Die Ameise

Gerade sah ich auf meiner Buchseite eine Ameise.

Anscheinend hatte ich sie beim Lesen am Fluss zwischen den Seiten eingeklemmt, und nun hinkte sie ganz verkrüppelt auf „nach Prag“ herum.

Ich sah, wie sie ihre winzigen Glieder mit letzten Kräften versuchte, aufzurichten, sah, wie sie verzweifelt den Versuch unternahm, vorwärtszukommen, während ich wusste, was sie nicht wusste.

Ich konnte es nicht lange mit ansehen, ich kannte die Wahrheit, die sie nicht wahrhaben wollte, vielleicht nicht wahrhaben konnte, nämlich, dass es aussichtslos war.

Ich tat also das einzig Barmherzige, das man in so einer Situation tun kann, und auch die Verantwortung hat, zu tun:

Ich beendete ihr Kämpfen und ihr Leid mit einer schnellen Bewegung meines Zeigefingers, was mich körperlich kaum Mühe kostete. Auch die Überwindung war nicht groß, da ich sie ja nicht weiter leiden lassen konnte.

Dennoch beendete ich mit dieser kurzen Geste ein Leben.

Obwohl ich es eigentlich schon vorher beendet hatte.

Das Urteil war bereits gefällt, als ich nachlässig das Buch zuklappte.

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