Krankheit

„Einem Kranken möchte man doch Ernst und Achtung entgegenbringen, nicht wahr, Krankheit ist doch gewissermaßen etwas Ehrwürdiges, wenn ich so sagen darf“, sagt Hans Castorp.

Gewiss kann kein anderes Werk mehr über Krankheit erzählen, als der „Zauberberg“ von Thomas Mann (publiziert 1924) und namentlich dessen Protagonist, der 23-jährige angehende Ingenieur Hans Castorp.

Der einfache junge Mann reist scheinbar gesund auf drei Wochen ins schweizer Bergdorf Davos, seinen tuberkulösen Vetter zu besuchen, der im dortigen Sanatorium „Berghof“ kuriert wird, und erkrankt dort selbst. Die Behandlung von Tuberkulose bestand Anfang des 20. Jahrhunderts, dem Höhepunkt ihrer Ausbreitung, in dem Verabreichen dünner, reiner Gebirgsluft mittels Liegekuren, die zu Wind und Wetter regelmäßig auf den speziell darauf ausgelegten Balkonlogen abgehalten wurden.

Natürlich kann unsereins nicht jeder von sich behaupten, schon einmal einen Kuraufenthalt nötig gehabt zu haben. Oder einen längeren Krankenhausaufenthalt. Oder überhaupt einmal ernsthaft krank gewesen zu sein. Dennoch hat wohl jeden schon mal eine fiese Grippe, eine Mittelohrentzündung oder eine Magenverstimmung dahingerafft und für ein paar Tage bettlägerig werden lassen.

Hans Castorps Sympathie mit der Krankheit macht ihn für eine Infektion empfänglich und schon bald findet man auch bei ihm eine „feuchte Stelle“. Hans ist fasziniert vom Leben im Sanatorium – der Huldigung der Krankheit durch Temperaturmessen, „Liegedienst“, üppige Mahlzeiten und gesunde Promenaden. Und andererseits lässt ihm dieser neue Lebensstil auch Platz für neues Gedankengut. Durch seine, vom Erzähler ständig in Erinnerung gerufene, „Mittelmäßigkeit“ und einfache Art ist es besonders einfach für ihn, sich von neuem Gedankeninput durch seine neuen Bekanntschaften inspirieren – oder eher: infizieren – zu lassen. Und schon beginnt er diese, wie sein Sanatoriumsgenosse, Humanist und Mentor Settembrini es nennt, größtenteils „horizontale Lebensweise“.

Auch wir kennen, ohne sie je Liegekur genannt zu haben, die altbewährte Bettruhe. Diese vorübergehende Lebensweise mutet zu unserer sonstigen senkrechten, einsatzbereiten, im Leben stehenden Haltung recht gegensätzlich an. Zumal die Horizontale ja auch im Schlaf eingenommen wird, der – wie auch bei der Krankheit  – der Erholung dienen soll und damit die „Senkrechte“ ja gewissermaßen erst möglich macht. Dennoch scheint die Horizontale etwas höchst unkonformes, anti-gesellschaftliches an sich zu haben, denn wenn sie eingenommen wird, ist der Mensch wie abgeschottet. Die horizontale Lage wird nicht ohne weiteres einfach in der Öffentlichkeit eingenommen und scheint deshalb einen privaten, beinahe intimen Charakter zu haben. Nicht umsonst empfindet Hans Castorp das Leben im Sanatorium „Berghof“ als so radikal anders als das im „Flachland“ – anti-konform und sogar anstößig. In den gemeinsamen Liegehallen wird gemeinsam Liegekur gemacht – wie unanständig! Aber hier gelten andere Regeln als in der „Ebene“, denn nicht der homo laborans (Marx), der arbeitende Mensch, hat hier einen gesellschaftlichen Wert, sondern der kranke – und je kränker, desto „ehrwürdiger“.

Wir empfinden den Zustand, in den einen die Krankheit versetzt, als einen – wenn auch nur vorübergehend –  außergesellschaftlichen. Die körperliche Konstitution erlaubt es einem nicht, am Leben in einem gesunden Maß, teilzunehmen, sei es in Form von Arbeit oder durch die Erfüllung von anderen sozialen Pflichten oder Bedürfnissen. Man ist eingeschränkt durch den Zustand des Körpers, der seine Grenzen zeitweise anders steckt, als man es gewohnt ist.

