Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört – Episode II

Nun soll es weiter gehen mit unserer allzu nachsichtigen Kritik. Außerdem möchte ich ankündigen, dass ich glaube, noch nicht alles zu dem Thema gesagt zu haben und deshalb noch einen dritten Teil vorbereite. In Anbetracht von so viel Negativität ist es wohl auch in Ordnung anzukündigen, dass Episode III sehr viel positiver wird!
So, aber jetzt noch mal ganz im Ernst:

Während storytechnisch die verhassten Prequels tatsächlich mehr zu bieten hatten als die kontrastreiche Originaltrilogie mit ihren stereotypischen Charakteren, simpel strukturierten Handlungssträngen sowie klaren Oppositionen, verlassen sich die Macher der neuen Trilogie auf diese vermeintlich konstruktive Kritik der Fans: statt politischer Intrigen besteht wieder die altbewährte Konstellation: offener Krieg. Gut und Böse.

Das neue Imperium, die sogenannte „erste Ordnung“ ist böse, weil (und jetzt wage ich mich mal großzügigerweise an eine Definition heran, die ich aus den dürftigen Erklärungen von Episode VII zu erschließen versuche) es autoritäre Strukturen hat – die augenscheinlich nur aus einem riesigen Militärapparat bestehende Institution folgt unhinterfragt den Anweisungen ihres sogenannten „Anführers Snoke“, der im Besitz der Macht ist und sich, seinem unschmeichelhaften Äußeren und bedrohlichen Stimme nach zu urteilen, auf deren dunklen Seite befindet; sie zerstören die Republik, eine vermutlich demokratische Institution, mit ihrer Superwaffe, die mit Sonnenenergie gespeist wird und auf einem Planeten situiert ist, den die Rebellen in ihrer Mission anfliegen und mittels Feuerkraft letztendlich auch zerstören. Es wird kein Hehl daraus gemacht, dass die Bedrohung proportional zur Größe zunimmt: in einer Lagebesprechung der Rebellen zu dieser Mission wird ein Hologramm der „Starkiller-Basis“ auf einem Planeten gezeigt. Er ist natürlich viel größer als der Todesstern, also auch viel gefährlicher und die neue Superwaffe kann nicht nur einen Planeten auf einmal zerstören, sondern gleich mehrere.
Genau nach dem Motto verfährt auch der ganze Film. Anstatt dramaturgisch was zu reißen, interessante Charaktere oder uns irgendwas Neues über die Macht beizubringen, bauen die Filmemacher auf die altbewährten Pfeiler der erste Trilogie und blasen Gewesenes einfach größer auf, denn das macht man so im Kapitalismus (jaja, verdreht die Augen). Statt Innovation Wiederholung und „Scheinverbesserung“.

Gleichzeitig beflügelt dieser Innovationsmangel und die heutige „Informationsinflation“ eine Ästhetik des Seriellen, wie die Welle der zahlreichen Serienformate in den letzten Jahren zeigt.

Die Saga bildet eine eigene Form der Serie. „Die Saga ist eine Abfolge scheinbar immer neuer Ereignisse, die im Gegensatz zur Serie den „historischen“ Werdegang einer Person oder besser noch einer Personenfamilie betreffen“, schreibt Umberto Eco in seinem Aufsatz „Die Innovation des Seriellen“ von 1983*.
Sehen wir uns an, was für Gedanken er in diesem Aufsatz noch entwickelt und ob wir daraus Parallelen zu Star Wars ziehen können.

Eco beschreibt in seiner sogenannten „Ästhetik des Seriellen“ zwei Arten von Empfängern:
Einmal den naiven Empfänger, der die erste Ebene der Erzählung wahrnimmt, die Geschichte ohne Vorkenntnisse. Dieser „wird zum Opfer der Strategien des Autors“(S.168); einen beliebigen Star Wars würde dieser nicht anders ansehen als einen normalen Action-Film. Nur sind die meisten Star Wars-Gucker keine naiven Empfänger, sondern solche der von Eco also zweiten definierten Art, kritische Empfänger. Dieser Empfänger beurteilt die serialisierenden Strategien, die „Art und Weise der Variation [auf dem Grundschema], die Bewertung der Innovationsstrategien oder das Fehlen davon“ und „wie das Immergleiche behandelt wird, um es jeweils verschieden scheinen zu lassen“. Er „bewertet das Werk als ästhetisches Produkt und beurteilt diese Strategien.“(S.168)
Auch wenn sie keine Fans sind, haben aufgrund des Kultstatus der Saga die allermeisten bereits einen oder mehrere Star Wars-Filme gesehen und werden somit schon zu Empfängern der zweiten Art. Um die sich über mehrere Episoden ziehende Saga in Gänze verstehen zu können, muss man sich auf die dem Universum interne Logik einlassen und zieht automatisch Parallelen zu anderen Episoden.

Außerdem kommen wir bei Star Wars mit einer Sonderform des intertextuellen Dialogismus in Berührung: Intertextualität wird so definiert, dass „kein Text […] innerhalb einer kulturellen Struktur ohne Bezug zur Gesamtheit der anderen Texte denkbar ist“**.  Das Erzählte kann also je nach „Kontext eine unterschiedliche Bedeutung [annehmen], im Extremfall umfassende kulturgeschichtliche bzw. kultursoziologische Bedeutungen[].“**
Im letzten Beitrag haben wir gesehen, wie Star Wars verschiedene Elemente klassischer Epen nachahmt  und in sich vereint und somit zu einem ganz eigenen modernen Mythos wird. Es spielt also auf kulturhistorische Texte an, zitiert sie aber nicht direkt. Es erfordert eine Interpretationsleitung unsererseits, um dies zu erkennen, ob sie von George Lucas nun beabsichtigt waren oder nicht.
Eco: „Typisch für die Literatur und Kunst in der sogenannten Postmoderne ist […] das Zitieren in Anführungszeichen, sodass der Leser nicht so sehr auf den Inhalt des Zitates achtet, als vielmehr auf die Art und Weise, wie das Zitat in das Geflecht eines anderen Textes eingefügt wird, um einen neuen Text zu erzeugen.“(S.170)

Das Kino ist voller populärkultureller Anspielungen. Da Star Wars in einer weit weit entfernten Galaxis spielt und wir zumindest für die Dauer des Films in diesem abgeschlossenen Universum verbleiben wollen, gibt es zwar keine solchen (direkten) Referenzen in Bezug auf unsere Realität. Star Wars zitiert nur sich selbst. Und das nicht wenig – die Saga strotzt nur so vor Selbstreferenzen und intertextueller Logik. Und das nicht ohne Grund – wie sehr man sich freut, wiederkehrende Witze und Anspielungen zu erkennen: „Ich hab da ein ganz mieses Gefühl“. Wenn der Millenium Falke als „Schrottmühle“ bezeichnet wird. Wenn sich Stormtrooper über die neue BT-16 unterhalten oder sich an Luken den Kopf anhauen.
„Diese unmerklichen Anführungszeichen sind, mehr noch als ein ästhetischer Kunstgriff, ein sozialer: sie selektionieren die happy few (von denen man hofft, dass sie Millionen sind). Dem naiven Zuschauer hat der Film schon genug gegeben, dieses eine geheime Vergnügen bleibt für diesmal dem kritischen Zuschauer vorbehalten.“(S.171)

Die happy few und somit kritischen Empfänger sind im Fall von Star Wars hunderte Millionen: Die StarWars-Fanbase ist die wohl größte der Welt, einfach aufgrund des beispiellosen Merchandisings und natürlich auch der Präsenz über mehr als 40 Jahre! Die Filmproduzenten wissen das und sparen deshalb auch nicht mit Insider-Jokes.

