Ein Plädoyer für die Unvernunft oder die YOLO-Falle

Eigentlich will man es ja anders machen, aber nicht heute, sondern vielleicht morgen, oder doch lieber übermorgen!

Im Grunde weiß man ungefähr, was gut und schlecht, richtig und falsch ist. Aber scheiß drauf, heute gönne ich mir diese Scheibe Schinken, auch wenn ich weiß, dass Fleischkonsum für die Umwelt und die betroffenen Tiere schlecht ist. Und Zigaretten – eine ist wie keine! Ein Glas Wein am Abend macht mich noch nicht zur Alkoholikerin und hin und wieder einen über den Durst auch nicht! Und dieser Flug war echt billiger als eine Zugfahrt! Und heute belohne ich mich mit dieser Tasche, bei deren Kauf ich weiß, dass ich ein Unternehmen unterstütze, das auf die Rechte seiner Angestellten scheißt. Und ohne Amazon hätte ich an Weihnachten schon so oft die Sympathien meiner Familie verspielt … Das Credo: Man gönnt sich ja sonst nichts!

Konsumieren, als gäbe es kein morgen !

Es ist insgesamt sehr schwierig, unseren westlichen Lifestyle mit einer nachhaltigen, bewussten Existenz zu vereinbaren – das Mantra YOLO verhindert es (für Leute, die vor 1999 geboren sind: You Only Live Once). So rechtfertigen Jugendliche und junge Erwachsene ihren verschwenderischen Lebensstil. Aber am Morgen kommt immer der Kater, immer das böse Erwachen, und immer der Tag der Abrechnung! Und nicht nur man selbst hat einen Kater, auch die Umwelt, mein Konto, die dritte Welt und meine Kinder und Enkelkinder.

Aber der Mensch ist so gut darin, Ausreden zu finden, um diese kognitiven Dissonanzen (=wenn innere Einstellung und tatsächliche Handlung sich widersprechen) aus dem Weg zu räumen. Wir betreiben kognitiven Dissonanzausgleich, mit anderen Worten: wir reden uns die Welt schön! Oder machen sie uns, wiesie wiesie wiesie uns gefällt. Studien zufolge ist das sogar unabdingbar für unsere körperliche und geistige Gesundheit, da wir so oft widersprüchlich handeln, dass wir eingehen würden, könnten wir uns nicht immer wieder neue  Ausreden und Rechtfertigungen dafür zusammenbasteln.

Ich weiß, dass Rauchen schlecht für meine Gesundheit ist und tue es trotzdem.
Ich weiß, dass Fleischkonsum aus mehreren Gründen Scheiße ist und tue es trotzdem.
Ich weiß, dass ich mehr Dinge kaufe, als ich brauche und somit das Kapital von Unternehmen fördere, die ihre Mitarbeiter aufs Übelste ausbeuten und somit ein System fördere, dass ich nicht gut finde.
Ich weiß, dass Fliegen schlecht für die Umwelt ist und wähle trotzdem aus Bequemlichkeit diesen Transportweg.
Ich weiß, dass dieses Dessert meine Diät zunichte macht, trotzdem esse ich es mit Genuss.
Ich weiß, dass die Gala Schund ist, aber liebe es, sie heimlich im Wartezimmer zu lesen.
Ich weiß, dass ich besser daran täte, an meiner Hausarbeit zu schreiben, als die fünfte Folge ‚Stranger Things‘ an diesem Tag anzuschauen, und tue es trotzdem.

Die Gewichtung dieser Beispiele ist sehr unterschiedlich. Dennoch illustriert es ziemlich geil das, was ich aufzeigen möchte: unseren Trotz gegenüber der Rationalität. Ja, es ist Trotz!

Negativ formuliert könnte man auch sagen, man scheiße auf die Fakten. Man trotze der Wirklichkeit, was einer Ablehnung von Verantwortung gleichkommt. Oder man könnte weiter gehen und sagen, man boykottiere die menschlichste menschliche Eigenheit, nämlich die Vernunft, und verleugne somit das Wesen des Menschen selbst! Man bekenne sich als Tier, das blind nach Affekten handelt, das nur reagiert statt reflektiert bewusst zu agieren! Als Sklaven momentaner Launen, Triebe, Gelüste!

Positiv könnte man sagen, man befreie sich aus den Zwängen der Rationalität, die nicht die einzige Komponente unserer Realität sein kann! Es sei eine Rebellion, eine Emanzipation aus dem Diktat der Zwecke*. Man entscheide zwar nicht, aber man erlaube sich bewusst, spontan und impulsiv handeln zu dürfen! Undiszipliniert, emotional sein zu dürfen! Man weiß zwar, dass es nicht richtig ist, aber man macht es trotzdem, weil es schön ist und man ein Mensch ist, für den die Rationalität nur eines neben anderen Kriterien für eine Handlungsweise ist.

