Essen

Roland Barthes hat in „Das Reich der Zeichen“ ein wunderbares Kapitel geschrieben, in dem er die japanische Esskultur der europäischen gegenüberstellt.  Die Unterschiede beschränken sich natürlich keinesfalls auf die einzelnen Kontinente. Die europäische Küche ist ebenso vielfältig wie die dazugehörige Tischkultur, die sich oft nach der Beschaffenheit der zubereiteten oder zu bereitenden Lebensmittel richtet.

Für Barthes ist in Japan die Vorbereitung des Essens, das Arrangement der Speise beim Servieren und schließlich die Verköstigung selbst alle Teil einer Prozedur, die man kurz „Japanische Küche“ nennt. Dabei spielen die Stäbchen als Fütterungsinstrumente eine besondere Rolle für Barthes, da sie „ein[]klemmen, […] um [Nahrung] aufzuheben und zu bewegen. […] Darin liegt ein ganzes Verhalten gegenüber der Nahrung. Deutlich sieht man dies an den langen Stäbchen des Kochs, die nicht zum Essen dienen, sondern der Vorbereitung: niemals sticht, schneidet, spaltet, verletzt das Stäbchen; es hebt nur auf, es wendet und bewegt.“

Ausgehend und inspiriert von Barthes Sätzen wollen wir nun einen genaueren Blick auf die verschiedenartige, nicht nur länder- und kulturenübergreifende, sondern auch individuelle und interfamiliäre Essenskulturen gewinnen.

Im Gegensatz zu den filigranen Stäbchen stehen die radikalen europäischen Invasionswerkzeuge Messer und Gabel, die in die Nahrungsfaser eindringen, um sie zu fixieren und dann zu trennen, auseinander zu schneiden, zu reißen, zu zerstückeln. Wie eine bloße Verlängerung unserer Zähne, unserem primitivsten Bearbeitungsprogramm für Nahrung. Dagegen wirken die japanischen Stäbchen natürlich viel kultivierter – eine besonnenere Weise, an Nahrungszergliederung heranzugehen. Keine Aneignung durch gewaltsame Invasion – sondern ein zivilisierter Dialog mit der unentfremdeten – unbefremdeten Natur.

Das wirkt wie ein Armutszeugnis an die westliche Welt. Und, als hätte man den Finger auf eine Wunde gelegt. Ist es nicht westliche Art zu meinen, nicht nur Vorbild sondern Leitkultur sein zu wollen, die Natur nicht nur zu zähmen, sondern sich anzueignen und zu Nutze zu machen, und ganz und gar zu unterwerfen – sie als zweitrangig einzustufen, als notwendiges aber lästiges Übel, und schließlich damit zu enden, sie ganz nach den menschlichen Anforderungen umzugestalten, der bloßen Projektion unserer Bedürfnisse, nach unserem Ebenbild sozusagen? Wie Gott uns nach unserem Ebenbild geschaffen haben soll, so maßt sich der so christliche Westen an, ebenso mit der Natur zu verfahren. Und nicht nur mit der Natur, auch mit anderen Zivilisationen, die er als primitiv deklariert. Die spanischen Konquistadoren, englischer Imperialismus, Kolonialisierung, Missionierung, Versklavung, bis hin zu den heutigen „moralpolitischen“ Einmischungen (oder auch nicht) – stets dazu berufen, am besten die ganze Welt verwestlichen zu wollen. Die beste Invasionsstrategie scheint heute der Kapitalismus, Handel und Wirtschaft zu sein.

Wie auch immer. Ich wollte eigentlich über Essen schreiben.

Barthes schreibt: „Zunächst haben die Stäbchen – ihre Form sagt dies bereits zu Genüge – eine deiktische Funktion: Sie zeigen die Nahrung, bezeichnen das Stück und verleihen ihm – durch die Auswahlgeste schlechthin, d.h. durch den Index – Existenz.“  – Während der Westen gewaltsam unterwirft, was er sich aneignen will, scheint das japanische Stäbchen beinahe zu dialogisieren.