Diese ewige Selbstreferenzialität bildet einen hermetischen Käfig und schließt alles äußere ab. Star Wars ist ein Paralleluniversum, angereichert durch zahllose Nebengeschichten, Spin-Offs, Videospiele, Serien, Bücher und belebt durch die Fans, die dieses Universum anerkennen. Wenn wir Star Wars schauen, wissen wir, dass das, was uns gezeigt wird, nur ein kleiner Teil von etwas sehr viel Größerem ist. Und gleichzeitig fühlen wir uns als Zuschauer ebenso als kleiner Teil dieses großen Gebildes, indem wir in unserem Kopf vervollständigen, was auf der Leinwand alleine unvollständig bleibt. Selbst als Neuling wird man sich freuen, Wiederkehrendes zu identifizieren, weil einem das das Gefühl einer Art Eigenleistung gibt und auch das Gefühl, zu partizipieren – man gehört nun auf zweierlei Weise zum Club: man trägt zum Gelingen der Gags durch die eigene Interpretationsleistung als kritischer Empfänger bei, weil sie ohne Vorwissen nicht funktionieren (mit anderen Worten: man partizipiert am Gelingen des Films) und wird im gleichen Zug zum StarWars-Insider!
Die Produzenten setzen insbesondere in den neuen Filmen unverhohlen auf die zweite Art des Rezipienten – ohne ihn und seine Kenntnis der anderen Filme funktionieren die aktuellen Filme nicht. Das ist möglicherweise ein Phänomen, das sich mit jeder Episode verstärkt hat und einfach an der Natur der Serialität an sich liegt. Der erste Star Wars („Eine neue Hoffnung“, 1976) kann für sich alleine stehen: er hat ein Anfang und ein Ende. Mit wachsender Episodenzahl allerdings nimmt diese Autonomie ab.
Die neue Trilogie baut nur noch auf dem soliden Fundament früherer Episoden – und das nicht gerade hoch; sie ist durchsetzt von zahllosen Referenzen, greift noch offene Fragen, nicht zu Ende gesponnene Ideen und Handlungsstränge auf und macht – nichts damit.
Wer sind Reys Eltern? In Episode 7 fragten wir uns noch – könnte es Luke sein? In Episode 8 hieß es, sie seien „niemand“ gewesen, aber ist sie auch in dieser Frage noch uneindeutig. Auch das gespannte Warten auf das Jeditraining Reys blieb unbefriedigt, schließlich ist sie ja ein Naturtalent und auch schienen die wirklich interessanten Lektionen immer in den Momenten zwischen den Szenen zu passieren.
Da gibt es wieder einen klugen kleinen Droiden, der optisch noch viel knuddliger ist als R2 (und sich deshalb auch besser als Kuscheltier verkaufen lässt). Selbiges gilt für die großäugigen kleinen Viecher auf Lukes Insel.
Wieder gibt es drei Hauptfiguren, von denen eine ein Jedi und technikaffin ist, einer der treue und gutherzige Freund, und der andere der sogar bei den Rebellen rebellische Pilot.
Wieder gibt es eine Cantina-Szene, die die Helden mit der rauen realen Welt konfrontieren soll.
Und Kylo Ren ist ja noch jähzorniger als Darth Vader und kultiviert seine dunkle Seite genüsslich mit dem Würgen von Menschen und wahllosem Eindreschen auf Gerätschaften (bestimmt zum Abreagieren empfohlen von seinem Psychotherapeuten). Nur dass es bei ihm eher an einen besonders frustrierten Teenager erinnert, dem man einfach nur die Emofresse polieren möchte.
Und zu guter Letzt gibt es genau eine Schwachstelle bei dem Todesplaneten, die man anfliegen und beschießen muss.
Gähn!

Eco sagt: „Das wahre Problem liegt nicht darin, das heute das, was interessiert nicht zu sehr die Variabilität des Schemas ist als vielmehr die Tatsache, dass man endlos auf ihm variieren kann und eine endlose Variabilität hat alle Merkmale der Wiederholung, aber nur sehr wenige der Innovation. Was hier gefeiert wird, ist eine Art Sieg des Lebens über die Kunst mit dem paradoxen Ergebnis, dass die moderne Ära der Elektronik […] eine Rückkehr der Kontinuität des Zyklischen, Periodischen, Regulären“, eine „Moderne Dialektik der Innovation und Wiederholung produziert“(S.174***).

Wie also könnte ein Star Wars-Film aussehen, der einerseits einen autonomem ästhetischen Wert besitzt und sich andererseits nahtlos in die Reigen der bereits existierenden einfügt, ohne an Innovation einzubüßen? Welche Kriterien müsste er erfüllen?

Eco formuliert zwei Kriterien einer modernen Lösung über die Ästhetik des Seriellen:

„1. Es muss sich eine Dialektik zwischen Ordnung und Neuheit oder Schema und Innovation bilden.
2. Diese Dialektik muss vom Empfänger realisiert werden: er darf nicht nur die Inhalte der Botschaft wahrnehmen, er muß auch erfassen, in welcher Weise die Botschaft ihre Inhalte übermittelt“(S.167).

Es geht also darum, „wie die Komponenten eines [Films] segmentiert und kodifiziert werden, um ein System von Invarianten zu etablieren, wobei dann alles, was sich in diesem System nicht einfügt, als unabhängige Variable definiert wird.“(S.175, O.Calabrese)

Eco nennt diese neue Ästhetik neobarock. Sie soll sich durch „organisierte Differenzierung, Polyzentrismus [und] regulierte Irregularität“ (S.175) auszeichnen.

Was das bedeutet ? Keine Ahnung! Sag nicht immer >du wirrköpfiger Philosoph< zu mir!

 

  1. Eco: Über Spiegel und andere Phänomene, dtv-Verlag, ISBN: 9783423129244
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Intertextualität
  3. Vgl. den zitierten Aufsatz von Costa und Quaresima in Cinema & Cinema, 35-36

Was mich an den neuen Star Wars – Filmen stört, Episode I

Es war einmal vor langer Zeit, da mein Bruder mich darauf hinwies, dass Blogeinträge möglichst kurz sein sollten, weil sie potentielle Leser sonst abschrecken. Darum poste ich die verschiedenen Teile dieses Artikels in Abständen. Außerdem ist es strategisch auch besonders schlau, da ihr dann vielleicht öfter hier vorbeischaut, um zu sehen, ob Teil 2 (3, 100, wer weiß?) schon draußen ist. Und ich habe somit vielleicht die Möglichkeit, euch durch das Abwarten so sehr auf die Folter zu spannen, dass ihr die literarischen Mängel vor lauter Freude eher überseht. Natürlich müsste Teil 1 dafür aber erst mal gut sein. Ohje, na gut, fangen wir an.

