Auf Spurensuche mit Anna Dietze

Etwa hüfthoch ragen drei Säulen im Ausstellungsraum in die Höhe. Eine ist bestückt mit einem kleinen Glaskasten, der ein Fellknäuel enthält. Es ist Echthaar, organisch. Eine andere ist mit einer quellenden Masse garniert, die wie Zuckerwatte aussieht. Diese Assoziation verhärtet sich durch die rosa-weiße Ästhetik der restlichen Ausstellungsstücke von Anna Dietze. Dabei will uns die Künstlerin keineswegs in Watte packen. Im Gegenteil.

Die Säulen sehen zwar aus wie Marmorsäulen, sind es aber nicht. Sie sind mit einer Folie in Marmoroptik beklebt. Allerdings versuchen die Säulen ihre Künstlichkeit nicht zu verbergen: an den Ecken sind noch die Spanplatten zu sehen. Es sind also weniger die Säulen, die versuchen, eine Marmoroptik zu erzielen, sondern die Platten, aus deren Zusammensetzung die Säulen erst entstehen. Die Platten ahmen die Beschaffenheit eines anderen Naturmaterials, als dem, aus dem sie tatsächlich bestehen, nach, versuchen aber nicht, diese Nachahmung zu verstecken. Sie stehen offen zu ihrer Künstlichkeit und trotzen mit diesem Selbstbewusstsein einer möglichen Abwertung. Man neigt schnell, vorschnell, dazu, Dinge abzuwerten, weil sie „nicht echt“ oder „künstlich“ sind. Die Marmorsäulen geben zwar vor, uns täuschen zu wollen, wissen aber genau, dass sie es nicht tun, weil die optische Täuschung durch das Hervorlugen des wahren Materials zu unperfekt ist, als dass es einer aufrichtigen Motivation entsprungen sein könnte, uns in die Irre zu führen. Die Säulen täuschen, aber nicht perfekt, indem sie Natürlichkeit nachahmen, aber ihre Künstlichkeit nicht verheimlichen. Auch das Internet ist künstlich, weil es natürliche Netzwerke nachahmt, aber nie vorgibt, ein natürliches Produkt zu sein. Ebenso geht es uns, wenn wir soziale Medien benutzen: wir sind uns dessen bewusst, dass wir eine Scheinwelt betreten. Die Scheinwelt selbst macht keinen Hehl daraus, es ist normal und sogar erwünscht, dass man die Bilder, die man auf diesen Plattformen hochlädt, mit einem Filter oder anderweitig bearbeitet werden. Künstlich sind. Nicht der Realität entsprechen. Aber entspricht etwas nicht der Realität, nur weil es künstlich ist? Die digitalen Medien täuschen uns offensichtlich. Sie versuchen nicht, die Realität wiederzugeben, geben aber auch nicht vor, es zu wollen. Aber wer könnte sich nicht wünschen, in den immateriellen, rosaroten Blasen, in die uns der Algorithmus des Internets packt, zu verweilen? Ist es etwa menschlich, allzu menschlich, sich gerne täuschen zu lassen?

Eine Serie aus 9 Bildern, angeordnet drei mal drei. Im Vordergrund getupfte rosa-weiße, rosa und weiße Gebilde. Der Hintergrund ist der des Materials: braunes Papier – organisch. Die Tupfen sehen auf den ersten Blick anorganisch aus, wie ein Feuerwerk oder das in Gehirn-Dokumentationen oft visualisierte Aufleuchten von Synapsen. Auf den zweiten Blick ähnelt das Gebilde oben links eine Vulva, das darunter der Explosion einer Atombombe, das wiederrum darunter einer Mitose – eine Trinität aus Leben, Tod, Leben. Die anderen Bilder pendeln ebenfalls zwischen zwei Assoziationen: Zellen oder Sterne, Zellhaufen oder Galaxien, Mikrokosmos oder Makrokosmos? Die Künstlerin sagt, sie habe herausfinden wollen, was an Eindrücken bei ihr übrigbleibt, nachdem sie sich mit der Flut an Informationen in der virtuellen Welt konfrontiert. Die Bilder ähneln auch den changierenden Farbfiguren, die man auf der Lidinnenseite sieht, wenn man die Augen schließt – das, was vom Gesehenen übrigbleibt, wenn man das Sehen für einen Moment ausschaltet. Das mittlere Bild unten sieht aus wie eine Hand. An den weißen Fingern klebt rosa die Spur, ein Fingerabdruck. Der Fingerabdruck ist bei jedem individuell, unterscheidet einen von anderen, macht einen identifizierbar. Der Fingerabdruck im digitalen Raum ist die Spur, die wir hinterlassen, wenn wir ihn durchschreiten.

