Die Entzauberung der Welt

Als Kind hat man es so gut.

Man denkt, die Welt wäre schon fertig eingerichtet und verbringt seine ganze Kindheit damit, diese Welt zu bewohnen. Aber aus bloßen Bewohnern werden keine Revolutionäre. Aus bloßem Sein kann nichts werden.

Ich weiß noch, als mich mein Vater mich zum ersten Mal mit zum Wäschemachen nahm und mich in dessen mannigfaltigen Prozessen instruierte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich nie gefragt, wie die schmutzige Wäsche aus der Truhe wieder sauber in meinen Schrank kam. Es war ein etwas mysteriöser und etwas magischer Umstand, dass die Wäsche irgendwann wieder dort landete, aber ich hatte es nie infrage gestellt, sondern einfach als etwas Gegebenes begriffen. Das Einzige, was ich hatte tun müssen, war meine schmutzige Wäsche brav in die Wäschetruhe zu werfen und dass sie daraufhin nach ein paar Tagen wieder sauber gefaltet in meinem Schrank landete, interpretierte ich als das Wohlwollen der Truhe, die, solange ich ihr weiterhin Opfer brächte, mir gut gesinnt bleiben würde.
Nun aber eröffnete sich mir eine völlig neue Welt. Das Wäschemachen ist ein Fass ohne Boden, erklärte mein Vater, und eine zutiefst unbefriedigende, vielleicht die unbefriedigendste, Tätigkeit im Haushalt. Ein ewiger Kreislauf. Hat man die Wäschetruhe einmal geleert und die Kleidung liegt fein säuberlich gebügelt, gefaltet und gestapelt im Schrank, dem Ausgangspunkt des Wäschekreislaufs, landen schon wieder die ersten getragenen Sachen auf dem Boden der Truhe. Wenn man diese Tatsache nicht akzeptiert, wird man darüber verrückt.

Ich folgte dem Gesagten mit einer misstrauischen Neugier. Ich fühlte mich erleuchtet und zugleich zutiefst beschämt. Es ist vermutlich öfter so, dass Erkenntnis mit Scham einhergeht, man denke nur an die Vertreibung Adam und Evas aus dem Paradies. Ich schämte mich, denn wie hatte ich nur so lange in solcher Ignoranz leben können? Die Welt hatte für mich doch ganz gut funktioniert, als ich noch nichts von all den verborgenen Prozessen des Wäschewaschens ahnte. Was sich lange als unantastbarer Mythos getarnt hatte, entpuppte sich jetzt als Banalität. Es gab kein Wäschemonster, dem man Opfer bringen musste. Alles war eine logische Abfolge von völlig erklärbaren und ganz und gar langweiligen Vorgängen. Und ich war unwissend, unmündig gewesen und niemand hatte mir gesagt, dass es wichtig oder wissenswert sein könnte, darin unterrichtet zu sein. War die Wahrheit etwa nur für die Erwachsenen bestimmt, die der Mündigkeit Würdigen? Worüber noch mochte ich in Unwissenheit sein?

Auf die Scham meiner Ignoranz folgte Enttäuschung. Ich war enttäuscht. Ich war enttäuscht worden. Die Enttäuschung ist nichts anderes als der Austritt aus der Täuschung, der, in meinem Fall, aber nicht selbst verschuldeten. Denn ich hatte diese Wissenslücke als solche nicht erkannt, und indem man mich im Dunkeln gehalten hatte, hatte man mich getäuscht. Und diese Täuschung, der ich mein bisheriges Leben unterlegen war, war nun aufgehoben und ich schnupperte die erste Luft der Wahrheit.
Sie schmeckte bitter. Der Apfel, den Eva vom Baum der Erkenntnis pflückt ist der gleiche Apfel, mit dem Schneewittchen vergiftet wird. Sie stirbt am Gift der Wahrheit. Nur der Kuss ihres Traumprinzen kann sie wieder zum Leben erwecken. Das ist der, der ihr ihre Illusion, ihren zauberhaften Traum wiedergibt.