Star Wars IV ist ein Märchen, das im Weltraum spielt und der Genredefinition nach nicht Sciene-Fiction ist. Das Wort „science“ bedeutet übersetzt Naturwissenschaft und folglich muss die Science-Fiction zumindest teilweise einen realistischen Blick in Richtung technologischer Entwicklung auf Grundlage gegenwärtiger wissenschaftlicher Erkenntnisse geben, ebenso mit Berücksichtigung der tatsächlichen physikalischen Welt.*
Star Wars scheißt deutlich auf die Physik. Und um das zu unterstreichen, kündigt es schon vor dem Titel an, „in einer weit weit entfernten Galaxis“* zu spielen. Es wird nicht erklärt, warum die Figuren auf den Raumschiffen nicht durch die Gegend schweben, übergangen oder zumindest verschleiert wird die tatsächliche Beschaffenheit des Lichtschwerts/Laserschwerts (oder ist es Plasma? (Hubert:2006)), auch kann Masse einfach auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden, es gibt Überlichtgeschwindigkeit, es gibt offenbar keine Zeitdilatation und so weiter. Wenn euch die Begriffe nichts sagen, gebt’s bei Google ein, es soll in diesem Artikel nicht meine Aufgabe sein, euch das zu erklären und ich verschwende lieber Zeilen damit, euch zu erklären, dass ich es euch nicht erklären will, anstatt es euch zu erklären.
Diese „science“ ist übrigens auch der große Unterschied zwischen Star Wars und Star Trek. Wer hat es nicht schon immer wissen wollen, warum diese verfeindeten Lager sich gegenseitig zerfleischen? Aber es ist doch wohl eher eine Gefühlssache, was man lieber mag. Ich zumindest fühle mich nicht allzu mies, mich auf der Seite der der Realität galaxieentfernten Träumer und Utopisten wiederzufinden. Sie sind vielleicht nicht unbedingt die Vordenker, aber die Andersdenker, aber wer sagt, dass das eine besser als das andere ist?

Der „Kieg der Sterne“ ist wie eine klassische Märchenerzählung oder wie ein Heldenepos aufgebaut.* Der anfangs noch naive und unschlüssige Luke Skywalker muss wie Odysseus, Herakles oder Achilles, verschiedene Aufgaben bewältigen und unterschiedlichen Gegnern entgegentreten, was unmittelbar zu seinem Reifeprozess beiträgt. Der klassisch männliche Held befreit die Prinzessin (nicht ganz so in Nöten: Leia) aus der schwarzen Festung oder Burg (dem Todesstern); auf seiner Reise begegnet er allerlei kuriosen Geschöpfen, neuen Freundschaften und Mentoren, was einerseits dazu beiträgt, seinen Welthorizont zu erweitern und ihn andererseits auch auf seine Endaufgabe vorbereitet, die darin besteht, sich schließlich seinem Endgegner zu stellen, was faktisch aber erst in Episode V geschieht.

Während die älteste Trilogie (Episode IV, V und VI) noch die positiv verlaufende Entwicklung des Protagonisten Luke Skywalkers verfolgt, sieht man in den sogenannten und von Fans sehr kritisierten Prequels (1999-2005) den negativen Ausgang einer Entwicklung, den Verfall, des Anakin Skywalkers, Lukes Vater und Darth Vader.
Nun wirken diese so umstrittenen Prequels natürlich wie unermesslich originelle und wertvolle, aus dem Star Wars-Universum nicht mehr wegzudenkende Schätze, im Vergleich zu dem Schund, den uns Disney seit 2015 unterzujubeln versucht.

Endlich die Kritik!

Getarnt unter dem Titel „Star Wars“, angeheizt durch ein Merchandising, das Vorangegangenes weit in den Schatten stellt, verstecken sich die Filmproduzenten hinter geheuchelter Nostalgie, die vor allem darin zum Vorschein kommt, dass sie uns bekannte Artefakte aus dem Universum selbstgefällig und breittretend einleitet. Zum Beispiel mit betonter Beiläufigkeit, die niemanden täuscht, wenn Rey und Finn zum Millenium Falken rennen und wir – die Zuschauer – die „Schrottmühle“ zum ersten Mal seit 1983 (“ Die Rückkehr der Jedi-Ritter“) wieder sehen – heißt, sie orientieren sich (entlarvend!) nicht etwa an der von George Lucas‘ vorgesehenen Chronologie der Episoden, sondern an der empirischen Realität der „Erscheinungsdaten“. Das heißt auch, dass sie dem Zuschauer mehr Respekt zollen, als der Saga (obwohl sie hier zwei Fliegen mit einer Klappe hätten schlagen können, da man Fans ja meistens dann glücklich macht, indem man die Saga respektiert). Aber hätten sie dasselbe mit, sagen wir, einem Podrenner oder irgendeinem anderen Artefakt der Prequels gemacht, die uns zeitlich ja näher sind, hätte das einfach nur lächerlich gewirkt. Nach vierzig Jahren und nach dem Feedback: „Die Originaltrilogie war die beste“ lebt sichs sicher und gut, die Zuschauer mit ihrer Nostalgie zu überführen, um die lahme Story zu verstecken. Selbes gilt für den melodramatischen ersten Auftritt von Han und Chewie: „Chewie, wir sind zu Hause“ (und alles so: aawww!) – Ew! Ein echter Star Wars hätte so eine Gesäusel nicht nötig gehabt. Umso mehr hat es Episode VII sehr wohl nötig, sich hinter den „alten“ (also bewährten) Dingen zu verstecken und heimst lieber ein bisschen vom Ruhm anderer ein, anstatt sich etwas Neues cooles einfallen zu lassen. Wer sagt denn, dass alles, was nicht George Lucas geschaffen hat, nicht auch Star Wars sein kann? Ich habe Fan Fictions gelesen (ja, und?!) die mehr Star Wars waren als diese neuen Filme!

Augenzwinkernd wurde uns auch eine neue Version der Kantina-Szene aus Episode IV angeboten. Nur halt – scheiße. Wirklich neu war der Todestern-Planet auch nicht. Naja, machen wir mit den tollen Charakteren weiter.

Ich weiß nicht, woran’s liegt aber irgendwie kommen diese lieblos entwickelten Figuren einfach nicht aus ihren Stereotypen raus – Rey. Finn. Poe. Kontrastlos stehen sie da, eine Prise Han Solo hier, einen Hauch Padme (die Frisur!) dort. Aber: Diversity! Hier gilt das Rezept des heutigen Populärkinos: wenn man aus kommerziellen Gründen auf den Feminismus- und ethnic-diversity-Trend aufspringt, lässt sich das als so vorbildliches ideologisches Statement auslegen, dass man sich interessante Charaktere sparen kann! Und außerdem: so modern sind sie doch gar nicht, oder? Rey ist die weibliche Version des ebenso machtbegabten und technisch versierten Luke und Poe Dameron ist durch seine Schlagfertigkeit mit dem Niveau eines Klassenclowns der Unterstufe („So who talks first? I talk first? You talk first?“) einfach ein weiterer guter böser Bub! Das einzig interessante und neue hinsichtlich seines Charakters kam von Seiten der Fans, ein Hype um eine mögliche romantische Beziehung zwischen ihm und Finn, die durch zweideutige Kamerawinkel und einen eindeutigen Blick Poes befeuert wurde. Hier hätte Disney Stärke zeigen können, um zum ersten Mal ein homosexuelles Paar in dem größten Film-Franchise der Welt zu integrieren, wenn sie schon so viel wert auf Fan-Feedback legen. Aber wahrscheinlich fürchtete man Einspielverluste in China und Russland. Schwach, Disney. Fortschritt ist anscheinend nur dann erstrebenswert, wenn es sich finanziell lohnt. Dahingehend will man kein Risiko eingehen. Obwohl man doch gerade als großer Konzern mit einer Reichweite, die Millionen von Menschen umfasst, diese Macht und somit auch Verantwortung. Aber im Kapitalismus sind alle Konsumenten gleich – und es gilt nach dem Mantra der Populärkultur: den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden und sich ja nicht anmaßen, moralische Werte zu verkünden. Mit Konservativismus ist man hier also auf der sicheren Seite…