Es „sei gewiß, dass Krankheit eine Überbetonung des Körperlichen bedeute, den Menschen gleichsam ganz und gar auf seinen Körper zurückweise und zurückwerfe und so der Würde des Menschen bis zur Vernichtung abträglich sei, indem sie ihn nämlich zum bloßen Körper herabwürdige. Krankheit sei also unmenschlich“ (642) konstatiert auch Hans Castorp im weiteren Verlauf des Buchs und rückt somit von seinen, von Settembrini strikt als antihumanistisch deklarierten, romantisierten Vorstellungen ab.

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Sich mit dem neuen, eingeschränkten Zustand abzufinden ist allerdings nicht so schwer, wenn auch der Wille sich der Krankheit gefügt hat. Wenn man schwach ist, möchte man auch nichts anderes, als liegen. Dann ist man ein vollständig Kranker, ganz im castorp’schen Sinn – körperlich und psychisch. Man könnte nämlich auch ein Gesunder sein, der zufällig krank ist und nichts anderes möchte, als möglichst schnell zu gesunden, zum natürlichen Zustand zurückzukehren, sozusagen. Es gibt auch gesunde Kranke – solche, bei denen es ständig zwickt und zwackt und die entweder gerne über kleine Wehwechen jammern oder hypochondrisch ständig befürchten, schwer krank zu sein, weil sie es vielleicht insgeheim als ihren ursprünglichen Zustand, ihre eigentliche Konstitution sehen (hier ist vielleicht zu erinnern, dass wir vorher Antikonformität in Analogie zu Krankheit genannt haben).

Ganzheitlich ist man natürlich besser dran, wenn man gesunder Gesunder oder kranker Kranker ist. Neigungen in die eine oder andere Richtung sind immer mit nicht-Akzeptanz eines gegenwärtigen Zustands verbunden. Hofrat Behrens gesteht Hans Castorp mehr „Talent zum Kranksein“ zu als seinem Vetter Joachim, „der immer gleich weg will, wenn er mal ein paar Striche weniger hat“(251), obwohl er eigentlich viel kränker ist. Hans ist der Gesunde, der lieber krank wäre und Joachim der Kranke, der gesund sein will. Dabei ist es eigentlich unsinnig, das eine dem anderen vorziehen zu wollen – nein, diese Frage stellt sich erst gar nicht. Die Krankheit dient der Gesundung ebenso, wie man die Gesundheit ohne Krankheit gar nicht schätzen könnte, denn sie ist ihr Gegensatz und bedingen einander – ohne einander wären sie nichts. Nietzsche sagt – ähnlich: „Gesundheit und Krankheit sind nichts wesentlich Verschiedenes […]. Thatsächlich giebt es zwischen diesen beiden Arten des Daseins nur Gradunterschiede; die Übertreibung, die Disproportion, die Nicht-Harmonie der normalen Phänomene constituieren den krankhaften Zustand.“²

Es ist eigentlich auch gar nicht so, wie Hans Castorp sagt, denn wenn er behauptet, Krankheit sei eine Reduktion auf die eigene Körperlichkeit, Fleischlichkeit, auf die bloße Materialität, dann kann er im Gegenzug nicht sagen, Krankheit sei eine Vergeistigung: „Krankheit war die unzüchtige Form des Lebens. Und das Leben für seinen Teil? War es vielleicht nur eine infektiöse Erkrankung der Materie, – wie das, was man die Urzeugung der Materie nennen durfte, vielleicht nur Krankheit, eine Reizwucherung des Immateriellen war?“(392)

Hierin besteht Hans Castorps Romantisierung der Krankheit und auch dem Tod. Als wäre es nur die logische Folge für einen Menschen, wenn er geistreich ist, auch krank zu sein – Krankheit also als Neigung zur Vergeistigung und gleichzeitig auch Degradierung und sogar Verleugnung des Körpers und des Materiellen. Auch Schiller schreibt: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ (Wallensteins Tod III, 13. (Wallenstein)) Dabei ist genau die Neigung ungesund, den Körper als bloßen Sitz des höhergestellten menschlichen Geistes zu sehen – aus dieser Einstellung kann nur Krankheit folgen. Andererseits wäre eine Bevorzugung der bloßen Körperlichkeit auch Krankheit. Denn wenn der Sinn und Zweck lediglich in der Erfahrung von Sinneseindrücken gesucht wird, wird das Geistige verleugnet. Jedoch in beiden Fällen ist der Mensch nur Mittel, aber nie Zweck. Einmal Mittel, den Geist zu inkarnieren und andererseits, Sinneseindrücke zu übersetzen. Das kommt einer Verleugnung der eigenen Humanität gleich: wenn Kant mit seinem praktischen Imperativ sagt, der Mensch solle niemals bloß Mittel, sondern immer selbst Zweck sein, so gilt das nicht nur für andere, sondern auch für einen selbst.

