Breaking Bad

Die vielfach preisgekrönte Serie Breaking Bad zeigt mit dem genialen Brian Cranston in der Hauptrolle den moralischen Verfall des Walter White, einem an Lungenkrebs erkrankten High-School-Lehrer und verkannten Chemiker-Genie.

Da er sich wegen seiner Krebserkrankung mit seinem eigenen Tod auseinandersetzen muss, realisiert Walter, dass ohne ihn seine Familie finanziell auf sich alleine gestellt wäre. Um schnell an viel Geld zu kommen, beschließt er, mit seinem ehemaligen Schüler Jesse Pinkman, Crystal Meth herzustellen. Anfangs kochen sie noch amateurhaft in einem Wohnmobil in der Wüste rund um Albuquerque, später stellen sie im professionellen Labor Unmengen der Droge her – im Auftrag ihres Arbeitgebers Gustavo Fring, dem größten Methamphetamin-Verteiler des Südwestens der Vereinigten Staaten. Walter begibt sich im Laufe seiner Karriere als Krimineller in immer gefährlichere und skrupellosere Gangster-Kreise und wird selbst zum gefährlichsten, skrupellosesten von ihnen – er wird zu seinem Alter-Ego Heisenberg. Seine Frau Skyler, seinen Sohn Walter Jr und seine neugeborene Tochter Holly hält er aus seinen kriminellen Machenschaften heraus, zumal sein Schwager Hank ein DEA-Agent ist (DEA = Drug Enforcement Agency). Am Ende der zweiten Staffel findet Skyler heraus, was Walter wirklich treibt, nach langem Ringen erklärt sie sich aber dazu bereit, ihm dabei zu helfen, dass Drogengeld zu waschen.

Es gibt viele Meinungen darüber, ab welchem Punkt von Walters Reise sich der Zuschauer nicht mehr mit ihm identifizieren kann, ab welchem Punkt er unwiderruflich „bad breaked“.
Die Liste von Walts besonders unehrenhaften Faux-Pas ist lang, selbst wenn man mit dem Gangster-Maßstab misst. Er erpresst Jesse, der ihn als Freund ansieht, sogar mehrfach. Er sieht dessen Freundin tatenlos beim Sterben zu. Er vergiftet ein Kind. Er tötet seine Gegner und löst sie in Säure auf. Er tötet Mike, den Prinzipientreuesten unter den Kriminellen und Publikumsliebling, aus einer Laune heraus. Er lässt elf Gefängnisinsassen töten, weil sie eine möglich undichte Stelle darstellen.
Und immer findet er eine legitime Rechtfertigung für seine Taten. Am Anfang der Serie kann man sich noch zu 100% mit Walter identifizieren, wie er aus Angst und Schuld heraus das Gesetz missachtet, um ein durchaus ehrenhaftes und selbstloses Ziel zu erreichen, seiner Familie einen großzügigen Nachlass zu hinterlassen. Aber im weiteren Verlauf und mit steigendem Grad der Reinheit des Meths sinkt der seiner Moralität – um wie viel und wie schnell, das hängt von der Toleranz des Zuschauers ab. Die Frage, ob Walt tatsächlich das ist, was wir als böse gelernt haben, zu bezeichnen, steht immer im Raum. Und obwohl sein Motiv immer seine Familie bleibt, obwohl der Zweck seines Handelns in seinen Augen immer ein guter ist,  kann man dennoch den Gedanken nicht abschütteln, dass dieser Zweck all seine furchtbaren Mittel nicht heiligt. Und am Ende kann man sich nicht entwehren zu denken: War es das wirklich wert? Und das war es, wahrhaftig, nicht.

Wegen des Kraters, der die krasse Diskrepanz zwischen seinen zwei Rollen in seine Persönlichkeit reißt – auf der einen Seite der besorgten Familienvater, der für seine Familie alles tun würde und auf der anderen der skrupellosen Gangster, der niemanden emotional an sich heranlässt und seine engsten Freunde und Verwandten schamlos manipuliert – erfindet Walter den Namen „Heisenberg“. Mit diesem Namen schafft er es, seine kriminelle Existenz klar von seine familiär-gutbürgerlichen klar voneinander abzugrenzen und sich in beiden glaubwürdig zu verhalten. Anfangs sind seine Lügen noch zaghaft und einstudiert, später gehen sie ihm wie nichts von den Lippen, als sagte er die Wahrheit; aber was die Wahrheit ist, das hat er vielleicht sogar selbst vergessen. Es gelingt ihm sogar ziemlich lang, diese Fassade aufrechtzuerhalten. Psychologisch gesehen ist das eine ziemlich verstörende Meisterleistung, denn dieses Doppelleben würde schwerlich jemand anderes ertragen, wie man an Skyler sieht, als sie ein Teil davon wird.