Finn, der Charakter mit dem wir uns wohl identifizieren sollen, weil er irgendwie von nichts einen blassen Schimmer hat, schafft es irgendwie, die geistigen Fesseln seiner autoritären Militärausbildung zum Sturmtruppler abzuwerfen und zu erkennen, dass er bei „den Bösen“ mitspielt, um sich dann ohne großartige moralische Hinterfragungen auf die Seite der Rebellen zu werfen. Ja, denn bei der Klärung der Fronten wird auf das traditionelle schwarz-weiß-System der Originaltrilogie  gesetzt – das Imperium ist böse und die Rebellen sind gut. Aber hätte euch nicht auch dieses „irgendwie“ interessiert? Wie emanzipiert sich Finn? Ist das nicht die interessanteste Frage, die seine Figur aufwirft? Wie schafft er es, obwohl er offenbar in totalitären Strukturen aufgewachsen ist, einen eigenen Willen zu entwickeln und – wie Kant sagen würde – sich „seines eigenen Verstandes zu bedienen“? Als Erklärung bekommen wir nur den negativen Ansatz von seiner Ausbilderin angeboten, die seinen moralischen Konflikt als Fehler im System deklariert. Moralethische Fragen sind in einer totalitären Ordnung, die nur auf Gehorsam ausgelegt ist, ein Fehler im System, sofern sie dieses System infrage stellen, was die Definition „totalitär“, das heißt, keine Alternativen duldend, per se ausschließt. Auf ethischer Ebene: folgt daraus dann, dass, wenn das System (moralisch) schlecht ist, der Fehler im System automatisch (moralisch) gut ist?

  • „Viel zu lernen du noch hast“ – Star Wars und die Philosophie, Hg.: Catherine Newmark, S. 220
  • Star Wars I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII
  • Joseph Campbell (Monomythos) schaut euch hierzu unbedingt diese arte-Doku an: https://www.youtube.com/watch?v=BOFELVit38I

Das gute Leben

Warum sollte ein hedonistischer Lebensstil weniger erfüllend sein, als einer, der der Sinnfindung und -gebung gewidmet ist?

Lust zu befriedigen und Leid zu vermindern, könnte das wirklich das Wahre sein?

Warum nach Tieferem suchen, warum nach vermeintlich Höherem streben? Denn ist der Sinn nicht schlicht und ergreifend eine Illusion, die wir uns geben, weil wir uns nicht vorstellen mögen, dass es so einfach ist? Den Erscheinungen misstrauen und versuchen, unter den Boden der Tatsachen nach so etwas metaphysischem wie Sinn suchen. Ist es die Hybris des Menschen, eine bloße Anmaßung, zu denken, dass es mehr gäbe, als die Welt uns zeigt?

Warum kann das Leben nicht einfach so einfach sein – eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, wie wir, möglicherweise individuell, aber nicht zu sehr, auf die Umwelt reagieren und mit ihr interagieren? Reiz-Reaktion, nicht mehr.

Ein Leben richtet sich viel nach biologischen Bedürfnissen, wie Essen und Trinken, Sex, Schlaf. Zu den etwas komplexeren Bedürfnissen gehören Geltungs- und Statusbedürfnisse, diese könnte man außederdem unter die kulturellen und sozialen zählen. Sie setzen sich aus dem zusammen, was die Gesellschaft – Staat, Familie, Freunde – von einem erwartet und stillt Bedürfnisse auf beiden Seiten – wobei die eigene Seite, aus rein subjektiven Gründen ohnehin näher an einem selbst, meistens überwiegt und man die Kontakte so dosieren kann, wie es einem passt. Verspürt man das Bedürfnis nach Gesellschaft, begibt man sich in sie, andererseits macht man auch Kompromisse oder man lässt sich hinreißen, um den Bedürfnissen der Anderen Genüge zu tun und zahlt Steuern, geht arbeiten und beteiligt sich am gesellschaftlichen Leben.

Außerdem wären da noch psychische Bedürfnisse, auf die zu achten keine Selbstverständlichkeit ist und deren Erfüllung nicht so unmittelbar folgt, wie die der biologischen. Psychische Bedürfnisse sind aber, anders als die unmittelbaren biologischen, langfristiger und weitreichender Pflege bedürftig. Wie man vom Essen sagen kann, dass es auf einen unmittelbaren Drang, den Hunger, folgt, gibt es durchaus auch unmittelbare psychische Bedürfnisse – wie das nach Nähe, einen Anflug von Wut oder Zärtlichkeit loszuwerden, kurz ängstlich oder besorgt zu sein und so fort. Aber wie die körperliche Gesundheit nicht immer dadurch zu erhalten ist, plötzlichen Gelüsten nachzugeben, im Vertrauen darauf, dass der Körper immer nach dem verlangt, was ihm auch guttut, ist die Pflege der psychischen Gesundheit durchaus auch längerfristiger Pflege bedürftig. Wie man den Körper auf lange Sicht erhält, indem man sich gut ernährt, Sport treibt, nicht raucht, wenig Alkohol trinkt – so kann man auch der Psyche entgegenkommen, indem man sie umsichtig pflegt. Denn wie auch der Körper Infektionen wie Erkältungen, Grippe kennt oder Verletzungen, wie kleine Schnittwunden,blaue Flecke oder gar gebrochene Gliedmaßen, so ist es bei der Psyche nicht viel anders – Panikattacken könnten möglicherweise sublimierte Gefühle an die Oberfläche spülen, wie eine Erkältung Bakterien mittels Schleim aus dem Körper schleust – beides unangenehme, aber nötige Vorgänge, für die man dem Immunsystem und dem Unterbewusstsein, das vielleicht das Immunsystem der Psyche ist, dankbar sein kann. Ernsthaften Erkrankungen kann man aber keinesfalls die Selbstverschuldung unterstellen.

