Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört, Episode III

Wie angekündigt folgt jetzt Teil 3 meiner persönlichen Saga der Kritik zu Star Wars. Das neue Spin-Off „Solo“ habe ich zwar noch nicht gesehen, aber ich vermute mal, auch eine Kritik dazu wird nicht lange auf sich warten lassen.

Kommen wir nun endlich zum Wesentlichen an Star Wars: der Macht.
Achja, die Macht. Viel haben die neuen Episoden zu neuen Erkenntnissen nicht beigetragen. Man erinnere sich nur an den Moment, als die zu bemüht skurrile und sich in ihrer eigenen Karikatur auf Brechreiz erregende Weise nur selbst übertreffende Figur „Mas“ auf dem Planeten blabla in Episode 7 (der mit „so viel grün“) Rey das Konzept der Macht näherzubringen versuchte: „Sie umgibt und durchdringt alles.“
Aha. Wohl analog zu dieser Aussage, deren Stumpfheit alles umgibt und durchdringt, was mit diesem Film zu tun hat. Spätestens jetzt hätte man also empört von den Kinostühlen aufspringen sollen.
Allerdings kann man die Vorsicht der Drehbuchschreiber hinsichtlich neuartiger Aussagen über die Macht auch verstehen: Furore auf Seiten der Fans machte um die Zweitausenderwende in Episode I eine Äußerung des guten alten Qui-Gonn Dschinn, der dem kleinen unsympathischen Kind-Anakin erklärte, was es mit den Midichlorianern auf sich hatte. Demnach steige das Vermögen, die Macht zu beherrschen proportional zur Anzahl der im Blut vorhandenen Midichlorianern, „winzig kleiner Lebensformen, die in Symbiose mit uns leben und uns den Willen der Macht mitteilen“. Durch diese molekularbiologische Erklärung wars das dann endgültig mit der mystischen Macht!
Philosophiehistorisch gibt es da sogar einen Zusammenhang: Um die gleiche Zeit feiert die Neurobiologie ihren Siegeszug über die Metaphysik, indem sie mit neuartigen bildgebenden Verfahren das Konzept eines Geistes materialistisch in den neuronalen Gehirnprozessen verankert. Sieg des Materialismus, Ende des Dualismus, in dem sich Körper und Geist wie zwei Antipoden gegenüberstehen.
Jedenfalls entschied man wohl nach dieser Panne, jegliche weitere Erläuterungen über die Macht vage zu halten, und wenn man sich die neuen Filme ansieht, begreift man auch schnell, warum neue Zuschauer kaum etwas vermissen: es sind einfach Kriegsfilme, die im Weltraum spielen. Nichts mit Märchen, keine Science-Fiction – schlicht Action. Und was nützt einem da die Macht oder auch nur irgendein abstrakter Glauben an sie, wenn sie keinen Nutzen im materialistischen Krieg bringt? Und so materialistisch, oder materiallastig, materialschlachtartig, ging es noch in keinem Star Wars zu. Ist aber auch logisch: wenn es kaum Substanz hinter dem Geballer gibt, vernichtet man zum Ausgleich lieber all das an Substanz – Raumschiffe, Planeten, Menschen, Republiken, altgediente Charaktere, den letzten Zauber der Macht – was man auftreiben kann.
Die Macht tritt also, wie zu erwarten, nur als Mittel zum Zweck auf den Schauplatz. Rey muss die Macht erlernen, damit sie eine bessere Kriegerin wird. Luke kann sich plötzlich irgendwohin beamen, um dann dort effektiver zu kämpfen.

Die neue Trilogie folgt dem Motto vieler anderer erfolgreicher Netflix- oder Fernsehserien und bringt genüsslich seine Protagonisten um. Han Solo etwa, dessen Abgang nicht deshalb so dramatisch war, weil er besonders gut inszeniert worden wäre, sondern weil wir diese Figur und ihre Geschichte von George Lucas über drei Episoden aufwendig entwickelt wurde, wir sie immerhin ganze vierzig Jahre in unserem Herzen getragen und sie untrennbar mit dem Star Wars-Begriff verbunden war.
Sein Abgang fühlte sich auch nicht im Entferntesten würdig an. Ich war empört, dass die neuen Filmemacher es nicht nur nicht schaffen, eine halbwegs dem Namen Star Wars gerechte Story und interessante und liebenswürdige Charaktere hervorzubringen, nein, auch dass sie die alten Charaktere von Lucas reihenweise umbringen, und zwar in einer Weise, die weder verständlich ist, noch würdig, oder die Geschichte irgendwie voranbringt! Ich warte nun darauf, bis auch noch der letzte Rest – Leia, der Millenium Falke, Chewie oder 3-PO und R2 brutal und melodramatisch inszeniert, verschwindet.

Das Entstehen der neuen bösen Instanz „erste Ordnung“ wird auch kaum erklärt, aber vorausgesetzt, dass man sie unhinterfragt einfach hinnimmt. Außerdem kann man mit dem guten alten Hollywood-Rezept mit Nazis als Bösewichten nicht viel falsch machen – die Farben subtilerweise rot, schwarz, weiß und die hetzerische Rede des faschistoiden komischen rothaarigen Typen an die Stormtrooper-Armee lassen keinen Zweifel über die Inspirationsquelle.

