn/wie-entstehen-vorurteile

*** https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/vorurteil/69918

**** „Die Semiotik des Sozialen: Die Sprach-Konzeption von Émile Benveniste“ von Janine Böckelmann, https://d-nb.info/1049156412/34

Ein Kommentar zu „Stereotypen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s