Wenn man in stetem Austausch mit der Außenwelt lebt, ist es unvermeidbar, dass Körper und Psyche und Geist von dieser geformt werden. Die geistigen Bedürfnisse sind, grob umrissen, das Bedürfnis nach der Verarbeitung von Informationen. Ja, jeglicher Informationen. Bekanntlich leben wir ja in einem Informationsflutzeitalter, indem es schwierig ist, die herauszufiltern, die für uns wichtig sind. Allerdings ist der Zugang zu Informationen weniger schwierig, wie in vergangenen Zeitaltern. War es die Aufgabe früherer Generationen, sich die nötigen Informationen überhaupt erst zugänglich zu machen, so besteht unsere heute eher darin, sie zu filtern, sie in einer schier unübersichtlichen Masse ausfindig zu machen und unser Gehirn von Abfall reinzuhalten, den Müll zu trennen und auch zu entsorgen. Wissen, die Frucht und Befriedigung geistiger Bedürfnisse, ist ein weit gefasster Begriff. Er kann von der Kenntnis, wer mit wem gerade was am Laufen hat – Tratsch –, über das Entdecken und die Umsetzung eines neuen Kochrezeptes, bis zu der Verinnerlichung von Quantenmechanik reichen. Wieder gilt es, das kurzfristige Informationsbedürfnis mit dem längerfristigen in Einklang zu bringen. So kann eine willkürliche Anhäufung von Detailwissen nicht zur Bildung eines einheitlichen Verständnisses beitragen, wie etwa die Kenntnis aller Expartnerinnen von James Franco. Quantität bedeutet nicht auch Qualität. Andererseits ist kurzweiliges „Futter“, wie das Lesen von Kurznachrichten oder Whatsapp-Messages auch etwas, was man dem Gehirn nicht bedingungslos vorenthalten sollte – das Gehirn verlangt danach, weil es dadurch schnell befriedigt ist – wie es nach Zucker verlangt, weil der schneller ins Blut geht. Auf Süßigkeiten gänzlich zu verzichten macht nicht nur keinen Spaß, sondern soll sogar ungesund sein – Selbstkasteiung ist eben auch nicht immer zielführend, aber das Maß macht die Melodie.

Körper, Psyche und Geist mögen je nach individueller Konstitution unterschiedliche kurzfristige und langfristige Bedürfnisse hervorbringen – sie ernsthaft kennenzulernen bemühen sich jedoch die wenigsten. Einem mag das Leben in Extremen gut bekommen und Exzesse gut wegstecken, einem anderen ist ein geregelter Tagesablauf jedoch unerlässlich.

Süßigkeiten – das sind für den Körper ist das Schokolade, für die Psyche ist das ein One-Night-Stand, und für den Geist ist das die Netflix-Serie. Sie erfüllen alle drei das kurzfristige Ziel, sich schnell befriedigt zu fühlen. Das bedeutet nicht, dass die Aneinanderreihung dieser Tätigkeiten ein erfülltes Leben bedeutet.

Aber was sind dann diese längerfristige Bedürfnisse, die so sinnstiftend sein sollen?

Da wären zum Beispiel, sich gesteckte Ziele zu erfüllen. Ernsthafte und tiefe Verbindungen zu Menschen aufbauen und zu unterhalten. Ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln …

Ein bloßes Leben-als-wäre-jeder-Tag-dein-Letzter, YOLO und zukunftsverleugnende Scheiß-drauf-Einstellungen können, wenn sie auf Dauer gelebt werden, verheerend sein – da sie nur als kurze Ausflüchte und Einlagen zum Leben wohltuend funktionieren, dienen sie unserer wahren Natur weniger, die auf eine Mischung, eine Abstimmung aus beidem angelegt ist. Andererseits ist diese kurzlebige Einstellung nur die logische Folge aus unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Nicht nur Waren und Dienstleistungen werden ohne einen Gedanken an morgen konsumiert, sondern auch Menschen. Was nicht gefällt, mit dem muss man sich auch nicht unnötig länger beschäftigen – das Angebot auf dem Markt ist scheinbar unendlich! Die Marktmoral greift zunehmend auch auf unser Privatleben über und macht uns zu blinden, ferngesteuerten Konsummaschinen, die den Reichtum einiger Weniger speisen, nach deren abartigem Vorbild zu streben uns antreibt.*

Was können wir nun aus dieser nicht sehr ermutigenden Bilanz ziehen?

Summe aus Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse ǂ gutes Leben
aber
optimal Abstimmung und Erfüllung langfristiger und kurzfristiger Bedürfnisse = gute Leben

Wir erweisen der Zukunft Respekt, wenn wir die Gegenwart erfüllend leben und nicht dauernd aufschieben, zu leben. Die langfristigen Bedürfnisse zeigen sich zwar nicht so unmittelbar wie die kurzfristigen, aber haben nur einen Grad an Schwierigkeit mehr als diese, ausfindig gemacht zu werden. Die Synthese aus beiden herzustellen, ist eine schwierige Aufgabe, führt aber womöglich zu höherem Glück.

  • Patrick Schreiner – Warum Menschen sowas mitmachen: Achtzehn SIchtweisen auf das Leben im Neoliberalismus

Gut sein

Schlechtsein ist wie fauliges Gift, das durch die Adern kriecht und eine schwarze Spur hinter sich herzieht. Es befällt den Kopf und nistet sich dort ein. Das Schlechte braucht immer einen Wirt, es ist ein Parasit. Es zehrt von dem Organismus, den es befällt und schließlich zerstört. Es ist Egoismus und Habgier, Rache und Missgunst.

Gut ist man nicht aus Erwägungen heraus, die vernünftig sind oder dem eigenen Vorteil dienen. Diese Motive machen eine Handlung nicht gut. Wenn man utilitaristische Kosten-Nutzen-Bilanzen im Hinblick auf seine Handlungen anstellt, führt man kein redliches Leben.

Das Gute ist immer sein eigener Zweck, nie Mittel. Wenn eine gute Handlung zu einem anderen Zweck als um ihrer selbst willen vollzogen wird, kann sie nicht mehr gut sein. Fangen wir damit an, den Begriff des Guten mit der Definition zu umreißen, dass gut ist, was anderen nicht nur nicht schadet, sondern nützt. Es kann eine gute Handlung sein, andere Menschen zu erfreuen, zufriedenzustellen, ihnen zu helfen – so zu handeln, dass nicht (nur) man selbst, sondern auch andere einen Nutzen davon haben. Es kann aber auch schlicht sinnvoll sein und aus rationalen Erwägungen motiviert sein, die nichts mit Altruismus oder Nächstenliebe zu tun haben und andere Zwecke verfolgen, von denen die gute Tat nur ein nettes Nebenprodukt ist, mit dem man sich nur allzu gerne schmückt oder es dafür benutzt, sich ein makelloses Selbstbild vom Tugendhaften vorzuspiegeln, um dem Egoisten, der man wirklich ist, nicht ins Auge sehen zu müssen.

Das Gute verfolgt nie einen Zweck, es ist sein eigener Zweck. Vielleicht gehört es zur Eigenheit des Guten, nie Mittel auch nur sein zu können, da man in jeder denkbaren Situation, in der eine gute Handlung dafür verwendet wird, einen Zweck zu erfüllen, nicht mehr von einer rein guten Tat sprechen kann.

Eine gute Tat ist dann gut, wenn die Motive gut sind.

Man handelt für das Gute. Das gute ist der Zweck des Handelns. Man handelt gut, weil man Gutes bewirken will. Ob das Resultat auch wirklich gut ist, ist nicht wesentlich. Die gute Tat ist also solche als Handlung gut und bemisst sich nicht an ihrem Ergebnis – entgegen der utilitaristischen Maxime: „Handle so, dass für eine maximale Anzahl von Menschen maximaler Nutzen erzielt wird.“ Danach wäre eine gute Handlung nur dann eine, wenn sie auch tatsächlich Guted bewirkt hätte und außerdem auch nur retrospektiv als solche zu erkennen. Die Motive des Handelnden sind dabei unwesentlich. Das halte ich für blöd. Aber gut, wer fragt mich schon.