Was haben wir noch vergessen? Achja. BB-8. Aufgrund seiner widerwärtigen Niedlichkeit kann ihm wohl keiner widerstehen, nicht mal Knackpo-Poe. Aber vor allem nicht die Kinder, die ihre Eltern im Spielzeuggeschäft solange nerven, bis sie alle süßen BB-8-Fanartikel, die man sich irgend vorstellen kann, besitzen. Natürlich, marketing-technisch ist BB-8 der Renner. Aber können wir kurz über seine Sprache sprechen?
Wenn wir auf R2-D2s Kommunikation mit Luke und Anakin zurückblicken, fällt auf, dass sie sich nur dann mit ihm konstruktiv austauschen konnten, als sie in einem Schiff saßen und das Gepiepse und Gedudel auf einem Display übersetzt oder von C3-PO gedolmedscht wurde. Wohingegen das Gedöns von BB-8 plötzlich jeder zu verstehen scheint. Außerdem scheinen die Drehbuchschreiber die Begeisterung der Zuschauer über die Droiden mit denen der Figuren in diesem Universum verwechselt zu haben. So waren Droiden in allen bisherigen Star Wars schlicht nützliche Maschinen, denen kein Charakter und schon gar keine Sonderbehandlung attribuiert wurde, und wenn nur verschwindend geringe emotionale Wertschätzung.

Wie am Fließband produziert Disney also einen weiteren Star Wars nach dem anderen und geht nach folgendem Rezept vor: Man nehme also ein Fantasyuniversum, das merchandisetechnisch Milliarden wert ist, um unzählige Spiele, Bücher und Fernsehserien erweitert wurde, lasse 10 Jahre nach Erscheinen des letzten Films verstreichen, bis die Fans vor lauter Hunger den echten Geschmack ihrer Lieblingsspeise nicht mehr kennen und setze ihnen anschließend einen lieblos dahingepantschten Eintopf mit random Figuren und einem ebenso random Plot vor altbekannter Kulisse – mit altbekanntem ablaufenden Vorspann, den X-Wings, den Panoramaaufnahmen der Planeten, und, wenn man sie auftreiben kann, ein paar alten Gesichtern – vor, greife ein paar aktuelle gesellschaftliche Themen oberflächlich auf, sodass es so aussieht, als würde man etwas Neues servieren, und kassiere ordentlich.

Ich komme mir so grausam vor, die neuen Filme so zu verreißen und über die wunderbaren alten, zu denen ich auch Episode I, II und III zähle, nicht zu huldigen!
Natürlich war Star Wars nie für seine originellen Plot-Twists, ein unvorhersehbares Szenario oder tiefschürfende Dialoge bekannt. Oder etwa gute Schauspieler. „Eine neue Hoffnung“ setzte damals Maßstäbe in Sachen Spezialeffekte und jeder neue Film zeigte das beste, was technisch möglich war. Aber nie kam es darauf an.
Man mochte die Charaktere. Jeden einzelnen. Sogar Gouverneur Tarkin, beim hundertsten Mal erschien er geradezu knuffig, als er die Zerstörung von Alderaan ankündigte. Sogar Jar Jar Binks ist im Vergleich zu Finn ein fähiges und interessantes Geschöpf. Wenn auch nicht Anakin.
Missmutig verfolgten wir seinen moralischen Zerfall, wir sahen ihn missmutig von einer Prüfung in die nächste rennen und stets seinen Egoismus siegen und mussten dabei sein, als er verzweifelte. Später brachte die Liebe zu seinem Sohn ihn zurück auf die gute Seite.
Obi-Wan sahen wir jung und idealistisch erst seinen Mentor verlieren, dann als geduldigen Lehrer und Freund Anakins, später Lukes.
Wir begleiteten Luke auf seiner Reise zum Erwachsenwerden, wir sahen zu, wie Leias moralische Maßstäbe durch einen liebenswerten Schurken weniger starr wurden und dieser sein Einzelgängerdasein ablegte und nach Jahrzehnten der Flucht endlich  irgendwo ankommen wollte.

Star Wars I – III wurde viel dafür kritisiert, dass man zu viel von der Handlung in Dialogen der Figuren oder in dem langen Textvorspann behandelt hat, anstatt es in Form einer Handlung zu zeigen.
Erinnern wir uns daran, als wir Star Wars zum ersten Mal sahen: hundert neue Ausdrücke und Namen, die uns nichts sagten, wurden von den Figuren beiläufig erwähnt – Was ist das Outer-Rim-Territorium? Corellianische Schiffe? Was sind Energiewandler und warum kann man sie an der Tosche-Station abholen? Was sind Wasserstoffevapovatoren? Die Diplomaten von Alderaan und Malestare sind eingetroffen. VII und VIII allerdings zeigen nur und erzählen nicht viel (die meisten der Dialoge sind überflüssig) und was sie zeigen, sagt nichts. Kaum ist die Rede von anderen Planeten, anderen Figuren, Geschichten um die Jedi oder die Sith. Wie der Humor in den Filmen lässt der Rest Subtilität und weitere Andeutungen vermissen. Diese Andeutungen hätten aber das Universum größer und mythischer gemacht, da man andere Planeten, Systeme, andere Geheimnisse erahnen konnte. Vielleicht deshalb, weil die Zahl der Episoden und die Filmlänge begrenzt war und George Lucas nicht wusste, wie er diese ganzen Informationen unterbringen hätte sollen. Nach dem Kauf durch Disney jedoch ist die Zahl der potentiellen Episoden grenzenlos geworden, aber das Universum wirkt kleiner denn je. Die Kapitalisten von Disney begreifen nicht, dass Größe manchmal das ausmacht, was man nicht zeigt.

Lest „Viel zu lernen du noch hast – Star Wars und die Philosophie“ von Catherine Newmark (Hg.)!

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