Nostalgie und Fetisch

Es müssen wohl erst ein paar Jahrzehnte vergehen, bis Alltagsgegenstände vintage sind und als kultig gelten.
Wahrscheinlich aufgrund der ständig wechselnden Trends dauert es in der Mode nicht ganz so lange – inzwischen hatten Plateausohlen, Leggings und das Bauchfrei der 90er Jahre schon ein Comeback, und dieses Jahr sind die 80er im Vormarsch mit Schulterpolstern, Puffärmeln und Neonfarben, aber auch andere Jahrzehnte kehren regelmäßig wieder.

Anders verhält es sich bei Autos. Die werden nach 30 Jahren zum Oldtimer.

Bei allen anderen Sachen gilt all das als vintage, was zwischen 1920 und 1980 hergestellt wurde, also zum Beispiel die berühmte Bankerlampe, der erhabene Eames Chair, der chillige Chesterfield Sessel, der eigentümliche Egg Chair von Arne Jacobson oder auch sämtliche Grammophone, Plattenspieler und Schreibmaschinen. Alles davor wird als Antiquität bezeichnet, zum Beispiel barocke Kommoden im Louis XVI-Stil, Biedermeierschränke, neogotische Eckschränke oder Kolonialzeitsekretäre.

Retro sind den Klassikern nachempfundene oder kopierte Stücke, die aber in der Tat neue Produkte sind.

Omas Schreibmaschine, das Zigarettenetui von Opa, die alte Öllampe, eine alte Schreibmaschine erfüllen ihren Zweck nicht mehr nur aufgrund ihres Verschleißes, sondern weil die Technik mittlerweile einfach  ausgereifter ist und es zweckdienlichere Alternativen gäbe. Die Kinder und Enkelkinder behalten deren Alltagsgegenstände  also nicht aufgrund ihres eigentlichen Zwecks, sondern aus Nostalgie.

Um Nostalgie zu empfinden muss allerdings kein halbes Jahrhundert vergangen sein. Man kann Nostalgie auch gegenüber einem viel näher zurückliegenden Zeitraum empfinden, zum Beispiel gegenüber der Popkultur der Neunziger, die die Kindheit vieler geprägt hat – Sailor Moon, Pokémon auf RTL II und die Sammelkarten dazu, Harry Potter, Bibi Blocksberg-Hörspielkasetten…

Nostalgie ist für mich ein Gefühl, das ein Gegenstand, ein Foto, ein Film, ein Musikstück, ein Geruch, ein Geschmack – kurz: ein Gefühl, das eine Sinnesempfindung hervorruft und über ein bestimmtes Medium ausgelöst wird. Für eine kurze Dauer werde ich mir einer längst vergangenen Zeit oder einer mir unbekannten Epoche bewusst.

Und es ist mehr als ein Erinnern. Es ist ein Bewusstwerden.

Erinnerungen laufen über den Verstand. Sie sind Inhalte von Gedanken und handeln von bloßen Fakten. Das Bewusstwerden aber läuft über Sinnesempfindungen und erzeugt einen Gefühlsinhalt, nämlich Nostalgie. Wie Prousts Erzähler bei dem Geschmack einer in Tee getränkten Madeleine Erinnerungen vom Umfang von mehr als zehntausend Seiten überkommen, befällt einen die Nostalgie ganz unvermittelt. Sie ist eine tiefere, emotionalere Form des Erinnerns, denn sie ruft Erfahrungen wach, die unsere Sinne einmal gemacht haben. Wie es ein Muskelgedächtnis gibt, so gibt es gewiss auch eine Art Sinneserinnerung. Die Erinnerungen sind unmittelbarer und intensiver, sie sind viel mehr ein plötzliches Gewahrwerden. Die Erinnerungen werden körperlich sinnlich gefühlt und erlebt, sie sind die Nachempfindungen des bereits Erlebten. Ein Erinnern des Körpers, so unmittelbar, dass man sich regelrecht wundert, warum man sich nicht just in der Situation befindet. Die Gefühle sind echt, sie sind erinnert, sie sind dieselben, wenn auch die Situation nicht die gleiche ist.

Daher kommt die Fixierung auf Gegenstände, die diese Empfindungen wieder hervorrufen. Es ist wie ein Versuch, die Zeit zu konservieren.

Dinge kann man aufheben, pflegen und dadurch auch die Erinnerung pflegen. Das Erlebte kehrt dadurch aber nicht zurück, nur seine Spuren in unserer Erinnerung. Man kann diese Fixierung also als Fetisch bezeichnen. Von Fetisch spricht man, wenn die Wertschätzung eines Dings seinen bloßen Zweck übersteigt.
Die Dinge besitzen nunmehr einen erhöhten, ihren bloßen Tauschwert übersteigenden Wert, der unproportional ist zu ihrem eigentlichen vorgesehenen Zweck, denn darüber hinaus erhalten sie einen emotionalen, ideellen Wert.

Sartre trifft die Unterschiedung zwischen Dingen, die an-sich sind, die durch ihr Wesen auf ihre Existenz festgelegt sind und Menschen, die für-sich sind, die nicht durch ihr Wesen auf eine Seinsweise festgelegt und daher frei sind – frei im Handeln, frei zu entscheiden. Das An-sich-sein eines Gegenstands bedeutet, dass es in Form und Funktion festgeschrieben ist, das Für-sich-sein des Menschen ist seine Kontingenz, seine Freiheit, seine Möglichkeit der Veränderung. Ein Ding ist, der Mensch existiert. Mit dem Modell des ideellen Werts, den wir Gegenständen zuschreiben können, ändert sich auch ihre Seinsweise, die nun nicht mehr nur durch ihre Funktion festgelegt ist. Um ihre Seinsweise zu verändern, sind Dinge aber immer noch auf eine äußere Instanz angewiesen, auf uns – von sich aus könnten sie also nicht für-sich sein.

Fetischisierung ist eine für Gegenstände unübliche Art des Wertschätzens. Anders als Dinge, die nur einem Zweck dienen, nicht aber als Zweck an sich gesehen werden, außer, sie werden fetischisiert. Dann nämlich gesteht man ihnen einen Sinn außerhalb ihres Zwecks zu, sie gewinnen eine Bedeutung außerhalb ihres vorherbestimmten Verwendungszwecks, man verhilft ihnen zur Emanzipation von ihrer Determination durch ihre Funktion. Welche Bedeutung ihnen zukommt ist individuell und hängt nun mehr nicht von dem Ding an sich ab, der Vorherbestimmung durch seine Funktion.

Deswegen sagte ich, der Fetischismus verleihe Dingen einen unproportionalen Wert und gerade nicht etwa einen ungerechtfertigten, denn was rechtfertigt den Wert einer Sache mehr, wenn nicht die Bedeutung und der Sinn, den ihr der Mensch verleiht, ganz unabhängig von jedem Zweck. Denn was könnte mehr von einem Zweck entfernt sein als Sinn und Bedeutung, und was mehr zweckdienlich als diese.

  • ideeller Wert: https://de.wikipedia.org/wiki/Ideeller_Wert

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