Das Gute als Begriff ist kein intrinsisch bestimmbarer Begriff – man kann also keinen Inventar an Gegenständen, Taten, Menschen, erstellen, die an sich gut wären, also das Gute als manchen Dingen inhärente Eigenschaft. Etwas, was für den einen gut ist, mag für den anderen schlecht sein.

Wenn ich einem alten Mann über die Straße helfen will, weil ich seine Situation als hilfsbedürftig interpretiere, bedeutet das zwar in der Hinsicht eine Hilfe, dass er die Straße vermutlich sicherer überqueren wird als ohne meine Unterstützung, also kurzfristig, aber nicht unbedingt langfristig, da es vielleicht klüger wäre, er würde das selbstständige Gehen nicht verlernen. Dabei ist der Prozess des Alterns regressiv und die Koordinationsfähigkeit nimmt ohnehin eher ab als zu. Und außerdem – was mir das gute Gefühl geben würde, eine selbstlose Tat vollbracht zu haben, muss sich nicht auch automatisch für den alten Mann gut anfühlen. Er könnte angesichts der Tatsache, dass man ihn als hilfsbedürftig empfindet, Einbuße in seiner Selbstachtung erfahren. Schon bei so simpel scheinenden Ausgangssituationen wie dieser geraten die Säulen der Definition des Guten ins Wanken.

Die Situation ist eventuell so komplex, dass der simple Impuls der Hilfsbereitschaft – also unsere Intuition – nicht reicht, um eine gute Tat zu vollbringen. Man müsste, viel aufwändiger, alle relevanten Faktoren berücksichtigen, um eine Einschätzung treffen zu können und sich, sofern sich nicht genug ergeben, jegliche Handlung unterlassen, da alles andere fahrlässig und willkürlich wäre. Anders und einfacher gesagt – die Absicht zu haben, eine gute Tat zu vollbringen, bedeutet nicht, dass sie auch tatsächlich Gutes in der Welt bewirkt. Es ist eine Deduktion, die nicht aufgehen kann: wenn die Prämissen gut sind, ist es die Konklusion nicht zwangsläufig.  Gut zu sein, seiner Intuition folgend, die einem etwas diktiert, wäre ohne Reflexion aber ebenso egoistisch wie eine gute Tat zu tun, um einen anderen Zweck als das Gute zu erreichen, da man so lediglich dem eigenen Bedürfnis nach Hilfsbereitschaft nachkommen würde – und wenn das intuitiv als gut Empfundene nur die Befriedigung eines eigenen Bedürfnisses wäre, so würde man wieder nur sich selbst genüge tun und  – egoistisch handeln.

Zufall

In dieser großen, weiten, unübersichtlichen Welt gibt es manchmal so etwas wie schöne Zufälle.

Manchmal nennen wir es Schicksal, wenn uns etwas passiert, dessen Wahrscheinlichkeit wir für sehr gering halten, während das Ereignis so bedeutend und weltumkrempelnd für uns ist, dass wir nicht glauben können, dass es genauso gut auch nicht hätte eintreten können.

„Als Zufall bezeichnet man das Zusammentreffen bzw. die Überlagerung von zwei notwendigen Kausalketten, an deren Schnittstelle jemand sich absichtslos befindet.“
– Raphael Enthoven, Arte Philosophie

Ein Ereignis, eine Begegnung, ein Mensch, der in unser Leben tritt oder es verlässt – manchmal macht es so sehr Sinn für uns, dass etwas passiert, dass das Nicht-Eintreten  absurd und unwirklich anmuten mag. Diese eine unmögliche Möglichkeit, an die Wirklichkeit getreten mit einer statistisch verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit, ist nun Wirklichkeit, und man hatte sie nicht für möglich gehalten, ja nicht einmal gesehen!

Die Kette der Zufälle, die für das Eintreten einer Situation verantwortlich sind, sind so unüberschaubar lang, die Zusammenhänge viel zu komplex, als dass man damit hätte rechnen können, ja als dass man das Ereignis etwa selbst hätte herbeiführen können! Die Überraschung, mit der man reagiert, diese Fassungslosigkeit, versetzt uns in einen Zustand der Demut.

Gott, Schicksal, Karma, Zufall – wenn man begreift, dass es Kausalitäten gibt, die sich dem eigenen Wirkungsbereich entziehen, postuliert man eine dieser Übermächte. Demütig „fügt man sich dem Schicksal“ oder „vertraut auf Gottes Plan“, denn was will man anderes tun angesichts solcher Autoritäten, mit denen es sich auch noch relativ schwer kommunizieren lässt? Akzeptanz, Fügung. Eine beängstigende Vorstellung – äußere Instanzen, die unser Leben und das Milliarden anderer steuern. Sie sind Spieler und sie spielen uns. Wir werden gespielt. Sie sorgen dafür, dass wir Leuten begegnen, dass wir Glück und Pech haben – in der Hoffnung, dass wir wie Sims oder Laborratten in einem Labyrinth dorthin gehen, wo sie uns gern haben wollen – an den Platz, der für uns vorgesehen ist.

Glücklicherweise gibt es diesen Platz nicht – oder zumindest bestimmen wir ihn selbst.

„Wenn ihr wisst, dass es keine Zwecke gibt, so wisst ihr auch, dass es keinen Zufall gibt, denn nur neben einer Welt von Zwecken hat der Zufall einen Sinn.“
(F.Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft)

Zufälle werden nur retrospektiv bedeutend. Man gibt Ereignissen rückblickend diese oder jene Bedeutung, weil man erst, wenn sie vorüber sind, ihre Tragweite begreifen kann. Man verleiht ihnen einen Sinn. Der Sinn, das sind die Lehren, die man zieht. Oder das Geschehene veranlasst einen dazu, einen neuen Weg einzuschlagen, mit alten Mustern zu brechen.

Man hält das Ereignis, das durch außen auf einen gewirkt hat, für die eigene innere Veränderung für verantwortlich. Einem ist geschehen, man wurde bewegt – das heißt, eigentlich angestoßen, die anschließende Bewegung vollzog man von ganz allein. Man „bekam einen Anstoß“, oder auch einen „Aufschwung“ oder „Auftrieb“, den man aus eigener Kraft nicht bekommen hätte. Das Ereignis ist die äußere Instanz, die einen beeinflussen kann.

Kann. Und jetzt verleihen wir dem Subjekt mal wieder ein bisschen mehr Mündigkeit. Ein bloßer Gegenstand, ein Objekt, ist auf äußere Einflüsse angewiesen, sonst bewegt es sich nicht. Und sein Aufschwung oder die Richtung, die es nimmt, ist determiniert durch die äußere Kraft, absolut berechenbar. Wir als Subjekte, definiert durch Introspektion und Bewusstsein, sind relativ frei. Wir können uns auch durch innere Kraft bewegen und sind nicht unmittelbar auf das Äußere angewiesen – primitivere Organismen funktionieren nur nach dem Reiz-Reaktionsschema, das durch Komplexität Abstufung findet. Aber wenn wir angestoßen werden, dürfen wir entscheiden, wie wir uns verhalten. Natürlich könnte man dem entgegenhalten, dass dieses Reiz-Reaktionsschema bei solch komplexen Organismen wie uns nur so unberechenbar scheint, weil man noch (!) nicht alle Faktoren erfassen und berücksichtigen kann, die einen dazu treiben, so zu handeln, wie man handelt. Das wäre dann wieder die Frage nach dem freien Willen.