Tischmanieren und Essgewohnheiten divergieren aber nicht nur kulturell – auch interfamiliär, bis schließlich individuell. Familieninterne Tischsitten bis hin zu individuellen Vorlieben. Essen tut jeder aber niemand auf dieselbe Art. Es gibt Genießer, Anspruchsvolle, bis gleichgültige Allesfresser und Utilitaristen. Aber machen wir uns nichts vor, es ist doch auch eine Charakterfrage! – Wer nur isst, um satt zu werden, der kann doch zum Beispiel nicht gut im Bett sein! Wer unbesonnen hinunterschlingt, ohne besinnende Pausen einzulegen, anfängt, bevor andere serviert sind, danach rülpst, sich auf den Bauch klopf, furzt und einschläft – hm.

Essen ist für viele Menschen dieser Welt zwar immer noch ein Grundbedürfnis, aber nichts mehr, womit existentielle Ängste einhergehen.

Die Nahrungsaufnahme ist ein Ritual. So notwendig sie auch erscheinen mag, so mystifiziert wird sie und bleibt unbestritten und unkonkurriert das ernsthafteste Ritual unseres Alltags, das durch seine akribische Genauigkeit und unverrückbarer, unantastbarer Stellung religiösem Kult ähnelt. Und ein wenig übernimmt es ja auch diese Aufgabe: Die gemeinsame Mahlzeit eint, versöhnt, befriedet und ist auf eine unleugbare Art besinnlich.

Die conditio humana ist hier so unverblümt offen auf den Tisch gelegt – hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.

Ja, denn Tiere setzen sich ja nicht an den Tisch. Sind es etwa unsere Tischmanieren, die uns gänzlich unseren animalischen Charakter vergessen lassen? Überlegen fühlt sich der Mensch, wenn es um den Umgang mit Essen geht. Verweigerung wird als eine Art Disziplin gesehen, Maß und Dosis sind nach jeweiligen Erwägungen ein reines Luxusphänomen und Übermaß ist nur Kompensation oder mangelhafte Selbstbeherrschung.

Bei so essentiellen Dingen wie der Nahrungszufuhr offenbaren sich Charaktere und scheiden sich Geister.

Verdammt, tu deinen Ellenbogen vom Tisch. Wie barbarisch, die US-Amerikaner schneiden ihr essen erst ganz und legen dann das Messer beiseite, um sich das Präparierte frohgemut wie ein Bagger zuzuführen. Die Chinesen schaufeln mit Stäbchen. Verschiedene Werkzeuge, gleiches Prinzip.

Ein genaueren Blick ist aber die Zubereitung des Essens wert und inwiefern diese Zubereitung vor der Destination Mund oder etwa Teller abgeschlossen ist. Bei Kartoffelsuppe ist es recht einfach – auf den Löffel und nur rein damit. Nächster Schwierigkeitsgrad wäre wohl die eigene Kreativität beim Zusammenstellen von possiblen Optionen auf den Tisch – Soße oder lieber nicht und wenn, kommt sie über das Püree und die Karotten oder nur über das Püree oder nur über die Erbsen und Karotten oder über beides? Das Püree fusioniert schneller mit der Soße, die Karotten eher nicht. Lauter Abwägungen die genaue Kenntnis über die Beschaffenheit der jeweils zubereiteten Speisebestandteile erfordern. Dann – was kommt auf die Gabel? Auf den langen Teil am besten das Püree, dann die Karotten, um das Püree am Runterrutschen zu hindern und schließlich die Erbsen oben drauf geschoben, denn sie lassen sich leicht ins Püree drücken. Aber wie schmeckt das dann? Wenn ich die Gabel in den Munde schiebe, was schmecke ich zuerst? Manche Nahrungsmittel sind im Geschmack und je nach Zubereitung dominanter als andere. Während des Essensprozesses gilt es also auch, das richtige Verhältnis herauszubekommen. Viele spicken ihre bescheidene Gabel aber auch mit je einer Lebensmitteleinheit auf einmal. Ob sie von der vorherigen noch etwas im Mund behalten, um es zumindest auf der Zunge fusionieren zu lassen? Meistens sollen aber Beilage und Lage (?!) so aufeinander abgestimmt sein, dass ihre gleichzeitige Verköstigung das charakteristische Geschmackserlebnis bringt, das man „Gericht“ nennt. Fleisch und Fisch verlangen intensivere Aufmerksamkeit. Hier hat der Koch die Wahl, wie viel Arbeit er noch zumuten möchte und inwiefern das eigenhändige Filetieren im Teller oder das eigenzähnige Abnagen von Flügeln oder Schenkeln zur Gesamtheit des kulinarischen Erlebnisses gehört.

