Blabla!

Unsere Art, zu kommunizieren, ist nicht auf die Sprache beschränkt.

Wir sind in der Lage, Mimik und Gestik und sogar kleinste Anflüge von Emotionen, die über ein Gesicht huschen, zu identifizieren und zu interpretieren.

Fangen wir beim Subjekt an – wer ist es, der überhaupt kommunizieren will?

Ein Subjekt. Ein Ich. Eine Person. Persona, das ist Latein für die „Maske“, die die Schauspieler im antiken Theater trugen, und namentlich auch die Stimme, die darunter Hervortönte. Weiterhin definiert Wikipedia psychologisch die Persona als „nach außen hin gezeigte Einstellung eines Menschen, die seiner sozialen Anpassung dient und manchmal auch mit seinem Selbstbild identisch ist.“ Also ist eine Person beides – die gesellschaftliche Maske des sozialverträglichen Verhaltens, wie auch das, was hinter ihr liegt. Für C.G. Jung ist die Maske nur ein Teil einer Kollektivpsyche, die zusammen einen „Kompromiss zwischen Individuum und Sozietät“ bilden. Anpassung geschieht demnach oft zu Lasten des Indivduums.

Wie kann kommuniziert werden?

Und hier fängt schon die unüberschaubare Bandbreite der Möglichkeiten an. Von Mimik und Gestik, über Ironie und Sarkasmus und anderen Stilmitteln, bis hin zu Intonation und Lautstärke – es gibt tausend Arten, wie ein Inhalt transportiert werden kann.

Thomas Shelby – der beinahe skrupellose birminghamer Gangsterboss, für den der Zuschauer in drei Staffeln der Serie „Peaky Blinders“ aufgrund der Sorgfalt der Autoren und des vielschichtigen Spiels des Schauspieles, eine aufrichtige Sympathie entwickelt hat – erwidert auf die Nachfrage seines schon etwas älteren Dienstmädchens, ob er heute schon das aufgrund seines Schädelbruchs verordnete Morphium zu sich genommen habe, folgendes:

Lesen Sie in der Bibel, Mary?“

Ab und zu mal.“

Und lesen Sie sie vor, während Sie nackt an meinem Bett stehen?“

Mary verdutzt und sprachlos

Denn … wenn ich das Morphium nehme, das ich vom Arzt hab, tun Sie das. Ich bin hellwach, aber Sie stehen da – nackt, völlig nackt – und lesen aus dem Buch Leviticus …wollen  Sie wissen, was dann passiert?“

 Mary schüttelt den Kopf

Nein. Ich auch nicht. Deshalb habe ich die Medizin weg geschüttet.“

Analyse nach dem Kommunikationsmodell nach Friedmann Schulz von Thun

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  • Sachebene und Beziehungsebene

Tommy will Mary vermitteln, dass das Morphium eine psychedelische Wirkung hat und durch das Beispiel verdeutlichen, dass die Visionen, die er dadurch bekommt für beide Seiten gleichermaßen beängstigend und unangenehm sind, weshalb es auch unleugbar in ihrer beider Interesse liegt und seine Handlung begründet, es weggeschüttet zu haben. Er erklärt damit, dass sich Mary und er auf der gleiche Beziehungsebene befinden, nämlich auf einer solchen, auf der derlei Visionen die Grenzen beider überschreiten. Er erweist ihr damit seinen Respekt.

  • Ebene der Selbstkundgabe

Gleichzeitig klingt durch, dass der Schmerz seiner Verletzung offenbar nicht mehr so groß ist, als dass er für dessen Betäubung die psychoaktiven Nebenwirkungen der Droge in Kauf nehmen würde. Durch die lustige und ironische Art, wie er seine Bestürzung über seine Vision äußert, behält er die für ihn charakteristische Gelassenheit.

  • Appellebene

Durch die kluge Art, wie Thomas es schafft, Marys ursprünglich einfache Frage in ein Frage- und Antwortspiel seinerseits zu lenken, markiert er seine ihr höher gestellte Position als ihr Vorgesetzter und Überlegener, der er ist. Ihre Nachfrage wird eher aus fürsorglichen Motiven und nicht aus reiner Neugier getroffen. Trotzdem verweist Tommy sie auf ihren rechtmäßigen Platz. Er macht unmissverständlich deutlich, dass er Fragen nach seinem Wohlergehen nicht wünscht, vor allem wenn sie unter Berufung auf ärztliche Anordnungen – also eine womöglich ihm höher gestellte Autorität – beruhen, und versichert außerdem, dass er sehr wohl in der Lage ist, auf sich selbst aufzupassen und eigens rational vernünftige Entscheidungen über den Verlauf seiner Genesung zu treffen.