Egal, bleiben wir poetisch.

Kann auch sein, dass man äußeren Instanzen wie Gott oder dem Schicksal deshalb so eine Autorität zumisst, weil einen der Gedanke, wirklich völlig frei zu sein, beängstigt. Und wenn man selbst realisiert, dass man der einzige ist, der nicht etwa einzelnen Ereignissen, sondern auch seinem ganzen Leben wirklich Sinn verleihen kann, mag das überfordern. Was heißt mag, ja – es ist überfordernd, jeden Tag. Aus großer Macht folgt ja auch große Verantwortung…

Aber es nicht schwarz-weiß. Äußere und innere Umstände bewegen uns. Wir sind weder die Sklaven unserer Erfahrungen, noch Götter auf der Erde. Die Freiheit liegt vielleicht darin, es zu erkennen und abstimmen zu können. Außenwelt bedeutet nicht immer Unberechenbarkeit und Innenwelt nicht zugleich Sicherheit und Zuflucht. Oft genug sind die Bedingungen außen günstig und dennoch schwanken unsere inneren Säulen. Und umgekehrt, manchmal ist man im Chaos völlig ruhig und selig.

Die Lehre, die wir jetzt daraus ziehen?

Akzeptieren, was man nicht ändern kann und die Schranken des eigenen Wirkens erkennen. Und dennoch die Verantwortung, frei zu sein, nicht zu verkennen: nicht innerhalb seiner Schranken bleiben, höher streben, bis sie sich biegen und möglicherweise sogar zurückweichen.

Denn wir sind so groß und so klein zugleich.

Die ewige Aporie der Künstlerseele

Ich muss schaffen! Und doch liegt nichts meiner Natur ferner, mich aufzuraffen, und mich ans Schaffen zu machen! Mich meinen Neigungen nach Faulheit und naturbedingter Ruhebedürftigkeit zu widersetzen, macht mich das menschlich? Nein, es macht mich zum Künstler. Und ich bin verdammt. Selbstüberwindung ist der größte Kampf, nicht das Schaffen. Ich hab meine Kanäle und die Ideen stehen ungeduldig in der Warteschlange, und wenn ich mich in Ruhe wähne, klopfen sie mit ihren Fäusten an die Fensterscheibe meines Bewusstseins und lassen mich nicht in Ruhe, bis ich eine von ihnen in Angriff nehme. Wenn ich an nur einer dran bin, hören die anderen auf zu klopfen, denn sie sind anständig und lassen mir, wenn ich geschäftig bin, meine Ruhe. Ganz zivilisiert sind sie dann. Aber wenn ich mir guten Gewissens Ruhe gönne, sind sie wieder da und klopfen. Eine Zeit lang kann ich sie dann ignorieren, beflügelt vielleicht noch durch die Taubheit und Zufriedenheit, die mir die Realisation meiner letzten Idee gebracht hat – doch lange währt dieser Zustand nicht. Aufdringliche kleine Biester sind sie und sie klopfen die Scheibe kaputt und engen mich immer weiter ein, bis ich keine Luft bekomme und sie bei bestem Willen nicht mehr wegignorieren kann. Dann knöpfe ich mir wieder eine von ihnen vor, eine vielversprechende. Gut in die Realität reinvermöbelt, mit bloßen Händen in die Wirklichkeit befördert – das hast du jetzt davon, abstrakte Idee. Schau, wie dir die Wirklichkeit schmeckt. Auf dem Markt wirst du nun ebenso verscherbelt wie wir Menschen Tag für Tag unsere Seele für einen Spottpreis verkaufen müssen.

Möglichkeitssinn

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten! Und nur eine einzige Wirklichkeit.

Robert Musil schreibt in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ von Wirklichkeits- und Möglichkeitsmenschen. Und wir kennen sie alle: die Wirklichkeitsmenschen sind bodenständig, gefestigt, stehen im Leben, haben Plan, sind realistisch und an dem interessiert, was ist … die Möglichkeitsmenschen hingegen sind idealistisch, haben den Kopf in den Wolken, sind kreativ, sehen in der Welt eher das, was sein könnte.

Kinder sind wir möglicherweise alle Möglichkeitsmenschen, weil Eltern – idealerweise – verhindern, dass wir allzu früh und in vollem Umfang mit der Realität konfrontiert werden: sie regeln unseren Alltag, machen unsere Termine aus, versorgen uns mit Mahlzeiten, schicken uns zur Schule, sorgen finanziell für uns, (also alles, was wir erwachsenen Möglichkeitsmenschen alleine nicht mehr hinbekommen) damit wir in aller Seelenruhe weiter träumen können. Kinder wollen die Welt verändern, weil sie glauben, dass es möglich ist.

„Kinder beginnen die Schule mit lauter Fragen. In der Schule lernen sie dann Antworten auf Fragen, die sie gar nicht gestellt haben. Irgendwann hören sie dann auf, zu fragen“¹ – Michel Onfray, frz. Philosoph

Aber irgendwann werden auch Kinder realistisch und niemand ist als Realist unausstehlicher als ein Kind: Sie bringen die Träume ihrer Spielkameraden zum Platzen, indem sie besserwisserisch sagen: „Das geht gar nicht in echt!“ Beachtliche Entwicklung deines präfrontalen Cortex, Kind, wunderbar. Du hast nun unübersehbar klargemacht, in der Lage zu sein, Realität von Fiktion zu unterscheiden. Nur ist dein Spielkamerad trotzdem schlauer als du, denn er weiß, dass euer Spiel nur ein Spiel ist und ihr die Regeln selber festlegt und ihr in der Hinsicht nicht von der Realität eingeschränkt seid und ihr das gefälligst genießen solltet, Kind, denn irgendwann müsst ihr drei Flaschen Wein trinken, um dieses schwindelerregend geile Fick-Dich-Realität-Gefühl wieder zu bekommen oder vier Gramm Gras rauchen. Du bist ein blödes Spielverderberkind, Kind!

„Alle sagten: Es geht nicht. Da kam einer, der das nicht wusste und tat es einfach.“² – Goran Kikic, deutscher Autor

Wer kennt nicht so ein blödes Spielverderberkind? – Ja, immer noch. Ja, auch als Erwachsene. Ja, genau, das sind diejenigen, die jetzt sagen: „Wenn deine Realität nicht so scheiße wäre, müsstest du ihr auch nicht entfliehen wollen.“ Ja – die Leute. Ja, neoliberale pseudoindividuelle Systemprofiteure.

Aber das soll ja keine Hassrede auf Wirklichkeitsmenschen werden. Nein, wer kennt nicht auch jenes Kind, das glaubte, es könne fliegen und dann plötzlich wirklich … Ohnezahn hieß?

Wirklichkeitsmenschen haben einen klaren Blick, für das was tatsächlich der Fall ist, wohingegen Möglichkeitsmenschen eher das sehen, was möglich wäre:

[…]So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken, und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Man sieht, daß die Folgen solcher schöpferischen Anlage bemerkenswert sein können, und bedauerlicherweise lassen sie nicht selten das, was die Menschen bewundern, falsch erscheinen und das, was sie verbieten, als erlaubt oder wohl auch beides als gleichgültig. Solche Möglichkeitsmenschen leben, wie man sagt, in einem feineren Gespinst, in einem Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven;[…]³

Heißt das, Möglichkeitsmenschen sind realitätsfremde Nervenbündel, Leute, die ganz einfach noch nicht aufgewacht sind, die man belächelt oder aber denen man sagt: „Reiß dich mal zusammen!“ – kindische Erwachsene?

