Der Mentor

Wer hätte nicht gerne einen Mentor?

Wenn wir das Wort hören, denken wir an die Lehrer berühmter Filmhelden: Meister Yoda, Qui-Gon-Jinn und Obi-Wan Kenobi, Albus Dumbledore und Gandalf, oder Dr Cox aus Scrubs. Obwohl im Begriff Mentor mens (lat. Geist) und monere (lat. ermahnen) steckt, leitet er sich tatsächlich von einem Eigennamen ab, nämlich dem des Beraters von Telemachos, Odysseus Sohn in Homers Odyssee. Gleichzeitig kommt mir bei dem Namen ein mögliches Antonym, „Dementor“ in den Sinn und damit die dunklen, seelensaugenden Wesen in J.K.Rowlings Welt, die sich mit Kapuzenmänteln verhüllen, wie übrigens auch einige unserer bekannten Mentoren. Durch das Präfix De- (lat. Von/weg)  rauben die Dementoren einem also den Verstand. Ein Mentor tut das genaue Gegenteil.

Die Helden, die die Mentoren in Filmen ausbilden, sind zumeist zu viel Höherem bestimmt als diese selbst: Anakin und Luke Skywalker, Harry Potter und Frodo Beutlin sind Auserwählte, die die Macht ihrer Welten ins Gleichgewicht zu bringen bestimmt sind, „das Böse“ besiegen sollen. Zu Beginn und im Verlauf ihrer Reise steht ihnen deshalb eine Mentorfigur zur Seite, die ebenso als Vater- oder Großvaterfiguren für sie fungieren (man beachte: alle vier Helden haben keine (anwesenden) Väter!). Der Mentor führt den Schüler aus seiner kindlichen Unschuld hinaus und konfrontiert ihn Schritt für Schritt mit der echten Welt. „You made the first step into a larger world“, sagt Obi-Wan zu Luke im Millenium Falken, als dieser die ersten erfolgreichen Machtübungen absolviert hat.

Aber der Schüler geht nicht ohne Widerstände beim Mentor in die Lehre: Luke frägt sich, ob er bereit ist, die Kosten für die Lehre in Kauf zu nehmen, nämlich das Verlassen seines Elternhauses, die Entledigung seiner Wurzeln. Der Schüler hat immer die freie Wahl: soll er in der Sicherheit seiner bereits bekannten, kleinen Welt(ordnung) bleiben, oder soll er den Schritt ins Unbekannte, da er fühlt, dass er zu Größerem bestimmt ist. Der Mentor wird dem Schüler bei der Entscheidung nicht helfen, es ist seine erste Lektion. Luke indes wird die Entscheidung von außen abgenommen, denn das Imperium ermordet seine Verwandten. Als Luke jedoch Yodas Schüler werden will, stößt er erneut auf Hindernisse, diesmal auf Seiten des Lehrers: Der Meister stellt infrage, ob Luke dazu fähig ist zu verinnerlichen, dass die Welt von den Gesetzmäßigkeiten der Macht  durchdrungen ist, da Luke nach Jedi-Maßstäben schon viel zu lange in der alten Welt ohne Macht gelebt hat. Die neue Welt ist hier eine geistliche, in der sich die Materie mit dem Geist, der Macht, beherrschen lässt. Yoda findet Luke zu „verweltlicht“[1] und bezweifelt, dass Lukes Maßstäbe der ihm bekannten Welt noch ins Wanken gebracht werden können, was für das Erlernen der Macht maßgeblich ist („Vergessen du musst, was früher du gelernt“).
Es ist nicht die Aufgabe des Mentors, die Welt des Schülers zu erschüttern, die Maßstäbe, ob moralischer, ethischer oder physischer Natur, ins Wanken zu bringen. Die erste Lektion des Schülers ist es, seine alte Welt zu zerstören und somit Platz für Neues zu schaffen.

Was uns an den ikonischen Mentoren so fasziniert, ist nicht unbedingt, dass sie grenzenloses Wissen oder besondere Stärke besitzen. Zwar sind sie herausragende Beherrscher ihrer jeweiligen Kunst, doch ist es nicht ihre besondere Schwertkampftechnik, oder Zauberkraft, die sie auszeichnen. Auch spielen sie im Verlauf der jeweiligen Geschichten keine entscheidende Rolle: die Helden übernehmen im Kampf gegen das Böse das Ruder, während die Mentoren sie für diesen Kampf lediglich ausbilden. Oft sind sie eher passiv, nehmen an entscheidenden Kämpfen nicht teil, spielen die Rolle des Vermittlers oder ziehen Strippen im Hintergrund.

Die charakterisierende Eigenschaft des Mentors ist Weisheit. Diese verkörpert er durch eine charakteristische Physis. Mentoren sind allesamt alte Greise, haben viele Falten und oft lange, weiße Bärte. Was charakterisiert Weisheit im Gegensatz zu Wissen? “For even the very wise cannot see all ends“ sagt Gandalf, was für uns so viel heißen soll, wie: Der Weiseste weiß noch lange nicht alles. Wissen ist mit Weisheit nicht identisch, und auch die Vermittlung von Wissen ist nicht die primäre Aufgabe des Mentors. Vielmehr scheint es oft so, dass die Mentoren mit ihren Aphorismen mehr verwirren, als belehren. Man könnte eine Liste erstellen mit der Art kryptischer Sätze, die Mentoren ihren Helden vor die Füße zu werfen pflegen:

„Das tun alle, die solche Zeiten erleben. Aber es ist nicht an uns, das zu entscheiden. Wir müssen nur entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen wollen, die uns gegeben ist.“ (Gandalf)

“Wer ist der größere Tor? Der Tor, oder der Tor, der ihm folgt?“ (Obi-Wan Kenobi)

„Tue es oder tue es nicht. Es gibt kein Versuchen.“ (Meister Yoda)

„Viel mehr als unsere Fähigkeiten, sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind.“ (Dumbledore)

“Flieht, ihr Narren.” (Gandalf)

Nur Gandalf, wie wir anhand des letzten Zitates sehen, gibt klare Handlungsanweisungen. Meist jedoch antwortet der Mentor in Form Poesiealbum zierender Gleichnisse, während die Held im Augenblick großer Not eine konkrete Antwort erwartet. Frustriert und verzweifelt wendet er sich also ab, um auf eigene Faust zu handeln. Aber die Worte klingen des Mentors klingen ihm noch in den Ohren, manchmal völlig unerwartet, und oft erst in dem Augenblick, in dem sie Sinn machen.

Früher oder später kommt auf den Helden eine Aufgabe zu, bei der ihm der Mentor nicht mehr helfen kann, und die oft den Abschluss seiner Ausbildung symbolisiert. Er bittet vergeblich den Mentor um Rat, der ihm nicht mit Wissen, sondern mit Weisheit antwortet. Der junge, unreife Schüler reagiert enttäuscht und entmutigt und wendet sich beleidigt vom Mentor ab, verwirft seine Lehren für kurze Zeit vielleicht sogar völlig. Aber der leichte Weg ist nicht immer der richtige Weg (Dumbledore) und die kurzfristig befriedigende Antwort auf eine Frage nicht immer auf lange Sicht hilfreich. Der Mentor ist kein Lehrer. Er gibt keine Fragen auf Antworten, sondern hilft dem Schüler, die Antwort selbst zu finden. Er vereint Lehrerrolle einerseits und Elternrolle andererseits, bringt seinem Schüler alles bei, was er weiß, nimmt aber auch Einfluss auf seinen Reifungsprozess und erzieht ihn zu einem Individuum, das selbständig denkt und handelt. Der Mentor unterstützt den Schüler bei seiner Selbstwerdung. Er hilft ihm letzten Endes auch dabei, sich von ihm zu emanzipieren und unabhängig zu werden. Das bedeutet aber auch, dass dieser Prozess der Abnabelung sehr schmerzvoll für den Schüler ist und aus dramaturgischen Gründen im Film nicht selten mit dem Tod des Mentors einhergeht. Die Unabhängigkeit des Schülers wird somit auf radikale Weise symbolisiert. Er wird gewaltsam aus dem Nest gestoßen. Nach Dumbledores Tod wird Harry mit Gerüchten über ihn konfrontiert, was ihn dazu veranlasst, sein idealisiertes Bild von ihm infrage zu stellen. Er kann Dumbledore nicht persönlich fragen und ist nur auf sein eigenes Urteilsvermögen angewiesen. Die Gemeinschaft des Ringes verliert Gandalf und damit ihren Führer, und Luke verliert seine Lehrmeister Obi-Wan, und schließlich Yoda. Der verfrüht scheinende Tod der Mentoren könnte in Wahrheit aber auch ihr Unwille sein, ihre Schüler gehen zu lassen. Mentoren brauchen ihre Schüler ebenso sehr und wenn nicht sogar mehr, als die Schüler sie brauchen. Die einzige Lösung ist also, dass sie selber gehen.

Betrachten wir den Entwicklungsprozess des Schülers im Wechselspiel mit dem Mentor unter dem Dreischritt von Hegel:

  • Der Schüler ist identisch mit sich. Er ist autonom.
  • Der Schüler negiert sich, tritt aus sich heraus, indem er sich ganz der Unterweisung des Mentors anvertraut.
  • Synthese: Der Schüler emanzipiert sich vom Lehrer. Die Gegensätze werden vereint: der Schüler erlangt seine Identität zurück und hat gleichzeitig die Lehre verinnerlicht. => neues Ich.

Der Schüler braucht den Mentor, um zu wachsen, aber auch der Mentor braucht den Schüler, der seine Lehren empfängt. Ein Mentor ist immer ein Mentor für jemanden, genauso wie der Schüler immer der Schüler von jemandem ist. Ohne dieses gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis sind beide nur jung und naiv und alt und weise, in einem statischen, unbeweglichen Zustand. Indem sie das Verhältnis eingehen, werden sie in Bewegung versetzt. Der Schüler reift durch den Einfluss des Mentors, und auch der Mentor entwickelt sich weiter, indem er die Weisheit seines Lebens auf dem Schüler abdrückt, einem zukünftigen Mentor.

[1]  Es wird sich später herausstellen, dass genau das positiv war. Die Jedi-Ritter legten zu den Zeiten ihres Ordens in der Republik eine strenge Etikette an den Tag: ein strenges Auswahlverfahren trennten die Nachwuchs-Jedi sehr früh von ihrer Familie und ihnen war zeit ihres Lebens emotionale Beziehungen untersagt. Außerdem war der Orden sehr bürokratisiert und korrupt, was zu Anakins Seitenwechsel maßgeblich beitrug. Ich finde hier Analogien zur katholischen Kirche, auch wenn ich Meister Yoda, der gerne Jünglinge unterrichtete, beileibe Nichts unterstellen will.

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