Ich wurde wütend. Warum musste ich mit diesem Wissen, mit dieser Last von nun an leben? Jedes Mal, wenn ich nun meine Wäsche in die Truhe würfe, würde ich daran erinnert werden, dass sie zuerst gesammelt und nach Farbe sortiert, anschließend in den Keller gebracht, mit Pulver in die Waschmaschine gesteckt, später mit vielen bunten Klammern aufgehängt, getrocknet, abgenommen, schließlich hochgebracht, gebügelt, gefaltet und gestapelt werden würde. Dieser Gedankengang würde nun unwillkürlich wie ein Film abgespult werden, denn nun war ich eingeweiht, eine Mitwissende, eine Mitschuldige. Denn natürlich würde ich mir nun Sorgen machen müssen. Was, wenn in diesem Prozess, der scheinbar so gut abgestimmt war und reibungslos funktionierte, mal etwas schieflief? Was, wenn die Wäsche nicht richtig sortiert würde und eine schwarze Socke in der weißen Wäsche landete und die ganze Wäsche grau färbte und ich es verhindern hätte können? Was, wenn das Pulver aus war und alle Geschäfte zu hatten oder alle Waschpulverfabriken auf einmal schließen würden und es Nachschub nur auf dem Schwarzmarkt gäbe, der sich dann bildete? Welche angemessenen Vorkehrungen konnte ich dagegen treffen?

Die Kette der Handlungsschritte war zu lang, zu fehleranfällig. Wenn ein Fehler bei nur einer der Stationen passierte, würde das Auswirkungen auf die gesamte Kette haben. Ob meine Eltern sich der Gefahren überhaupt bewusst waren? Ob sie die Verantwortung überhaupt ahnten, die in jeder einzelnen ihrer Handlungen lag? Ob sie Nachts überhaupt schlafen konnten, angesichts der Ereignisse, die eintreten konnten und die noch dazu außerhalb ihres Einflussbereiches lagen?
Was, wenn die Waschmaschine einfach beschlösse, sich nicht mehr zu drehen? Oder das Wasser nicht mehr aus der Leitung gepumpt werden konnte? Oder der Nachbar eine Socke klaute?
Zu viele Variablen in der Rechnung, die man einfach nicht alle berücksichtigen, über die mein kleiner Verstand schlicht gar keinen Überblick behalten konnte! Selbst wenn ich anfing, jede Fehlerquelle zu identifizieren und gründliche Vorkehrungen zu treffen, um das Eintreten dieser Ereignisse zu verhindern – ich würde nicht hinterherkommen, es würden sich immer neue Lücken, immer neue Inkonsistenzen auftun.

Mein Vater hatte mir zwar gezeigt, dass ich nun im Krieg war mit der Welt, mir aber keinerlei Waffen oder eine Strategie gegeben. Wie sollte ich all das akzeptieren, wie konnte ich es einfach hinnehmen? Wie sollte ich mit dem Wissen ruhig schlafen, die Waschmaschine könnte in eben jenem Moment ein Leck haben? Wie, um alles in der Welt, konnte er von mir erwarten, nichts zu tun? Einfach dazusitzen und der Waschmaschine zuzusehen, einfach die notwendigen Handlungen ausführen, ohne zu zweifeln oder darüber nachzudenken, was alles möglicherweise passieren konnte?
Ich hätte dieses Wissen nie gewollt, wenn geahnt hätte, mit was ich jetzt leben musste! Warum konnte ich nicht weiter an das Märchen von dem Wäschemonster glauben, das die Kleidung einfach wieder sauber ausspuckte? Stattdessen hatte ich Maschinen, Zahnräder, Variablen und Funktionen im Kopf. Keine Zauberei, sondern Mechanik und Physik. Alles war logisch und determiniert und vollkommen durchsichtig. Und ich deshalb war so sehr verantwortlich! Stärker denn je spürte ich den Ruf meiner Verantwortung, die Anomalien in diesem Prozess aufzuspüren und Lösungen für sie zu finden, so viele, wie es mir nur möglich war! So viel zu tun, wie in meiner Macht stand.