Aber was ist denn überhaupt der Möglichkeitsbereich von Möglichkeitsmenschen? Halten wir alles für möglich, solange nicht sein Gegenteil bewiesen werden kann? Oder bewegt sich unser Möglichkeitssinn nur im Rahmen dessen, was uns die irdischen Gesetzesmäßigkeiten auch tatsächlich erlauben? Sind wir Visionäre, die die Welt verändern?

Wenn jemand die Schwerkraft verleugnet oder bezweifelt, muss nur ein Apfel vom Baum fallen und man wird sagen können: Newtons erstes Gesetz erklärts am Besten! Und außer das Kind ist zufällig Einstein wird er Newtons Mechanik auch nicht ins Wanken bringen können. Er könnte andere Erklärungen erfinden oder fundiert entwickeln.

Zum Beispiel David Hume, der die verrückte Idee hatte, das Ursache-Wirkungsprinzip, also Kausalität anzuzweifeln, ein Prinzip, von dem wir zumindest im Alltag praktischerweise ausgehen. Nein, → B muss nicht ausnahmslos stimmen, denn woher weiß man, dass das verbindende Element wirklich die Kausalität ist? Man kann Kausalität ja nicht sehen, nur beobachten, dass in ausnahmslos allen der Stein, wenn man ihn in die Luft wirft, wieder gen Erde fällt, wenn er auf keine Hindernisse stößt. Aber warum sich anmaßen, das zu einem Gesetz zu machen, wenn man nicht hundertprozentig ausschließen kann, dass es beim nächsten Experiment auch so ist? Man kann ja nur endlich viele Beobachtungen machen, wohingegen ein Gesetz für sich beansprucht, allgemein gültig sein zu wollen, also in ausnahmslos allen Fällen. Da man aber nie alle Fälle beobachten können wird, haben wir ein Problem. Das nennt man übrigens Humes Induktionsproblem. Allenfalls könnte man behaupten, dass etwas sehr wahrscheinlich der Fall sein wird. Die Regularitätstheorien nach Hume, Mill und Mackie behaupten, wie der Name schon verrät, dass man lediglich Regularitäten in der Welt beobachten kann – und man somit auch nur statistische Vorhersagen über ein Ereignis machen kann, auf die logische Notwendigkeit aber verzichten muss. Ziemlich unbefriedigend, was? Führende Wissenschaften, zum Beispiel die Physik, kommen nämlich auch ohne das Postulat der Kausalität aus, was für das philosophischen Lager ganz schön frustrierend ist!⁴

Ein Möglichkeitsmensch akzeptiert die Schranken der Realität, auf die wir uns geeinigt haben, nicht bedingungslos. Er denkt sich: Es könnte auch anders sein. Oft verliert er aber vor lauter Durchblick den Durchblick weil er durch die Dinge nur durchblickt und sie dadurch nicht mehr sieht. Sein Bild geht von einem einzelnem Gegenstand ins Abstrakte über, in die Innenwelt seines Geistes, er sieht ähnliche Gegenstände, andere Gegenstände, Vergangenes, assoziiert, verknüpft, sieht Zusammenhänge, Möglichkeiten. Leicht, hier den Blick fürs Wesentliche zu verlieren bei so vielen sich überlappenden möglichen Realitäten!

Eine Möglichkeit ist etwas nicht-Seiendes, oder noch-nicht-Seiendes. Sobald die Möglichkeit realisiert ist, in den Rang des Realen „gehoben“ wird, ist sie Wirklichkeit. Es gibt also keine Möglichkeiten in der Welt – per definitionem! – nur Wirklichkeiten, die wiederum nichts anderes sind als realisierte oder ver-wirklichte Möglichkeiten. Die Möglichkeiten gehören einer anderen Sphäre an, der Sphäre des Geistes desjenigen, der sie denkt. Als kreative Schöpfer, die wir sind, sind einzig wir dazu in der Lage, sie wirklich werden zu lassen. Aber gibt es auch Möglichkeiten, wenn sie von keinem gedacht werden?

Bei Aristoteles ist das Wirklichkeitsprizip (energeia) als Tätigkeit, Verwirklichung einer Möglichkeit definiert und das Möglichkeitsprinzip (dynamis) als die Fähigkeit, in einen neuen Zustand übergehen oder das Vermögen, etwas zu werden. Aristoteles interpretiert jedes Werden als eine Bewegung von dem der Möglichkeit nach Seienden zu dem der Wirklichkeit nach Seienden. Bei Aristoteles‘ Metaphysik hat die Möglichkeit einen niedrigeren „Seinsrang“ als die Wirklichkeit, weil sie eben nicht oder noch nicht ist. Wenn ein „Sein“ aber nur zustande kommen kann, wenn es durch ein anderes Sein zum „werden“ gezwungen wird, wer steht dann am Anfang aller Prozesse überhaupt? Mit anderen Worten: eine Bewegung kommt nur zustande, wenn es etwas gibt, das die Bewegung anstößt. Die einzige „Selbstbewegung“ steht am Anfang, also kommen wir hier zum Postulat des „unbewegten Bewegers“, dem Demiurg bei Platon und Aristoteles, quasi Gott.

Bei Heidegger bekommt die Möglichkeit wiederum den Vorrang vor der Wirklichkeit, denn für ihn ist das „Dasein je seine eigene Möglichkeit“ und die Wirklichkeit also nichts anderes als realisierte Möglichkeit. Das Dasein „hat keine Möglichkeiten als Eigenschaften, sondern ist seine Möglichkeiten. [Es] entwirft beständig sein Sein auf Möglichkeiten. […] In den Möglichkeiten ist es immer schon „sich selbst vorweg“ – und das gehört zum Geworfensein; sein Vor-weg-sein wird mit dem Namen Sorge genannt und ist Grundlage für alles Besorgen und Fürsorgen, alles Wünschen und Wollen, allen Hang und Drang.“⁶

Ja, Möglichkeitsmenschen haben die Fähigkeit, mögliche Wirklichkeiten zu sehen und aus ihnen zu schöpfen – aber sind wir selbst dann nicht so eine Art Zwischending zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit – und nie wirklich wirklich, also in unmittelbarem Kontakt mit der Realität? Wenn wir zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit nur Vermittler sind, gehören wir dann keiner Sphäre von beiden an und stehen gewissermaßen zwischen den Welten? Vielleicht fühlen wir uns deshalb manchmal so, als wären wir nirgendwo wirklich zu Hause.

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  1. Michel Onfray, citée par Guillaume Champeau: https://nota-bene.org/Michel-Onfray-et-l-ecole
  2. Goran Kikic
  3. Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften: http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-mann-ohne-eigenschaften-erstes-buch-7588/5
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Kausalität
  5. http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=569&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=23580d3d4a49549ff86a0fa097744448
  6. https://de.wikisource.org/wiki/Martin_Heideggers_Existentialphilosophie#cite_ref-19, Sein und Zeit,  S. 209.