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Bei den Patienten des „Berghofs“ im Zauberberg äußert sich die Krankheit an einem Übermaß an Körperlichkeit oder Geistigkeit³. Thomas Mann selbst schreibt über die Krankheit: „Offenbar gibt es zweierlei Erhöhung und Steigerung des Menschlichen: eine ins Göttliche, von Gnaden der Natur, und eine ins Heilige – von Gnaden einer anderen Macht, die der Natur entgegensteht, da die Emanzipation von ihr, die ewige Revolte gegen sie bedeutet: von Gnaden des Geistes. Die Frage ist aber, welcher Adel der höhere, welche Art von Erhöhung des Menschlichen die vornehmere ist, diese Frage ist es, was ich das „aristokratische Problem“ nannte.“4

Das aristokratische Problem ist bei Thomas Mann und im Zauberberg eine der zentralen Fragen und tritt als Dualismus zutage: Sollte der Mensch der Natur oder dem Geist mehr zugewandt sein? Würde das Abwenden von der Natur und die damit einhergehende Vergeistigung ihn mehr adeln? Das wäre eine verführerisch einfache und radikale Abgrenzung von anderen Lebewesen. Andererseits könnte der Platz des Menschen auch in der Natur liegen, im Sinnlichen, Hedonistischen, Ursprünglichen4, dem Dionysischen3. Als Vertreter dieser Seite nennt Thomas Mann Goethe, Tolstoi und Spinoza, die Naturkinder. Somit ist das Gegenprinzip nach Nietzsche das Apollinische, die Vergeistigung, wozu Mann Schiller, Dostojewski und Kant zählt.

Mit dem Begriffspaar des Apollinischen und Dionysischen illustriert Nietzsche die zwei gegensätzlichen „Kunsttriebe“ unter Verwendung der Charaktereigenschaften des jeweiligen Gottes. Apollon steht für die Sphäre des Traums, Maß, Besonnenheit, Form, Harmonie, Klarheit und Individuation. Dionysos dagegen für Rausch, Übermaß, Kollektivität und Musik. Auch ein Grund dafür, dass der aufklärerische Rationalist Settembrini ein Misstrauen gegen die Musik hegt. Das Apollinische und Dionysische sind analog zu der Betonung von Geistigkeit und Körperlichkeit.

Die radikalsten Vertreter der beiden Prinzipien im Zauberberg wären Naphta für die absolute Vergeistigung und Peeperkorn für die Körperlichkeit. Beide sterben, konsequenterweise, weil sich diesen Prinzipien völlig verschrieben haben. Peeperkorn zelebriert den Rausch, Konsum und Exzess und sobald sein kranker Leib ihm nicht mehr als Tempel für die Huldigung der Sinnlichkeit, dienen kann, begeht er Suizid. Auch Der reaktionäre Jesuit Naphta, der den Leib verteufelt, stirbt durch seine eigene Hand und für das geistige Prinzip, das zu verkörpern ihm einziger Sinn und Zweck war. Die Geister scheiden sich bei der Frage, welches Prinzip den Menschen mehr adelt. Dabei ist beides gleichermaßen antihumanistisch.