Bei der ganzen Entwicklung vergisst man aber zu berücksichtigen, dass Walter White am Anfang nicht etwa nur ein hingebungsvoller Familienvater ist, sondern ein wahrlich gescheiterter Mann. Seine ehemaligen Freunde und Geschäftspartner führen ein milliardenschweres Unternehmen, das auf Walters Forschungsergebnissen aufbaut, während dieser sich seinen Anteil an der Firma damals für 5000$ hat auszahlen lassen und nun sein Talent als High-School-Lehrer vergeudet, während die Famliie akribisch auf ihre Ausgaben achten muss.
Bei seinen kriminellen Unternehmungen jedoch macht Walter keine halben Sachen: sein Meth ist zu 99% rein und diese Qualität ist er auch bestrebt, zu halten. Seinen Gegnern, wie auch Partnern, ist er geistig immer einen Schritt voraus und lernt, sie einzuschüchtern, zu manipulieren. Die Jahre seiner mediokren Existenz im Schatten seiner ehemaligen, nun reichen Geschäftspartner und seines testosterongeladenen Vetters, kompensiert Walt in seiner kriminellen Doppelexistenz. Er entwickelt einen starken Drang, sich zu beweisen, einen nicht zu stillenden Machthunger, und den Wunsch, niemandem Rechenschaft schuldig und untergeben zu sein. Am Ende der Serie weicht Walter endlich von seiner üblichen Rechtfertigung ab, er habe alles nur für seine Familie getan und gibt zu oder erkennt erst dann selbst: „I did it for me. I liked it. I was good at it.“*

Der entscheidende Grund für die Entwicklung Walters ist, glaube ich, sein drohender eigener Tod. Seine Ärzte fällen zwar noch kein Todesurteil, dennoch sieht es für ihn nie besonders gut aus, auch nach dem Erfolg seiner ersten Chemotherapie. Der frühzeitige Tod ist für Walter also immer nur eine Frage der Zeit.

Die Möglichkeit seines eigenen Todes verschiebt Walts Parameter von gut und böse, von richtig und falsch. Denn im Grunde hat für gesunde Personen der eigene Tod im eigenen Leben nichts zu suchen.  Man hat nichts mit seinem eigenen Tod zu tun, denn wenn er eintritt, ist man selbst nicht mehr und ist man, ist der Tod nicht, wie Sokrates sagte. Das Leben und der Tod sind Antagonisten, denn existiert das eine, tut es das andere nicht – sie können nicht beide gleichzeitig anwesend sein. Deswegen ist es für Walt fatal, weil ihm sein eigener Tod ständig präsent ist – anfangs nur durch seinen Krebs, später jedoch immer stärker, wenn er seine kriminellen Machenschaften ausweitet und sich und seine Familie großen Bedrohungen aussetzt.

Alle anderen Charaktere der Serie, vom austickenden Tuco bis zum genialen Gus Fring, vom diabolisch-debilen Don Eladio bis zur letal-larmoyanten Lydia, ist keiner in der Lage, seinen eigenen Tod in Betracht zu ziehen – sie alle fürchten sich vorm Tod. Nicht so Walter, der sich schon lange mit seiner Möglichkeit abgefunden hat. Ihm geht es erst nur um sein Vermächtnis, und schließlich nur noch um den Kick, der nicht groß genug sein kann im Angesicht seines ohnehin nahenden Todes durch den Krebs. Erst geht es um einen Sinn, der außerhalb seiner selbst liegt, später wird das Mittel, wie er diesen Sinn erschafft, selbst zum Zweck, zum Sinn.

Walt tappt in die YOLO-Falle (Portejoie:2017): die Präsenz seines eigenen Todes lässt ihn nicht besonnen, dankbar und demütig, sondern abgestumpft, kalt und berechnend werden. Da er „jeden Tag so lebt als wäre es sein letzter“, bricht er mit jeglichen moralischen Prinzipien und nicht zuletzt auch mit seiner Menschlichkeit. Es ist nämlich etwas zutiefst Menschliches, nicht jeden Tag so zu leben, als könne man morgen tatsächlich tot sein. Im Gegenteil, es ist eher die Fähigkeit und das Privileg, langfristige Pläne zu entwickeln, zwar vielleicht nicht „alles auf morgen zu verschieben“, aber doch eine Entwicklung anzustreben, und eine Vision zu entwickeln von dem Menschen, der man sich wünscht, zu sein und als Ziel vor Augen zu haben, während man progressiert.

Nicht so Walt. Er hat keine Pläne und Visionen, keine Hoffnungen mehr, er hat nur das Heute und das ist sein Verderben.
So schafft er sich seine eigene Hölle auf Erden, seinen eigenen Tod im Leben.

 

  • Für den ganzen Text: Breaking Bad, Staffel 1-5
  • * Zitat: Breaking Bad, Staffel 5, Folge 16

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