Auch auf einer Glasplatte, eingefasst in einen mit rosa Latex überspannten Rahmen, sind Spuren von Fingern zu sehen. Die fettigen Spuren auf Smartphone-Bildschirmen sind die physische Signatur unserer Bewegung im Digitalen. Durch eine zweidimensionale Scheibe greifen wir auf den digitalen Raum zu, von dem wir nicht wissen: ist er ein-, zwei-, dreidimensional? Ist er eine neue Dimension? Als Kinder fangen wir an, die Welt mit unseren Sinnen zu erkunden. Der Tastsinn spielt dabei die größte Rolle. Wir erschließen uns unseren Lebensraum haptisch, aber auch nur aufgrund der haptischen Eigenschaften dieses Raumes. Durch die Räumlichkeit der Welt entsteht in uns ein räumlicher Eindruck von der Welt. Das Einzige hingegen, was am digitalen Raum haptisch erfahrbar ist, ist die Mattscheibe unserer Tablets, Smartphones und Fernseher – die physische Schranke zu einem anorganischen, nicht physischen Raum. Ist die Digitalität eine neue Dimension, eine nämlich, die nicht an sich räumlich ist, aber dem Raum anhaftet, ihn durchdringt, ihn mit Informationen ausstattet und diese zugänglich macht? Was bleibt von ihr im Physischen übrig? Nur fettige Fingerabdrücke auf Glas?

„Denn das Internet hat die Tendenz, alles zu sammeln und nichts zu vergessen. Es gleicht darin einem gewaltigen kulturellen Gedächtnis, das alle Informationen durch seine Zeitlosigkeit nebeneinander verortet. Damit stellt sich das Problem des Vergessens. Die Bedeutung von Inhalten ermisst sich daran, wie intensiv sie vernetzt sind und wie gut sie gefunden werden. Existenz wird damit in ein enges Verhältnis zu Gefundenwerden gebracht. Die Nutzer des Netzes können durch ihr spezifisches Suchverhalten individuiert werden.“ – Jörg Noller

