Annähern

Die Faszination, die eine Person ausübt, ist schwer zu fassen.

Nein, nicht nur schwierig, schlichtweg unmöglich.

Oder ist es möglich, ein Ideal zu erreichen?

Eine Utopie zu realisieren?

Oder verlieren sie das, was ihnen eigen ist, in dem Moment, da man sie erreicht?

Es ist wie ein Geheimnis, das die Person umgibt. Es ist weniger eine spezielle Qualität an der Person, sondern eher, wie sie eine noch unbekannte Qualität in einem selbst auslöst – eben jene, einem unverständliche, Anziehung zu ihr. Das ist befremdlich, weil man sich selbst nicht dazu entschieden hat. Nicht mehr entscheiden kann. Keine Kontrolle mehr hat.

Es ist die Unbekannte in der Gleichung, die man nun verzweifelt sucht.

Etwas, das man nicht kennt, löst diese Anziehung aus. Die Anziehung ist die Unbekannte in einer Gleichung, die man eigentlich schon längst errechnet zu haben glaubte. Schwindelerregend und weltverkehrend fühlt es sich nun an, wenn das Ergebnis hinter dem ist-gleich nicht mehr das bekannte ist. Es herrscht ein Ungleichgewicht, weil eine Unbekannte die bekannte Konstante stört. Nun scheint es so, als könnten ganz viele Rechenprozesse, wie der des gewohnten, normalen Lebens, nicht fortgeführt werden, solange die verdammte Gleichung nicht gelöst ist. Und spätestens hier beginnt die richtige Faszination, sie steigt in dem Maße, wie sie unverständlich ist und je unbegreifbarer sie wird.

Der olympische Athlet Alkibiades sagt zu seinem Liebhaber Sokrates‘, er bewundere an Sokrates das, was er selbst nicht hat – seine Weisheit, und er hoffe, dass durch ihre geistige und körperliche Vereinigung etwas davon auf ihn abfärbe, oder er sich Sokrate’s Weisheit immerhin so sehr annähere, wie möglich. Sokrates‘ bewundert Alkibiades auch, denn auch er hat etwas, das er nicht hat, nämlich Schönheit. Nur liegt er nicht dem Irrglauben auf, ein anderer könnte ihm das geben, was ihm selber fehlt. Nichts färbt ab, wenn man sich körperlich und geistig aneinander reibt.

Ist es also vergeblich – selbst wenn man die Besonderheit identifiziert hat, kann man sie dann immer noch nicht begreifen? Kann man sich dem nur annähern, wie eine 1/x Funktion der x- und y-Achse, aber nie erreichen? Nie fassen, nie halten? Was wird aus dem Gejagten, wenn es schließlich gefangen ist? Nur Beute. Es verliert die Wesenheit des Gejagten, wird zu seinem Gegenteil. Die Gleichung löst sich. Sobald das Glück gefangen ist, verwandelt es sich zu Asche und Staub und rinnt einem durch die Finger.

Man glaubt, Ideale, wie das idealste der Ideale, die Perfektion, seien antastbar, erreichbar, wenn man sie verkörpert in fleischlichen Personen wähnt. Und auch wenn sie unerreichbar bleiben, so sind sie doch vorhanden.

Die eigenen, allermenschlichsten Sehnsüchte liegen in einem einzigen Blick, in einer beiläufigen Geste und rufen so verheißungsvoll. Die materielle Weltlichkeit täuscht über die tatsächlich außerweltliche Eigenheit der Ideale hinweg und hüllt sie in die Illusion der Greifbarkeit, nämlich genau in dem Moment, da man den Hauch dieses süßen Versprechens hinter den geliebten Augen aufblitzen sieht.

Das Versprechen der Unsterblichkeit?

 

 

Quellen:

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