Spiderman

Ich muss schreiben.

Sonst stauen sich die Gedanken. Sie sammeln und verdichten sich in meinem Kopf, in meinem ganzen Umfeld, umgeben mich, schwirren um mich herum, verwirren mich mit ihrer fordernden Präsenz.

Ich kann sie nicht sehen, nicht greifen, nicht einfangen. Es ist, als hielten sie mich gefangen und schon stecke ich in einem gefährlichen Gedankenkarussel. Wenn ich schreibe, dann picke ich mir einen Gedanken heraus, formuliere ihn, und warte, wie er sich entfaltet – vielleicht weniger entfaltet, aber verknüpft, mit einem anderen Gedanken, der auch einfach herumschwebt. Durch Assoziation verknüpfe ich die beiden, denn auch wenn sie nicht linear aufeinander folgen, nicht unbedingt logisch miteinander verbunden sind, führen sie zueinander, im Schreibprozess, der an sich linear ist.

Ich greife in das Chaos und bringe es in die lineare Form des Schreibflusses, der meinem assoziativ chaotischen Gedankenfluss eigentlich so fremd ist. Ich spinne den Faden weiter, von einem Gedanken zum anderen, bis ein Netz entsteht, der das ganze Gebilde zusammenhält, fixiert. So schweben die Gedanken nicht mehr wild durcheinander, sondern sind zugänglich, durch dieses Netz.

Ich bin Spiderman.

Ich schwinge mich an Fäden von einem Gebäude, einem Gedanken, zum anderen. Meine Gedanken sind Wolkenkratzer und mir schwindelt sehr wenn ich runterschaue und ich erschauere vor Ehrfurcht ob ihrer Mächtigkeit. Aber ich darf nicht gelähmt vor dem Abgrund stehen und mich nicht trauen zu springen. Keine Angst haben, wenn ich den Weg nicht kenne, das Ziel mir noch verborgen ist. Denn das Ziel sieht man erst, wenn man den Weg beschritten, den Absprung gewagt hat. Zuvor gibt es nur Stagnation, Lähmung, kein Vorankommen, keinen Fortschritt.

Ich springe – und angle mich von einem beeindruckenden Gebilde zum nächsten. Erkunde die Gedankenstadt mit meinen Netzen.

Verstricken darf ich mich mich nicht! Aufhängen darf ich mich nicht! Den Absprung muss ich schaffen … Nicht verweilen vor einem persistierenden Gedanken, weiterangeln, denn ein einziger ist nicht wichtig. Die Gebilde an sich sind nicht wichtig.

Nur die Netze, die ich spinne.

Denn ich bin Spiderman.

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