Diese Feinheiten spielen aber im weiteren Prozess spätestens im Magen keine Rolle mehr. Der Magen ist Kommunist, alle sind für ihn gleich, alles wird mit allem vermengt zu einem homogenen Nahrungsbrei. Was vorher sorgsam angeordnet war wird frohgemut wieder durcheinandergeworfen.

Dabei erwecken die Mahlzeiten oft den Eindruck, in unmittelbarem Timing mit den gastrotechnischen Präferenzen komponiert zu sein. Das Aperitif füllt die Wartezeit auf das Essen mit meist bitteren alkoholischen Getränken aus. Wie Tischdecken scheint das Aperitiv den Magen behutsam auf seine Aufgabe vorzubereiten. Die Geschmacksnerven werden sensiblisiert, den Verdauungssäften wird vorgeschlagen, sich langsam auf den Weg zu machen. In Frankreich wird dem Ricard oder dem Champagner diese Kompetenz zugesprochen, der von kleinen Fresshäppchen, die „amuse-geule“ (oder „amuse-bouche“), also Maul-/Mundamüsierer genannt werden, begleitet wird, die die prickelnde Flüssigkeit ideal aufzusaugen wissen. Die Crème de Cassis verwandelt den Champagner in einen „Kir Royal“, Weißwein in „Kir“ und Rotwein in einen „Communard“. Andere Länder haben als Gaumenreizer zum Beispiel Americano, Campari, Pils, Manhattan, Ging, Wodka, Pflaumenwein oder Portwein im Angebot. Als Digestifs bieten eau de vie (Obstlikör), Ouzo, Grappa, Cognac, Sambuca oder Jägermeister den Ausklang. Alkoholische Getränke werden zusammen im Namen der Verdauung, dem Hauptakteur des Spektakels, feierlich konsumiert.

Ein eigentlich sehr intimer Vorgang wird nach außen gekehrt gemeinsam begangen. Gemeinsam wird verdaut. Ob ein romantisches Dinner zu zweit, ein lautes Familien oder ein unangenehmes Geschäftsessen – es ist eine soziale Funktion, die die gemeinschaftliche Nahrungsaufnahme erfüllt. Und nichts ist strategisch klüger – hier ticken fast alle Menschen gleich: kaum sonst ist das Gemüt so sehr befriedet wie nach einer wohlschmeckenden ausgiebigen Mahlzeit. Man kann nur dort essen, wo man sich sicher fühlt, aber das Verhältnis ist reziprok: Wo man isst, fühlt man sich auch sicher. Der Darm kann nur arbeiten, wenn er nicht unter Stress steht. Der Familienstreit nimmt mit zunehmender Verdauungstätigkeit ab, der Firmenpartner steht einem Vorschlag sehr viel wohlwollender gegenüber und Liebe geht sowieso durch den Magen. Und der Weltfrieden wird am wahrscheinlichsten nach ausgiebigem gemeinsamem Speisen beschlossen.

Ja, der kultivierte Mensch begreift die Mahlzeit als eine soziale Tätigkeit und ritualisiert sie. Ein essentielles Bedürfnis wird gemeinsam feierlich begangen. Der Esstisch ist vielleicht sogar noch der einzige Ort, an dem der conditio humana gebührende Anerkennung widerfährt, wohingegen andere Grundbedürfnisse eher in Diskretion gehüllt bleiben sollen. Der Toilettengang ist fast eine Sache, für die man sich schämen müsste, Schlaf und Sex geschehen hinter verschlossenen Türen und meistens sind an diesen Tätigkeiten auch nicht mehr als zwei Personen involviert. Damit hätten wir alle essentiellen Bedürfnisse abgedeckt. Nur das Essen wird als kulturelles Ritual nicht schamhaft als Erinnerung an die eigene Biologie gesehen, als Rückwurf und Reduktion auf die eigene Animalität, letztendlich als Zeichen für die eigene Endlichkeit gesehen.

Nein, hier wird das Menschsein und die Endlichkeit zelebriert.

Nie darf man mehr Mensch sein, als beim Essen.

Nie ist man so frei wie beim Essen.

Guten Appetit!

Quellen:

Roland Barthes – Das Reich der Zeichen

https://de.wikipedia.org/wiki/Aperitif

 

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