Interessanterweise schafft Tommy Shelby in diesem kurzen Dialog, unglaublich viel zu vermitteln, indem er sich der Zügel des Wortwechsels unmissverständlich annimmt: Durch die spielerische Art, wie er seine kleine Geschichte illustriert, behält er die Oberhand. Er arbeitet mit Suggestivfragen, erahnt oder weiß sogar genau, was Mary erwidern wird, um seine kleine Rede und damit auch die Aussage, die er vermitteln will, funktionieren zu lassen. Diese rhetorische Raffinesse bezeugt in diesem kurzen Dialog (der ja eigentlich kein richtiger ist) seine Intelligenz, seine Überlegenheit, sein Genie.

Für den Zuschauer ist das eine nette, kleine und lustige Szene – illustriert sie doch so genau den komplexen Charakter des Protagonisten. Und, wie man merkt, funktioniert sie ohne Zusammenhang und auch ohne Kenntnis der restlichen Handlung der Serie kann man erahnen, was für ein gewieftes Gangstergenie dieser Typ sein muss, sollte er sich rhetorisch so gut auch in anderen Situationen schlagen.

Kommunikation auf höchster Ebene! Die Nachricht ist angekommen, man hat verdeutlicht, was man selbst will und wer man ist. Unmissverständlich.

Dabei liegt die Frage nach Manipulation natürlich nahe. Diese kann meiner Meinung nach aber nur stattfinden, wenn beide Partien über eine unterschiedliche Informationsfülle verfügen – das Gleichgewicht ist gestört. Sender weiß mehr als und vielleicht sogar über den Empfänger und nutzt dieses Wissen gezielt aus. Die Kommunikation ist fatalistisch. Sie ist kein Austausch von Informationen, die Sender und Empfänger gleichermaßen bereichern, sondern dient lediglich dem Zweck der Seite, die manipuliert, weil sie irgendetwas erreichen will.

Der Zweck von Kommunikation ist also nicht nur der Austausch von Informationen, also eine reine Selbst- oder Fremdversorgung von Wissen (die meisten hätten sich plötzlich nichts mehr zu sagen!) Damit wäre nach Schulz von Thun nur die Sachebene bedient. Den anderen Ebenen geht es darum, die Beziehung der Kommunizierenden zu bereichern, zu pflegen. Man redet, um zu reden. Deshalb gibt es Smalltalk. Smalltalk ist für Menschen für das, was für Hunde die Riechprobe am jeweils anderen Hinterteil ist. Jo, passt, du scheinst mir soziabel zu sein. Die Selbstkundgabe ganz um ihrer selbst willen ist etwas Schönes bei Freund- oder Partnerschaften, auch wenn sie leicht in Selbstloppreisung und Selbstdarstellung abgleiten kann.

Wenn es aber anscheinend so viele Möglichkeiten für den Sender gibt, einen Inhalt zu vermitteln und wiederum so viele Möglichkeiten für den Empfänger, ihn aufzufassen – wie zur Hölle kommunizieren? Im Grunde kann man davon ausgehen, dass, wenn man „einen Draht zueinander hat“, die Kommunikation erfolgreich ist – etwas also genau, oder im Groben, so aufgefasst wird, wie es gemeint ist. Wenn nicht, und wenn einem die misslungene Kommunikation nicht auffällt, entstehen Missverständnisse.

Wenn man frägt: „Hast du Feuer?“, dann geht man davon aus, dass der Empfänger versteht, dass mit „Feuer“ ein Feuerzeug gemeint ist (ein typischer Fall des rhetorischen Stilmittels der Synekdoche, bei der das Ganze für einen Teil, totum pro parte, steht) und  außerdem, dass es sich nicht um die simple Nachfrage, ob man sich aktuell im Besitz eines Feuerzeugs befindet, handelt, sondern, dass man Feuer für seine Zigarette bräuchte. Menschen mit Formen des Asperger-Syndroms oder Autismus hätten damit Probleme, während es sich für uns um simple soziale Umgangsformen handelt.

