Sein oder nicht sein, das ist beim Zahnarzt die Frage

Wie viel Mensch ist man noch beim Zahnarzt?

Ab zum Zahnarzt!

Ich unterhalte mich nett mit dem Arztpersonal, das schon  viel zu verdächtig lächelt – sie wissen, dass ich die Praxis als anderer Mensch verlassen werde. Das freundliche Nicken, die verständnisvoll blickenden Augen, die beiläufigen Fragen nach dem sonstigen Wohlbefinden, vielleicht nach der Familie, nach dem Studium – sie sollen nur die zivilisierte Fassade wahren, die schon sehr bald fallen wird.

Das Platznehmen in dem elektrischen Stuhl ist unangenehm. Schon die Stärksten sind hier gefallen. So viel Blut, soviel Speichel, so viel Würde wurde hier schon verloren. Die Lampen sind künstlich hell und beweglich, um jede Spalte meiner Existenz auszuleuchten und werden von den blitzenden Instrumenten und den gebleckten Zähnen des Arztpersonals noch reflektiert, die nun eher hungrigen Hyänen gleichen, wie sie langsam und voyeuristisch um den Stuhl herumschleichen.

Wie die Skyline Manhattans ragen meine Zähne aus rot-fleischigem Dickicht in die Höhe und Tiefe, grau wie die Wolkenkratzer sind sie, und ebenso löchrig.

Während ein Spiegel an meinen edelsten Teilen entlanggeführt wird, werden Zahlen und Unverständliches gemurmelt: „Eins vier kariös, okklusal!“ Die lateinischen Wörter klingen diabolisch, sie sind das Daumen hoch oder runter für die 32 römischen Gladiatoren in meinem Kolosseum – Gnade oder sofortige Hinrichtung? Während ich auf das Urteil warte, darf ich meine Menschenwürde kurz zurückerlangen, der Stuhl fährt in eine humanere Position und noch völlig perplex von dieser plötzlichen Wendung wische ich mir schnell die Spucke vom Kinn.

Ganz zivilisiert wird mir erklärt, was in meinem Gebiss wirklich so abgeht und vor allem, was schiefläuft. So muss es sich für Eltern anfühlen, die zum Rektor gebeten werden, weil ihr Kind etwas angestellt hat. Eine ganz peinliche Sache ist das, vor allem, weil es ja direkt unter meinen Augen passiert ist. Ob ich die gute oder kassenärztliche Behandlung wolle? Klar, nur das beste für meine Kids, damit sie später mal die besten Chancen haben! Das will man von mir hören. „Wie teuer ist das denn?“, frage ich. Und schon wird es philosophisch. Kurzfristig an Kosten zu sparen rechne sich auf lange Sicht nicht, die bessere – teurere – Füllung halte doch deutlich länger, das lohne sich, sonst müsse ich früher oder später ja doch hier wieder antreten. Na gut, ich investiere ja gern in meine Zukunft. Außerdem kann man Zahnärzten vertrauen, das muss man auch, denn immerhin haben sie ja so tiefe Einblicke in mich wie meine engsten Vertrauten nicht einmal.

„Das nächste Mal besser putzen“, wird noch in mahnendem, aber nachsichtigem Ton gesagt, während der Stuhl langsam wieder in die unzivilisierte Horizontale fährt.

Finger und Instrumente sind wieder in meinem Mund, meine Augen geblendet, ich mache sie zu, das quietschende Bohrergeräusch in meinen Ohren, der wie ein Presslufthammer meinen undichten Zahnschmelz bearbeitet. Ein Sauger befreit meinen Mund auch noch von dem letzten Rest Spucke, sodass meine Mundhöhle sich im Handumdrehen in die verdammte Atacamawüste verwandelt. Meine Zunge hängt wie ein angespülter Wal traurig darin herum, zuckt ab und zu, wenn ein Haken oder der Sauger an ihr vorbeischrammen, weicht umsichtig aus, um einem größeren Gerät Platz zu machen, verkriecht sich schließlich scheu in die hintersten Falten meiner Mundhöhle.

Da meine übrigen Sinneskanäle blockiert sind, flüchte ich mich in meinen Kopf. Ah, schön leer hier! Moment mal, was ist das überhaupt, Karies?

Karies, das kommt vom lateinisch caries, was Faulheit, Morschheit bedeutet. Böse Bakterien, wie streptococcus mutans und verschiedene Laktobazillen siedeln sich in meinem, die Zähne umgebenden Biofilm, der Plaque, an und bringen ihren PH-Wert durcheinander, wodurch sie meinen Zahnschmelz demineralisieren und sich Läsionen bilden. Da kann man schon mal melancholisch werden.

Ich soll die Hand heben, wenn ich Schmerzen habe. Danke. Sehr gnädig.

Verdammte Scheiße! Jetzt reden sie auch noch über Politik. Mit mir. Ich kann nicht antworten. Ich mache irgendeinen Laut, der sich eher nach dem letzten Röhren eines erlegten Hirsches anhört, als nach irgendeinem Rest Menschlichkeit.
Das ist es.
Sie haben es geschafft.
Ich bin nur noch mein Körper.
Ich bin von jeder Kommunikationsmöglichkeit, zumindest jeder gesellschaftlich anerkannten, abgeschnitten. Ich habe keine Sprache mehr, und was ist denn noch der Mensch, wenn er keine Sprache mehr hat und nicht mehr aufrecht geht?
Richtig, ein Affe.
Die Parole ist mir genommen, ich kann mich nicht mehr äußern, auch wenn ich wollte. Wenn andere Körperteile krank sind, kann man immerhin noch mit den Verarztenden sprechen, oder aber man ist gar nicht bei Bewusstsein, während einem die Organe befühlt werden – aber nicht hier. Man ist nur noch seine rohe, fleischliche Hülle, nur der physische Leib, der hier in dem Stuhl hängt, das unzivilisierte Fleisch. Ja, so schnell kann es gehen und die Säulen der Zivilisation werden so schnell und sauber gefällt wie Zahnhälse.
Eine solche Degradierung im Rahmen einer medizinischen Behandlung…

Als die Lehne wieder hochfährt, traue ich mich keinen anzusehen. Ich spüle meinen Mund aus. Im runden Waschbecken offenbart sich die Arbeit der letzten halben Stunde. Der Zahnarzt strahlt mich stolz an. Seine Augen leuchten nicht weniger als seine Stirnlampe, die nicht umsonst an die von Bergbauarbeitern erinnert. Gut habe er das hinbekommen, war auch sehr spannend. Keine Ursache, ich hoffe Sie hatten eine schöne Expedition.

Ich muss noch an die Rezeption. Ich werde rezipiert. Ich nuschle etwas. Meine linke Lippe hängt mir schief im Gesicht. Ich muss also doch eine Spritze bekommen haben. Spucke tropft aus meinem Mundwinkel auf den Praxistresen. Ich setze nochmal an, aber ich wurde schon verstanden. Mir wird ein Termin zur Nachkontrolle gegeben. Toll.

Beim Hinausgehen fällt mein Blick nochmal ins Wartezimmer. Da sitzen Gestalten, die wie Menschen aussehen. So sah ich vor vierzig Minuten auch noch aus … unschuldig. Die Naiven. Sie glauben tatsächlich, die menschliche Würde sei unantastbar.

Die werden auch noch aufwachen.

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s