Gedanken über Sprache

Der Titel ist sehr weit gefasst, aber Zündstoff für diesen Artikel ist ein Essay mit dem Titel „Radikaler Kontruktivismus“ von Ernst von Glaserfeld, der mehrsprachig aufgewachsen ist.

Ich zeige mal kurz die ganze Passage:

„Für ein Kind ist das Lernen von zwei oder drei Sprachen kein Problem, wenn die Sprachen in der täglichen Umgebung gesprochen werden. Tatsächlich ist sich das Kind in der Regel nicht bewußt, daß es mit verschiedenen Menschen unterschiedliche Sprachen spricht. Wenn es jedoch älter wird, kommt der Zeitpunkt, da allmählich die ersten ehrfurchtgebietenden Fragen auftauchen. Dies beginnt mit der Pubertät. Du stehst vor dem Spiegel und fragst dich zum ersten Mal: Wer bin ich? Warum bin ich hier? Was bedeutet das alles? Was ist Wirklichkeit? – Und die Philosophie beginnt.

An diesem Punkt taucht, wenn Sie so aufgewachsen sind wie ich, eine weitere Frage auf. Sie sagen sich, wenn ich Italienisch spreche, scheine ich die Welt anders zu betrachten, als wenn ich Englisch oder Deutsch spreche. Sie erkennen, daß dies nicht einfach nur eine Frage des Wortschatzes oder der Grammatik ist, sondern mit den Begriffen zu tun hat. Und das führt unvermeidlich zu der Frage, welche dieser Sehweisen die richtige sein mag. Aber dann erkennen Sie, weil Sie unter Menschen gelebt haben, die mit ihrer Art, die Welt zu betrachten, ganz gut zurechtkommen, daß dies eine dumme Frage ist. Aller Sprecher einer Sprache denken natürlich, daß ihre Weise, die Welt zu betrachten, die „richtige“ ist. Nach einer Weile gelangen wir zu dem Schluß, daß jede Gruppe für sich recht hat und daß es außerhalb der Gruppen keine Richtigkeit gibt. Und dann stellen Sie fest, daß es sogar zwischen den Menschen einer Sprachgruppe begriffliche Differenzen gibt.“ S. 46

Auch ich wuchs bilingual auf. Dabei decken sich meine Erfahrungen mit dem, was Glaserfeld sagt: als Kind ist man sich nicht bewusst, dass man verschiedene Sprachen spricht. Man ist sich nur bewusst, dass man anders in unterschiedlichen Kontexten spricht, zum Beispiel wenn man die Familie im anderen Land besucht. Eine Situation aus meiner Kindheit verdeutlicht das ganz gut: ich bat meinen französischen Opa, mir aus einem bestimmten Buch vorzulesen. Meine Mutter wies mich darauf hin, dass das Buch deutsch war. Aber meine Bitte war wohlüberlegt: es handelte sich um ein Gegenteil-Buch – der Vogel sitzt AUF dem Baum, auf der nächsten Seite sitzt er UNTER dem Baum, die Katze sitzt RECHTS neben der Milchschüssel, dann wieder links, und so weiter. Und das Gegenteil von deutsch war für mich französisch. Mein Gedankengang war für mich absolut logisch gewesen. Ich ging demnach also zurecht davon aus, dass mein Opa dann zumindest eine Seite lesen könnte. Das Gegenteil von deutsch ist aber nicht französisch, meine Prämisse war falsch. Es gibt noch viele andere Sprachen, erklärte mir meine Mutter. Ich glaube, in diesem Moment implodierte mein Weltbild. Aber als Kind ist das wohl einfacher zu verkraften, als im Erwachsenenalter. Wenn man Kind ist, implodiert das eigene Weltbild andauernd, weil es durch neue Erkenntnisse ständig umgewälzt wird. Kinder haben wahrscheinlich eine viel dickere Haut, als wir ihnen zutrauen. Aber vielleicht wissen sie auch einfach besser, Prioritäten zu setzen („Ist doch egal, was etwas ist, solange ich nur weiß, wie ich es einsetzen muss, um Nachtisch zu bekommen“).

Wie auch immer. Wo waren wir? Ah ja. Nein, das Gegenteil von französisch ist nicht deutsch. Aber ich als Kind hatte diese Opposition in meinem Gehirn konstruiert, wahrscheinlich, weil die Kontexte dieser zwei Sprachen durch die veränderte Umgebung und die Urlaubs- versus Alltagssituation so gegensätzlich anmuteten. Auch war diese Opposition so absolut für mich, weil ich noch keine anderen Sprachen kannte. Für mich gab es also nur das eine und das andere. Eine Opposition ist also naheliegend. Durch die zusätzliche Information, dass es nicht nur zwei, sondern viele Sprachen gibt, löste sich mein Weltbild von zwei sich gegenüberstehenden Oppositionen auf und an seine Stelle trat ein nuancierteres Bild – nicht mehr schwarz und weiß, sondern eine Farbpalette.

Weiter lässt sich über Sprache im Gegensatz zu anderen Sprachen sagen, dass man sie vermutlich nie objektiv betrachten kann. Man erlernt eine Sprache in einem bestimmten sozialen und kulturellen Kontext, und Bilder und Emotionen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Dies gilt auch für Sprachen, die man mittels App oder Sprachkurs erlernt, ohne zuvor das Land besucht zu haben. Aber auch Sprachbilder geben einer Sprache Farbe. Viele Metaphern sind in verschiedenen Sprachen gleich, das zeigt, wie ähnlich wir über Sprachgrenzen hinweg doch denken. Viele Redensarten aber beruhen auf historischen Anspielungen oder sozialen Kontexten und unterscheiden sich von Region zu Region, sogar von Ort zu Ort, und wenn man an Insider-Witze denkt, auch von Freundeskreis zu Freundeskreis.

Sprache ist nicht der Versuch, eine äußere Wirklichkeit so objektiv wie möglich zu beschreiben.

Schauen wir uns einen weiteren Abschnitt im selben Buch an, diesmal im Essay „Ethik und Kybernetik zweiter Ordnung“ von Heinz von Foerster.

„Nur die naiven glauben, daß Magie erklärt werden kann. Magie kann nicht erklärt werden. Magie kann nur praktiziert werden, wie Sie alle sehr gut wissen. Das Nachdenken über die Magie der Sprache gleicht dem Nachdenken über eine Theorie des Gehirns. So sehr man ein Gehirn braucht, um über eine Theorie des Gehirns nachzudenken, so sehr braucht man die Magie der Sprache, um über die Magie der Sprache nachzudenken. Es ist die Magie dieser Vorstellungen, daß sie sich selbst brauchen, um existieren zu können. Sie sind zweiter Ordnung. Und indem die Sprache ständig von sich selbst spricht, schützt sie sich auch gegen Erklärung.“ S.85/86

Er beschreibt die Sprache als zweigleisig. Sie beschreibt einerseits die Welt, ist also deskriptiv, andererseits ist sie aber auch selbst Teil davon, ist also funktionell. Hier stellt sich wieder das Problem, wo der radikale Konstruktivismus greift: Wie kann man etwas beschreiben oder von etwas objektiv Erkenntnis erlangen, dessen Teil man ist, ein Teil, der, indem er beschreibt, das, was er zu beschreiben versucht, verändert.

___________________________

Quelle: Kurzzeittherapie und Wirklichkeit. Eine Einführung, Paul Watzlawick u. Giorgio Nardone (Hrsg.), Piper Verlag GmbH, 2001, München

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s