Mythen des Alltags – Der Tatortreiniger

Unter normalen Umständen ist ein Ort einfach der Hintergrund, vor dem sich ein Leben abspielt. Nun aber ist er Zeuge eines Todes geworden. Der Ort wird selbst zum Objekt des Interesses, und zwar zunächst für die Kommissare, die versuchen, anhand von Abdrücken zu ermitteln, was sich wie genau abgespielt hat.

Er rückt also nun plötzlich in den Vordergrund, denn er selbst ist indirekter Zeuge, weil er als passive Kulisse für die Tat diente. Wie ein urzeitlicher Handabdruck auf einer Höhlenwand, stellt der Ort nicht die Tat an sich dar, sondern ihren Abdruck, nämlich in Form von Spuren und versteckten Hinweisen. Die Spur ist Index, sie verweist auf etwas, das nicht sie selbst ist, sondern das, was auf sie gewirkt hat. Wie Rauch auf Feuer verweist, könnte das abgetretene Stuhlbein auch der entscheidender Hinweis für die Rekonstruktion des Tatverlaufs sein.

Nachdem aber nun all dies sorgfältig registriert wurde, taucht „Tatortreiniger“ Schotty (gespielt von Bjarne Mädel in der gleichnamigen Serie) auf und bereinigt den Ort der Tat – die Reinigungsmittel spielen dabei eine eher nebensächliche Rolle. Er taucht am Ort des Geschehens auf, nachdem dieses bereits geschehen ist – zumeist: ein blutiges Verbrechen. Jetzt bereinigt er den Ort der Tat. Er versetzt ihn in den Zustand vor der Tat, damit er wieder das ist, was er einmal gewesen ist – nämlich bloßer Hintergrund. Er reinigt den Ort also vom Tod, ohne diesen rückgängig machen zu können.

Pragmatisch und ohne Sinn für Tiefe versucht er zunächst seiner vordergründigen Tätigkeit nachzukommen – dem Reinigen der Oberflächen, auf denen sich noch Spuren des Unsagbaren befinden.

Nun kommt Schotty aber mit Menschen ins Gespräch und obwohl er eigentlich nur seine Arbeit so schnell wie möglich verrichten will, verwickelt er sich durch seine ungeschickte und einnehmend simple Art in allerlei Angelegenheiten und Umstände. Hier beginnt aber erst die richtige Reinigungsarbeit. Obwohl nicht von ihm beabsichtigt, wird er in tiefere Lebensfragen völlig fremder Menschen verwickelt und reflektiert nebenbei auch noch die eigenen. Dabei spielt allerdings kein außerordentliches Einfühlungsvermögen die entscheidende Rolle, sondern im Gegenteil – sein mangelndes Geschick und Taktgefühl, sowie seine seiner Naivität geschuldete Art lockt die Menschen, die er zum ersten Mal trifft, aus der Reserve. Nicht der außergewöhnliche Umstand eines Todes in ihrem unmittelbaren Umfeld bringt sie, wie man meinen sollte, aus dem Konzept, sondern das Auftauchen dieses unbeholfenen, aber auf sehr pragmatische Weise philosophischen Figur des Tatortreinigers Schotty.

Wie in einem Kammerspiel geht die Macht dieser Konfrontation von den Dialogen aus. Schotty, aus mangelnder Intelligenz, geht nie auf die Essenz dessen ein, die seine Gesprächspartner kommunizieren möchten. Stets fasst er nur einen Aspekt des Gesagten auf und hängt sich daran auf, zwirbelt es auseinander und präsentiert seine Interpretation dann wieder seinem Gegenüber, das immer sehr erfolgreich aus dem Konzept gebracht wird. Die verlässlichen Instrumente der Sprache verlieren bei ihm ihre Wirkung und ihre verschleiernde Funktion tritt zutage. Was diese Menschen sich Tag für Tag einreden, warum sie so leben, wie sie leben und warum sie die Dinge tun, die sie tun, offenbart sich als Konstrukt, an das sie nur erfolgreich genug glauben müssen, damit es wahr wird und überdies auch die einzige Wahrheit zu sein scheint, die sie für möglich halten. Die Menschen wiegen sich nur allzu gern in der Sicherheit der Konstrukte ihrer gewohnten Sprache – ihren Gründen, ihren Meinungen, ihren Glaubenssätzen, kurz: ihren Weltanschauungen. Erfolgreich durchbricht Schotty dieses Muster und sorgt dafür, dass die Leute zunächst ihn, aber schließlich und viel wichtiger noch, sich selbst, infrage stellen, sich und ihr Leben überdenken, was ihnen schließlich erlaubt, geklärt und »gereinigt« aus dem Gespräch hervorzugehen.

Welche Tatorte reinigt Schotty also nun wirklich? Die der Lebenden oder die der Toten?

Inspiriert durch Roland Barthes‘ „Mythen des Alltags“

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