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Für Hans Castorp stellt sich die aristokratische Frage nicht, er ist von keinem Prinzip eingenommen. Er findet alles gleichermaßen „hörenswert“. Für ihn ist die Krankheit „genial“. Sie macht ihn frei, sich von den Zwängen des „Flachlandes“ zu befreien und mit dem vielfältigen Gedankengut in Berührung zu kommen, das ihm einerseits Mentoren Settembrini, Naphta, Behrens, Madame Chauchat einflößen, er sich aber andererseits auch durch Selbststudien aneignet. Worum sich seine Interessen aber gemeinschaftlich drehen ist der Mensch und seine außergewöhnliche Position im Universum. Und sehr bald beginnt er auch, mit seiner Rolle als Mittler zwischen den gegensätzlichen Weltanschauungen und namentlich deren Vertretern zu sympathisieren. Anfangs noch skeptisch („Ich bin doch kein Ambassadeur“(S.339)), beginnt Hans bald, über die verschiedenen Standpunkte seiner Mentoren, den philosophischen Überlegungen und unterschiedlichen politischen Anschauungen zu reflektieren und ihre starren Haltungen, ihren totalitären Anspruch auf Wahrheit infrage zu stellen. Gemäß seinem Motto „placet experiri“ stellt er „mit verschiedenen Gedanken Versuche an“(136), beginnt, eigene Positionen aus dem Gehörten zu entwickeln, Verschiedenes gegeneinander aufzuwiegen und scheinbar Gegensätzliches zu vereinen. Diesen Vorgang nennt er bescheiden seine „Regierungsgeschäfte“.

Er ist „Herr über die Gegensätze“, was, wie er in seinem „Schneetraum“ begreift, die einzig gebührende Stellung des Menschen sein muss – und entwickelt daraus seinen eigenen Humanitätsbegriff. Mit Hegel gesagt: „Die Erde ist nicht die physikalische Mitte der Welt, aber sie ist ihre metaphysische“– Oder etwa mit Protagoras: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“

Hans begreift das Leben als Totalität und dass allein der Mensch dazu fähig ist, die Gegensätze zu vereinen und dass sich die aristokratische Frage gar nicht stellt5. Sämtliche andere Figuren stehen für Partikularität, Beschränkung auf lediglich eine Sphäre – das Geistige oder das Körperliche. Demnach sind sie lediglich Vertreter von starren, unverrückbaren Prinzipien, was eine Verleugnung ihrer Menschlichkeit gleichkommt – und deshalb sind sie auch krank. „Hans Castorps Absage an die Diktatur der Widersprüche ist für ihn die Bedingung jeglicher Humanität“5.

Der Zauberberg ist nicht umsonst ein Berg, also eine Erhöhung, und immer wieder im Gegensatz zum „Flachland“ oder der „Ebene“ genannt. Es liegt daher nicht fern, vermuten zu dürfen, dass sein talentierter Bewohner Hans Castorp sich ebenfalls gesteigert hat. Hans entwickelt seinen eigenen Humanitätsbegriff. Als Mittelmäßiger, der er ist, begreift er den Menschen als Mittler, als Synthese von Körper und Geist, als Vermittler zwischen Dionysos und Apollon, Lust und Vernunft – als „Herrn der Gegensätze“. Das ist seine erhabene Stellung über allen Prinzipien. Durch die Krankheit und seine Sympathie mit dem Tod findet Hans Castorp zum Leben zurück. Er sagt:

„Zum Leben gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!“(816)

 

Quellen:

  1. Der Zauberberg, Thomas Mann, Fischer Taschenbuch Verlag, 1993 ISBN: 3596119081
  2. Nachgelassene Fragmente, 1887-1889, In: Ders: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Bd. 13 Hrsg. v. Girorgo Colli und Mazzino Montinari, 2. durchges. Auflage, München 1988, S.250
  3. Andrej Petelin, 2012: Philosophische Bezüge in Thomas Manns Romas Der Zauberberg, S. 54, S.30 fff: http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/ap_zauberberg.pdf
  4. Goethe und Tolstoi, Thomas Mann: Bemühungen, 1925, Fischer Verlag A.G., Berlin
  5. Christian Gloystein – Mit mir aber ist es was anderes, besonders S. 36 fff., S.112, S.45, S.59 (Pütz:1995:262), S.29
    Königshausen & Neumann
    ISBN: 3-82601-962-8
  6. Jahrbuch der Nietzsche-Forschung, Band 8, S.68

  7. Die pädagogischen Konzepte in Thomas Manns „Zauberberg“ und ihre Wirkung auf … – Joachim Schoepf

  8. https://www.presse.uni-augsburg.de/publikationen/unireden/unireden_pdfs/UR_26_Virchow1995_Zauberberg.pdf

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