Der Gebrauch von Sprache ist ein Konsens: wir einigen uns darauf dass wir das gleiche unter einem gemeinsamen Begriff verstehen. Wenn wir „Teller“ sagen meinen wir damit meistens auch die meistens runde Platte, auf der wir Nahrung platzieren, um sie zu essen, und keinen Autoreifen. Dabei hat jeder eine andere Vorstellung vor seinem inneren Auge, wenn er dazu aufgefordert wird, an irgendeinen Teller zu denken. Kant würde sagen, man konstruiert im Kopf ein Muster, nach dem man die Kategorie „Teller“ relativ sicher bestimmen kann, auch wenn man noch nicht jeden Teller, den es gibt, kennt. Zu dem Begriff Teller könnten also die Eigenschaften „rund“, „flach“, „kleine Einmuldung“, „aus Keramik, Ton oder Glas“ gehören, um mit großer Sicherheit von einer Sache mit denselben Eigenschaften sagen zu können, dass es sich um einen Teller handelt. Schwierig wird es, wenn man die Autorität der Sprache aushebelt, ihr die Funktion nimmt, ein oder mehrere Wörter genau einem Gegenstand zuzuordnen. Man könnte zum Beispiel herumlaufen, und einen Baum, ein Auto oder ein Halstuch „Teller“ nennen. Dann wird es schwierig und Verständigung nahezu unmöglich. Oder umgekehrt, wenn man einem einzelnen Gegenstand immer andere Namen gibt. Das wäre Chaos in der Sprache. Oder stellen wir uns eine Inflation der Sprache vor – geschieht bereits bei uns. Wenn sich ein Wort regelrecht mit so vielen Bedeutungen auflädt, dass es schwierig wird, es zu verwenden. Zum Beispiel bei geschichtlich-kulturell belasteten Wörtern, wie „Emanzipation“. Etymologisch hat der Begriff seinen Ursprung im Lateinischen (emancipatio) und bedeutet „Entlassung aus der väterlichen Gewalt“ oder „Freilassung eines Sklaven“. Der Begriff ist geschichtlich vielen Bedeutungsverschiebungen unterworfen gewesen und ist heute noch stark auf den Kontext angewiesen, in dem es verwendet wird. Bedeutete es zunächst ein Gewähren von Selbstständigkeit, wurde es später zum Inbegriff aktiver Selbstbefreiung, geprägt durch die europäische Aufklärung; schließlich steht es heute allgemein für eine „Befreiung von Gruppen, die aufgrund ihrer Rasse, Ethnizität, Geschlecht, Klassenzugehörigkeit usw. diskriminiert wurden“, oder speziell für die Frauenemanzipation. Worte bezeichnen einen Gegenstand oder einen Sachverhalt in der Welt, die schon eine lange Geschichte hat. Sprache ist ständigen Wandlungen unterworfen. 

Aber selbst wenn Worte unmissverständlich verwendet werden, gibt es noch Hürden. Aussagen können auch deshalb falsch interpretiert werden, weil man der Person andere Motive unterstellt, als diese ausspricht. Man spürt oder aber man meint nur zu spüren, dass die Absicht der Person mit der Aussage, die sie getroffen hat, divergiert. Misstrauen ist, wenn man dem anderen Unehrlichkeit unterstellt. 

Wenn man aber will, dass eine Person einen mag, arbeiten die für Empathie wichtigen Spiegelneuronen auf Hochtouren. Man nimmt beim Gespräch automatisch eine ähnliche Körperhaltung an und stimmt dem Gegenüber öfter zu, auch wenn man vielleicht nicht derselben Meinung ist. Man versucht, sich in die andere Person einzufühlen, ihren „Code“ zu knacken, der einem Zugang hinter die feste, normenbehaftete, öffentliche Fassade verschafft. Eine Person entschlüsseln ist, ihre Sprache zu entschlüsseln. Es gibt noch andere Ebenen als die der Sprache, um sich zu verstehen. Aber jede Ebene hat ihren eigenen Code und meistens kann die Sprache die anderen Ebenen auch gar nicht erfassen, mit ihren Werkzeugen der Worte gar nicht greifen. Man kann nicht versuchen, etwas zu erklären, das man gar nicht greifen kann. Trotzdem versucht man das ständig. Das ist nicht etwa „um den heißen Brei herumreden“, denn in dem Fall gibt es gar keine Schüssel mit heißem Brei, man nimmt nur an, dass es eine gibt. Es ist ein sinnloser Diskurs und er ist zwecklos und besser sollte man akzeptieren, dass man über manche Dinge eben nicht sprechen kann, da sie nicht dazu gedacht sind, ausgesprochen zu werden, sondern auf anderen Ebenen kommuniziert zu werden. Die Sprache kann nicht alles erfassen, oft muss sie gewaltsam an ihren Platz verwiesen werden, ihr Bescheidenheit beigebracht werden.

So können verschiedenste Interessen in Konflikt treten.