Und ich glaube ferner, dass es diese zwei Moods in uns gibt: es gibt einerseits den Vernunft-Mood und andererseits den Unvernunft-Mood. Diese sind sowohl Modus als auch mood (Laune, Stimmung). Wenn wir demnach in dem Unvernunft-Mood sind, sind alle unsere guten Vorsätze dahin, wenn wir diese eine wunderschöne Tasche sehen oder der Duft von Omas Apfelstrudel in unsere Nase dringt. Wenn man in diesem Mood ist, kann man einfach nicht vernünftig denken, das ist per definitionem bereits von vorneherein ausgeschlossen! Ein Eingreifen in diesem Stadium ist also nicht von Erfolg gekrönt. Denn offenbar ist es ja egal, was man sich vornimmt oder nicht, wenn man ohnehin nicht anders handeln kann, denn anscheinend kommt es eher darauf an, ob man in einer Situation überhaupt vernünftig sein und denken wird oder nicht. Mit anderen Worten: Eine unvernünftige Situation schließt vernünftiges Handeln aus. Klingt logisch.

Wie also könnte man doch irgendwie die Rationalität zu Wort und Tat kommen lassen, wenn man schon die jeweiligen Moods nicht beeinflussen kann?

Na ja, einmal könnte man versuchen, Umwege um genau solche Situationen zu bauen, um zu verhindern, überhaupt in sie zu gelangen. Also zum Beispiel absichtlich nicht in Kleidungsgeschäfte oder Kneipen gehen, Freunden und Eltern sagen, dass sie einem nichts Süßes einstecken sollen, selbst nichts Süßes kaufen, keine Kippen kaufen, die Verkäufer in der Umgebung überreden, einem nichts mehr zu verkaufen, keine Werbung mehr schauen, dem Partner die Vollmacht über die Kreditkarte geben, zu Hause bleiben, den Strom abschalten, das Smartphone das Klo runterspülen.
Nun, dann hat man die Verantwortung aber lediglich abgegeben. Man hat es anderen Menschen und Umständen überlassen und sich somit jegliche Mündigkeit völlig abgesprochen. Aber das ist eine Möglichkeit. Allerdings wäre man dann nicht mehr als ein Kind. Oder ein Hund.

Man könnte sich, als erwachsener Mensch, die Leine auch selbst anlegen. Das ist keineswegs kinky, sondern der Inbegriff von vernünftig und die Alternative zur Einbußung von Mündigkeit, Selbstrespekt und Lebensqualität. Und da man die Unvernunft keineswegs zähmen kann, da sie sonst ungestüm und unberechenbar würde, muss man es auf einem ganz anderen Weg versuchen, nämlich einem Kompromiss.

Man muss es sich leisten können, unvernünftig zu sein.

Damit ist gemeint: Man sollte der Unvernunft einen gewissen Spielraum zugestehen, und zwar insoweit, als dass sie einerseits ein nachhaltiges Leben nicht maßgeblich beeinträchtigt und andererseits nichts an ihrem ihr innewohnenden Zauber des Trotzes einbüßt. Was man als Mensch also tun kann, ist, dafür zu sorgen, dass man immer nur dann unvernünftig ist, wenn man es sich leisten kann.

Damit die Zahlen unter dem Nachhaltigkeitskonto nicht ins Minus gehen, muss man dafür sorgen, dass man zuvor ordentlich im Plus liegt, oder es sich zumindest die Waage hält. Also dafür sorgen, dass es nicht der Tropfen auf dem vor Lastern überlaufenden Fass ist, wenn man ein Stück Kuchen, eine Zigarette, ein teures Paar Schuhe oder eine Reise nach Neuseeland genießt.

Wir müssen erreichen, dass die Voraussetzungen stimmen, damit wir uns eine Abweichung von der Norm erlauben können. Und diese ist individuell und je nach Standpunkt verschieden – ökonomisch, ökologisch, moralisch, sozial – je nach eigenem ermessenen Maßstab; aber das Ziel ist ja, diesen Maßstab zu halten und nicht ständig, je nach Lust und Laune zu verschieben. Denn weicht man ständig ab, ist die Norm keine Norm mehr, sondern die Abweichung die Norm wäre die Abweichung.

Aber diese Formel hört sich echt nicht übel an: Je öfter man vernünftig ist, desto öfter kann man auch unvernünftig sein.

Und ein durch und durch vernünftiges Leben wäre doch furchtbar langweilig. Ein gewisser Grad an Unvernunft macht das Leben nicht nur besser, sondern lustiger und freier. Man wirft die Zwänge der Vernunft für einen Moment ab und handelt emotional. Auch das ist Menschsein – nicht nur ratio und nicht nur emotio, sondern beides.

Also, investiert in eure Vernunft, damit eure Unvernunft wachsen kann!

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