Die physische Spur aus Fett gibt keinen Eindruck davon, welche gigantische Spur wir im digitalen Netz hinterlassen. Anna Dietzes humanistische Antwort darauf ist die von ihr künstlich erschaffene Figur „Arla“. Sie hat grüne, in alle Richtungen abstehende Haare und einen grünen Clownsmund und trägt einen weißen Overall. Ihr Name ist ein Akronym aus den Vornamen der Künstlerin.* Arla mag es, ihr Haustier, das Fellknäuel in dem Kasten auf der Marmorsäule zu streicheln, oder sich streicheln zu lassen, von einer bunten, an Seilen von der Decke baumelnden lila-blauen Perücke, so zeigt es jedenfalls der 6-minütige Film, der, rosa gerahmt, ein kurzes Porträt von Arla zeigt. Arla scheint ein sehr großes Bedürfnis nach Haptik zu haben – sie berührt gerne und lässt sich auch gerne selbst berühren. Das drückt einerseits eine Affinität zu Organischem aus, lässt aber auch Rückschlüsse auf organische Eigenschaften Arlas zu.
Arla ist der Versuch, dem Algorithmus ein Schnippchen zu schlagen. Sie ist nämlich beispiellos – und macht den Algorithmus ratlos. Arla ist auf kein Geschlecht festgelegt, sondern bewegt sich frei auf dem Genderspektrum hin und her, sie ist genderfluid. Die Algorithmen, die die Filterblase generieren, arbeiten sehr polar: trennen strickt zwischen männlich und weiblich, ziehen andere Identitäten gar nicht in Betracht und schreiben dem Männlichen und Weiblichen stereotype Interessen und Eigenschaften zu. Arla lässt sich zwar in keine Kategorie einordnen, aber reist sie damit automatisch auch inkognito durch den digitalen Raum? Durch ihr untypisches Äußeres und ihre Genderfluidität, ist sie zunächst in kein gängiges Sterotyp einzuordnen. Sie bliebe also unerkannt, sobald sie den Raum beträte. Aber sobald sie sich bewegte, würde sie zwangsläufig auch eine Spur hinterlassen. Der Algorithmus, der unsere Bewegungen im Netz verfolgt, um dann auf unsere Bedürfnisse zugeschneidert zu werben, setzt aus unseren Bewegungen ein Muster zusammen, das Vorhersagen zulässt. Wenn Arla sich nicht bewegt, bleibt sie zwar unerkannt, aber sobald sie sich daran machen würde, den Raum zu erkunden, entstünde schon die erste Spur. Arla wäre also zwar unerkannt, aber gefangen, weil sie den digitalen Raum, in dem jede Bewegung aufgezeichnet wird, nicht erkunden kann. Die einzige Möglichkeit bestünde für sie also darin, sich so widersprüchlich zu bewegen, dass der Algorithmus trotz der Bewegung kein Muster zeichnen könnte. Das könnte so aussehen: Arla schaut sich in der Google-Bilder-Suche Langhaarfrisuren an. Dann schaut sie sich Kurzhaarfrisuren an. Arla hört sich das neue Rammstein-Album an. Danach hört sie sich Miley Cirus an. Arla bestellt ein SM-Fesselset. Danach bestellt sie sich eine Blümchensexdecke. Arla liest die Hegels Phänomenologie des Geistes. Danach liest sie … was auch immer. Arla widerspricht sich fortwährend selbst. Der Algorithmus könnte kein Muster erkennen und Arlas Verhalten nicht vorhersagen.
Das Problem des Internets ist aber auch seine Zeitlosigkeit, seine potentielle Unendlichkeit, was es zutiefst inhuman macht. Die Informationen aus der Spur eines Nutzers ergeben ein räumliches Bild. Der Mensch ist zwar auch räumlich, die Zeit definiert ihn jedoch vielmehr: Die Biographie eines Menschen ist hingegen chronologisch und endlich. „Der Mensch ist Zeit auf zwei Beinen“, so der französische Philosoph Henri Bergson**. Im Internet sind unsere Avatare, also die Persönlichkeitsprofile, die anhand der gesammelten Daten zustande kommen, potentiell unsterblich. Wir als physische Wesen jedoch nicht. Was heute für einen zutrifft, muss morgen nicht automatisch auch zutreffen. Was wir heute lieben, hassen wir womöglich schon morgen. Diese Dimension unserer Entwicklung, unsere ständige Veränderung, ist durch das bloß quantitative Anhäufen von Informationen über uns nicht zu durchdringen. Das Internet versucht uns mit seinen mathematisch-statistischen Instrumenten und Methoden zu determinierten Wesen zu machen, deren Verhalten man genau bestimmen und voraussagen kann. In einem Artikel über die Ausstellung schreibt die Autorin Anna-Elisa Jakob treffend, Arla sei ein Experiment, „[u]m künstlerisch zu ergründen, ob sich die Algorithmen nicht durch Selbstreflexion überwinden lassen.“*** Arla verkörpert die zutiefst humane Eigenart, widersprüchlich zu sein, und zwar nicht nur, indem man durch kognitive Dissonanz Widersprüche im eigenen Wesen zu Gunsten des eigenen Selbstbildes verdrängt, sondern die Widersprüche aktiv zu vereinen: Arla ist sowohl männlich, als auch weiblich, nicht präferenzlos, also eine Abwesenheit von definierenden Eigenschaften, sondern eine Präferenz-Fülle. Dem kalt-kalkulierenden Algorithmus setzt Arla den Mut zur Widersprüchlichkeit entgegen und vor allem das, was wir uns als Menschen vor Maschinen oder künstlicher Intelligenz immer noch vorbehalten: einen freien Willen, der nicht algorithmisierbar ist.

*Die Verwendung des Pronomens „sie“, trotz der Geschlechtslosigkeit von Arla, geht auf die Künstlerin selbst zurück. Im Rahmen des Artikels finde ich es auch angebracht, „sie“ zu verwenden, da sich Arla als organische Persönlichkeit dem anorganischen, neutralen „Es“ des Internets entgegensetzt. Allerdings soll das Pronomen „sie“ keine geschlechtsspezifischen Zuschreibungen implizieren.

Kick in the Door von Anna Dietze und Andrej Auch in der KVD-Galerie bis 30. Juni.

Quellen:

  • Jörg Noller, Seminar über Digitalität, 10. Sitzung

** zitiert nach: Raphael Enthoven mit Elie During, Sendung über „Zeit“, arte philosophie

***Anna-Elisa Jakob, SZ-Artikel vom 6.6.19: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/dachau/neue-kvd-mitglieder-stellen-aus-die-trauen-sich-was-1.4476200

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