Wie hoch ist das Bedürfnis der tatsächlichen Selbstkundgabe, wie hoch das Verlangen oder die Notwendigkeit, einer Person zu imponieren? Wie wichtig einem die Reaktion des Anderen, wie weit geht man auf den anderen ein? Manchmal ist es vielleicht sogar besser, anzuecken, weil Menschen ehrlicher sind, wenn sie einem widersprechen können und so eher ihr wahres Gesicht zeigen.

Die Kenntnis dieser vielen Interpretationsweisen kann einen lähmen. Introvertierte oder schüchterne Menschen sind sich dessen vielleicht bewusster als extrovertierte. Möglicherweise hat das aber auch gar nichts damit zu tun, sondern eher mit Einfühlsamkeit. Wenn man ohne Rücksicht „man selbst ist“, einem egal ist, wie man auf das Gegenüber wirkt, so hat man vielleicht erfolgreiche Selbstdarstellung betrieben, ist aber an einer gelingenden Kommunikation und somit auch am Anderen eher wenig interessiert.

Wie könnte nun eine gelungene Kommunikation aussehen?

Man stellt sich zunächst auf das Gegenüber ein. Bei einigen gelingt das in Sekunden, bei manchen Menschen wird man dafür Monate oder sogar Jahre brauchen. Jeder Mensch backt seine Gedanken anders in den Teig der Worte. Man sagt nur einen Bruchteil dessen, was man meint, mit Worten. Das andere kommt durch die anderen Kanäle der Mimik, Gestik zustande. Des kurzen Zögerns. Das meiste, was wichtig ist, steckt in den Pausen dazwischen, vor oder nach dem Gesagten.

Erst nach dem Austausch vieler Worte fängt man wirklich an, miteinander zu reden. Man ergänzt die Gedanken des anderen, nicht durch stures Aneinandervorbeierzählen – jeder erzählt linear eine Geschichte zu irgendeinem Thema, das ohnehin belanglos ist. Nein, man baut aufeinander auf. Vervollständigt die Gedanken des Gegenübers, nicht unbedingt linear, sondern assoziativ, um gemeinsame Gedankengerüste zu bauen. 

Wenn man deutsche Talkshows französischen gegenüberstellt, fällt auf, dass in den französischen sich  die, beispielsweise, Politiker ständig ins Wort fallen. Sie unterbrechen einander, um das Argument des anderen schon im Keim zu ersticken, und nicht erst, wenn der andere mit seiner mitunter langwierigen Ausführung fertig ist, was eher in Deutschland der Fall ist – jeder ist mal dran und wer nicht mitschreibt, erinnert sich an die Argumentationskette der Gegners überhaupt nicht mehr. So wird viel aneinander vorbeigeredet und dem Zuschauer ist gar nicht mehr klar, inwiefern das Argument des einen gegen das des anderen spricht. Sich verzetteln und inhaltslos daherzureden ist in diesem Modell viel einfacher. Die französische Art wäre wie ein Zahnrad, das ineinander greift, von der einen und der anderen Seite, ein Schlagabtausch, in der das Argument mal von der einen, mal von der anderen Seite beleuchtet wird, was sinnvoll ist, denn so kann schnell klar werden, wo es hakt … dass vieles „zu komplex“ sei oder „man weit ausholen muss“ sind meistens nur faule Ausreden.

Und nicht nur in Talkshows, auch im täglichen Leben begegnen uns zuhauf derlei Situationen, in denen es Leuten nur darauf ankommt, mit ihrem Wissen zu prahlen oder die Unwahrheit rhetorisch geschickt zu verschleiern. Ein kluger Mensch, dessen Name ich mich partout nicht entsinnen kann, sagte, für ihn sei eine Diskussion viel befriedigender, wenn er als der vom anderen Überzeugte daraus hervorginge. Es gehe nicht darum, zu gewinnen, die besseren Argumente zu haben, sondern etwas dazuzulernen. Es sollte weniger um die Selbstdarstellung gehen und eher um die Vermittlung, den Austausch und die Veranschaulichung von Wissen und letztendlich um die gemeinsame Findung der Wahrheit. Ist es nicht eine Anmaßung einer Partie, zu glauben, man sei im Besitz der absoluten Wahrheit? Im Diskurs kann die Wahrheit nur kollektiv sein, sie wird gefunden im Austausch mit verschiedenen Standpunkten. Es geht um die Entwicklung gemeinsamer Gedanken.

Das sollte das Bestreben und die Priorität eines jeden Gesprächs sein. Und was könnte verbindender, was könnte intimer sein, als eine gemeinsame Wahrheit, die nur durch die eben beteiligten Personen zustande hätte kommen können – und vermutlich ein paar Gläsern Wein – man erntet gemeinsam.

Quellen:

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