Andererseits irritierte mich die Ruhe meines Vaters. Er schien all diese Gedanken nicht zu haben oder sie zumindest sehr erfolgreich zu verdrängen. Ein Vertrauen zu haben, dass es schon glatt gehen würde. Dass die Welt sich trotzdem weiterdrehen würde. War das Teil des Erwachsenwerdens? Nicht meine jetzigen Erkenntnisse, sondern Resignation? Akzeptieren, was man nicht ändern konnte und einfach nicht mit dem Schlimmsten rechnen? Und wenn es dann zum Schlimmsten käme, könnte man sich dann immer noch einreden, man hätte es nicht selbst verschuldet? Hatte man wirklich nichts dagegen tun können?

Viele Dinge und Tatsachen, aus denen sich die Welt und unser persönliches Leben zusammensetzt, sind fehleranfällig, die Säulen bei genauerem Hinsehen spröde und wackelig. Vieles, das Gegeben erscheint, ist im Grunde ziemlich unsicher und eine Folge von infinitesimal vielen Umständen, über die wir keine oder nur wenig Kontrolle haben.

Kontingenz ist das Gegenteil von Notwendigkeit. So etwas wie Beliebigkeit.

Die Kontingenz des Lebens macht Angst.

Es könnte auch ganz, ganz anders sein oder sich schlagartig alles ändern und man wird gut darin, sich vorzugaukeln, alles wäre fest, man habe die Kontrolle und das Universum fliege nicht auseinander. Je mehr man lernt über die Welt, desto mehr man hinter verborgene Strukturen blickt, desto schwerer wiegt unsere Verantwortung. Und niemand trägt diese Verantwortung gern, denn sobald man realisiert, was es bedeutet, erwachsen zu sein, kann man nicht mehr zurück.

Das ist der wahre Luxus der Kinder, die von den Eltern in Sicherheit gewiegt werden, und als Erwachsene streben wir danach, uns genau das zurückzuholen. Kleine, immer wiederkehrende Rituale sollen dem Familienleben eine Struktur geben und es in einen verlässlichen Alltag betten – Weihnachten, Geburtstage, gemeinsame Abendessen, Oma und Opa besuchen, in den Urlaub fahren als würde sich nie was ändern, als wäre es bis in alle Ewigkeit genau so. Eltern schenken den Kindern Zeitlosigkeit, denn darin soll Sicherheit liegen und wenn die Zeichen der Zeit und die Kontingenz des Leben einen einholt, so lernt man, sie zu verdrängen.

Dabei ist nichts so sicher wie Veränderung. Daraus könnte man eine Art Sicherheit schöpfen, aber für viele scheint nichts bedrohlicher als Veränderung. Veränderung ist nichts anderes, als das Sich-Äußern der Kontingenz des Lebens. Niemand mag es, wenn die Kontingenz sich meldet, denn niemand erinnert sich gern daran, dass man selbst und alles beliebig und nichts notwendig ist.
Vielleicht hätte man aber weniger Angst vor der Kontingenz, wenn man sähe, dass man selbst Einfluss auf diese Kontingenz hat. Dass nur der Mensch etwas Kontingentes zu etwas Notwendigem machen kann. Man sollte sich weniger verändern lassen, als viel mehr selber die Dinge verändern. Sich von der Illusion verabschieden, das Leben sei nur ein Theater, das einem zu seinem eigenen Vergnügen oder Missvergnügen aufgeführt wird und an dessen Drehbuch, ja sogar an dessen Besetzung, Darstellern, Regisseurinnen, Bühnenbildnern, Kostümschneiderinnen, Souffleusen man kein Mitspracherecht hat. Wir müssen hinter die Kulissen, hinter die Prozesse schauen. Nicht versuchen, alles zu kontrollieren, akzeptieren, was an nicht verändern kann und pflichtbewusst die Verantwortung für all das übernehmen, was man auch verändern kann.

Wir müssen endlich erwachsen werden.

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